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Verfasst: Sa 5. Jan 2013, 17:17 
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Icnoyotl wusste wirklich einen Bereich einzugrenzen, in dem man suchte. Aber immerhin mussten wir uns nicht mehr auf ganz Indien konzentrieren. Obwohl Karnatik recht groß war, war ich froh über Icnoyotls Informationen. Es war verständlich, dass sie so einen Hass gegen Cortés hatte. Immerhin hatte er ihre Vorfahren geschändet wie kein anderer!
Wir mussten uns beeilen, denn ein Wachposten, der wenige Meilen vom Strand, an dem wir geankert hatten, sagte mir, dass sich ein Schiff mit schwarzen Segeln näherte. Es war zwar noch am Horizont, aber ich war mir sicher, dass es sich in den nächsten Stunden ändern sollte. Wir hatten allerdings mehr Zeit, als ich erwartet hatte, denn der Wind hatte seit unserem Ankommen etwas abgeflaut.
Ich befahl den Männern, die ich für dieses Unterfangen ausgewählt hatte, sich entsprechend auszurüsten. Da wir auf keinen Fall Aufsehen erregen wollten, zogen sich die zwanzig Gardisten mit Zivilkleidung an. Die Musketen und Degen nahmen sie aber dennoch mit. Zwanzig Matrosen, mit Entermessern und Pistolen bewaffnet, folgten mir ebenfalls. Und da waren noch Yasmine und Bo'sun, die mir sowieso überall hinfolgten, Señor Aurentius, unsere beiden neuen Freunde Señor Sparrow und Señora Cumberland, und Doktor Hawkins. Natürlich wollte Alejandro nicht fehlen, der mit den Armen rudernd den Niedergang hinaufgestürmt kam und rief: "Nehmt mich mit! Nehmt mich bitte mit!"
Einen Prediger dabei zu haben war sicherlich nicht falsch, da er die Mannschaft aufmuntern konnte. Deshalb durfte auch er mitkommen.

Bevor ich meinem zweiten Offizier das Kommando über mein Schiff erteilte, bat ich noch Bo'sun zu mir, der gerade seine Pistole säuberte.
"Nun, ich weiß, dass wir seit geraumer Zeit sehr gute Freunde geworden sind, allerdings muss ich etwas tun, was ich selbst nicht gerne tue. Da du weder Offizier noch Mitglied der spanischen Marine bist, ist es meine Pflicht jemanden als meinen ersten Offizier zu wählen, die der Marine auch angehören", begann ich und wartete auf Bo'suns Reaktion.
"Du willst mich also feuern?", fragte er mit einem fast gleichgültigen Tonfall.
"Großer Gott, nein! Ich will dich nicht feuern. Ich habe dich die letzten Jahre als meinen ersten Offizier betrachtet, weil du hervorragende Arbeit leistest. Bis jetzt habe ich noch kein einziges Mal an deinen Fähigkeiten zweifeln müssen. Aber ich unterstehe wieder der königlichen Armada, was heißt, dass meine Offiziere Offiziere der Marine sein müssen. Die Marine würde niemanden als einen Kommandanten anerkennen, der keine Offizierslaufbahn eingeschlagen. Bis vor kurzem befanden wir uns ja nicht im Dienst seiner Majestät."
"Also feuerst du mich doch?"
"Nein! Ich übertrage nur den Posten des ersten Offiziers an jemanden, der eben diese Laufbahn eingeschlagen hat. Du behälst natürlich weiterhin deinen Posten als Bootsmann und Navigator. Und deine Ratschläge werde ich noch weiterhin genauso bedenken, wie ich es bisher getan habe. Bloß erhälst du keine Kommandoaufgaben mehr."
Nach dieser Erklärung schien er sich etwas zu lockern. Offensichtlich verstand er.
"Nun, wenn es nur das ist ... Ich finde, ich war schon etwas überfordert mit meinen vielen Positionen, die eigentlich fünf Mann hätten erledigen können", antwortete er grinsend.
"Ach, ehrlich? Davon habe ich allerdings nichts mitbekommen. Dein Leiden muss mir wohl in den Jahren entgangen sein", sagte ich halb lachend.
"Wer wird denn mein Nachfolger?"
"Teniente Reyes. Er ist ein sehr außergewöhnlicher Mann und ich kann über seine Fähigkeiten als Marineoffizier nur staunen", sagte ich und suchte meinen derzeitigen zweiten Offizier, der gerade an der Steuerbordgroßwant hängte und den Blick gen Horizont gerichtet hatte. Ich rief den Mann zu mich, welcher dann sofort kam und einen Salut andeutete.
"Señor Capitán?"
"Nun, Ihr dürft Euch freuen. Ich befördere Euch zum ersten Offizier der Santa Cecilia. Bo'sun wird mit uns kommen und nach den Knochen suchen. Da er nicht dem Militär angehört, kann er nicht länger seiner bisherigen Aufgabe als erster Offizier nachkommen." Der Teniente schien wie von den Socken zu sein, als ich ihm das mitteilte. Allerdings versuchte er sich das nicht anmerken zu lassen, weshalb er einfach nur lächelte und freundlich nickte. Das war einer der wenigen Momente, an dem er mal ein anderes Gesicht zeigte, als sein Statuengesicht. "Señor, bleibt mal ganz ruhig! Wenn Ihr noch weiter vor Freude herumhüpft muss ich den Doktor nach Beruhigungsmittel fragen", scherzte ich und lächelte.
"Oh, Señor ..." Er räusperte sich kurz. "Danke, Señor. Ich werde meine Aufgaben und Pflicht erfüllen, wie Ihr es von mir erwartet", antwortete er wieder und setzte sein typisches Null-Emotionen-Gesicht auf.
"Das will ich hoffen. Ich werde mit an Land gehen, deshalb erhaltet Ihr das Kommando über die Santa Cecilia. Sobald wir an Land sind und die Barkasse wieder an Bord ist, werdet Ihr in eine sichere Bucht im Osten der Halbinsel anlaufen, um sich dann bei den Franzosen zu melden. Ihr gebt dem Gouverneur Bescheid, dass ein Trupp spanischer Seemänner, einschließlich des Kommandanten, an Land gegangen sind um nach einem gestohlenen Artefakt zu suchen. Mehr müssen die Franzosen nicht erfahren. Ach ja, vergesst bitte nicht die spanische Flagge zu hissen, wenn Ihr dann in die Bucht einlauft", befahl ich meinem ersten Offizier, der bestätigend nickte.
Ich setzte mich zu den anderen in eine der drei Barkassen und wir ruderten los.

