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 Betreff des Beitrags: Das Heiligtum des Hernán Cortés
Verfasst: Do 24. Nov 2011, 23:26 
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El Santuario del Hernán Cortés

Das ist unsere Welt. Der gesamte Planet - Erde - ist übersäht mit den verschiedensten Kulturen und Herrschaftsgebieten. Weltmeere, gewaltige Kontinente und verborgene Schätze - es gibt so viel zu entdecken. Eine Spezies, eine sehr intelligente Spezies, namens "Mensch" bevölkert diesen Planeten schon seit hunderttausenden von Jahren. Sie ist sehr einfallsreich und mit jedem Jahrhundert wird sie fortschrittlicher. Sie errichtet große Städte, baut mächtige Schiffe. Doch einen Nachteil hat die Neugierigkeit der Menschen: Krieg!
Seit der Mensch überhaupt erst angefangen hat Bilder an Wände zu malen, kämpfen Stämme, Dörfer, Städte und Länder gegeneinander. Herrscher sind interessiert an andern Gebieten, an Rohstoffen, an Schätzen ... Menschenrechte werden immer neu verfasst und meistens nicht eingehalten. Verbrecher morden und stehlen an Land, Piraten tun es auf See. Sklaven werden gekauft, verkauft, misshandelt, getötet ... oder in die Freiheit entlassen. Diese Welt ist bedeckt mit Gewaltverbrechern, von Herrschern, die ihre eigenen Länder ausbeuten.

Wir schreiben die Mitte des 18. Jahrhunderts. Der ärgste Feind des Königreich Spaniens holt immer wieder zu Schlägen sowohl an Land, als auch auf der See aus. Obwohl der Krieg längst ein Ende gefunden hat, wird noch immer gekämpft. Nur wollen es beide Seiten nicht zugeben den jeweils anderen angegriffen zu haben.
Truppen unter dem Kommando von Lord Elton Cunningham überfallen spanische Handelsschiffe und unterbrechen den Kontakt zur Neuen Welt. Piraten werden "gekauft" und auf den Feind gehetzt.
Aber ein Seefahrer lässt sich dadurch nicht beirren.


1. Englischer Kontaktmann

Sevilla, Spanien, 18. Mai 1750

Klopf, klopf, machte es. Ich machte die Augen auf. Es war dunkel. Natürlich war es dunkel. Ich hatte ja auch das Fenster geschlossen. Auf einem Nachttisch stand eine abgebrannte Kerze. Ich hatte am Abend zuvor vergessen sie zu löschen.
Wieder klopfte es. "Señor? Señor del Castillo?", kam es plötzlich von draußen. Es war die Stimme einer Frau. Ich stand auf, um die Tür zu öffnen. "Hier ist das Zimmerm..." Sie verstummte, als ich die Tür öffnete. Der Duft von einem leckeren Braten drang mir in die Nase. "Señor, Ihr habt mich gebeten Euch zu wecken, wenn die Sonne aufgeht", sagte die junge Dame und trat ein, um das Fenster zu öffnen.
"Was?! Habe ich das ehrlich gesagt? Wie spät ist es?", fragte ich verwundert und halb verschlafen.
"Genau halb sieben. Der Wirt hat Frühstück zubereitet", antwortete sie und öffnete nun auch die Fensterläden. Die Sonne schien mit aller Gewalt plötzlich herein und brachte meine Nase zum niesen.
Es war ein wundervoller Morgen, vor allem aber war es warm. Das war für diese Jahreszeit eigentlich nicht üblich. Es war viel zu warm. Mir gefiel diese Stadt. Vor allem die Häuser, die im maurischen Stil gebaut waren. Einige davon auch im Kolonialstil. Gelächter drang aus dem Speisesaal dieses Gasthauses. Ich öffnete die Zimmertür und spähte nach draußen. Es war ein leerer Flur, aber ich sah an einer Wand neben einer Treppe etwas flackern. Hier schien jemand ein Feuer brennen zu lassen, wahrscheinlich der Wirt mit seinem Braten.
Ich hatte mir am Abend zuvor ein Zimmer in dieser Taverne genommen, um zu übernachten. Aber wieso eigentlich? Mein Haus befand sich doch nicht weit von hier, am Guadalquivir. Ich war wahrscheinlich so müde gewesen, dass ich es nicht nach Hause geschafft hatte.
Nachdem das Zimmermädchen verschwunden war, zog ich meine Nachtklamotten aus und meine Hose, Hemd und meine Jacke an, die auf einer Kiste lagen. Unter meinen Klamotten lagen eine doppelläufige Steinschlosspistole und ein Degen. Den Degen schob ich sofort in die Scheide. Es war ein einfacher Offiziersdegen, den ich einem englischen Kapitän abgenommen hatte. Die Pistole steckte ich in die Hose.
Als letztes lag noch mein schwarzer "Sombrero Cordobés" auf der Kiste. Diesen zog ich ebenfalls an.
Ich ging nach unten.
"Buenos días, mi amigo", kam es dort von einem Kellner, der gerade einen Rum ausschenkte. Es war keine luxuriöse Taverne, aber es reichte aus. Neben dem Feuer drehte ein etwa fünfzehn Jahre alter Bursche einen Braten, sodass dieser schön knusprig wurde. Der Kellner schenkte mir Wein aus und verschwand wieder. Schließlich war mein Frühstück fertig: Ein Brot, ein paar Scheiben Wurst, etwas vom Braten und der Wein. Es schmeckte köstlich.
"Möchtet Ihr eine Zeitung haben?", fragte mich der Kellner. Ich nickte. Auf dem Titelblatt war natürlich wieder Lord Elton Cunningham abgebildet.

Englischer Feldherr verschwindet wieder nach England. Dennoch werden weitere Schlachten zwischen den Engländern und den Spaniern gefochten, vor allem in der Karibik. Vergangenen Monat wurde ein gesamter Konvoi spanischer Frachtschiffe an der Küste Kubas durch eine englische Flotte versenkt. "Doch das ist noch lange nicht das Ende des Krieges zwischen Spanien und England. Cunningham wird weiter zuschlagen", sagte seine Majestät Fernando VI. gestern bei einer Versammlung in Valencia.

Das waren nicht wirklich Neuigkeiten. Entweder hinkte die spanische Zeitung ganz schön hinterher, oder es waren doch Neuigkeiten und jemand hatte mir etwas Falsches erzählt. Cunningham war eigentlich ein guter Feldherr, man durfte ihn nicht unterschätzen.
Ich legte die Zeitung beiseite und begab mich nach draußen. Eine Gruppe von Frauen huschte gerade an mir vorbei und hätte mich beinahe umgerempelt. Nicht nur das Land und die Stadt war außergewöhnlich schön, sondern auch die weibliche Bevölkerung ...
Keine einzige Wolke ließ sich blicken. Die Sonne knallte erbahmungslos auf mich herab. Aber Gott sei Dank war es nicht mehr weit bis zu meinem Haus, etwa zwei Minuten Fußmarsch.
Direkt am Fluss lag es! Ein gelbes Haus, welches sich in einer Reihe von anderen Häusern befand. Ich öffnete die Tür und sofort erblickte ich das Gesicht einer alten Frau.
"Fernandito, komm herein, komm herein! Wie ich sehe, bist du von deiner Reise zurückgekehrt. Wie war Madrid?", fragte die Frau. Es war Señora Sánchez, die Haushälterin.
"Interessant. Ich habe vom König persönlich einen Kaperbrief erhalten. Ich diene jetzt wieder inoffiziell der königlichen Marine. Außerdem hat man mir einige Seeleute zugesichert", antwortete ich und setzte mich auf einen Stuhl.
"Das habe ich erwartet! Gestern Morgen kam ein Brief aus Barcelona. Ich habe ihn nicht gelesen. Hier ist er", sagte sie und gab mir ein Blatt Papier in die Hand.

Dieser Brief unterliegt strengster Geheimhaltung und darf nur vom Empfänger gelesen werden. Jeder, der diesen Brief liest oder damit an die Öffentlichkeit geht, wird sofort verhaftet und zu dreißig Jahre Haft verurteilt.

Sehr geehrter Capitán Juan Fernando del Castillo García.
Im Namen der spanischen Krone überreiche ich Euch diesen Brief. Der Capitán des Handelsschiffes
Santo Domingo bekam den Auftrag, einen Spion auf dem südlichen Kontinent Amerikas abzusetzen. Der Spion berichtete von einer mysteriösen Stadt eines eingeborenen Volkes. Leider ging jeder weitere Hinweis verloren, als der Spion von einem Widerstandskämpfer erschossen wurde. Der Aufenhaltsort dieser Stadt ist unbekannt und man weiß auch nicht, wer sie erbaute oder was sie beherbergt, da das Frachtschiff kurz vor Gibraltar von einer englischen Korvette versenkt wurde. Uns kam zu Ohren, dass Ihr es erst kürzlich geschafft habt, die englische Fregatte HMS Independence, das Schwesterschiff der HMS Providence, zu kapern. Ihr habt auch einen Kaperbrief von seiner Majestät Fernando VI bekommen. Wir beauftragen Euch, diese Stadt zu suchen und mit neuen Informationen zurückzukommen. Wir sind bereit, Euch 560.000 Reales zu zahlen, wenn Ihr diesen Auftrag annehmt. 125.000 im Voraus, und den Rest, wenn Ihr wieder in Spanien seid.
Ich wünsche Euch viel Glück und wir erfreuen uns auf eine Zusage.
Auf bald! José Miguel Juaréz y de la Vega, königlicher Botschafter


Ich war überrascht. Da erhielt ich also einen Auftrag aus dem königlichen Hause? Das war eigentlich eine ziemlich große Herausforderung. Seit drei Monaten war ich nicht mehr auf großer Fahrt gewesen. Aber jetzt hatte ich wieder einen guten Grund. Nun ja, eigentlich hatte ich immer einen guten Grund. Ich war immerhin Capitán eines Schiffes. Das bedeutete Freiheit. Dorthin segeln, wohin ich wollte. Und nichts um mich herum als meine treue Mannschaft. Besonders mein erster Maat und Bootsmann Bo'sun war mir stets ein guter Freund und vor allem war er ein ausgezeichneter Seemann. Ich hatte ihn kennengelernt, als ich ihn und ein paar drei Dutzend Sklaven aus einem britischen Gefängnis in Afrika befreit hatte. Dabei hatte ich ihn vor der Sklaverei beschützt.
Mein Schiff, die Santa Cecilia, war ein gutes Schiff. Seit drei Jahren unternahm ich mit ihr Handelsfahrten mit ihr in die Neue Welt. Das sollte auch noch viele Jahre weiter gehen.

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Verfasst: Fr 25. Nov 2011, 19:08 
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Barcelona, Spanien, 20. Mai 1750

Zwei Tage dauerte die Fahrt mit der Kutsche. Aber da war ich nun. Barcelona war eine gewaltige Stadt. Sie hatte viel zu bieten. Doch hatte ich leider keine Zeit. Der Kutscher brachte mich zum Hafen. Ich fragte den Hafenmeister, ob er einen José Miguel Juaréz y de la Vega kannte. Und das tat er tatsächlich. De la Vega arbeitete im Fort auf dem Montjuïc, einem Berg am Hafen.
Ich gab dem Kutscher Anweisung, mich auf diesen Berg zu kutschieren. Nach meiner Ankunft gab ich ihm das Geld und stieg aus.
"Ich bin Capitán Fernando del Castillo! Ich bin mit José Miguel Juaréz y de la Vega verabredet!", rief ich die Mauer an. Eine Wache lugte aus einer Geschützpforte heraus und antwortete: "Welchen Grund habt Ihr, mit ihm zu sprechen!"
"Das steht unter Geheimhaltung!", rief ich entgegen. Der Mann zögerte einige Sekunden, nickte schließlich aber jemandem zu, den ich nicht sehen konnte. Das Tor öffnete sich und ich schritt hindurch.
Überall, wo man hinsah, liefen Soldaten herum. Entweder schraubten sie an einer Kanone, fochten mit ihren Degen oder unterhielten sich mit Unternehmern. Aber wo war José?
"Seid Ihr Capitán del Castillo?", fragte eine männliche Stimme hinter mir.
Ich drehte mich um und nickte.
"Nun, wie ich sehe, habt Ihr euch doch entschlossen uns zu helfen. Wenn Ihr es schaffen solltet, die Stadt zu finden, dann kommt Ihr wieder zurück. Wir werden dann eine Expedition zusammenstellen und diese Stadt erkunden. Aber hier ist erst einmal Euer Geld", sagte José und drückte mir einen mittelgroßen Sack in die Hand.
"Warum schickt Ihr nicht sofort eine Expedition? Warum schickt Ihr zuerst mich?", fragte ich und war kurz davor, dem Mann das Geld wieder zurückzugeben.
"Der Expdeditionskonvoi besteht aus zwei schlecht bewaffneten Frachtschiffen. Eine Eskorte kostet zu viel. Ihr seid der einzige Handelskapitän, der ein Kriegsschiff befehligt. Die Bezahlung dafür ist angemessen. Außerdem habt Ihr ein schnelles Schiff", entgegnete José.
"Ich bin kein Handelskapitän mehr. Ich bin Entdecker und Freibeuter. Außerdem, wie soll Euer Konvoi eigentlich nach Entdecken der Stadt dorthin kommen, wenn auch keine Eskorte den Konvoi beschützen kann?"
"Es sind nicht die Engländer oder die Piraten, die uns Angst machen. Sondern die Dinge, die den Legenden nach in der Stadt lauern. Eine der Legenden besagt, dass ein Geisterschiff die Bucht beschützt, die der einzige Zugang zum dortigen Festland sein soll. Vergewissert Euch, dass es dieses Geisterschiff nicht gibt. Wenn doch, dann setzt eben Eure Kanonen ein. Dafür habt Ihr sie ja!", antwortete José.
"Und das erzählt Ihr mir erst jetzt? Nachdem ich achthundert Kilometer durch das Land gereist bin? Also gut, ich mach es!", antwortete ich und verließ das Fort.

Der Weg zum Hafen war nicht weit. Es war ein Katzensprung. Überall lagen Fracht- und Kriegsschiffe entweder vor Anker oder an der Kaimauer befestigt. Und mein Schiff befand sich unter diesen. Es war das letzte am Steg. Allerdings wies es einen Unterschied zu den anderen auf. Der Rumpf war nicht bunt bemalt, sondern schwarz-gelb-schwarz. Es war die typische Anordnung der Farben von Schiffen der englischen Royal Navy, oder der "East India Trading Company". Es hatte nämlich kurz vor meiner Kaperung in englischem Besitz gestanden. Ich wandte deshalb eine lustige Taktik an, wenn ich einem englischen Schiff begegnete, das mir nicht geheuer war. Ich ließ einfach die britische Flagge hissen. Wenn das Schiff sich näherte, eröffnete ich das Feuer. Keiner sollte bemerken, dass es sich um ein spanisches Schiff handelte, denn die Spanier bauten noch zum großen Teil dieselben Schiffe wie im 17. Jahrhundert.

Ich betrat mein Schiff über eine Planke, und das erste, was ich sah, war das Gesicht eines dunkelhäutigen, großen und muskulösen Mannes. Es war mein erster Maat Bo'sun.
"Hey, Unbefugte haben hier keinen Zutritt!", schnauzte er mich an, als ich auf ihn zuging. Ich blieb sofort stehen und machte große Augen. Bo'sun hatte wirklich einen solch grimmigen Blick, dass man ihn gar nicht anschauen konnte. Der Mann brauchte keine Waffen, er schaffte es, seine Gegner auch per Blick zu töten. Oder jedenfalls in die Flucht zu schlagen.
Plötzlich lächelte er, kam auf mich zu und umarmte mich so kräftig, dass mir die Luft wegblieb. Meine Füße baumelten fast dreißig Zentimeter über dem Boden.
"Okay, okay! Ist gut, mein Großer!", keuchte ich und er setzte mich wieder ab. Ich spürte, wie das Blut wieder durch meine Adern floss, die er mir vorher abgeschnürt hatte.
"Ich dachte, du kommst erst nächsten Monat wieder hierher", sagte Bo'sun mit seiner tiefen und kräftigen Stimme.
"Es gibt eine kleine Planänderung. Ich fürchte, wir können nächsten Monat doch nicht nach Kapstadt segeln. Wir müssen nach Südamerika. Ich bekam den Auftrag, eine alte Stadt eines noch unbekannten Volkes zu finden. Man hat mir 125.000 Reales im Voraus bezahlt, und man wird mir 435.000 nachzahlen, wenn wir wieder in Spanien sind. Das ist zwar nicht besonders viel, aber ich kenne die Legenden dieser Stadt. Unsummen an Schätzen und außerdem Unsterblichkeit. Das ist sehr viel mehr, als mir die Spanier zahlen werden", antwortete ich.
"Da wir jetzt aber Freibeuter sind, müssen wir auch einen Teil des Schatzes an die Krone liefern, oder nicht?"
"Das ist wahr, mein großer Freund. Wenn es dort ein Schatz zu bergen gibt, werden wir ihn natürlich mit der Krone teilen. Aber die Legenden sprechen nicht von der Größe des Schatzes. Es könnten ein paar Truhen sein, oder eine gesamte Schiffsladung. Wir nehmen so viel mit, wie wir transportieren können und verstecken es auf einer Insel. Einen sehr kleinen Anteil liefern wir an die Krone. Wir geben einfach an, dass nicht mehr da war", erwiderte ich und grinste.
"Und Du bist sicher, dass die Spanier darauf reinfallen?"
"Ich will es hoffen. Aber darüber machen wir uns noch keine Gedanken. Wir sollten so schnell wie möglich aufbrechen. Hast du alles für eine Reise besorgt?", fragte ich.
"Noch nicht alles. Ich dachte ja, wir fahren erst nächsten Monat. Aber das meiste schon. Munition, Proviant, Segeltücher, Planken, Waffen und präzise Karten, aber leider nur von Südafrika. Außerdem kamen gestern noch dreißig Soldaten an. Sie sind unter Deck", sagte Bo'sun.
"Gut, dann gib den Befehl zum Auslaufen. Ich werde erst meinen Seesack in meine Kajüte schaffen. Dann kann der Spaß beginnen!", sagte ich, nahm meinen Koffer und zog ihn in meine Kabine.
"Macht die Leinen los, und setzt die Segel! Wir laufen aus!", ertönte Bo'suns Stimme, als ich die Kabinentür öffnete.
Als ich meine Habseligkeiten verstaut hatte, ging ich wieder nach oben und löste meinen ersten Maat am Steuer ab. Die Matrosen machten ihre Arbeit hervorragend. Ich war gerade mal fünf Minuten in meiner Kabine gewesen, um meine Sachen einzuräumen, da waren schon alle Segel gesetzt und das Schiff bereits auf dem Weg in Richtung Südwesten. Wir hatten Südwind, was eigentlich günstig für uns war. Die Sonne ging gerade über dem Land an der Steuerbordseite unter. Es war ein herrlicher Anblick!