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Verfasst: Mi 9. Jan 2013, 23:46 
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Irrlicht
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Die Offiziersmesse war etwa aufgebaut, wie die der Santa Cecilia. Das lag wahrscheinlich daran, dass sie vor ihrer Laufbahn bei der Royal Navy vielleicht als französische Fregatte die sieben Weltmeere befahren hatte.
Das Schiff ließ wirklich sehr viele Erinnerungen hochkommen, der Geruch des Eichenholzes, die Farbe, mit der die Offiziersmesse gestrichen war - weiß - und die Betakelung. Aber als ich mir gerade einen massiven Holzschrank anschaute, kam auch schon der Capitán der französischen Fregatte herein. Er hatte sich noch kurz mit seinem Steuermann unterhalten.
"Bitte verzeiht mir meine Verspätung. Nun, ich bin neugierig. Was führt diese berühmte Fregatte denn nach Indien?", fragte er und bot uns zwei Plätze am Tisch an.
"Eine Suche. Unser Kommandant glaubt einen Schatz gefunden zu haben. Er ist weiter nach Karnatik gesegelt und dort an Land gegangen. Ich habe nur den Auftrag zurück nach Cádiz zu segeln", antwortete ich. Ich wollte keineswegs, dass auch noch die Franzosen über diesen Tempel etwas herausfinden. Deshab sagte ich nur die halbe Wahrheit.
"Ein Schatz? Um was für eine Art ... Schatz handelt es sich denn dabei?", fragte er.
"Nun, das wissen wir nicht. Das möchte er herausfinden. Was habt Ihr für ein Interesse daran?"
"Eigentlich ... gar keins! Ich war nur neugierig. Es ist eine schlechte Angewohnheit von mir, bitte verzeiht. Also, dann möchte ich Euch nicht länger aufhalten. Viel Glück bei Eurer Reise. Ihr könnt uns ja begleiten, wir segeln zurück nach Ply... Marseille. Cádiz liegt ja auf dem Weg", sagte er hastig und stand auf.
"Danke ... Señor. Auch Euch ... viel Glück", antwortete Sánchez und machte einen leicht irritierten Eindruck. Wir standen auf, verbeugten uns vor de Sault und kehrten auf unser Schiff zurück.

Die Fleur de Inde hatte bereits Segel gesetzt und Kurs auf Frankreich genommen. Nur, dass sie nach Osten segelte. Sie wollte wahrscheinlich in Richtung Kap Hoorn. Wir allerdings, hatten Kurs auf das Kap der Guten Hoffnung genommen, also Südwest Süden.
"Capitán?" Teniente Sánchez, der in der Tür zu meiner Kajüte stand und mit dem Dreispitz unter seinem linken Arm an der offenen Tür klopfte, trat schließlich ein, nachdem ich ihn bemerkt hatte.
"Was gibt's?", fragte ich und faltete eine Seekarte zusammen.
"Darf ich offen sprechen ... Señor Capitán?"
"Aber sicher."
"Ist Euch an diesem Mathieu de Sault nichts merkwürdiges aufgefallen?", fragte er besorgt.
"Bis auf seinen Bart, eigentlich nichts."
"Nun, mir schon. Sein französischer Akzent, wenn er mit uns Spanisch sprach, war ein wenig zu gekünzelt. Ich bin mir in dem punkt nicht ganz sicher, ob das vielleicht Absicht war, ob er nichts dafür kann oder ob er ... kein Franzose ist", sagte mein erster Offizier in einem Umgangston, wie ein Kind, welches seinem Vater beichtet, dass es den Familiengaul durch ein Versehen erschossen hatte.
"Jetzt mal nicht so schüchtern, Teniente. Mir ist sein übertriebener Akzent schon aufgefallen. Allerdings habe ich mir deswegen keine Gedanken gemacht."
"Nun, ich mir erst auch nicht. Aber, als er dann so nervös wurde, als wir ihm von dem ... Schatz berichtet hatten. Er hat uns förmlich aus der Offiziersmesse getreten. Und, als er sich versprochen hat, kam mir das ebenfalls sehr suspekt vor. Ich wette, der wollte nicht Marseille sagen, sondern Plymouth."
"Ihr könntet damit ... sogar Recht haben, Teniente. Was glaubt Ihr?", fragte ich überlegend.
"Man hört so manches Gemunkel, dass es selbst in der französischen Marine britische Spione gibt. Selbst Kapitäne sollen solche sein."
"Seid Ihr Euch da sicher?"
"Capitán, wenn die Fleur de Inde es nach Großbritannien schafft, weiß Cunningham von Capitán del Castillos Plänen. Er wird vermutlich persönlich nach Indien reisen."
"Selbst wenn das der Fall sein sollte, bräuchte Cunningham über einen Monat nach Indien, wenn er den Landweg nütze. Hinzu kommt noch die Strecke der Fleur de Inde. Bis Cunningham in Indien ist, hat unser lieber Capitán längst den Tempel gefunden. Allerdings wird er dann vermutlich von Fernandos nächstem Reiseziel wissen ... Gebt Señor Ramírez bescheid, er soll Kurs auf Kap Hoorn nehmen!", befahl ich. "Und macht die Männer gefechtsbereit. Wir fangen die Fleur de Inde ab!"
"Señor? Das ist nur ein 18-Kanonenschiff! Wollt Ihr wirklich eine 28-Kanonenfregatte im Alleingang angreifen?!"
"Seht Ihr eine andere Möglichkeit? Außerdem gehen wir somit dem Befehl von Capitán del Castillo nach. Wir nehmen Kurs auf Cádiz, bloß indirekt!", antwortete ich.
Der Teniente gab die Befehle an die Besatzung weiter und Ramírez drehte das Schiff nach Osten.


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Verfasst: Do 17. Jan 2013, 14:18 
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Irrlicht
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Da hat man mir mal wieder das Kommando übertragen. Und es war noch besser, als alles andere zuvor. Ich war nun erster Offizier! Ich hatte sowieso nie verstanden, wieso der Capitán jemanden als seinen ersten Offizier betrachtet hatte, der nicht einmal dem Militär angehörte. Er war sicherlich ein guter Seemann, aber kein Offizier.
Allerdings war Capitán del Castillo an Land und ich hatte den Befehl nach Südostindien zu segeln, um die Franzosen in Kenntnis zu setzen, dass Spanier auf dem Weg waren etwas zu suchen. Vermutlich hatte Señor del Castillo vor, vor uns dort einzutreffen. Hatte er sich das wirklich so einfach vorgestellt? An den ganzen Briten unter britischer Flagge und an den Franzosen unter spanischer Flagge vorbeizusegeln. Wir mussten höllisch aufpassen, dass wir nicht beide Länder auf einmal antreffen würden. Obwohl wir damit die ganzen Seekriegsgesetze über Bord wurfen, denn sie erlaubten nicht, unter falscher Flagge zu segeln. Aber für mich machte es keinen Unterschied, ob ich in einem britischen Gefängnis vergammelte, oder in einer Seeschlacht das Leben zu verlieren. Sicherlich galt es nicht als fair, aber was war im Krieg schon fair?