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Verfasst: So 27. Nov 2011, 23:11 
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Mittelmeer, 21.- 22. Mai 1750

Es dauerte nicht mehr lange und die Nacht brach auch schon herein. Jetzt konnte ich nur noch den Karten und den Sternen vertrauen, denn man sah nichts mehr. Bo'sun war dabei, die beiden Laternen am Heck anzuzünden.
"Mir fällt gerade ein, wissen wir eigentlich, wo sich diese Stadt befindet?", fragte er.
"Mein lieber Bo'sun. Der Begriff "suchen" ist ein wirklich sehr altes Wort. Allerdings weiß ich, dass diese Stadt in Südamerika liegt. Das könnte in der Karibik oder auf dem Festland sein. Aber wir werden sie schon finden. Leider erwähnte José nicht, wo man zu suchen anfangen soll. Das ist bedauerlich", antwortete ich und drehte das Schiff härter an den Wind, um nicht allmählich an Land zu treiben.
"Warte, mein Vater hat mir früher einmal eine Geschichte über diese Stadt erzählt. Er war Seefahrer und sagte etwas über eine Insel, oder war das eine Landzunge? Ich kann mich nur vage erinnern. Ein Engländer namens Jonathan Lakes soll diese Insel oder Landzunge schon einmal gesehen haben", sagte er und übernahm kurz das Steuer.
"Und wo lebt er? Hoffentlich nicht in England!", fragte ich.
"Nein, er lebt auf Montserrat, in einem kleinen Seefahrernest namens "Captain's Hope". Das zu finden dürfte ja kein Problem sein", erklärte Bo'sun.
"Natürlich ist das kein Problem. Wenn man von den englischen Schiffen und den englischen Soldaten in diesem Nest mal absieht."
"Wenn sich ein englischer Soldat da mal blicken lassen sollte, ist er nur da, um seine Mutter zu besuchen. Die Blockade patrouilliert nur vor dem Hafen "Plymouth". Vor "Captain's Hope" werden lediglich Handelsschiffe sein. Deshalb ist das auch ein beliebter Schmuggelvorposten. Wir sollten also am besten die Flagge wechseln, wenn wir uns nähern. Denn auch im Umkreis dieser Insel gibt es Engländer", sagte Bo'sun und rollte eine Karte auseinander.
"Die Feindschiffe werden hauptsächlich an der Westküste patrouillieren, an der Ostküste weniger, aber es gibt dort mehr Festungen. Wir sollten also nicht an der Küste entlang fahren, sondern direkt in die Bucht."
"Das klingt gut. Aber wir sind trotzdem auf das Schlimmste gefasst.
"Genau!", sagte Bo'sun und tätschelte seinen Säbel.

Die Stunden vergingen, und wir waren gerade an Cartagena vorbeigefahren. Bis zur Straße von Gibraltar war es nicht mehr weit. Wir mussten nur noch an Málaga vorbeisegeln. Und ehe man sich versah, waren wir auch schon im Atlantik ...

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Verfasst: Mo 28. Nov 2011, 00:18 
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Karibik, 16. Juni 1750

Die Luft war warm, sehr warm. Das Wasser schien hier eine andere Farbe zu haben, vor allem in Küstengegenden. Es war gerade mitten am Tag, als die Santa Cecilia die Bucht von Falaise de Fleur erreichte. Die steilen Wände an beiden Seiten gaben einem das Gefühl, dass sie jederzeit auf das Schiff stürzen könnten. Bo'sun ließ nicht die englische Flagge hissen. Das war auch nicht nötig, denn die Handelsschiffe beachteten uns gar nicht, oder flohen einfach aus Angst.
Aber wir wollten gar nicht in die Bucht. Bo'sun schlug eine andere Bucht vor, nur für den Fall, dass wirklich englische Soldaten in der Siedlung patrouillierten.
Wir ließen den Anker zu Wasser und stiegen in ein Beiboot. Es war mir nicht ganz wohl bei der Sache, deshalb nahm ich Bo'sun mit. Außerdem kannte ich den Engländer nicht, der angeblich wusste, wo sich diese Stadt befand.
Endlich am Strand angekommen, rückte ich noch meinen "Sombrero Cordobes" zurecht. Es war ein sonniger Tag und man bekam sofort Lust auf einen Spaziergang, aber deswegen waren wir nicht hier.
Ein Pfad führte einen Hügel hinauf direkt zur Siedlung. Wir setzten uns in Bewegung und bergan. Rechts neben uns war eine steile Klippe, die direkt am Meer lag. Links war der Urwald. Nach etwa zehn Minuten ging es wieder bergab und weiter ins Landesinnere. Der Pfad führte über eine Lichtung. Unweit von uns konnten wir einen Wasserfall erkennen. Der hölzerne Zaun der Siedlung war nur noch etwa hundert Meter entfernt, am anderen Ende der Lichtung.
Ein französischer Soldat erschien am Tor und hielt die Hand hoch.
"Halt! Ihr kommt hier nicht rein. Zuerst möchte ich wissen, wer Ihr seid, und woher Ihr kommt!", keifte der Soldat.
"Ich bin Eugene McRyan. Ich möchte zu Jonathan Lakes. Ich bin ein guter Freund von ihm", sagte ich in einwandfreiem Englisch und trat einen Schritt näher.
Der Soldat musterte mich sorgfältig und auch Bo'sun, dann ließ er uns eintreten. Es war nicht wirklich eine Stadt, eher ein Dörfchen, ein großes Dörfchen. Es war auf jeden Fall sehr viel los. Überall verkauften Händler ihre Waren aus kleinen Handwagen. Es wurden Gemüse, Obst, Kunstwerke, Gewürze und auch Waffen wie Messer oder Degen feil geboten.
"Wo wohnt dieser Jonathan denn überhaupt?", fragte ich an Bo'sun gewandt.
"Ich weiß es nicht. Wir sollten es mal in der Taverne versuchen", sagte er und deutete auf ein Haus an der Seite der "Straße".
Ich öffnete die Tür, und der Geruch von Braten stieg mir in die Nase. Es wurde fröhlich gelacht, gesungen und getrunken. Aber an einem Tisch, ganz einsam, saß ein Mann mit zusammengebundenen Haaren und spielte mit sich selber Karten.
"Entschuldigung, seid Ihr Jonathan Lakes?", fragte ich den Mann. Dieser schaute zu mir hoch, legte die Karten weg und antwortete mit einem Nicken. Bo'sun und ich setzten uns zu ihm an den Tisch.
"Dann wisst Ihr bestimmt auch von einer mysteriösen Stadt eines alten Volkes, oder?"
Sofort hatte ich seine Aufmerksamkeit.
"Ja, ich kenne diese Stadt. Ihr wollt bestimmt wissen, wo sie sich befindet, oder nicht?"
"Doch, das wollen wir", antwortete Bo'sun.
"Nun, das weiß niemand. Alleine Gott weiß, wo sie sich befindet. Aber es gibt da noch eine Person. Der Name dieser Person lautet Hernán Cortés", sagte Jonathan.
Ich seufzte. Das half uns auch nicht weiter. Hernán Cortés war schon seid zweihundert Jahren tot.
"Gibt es keine Aufzeichnungen? Oder hat Euch jemand schon einmal nach dieser Stadt gefragt?", fragte ich.
"In der Tat hat das jemand getan. Ein spanischer Kapitän. Er sucht diese Stadt ebenfalls. Ich habe von ihm nichts mehr gehört. Kennt Ihr ihn?"
"Nein, nicht persönlich. Ich weiß nur, dass einer seiner Männer von einem Widerstandskämpfer erschossen wurde. Danach ist er nach Spanien zurückgekehrt", antwortete ich.
"Davon habe ich gehört. Ein Matrose seiner Besatzung hat mir davon erzählt. Er ist hier in der Karibik geblieben", sagte Jonathan und nahm einen Schluck Wein.
"Wisst Ihr, wo er sich momentan befindet?", fragte Bo'sun.
"Ja, er hat sich ein Haus am Hafen gekauft. Direkt neben dem Hafenmeister", sagte Jonathan und zeigte aus dem Fenster auf eine etwas heruntergekommene Hütte.
Wir bedankten uns, verließen die Taverne und klopften an dem gezeigten Haus an.
Anscheinend war keiner da.
"Was tun wir jetzt?", fragte Bo'sun. Leider wusste ich das auch noch nicht.
"Moment, ich habe eine Idee. Sie wird dir aber nicht gefallen. Wir warten, bis es dunkel ist und brechen dann ein", sagte ich und klopfte noch einmal. Keiner hörte ...
Die Stunden vergingen. Wir saßen in der Taverne, schauten aus dem Fenster und sahen den Matrosen beim Verladen eines Schoners zu. Es wurde langsam dunkel, und eine Wache machte eine Laterne am Steg an. Eine Katze huschte über die Straße und jagte eine Maus bis hin zum Wasser. Schließlich war es Nacht. Die Wache war nun in Richtung Stadtmitte gegangen, um sich dort umzusehen. Das war unser Stichwort. Wir standen auf, öffneten die Tür und liefen zum Haus hinüber. Ich klopfte nocheinmal. Es wäre ziemlich ungünstig gewesen, einzubrechen und es läge dort auf einmal ein Matrose im Bett und knutschte mit einer Maid herum.
Aber es hörte keiner. Wir gingen um die Ecke und schauten durch ein Fenster. Direkt hinter uns war ein Felsen, deshalb erkannte uns die Wache nicht. Ich spähte also durch das Fenster, erkannte allerdings nichts. Es war dunkel. Doch plötzlich gab eine Wolke das Mondlicht frei und es schien durch das andere Fenster. Keiner war im Bett, keiner war auf den Beinen und keiner saß am Tisch. Das Haus war leer.
Bo'sun holte ein Messer aus seiner Hose und stach damit zwischen Fenster und Fensterrahmen. Es knackte kurz und er öffnete das Fenster. Wir stiegen hindurch und landeten auf einem Bett. Das Haus war nicht besonders groß. Es war ein Handwerkshaus und hatte nur einen Raum. Rechts neben uns befand sich ein kleiner Ofen, der in der Karibik eigentlich unnütz war, direkt daneben ein Tisch und auf der anderen Seite des Raumes war ein Schreibtsich. Auf diesem lag ein Blatt Pergament.

Mit dieser Bescheinigung erteile ich, Lord Elton Cunningham, Kommandeur der East India Trading Company, dem spanischen ersten Offizier Esteban Carlos Martínez y López den Auftrag, den Kapitän der spanischen Fregatte Santa Cecilia, Captain Juan Fernando del Castillo García zu töten. Carlos Martínez erhält offiziell die Erlaubnis, an jedem Hafen des englischen Imperiums anzulegen. Nach Vollendung des Auftrages erhält Carlos Martínez die versprochene Summe von 1.500.000 Schilling. Er wird die Fregatte HMS Independence II solange befehligen, bis del Castillo tot ist.

'Mist! Das kann doch nicht wahr sein! Jetzt bestechen also die Engländer einen spanischen Matrosen, um mich zu fangen!', dachte ich und legte das Pergament hin. Den Grund für diese Handlung von Lord Cunningham kannte ich natürlich, denn Carlos Martínez erhielt das Kommando über die HMS Independence II. Der Vorgänger dieses Schiffes, HMS Independence, war später besser bekannt als Santa Cecilia.
Bo'sun nahm das Pergament und las es auch durch.
"Naja, jetzt wird es aufregend", grinste er und legte es zur Seite.
"Ja, das ist aber gar nicht der Rede wert. Wir haben die Engländer schon einmal abgehängt. Und zwar in der Magellanstraße, weißt Du noch?"
"Damals hatten die Schiffe aber auch einen größeren Tiefgang. Außerdem waren sie träge und langsam. Dieses Mal haben wir es mit einem Schwesterschiff der Santa Cecilia zu tun. Es hat genau die gleichen Eigenschaften, wenn nicht noch bessere", antwortete Bo'sun.
Aber was war das? Eine Schublade stand offen und es schien etwas darin enthalten zu sein. Ein weiteres Blatt Pergament. Ich griff in die Schublade und holte es heraus. Es war eine Karte. Leider konnten wir nicht ewig verharren. Ich steckte die Karte ein.
"Na gut, dann lass uns mal verschwinden, bevor die Wachen noch Wind bekommen."
Das hätte ich vermutlich nicht sagen sollen. Genau in dem Moment klopfte es nämlich an der Tür. Zwei Sekunden später wurde diese aufgebrochen und fünf englische Soldaten standen vor uns.
'Mist!', dachte ich und die Soldaten zogen ihre Waffen. Ich griff nach meiner Pistole und schoss dem ersten direkt zwischen die Augen. Sein Kopf schnellte nach hinten und er fiel zu Boden. Die anderen zogen ebenfalls ihre Pistolen, doch ich war schneller. Bevor der nächste seine Pistole auf mich richten konnte, holte ich mit meinem Degen aus und schlitzte ihm die Kehle auf. Das Blut spritzte wie aus einem Springbrunnen und zwei Keucher später lag er auf dem Boden. Eine grausame Art zu sterben. Aber da half nichts, der Rest musste auch leiden. Nach dem Schuss war bestimmt die gesamte Stadt auf den Beinen. Wir rannten in Richtung Stadttore. Ein Trupp Soldaten entdeckte uns und nahm die Verfolgung auf.
Ich öffnete das Tor und wir rannten in den Dschungel. Mehrere Schüsse fielen, aber die Kugeln trafen nur Bäume und Sträucher. Wir waren außer Reichweite. Bis zum Strand war es nicht mehr weit. Wir rannten den Hügel hinauf und dahinter wieder runter.
Die Santa Cecilia lag noch in der Bucht und rührte sich kein bisschen. Ich drehte mich herum und erkannte Fackeln, die auf mich zukamen. Ehe wir uns versahen, waren wir auch schon am Strand. Bo'sun sprang ins Beiboot und ich hinterher.
Noch nie in meinem Leben hatte ich so heftig gepaddelt, wie an diesem Tag. Die Engländer richteten ihre Musketen auf unser Boot und eröffneten das Feuer, doch die Geschützpforten meines Schiffes öffneten sich. Ein leises Zischen war kurz zu vernehmen, das aber durch mehrere darauffolgende Knalle unterbrochen wurde. Die Santa Cecilia hatte eine Breitseite auf den Strand abgefeuert. Die Soldaten waren alle sofort tot, bis auf einen, der sich in den Dschungel zurückzog. Das war eng gewesen!
Endlich waren wir wieder auf dem Schiff und konnten unversehrt verschwinden.
In meiner Kajüte, die nur aus einem Bett und einem Schreibtisch bestand, entfaltete ich die Karte. Auf ihr war Südamerika verzeichnet. Ein schwarzer Strich wies offensichtlich die Reiseroute des spanischen Handelsschiffes auf. Interessant. Das Schiff hatte in Cádiz abgelegt und Südamerika angesteuert. Es fuhr in der Karibik die Nordküste ab und machte einen Halt in einer abgelegenen Bucht, etwas weiter weg von Santiago de León de Carácas. Das Schiff kehrte nach diesem Halt wieder nach Spanien zurück. Da war also die Stadt! Ich konnte mein Glück kaum fassen! Ich sprang auf, rannte fast die Tür ein, schoss auf's Hauptdeck und setzte neuen Kurs!

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2. Flucht in die Hölle

Montserrat, Karibik, 25. Juni 1750

Der letzte Tag rückte an. Wir waren gerade unterwegs in Richtung Neuspanien. Erst kurz vor der Einfahrt in die Bucht, die gewaltig war, fiel mir auf, dass es keine Bucht war, sondern ein Golf. Dahinter befand sich die spanische Kolonie "Neu-Nürnberg", auch besser bekannt als Maracaibo.
Das spanische Handelsschiff machte einen Abstecher in Richtung Maracaibo, fuhr weiter in den Lago de Maracaibo, drehte aber wieder, nachdem es dort geankert hatte.
Ich beschloss also nach Maracaibo zu fahren, um dort weitere Informationen zu erhalten. Wir näherten uns langsam der spanischen Kolonie. Da wir ablandigen Wind hatten, konnten wir prima mit dem ganzen Schiff anlegen. Wir warfen Leinen an Land und Männer auf dem Steg zogen mein Schiff heran.
Ich ging von Bord und zum Hafenmeister.
"Wie lange wollt Ihr hier bleiben und welches Schiff ist Euers?", fragte ein alter klappriger Mann hinter einem Schreibtisch.
"Nur für den Nachmittag. Mein Schiff ist das letzte am Steg", antwortete ich.
"Bueno, das macht dann 430 Reales", erwiderte der Hafenmeister und streckte seine Hand aus.
Ich holte meinen Geldbeutel heraus und zählte die Münzen. "Vier Mal einhundert, und drei Mal zehn", murmelte ich und gab ihm das Geld.
In der Stadt war wahnsinnig viel los. Überall wo ich hinsah liefen entweder Soldaten oder Seeleute zu ihren Schiffen.
"Was ist denn hier los?", fragte ich einen Mann, der an mir vorbeihuschte.
"Die Briten kommen!", antwortete er und rannte weiter. Ich beschloss also mich zu beeilen.
Normalerweise fand man solche Leute, die immer alles wissen, in der Taverne. Aber bei dem ganzen Aufruhr war es wohl günstiger im Fort nachzufragen, aber die würden bestimmt keinen hineinlassen, der mitten im Krieg nach einer verschollenen Stadt eines alten Volkes nachfragt. Die Maracaiboaner konnten mir keine Auskunft geben. Ich drehte mich wieder zum Wasser und erblickte plötzlich fünf weiße Punkte am Horizont. Ich holte mein Fernrohr heraus und erblickte Schiffe, englische Schiffe! Angeführt durch ein Linienschiff der 1. Klasse.
Ganz toll! Ich nahm die Beine in die Hand und rannte wieder zum Hafen.
"Macht die Leinen los und setzt die Segel, aber dalli!", rief ich meinem Schiff entgegen, während ich darauf zulief. Bo'sun erblickte mich und wiederholte das, was ich gebrüllt hatte, nur noch lauter.
Ich sprang an Bord und drehte mich um. Die ganze Stadt war auf einmal wie ausgestorben. Die Schiffe wurden immer größer, und ich konnte fast sogar das Grinsen von Lord Elton Cunningham erkennen. Der Wind erfasste unsere Segel und drückte uns weg vom Steg, und weg von den englischen Schiffen.
Ein lauter Knall ertönte und eine kleine Rauchwolke stieg am Bug in die Höhe. Ein kurzes Sausen und ein Plätschern auf dem Wasser folgten sofort.
Der Durchgang vom Golf zum Lago de Maracaibo war zwar breit, aber er war unsere einzige Fluchtmöglichkeit. Wir waren eingeschlossen. Für einen Kampf waren wir zwar vorbereitet, aber nicht gegen so eine Flotte!
Ich gab also den Befehl zum Verduften.
Eines der schnelleren Schiffe der Engländer drehte plötzlich bei, so dass wir die gesamte Backbordseite erkennen konnten. Weitere Rauchwolken erschienen plötzlich und mehrere laute Knalle folgten sogleich. Aber wir waren einfach zu weit weg. Knapp hinter unserem Heck schlugen die Kanonenkugeln ein. Sie hätten beinahe meine Kajüte vernichtet!
Die Schiffe nahmen wieder die Verfolgung auf. Günstigerweise war die Independence II nicht unter den Feindschiffen. War es denn überhaupt sinnvoll, Carlos Martínez anzuheuern, wenn mich dieser englische Zwerg von Lord Cunningham gleich acht Tage später fand und auch beinahe vernichtet hätte? Anscheinend schon, denn wir waren schneller als sie.
Ich sah nur noch ein Problem. In diesem Lago de Maracaibo sollte ein Geisterschiff sein Unwesen treiben. Ich konnte aber auch nicht umkehren, da mir die Engländer den Weg abgeschnitten hatten. Sie fuhren nebeneinander, in Abständen von fast zwei Meilen und jagten mich durch den ganzen See. Jedes dieser Schiffe war größer als das meine, und hatte auch einen größeren Tiefgang. Plötzlich kam mir eine Idee. Auf der Karte gab es ein altes Bauwerk. Glücklicherweise befand sich dieses Bauwerk im Landesinneren und der einzige Zugang war der Río Concha. Dieser Fluss war gerade so tief, dass mein Schiff dort entlangfahren konnte. Aber nicht die anderen Schiffe! Bis zu diesem Fluss dauerte es nur einen Tag.