In der Offiziersmesse - ich saß auf dem dicken Holzstuhl, auf dem sonst nur der Capitán saß - dachte ich darüber nach, wie wohl die Franzosen reagieren würden. Oder die Engländer, wenn die uns antreffen konnten.
Eine einzelne Fregatte, die in fremden Gewässern unterwegs war und nichts anderes geladen hat, als Waffen und Proviant, bedeutete für gewöhnlich überhaupt nichts Gutes. Da ich nun amtierender Kommandant war, war Teniente Álvarez mein amtierender erster Offizier. Ich hatte ihm den Befehl gegeben Kurs nach Süden zu nehmen, bevor wir dann nach Osten abdrehen würden. Wir hatten auch schon einen passenden Ankerplatz gefunden - die Koromandel-Küste, direkt östlich vom Pulicat-See, der zwar mit dem Golf von Bengalen verbunden ist, aber keinen passenden Durchlauf hat, der tief genug ist, dass ein Schiff wie die Santa Cecilia den See befahren können. Danach sollten wir nach Südwesten zu der Stadt Arcot fahren, um uns dann mit den Franzosen in Verbindung zu setzen.


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Verfasst: Mo 28. Jan 2013, 22:23 
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Nun, da waren wir! Am Strand hatten wir uns gesammelt, um dann in Richtung des Landesinneren zu laufen. Wir sahen aus wie ein Haufen Aufständischer, die gerade einen Kleinkrieg anzetteln wollten. Allerdings waren wir in geheimer Mission. Da wir auch nicht unbedingt sehr auffallen wollten, versteckten wir einfach die Musketen in zwei selbst gezimmerten Eselwagen. Sie lagen neben dem Proviant und den Zelten. Über die beiden Wagen verteilten wir noch Segeltücher. Wir hatten in dem Dorf zwanzig Musketen und Munition gegen vier Esel eingetauscht, sodass wir die Wagen nicht selber ziehen mussten.

Ich warf nochmal einen Blick auf die Karte. Vor uns lagen also noch zwanzig Meilen Dschungel. Bevor ich rufen konnte, dass wir in Kürze losziehen, bewegte sich Alejandro an meine Seite.
"Ah, werter Capitán. Wie ich hörte sei jemand da nicht wohl ganz genau gewesen mit der Position des Knochens ... oder Knochenhaufens, hä?"
"Ja, aber wir werden es schon finden. Es gibt hier in der Nähe, das sagte mir jedenfalls Icnoyotl, eine größere Stadt, wo man schon mehr Informationen herbekommen könnte. Die Franzosen sind auch da", sagte ich und wollte wieder loslaufen, aber unser Priester hielt mich auf.
"F-Franzosen?", fragte er unsicher.
"Ja! Moment, du hast doch keine Schwierigkeiten mit denen. Hast du vielleicht ein Bordell ohne Gegenzahlung verlassen?", fragte ich und verschränkte die Arme.
"Was?! Ich?! Niemals! Nein ... es ist nur so ... Ich habe damals vielleicht den ein oder anderen Fürsten verärgert, der jetzt wohl hier in Indien wohnt", antwortete Alejandro und zeichnete Kreise mit dem Fuß in den Sand.
"Fürsten? Naja, dann sehe ich für dich nur eine Möglichkeit: Den Galgen! Lass mich raten. Hat vielleicht seine Frau etwas damit zu tun?"
"Ne ... seine Tochter."
Ich verdrehte die Augen und machte mich auf den Weg. "Wir marschieren los!", rief ich den Männern zu. "Und ab jetzt kein Spanisch mehr!"
"Fernando ...!", sagte Bo'sun und deutete auf meinen Körper. Ich schaute herunter und bemerkte, dass noch meine Uniform den Körper bedeckte. Das änderte sich schnell. Ich zog diese Klamotten aus und besorgte mir die Zivilkleidung aus dem Eselwagen.
"Also, wir sind jetzt frei umherziehende Händler. Ab jetzt, wie schon gesagt, kein Spanisch mehr. Wenn uns Briten begegnen sollten, werde ich reden. Und nun: Auf geht's!"

Das war das Stichwort. Ich ging voran, Yasmin, Bo'sun, Alejandro, Clement und unsere beiden neuen Passagiere waren direkt hinter mir, dann einer der beiden Eselwagen, die Matrosen, der andere Eselwagenwagen und schließlich die Gardisten.
Es sollte eine lange Reise werden, und zudem war mir noch jemand im Nacken, dessen Anwesenheit mich sehr störte ...

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Verfasst: Mi 30. Jan 2013, 00:36 
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Irrlicht
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"Was schätzt Ihr?", fragte ich Sánchez, der an der Reling stand und dem Sonnenaufgang entgegenblickte. Etwas neben der Sonne lukten weiße Segel aus dem Mehr.
"Das kann ich nicht sagen. Sie segeln nicht unter vollen Segeln. Wir können sie in vielleicht drei Tagen eingeholt haben. Aber darauf will ich mich nicht verlassen. Sie ahnen anscheinend nicht, was wir von ihnen wollen", antwortete mein erster Teniente.
"Und was denkt Ihr?"
"Momentan zweifle ich an meiner Theorie. So wie es aussieht, scheinen sie es gar nicht eilig zu haben. Haben wir nicht vielleicht etwas zu früh und unüberlegt gehandelt?"
Langsam kam mir auch dieser Gedanke. Der Capitán konnte sehr gut ein Spion sein, allerdings auch ein ganz gewöhnlicher französischer Befehlshaber, den wir falsch interpretiert hatten.