Río Concho, Neuspanien, 26. Juni 1750

Fast fluchtartig erreichten wir schließlich den Río Concho. Noch war der Fluss tief. Wir wussten nicht wie tief, aber es war besser aufzulaufen, als Kanonenfutter für die Engländer zu werden. Der Wind nahm durch die Bäume etwas ab, aber wir konnten die Engländer abhängen. Eines der leichtesten Feindschiffe streifte einen Felsbrocken, der aus dem Wasser ragte, den wir aber beachtet hatten. Zufrieden holten wir die Segel ein und ruderten das Schiff weiter. Der Fluss war noch breit. Links und rechts von uns war Urwald.
Lang war der Fluss allerdings nicht. Zumindest schien er schon nach drei Meilen enger zu werden und auch flacher. Wir hielten an, drehten das Schiff so, dass die Breitseite jeweils nach flussaufwärts und flussabwärts zeigte, um eventuell englische Boote abzufangen.
Ich ließ meine besten Offiziere in Reihe antreten. Es waren zehn Mann, einschließlich Bo'sun.
"Wir werden eine Schatzsuche veranstalten. Irgendwo hier gibt es ein altes Bauwerk. Dort sollen sich Reichtümer befinden, die nicht einmal in Euren Träumen vorkommen. Nach der Karte befindet es sich flussaufwärts. Wegtreten!", befahl ich und meine Leute machten das Beiboot klar.
"Sagtest Du nicht etwas von einer Stadt?", fragte Bo'sun.
"Ja, aber ich will mir dieses Bauwerk ansehen. Wenn die Santo Domingo extra den Weg durch den Lago de Maracaibo machen wollte, hatte das auch seinen Grund. Wahrscheinlich finden wir dort einen Hinweis, oder möglicherweise ist das sogar die Stadt!", erwiderte ich und ging in den Frachtraum. Dort griff ich in ein Fass und holte fünfzig kleine Eisenkugeln heraus und fünfzig Päckchen Schießpulver.
Entweder machten die Engländer Jagd auf mich, oder sie benutzten mich, um auch diese Stadt zu finden. Oder sie wollten sowohl mich töten, als auch die Stadt finden. Darauf musste ich vorbereitet sein.
Ich stieg in das Beiboot und wir ruderten los. Langsam wurde es wieder dunkel und unheimlich.
Ganze zwei Stunden ruderten wir langsam den Fluss entlang, bis wir an einem kleinen Strand das Boot festmachten. Jetzt sollte es zu Fuß weitergehen.
Ich hätte vielleicht Delfino, mein treues Ross, mitnehmen sollen. Aber er ruhte sich momentan an Bord aus.
Der Regenwald war prächtig. Es war zwar warm, aber merkwürdigerweise nur ein wenig feucht. Das war höchst ungewöhnlich. Je dichter der Dschungel wurde, umso dunkler wurde es. Guillermo Torres, ein hervorragender Fechtkünstler und Schütze und mein zweiter Offizier, machte eine Fackel mithilfe eines Streichholzes an. Auch die anderen Fackeln nahm er in Betrieb. Das alte Bauwerk war noch etwa eine Meile entfernt. Wir stolperten über Steine, Stöcke und Leichen ... Leichen!
Überall auf dem Boden lagen die Leichen der hiesigen Ureinwohnern. Die meisten waren erschossen worden. Das war anscheinend das Werk von Carlos Martínez und seiner Mannschaft. Wir gingen weiter und suchten dieses Bauwerk. Die Luft wurde noch trockener. Plötzlich waren wir da! Allerdings war es kein Bauwerk, sondern eine Höhle!
An einer Wand stand etwas geschrieben. Ich trat näher, um etwas zu erkennen. Aber es war nicht mit Farbe geschrieben, sondern mit Blut!
Atención! - Mehr war nicht zu erkennen, denn das Blut war anscheinend verlaufen.
Ich tätschelte nervös meinen Degen und trat den ersten Schritt in die Höhle.
"Ich bin immer hinter dir, mein Freund!", sagte Bo'sun und folgte mir. Die Wände reflektierten das Licht und es wurde wieder heller. Anscheinend war es auch keine Höhle, sondern eine Mine, ein Stollen! Hier suchte man anscheinend nach Gold. Wir bogen um eine Ecke und gelangten in einen größeren Raum. Von ihm gingen vier weitere Schächte ab. Einer geradeaus, einer nach links, einer nach rechts und ein weiterer schräg rechts. In einer Ecke lag ein Skelett mit einer spanischen Rüstung aus dem 16. Jahrhundert. Das wurde ja immer besser!
Wir beschlossen uns aufzuteilen. Bo'sun und ich gingen den Weg nach links, und der Rest verteilte sich auf die anderen drei Gänge.
An einer Wand hingen mehrere erloschene Fackeln, die erst vor kurzem angezündet worden waren.
Carlos Martínez war hier!
"Fernando, ich kriege langsam die Befürchtung, dass das, was wir suchen, gar nicht mehr da ist. Anscheinend ist uns Carlos zuvorgekommen", sagte plötzlich Bo'sun.
"Das will ich ja genauer herausfinden."
Nach einigen hundert Metern gelangten wir an eine Schlucht. Es ging nicht weit nach unten. Man konnte den Boden erkennen, und ... noch mehr Leichen. Es lagen überall Skelette von portugiesischen und spanischen Soldaten auf dem Boden. An einer Wand am Ende der Schlucht lag ein weiteres Skelett. Es hatte ein Loch im Kopf. Direkt daneben lag ein weiteres Knochengerüst mit einer Pistole in der Hand. Es hatte ein Messer vom ersten Skelett im Bauch.
"Die haben sich gegenseitig umgebracht!", sagte ich und kniete mich hin. In der Hand des durchlöcherten Skeletts lag ein zusammengerolltes Stück Stoff. Ich nahm es in die Hand. Auf diesem Stück Stoff stand etwas in Blut geschrieben:

Es war ein ganz normaler Tag, wie jeder andere. Wir durchkämmten die Höhle und suchten nach dem Schatz. Unser Kapitän befahl uns hier zu nächtigen. Drei Tage sahen wir das Sonnenlicht nicht. Am vierten Morgen fanden wir eine Kammer. Der Kapitän war verrückt geworden. Er schrie die Besatzungsmitglieder grundlos an. Eine Art Kette holte er aus einem Versteck hervor. Die Portugiesen waren schon fast bis zur Höhle durchgedrungen. Der erste Maat warnte den Kapitän davor das Schiff zu verlieren, wenn er nicht mitkommen würde. Er nahm ihm die Kette ab und wollte den Ausgang suchen, doch Kapitän Lopéz zog seine Pistole und erschoss den ersten Maat.
Wir verliefen uns in der Höhle. Die Besatzung wurde wahnsinnig und schon nach einer halben Stunde brach ein Kampf aus. Jeder tötete jeden und versuchte die Kette für sich zu gewinnen. Es war grausam.
Momentan weiß ich nicht, wo die Kette liegt. Aber ich will es auch nicht wissen, denn sie brachte sehr viel Ärger. Mein Freund Alejandro und ich sind die letzten Überlebenden. Kapitän Lopéz starb direkt nachdem die Portugiesen die Höhle gefunden und sich nach weiteren Tagen auch umgebracht hatten.
Alejandro und ich sind auf der Flucht vor dem Unbekannten. Langsam beginnt die Kette auch bei Alejandro zu wirken, aber er kämpft dagegen an.
Der Kapitän ließ Aufzeichnungen über den Standort der Stadt per Schiff zu einem Haus transportieren. Das Schiff heißt
Trinidad und das Haus befindet sich auf portugiesischem Boden, hier, auf diesem Kontinent. Es liegt ...

Der Soldat hatte seine Aufzeihnung unvollständig zurückgelassen.
"Anscheined wurde er von seinem "Freund" erschossen, bevor er die Aufzeichnung vollenden konnte", sagte ich und steckte den Stofffetzen ein.
Mist! Wir hatten beinahe unser Ziel erreicht.
"Vielleicht sollten wir diese Kette suchen", schlug Bo'sun vor, der offenbar mitgelesen hatte.
"Bist Du irre? Weißt Du, was sie den Soldaten angetan hat?", entgegnete ich.
"Ich weiß, aber wenn die Engländer dieses Artefakt in die Hände bekommen ..."
Ich grinste und nickte leicht.
"Das wäre eventuell sehr klug. Aber wenn es uns vorher zerfetzt? Nein, wir sollten die Engländer danach suchen lassen", sagte ich und ging weiter.
Wir gelangten in einen großen Raum, wo sich in der Mitte ein Podest mit etwas goldenem befand.
Es war die zuvorbeschriebene Kette.
"Moment, wenn alle tot sind, wer hat sie dann wieder sorgfältig dort zurückgelassen?", fragte ich und schaute mir die Kette genau an. Neben der Kette lag ein weitere Fetzen. Auf dem stand:
Alles ist nichts, aber nichts ist alles!
Auf der Rückseite war eine Insel abgebildet.
"Erkennst Du diese Insel?", fragte ich Bo'sun.
"Die sieht aus wie La Española", antwortete dieser.
"Ich habe Euch gefunden!", sagte eine Stimme hinter uns. Es war Guillermo und der Rest der Expeditionsmannschaft.
"Da seid ihr ja!", sagte Bo'sun.
Ich blickte zur Kette hinüber. Sie war so schön. Ich hatte Bedürfnis sie zu ergreifen und einzustecken. Und das tat ich auch.
"Was tust Du da, Fernando?", fragte Bo'sun und blickte mich schräg an.
Bevor ich antworten konnte drehte sich der Kopf eines der Skelette. Guillermo war wie vom Blitz getroffen. Er stand da, sagte keinen Mucks und zeigte auf das sich bewegende Skelett.
Es stand auf und zog seinen Säbel. Das taten wir auch.
"Fernando! Leg die Kette wieder auf das Podest!", fuhr mich Bo'sun an. Ich reagierte und wollte gerade nach meiner Pistole greifen.
Bo'sun drehte sich zu mir um und sah mich mit zweifelndem Blick an. Langsam fuhr seine Hand zu seinem Säbel.
Ich spürte den Stofffetzen in meiner Tasche.
'Es ist es nicht wert, hier und deswegen zu sterben!', dachte ich, holte meine Pistole heraus und schoss dem Skelett direkt in die Wirbelsäule. Es taumelte kurz und zerfiel dann in seine Einzelteile. Ich griff nach der Kette und legte sie wieder auf das Podest. Bo'sun nickte zufrieden.
"Da!", schrie Guillermo und zeigte auf weitere Skelette, die sich aufrichteten und auf uns zukamen!
Aus der Erde und aus den Wänden kamen noch weitere.
"Wir gehen den Weg zurück, den wir gekommen sind!", brüllte ich und wir bewegten uns in Richtung Ausgang. Die Höhle war nicht groß. Wir rannten im Eiltempo die Schächte entlang bis zum Ausgang.
Es war zappenduster. Aber es war doch nicht dunkel. Etwa zehn andere Fackeln waren noch zu sehen, und lange Stöcke mit Messern auf uns gerichtet. Engländer!
Ein etwas kleinerer Mann, der sich zwischen den anderen drängelte, lachte. Dieses Lachen war mir nur allzu vertraut! Es war das hämische Lachen Lord Elton Cunningham.
"Aaahhhhh, Captain del Castillo. Welch Freude Euch wieder zusehen. Ich fürchte, Ihr schuldet mir ein Schiff!", sagte Cunningham immer noch grinsend.
"Wieso? Ihr habt doch bereits eine Independence. Wozu braucht Ihr eine zweite?", entgegnete ich.
"Na schön, Schluss mit lustig! Gebt das Artefakt her!", sagte er und streckte mir seine Hand entgegen.
"Das ist leider unmöglich. Wir haben es nicht!", antwortete ich.
"Ihr lügt! Na los, gebt es her!" Cunningham wurde etwas nervös, aber grinste wieder. "Wir wollen doch vernünftig bleiben. Das läuft so. Ihr gebt uns das Artefakt, und wir werden Euch nicht töten", sagte Cunningham.
"Wie kann ich Euch vertrauen? Wenn ich Euch das Artefakt gebe, könntet Ihr mich so oder so töten", antwortete ich.
"Ach! Glaubt Ihr etwa, ich hätte Interesse, Euch zu töten? Für mich springt da nichts heraus!", antwortete Cunningham wieder etwas gelassener.
"Nein, das tut es nicht. Aber es würde etwas für Carlos Martínez herausspringen, und zwar 1,5 Millionen Schilling!"
Cunningham überlegte kurz und senkte seine Hand.
"Ihr habt also den Brief gelesen!"
"Ja, das habe ich. Ich würde vorschlagen, wir vergessen die Sache für einen Augenblick und rennen kurz um unser Leben. Denn dieses Artefakt gehört den Untoten in der Höhle!", sagte ich, drehte mich herum und zeigte auf mehrere Knochengerüste, die langsam auf uns zu taumelten.
Die englischen Soldaten waren wie versteinert.
"Ihr könnt es ja mit denen ausdiskutieren, oder vielleicht einen heißen Tee trinken", sagte ich und huschte an Cunningham vorbei.
"RÜCKZUG!!!!!!", brüllte dieser und rannte hinter uns her. Wir liefen zurück zur Santa Cecilia und die Engländer zu ihren Schiffen.

Endlich am kleinen Strand angekommen sprangen wir ins Beiboot und ruderten was das Zeug hielt. Die Reise dauerte nur halb so lang, wie die Hinreise. Nach einer Stunde waren wir endlich an der Santa Cecilia.
"Lichtet den Anker und setzt die Ruder!", brüllte ich zu meinem Schiff. Mithilfe eines Flaschenzuges zog die Besatzung das Boot hoch und stellte es auf dem Deck ab.
"Sind die Engländer etwa gekommen?", fragte Doktor Hawkins, der Schiffsarzt.
"Schlimmer!", antwortete ich und begab mich an das Steuerruder.
Wir segelten nur unter Bram-, Mars- und Vorsegel, dafür ruderte die Besatzung das Schiff zur Mündung.
Die Engländer waren ziemlich flott, denn als wir gerade in den Lago de Maracaibo segelten, ruderten sie zurück zur ihren Schiffen.
An der Steuerbordseite, etwa zwei Meilen entfernt näherte sich ein weiteres Schiff. Durch das Fernrohr erkannte ich eine vom Mondlicht angestrahlte Galeone aus dem 17. Jahrhundert.
Für einen solchen Schiffstyp war sie eigentlich sehr schnell. Der Rumpf war mit Seetang übersät und er sah verbrannt aus. Die Segel waren verschlissen und an einigen Stellen durchlöchert. Am Hauptmast wehte die spanische Flagge, wie sie im 17. Jahrhundert üblich gewesen war. Zumindest war sie als solche zu identifizieren.
Die englischen Schiffe fuhren sich beinahe gegenseitig über den Haufen. Das Flaggschiff, die HMS Belette, war natürlich die Spitze des Konvois. Allerdings waren es nur noch vier Schiffe. Eines der Schiffe sank, als es versuchte, uns in den Fluss zu folgen.
Ich befahl den Kanonieren die Kanonen mit Kettenkugeln zu laden. Das Geisterschiff rückte immer näher und ich konnte langsam die Besatzung erkennen. Oder eher, ich konnte nichts erkennen! Auf dem Hauptdeck war niemand zu sehen.
Nur war nicht dieses Schiff das Ziel. Die Geschützpforten auf der Backbordseite öffneten sich und die Kanoniere schoben die Kanonen bis zum Anschlag.
"Feuer!!!", rief Bo'sun.
Aus den Rohren drangen kurze Stichflammen und eine lange Rauchwand zog sich nach oben und verschwand nach einigen Sekunden. Die Kugeln trafen die Segel der HMS Belette und der Hauptmast knickte nach Steuerbord um. Bei der nächsten Salve trafen die Kettenkugeln den Vormast, der dann auch sofort umkippte.
Ich wandte mich wieder dem Geisterschiff zu. Doch wo war es geblieben? Es hatte sich in Luft aufgelöst!
Die Engländer schienen das ebenso bemerkt zu haben und eröffneten das Feuer. Ich gab Anweisung die Kanonen wieder mit Kanonenkugeln zu laden. Eine englische Fregatte näherte sich meinem Schiff und eröffnete das Feuer. Holzstücke flogen durch die Luft und auf dem Deck brannte es, doch wir hatten das Feuer unter Kontrolle. Ich spürte, wie sich in mir ein nervöses Gefühl ausbreitete. Eine Kugel durchlöcherte die Bramsegel des Vor- und Großmastes gleichzeitig.
"Feuer!!!", rief Bo'sun erneut und wieder knallte es. Die englische Fregatte wurde schwer beschädigt. Das war unsere Fluchtmöglichkeit! Die anderen Schiffe hinkten hinter uns her, konnten aber die Santa Cecilia nicht einholen.
Freiheit! Ich wies Bo'sun an, Kurs auf La Española zu nehmen.
In meiner Kajüte dachte ich über diesen Spruch nach: Alles ist nichts, aber nichts ist alles!
Hatte das irgendetwas mit der Stadt zu tun, oder mit den Schätzen? Gab es diese Stadt überhaupt? Ich wollte sofort eine Antwort auf diese Frage. Ich hörte schon manch schauerliche Geschichten von Geisterschiffen, die in der Karibik ihr Unwesen trieben.

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Küste von La Española, Karibik, 30. Juni 1750

Der vierte Tag unserer Reise nach La Española rückte an und uns gingen langsam die Vorräte aus. Am dritten Tag musste die Besatzung Fische angeln, damit wir vor dem letzten Tag noch eine ordentliche Malzeit bekamen. Unser Chefkoch João da Costa brauchte auch nur ein paar Fische, um ein Meisterwerk zu zaubern. Er wusste mit jedem Nahrungsmittel etwas zu kochen, und dafür liebten wir ihn. Er war vor ein paar Jahren noch bei der portugiesischen Marine gewesen, dann aber zu uns übergelaufen, als die Portugiesen seinen spanischen Vater umgebracht hatten.
Wir legten im Hafen von Santo Domingo de Guzmán an und gingen an Land. Bo'sun organisierte die Vorräte und ich schaute mich ein wenig um. Etwas außerhalb der Stadt gab es eine Ruine einer spanischen Kirche. Alles war überwuchert und überall lagen Steine herum. Aber was war das? Unter einem der größeren Steine lag etwas hölzernes, eine Schatulle.
Ich nahm sie auf und öffnete diese. In ihr befand sich eine Feder, ein Ring mit einem Saphir und ein Blatt Pergament. Auf dem stand:

Hernán Cortés, 14. September 1505
Die Eingeborenen überfielen unser Schiff, bevor wir den See verlassen konnten. Sechzehn meiner Seeleute wurden getötet und sechsundzwanzig festgenommen. Unser Hauptmast war beschädigt und wir mussten unter Lateinersegel und Vorrahsegel segeln. Anscheinend haben sie meinen Schatz gesucht.
Die Reise zu meinem Versteck dauerte dreißig Tage. Es war unglaublich. Die riesige Bucht, die...
endlich angekommen. Da war nun mein Versteck. Ich und ein paar andere meiner Offiziere betraten den Tempel, um die ... dort unterzubringen. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, wurden wir von Räubern überfallen. Es waren keine Eingeborenen, sondern ... Es war grausam! Mein erster Maat und treuer Freund Antonio del Gaucho wurde von einem dieser Räuber erschossen. Trotzdem schafften wir es in den Tempel. In ihm befand sich ein gewaltiges ... Ich konnte es kaum fassen. Tatsächlich hat mich diese Karte dorthin geführt. Dieser Ort sollte sicher sein. Sicher vor der Welt und sicher vor dem was kommen mochte. Dieses ... konnte ein ganzes ... ver ...
Auf dem Rückweg zu meinem Schiff wurde einer meiner Offiziere verwundet. Er war in eine Falle getappt. Eine Falle, die die Räuber gelegt hatten. Ich versiegelte den Tempel mit ... und machte mich wieder auf mein Schiff.
Nach sechzehn Tagen erreichten wir schließlich eine unserer Kolonien, doch diese wurde angegriffen. Ein Aufstand von Eingeborenen legte unsere kleine Stadt in Schutt und Asche, sogar die Kirche. Sie suchten nach dem Schatz.
Jetzt bin ich gerade dabei, die Kirche zu durchsuchen. Einer meiner Offiziere berichtet mir, dass weitere Eingeborenen auf dem Weg zu uns sind. Die Eingeborenen hatten uns schon gewarnt, dass dieser Schatz am besten bei ihnen aufgehoben sei. Sie sagten mir, dass alles nichts sein könnte, aber nichts könnte auch alles bedeuten!


'Cortés schrieb diesen Brief, während er die Einwohner abwehren musste. An manchen Stellen ist Tinte ausgelaufen und man kann nichts erkennen. Außerdem ist er an einigen Stellen angekokelt. Aber er hatte etwas den Einwohnern abgenommen und irgendwo versteckt. Und es ist auch keine Stadt, die so wertvoll ist, sondern ein Tempel. Aber wo ist dieser Tempel? Der Standort wurde nicht genannt. Vermutlich meinte Cortés den Maracaibosee, den er am Anfang des Briefes erwähnt', dachte ich.
Er hatte dreißig Tage mit seinem kaputten Schiff zu seinem Versteck gebraucht und sechzehn Tage zu dieser Kolonie. 'Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um La Española. Das Versteck muss sich auf einer Insel befinden, weil Cortés so schnell nicht ans Festland gekommen wäre. Aber es gibt hunderte Inseln, die das Versteck beinhalten können. Ich weiß nicht einmal, wie schnell Cortés gesegelt ist. Aber auf jeden Fall langsamer als mein Schiff, und noch langsamer als eine Karavelle mit voller Betakelung. Wo ist diese Insel?'

"Was tun wir jetzt?", fragte mich Bo'sun. Wir nahmen wieder Fahrt auf, wussten aber nicht wohin.
"Ich weiß es nicht", seufzte ich und schaute auf die offene See hinaus.
"Ich habe den Proviant übrigens bekommen", sagte er.
Ich nickte leicht.
'Wo kann man jetzt noch suchen?', fragte ich mich und dachte nach. Ich ging hinunter in meine Kajüte und setzte mich an meinen Schreibtisch. Ich schaute mir den Brief von Cortés an und auch die Rückseite. Darauf war eine weitere Karte, aber nicht von der Karibik! Diese Inselgruppen hatte ich irgendwo schon einmal gesehen. Bloß, ich wusste nicht mehr wo. Sie kamen mir bekannt vor.
Sie waren nicht beschriftet. Längen- und Breitengrade waren auch nicht eingezeichnet. Auch waren keine weiteren Linien eingezeichnet, nur die Umrisse der Inseln. Die größte Insel auf der Karte hatte die Form einer zackigen Bohne. Daneben stand ein kleines Wort, dass ich so nicht lesen konnte. Ich holte eine Lupe aus einer Schublade heraus und las das Wort: Muerta
'Oh! Welch aussagekräftiger Hinweis!', dachte ich und legte die Lupe weg. An der Unterseite der Karte schien ein Stück zu fehlen. Ich holte die andere Karte heraus, die ich in der Mine gefunden hatte, und diese war oben abgetrennt, aber auch an der Seite ...
Eine unvollständige Karte! Es gibt nichts schlimmeres für einen Seemann, als eine unvollständige Seekarte.
Ich nahm die Karte und ging wieder an Deck.
"Bo'sun, ich brauche deine navigatorischen Fähigkeiten. Welche Inseln sind das?", fragte ich und hielt ihm die Karte entgegen.
"Das sind keine Inseln! Das sind Berge, in der Nähe von Jerusalem", antwortete Bo'sun.
"Jerusalem?!" Da war ich extra viertausend Meilen nach Westen gefahren, nur um zu erfahren, dass dieser Tempel vermutlich gar nicht dort lag, sondern im dreitausend Meilen von Barcelona entfernten Jerusalem, das auch noch im Osten liegt!
'Das ist ja ganz schön! Aber wie kam Cortés innerhalb von nur dreißig Tagen von La Española nach Jerusalem, auch noch mit einem kaputten Schiff? Dabei war Cortés noch nie in Jerusalem!', fragte ich mich und rollte die Karte zusammen.
"Cortés war auch noch nicht in Jerusalem. Er gab einem seiner Schiffe die Anweisung dorthin zu fahren, als er in México gekämpft hatte", antwortete Bo'sun.
"Woher weißt Du das?"
"Ich habe ja gesagt, mein Vater hatte mir früher ziemlich viele Geschichten erzählt", antwortete er.
"Ich habe irgendwie nie richtig erfahren, was vor unserem Zusammentreffen gewesen war. Warst Du früher auch schon Seefahrer?", sagte ich und löste meinen Bootsmann vom Steuer ab.
"Das könnte man so sagen. Ich diente auf einem Piratenschiff. Aber keine Sorge! Das war einmal! Während meiner Gefangenschaft in Afrika hatte ich mich verbessert. Ich hatte erkannt, dass die Piraterie nicht immer profitabel sein kann", antwortete mein Bootsmann.
"So, so! Pirat also, ja? Na gut, was geschehen ist, ist eben geschehen. Jeder hat eine dunkle Vergangenheit. Ich kann mich zwar nicht an ein dunkles Kapitel meiner Geschichte erinnern, aber egal." Bo'sun grinste.
"Was hast du eigentlich vor, wenn wir in Jerusalem sind?"
"Ich werde mir mal die Bevölkerung vorknöpfen. Vielleicht weiß die ja etwas über diese Berge", antwortete ich und beendete somit das Gespräch. Ich ging wieder in meine Kajüte und legte mich schlafen.

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3. Trouble im heiligen Land

Nahe Sizilien, Mittelmeer, 27. Juni 1750

Die See war ruhig, nur ein flauer Wind wehte. Wir segelten unter vollen Segeln, und machten erstaunliche vier Knoten. Vereinzelte italienische und französische Handelsschiffe kreuzten hart am Wind und machten eine Art Regatta. Wer als Erster seinen Zielhafen erreicht, hieß es wahrscheinlich.
Nicht nur der mangelnde Wind war unerträglich, sondern auch die Wärme. Das relativ neue Thermometer zeigte fünfundvierzig Grad Celsius an.
'Was uns wohl erst in Jerusalem erwarten wird!', dachte ich und zog meinen Mantel aus. Wir hatten Rückwind, was eigentlich günstig war, aber nicht für unsere Rückreise. Eine kleine Tartane näherte sich meinem Schiff und segelte eine Weile mit uns. Sie war so dicht dran, dass ich mich mit dem Capitán unterhalten konnte. Er war Spanier, segelte aber unter italienischer Flagge.
Ich hielt es kaum noch aus. Seit Gibraltar herrschte diese Hitze. Ich betete zu Gott für eine winzige Brise mehr, für ein Gesäusel. Und, welch ein Wunder, da kam auch schon mein Gesäusel. Allerdings war dieses Gesäusel etwa zwölf Seemeilen entfernt und befand sich hinter uns. Ein Sturm, der sich von uns wegbewegte.
"Das darf doch wahr sein. Jetzt habe ich mir einmal einen Sturm gewünscht, und er zieht auch noch von uns weg!", sagte ich zu Bo'sun und löste ihn vom Steuer ab.

"Eure Majestät, hier ist ein Mann eingetroffen, der Euch unbedingt sprechen möchte", sagte Mister O'Donnell, der persönliche Sekretär des Königs George III.
"Schickt ihn herein!", antwortete dieser und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Hinein kam ein etwas kleinerer Mann mit einem anscheinend zu groß geratenen Dreispitz und schwarzem Mantel. Er verbeugte sich sofort und erhob sich wieder.
"Ah! Lord Cunningham, habt Ihr die Stadt gefunden?", fragte der König und stand ausnahmsweise mal auf.
"Eure Majestät, ich muss Euch mitteilen, dass uns die Spanier unter dem Kommando von Fernando del Castillo leider zuvorgekommen sind. Wir haben sie bis nach Neuspanien verfolgt sie befanden sich auch schon in Reichweite unserer Musketen, aber sie konnten trotzdem fliehen. Sie haben anscheinend eine Art Artefakt aus einer Mine entnommen. Allerdings wissen wir nicht, wohin sie gesegelt sind", sagte Cunningham und trat einen Schritt näher an den König.
"Entkommen?! Das darf doch nicht wahr sein. Ich gebe Euch fünf Schiffe, allesamt ausgezeichnet bewaffnet, und Ihr könnt mit diesen Schiffen nicht eine einzige Fregatte aufhalten?! Ich werde ..." Der König unterbrach, als sein Sekretär ihm etwas ins Ohr flüsterte.
"Oh?! Ist das wahr?", sagte er und wandte sich wieder an Lord Cunningham. "Nun, ich glaube, dass die
Santa Cecilia doch nicht verloren ist. Mein Sekretär hat mir berichtet, dass dieses Schiff erst gerade Gibraltar passiert hatte, und nun auf dem Weg in Richtung Sizilien ist. Ich will, dass Ihr dafür sorgt, dass del Castillo das Mittelmeer nicht mehr verlässt!", brüllte George und hämmerte mit der Faust auf dem Tisch herum, sodass ein Modell der HMS Belette auf den Boden fiel und zerbrach. Fast standen dem König die Tränen in den Augen.
"Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Eure Majestät! Moment! Was ist mit Jack Sparrow?", antwortete Cunningham.
"Jack Sparrow?"
"Ja, er hat meinen Cousin getötet!"
"Ihr meint Lord Beckett? Im Moment hat die verschollene Stadt oberste Priorität. Um Sparrow könnt Ihr Euch kümmern, wenn Ihr die Stadt gefunden habt
"Sir, die Flotte ist jetzt auslaufbereit!", sagte ein Matrose, als Cunningham den Buckingham Palace verließ.
"Die Flotte?", fragte Cunningham kurz, aber ihm fiel plötzlich wieder seine Flotte ein.
"Ja, Sir! Die Flotte. König George hat Euch eine ganze Armada zur Verfügung gestellt. Dreißig Schiffe!", antwortete der Matrose, der nach seiner Uniform Kapitän war.
"Moment, der König hat mir so eine gewatlige Armada aufgetischt?! Ha! Dann kann ja die Jagd beginnen!", freute sich Lord Elton Cunningham und brach in Richtung Hafen auf.

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Küste von Palästina, Mittelmeer, 10. Juli 1750