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Verfasst: So 3. Feb 2013, 03:18 
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Es war ein schwieriger, aber dennoch angenehmer Marsch durch den Dschungel. Aber es diente ja einer lohnenswerten Aufgabe. Die besagte Stadt sollte nicht weit entfernt sein, allerdings war sie etwas im Landesinneren, da wo der Dschungel sich langsam lockerte. Wir hatten auch schon den Waldrand erreicht, als sich Yasmine anscheinend langsam wie zu Hause fühlte. Es war immerhin ihr Klima, auch wenn es hier etwas feuchter war.
Nach einer halben Stunde erreichten wir endlich die Stadt, die sich, nach einem Schild, als Bhadravati herausstellte. Von einigen Einwohnern wurden wir mit einem freundlichen Nicken empfangen, was wir erwiderten. Aber was war das? Einige Rotröcke des britischen Heeres streiften unseren Weg und drehten sich zu uns herum. Einer von ihnen war Offizier.
"Hey, Ihr da! Wo wollt Ihr hin?!", fragte er nicht gerade höflich.
Ich musste schnell überlegen. Die Soldaten wollten bestimmt unter das Segeltuch schauen. Aber ich fing mich: "Nahrungsmittel ... für einen Landsherren, der in Salem wohnt", log ich.
"Landsherren? Nahrungsmittel? Und wofür so viele Leute für nur zwei Wagen?"
"Nun ja, ich musste bei meiner letzten Ankunft hier in Indien feststellen, dass es sehr viele Kriminelle und Wegelagerer gibt, die mir einfach meinen Wagen gestohlen haben. Heute habe ich vierzig Mann dabei, die auf meinem Schiff arbeiten, mit denen ich diese Waren sehr sicher transportieren kann. Es sind sehr hochwertige Nahrungsmittel, deshalb ist es wichtig, dass wir noch diese Woche ankommen", sagte ich und wartete auf seine Reaktion. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Wenn dieser Offizier jetzt Alarm schlagen würde, dann wären auf einmal hundert Mann oder mehr vor unserer Nase.
"Wie ist der Name des Landsherren?", fragte der Offizier.
"Sir Hugh Sullivan." Es war erstaunlich, wie schnell mir dieser Name eingefallen war, wobei ich noch nie ein Talent für Namensgebung hatte. Der Mann grübelte ein wenig. "Sir, wenn die Ware nicht rechtzeitig ankommt ... Der letzte Offizier, der den Händler nicht hindurchgelassen hatte, wurde zwanzig Mal wegen Blockierung der Arbeit ausgepeitscht", log ich nochmals und biss mir unbewusst auf die Unterlippe.
"Also gut, Ihr dürft passieren. Aber dass Ihr Euch ja schnell zu diesem Ehrenmann Sullivan bewegt ...!", sagte er und suchte mit seinen Leuten das Weite.
'Das ging nochmal gut!', dachte ich und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Da die Sonne langsam sich im Westen zu Ruhe legte legte, beschlossen auch wir unser Lager hier aufzuschlagen. Vielleicht in einem Gasthaus, um Näheres über die Knochen zu erfahren ...

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Verfasst: Mi 29. Mai 2013, 21:40 
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Irrlicht
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Registriert: Mi 29. Mai 2013, 18:50
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"Meine Güte, Baldrick! Jetzt stell' dich doch nicht so an!", keifte ich einem kleinen, sehr dreckigen und stark behaarten Mann entgegen.
"Es tut aber weh!", winselte er und hielt sich an einem Strauch fest. Ich zog kräftig an dem Pfeil, der in seiner rechten Pobacke steckte, und stämmte meinen Fuß gegen seine andere. Plötzlich gab der Widerharken nach und ich stürzte nach hinten und Baldrick fiel fast den Hang hinunter.
"Erwarte nicht, dass ich das noch einmal für dich tue! Das nächste Mal gehst du besser in Deckung, wenn ich rufe: "Achtung, da kommt ein wildgewordener Indianer, der mit einem Bogen bewaffnet ist!" und frage ihn nicht nach dem Weg zum nächsten Dorf!"
"Aber, Sir! Sagtet Ihr nicht, dass ich jemand'n frag'n soll?", fragte dieses unreine Wiesel und formte seinen Mund zu einem O.
"Aber doch nicht jemanden, der uns bei lebendigem Leibe verspeisen will. Denkst du eigentlich nicht mehr nach, seit dem ... Vergiss es, du hast sowieso noch nie nachgedacht! Immerhin ist es deine Schuld, dass wir in diesem Schlamassel sitzen. Du musstest ja unbedingt von diesem Gemisch trinken!"
"Ihr habt davon aber auch getrunk'ne, Mister B.", antwortete er nickend.
"Weil ich dachte, es wäre Wein ... Aber ... ist ja jetzt egal. Wenn wir nicht bald irgendwo eine englische Stadt finden, sehe ich schwarz für meine Zukunft", sagte ich und schaute mich um.
"Oh mein Gott!", schrie plötzlich Baldrick.
"Baldrick, du hast noch nie an Gott geglaubt. Meinst du nicht, dass es gerade der ungünstigste Zeitpunkt auf Erden ist jetzt damit anzufangen?"
"Nein, Sir! Ich muss Euch etwas Schreckliches erzählen!"
"Was denn? Hast du gerade herausgefunden, dass ich dich noch weiter am Hals habe?"
"Nein, Sir! Ich glaube, wir sind nicht mehr in England, Sir! Das komische Getränk mit der komischen Farbe hat uns weggezaubert!"
"Und woran hast du das erkannt? Vielleicht an den tropischen Gewächsen, die hier gedeihen? Oder an dem Indianer, der uns gerade malträtieren wollte?"
"Nö, es ist hier nur so schrecklich warm! Vielleicht gibt es hier irgendwo ein Gewässer", spekulierte mein kleiner Diener und spähte hinter einem Busch. "Folgt mir, Mister B.!"
Ich musste mich innerlich wirklich überwinden dieser Ratte zu folgen, zumal ihr Körpergeruch so sehr stank, dass der Indianer schon beim Ansturm hätte sterben können. Aber eigentlich war es auch egal wohin man ging.
'Da war man gerade auf dem Weg zu Königin Elisabeth persönlich und man wird auf einen Wein eingeladen. Und Baldrick, der ihn servierte, musste natürlich auch davon trinken - typisch!'
Keiner von uns beiden wusste wo wir uns befanden, er höchstwahrscheinlich noch weniger als ich. Aber was fanden wir hinter dem nächsten Busch? Wasser! Aber welches Gewässer war dies? Die Karibik? Der Indische Ozean? Wir wussten es nicht. Unweit vom Strand entfernt schwamm etwas ungewöhnliches im Wasser, etwas was einem Schiff ähnelte. War es ein Schiff? Ich hatte keinen blassen Schimmer, da ich mich mit Marineprodukten nie ausgekannt hatte.
"Hände nach oben!", sagte eine Stimme hinter uns. Baldricks Arme schossen in die Höhe.
"Bitte tötet mich nicht!", winselte er und kniff die Augen fest zu.
Ich drehte mich langsam herum und sah ein Haufen Menschen, die sehr seltsam gekleidet waren. Sie trugen alle die gleichen blauen Jacken, weißen Hosen und schwarzen Stiefel und zielten mit Gewehren auf uns. Einige von denen lachten.
"Was soll das für ein lächerliches Kostüm darstellen, das Ihr da tragt?", fragte der Mann mit einer ebenfalls seltsamen weißen Perücke mit lächerlicher Frisur auf dem Kopf. Vermutlich sollte sie seine nicht vorhandenen Haare bedecken.
"Wie meinen?", fragte ich entgeistert und schaute an mir herunter. Es war doch alles in bester Ordnung. Was hatte dieser Kerl gegen meine schwarze Adelskleidung und weiße Krause? Er schien nicht von blaublütigem Geschlecht zu sein, denn er trug keine.
"Kommt, Verrückter! Legt Eure Waffe ab und kommt mit auf's Schiff!"
"Moment, das ist ein Missverständnis! Ich muss wohl träumen!"
"Hey, Mann! Ihr führt Euch auf wie ein englischer Adeliger aus dem 16. Jahrhundert!", lachte der Mann, der anscheinend der Anführer war.
"Ich bin ein englischer Adeliger aus dem 16. Jahrhundert!", protestierte ich. Die Männer lachten und Baldrick auch. "Baldrick, halte gefälligst deine Klappe, sonst muss ich dir diese stopfen!"
"Seltsamer Mann, Ihr und Euer Gehilfe werdet vorläufig im Namen der preußischen Armee unter Arrest gestellt!", sagte der Anführer und ließ uns Ketten anlegen.
"Bitte was für eine Armee? Ich fürchte, Ihr habt zwischendurch geniest", fragte ich ohne eine Antwort zu erhalten. Ich und Baldrick wurden zu einem kleinen Ruderboot gedrängt, woraufhin es auf das seltsame Schiff ging.