"Land in Sicht!", brüllte ein Matrose aus dem Krähennest.
Die Sonne ging gerade im Osten auf und ich erwachte aus meinem tiefen Schlaf. Das Gebrüll von diesem Leichtmatrosen war kaum zu überhören. Ich zog mich an, öffnete die Tür meiner Kajüte und ging den Niedergang hinauf. Bo'sun stand am Steuer.
"Wir erreichen jetzt Ashdod!", sagte er sofort und luvte das Schiff etwas an.
"Auch Dir einen schönen guten Morgen", sagte ich und grinste. Bo'sun sah etwas müde aus, aber dennoch ließ er es sich nicht anmerken. Trotzdem grinste er zurück.
Es war einfach ein herrlicher Anblick. Die Sonne war gerade über dem heiligen Land aufgegangen und der Himmel war schon weißlich blau.
Der Wind hatte wieder Durchschnittsgeschwindigkeit und wir hatten mittlerweile wieder Fahrt aufgenommen. Das Thermometer zeigte fünfundzwanzig Grad Celsius an. Eigentlich recht kühl.
Wir erreichten den Hafen, aber wir konnten nicht anlegen, da zu viele Schiffe angelegt hatten. Überall lagen Fischerboote oder kleine Handelsfrachter vor Anker oder waren an Land festgebunden.
Die Matrosen holten die Segel ein und kletterten die Wanten hoch um diese festzubinden. Der Anker plumpste ins Wasser und hielt das Schiff auf seiner Position.
"Hoffentlich ist noch Platz für ein Beiboot", sagte ich an Bo'sun gewandt und stieg in das Beiboot, was ins Wasser gelassen wurde. Um nicht für Aufregung zu sorgen ging ich alleine. Aber dafür nahm ich mein Pferd Delfino mit. Solange ich an Land war, hatte Bo'sun die Kontrolle. Ich erteilte ihm die Erlaubnis, die Segel zu setzen, sobald Engländer in der Nähe waren. Allerdings sollte er mich dann auch wieder aufsammeln.
Er brachte mich und Delfino noch zum Hafen.
"Viel Glück, Kumpel!", sagte dieser und legte wieder vom Steg ab. Ich stieg auf Delfino und ritt die Straße hinauf zu einem Basar.
Ashdod war eine wirklich sehr gewaltige Stadt. Man fand überall fliegende Händler, Fischer oder Handwerker, die an der Straße Schnitzarbeiten vorführten.
"Gewürze, köstliche Gewürze! Nur bei mir!", brüllte ein Händler auf Arabisch und hielt einen Sack voll rotes Pulver in die Höhe.
Ich verstand nur ein paar Fetzen Arabisch, darunter das Wort für Gewürze.
Es war wahrlich ein Menschenhaufen, der sich hier zusammenbraute. Überall feilschten die Händler mit ihren Kunden und manchmal sah ich einige Kinder durch die Menschenmengen huschen, die Säckchen in ihren Händen hielten.
Ich gallopierte quer durch die Stadt und darüber hinaus.
Jerusalem war relativ weit von der Küste entfernt. Ich benötigte etwa eine Stunde mit meinem Pferd.
Da war sie nun, die heilige Stadt. Die heiligste aller heiligen Städte, seit Jahrtausenden war sie erhalten. Ich konnte es kaum fassen. Ich stieg von Delfino ab und ging zu Fuß weiter. Er folgte mir brav und ich streichelte ihm den Hals.
Allerdings wurde man hier nicht einfach so hereingelassen. Um zu passieren musste man drei Schekel bezahlen.
'¡Carajo!', dachte ich und zeigte den beiden Wachen meine Reales. Plötzlich fing der rechte Mann an mit dem linken zu reden. Ich verstand wieder nur ein paar Worte wie Trottel, dummer Spanier, reich, arm, Reisender und passieren.
Die beiden Wachen gingen zur Seite und zeigten mir den Weg.
"Moment, ich komme durch?", fragte ich. Die beiden schauten sich gegenseitig fragend an. Der eine sagte wieder etwas und der andere zuckte die Schultern. Ich dachte mir schon, was das heißen sollte.
Ich versuchte einfach mein Glück und ging durch das Tor.
Die Straßen und Gassen waren eng und es gab wie in Ashdod viele Händler.
Nach meinen Erfahrungen wusste ich, dass ich das meiste in einer Taverne herausfinden konnte, da man sich dort häufig Geschichten erzählte. Ich suchte also das nächste Wirtshaus und band Delfino an einem Mast fest. Die Tür öffnete sich und ein Mann kam herausgeflitzt. Ich huschte schnell hinein, bevor sich die Tür schloss und ging zum Tresen. Ich versuchte es mit meinem zerfetzten Arabisch, aber der Mann verstand mich anscheinend und beugte sich nach vorne.
"Was willst Du wissen, mein Freund?", fragte dieser.
"Ich möchte gerne mehr über diese Berge erfahren", antwortete ich und schob dem Mann die Karte vor die Nase. Er machte große Augen und kam mir etwas näher.
"Junge, ich würde dir davon abraten. Es ist ein heiliger Berg für jeden Muslim und auch sogar für jeden Juden. Er ist zwar nicht von sehr großer Bedeutung, aber dennoch so bedeutsam, dass er von Wachen bewacht wird. Ich hörte einst von einem Kauz, der sich dorthin gewagt hatte. Er wurde sofort aufgegriffen und enthauptet. Es ist unmöglich dorthin zu gelangen. Was willst Du dort überhaupt?"
"Ich bin hinter Informationen her. Meine Suche hat mich hier hin geführt. Man erzählt sich Geschichten über eine verschollene Stadt von einem alten Volk, dass vor zweihundert Jahren auf dem südlichen Teil des amerikanischen Kontinents gelebt haben soll. Ist Dir der Name Hernán Cortés geläufig?", fragte ich.
Die Augen des Mannes weiteten sich noch mehr.
"Ich habe in der Tat von ihm gehört, aber dazu kann ich Dir nichts sagen. Allerdings kenne ich einen Mann, der sich damit befasst", antwortete der Mann. Er beschrieb mir den genauen Weg zum Haus des Mannes, der mir Informationen geben könnte.
Ich folgte der Wegbeschreibung, allerdings führte mich diese durch die ganze Stadt, auch in Gegenden, die sehr verlassen wirkten, wo meiner Meinung nach niemand hingehen wollten. An der nächsten Ecke zog ich das Interesse von drei Männern auf mich.
"Ah! Ein Adelsmann! Ich wette der hat etwas Kleingeld einstecken!", sagte einer der Gruppe.
Ich verstand in dem Moment außergewöhnlich gut. Aber ich wollte ja auch meinen Spaß haben. Deshalb wandte ich mich an diese Gruppe und fragte auf Spanisch: "Entschuldigung, meine Herren. Ich spreche leider kein Arabisch, aber könnt Ihr mir bitte sagen, wo ich zu einem Mann komme, der sich mit Hernán Cortés auskennt?"
Die Männer schauten sich verwirrt an. Plötzlich zog einer einen breiten Säbel aus dem Gürtel und schwang ihn demonstrativ umher. Die anderen taten es ihm gleich.
'Na gut, Schluss mit lustig!', dachte ich und zog meinen Degen. Plötzlich bemerkte ich, dass deren Säbel viel schwerer waren, als mein Degen. Entweder hatten sie keine Chance, aufgrund der Trägheit ihrer Waffen, oder ich hatte keine Chance, aufgrund des geringen Gewichts meiner Waffe. Aber wofür hatte ich denn meine Pistole?
Einer der Männer holte aus und ich ergriff die Gelegenheit und stach ihn in den Bauch. Keuchend und schluchzend fiel er zu Boden. Das war nicht schwer! Aber die anderen Männer warfen ihre Waffen weg und zogen lange Dolche.
"Habt Ihr etwa immer noch nicht genug?!", sagte ich auf Arabisch. Eigentlich war das ein wenig unfair. Ich konnte doch nicht gegen zwei Männern kämpfen, die sich mit Dolchen verteidigten. Ich steckte also meinen Degen weg und zog eine etwas kürzere und unhandlichere Machete hervor.
Sie griffen an! Ich wich dem ersten Stich aus und wehrte den anderen mit meiner Waffe ab. Sie holten aus und schlugen mit den Dolchen. Ich blockte die Schläge ab und parierte den Dolch des einen Mannes zu Boden. Er war unbewaffnet. Nach einigen Schwüngen war auch der zweite unbewaffnet. Sie streckten ihre Arme in Richtung Himmel und rannten schließlich weg. Die Dolche ließ ich liegen, ich hatte ja wichtigeres zu tun.
Nach einer halben Stunde fand ich schließlich ein Haus, das auf die Beschreibung des Mannes aus der Taverne zutraf.
Ich klopfte und wartete. Ein etwas älterer Mann öffnete die Tür und bat mich herein, bevor ich etwas sagen konnte.
"Du bist wegen der Stadt hier, nicht wahr?", fragte der Mann, als ich mich auf den Boden auf ein Kissen setzte.
Ich nickte leicht.
"Ich habe mich schon lange gefragt, wann hier einer auftauchen würde, um nach der Stadt zu fragen. Was willst Du genau wissen?"
"Was beherbergt dieser heilige Berg?"
"Du meinst den Berg auf der Karte, die Du vermutlich dabei hast?", fragte der Mann. Er war etwas merkwürdig. Er schien schon alles zu wissen. Außerdem war er ziemlich nervös.
"Ja, genau!", antwortete ich und holte das Pergament hervor. "Woher wisst Ihr davon?"
"Ah, ich habe es vor langer Zeit mit einigen anderen Gegenständen verloren, als ich noch zur See gefahren bin. Ich war genau wie Du hinter der Stadt her."
"Was waren das für Gegenstände?", fragte ich.
"Ein Ring mit einem Saphir und eine Feder. Habt Ihr sie dabei?"
Ich nickte und holte sie hervor. "Sind sie von großer Wichtigkeit?"
"Ja, das sind sie. Ich weiß nur so viel, dass der Saphir ein Bestandteil des Schatzes ist. Der Ring dient als eine Art Tarnung. Diese Gegenstände stahlen die Ureinwohner den Spaniern, als sie vor Anker lagen. Cortés konnte seinen Plan nicht ausführen, weil ihm der Saphir fehlte. Was die Feder zu bedeuten hat, weiß ich nicht. Aber eines weiß ich. Cortés hatte zwar den Schatz gefunden, aber er brauchte den Saphir, um etwas zu öffnen."
"Um was zu öffnen?"
"Ich weiß es nicht mehr. Es steht auf einer Tontafel geschrieben, aber die sind längst vergessen. Außerdem steht da noch etwas von einer Falle. Es ist schon eine halbe Ewigkeit her", antwortete der Mann und rieb sich an der Schläfe.
"Wo habt Ihr die Gegenstände gefunden?", fragte ich.
"In einer Ruine auf La Española. Ich habe auch von diesem Berg hier in der Nähe von Jerusalem erfahren, bloß habe ich die Gegenstände wieder verloren. Ich stand unter Zeitdruck. Wir wurden angegegriffen und dabei gingen sie verloren. Ich wusste nur, dass wir nach Jerusalem segeln sollten. Man hat mein Schiff im Hafen von Ashdod versenkt und ich hatte kein Geld mehr um mich weiter fortzubewegen. Seitdem lebe ich jetzt hier und warte auf den Tod", sagte der Mann und lehnte sich zurück.
"Auf den Tod warten? Das könnt Ihr doch nicht machen. Ich werde Euch mitnehmen. Ich habe ein Schiff und eine Crew", sagte ich und wollte gerade aufstehen.
"Nein, nein! Ich fühle mich zu schwach um noch einmal zur See zu fahren. Versuche einfach diese Stadt zu finden. Ich habe da doch noch etwas über den Saphir gelesen. Er hat die Fähigkeit, den Standort der Stadt zu zeigen, sobald sich der Sucher als würdig erweist. Es stehen drei Prüfungen an. Ich habe auf ein Blatt Pergament geschrieben, was für Prüfungen es waren", sagte er und kramte in einem Regal umher. "Ach ja, hier haben wir es ja! Moment, es sind keine drei Prüfungen, sondern Aufgaben. Eine Art Sammlung von Gegenständen. Man muss diese Gegenstände zusammentragen, um die Tore der Stadt zu öffnen."
"Was sind das für Gegenstände?", fragte ich und schaute mit auf das Pergament.
"Diese Prozedur hatte Cortés erfunden, um sein Versteck geheim zu halten. Es sind fünf Gegenstände: Das Auge des Zyklopen, die Feder des Adlers, die Weisheit eines Gottes, die Muskeln von Atlas, der Armreif des Zentauren und der Pfeil Amors. Das sind aber nur Gegenstände um die Stadt zu finden. Hier steht noch etwas von einem Mictlancihuatl-Götzen. Mictlancihuatl ist die aztekische Totengöttin und die Gemalin von Mictlantecuhtli, dem Herrscher der Unterwelt."
"Wie zum Geier soll man diese Gegenstände zusammentragen? Weisheit ist kein Gegenstand!", sagte ich und schlug mit der Faust auf den Tisch.
"Ich werde Dir diese Aufzeichnung geben, wenn Du mir versprichst, dass Du die Stadt findest, abgemacht?"
Ich nickte, stand auf um mich zu verabschieden und ging nach draußen.
Der Weg zurück zur Taverne war überraschend kurz und Delfino wartete immer noch geduldig.
"Na Kumpel, hast Du schön die Stellung gehalten?", fragte ich lächelnd und klopfte meinem Ross freundschaftlich auf den Nacken.
Delfino wieherte zufrieden. Ich band ihn los und stieg auf.
"Vámonos!", sagte ich und Delfino flitzte durch die Mengen hindurch, ohne auch nur einen Mann umzurempeln.
Jerusalem war eine wahrlich eindrucksvolle Stadt, aber verzweigt. Ich musste erst einmal hier raus finden. Und das war schwer.
Ich drosselte das Tempo ein wenig und galoppierte nach einem Ausgang suchend durch die Gassen.
Schließlich fand ich den Ausgang, den ich gesucht hatte.
Der Berg war nicht weit von der Stadt entfernt. Es dauerte lediglich eine Viertelstunde, bis ich ihn erreichte. Es war bereits Nachmittag, aber es war noch warm.
Ich stieg von Delfino ab und band ihn an einen Baum fest.
Eine hölzerne Mauer umrundete den Berg. Ich näherte mich einem Tor, doch die Wache hielt mich auf.
"Hey, Ihr da! Ihr habt keine Befugnis hier zu sein!", motzte mich der Mann an.
"Wie viel würde es mich kosten, dass ich doch hinein komme?", fragte ich und holte meinen Geldbeutel heraus.
"Ihr könnt mich so oft bestechen, wir Ihr wollt. Ich lasse Euch nicht hinein. Und jetzt verschwindet!"
Die Lage war hoffnungslos, für den Moment jedenfalls. Ich musste also warten. Und zwar auf die Dunkelheit!
Ich zog mich zurück und versteckte mich etwa zweihundert Meter entfernt in einem Busch. Die Stunden verstrichen und die Sonne hing schon knapp über dem Horizont. Aber was war das? Ich hörte plötzlich das Geräusch von Pferdehufen. Ich schaute mich um und erblickte einen Pferdewagen.
'Perfekt!', dachte ich und schlich mich langsam heran. Der Wagen rollte nur langsam. Anscheinend hatte er wichtige Fracht geladen.
Ich klappte die Plane hoch und hüpfte hinein.
Ja, wirklich sehr wichtig. Der Wagen war voll beladen mit Steinen.
Ich hörte Stimmen! Einer der Wachen ging zum Heck des Wagens und wollte die Plane hochklappen. Ich sprang schnell hinter einen größeren Haufen von Steinen.
"Okay, Ihr könnt passieren!", sagte die Wache und der Wagen setzte sich in Bewegung.
"Wieso darf der rein, und ich nicht?!", murmelte ich und zog meinen Degen.
Ich schlitzte einen kleinen Schlitz in die Plane und schaute nach draußen. Keiner war zu sehen. Ich vergrößerte den Schlitz und hüpfte ins Freie.
Der Berg war direkt vor mir. Ich rannte was das Zeug hielt, aber leise und versteckte mich wieder hinter einem Busch.
"Hey, dein Wagen ist kaputt!", hörte ich eine Wache sagen, die den Wagen betätschelte.
"Hoppla, muss wohl im Hafen passiert sein. Vielleicht hat ein kleiner Junge versucht meine Ladung zu stehlen", sagte der Fahrer und half beim Ausladen.
Ich wartete auf die Dunkelheit.
Eine weitere halbe Stunde später machte ich mich schließlich auf den Weg zu dem Berg.
'Wieso ist es nicht gestattet dieses Gelände zu betreten? Was kann an diesem Berg schon so heilig sein?', fragte ich mich, während ich einen Hang hinunter rutschte. Schließlich fand ich meine Antwort. In einem kleinen Tal standen überall Zelte und mehrere Wachleute patrouillierten an einem weiteren Zaun.
"Das ist ein Militärlager!", murmelte ich und holte mein Fernrohr heraus, um Genaueres zu erkennen. "Anscheinend hat die Bevölkerung sich dieses Gerücht von wegen "heiliger Berg" zusammengebraut!"
Aber was war das? Eine der Wachen schien sich mit einem anderen Mann zu unterhalten. Einem Rotrock!
Das war übel. Ich durfte mich jetzt noch weniger blicken lassen.
Auf der anderen Seite des Tals war eine Art Höhleneingang. Davor waren zwei Rotröcke und drei arabische Wachen postiert.
Ich schlich um das Lager herum, näherte mich dem Höhleneingang und hob einen Stein auf. So fest ich konnte warf ich den Stein an den Kopf einer Wache.
"Wer ist da?", fragten die beiden Rotröcke gleichzeitig.
Hörbar zog ich meinen Degen langsam aus der Scheide.
"Du suchst da drüben, und ich hier! Araber, Du wartest hier", sagte der eine Rotrock zum anderen. Die beiden teilten sich auf und gingen in zwei verschiedene Richtungen. Das war mein Stichwort! Ich huschte aus meinem Versteck und kletterte den Hang hinauf, sodass ich mich über dem Höhleneingang befand. Der arabische Soldat wurde immer nervöser. Schließlich zog auch er seinen Säbel. Ich sprang leise direkt hinter die Wache und schlug ihr mit dem Griff meiner Pistole auf den Hinterkopf.
"Wer ist da?!", rief einer der Rotröcke. Ich drehte mich herum und rannte in die Höhle hinein. Die Gänge wurden mit Fackeln beleuchtet.
Nach einigen Abbiegungen gelangte ich schließlich in einen etwas größeren Raum. In der Mitte befand sich ein Zelt. Überraschenderweise wurde es nicht bewacht. Ich schritt in das Zelt hinein und suchte nach möglichen Hinweisen. Ich musste gar nicht lange suchen, da fand ich auch schon eine auffällige Truhe. Ich öffnete diese und holte ein Stück Pergament heraus. Es war der selbe Brief, den ich in dem Haus von Carlos Martínez auf Montserrat gefunden hatte. Neben dem Brief lag auch noch ein Armreif. Auf ihm war ein Pferdehuf eingraviert.
"Das muss der Armreif des Zentauren sein!", murmelte ich und verließ das Zelt wieder. Auf dem Rückweg hatte ich keine Begegnung mit irgendeiner Wache. Welch ein Glück!
Ich verließ das Gelände, schlitterte den Berg hinunter, öffnete das Tor des Zauns, als wäre nichts gewesen und spazierte hinaus.
"Hey, Ihr schon wieder! Na wartet, ich werde Euch in Scheibchen schneiden!", rief die Wache, die mich zuvor abgefangen hatte. Ich zog meinen Degen und er sein Krummschwert.
"Dann kommt doch her!", erwiderte ich. Die Wache holte zum Schlag aus, ich blockte diesen mit einer geschickten Bewegung ab und stach ihm mitten ins Herz.
"Was ist hier los?!", ertönte eine Stimme. Ich steckte den Degen weg und rannte zurück zu Delfino.
Das war geschafft! Gerade wollte ich mich auf mein Pferd schwingen, als plötzlich ein brennender Schmerz meine Hüfte füllte. Meine Beine wurden schlapp und ich sackte zu Boden. Es wurde immer dunkler und dunkler und schließlich schwarz ...