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Verfasst: Mo 3. Jun 2013, 09:05 
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Irrlicht
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Registriert: Do 30. Mai 2013, 20:51
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Es war dunkel. Zu dunkel für meine Augen. Sie mussten sich erst an die Finsternis gewöhnen. In mir stieg langsam die Angst. Waren es Piraten, die uns gefangengenommen haben? Oder vielleicht noch schlimmer - Spanier? Ich wollte erst gar nicht daran denken, was sie mit jemandem vorhaben, der so ein Pöbel wie ich oder so ein Halsabschneider wie Mister B. war. Aber Lord Blackadder hatte vermutlich wie immer einen durchdachten Plan, wie wir aus den Klauen dieser miesen und fiesen Finsterlinge entkommen könnten. Leider fiel mir kein Plan ein, oder doch?
"Mister Blackadder, Sir! Ich habe einen gut durchdachten Plan wie wir hier rauskomm'!", sagte ich mit weit aufgerissenen Augen.


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Verfasst: Mo 16. Sep 2013, 21:58 
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Irrlicht
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Registriert: Mi 16. Jan 2013, 23:26
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Ich starrte bloß auf Öllampe, die auf dem Messentisch stand und ruhig vor sich hin flimmerte. Ich griff nach einem Stück Brot, welches neben mir, ebenfalls auf dem Tisch, lag. Mein schwarzer Dreispitz lag direkt neben mir und ich strich über ihn. Langsam schaute ich auf das offene Meer, welches mittlerweile die gleiche Farbe hatte, wie der dunkle Himmel. Die Fenster waren sperrangelweit geöffnet, aber das nützte nichts. Es war zu warm. Es klopfte.
"Ja, bitte?"
Die Tür öffnete sich und ein hochgewachsener Mann stolperte herein.
"Señor Capitán? Teniente Álvarez wünscht Euch zu sprechen, Señor!"
Ich schob meinen Stuhl zurück, nickte bestätigend und verließ die Messe. Es war schon mitten in der Nacht, aber der Mond beleuchtete die Landschaft, die links an uns vorbei zog gut.
"Capitán? Es ist mir schon vor einigen Stunden aufgefallen, aber jetzt ist es schon merkwürdig", begann mein erster Offizier.
"Was denn?"
"Señor, achtet auf die Militärschiffe!"
"Ich sehe keine."
"Genau. Normalerweise müsste es hier von Korvetten und Fregatten so wimmeln, aber wir zählten bloß einige bewaffnete Kutter und nur eine Korvette. Immerhin sind wir in der Nähe von Mangalore, einem sehr bedeutenden Handels- und Militärhafen der Portugiesen."
"Portugiesen?!"
"Genau, Señor! Sowohl George II als auch José I werden darüber nicht sonderlich erfreut sein eine getarnte spanische Fregatte direkt vor ihren Kolonien anzutreffen", sagte Teniente Álvarez und durchsuchte die Nacht nach weiteren Schiffen.
Es herrschte zwar Frieden zwischen beiden iberischen Großmächten, aber das konnte sich sehr schnell durch ein Misverständnis ändern, vor allem, wenn unser Ziel eine französische Kolonie war.


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Verfasst: So 22. Dez 2013, 04:22 
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Vor Arcot, Indien, 10. Mai 1751