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Verfasst: Mi 14. Dez 2011, 23:35 
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"Lebt er noch?", sagte eine männliche Stimme zu einer anderen.
"Natürlich lebt er noch! Der Kapitän hat befohlen ihn nicht umzubringen!"
"W-was ist passiert?", fragte ich halb schlaftrunken. Ich lag auf etwas hartem, etwas hölzernem. Der Boden wippte mal nach links und mal nach rechts. Wo war ich?
"Hey, er ist wach!", rief einer der Männer zu jemanden, der sich hinter mir befand. Ich erkannte die Gesichter zweier Araber.
"Wo bin ich?", fragte ich benommen und richtete mich auf. Meine rechte Hüfte brannte wie die Hölle.
Ich schaute mich um und stellte fest, dass ich mich auf einem Segelschiff befand. Die Segel sagten mir, dass ich mich auf einer mediterranen Schebecke befand.
"Lasst mich mit Eurem Captain sprechen!", forderte ich, nachdem der Schmerz etwas nachgelassen hatte.
"Der Kapitän hat wichtigeres zu tun!", erwiderte ein Matrose.
"Dann sagt diesem Kerl, dass er seinen hochnäsigen Hintern hier her schieben soll! Ich will wissen, warum ich entführt wurde!"
Langsam wurde ich sauer! Wie konnten es diese Halsabschneider wagen mich zu entführen?!
Es waren Osmanen. Das erkannte ich an ihren auffällig krummen Säbeln.
"Noch immer hat sie das Kommando auf dem Schiff!", ertönte plötzlich eine weibliche Stimme hinter mir.
Ich schnellte herum und erkannte plötzlich das Gesicht einer wunderschönen jungen Araberin, die mir grimmig ins Gesicht schaute. Sie war etwas jünger als ich, vielleicht fünf Jahre, hatte lange schwarze Haare, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte, und bezaubernde braune Augen.
Mir blieben die Worte im Hals stecken.
"Ich ... also, ich ... was ... Ähem! Wieso werde ich hier gefangen gehalten?", fragte ich, als ich meine Stimme wiedergefunden hatte.
"Na was glaubst du wohl? Wir sind Korsaren. Das gehört zu unserem Beruf", antwortete sie und zuckte die Schultern.
Erst zu diesem Moment fiel mir auf, dass sie meinen Hut trug und dass mein Degen und meine Pistole in ihrem Gürtel steckten.
"Wie heißt du?", wollte sie wissen und nickte den zuhörenden Matrosen leicht zu. Diese verschwanden sofort von der Kulisse und machten sich wieder an ihre Arbeiten.
"Ich sag meinen Namen, wenn Ihr mir den Euren nennt", antwortete ich und verschränkte die Arme.
"Wie du willst. Ich bin Captain Yasmine bint Reza at-Marrākuš ibn Ahmad at-Fās ibn Ismail ibn Dschamal. Aber wenn Du mir deinen Namen nicht nennst, muss ich mir eben einen ausdenken", sagte sie sofort und verschränkte auch ihre Arme. Ihre Stimme klang wie der Gesang von Engeln, zwar etwas tiefer, aber dennoch wunderschön.
"Das ist gar nicht nötig! Ich bin Capitán Fernando del Castillo", antwortete ich.
"Capitán?! Ich sehe gar nicht dein Schiff?", sagte sie und lachte kurz.
"Natürlich nicht, man hat mich ja auch entführt!", sagte ich und lockerte meine Arme wieder.
"Schlaues Kerlchen! Das muss man dir lassen!"
"Okay, genug der Redereien! Ich will wissen, wohin ich gebracht werde!"
"So, so! Du redest niemals um den heißen Brei herum, nicht wahr? Sagen wir, es ist eine Überraschung!", antwortete sie und nickte einem Mann mit ziemlich breiten Schultern zu. Dieser packte mich sofort an meinen Schultern und zog mich in die Bilge.
Die Stunden vergingen und ich konnte in Ruhe nachdenken.
'Was haben die mit mir vor?', dachte ich und zählte Linien, die ein Gefangener zuvor an die Wand geschnitzt hatte.
Das Schiff war übersät mit aufwändig geschnitzten Verzierungen. An einigen Stellen war die Bordwand sogar mit Gold besetzt.
Ich saß auf einer leeren Kiste mit der Aufschrift: Obst
Darunter war das Symbol der East India Trading Company zu sehen. Und was lag daneben? Ein Finger schmückte den Boden und der Rest der Hand gab noch einen recht warmen Touch dazu.
"Was die wohl mit dem Rest des Körpers gemacht haben?", murmelte ich und kniete mich vor den Finger.
An ihm befand sich noch ein bronzener Ring. Die Hand sah wie die eines Mannes aus.
"Über Bord geworfen", sagte eine weibliche Stimme hinter mir. Ich ahnte schon, wer das sagte.
"Oh, seid Ihr etwa gekommen, um mich hinter Gittern zu sehen?", fragte ich hämisch und stand wieder auf.
"Nein, diesmal nicht. Ich brauche Eure Hilfe", sagte sie und legte ein Bündel von unidentifizierbaren Gegenständen auf eine Kiste.
'Wie bitte? Hab ich mich da gerade verhört? Erst lässt sie mich entführen, und dann bittet sie mich auch noch um Hilfe? Was ist das denn für eine Strategie?'
"Jetzt halten wir wohl erst an Förmlichkeiten fest, hä? Also gut, ich bin ganz Ohr", sagte ich tief ausatmend.
"Ich brauche Eure Hilfe, um einen Mann besuchen zu können. Er lebt in Edinburgh. Ich bin mir sicher, Ihr wisst, wo das ist, oder nicht?"
"Edinburgh? Natürlich weiß ich, wo das ist! Aber wieso kommt Ihr darauf, dass ich Euch dorthin bringen kann? Ich bin kein Brite, sondern Spanier. Und das macht die Lage doppelt so schwer, nicht wahr?", antwortete ich.
"Das wusste ich schon, seit ich Euren Namen erfahren habe. Hört, ich brauche Eure Erfahrung im Kampf gegen die Briten. Bringt mich zu diesem Mann, und ich werde Euch danach freilassen."
"Nein, lasst mich frei, und ich werde Euch dann nach Edinburgh begleiten. Ich will schließlich zuletzt nicht als Möwenfutter am Mast hängen. Ich begleite Euch mit meinem Schiff dorthin, abgemacht?"
"Nein, wir sind schon fast im Atlantik. Wir können nicht umkehren!"
"Dann habe ich ja ganz schön lange geschlafen. Was war das, womit Ihr mich gepickst habt?"
"Das war eine Mischung aus Giften, die wir von unseren Reisen mitgebracht haben. Sie erhalten einen Menschen während seines Schlafes lange am Leben", erklärte sie.
"Was wollt Ihr überhaupt von diesem Mann, dass Ihr diese Reise aufnehmt?", fragte ich verwundert und trat einen Schritt näher an die Gitterstäbe heran.
"Dieser Mann hat die Fähigkeit in die Zukunft zu blicken. Das ist diese Reise auf jeden Fall wert!"
"Ich lasse nicht mein Leben für einen Mann, der angeblich in die Zukunft schauen kann. Ich meine, Ihr habt Euch da eigenes Seemannsgarn zusammengesponnen. Allerdings ... Ich habe es mir gerade überlegt. Ich werde Euch zu diesem Mann geleiten, wenn Ihr mir helft, diese Gegenstände zu finden", antwortete ich und holte das Pergament von dem alten Mann aus Jerusalem heraus. Es war der einzige Gegenstand, den man mir nicht abgenommen hatte.
"Wie es aussieht habt Ihr Euer Hab und Gut quer in der Welt verteilt. Haben die irgendeinen finanziellen Wert?"
Und schon leuchteten ihre Augen wieder.
"Das will ich ja herausfinden. Sind wir im Geschäft?"
Yasmine zögerte einen Augenblick und nickte.
"Dann holt mich erst einmal hier raus!", forderte ich und sie öffnete tatsächlich die Tür.
"Ich glaube, wir verstehen uns prächtig. Moment, es könnte sein, dass auch ich von den Briten gesucht werde. Das dürfte sich dann als noch schwieriger herausstellen. Habt Ihr Kampferfahrung mit Briten?"
"Ja, die habe ich", antwortete sie und ging voraus. Ich nahm die unbekannten Dinge, die sich als meinen Degen, meine Pistole, mein Geld und meinen Hut herausstellten, und positionierte sie an den richtigen Ort.
'Knall!!!', machte es plötzlich und eine Rauchwolke, angeführt durch eine eiserne Kugel, schoss von der linken Wand zur rechten und hinaus. Dasselbe geschah noch einmal, nur an einer anderen Stelle und tiefer. Ich rannte den Niedergang hoch und sah einen wilden Korsarenhaufen mit erhobenen Säbeln auf andere Seemänner zulaufen. Das andere Schiff hatte die Form einer Fregatte und war schwarz-gelb-schwarz bemalt.
"Captain?!", rief eine tiefe vertraute Stimme mir zu. Ich drehte mich und erblickte Bo'sun, der gerade die Hiebe eines Korsaren abwehrte.
"Bo'sun?! Äh ..., was machst du denn hier?", fragte ich verwundert und drehte mich zu meinem Schiff. Am Heck wehte die spanische Flagge. Das war also mein Schiff!
"Wie jetzt, du kennst diesen Kerl?!", fragte Yasmine halb wütend und wollte auf mich mit erhobenem Messer losgehen, doch Bo'sun hielt sie auf.
Sofort hatten die Kämpfe aufgehört und alles starrte auf uns.
"Du mieser Verräter! Für einen Augenblick habe ich dir vertraut!", brüllte Yasmine und versuchte sich von meinem Bootsmann frei zu kämpfen.
"Was nun?", fragte Bo'sun und hielt sie immer noch fest.
Ich überlegte kurz und kam dann zu einem Entschluss: "Kappt die Ruderkette, zerstört den Haupt- und den Vormast und lasst jeden der Besatzung auf diesem Schiff zurück, bis auf Yasmin. Sie wird mit uns kommen."
"Was?! Du miese, verräterische, räudige, stinkende, faulende Kakerlake! Wenn ich dich jemals in die Finger bekomme, dann werde ich dir die Kehle durchschneiden!", brüllte sie noch wütender.
"Ah, wie charmant", sagte ich und verdrehte gelangweilt die Augen.
"Was hat sie gesagt?", fragte mich Bo'sun, der kein Arabisch verstand.
"Das willst du gar nicht wissen, mein Freund! Sperrt sie in die Bilge! Oh! Achja, Yasmin! Keine Sorge, deine Zelle ist nicht so dreckig und gruselig und mit Fingern geschmückt, wie meine es war. Sie ist ganz wohnlich. Ich nehme an, du kannst dort einen Monat verharren", sagte ich und Bo'sun brachte sie auf mein Schiff.
Einer der Matrosen holte Delfino mit einem Flaschenzug aus dem Frachtraum und brachte ihn an Bord der Santa Cecilia.
Meine Besatzung verließ wieder die Schebecke und schoss mit zwei Kanonen, die jeweils mit Kettenkugeln geladen waren, auf die beiden Masten. Der Besanmast war lediglich der einzige Mast, der noch funktionstüchtig war. Allerdings war das Segel ziemlich durch den Angriff zerfetzt.
"Wie habt ihr mich gefunden?", fragte ich Bo'sun in der Offiziersmesse.
"Wir haben von einer Gruppe von Seeleuten gehört, die einen adlig aussehenden Mann weggeschleppt haben. Dann haben wir beschlossen, nachdem du nicht mehr wiedergekommen bist, dieser Spur zu folgen", antwortete Bo'sun.
"Da habt ihr richtig beschlossen", sagte ich und setzte mich hinter meinen Schreibtisch.
"Haben wir denn einen Kurs?", fragte er nach einer Minute.
"Ja, den haben wir. Setze Kurs auf Edinburgh!"

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Verfasst: Sa 17. Dez 2011, 18:33 
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Es hörte sich an wie das Gebrüll einer Hyäne und es war einfach nicht auszuhalten. Seit genau sechs Stunden waren wir unterwegs und Yasmine konnte einfach nicht aufhören herumzuschimpfen. Ich hatte alle Luken und Türen zwischen mir und dieser Frau geschlossen und konnte sie trotzdem laut und deutlich hören. Jedes einzelne Wort, das sie aussprach, nein, das sie brüllte, kostete mich einen weiteren Nerv.
Schließlich reichte es mir. Ich stieg aus meinem Bett und rannte schnurstracks in Richtung Bilge.
"Könntest Du jetzt bitte sofort Ruhe geben! Einige versuchen oben zu schlafen!", zischte ich.
"Ich verlange, dass Du mich sofort frei lässt und mir ein Ruderboot zur Verfügung stellst, ansonsten mache ich weiter!", keifte sie und holte schon tief Luft für weitere Flüche, als ich nicht antwortete.
"Wieso willst Du nach Edinburgh rudern?! Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich dorthin geleite! Ich werde dich freilassen, aber nur wenn Du versprichst, kein Sterbenswort mehr zu schreien!", flüsterte ich schließlich.
Sie überlegte einen Augenblick und nickte dann. "Abgemacht!"
Ich nahm einen Schlüssel und schloss die Tür auf.
Plötzlich griff sie nach meinem Messer und hielt es mir an die Kehle.
"Gib mir einen Grund dich nicht zu töten!", flüsterte sie in mein Ohr.
"Wenn Du mir die Kehle durchschneiden willst, bitte, nur zu! Aber denke daran, dass Du eventuell eine Kugel in die Leber bekommst. Und dann wirst Du stundenlang eines sehr schmerzhaften Todes sterben", erwiderte ich und deutete nach unten. Ich zielte mit meiner Pistole direkt auf ihren Bauch und war bereit abzudrücken.
"Du mieser Mistkerl!", fluchte sie und gab mir das Messer.
"Hör zu! Ich werde diese Aktion jetzt vergessen. Ich erlaube dir frei herumzulaufen. Ob es die Zelle oder das Deck ist, es ist egal. Wenn Du über Bord springen willst, dann mach das! Wenn Du beim nächsten Landgang abhaust, dann halte ich dich nicht auf. Aber solltest Du es wagen, irgend jemandem auf diesem Schiff Schaden zuzufügen, ohne, dass er dich beleidigt, vergewaltigt oder verletzt hat, dann werden wir sofort den nächsten spanischen Hafen anfahren und dich dann der spanischen Marine übergeben!"
Sie zögerte einen Augenblick und nickte wieder.
"Und Du hörst auf heraumzuschreien!"


Straße von Gibraltar, Atlantischer Ozean, 26. Juli 1750

Es war ein Morgen wie jeder andere. Der einzige Unterschied war unser Gast. Die Besatzung konnte sich nicht an sie gewöhnen. Sie vergaß manchmal, dass sie nicht mehr der Captain war. Sie erteilte meinen Matrosen Befehle und zog immer ihren Säbel, sobald ein Matrose nicht gehorchte. An diesem Morgen saß sie in Abständen von einer Vietelstunde in der Zelle, weil sie meinen Befehlen nicht gehorchte oder sie ignorierte.
Am Mittag beruhigte sie sich etwas und führte auch meine Befehle aus.
Wir passierten gerade mit äußerster Vorsicht Gibraltar. Kein Schiff, außer einigen englischen Fischerbooten, war zu sehen, was mich ziemlich beruhigte. Die Kanonen waren bereits geladen und kampfbereit. Ich sah durch das Fernrohr die Leute auf dem Festland, die sich versammelt hatten, um mich mit Mimik und Gestik zu beschimpfen. Sie warfen faule Tomaten in Richtung der Santa Cecilia oder sagten mit ihrer Mimik: "Hängt sie!"
"Wie charmant!", murmelte ich und steckte das Fernrohr weg. "Was sich Humphrey Bland alles einfallen lässt, um spanische Schiffe zu verjagen."
"Segel in Sicht!", brüllte ein Matrose auf dem Vorschiff. "Es sind die Briten!"
Wieder packte ich mein Fernglas aus und erkannte das größte Schiff dieser Flotte. Es war die HMS Belette.
"Verflucht noch eins!", sagte ich und übernahm das Steuer.
"Was tun wir jetz?!", fragte Yasmine aufgeregt.
"Wir kehren um! Klarmachen zur Wende!", befahl ich und riss das Steuer herum. Das Schiff drehte sich erst gegen den Wind, dann weiter, dass der Wind von Backbord kam und schließlich nahmen wir wieder Fahrt auf.
Die englischen Schiffe setzten die Segel und verfolgten uns.
"Die haben doch auf uns gewartet!", sagte Bo'sun und übernahm wieder das Steuer. "Wohin fahren wir jetzt?"
"Das weiß ich noch nicht!", antwortete ich und lehnte mich an die Rehling.
"Wir werden kämpfen!", sagte Yasmine nach einigen Sekunden.
"Yasmin, ich weiß deine Kampflust zu schätzen, aber wir haben da eine Flotte vor uns und selbst gegen die Belette haben wir keine Chance! Es sei denn ... Es sei denn, Cunningham hat gar nicht vor mich zu töten. Er sucht die Stadt genau so wie ich es tue. Und er weiß bestimmt, dass ich bereits die nötigen Gegenstände habe. Sonst hätte er uns schon längst in Neuspanien zur Strecke gebracht. Ich wette, unser George hat befohlen uns zu fangen. Er hat aber vergessen, dass Cunningham uns braucht. Ha! Er wird uns nicht töten. Wir segeln einfach durch die Blockade hindurch!" Das war für mich die einzige logische Erklärung.
"Wie kannst Du dir da so sicher sein?", fragte Yasmin.
Um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher. Cunningham hätte auch genau so gut die Gegenstände aus meinen kalten und toten Händen entreißen können. Ich zuckte also mit den Schultern.
"Das ist das Ende!", gab Yasmine plötzlich von sich und wandte sich von uns ab.
"Wo soll dann jetzt die Reise hingehen?", fragte Guillermo.
"Ich kenne da einen Mann, der sich mit antiken Gegenständen auskennt. Bo'sun, setze neuen Kurs. Auf geht's nach Teneriffa!", sagte ich und drehte das Steuer wieder. Das Schiff wendete und fuhr der Flotte entgegen. Ich hoffte, dass diese Schiffe nicht schneller waren als meines.
Aber ich hatte einen kleinen Trick auf Lager. Das Wasser an der afrikanischen Seite der Straße von Gibraltar war nicht sehr tief. Sie konnten mich nicht direkt verfolgen, was gut für uns war.
Dafür konnten uns die kleineren Schiffe verfolgen, aber mit denen wurden wir schon fertig.
"Moment! Was ist mit unserer Abmachung?!", fragte Yasmine etwas säuerlich.
"Im Moment sehe ich keine Möglichkeit unentdeckt nach Britannien zu gelangen. Auch wenn wir die britische Flagge hissen würden, mein Schiff ist mittlerweile zu bekannt. Man würde es erkennen. Wir werden nach Britannien segeln, wenn ich irgendwie an ein anderes Schiff gekommen bin!", antwortete ich. Yasmine verschränkte die Arme vor ihrer Brust und schaute mich vernichtend an.
"Auch wenn es dir schwer fällt das zu glauben, aber ich halte für gewöhnlich meine Versprechungen."
Bo'sun steuerte das Schiff in Richtung Küste. Die englischen Schiffe kamen mir entgegen und versuchten mich abzufangen.
Wir mussten so nah an die Küste heranfahren, dass wir sie fast berühren konnten. Aber die Engländer gaben nicht nach. Eine der Fregatten versuchte mit uns in Kontakt zu treten, indem sie Flaggensignale gab. Aber wir ignorierten diese und fuhren weiter.
Im Schutz der Küstenbatterien von Ceuta, einer spanischen Stadt auf dem afrikanischen Kontinent ließen wir die Schiffe hinter uns und wir segelten in den Atlantik hinaus. Die Schiffe waren also doch langsamer als meines. Sie wurden in der Ferne immer kleiner und schließlich waren es nur noch Punkte.
Als die Nacht einbrach hatten wir sie aus den Augen verloren.
"Von jetzt an werden sie uns nicht mehr stören!", lachte ich.
"Ach ja? Und was ist, wenn wir diesen Mann aufgesucht haben? Die Engländer werden uns dann wohl eingeholt haben", sagte Yasmin.
"Nein! Ist dir nicht aufgefallen, dass wir die ganze Zeit an der afrikanischen Küste entlang gefahren sind? Irgendwann sind wir dann nach Westen gefahren. Ich wette, die Engländer suchen uns jetzt am Kap der Guten Hoffnung", sagte ich und ging in meine Kajüte, um noch einmal auf die Seekarten zu schauen, um mich danach in die Koje zu legen.