Es war erstaunlich wie schnell wir durch das Land kamen. Die Zeit verging wie im Flug. Je mehr Leute wir trafen, die uns hinreichende Informationen geben konnten, desto mehr stellten wir auch leider fest, dass langsam die britische Ostindien-Kompanie Interesse an unserer kleinen Expedition zeigte. Wir sollten uns eigentlich schon viel später mit der Santa Cecilia in einer sicheren Bucht treffen, aber unsere Spur führte uns schon früher nach Arcot, was ganz in der Nähe dieser Bucht war. Ein Seidenhändler aus China, der persönlich seine Ware nach Europa über die Seidenstraße transportieren wollte, hatte uns den Hinweis gegeben, dass die Knochen, die eigentlich in einer heiligen Gruft sein sollten, von den Franzosen entwendet wurden, um die dortigen Einwohner aufzumischen. Weshalb sie das getan hatten, war mir allerdings ein Rätsel. Aber genau das führte uns nach Arcot. Ein französischer Edelmann, der in dieser Stadt ansässig war, war zudem noch ein Freund indischer Kulturen und besaß die Knochen wahrscheinlich in seiner Residenz auf.
Arcot war zum Glück eine französische Stadt, welche zu unserem kleinen Nachteil schwer bewacht wurde. An den Stadttoren wurden die Wagen sorgfältig geprüft, aber ich begründete unsere Ankunft eben mit der Wahrheit. Die Soldaten am Tor verstanden sofort und ließen uns passieren. Teniente Reyes hatte also den Franzosen Bescheid gegeben. Allerdings mussten die Männer außerhalb warten und bloß ich durfte mit einem weiteren Vertreter bewaffnet eintreten.
"Ihr werdet von unserem Herren Jean-René Chaminade erwartet", sagte der Soldat und wies uns den Weg.
'Wir werden erwartet? Das läuft ja besser, als ich erwartet habe!', sagte ich und nickte dem Mann freundlich zu. Wir wurden durch die Stadt geführt, die aus meiner Sicht recht ordentlich und sauber wirkte. Aber es lebten sehr viele Franzosen hier, weniger Inder. Anscheinend hatte man aber den wenigen Indern gestattet sich großflächig und wirkungsvoll auszubreiten. Sie lebten in speziellen Vierteln, was mich ein wenig ärgerte. Aber ich wollte darüber kein Wort verlieren, um unserer "Tarnung" nicht zu schaden. Trotzdem schienen sie recht glücklich zu sein.
Das Anwesen war außerhalb der Stadt auf einem kleinen Hügel und war recht groß. Es hatte davor vielleicht einem hochrangigen und sehr bedeutsamen Inder gehört, der entweder sein Haus verkauft hatte oder daraus vertrieben wurde.
Der Soldat klopfte an der Tür und eine junge Bedienstete öffnete die Tür ihres Herrn. Sie sah recht schüchtern aus, was ich ihr nicht verdenken konnte. Ich kannte zwar diesen Herren nicht, aber ich hatte einige Vorurteile gegenüber Großgutbesitzern, obwohl mein Vater selber einer war.
Der Soldat wechselte kurz einige Worte mit ihr in seiner Sprache, verbeugte sich kurz und verschwand dann.
"Ihr müsst Capitán del Castillo sein, nicht wahr?!", dröhnte es aus der recht großen Eingangshalle. "Verschwinde, Anishna!" Die Bedienstete verbeugte sich und zog mit gesenktem Blick von dannen. "Ha! Es freut mich Euch endlich kennenzulernen! Und Euren eigenen Sklaven habt Ihr auch dabei, wie schön!" Das laute Gelächter und Gegröle dieses leicht übergewichtigen und sehr fröhlich wirkenden Menschen hätte jeden Briten einen Grund für einen Kopfschuss gegeben. Er ging mir sehr auf die Nerven! Ich schaute im Augenwinkel hinüber zu Bo'sun, dessen Blick sich allmählich verdunkelte. Er tastete mit seinen Fingern schon am Griff seines Säbels, bereit zum Angriff. Ich schüttelte leicht den Kopf.
"Er ist nicht mein Sklave, sondern mein Bootsmann. Sein Name ist Bo'sun und erhält jeden Respekt, den Ihr mir zollt!", sagte ich und lächelte leicht.
Allerdings verschwand langsam das Lächeln auf des Herren Gesichts. "Wenn dem so ist ... Also gut! Begleitet mich in den Speisesaal. Anishna wird uns ein deftiges Mahl servieren. Sie kann wirklich ausgezeichnet gut kochen", sagte Monsieur Chaminade und ging voraus. Er öffnete eine zweiflügelige Tür zum Speisesaal. In der Mitte war ein gut zwanzig Meter langer Mahagonitisch, auf dem genau drei Gedecke bereitgelegt worden waren.
"Habt Ihr hier keine Fenster?", fragte ich neugierig und betrachtete die Vorhänge, die mit dem Wind wehten.
"Nein, sie waren nie enthalten. Ich genieße die frische Abendluft, die durch den Raum zieht, wenn ich abends speise. Die Bögen geben dem ganzen einen gewissen ... orientalischen Teint", schwärmte er und ließ sich vom Wind berieseln.
"Ist ja merkwürdig! Wenn ich in Frankreich wäre, würde ich mir auch mein Gesicht puderweiß streichen lassen ... für den gewissen ... französischen Teint", flüsterte Bo'sun und lachte kurz laut auf.
"Was hat er gesagt?!", fuhr uns Chaminade an.
"Äh ... ihm gefallen bloß die Vorhänge", log ich und stupste meinem Bootsmann kurz zwischen die Rippen. Chaminade nickte kurz, fing dann aber wieder an zu lächeln. Wir setzten uns an den Tisch. In dem Moment kam Anishna mit dem Essen herein, was sie sofort servierte.
"Also, ich hörte, Ihr habt Euch auf die gefährliche Reise begeben, um nach einem Artefakt zu suchen. Liege ich da richtig?"
"In der Tat. Seine Majestät Fernando VI. ist sehr an alter, indischer Kunst interessiert und schickte mich, um nach passenden Gegenständen für seine Sammlung zu suchen", log ich und betrachtete das riesige Spanferkel, welches die kleine und zerbrechlich wirkende Anishna auf den großen Tisch hieven musste.
"Und dafür schickte er eine ganze Fregatte los? Mit einer halben Armee und genug Waffen, um einen Krieg anzufangen?" Chaminade kratzte sich denkend am Kopf. "Ihr müsst wissen, Monsieur, ich bin ein alter Mann, der genug Jahre im Dienste der Ostindien-Kompanie arbeitete. Ihr seid doch hinter mehr her, als bloß ein paar alten Statuen, oder?"
"Um genau zu sein ... nein, Monsieur. Es ist nicht unsere Hauptaufgabe. Eigentlich sollten wir ein Handelsschiff der britischen Marine kapern und es dann nach Manila eskortieren. Wir zogen extra getarnt als britische Händler quer durch das Land, um nach diesen Artefakten zu suchen. Leider haben wir noch nichts gefunden."
"Hm, das ist schade. Seine Majestät Fernando hat einen sehr guten Geschmack, was das betrifft. Ich interessiere mich ebenfalls für indische Kultur, obwohl ich so manch einen Maharadscha lieber am Galgen baumeln sähe. Diese Inder machen es uns Franzosen gar nicht leicht. Ständig passieren irgendwelche Anschläge auf französische Einrichtungen oder Überfälle auf französische Handelsschiffe. Das geht mir einfach auf den Geist!"
'Ich kann die Inder gut verstehen', dachte ich und nickte zustimmend. "Am besten ... sollte man ... sie aus ihrem Land vertreiben!" 'Blödsinn!'
"Wie dem auch sei. Monsieur, kann ich Euch dazu bewegen Euren Augen den Hunger nach altertümlichen Objekten zu stillen? Begleitet mich einfach in mein Büro", sagte Chaminade, erhob sich mühevoll von seinem Stuhl, steuerte direkt auf Anishna zu und verpasste ihr eine so heftige Ohrfeige, dass sie kreischend zu Boden fiel. An ihrer linken Wange tropfte Blut hinunter.
"Siehst du? Es hat ihnen nicht geschmeckt! Sie haben keinen Bissen von dem Schwein genommen! Du hast es umsonst geschlachtet! Schmeiß es weg!", brüllte Chaminade die junge Frau an und ließ sie weinend auf dem Boden liegen. Ich war kurz davor meinen Degen zu ziehen, um diesen zwischen seine Rippen zu rammen, aber das hätte wohl jeder bemerkt, denn überall befanden sich Soldaten. Das ganze Anwesen war die reinste Festung.
das Mindeste, was ich tun konnte, war der armen Anishna aufzuhelfen und ihr Blut, was sich mit den Tränen vermischte, mit einer Serviette wegzuwischen. Sofort musste ich an Bo'sun denken, der einige Jahre zuvor in einer ähnlichen Situation gesteckt hatte wie Anishna. Aber sie hier ungesehen herauszuschaffen war schier unmöglich.
Mir fehlten in dem Moment die Worte, weshalb ich nur ein halbwegs beruhigendes Schulterklopfen und ein "Das wird schon wieder!" herauswürgen konnte. Ich fühlte mich in etwa genauso hilflos wie sie. Ich hätte sie am liebsten befreit, aber das war zu riskant. Deshalb folgte ich dem alten Veteran in sein Büro, während Bo'sun noch bei Anishna blieb.