Atlantischer Ozean, 1. August 1750

"Land in Sicht!", hörte ich eine Stimme aus der Ferne. Es war wie ein Traum. Ich schlief in der letzten Nacht außergewöhnlich gut und die See war ruhig. Nur eine kleine Brise war zu spüren, wenn man auf dem Deck stand. Ich nahm an, dass es sich um die Kanarischen Inseln handelte, die der Leichtmatrose gerade in der Ferne erblickte. Ich schaute auf die Uhr. Es war schon zehn.
Ich stand auf und zog mir meine Sachen an. Dann lief ich an Deck und begrüßte Bo'sun, der wie eine Eins am Steuer stand und das Schiff zu seinem Ziel manövrierte.
"Wohin soll ich das Schiff steuern?", fragte er.
"Wir segeln nach Buenavista del Norte. Die Stadt liegt im Nordwesten der Insel", antwortete ich.
Der Wind strich leise durch die Takelage und normalerweise durch meine Haare, wenn ich meinen "Sombrero Cordobés" nicht auf dem Kopf trug. Vier ganze Stunden dauerte es, bis wir die Insel erreicht hatten. Und drei weitere, bis wir die Stadt gefunden hatten, denn ich konnte mich nur vage an sie erinnern. Es war schon lange her gewesen, als ich die Kanaren zum letzten Mal besucht hatte.
Der Mann, der sich mit antiken Gegenständen auskannte, lebte in einem Dorf, einem kleinen Dorf, auf der Insel. Es war ziemlich klein und versteckt, deshalb trug es den Namen "Masca". Gerade mal einhundert Menschen, die meisten waren Weinbauern oder Handwerker, lebten in diesem Dorf.
Die Matrosen holten die Segel ein und ließen den Anker ins Wasser fallen.
"Bo'sun, Du hast jetzt das Kommando!", sagte ich an meinen Bootsmann gewandt. "Beiboot ins Wasser lassen!", rief ich meiner Crew entgegen. Und das tat sie auch. Ich stieg ins Boot ein und wollte gerade lospaddeln, aber Yasmine hielt mich auf.
"Warte! Ich komme mit!", rief sie und sprang ins Boot.
Ich paddelte das Boot zum Hafen von Buenavista del Norte und machte es fest.
"Wie weit ist dieses Dorf von hier aus entfernt?", wollte Yasmine wissen.
"Wir brauchen etwa einen Tag. Wir müssen noch durch die Sierra de Teno." Yasmine seufzte.
"Wieso haben wir nicht näher an diesem Dorf geankert?"
"Das Dorf liegt auf einem Berg. Es ist ziemlich schwierig dorthin zu gelangen. Der einzige sichere Weg ist die Straße, die von Buenavista del Norte nach Masca führt. Keine Sorge, wir werden, sobald wir angekommen sind, in der Taverne absteigen", antwortete ich.
"Hey, Fernando!", rief eine vertraute Stimme. Ich drehte mich herum und Guillermo kam mit Delfino angepaddelt. "Ihr hättet ihn fast vergessen!"
"Hab vielen Dank, mein Freund!" Deflino sprang auf den Steg und wieherte fröhlich.
Ich schwang mich auf mein Pferd und Yasmine direkt hinterher. "Ich muss mich verbessern. Es geht doch etwas schneller, als gedacht!"
"Was ist das für ein Pferd?", fragte Yasmine neugierig.
"Ein Schwarzer Andalusier. Er heißt Delfino", antwortete ich und tätschelte mein treues Ross. Schon wieder wieherte er und wir galoppierten los.
Wir ritten an den Häusern der kleinen Stadt vorbei und dann über eine Straße, die einen Berg hinauf führte. Nach dieser Serpentinenstraße erreichten wir die nächste Stadt, oder eher, das nächste Dorf. Handwerker saßen am Straßenrand und arbeiteten an ihren Werkstücken. Händler versuchten Bürgern billiges Zeugs anzudrehen, das die Leute gar nicht haben wollten.
Die Sonne ging langsam unter und mit dem Ertönen der Glocken wurden die Straßen immer leerer.
Nach diesem Dorf folgten nur noch Serpentinen. Ein Geschlängel quer durch die Sierra de Teno. Die Sonne war bereits hinter dem riesigen Berg an unserer rechten Seite verschwunden. Seltsame Pflanzen wucherten am Wegerand und mal begegnete uns ein Eselwagen. Der Schotterweg, auf dem wir galoppierten, wurde immer enger, war aber noch breit genug, um mit einem Wagen hindurch zu kommen.
Die Sonne war untergegangen, aber der Himmel war noch rötlich. Schließlich erreichten wir ein Schild mit der Aufschrift: Masca 1500 Fuß.
Wir hatten es fast geschafft. Makabererweise wurde es mit jeder Stunde wärmer, aber das störte uns nicht, im Moment jedenfalls.
Das erste Haus näherte sich und wir wurden auch sofort von einer älteren Dame mit einem grimmigen Blick begrüßt.
"Was ist denn mit der Frau passiert?", fragte Yasmine und schaute die Dame skeptisch an. "Man sagt doch, auf dem Lande sei die Freundlichkeit zuhause."
"Das kann ich nicht sagen. Ich habe die Bevölkerung eigentlich positiv in Erinnerung."
"In Erinnerung?"
"Ja, das hier ist mein Heimatdorf. Als ich zum Militär berufen wurde, bin ich nach Sevilla gezogen", antwortete ich und stieg von Delfino ab. Yasmine tat es mir gleich und wir banden ihn an einen Pfahl.
Das Dorf war recht klein und bestand aus mehreren Ortsteilen, die an verschiedenen Hängen lagen. Die Taverne, die meine Mutter führte, befand sich an einer Straße, an der an beiden Seiten jeweils ein Hang hinunter verlief. Am Ende der Straße war ein mit Pflanzen überwucherter Felsbrocken, der fast senkrechte Hänge besaß.
Links und rechts des Brockens waren gut fünfhundert Meter von der Straße entfernte riesige Berge, die noch höher waren als der Berg, auf dem sich Masca befand. Die Sonne schien nur mittags und nachmittags, da die Berge im Weg waren.
Ich öffnete die Tür des Gasthauses "La Casa de la Vista" und trat hinein. Das Erste, was ich sah, war ein strahlendes Lächeln einer geschätzten Fünfzigjährigen, die mich herzlich empfing.
"¡Bienvenido, mi amigo! Was darf ich Euch bringen? Wein, Bier, einen Braten oder vielleicht Fisch?" Die Dame schien überglücklich über Besuch zu sein, aber das Lokal war randvoll. Die Frau war schlank, hatte schon ein paar Falten im Gesicht, schwarze Haare und dunkelbraune Augen. Sie trug ein rotes Hemd und einen schwarzen Rock.
"Mama, Mama! Ich bin es, Fernando!", sagte ich und nahm ihre Hand. Sie erstarrte plötzlich, als ich meinen Namen nannte. Klatsch! Meine eigene Mutter gab mir eine Ohrfeige. Für den ersten Moment war ich schockiert, aber dann begriff ich.
"Wie kannst Du es wagen, erst jetzt aufzukreuzen? Dein Vater und ich haben uns große Sorgen gemacht. Wir dachten schon, Du wärst tot! Wir haben dich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Hattest Du es etwa nicht nötig, deine eigenen Eltern zu besuchen?"
Ihr stand die Wut förmlich im Gesicht geschrieben, aber dann beruhigte sie sich und umarmte mich.
"Wir haben dich ganz sehr vermisst, Fernandito!", schluchzte sie und drückte mich noch fester. Mir blieb die Luft weg.
"Ich habe euch auch vermisst!", keuchte ich und versuchte mich von ihr zu befreien. "Wo ist eigentlich Vater?", fragte ich, als sie mich schließlich losließ.
"Dein Vater ist im Garten und schaut nach den Weintrauben. Moment, wer bist Du denn?", fragte sie neugierig und schaute Yasmine stirnrunzelnd an.
"Das ist Yasmine Reza. Sie ist eine ... Freundin. Yasmin, das ist meine Mama Esmeralda", antwortete ich und trat einen Schritt zur Seite.
"Es freut mich dich kennenzulernen", sagte meine Mutter. Sie konnte das Grinsen auf ihrem Gesicht nicht verbergen.
"Es freut mich ebenfalls Euch kennenzulernen", sagte Yasmine und reichte ihr die Hand. Meine Mutter ignorierte die Hand und umarmte auch Yasmin.
"Willkommen in der Familie!"
Ich schlug mir so heftig die Hand vor die Stirn, dass es höllisch weh tat. Auch Yasmine schien etwas irritiert zu sein.
"Äh ... Komm, wir suchen meinen Vater", sagte ich an Yasmine gewandt und flüchtete schnell durch den Hinterausgang.
"Willkommen in der Familie?!", fragte sie wütend, als wir das Gebäude verlassen hatten.
"Sei froh, dass sie nicht denkt, dass Du eine Zigeunerin oder, noch schlimmer, eine Korsarin bist!", antwortete ich halb belustigt und halb beschämt.
Die Gärten der vielen Häuser waren meist an Hängen platziert, damit viel Licht auf die Weinstöcke fallen konnte.
Ein Mann mit Sonnenhut und einem weißen Hemd zählte die Weintrauben an den Stöcken. Als ich mich ihm näherte, schaute er hoch.
"Fernandito! Mein Junge, Du bist wieder da!" Im Gegensatz zu meiner Mutter erkannte mich Papa sofort und er war, auch wie sie, sehr glücklich. Von ihm erhielt ich aber keine Ohrfeige. Er ließ den Korb mit Weintrauben gefüllt fallen und umarmte mich.
Seit er aus dem Militär ausgestiegen war, hatte er etwas zugenommen. Er hatte graues Haar, braune Augen und einen schwarzen Schnurrbart.
"Papa, ich möchte dir eine Freundin vorstellen. Das ist Yasmin. Yasmin, das ist mein Papa Rafael", sagte ich und trat wieder einen Schritt zur Seite. Auch mein Vater umarmte sie, sagte aber nichts. Yasmine war schon wieder irritiert, konnte sich aber noch fangen und den Wunsch unterdrücken, sich loszureißen und wegzurennen.
"Komm, wir müssen deine Rückkehr feiern!", sagte mein Vater und zog mich zurück ins Haus.
Meine Mutter empfing uns mit einem kräftigen Braten und ziemlich viel Wein. Wir setzten uns an einen langen Tisch und begannen zu speisen.
"Auf unseren Sohn, der wieder nach Hause gekommen ist!", brüllte mein Vater durch das Lokal und alle Anwesenden erhoben gleichzeitig ihre Krüge.
Yasmine schien das gar nicht zu gefallen. Sie zog an meinem Ärmel. "Hey, Fernando! Hast Du etwa vergessen, weshalb wir hier sind?", zischte sie.
"Nein, natürlich nicht! Aber ich habe meine Eltern seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Wir werden den Kerl morgen aufsuchen. Er wird uns ja nicht weglaufen ... Das hoffe ich jedenfalls."
Yasmine verdrehte die Augen und verschränkte ihre Arme. Den ganzen Abend bis nachts um ein Uhr feierten wir fröhlich, aßen unseren Braten und tranken zufrieden Wein. Dann waren wir aber alle reif für's Bett.
"Ich fürchte, Fernando, Du hast für heute genug!", sagte sie und half mir beim Aufstehen. Ich hatte etwas zu viel Wein getrunken und schaffte es nicht alleine ins Bett. Sie half mir die Treppe hoch und legte mich in mein Bett, was meine Eltern zur Erinnerung noch behalten hatten.
Normalerweise vertrug ich keinen Alkohol, deshalb war ich schon nach drei Gläsern betrunken. Aber dafür war ich schnell wieder munter. In der Nacht stand ich auf und öffnete das Fenster in meinem Zimmer. Yasmine hatte ihr eigenes Zimmer bekommen. Meine Eltern hatten erst im Laufe des Abend mitbekommen, dass wir kein Paar waren.
Die frische Luft drang durch meine Nase. Ich hatte direkten Blick ins Tal. Ich schaute nach rechts und erkannte einige Strolche, die in dieser Nacht ihr Unwesen trieben. Und auch den riesigen Felsen, der mir die Sicht zum Meer verdeckte. Ich hatte schon vergessen wie schön es auf dieser Insel war. Und wie schön dieses Dorf war. Ich hatte eine außergewöhnlich schöne Kindheit gehabt und meine Eltern hatten nie daran gedacht mich zu schlagen. Wirklich zu schlagen. Ich hatte zwar ab und zu Ohrfeigen bekommen, aber daran hatte ich mich schon als Sprössling gewöhnt.
Ich wandte mich vom Fenster ab und stöberte nach meinen alten Spielsachen. Ich hatte eine ganze Kiste davon. Ein Schaukelpferd, das mir mein Vater gebaut hatte, stand neben der Kiste, und ein Holzschwert lag direkt daneben, wo noch mein richtiger Degen lag. Ich öffnete die Kiste und fand sofort ein hölzernes Segelschiff, das ich während meiner Kindheit immer den Bach hinunter schwimmen gelassen hatte. Ich hatte es damals Santa Cecilia getauft. Neben dem Schiff fand ich noch mehrer Zinnsoldaten, die aber schon halbwegs kaputt oder verfärbt waren. Auf dem Boden der Kiste lag noch ein Koffer. Ich öffnete diesen und spähte hinein. Es war meine alte Gitarre, die ich zu meinem dritten Geburtstag bekommen hatte. Ich hatte sofort das Spielen erlernt und mich dafür begeistert.
Ich entnahm das Instrument, setzte mich auf mein Bett und begann zu zupfen. Ich spielte gerne arabische Lieder, weil sie einfach wunderschön klangen. Einige konnte ich nicht mehr spielen, aber ich hatte ja genug Zeit, um sie wieder zu erlernen.
Da saß ich also. Auf meinem Bett sitzend spielte ich die arabischen Töne, die die Mauren vor dreihundert Jahren auf der Iberischen Halbinsel gespielt hatten.
Plötzlich öffnete sich die Tür und eine Silhouette erschien im Türrahmen.
"Darf ich hereinkommen?", fragte eine vertraute Stimme. Sie hörte sich an, wie die von Yasmin.
"Ja, komm herein", antwortete ich und legte die Gitarre weg. Yasmine setzte sich neben mich auf's Bett.
"Wie lange, sagtest Du, warst Du schon nicht mehr hier?"
"Du bist doch nicht etwa gekommen um mich das zu fragen, oder?", fragte ich skeptisch.
"Nein, eigentlich nicht. Ich habe nur die Töne gehört, die dein Instrument von sich gegeben hat. Das hat mich an meine Heimat und Kindheit erinnert. Ich bin auch in einem Bergdorf aufgewachsen, bloß in etwas ärmlicheren Verhältnissen. Weißt Du, meine Eltern entstammten dem nördlichen Maghreb. Ich bin eigentlich nur Korsarin geworden, weil ich meiner Familie damit helfen wollte. Naja, leider habe ich damit das Gegenteil erzielt. Ein arabischer Feldherr hat meine Familie hinrichten lassen, als ich mit meinem Schiff einen Handelskonvoi überfallen habe", sagte sie und schniefte. Es war dunkel und ich konnte nicht erkennen, welchen Gesichtsausdruck sie hatte, aber ich konnte hören, wie sie sich fühlte. Sie schluchzte mehrmals und schmiegte sich an mich heran. Ich hatte in diesem Moment gar keine andere Wahl: Ich legte meinen Arm um sie.
"Tut mir leid, ich glaube, ich langweile dich damit, oder?", fragte sie und entwich meinem Arm.
"Um Himmels Willen, nein! Wenn du gerne weitermachen willst, dann tu das. Ich weiß, ich bin nicht der Beste im Trösten, aber ich tu mein Bestes. Und außerdem ..." Sie hörte mir gar nicht zu, sondern schnellte mit ihrem Kopf nach vorne und küsste mich auf die Lippen.
"Yasmin, was tust ..." Und schon wieder küsste sie mich und drückte mich in das Kopfkissen. Ich war schockiert und fasziniert zugleich. Ich hatte sowieso keine Chance mich in irgendeiner Weise zu wehren, deshalb ließ ich mich einfach gehen ...

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4. Der verrückte alte Mann

Masca, Teneriffa, 2. August 1750

Der nächste Tag rückte langsam an und ich hatte einfach keine Lust aufzustehen. Ich war ziemlich müde. Aber etwas war anders. Ich teilte mein Bett mit etwas anderem. Mit ... einer Frau. Wer war sie? Ich wusste es tatsächlich nicht. Als sie schließlich die Augen aufmachte, erinnerte ich mich. Es war Yasmin.
"Guten Morgen, Fernandito!", sagte sie lächelnd und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ich erwiderte den Kuss und stand auf, um mich zu recken und zu strecken.
Es war ein herrlicher Morgen. Das Fenster stand immer noch weit offen und die Sonne schien hinein. Einen so schönen Morgen hatte ich lange nicht mehr erlebt. Ich hörte das Gelächter der Kinder auf der Straße und das Klappern von Pferdehufen. Auch drang Gelächter aus dem Lokal. Ich zog mich an und machte mich auf den Weg zum Frühstück. Yasmine verschwand in ihrem Zimmer und zog sich ihre Sachen an.