"So müsst Ihr Eure Untergebenen zurechtweisen. Wenn sie nicht gehorchen, müssen sie eben Strafe erhalten!", begegnete er mir, als ich sein Büro betrat.
"Haltet Ihr das für die einzige Lösung? Also ich nicht. Sie hat übrigens gehorcht!"
"Was sagt Ihr da?" Chaminade verschärfte seine Stimme ein wenig.
"Sie hat sich keinem Befehl widersetzt. Aber das ist für Euch anscheinend nicht vom Wert", sagte ich und mein Blick fiel sofort auf eine hölzerne, geöffnete Kiste, die auf dem Schreibtisch lag. In ihr waren Knochen, sehr alte, wie es den Anschein hatte.
"Knochen aus einer Gruft aus dem Norden dieser Region. Eigentlich sind sie mir völlig egal. Es sind nur die Menschen, denen ich diese Artefakte abnahm. Sie sollen nämlich eine kleine Aufgabe für mich erledigen."
"Und die wäre ...?"
"Sie sollen sich meinem Krieg anschließen, haha!", lachte Chaminade, der anscheinend schon ein Gläschen Wein zu viel hatte.
"Ihrem Krieg?! Ihr wollt also Alliierte gewinnen, indem Ihr sie erpresst?" Chaminade nickte hämisch. "Ihr seid ein furchtbarer Mensch. Ich werde mir jetzt diese Truhe nehmen, ob Ihr das wollt oder nicht. Wenn Ihr mich aufhaltet, werdet Ihr sterben!", sagte ich kühn und trommelte mit den Fingern auf meiner Pistole.
"Wie könnt Ihr es wagen mich zu bedrohen?!", grölte er und schielte kurz zu seinem Schreibtisch, auf dem eine Pistole lag.
"Ihr werdet schon sehen, denn Eure Schreckensherrschaft wird einmal ein jähes Ende haben!"
"Das ist genug! Verschwindet, oder ich werde mich an meiner Bediensteten so lange vergehen, bis Ihr Eure Tat bereut habt!"
"Ach, wie wollt Ihr das denn ohne Schniedel bewerkstelligen?", sagte ich völlig gelassen und trommelte weiter auf meinem Degen herum.
"Ihr ...!"
"Mon Général!", kam es plötzlich vom Flur. Ein abgehetzter, junger Soldat kam hineingestürzt.
"Was ist?!"
"Monsieur, die Briten ... sie sind in die Stadt eingefallen!"
Das war der beste Zeitpunkt, der jemals ausgewählt wurde. Nachdem der Soldat wieder verschwunden war, waren wir wieder alleine.
"Ich sagte doch, Eure Herrschaft findet ein jähes Ende. Und nun, die Truhe, wenn ich bitten darf", sagte ich und zog meinen Degen, doch Chaminade wollte nicht kooperieren. Er griff zu der Pistole auf dem Schreibtisch, doch es war zu spät. Die Klinge meines Degens saß tief in seiner Taille und schaute am anderen Ende wieder heraus. Er keuchte ein paar Mal und fiel dann zu Boden.
Sofort griff ich mir die Truhe und rannte die Treppe herunter. Alle Soldaten waren weg, nur Bo'sun und Anishna waren noch im Speisesaal.
"Kommt mit! Wir kehren zurück zum Schiff!", rief ich in den Saal hinein.
"Was ist mit den anderen?", fragte Bo'sun im Laufschritt.
"Wenn wir Glück haben, sind sie bereits auf dem Weg zum Schiff. Wenn nicht, werden wir sie suchen!", antwortete ich und wir liefen zu dritt den Weg zurück zur Stadt, daran vorbei und zur besagten Bucht ...