"Habt ihr das gelesen? Johann Sebastian Bach ist vor fünf Tagen gestorben. Schade eigentlich. Ich habe seine Werke geliebt", sagte mein Vater, der an einem der langen Tische saß und die Zeitung las.
"Was? Ist das wahr? Naja, der war ja auch schon etwas alt, findest Du nicht?", antwortete ein vollbärtiger alter Mann, den ich als Martinus Álvarez kannte. Er hatte einen großen Strohhut auf dem Kopf und saß meinem Vater gegenüber. Martinus war mein alter Geschichtslehrer aus der Schule. Ich hatte ihn immer bewundert. Er war ein toller Mann.
"Señor Álvarez, es ist schön Euch zu sehen!", sagte ich, als ich die Treppe herunterkam.
"Fernandito! Wie geht es denn meinem besten Schüler? Aus dir ist ja ein richtiger Seemann geworden, hab ich Recht?"
Ich kannte Martinus immer als einen fröhlichen und lustigen Mann, der anscheinend noch niemals ohne Vollbart unterwegs war. Er unterschied sich sehr von den anderen Lehrern. Alle anderen waren Sturköpfe.
"Ja, in der Tat. Es ist gut, dass ich Euch treffe. Ihr habt mit Sicherheit noch Diego Espinosa in Erinnerung, hab ich Recht?"
"Du meinst diesen Diego, der mit deinem Vater die Schulbank gedrückt hatte? Ja, ich kenne ihn noch. Er wohnt nicht weit von hier entfernt. Am Ende der Straße, wenn ich mich nicht irre", sagte Martinus.
"Danke sehr, Señor! Es tut mir sehr leid, aber ich muss jetzt weiter."
"Moment! Wohin willst Du?! Du bist doch erst gerade gekommen!" Meine Mutter, die das alles mitgehört hatte, war wütend und traurig zugleich.
"Mama, ich bin eigentlich auf einer königlichen Mission. Sobald ich noch einmal die Zeit finde, werde ich euch wieder besuchen. Aber jetzt muss ich los!", sagte ich, umarmte noch einmal meine Eltern, gab Martinus die Hand, holte Yasmine und verließ das Haus.
"Wissen wir jetzt, wo dieser Mann wohnt?", fragte sie.
"Ja, das wissen wir. Der Mann heißt übrigens Diego Espinosa. Er war Kapitän und der Vorgesetzte meines Vaters", antwortete ich. Das Haus war nur wenige Meter von der Taverne meiner Mutter entfernt. Ich klopfte gegen die Tür und ein etwas älterer Mann öffnete sie. Er war wie mein Vater etwa fünfzig Jahre alt, dafür sah er noch sportlich aus. Anscheinend war er noch als Kapitän tätig. Er hatte dunkelgraue, kurze Haare und einen "Henri-Quatre-Bart".
"Kann ich euch helfen?" Diego hatte eine sehr tiefe und beruhigende Stimme.
"Ich bin Fernando del Castillo. Ich würde Euch gerne ein paar Fragen über das hier stellen", sagte ich und holte das Stück Pergament heraus, das ich von dem alten Mann in Jerusalem bekommen hatte.
"Ähm ... Tretet bitte ein", sagte der Mann und öffnete die Tür etwas weiter. Wir betraten das Haus und setzten uns an einen Tisch. Es war ein typisches Bürgerhaus, das man überall in Spanien und in seinen Kolonien fand. Es hatte zwei Stockwerke - das zweite Stockwerk war nur durch eine Treppe, die sich außerhalb befand, zu erreichen - und es war weiß.
"Ihr seid also hinter dem Tempel des Todes her, hm?"
"Nein, wir sind hinter einer verschollenen Stadt eines alten Volkes her", antwortete Yasmine und setzte sich neben mich.
"Die Stadt, die ihr sucht, ist keine Stadt, sondern ein Tempel. Sie wird in alten Schriften nur als Stadt bezeichnet, weil dort nach dem Glauben der Azteken der Gott des Todes mit seiner Familie wohnt."
"Und was ist mit dem Schatz?", fragte Yasmine neugierig.
"Ja, in den alten Schriften wird auch ein Schatz erwähnt. Aber das Wort "Schatz" hat in fast jeder Kultur eine andere Bedeutung. Leider weiß ich nicht, was hiermit gemeint ist. Es könnte Erkenntnis sein, oder ein Heiligtum der Azteken."
"Dann sind das alte Volk also die Azteken? Haben sie diese Stadt ... äh, diesen Tempel erbaut?"
"Mit großer Wahrscheinlichkeit, ja. Diesen Tempel zu finden ist nicht das Problem, sondern ihn zu öffnen. Ich selber habe vor einer halben Ewigkeit versucht an diesen "Schatz" zu gelangen. Es hat mich meine gesamte Crew und mein Schiff gekostet, weil der Tempel nicht zu öffnen war. Leider habe ich vergessen, wo sich dieser Tempel befindet. Aber eines kann ich euch sagen. Was auch immer ihr gehört habt, der Tempel befindet sich nicht in Südamerika, sondern in der Karibik. Wie ihr wisst, hatten die Azteken keine Tempel in Südamerika gebaut, sondern nur in der Karibik und in Mittelamerika. Wie ich hier sehe, werden bestimmte Gegenstände benötigt, um zu diesem Tempel zu gelangen. Leider kann ich damit auch nichts anfangen. Aber von dem Mictlancihuatl-Götzen habe ich schon gehört", sagte Diego und gab mir den Fetzen zurück.
"Was hat das mit dem Geisterschiff auf sich?", fragte ich.
"Das Geisterschiff? Manche sagen, es sei bloß eine Illusion. Das Schiff, welches Ihr im Lago de Maracaibo gesehen habt, existiert nicht! Aber in der Tat gibt es ein Geisterschiff. Seit fast einhundert Jahren kreuzt es in der Karibik umher und überfällt Schiffe. Leider kann ich nicht sagen wie es heißt, oder wer es segelt."
"Was könnt Ihr uns über diesen Götzen sagen?", fragte ich und deutete noch einmal auf das Wort "Mictlancihuatl".
"Der Mictlancihuatl-Götzen ist eine kleine Goldstatue des Gottes des Todes der Azteken "Mictlancihuatl". Seit über hundert Jahren hat man nichts mehr von ihm gehört. Man erzählt sich Geschichten, dass der Götze vernichtet wurde. Wenn dem so ist, dann tut es mir leid. Auf den Schriften steht, dass dieser Götze benötigt wird, um ins Innere des Tempels zu gelangen."
"Wo sind diese Schriften?", fragte Yasmin.
"Es sind Tontafeln. Allerdings sind sie im Besitz der East India Trading Company. Auf ihnen ist auch beschrieben, wo die besagten Objekte zu finden sind, die dazu beitragen den Tempel zu öffnen."
"Wer hat die Hinweise hinterlassen?", fragte ich und schaute aus dem Fenster, als ich ein Geräusch hörte. Ein Gesicht, das sofort verschwand erkannte ich. Es war das Gesicht eines alten Mannes.
"Die Azteken! Sie hinterließen diese Hinweise, nicht damit Cortés sie in die Finger bekam, sondern, damit sie sie selber wiederfinden konnten. Nach einer Legende hat Mictlancihuatl die Gegenstände an weitere Götter anderer Kulturen weitergegeben, um den Tempel zu schützen. Er hatte sie nicht vernichtet, weil er befürchtete, dass der Schatz dann für immer verloren wäre. Aber Cortés hatte einen Weg gefunden diesen Tempel zu öffnen - ohne die Gegenstände. Mictlancihuatl war erzürnt und hat den Schatz mir einem Fluch belegt. Der Schatz besteht aus zwei Teilen. Einer Kette und einem Kristall. Die Kette hatte der Totengott in einer Höhle am Lago de Maracaibo versteckt und den Kristall in dem Tempel, den Ihr suchen wollt. Ich nehme an, die Kette habt Ihr gefunden und die Wirkung des Fluches bemerkt", sagte Diego, stand auf, ging zu einem Regal und holte ein Stück Pergament heraus. Auf ihm war eine Zeichnung zu erkennen, eine Zeichnung der Kette und des Kristalls.
"Ja, die Kette hab ich schon gesehen. Aber, sagt mir, was vermag der Kristall anzurichten, wenn Mictlancihuatl ihn vor der Öffentlichkeit versteckt?", fragte ich und schaute mir die Zeichnung genauer an.
"Die Kette hat die Wirkung, den Träger zu reizen und ihn unter ihre Kontrolle zu bringen. Aber der Kristall vermag es, den Besitzer mit Macht und Unsterblichkeit zu versehen. Ich kann Euch nur eines über den Kapitän des Geisterschiffes erzählen: Er fürchtet diesen Kristall mehr als den Tod. Es gibt allerdings einen Mann, der seltsame Geschichten über dieses Schiff erzählt. Er sagte, er sei einmal Mitglied der Crew gewesen. Er lebt nicht weit von hier. Aber Ihr werdet ihn vermutlich auf dem Weg zu seinem Haus finden. Es war der Mann, der gerade eben durch das Fenster gespäht hatte", sagte Diego.
Ich sprang sofort auf, bedankte und verabschiedete mich bei ihm und wir verließen das Haus. Wir rannten die Straße hoch, an der Taverne meiner Mutter vorbei und erreichten den alten Mann an einer Kreuzung. Er war recht flott unterwegs, aber wir konnten ihn einholen.
"Bitte, tut mir nichts! Ich bin nur ein einfacher Bauer und habe noch nie ein Verbrechen begangen!", winselte der Mann und fiel auf die Knie.
"Seit Ihr jener Mann, welcher damals auf einem Piratenschiff mitgesegelt ist?", fragte ich und zog den Mann an seinem Arm wieder hoch.
"Kein Piratenschiff, nein! Es war ein spanisches Schiff, ja! Man sagte, der Kapitän sei der Teufel höchst persönlich. So wie ich das sehe, war ich der einzig "normale" Matrose an Bord. Alle anderen waren besessen. Besessen von Ruhm, Reichtum und Macht. Vor allem der Kapitän. Und jetzt eine Frage an dich, mein Junge. Wer war wohl der Mann, dessen Gier nach Gold legendär war?"
"Meint Ihr ... Hernán Cortés?", fragte ich verwundert. Der Mann schien etwas verwirrt zu sein. Und auch ziemlich verrückt. Cortés war schon seit zweihundert Jahren tot gewesen.
"Wie kann das möglich sein?", fragte Yasmine ungläubig.
"Ja, es ist möglich! Man sagt, er wäre in seinem Haus gestorben. Aber das ist gar nicht wahr! Ich meine, das ist schon wahr! Er ging einen Pakt mit Mictlancihuatl ein. Er würde weiterleben, dafür stellte der Totengott ihm eine Herausforderung. Er soll den Kristall aus dem Tempel holen, den der Totengott für seinen Schatz hielt. Cortés meisterte diese Aufgabe, starb und stand aus seinem Grab auf. Seit dem geistert er durch die sieben Weltmeere und sucht nach den Gegenständen, die dazu nötig sind, um den Tempel zu öffnen. Der Totengott hat den Tempel mit einer Falle versehen, sodass er nicht mehr so zu öffnen ist, wie es Cortés einst tat. Wie genau der Tempel zu öffnen ist steht auf den Tontafeln, aber das habt ihr ja von Captain Espinosa erfahren, oder nicht?", sagte der Mann und setzte seinen Hut ab. "Erzählt mir nach Eurer Rückkehr von dem Schatz, ja?"
"Aber nur, wenn Ihr uns verratet, wo dieser Schatz sein soll!", forderte Yasmin.
"Tja, wenn ich das wüsste. Man hat uns leider nicht mitgeteilt, wo sich der Tempel befindet, ja! Aber ich bin mir ganz sicher, dass sich der Tempel in der Karibik befindet. Ich kann dir etwas über einen Gegenstand erzählen. Die Feder: Die Feder war Cortés einziger Gegenstand, den er gefunden hatte. Nachdem er von den Toten zurückgekehrt war, versteckte er die Feder zusammen mit einem Ring und einem Saphir in einer Schatulle auf La Española. Ob sie sich heute noch dort befindet, weiß ich nicht, ja. Aber ich kann dir sagen, das Cortés sich diese Schatulle wieder beschaffen wird. Derjenige, der sie jetzt besitzt, tut mir jetzt schon leid", sagte der Mann und zuckte mit den Schultern.
Plötzlich bekam ich Bauchschmerzen. War es wegen des Schocks, der mich ergriff, oder war es die Kälte, die mir den Rücken hinunter lief? Ich wusste es nicht.
"Stimmt was nicht, Fernando?", fragte Yasmine und legte ihren Arm auf meine Schulter. Ich griff in meine Tasche und zog die Schatulle hervor, die ich auf La Española gefunden hatte.
"Gott steh dir bei, mein Junge. Geh bloß weg von mir! Los, verschwinde, ja!", rief der alte Mann und rannte von uns weg.
Auch Yasmine schien plötzlich große Angst zu bekommen, aber das hatte sie schnell im Griff.
"Wir sollten ganz schnell von hier verschwinden!", murmelte ich und wir rannten sofort zu Delfino, um mit ihm nach Buenavista del Norte zu reiten.
Wir ritten so schnell, dass es mir vorkam, als würden wir fliegen. Wir ritten die Serpentinen entlang, an Feldern vorbei und schließlich erreichten wir die Hafenstadt.
Delfino machte es sich auf dem Ruderboot gemütlich und Yasmine und ich hechteten hinterher. Nach wenigen Minuten erreichten wir endlich die Santa Cecilia und Delfino wurde per Flaschenzug an Bord gehoben.
"Lichtet den Anker, setzt die Segel und ladet die Kanonen!", brüllte ich meiner Mannschaft entgegen.
"Was ist passiert?", fragte mich Bo'sun von der Seite.
"Aaaaahhh!", gab ich von mir und stolperte fast zurück ins Meer. "Äh ... gar nichts! Wir sollten nur machen, dass wir hier weg kommen!", wimmerte ich und verzog mich in meine Kajüte.
"Fernando! Welchen Kurs soll ich einschlagen?!", sagte Bo'sun und pochte heftig gegen die Tür.
"Setze Kurs auf ... Port Royal!", rief ich entgegen und legte mich in mein Bett. Das war der erste Hafen, der mir eingefallen war.

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Verfasst: Fr 23. Dez 2011, 23:31 
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5. Der Junge aus Port Royal

Atlantischer Ozean, 15. August 1750

Dieser Tag war etwas besonderes. Was war an diesem Tag so besonders? Natürlich! Es war mein Geburtstag. Ich hätte ihn wirklich gerne mit meiner Familie gefeiert, aber die Umstände sagten die Feier ab. Stattdessen feierte ich mit meiner Crew, und das war auch etwas besonderes.
Ich stand an jenem Morgen halb fröhlich und halb krank vor Angst aus meinem Bett auf, zog mich an und gesellte mich zu meiner Liebsten, die Bo'sun schon Geschichten erzählte.
"Feliz Cumpleaños, mi Capitán!", empfing mich Guillermo und drückte mir ein Päckchen in die Hand. "Das ist ein Geschenk der ganzen Crew!"
Ich öffnete es und holte dessen Inhalt heraus. Es war ein goldener Handkompass und eine Zinnfigur, die etwa so groß war wie meine Faust. Ich erkannte den Knaben, den die Figur darstellte. Es war der sehr geehrte Captain Juan Fernando del Castillo García. Meine Augen füllten sich sofort mit Tränen.
"He, Fernandito!", sagte Yasmin, umarmte mich, drückte mir einen Kuss auf die Wange und und überreichte mir auch ein Päckchen. "Alles Gute zum Geburtstag, mein Captain!"
"Wow, ich muss sagen, ich bin ... gerührt. Ihr seid wirklich eine tolle Bande", sagte ich und erhob meine Stimme, "Und zu Ehren dieses Tages, werde ich Kurs auf Tortuga setzen!" Das ganze Schiff jubelte und brüllte vor Freude.
Die Besatzung strengte sich an diesem Tag, und auch an den darauffolgenden, besonders an, da sie schon lange keinen besonderen Landgang mehr erlebt hatten. Seit einem Vierteljahr streiften wir durch die Meere, ohne jegliche Belustigung, jetzt war etwas Spaß an der Reihe. Und wo konnte man noch mehr Spaß erleben, als in Tortuga? Es war natürlich eine Pirateninsel, aber jedes Schiff, das dort ankerte, egal, ob es ein Piratenschiff war oder nicht, war willkommen. Tortuga war der Hauptknotenpunkt des Schmuggels und der wichtigste Standort für jegliche Tavernenbesitzer, denn die konnten sich auf dieser Insel mit dem Geld, das sie einnahmen, schon adeln lassen.

Solche Fahrten zwischen zwei Welten konnten ziemlich langweilig werden. Die Besatzung war zwar hocherfreut über die Nachricht in Tortuga anzulegen, aber das Wetter raubte uns ziemlich die Laune. Es war heiß, sehr heiß. Wir machten mit diesem "orkanartigen" Wind einen halben Knoten. Die Segel standen still und flackerten nur ein wenig, wenn sich mal ein Lüftchen in die Takelage verirrte.
Ich saß auf einer Kiste, den Mantel ausgezogen und zählte meine Finger. Ich wusste nicht, wieso ich das tat, aber es unterhielt mich.
Bo'sun hatte sich einen Sessel aus Planken und Segeltuch gebaut und stellte diesen neben das Steuer. Yasmine saß auf dem Bugspriet und schaute in die Ferne. Guillermo hatte einige Mitglieder der Besatzung, darunter auch Doktor Hawkins, unseren Schiffsarzt, auf ein gewaltiges Kartenspiel eingeladen. Aber die Hälfte der Eingeladenen war viel zu träge und somit musste sich unser Kanonier mit fünf Mann begnügen.
Die Stunden verstrichen und wir hatten eine Strecke von sage und schreibe zwei Seemeilen zurückgelegt.
Langsam wurde es wieder Abend und ich saß am langen Tisch in der Offiziersmesse. Ich hatte dort meine Utensilien ausgebreitet, weil auf meinem Schreibtisch in meiner Kajüte kein Platz war. Allerdings musste ich mich beeilen, denn es gab wenig später Abendessen. Unser Koch João wollte an diesem Abend einen Kuchen aus Zutaten backen, die er auf Teneriffa besorgt hatte.
Wie er allerdings die Zutaten solange einfrieren konnte, dass sie nicht schlecht wurden, hatte er uns nicht verraten.
Außerdem hatte Guillermo die verrückte Idee, den Schiffsofen zu einem Barbecueofen umzufunktionieren, um dann Würstchen für die gesamte Mannschaft zuzubereiten. Wir brauchten den Ofen für die Überfahrt nicht mehr, weil es schon so zu heiß war. Deshalb wollten wir die Würstchen abends bis nachts essen.
Die Sonne legte sich in ihr tägliches Salzbad und wir waren selber noch am brutzeln. Es waren, sogar abends noch, fünfunddreißig Grad Celsius. Als die Sonne dann untergegangen war waren es nur noch fünfundzwanzig Grad.
Wir beschlossen an diesem Abend unter anderem auch noch zu musizieren. Doktor Hawkins spielte Geige, Señor Crosby Kontrabass, Teniente Herodias Cello, Señor Fernández spielte Cura und Teniente Sánchez und ich spielten Gitarre. Bo'sun konnte hervorragend Congas spielen und begleitete unser kleines Orchester mit seinen Trommeln. Was mich überraschte war, dass Yasmine sang. Und zwar sehr gut. Vor jedem Lied einigten wir uns auf das nächste und dann begannen wir zu spielen.
Es war ein herrlicher Abend und es gab auch ein sehr leckeres Essen. Die ganze Mannschaft war auf dem Deck und wer keinen Platz mehr gefunden hatte, der hatte sich eben in der Takelage breit gemacht. Wir aßen, machten Musik, tanzten, erzählten uns Geschichten und Witze, lästerten über den englischen und französischen Hof und tranken. Ja, wir tranken. Ich trank! Es war ein vorzüglicher Wein.
"Also, ich möchte jetzt hier keinen Franzosen beleidigen, aber war schon mal jemand von euch in Versailles? Also mir kommt dieser Palast ein wenig zu groß vor. Und dass der Rest der Welt da auch noch miteifern muss. Das ist doch Schwachsinn!", sagte Guillermo und schüttelte den Kopf.
"Der Rest der Welt, außer Spanien ... und Portugal", erwähnte ich und schaute zu João rüber, der zufrieden nickend meinen Blick erwiderte.
"Hehe, habt Ihr das gehört? Ich traf vor nicht allzu langer Zeit einen Burschen, der behauptete, er hätte den Klabautermann gesehen", sagte plötzlich Señor Crosby und nahm einen kräftigen Schluck Wein.
"Ja, durch den Boden einer Rumflasche", entgegnete ich.
"Und wenn das doch wahr ist?", fragte Yasmine mit einem Anzeichen eines Grinsen im Gesicht.
"Der Klabautermann ist alter Seemanngarn. Den hat sich mal irgend jemand auf einem Schiff zusammengesponnen, um entweder den Kindern oder der Besatzung Angst zu machen. Außerdem habe ich für alle Fälle ja ein Huhn dabei", antwortete ich und stellte meinen leeren Teller weg.
"Was hat das mit einem Huhn zu tun?", fragte Yasmine verwundert.
"Der Klabautermann hat Angst vor Hühnern!", antwortete Bo'sun und grinste.
"Hey, Leute! Ich habe erst kürzlich eine Geschichte über ein Geisterschiff gehört. Es soll in den ganzen sieben Weltmeeren umhergeistern und nach verlorenen Artefakten suchen. Man sagt, der Kapitän des Schiffes wäre Hernán Cortés' Geist. Das Schiff trägt sogar den Namen Mephisto. Andere sagen, das Schiff wird von einer Sekte gesteuert, die durch die Karibik segelt und in jeder kleineren Siedlung die ganzen Kinder raubt, um sie dann für satanistische Zwecke zu missbrauchen. Wie Furcht einflößend!", sagte ein Matrose aus der Menge heraus.
"Hey, Seemann! Wie lautet Euer Name?", sagte ich und stand auf, um den Mann besser sehen zu können.
"Sergio Valentino, mi Capitán."
"Woher habt Ihr diese Geschichte?"
"Von einem Offizier der East India Trading Company. Um genau zu sein war er ein spanischer Spion. Er lebt heute noch in Port Royal."
Komisch, ich hatte diesen Hafen am Abend zuvor noch im Gedächtnis gehabt und ich hatte Bo'sun sogar den Befehl gegeben, dorthin zu fahren.
Ich war mir zu diesem Zeitpunkt sicher, dass in dieser Siedlung unsere nächste Informationsquelle lungerte.
"Okay, sobald wieder Wind aufkommt, wirst Du Kurs auf Port Royal nehmen!", sagte ich an Bo'sun gewandt. "Hisst die britische Flagge!", befahl ich der Crew und zog mich in meine Kajüte zurück. Mit diesem Befehl war der festliche Abend vorbei.

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