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Verfasst: Mi 25. Dez 2013, 03:56 
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Irrlicht
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Ich hätte ihm am besten den Hals herumgedreht. Seit einem gefühlten Monat saßen wir auf diesem Schiff fest und es bewegte sich keineswegs in Richtung England. Zwischendurch kamen einige Wachen vorbei, die etwas zum Speisen hatten.
Aber Baldricks bescheuerter Plan von hier zu entwischen gab mir einen weiteren Grund ihn an den Mast zu hängen.
"Wat ist an dem Plan 'n so dumm?", fragte er nach einer fast einwöchigen Schweigezeit zwischen uns.
"Weil es keine Meerjungfrauen gibt, Baldrick! Man hat sie erfunden um uns Kerlen gehörig die Hälse zu verdrehen. Aber Gott sei Dank bin ich kein Seemann!"
Meine Laune und Geduld sank von Minute zu Minute und der Drang diesem Wiesel das Maul zu stopfen stieg sehr schnell. Aber die langen Überlegungen von hier zu entwischen verschwanden sofort, als der Kapitän bei uns in der Zelle auftauchte.
"Ich bin übrigens Kapitän August von Heukeshoven. Ich habe noch gar nicht Eure Namen erfahren! Und sagt mir, was in Gottes Namen Ihr hier tut!"
'Oh bitte, keine Deutschen!', dachte ich mir und verdrehte leicht die Augen. "Ist das Euer Ernst?! Seit einem Monate gammeln wir hier in unserer eigenen Sülze herum und erst jetzt wollt Ihr die Einzelheiten erfahren? Nun denn, ich bin Lord Edmund A. Blackadder aus London und das hier ist mein Diener Baldrick. Wir haben leider keine Ahnung, weshalb wir hier gelandet sind. Aber glaubt uns, dass wir nichts sehnlicheres mehr wünschen als nach Hause zu gelangen!", sagte ich und hielt mich an den Gitterstäben fest.
"Ihr ...? Ein Lord ...? Was für ein Scherz soll das sein?!"
"Gar keiner ... Sir! Was unsere Kleidung betrifft ... Wir wurden gefangen genommen ... von einer Bande Piraten. Sie steckten uns in diese Kleider, um als Zirkusattraktionen auf deren Schiff zu tanzen. Es ist unbedingt wesentlich, dass wir wieder zurück nach England gelangen. Königin Elisabeth wird nach uns suchen!", begründete ich lügend unsere Anwesenheit.
"Bitte wer? Falls Ihr König George meint, der würde keinen Schilling für Rabauken wie Euch ausgeben. Lügner und Raufbolde, die Ihr seid. Vermutlich habt Ihr hier irgendwo ein Schmugglerversteck, wie die meisten englischen Piraten hier! Ich werde Euch nicht töten, solange ich noch keine handfesten Beweise gegen Euch habe!"
"Und wenn Ihr keine finden solltet?! Werdet Ihr uns dann frei lassen?!"
"Ich bedauere das sehr, aber ja!", sagte der Kapitän und verließ uns wieder.


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Verfasst: Fr 3. Jan 2014, 19:32 
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Alles war vorläufig in bester Ordnung. Wir hatten die Knochen diesem widerlichen Franzosen abgeknüpft und waren nun wieder in See gestochen, aber dieses Mal unter spanischer Flagge. Nachdem die restlichen Matrosen wieder an Bord waren, hatte ich erfahren, dass die Briten die Stadt fast vollständig mit einem Trupp an Soldaten, der kaum der Rede wert war, erobert hatten, was mich mit Bedauern erfasste.
Die Franzosen waren immerhin unsere Freunde und sie wurden von unseren Feinden verjagt. Obwohl zwischen den beiden Ländern doch Frieden herrschte, war das bloß ein kleiner Kolonialkrieg.

9. Eiskalte Schatten

Vor der Ostküste von Indien, 11. Mai 1751

"Wie lange wird das noch dauern, Doktor?", fragte Yasmine und rutschte ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her.
"Wenn Ihr das nächste Mal Euch in eine Schlacht stürzt, ist doch eine Schnittwunde das Geringste, was Euch widerfahren könnte. Seid froh, dass es keine Kugel war, die Euren Arm durchschlagen hätte. Den müsste ich nämlich abnehmen", sagte Doktor Hawkins und gab ihr etwas von seinem Wunderheilmittel.
"Im Mittelalter hätte man Euch als Ketzer verklagt, werter Doktor!", sagte ich, der daneben stand und dabei zusah, wie Yasmine verarztet wurde, und lachte.
"Dieses Mittel ist schon seit zwei Jahrhunderten in meiner Familie gebräuchlich. Schon die Azteken verwendeten es. Allerdings mussten sie es im ganzen Reich nicht so oft verwenden wie ich auf diesem Schiff, wenn ich dabei zusehe, dass alle zwei Tage ein ganzer Schwung an Matrosen im Lazarett aufkreuzen, weil sie auf dem Deck ausgerutscht, von den Wanten gefallen oder sich beim Pokern ausversehen die Pulsader aufgeschlitzt haben. Wenn ich nicht wäre, existierte hier kein Mensch mehr. Ihr, Captain, auch nicht!", rechtfertigte der Doktor seine Existenz und beendete seine Arbeit.
"Und wir sind Euch deswegen auch sehr dankbar, Doktor. Ihr werdet immerhin anständig bezahlt", erwiderte ich.
"Und dafür bin ich Euch dankbar, Captain. Kein Captain einer Fregatte der britischen Royal Navy wäre bereit so viel Geld für einen Arzt auszugeben. Wo geht es denn als nächstes hin, wenn ich fragen darf?"
"Leider werde ich Euren Gehalt ein wenig kürzen müssen. Wir müssen nämlich sparen. Wir werden nach Manila segeln um Vorräte aufzufüllen, die eine ganze Stange Geld kosten. Aber wir haben noch die Ladung der Santa Esmeralda an Bord, die wir verkaufen. Aber ohne genügend Munition bliebe uns der Sieg erspart", sagte ich und verstaute die Seekarten in einer Schublade.
"Fernando, ich mache mir ein wenig Sorgen", sagte Yasmin, als der Doktor gegangen war.
"Wieso?"
"Mein Schiff. Seit Monaten habe ich nichts mehr von meiner Besatzung gehört. Ich bin dir immer noch ein wenig sauer, dass du es einfach halb zerstört zurückgelassen hast", sagte sie und verschränkte ihre Arme.
"Halb zerstört? Es waren doch bloß die Masten! Aber du hast Recht. Wenn wir das nächste Mal das Mittelmeer erreichen, werden wir nach deinem Schiff Ausschau halten. Vielleicht gründen wir unsere eigene Flotte", sagte ich lächelnd klopfte meiner Freundin auf die Schulter, woraufhin sie ein wenig zusammenzuckte.
"Unsere eigene Flotte?"
"Ja, mit der Santa Cecilia als Flaggschiff. Es ist vielleicht besser ein wenig mehr Rückendeckung zu haben, als ständig mit einem Haufen Glück der fast doppelt so großen HMS Belette zu entkommen. Das gelingt bloß nur, weil Cunningham eine hohle Nuss ist. Und Cortés ... Wenn ich schon seine Segel am Horizont sehe, biegen sich die Planken meines Schiffes! Ich werde jetzt erst mal den neuen Kurs unserem Steuermann mitteilen", sagte ich und verließ die Offiziersmesse.

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