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Verfasst: Mo 6. Jan 2014, 00:02 
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Irrlicht
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Golf von Bengalen, 11. Mai 1751

"Ich fürchte, wir können nun unserem Befehl gar nicht mehr nachkommen", sagte ich und setzte mich schläfenreibend an meinen Schreibtisch.
"Señor, wenn die Fleur d'Inde nun den nächsten britischen Hafen erreicht, wird man wissen, wo man nach der Santa Cecilia suchen muss", sagte Teniente Sánchez und klopfte auf seinem Hut, den er unter dem Arm trug, herum.
"Das wäre dann Guangzhou, ein britischer Handelsstützpunkt. Ich hoffe, wir werden dieses französische Schiff wiederfinden. In diesem Nebel sieht man nicht mal die Hand vor Augen", sagte ich und warf nochmal einen Blick auf die Seekarte. Wir waren etwa 600 Meilen von der Malakka-Halbinsel entfernt. Bis nach China sollte es eine Reise von mindestens zwei Monaten sein. "Die Santa Cecilia wird vermutlich nach Manila segeln, um Proviant und Munition aufzunehmen. Wir werden der französischen Fregatte folgen, wenn die nicht schon den Kurs verändert hat. Wir bleiben auf unserem bisherigen Kurs", sagte ich und stand auf, um an Deck zu gehen.
"Señor, der Nebel könnte noch Tage oder Wochen dauern. Zudem ist der Wind auch nicht gerade stark. Wir machen bloß drei Knoten", erwiderte mein erster Offizier.
"Ein wochenlang andauernder Nebel im Golf von Bengalen? Das glaube ich nicht. Vielleicht noch einige Stunden oder Tage. Wenn der Capitán der Fleur d'Inde wirklich ein Brite ist, wird er nach Guangzhou segeln, was wir jetzt tun. Wenn nicht, dann wird er irgendeinen anderen Hafen, vielleicht sogar einen spanischen, ansteuern, oder er segelt direkt nach Frankreich. Wir konzentrieren uns aber auf Guangzhou, denn das ist der einzige Hafen, der eine direkte Handelsverbindung nach Großbritannien hat. Vielleicht begegnen wir auch den Preußen wieder", sagte ich und schaute auf das offene Meer hinaus, was in meinen Augen bloß etwa fünfzig Meter lang und breit war.


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Verfasst: Mo 20. Jan 2014, 00:18 
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Irrlicht
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Es war sehr merkwürdig, wie die Mannschaft auf mein Antreffen auf diesem Schiff reagiert hatte - nämlich gar nicht. Sie waren so neutral mir gegenüber gewesen, als wäre ich ein Mann. Ich hatte es sehr viel anders erwartet.
Fernando hatte mir geraten mich entweder in der Zelle aufzuhalten, oder die meiste Zeit in der Offiziersmesse zu verbringen. Zwar war ich ab und zu mal auf dem Hauptdeck, wenn gerade eine Schlacht anstand oder wenn es etwas zu sehen gab. Dabei war das völlig unnötig, denn die Mannschaft begegnete mir mit dem gleichen Respekt, wie man es einem Mann zollt.
Als ich mir auf der Blue Bird meine Position erschießen musste, hatte die Mannschaft erst sehr verhalten reagiert. Einige hatten das Schiff gleich in Tripolis verlassen. Dafür hatten die Männer mehr Freiheiten unter meiner Flagge gehabt, als unter der von diesem Halsabschneider von Hasim, der seinem Namen nicht gerecht worden war. Er hatte jeden geköpft, der eine potenzielle Gefahr sein konnte. Und das war das unschuldige Viertel der gesamten Besatzung gewesen.
Unter meiner Hand hatte es schließlich weniger Blut gegeben, obwohl ich den einen oder anderen Meuterer aufhängen musste. Der einzige Befehlshaber, der noch weniger Blut hatte fließen lassen, war Fernando. Unter ihm war noch keiner gestorben und von Meutereien gab es auch keine Anzeichen. Der einzige Rebell, den er hinter Gittern geschlossen hatte, war anfangs ich.

Ich musste regelmäßig an meine Eltern denken, die auf dem Friedhof von Marrakesch begraben waren. Und oft musste ich daran denken, für wen ich jeden Tag mein Leben riskiert hatte. Und jeden Tag musste ich an das Schwein denken, der meine Eltern hingerichtet hatte.
Doch Fernandos Anwesenheit und Nähe brachte mich immer auf den Boden der Tatsachen zurück. Er war die pure Ruhe. Aber es war langsam an der Zeit sich einem Thema zuzuwenden, welches er nie gutheißen konnte ... nicht nur als Offizier der spanischen Armee, sondern auch als Mensch. In den paar Jahren als Korsarenkapitän hatte ich viele Hemmungen verloren, was das Morden anging. Nie sollten es Unschuldige sein, sondern bloß die, die es verdienten. Hasim at-Ṭarābulus sollte für seine Taten sterben. Und das war der Grund, weshalb ich die Santa Cecilia verlassen musste. Ich wollte nicht, dass Fernando mit in diese Sache hineinglitt. Deshalb musste ich ihn dazu überreden wieder Kurs nach Nordafrika zu setzen, wenigstens nach Südeuropa. Den Weg wusste ich ja selber gut. Zudem wusste ich auch, dass die Blue Bird regelmäßig in Tanger ankerte, was mir Sicherheit verschaffte. Denn ohne meine Besatzung konnte ich keinen arabischen Feldherrn angreifen. Wenn ich Glück hatte, könnte mir Fernando sogar helfen. Aber das bezweifelte ich stark. Sein Auftrag war der verschollene Tempel. Und mein Interesse an dem vielen Gold sank von Tag zu Tag, denn mein Durst nach Rache stieg. Ich wollte, dass Hasim at-Ṭarābulus meine Klinge in seiner Brust spürte. Er sollte für seine Taten brennen.

Am Fenster in der Offiziersmesse anlehnend schaute ich auf die untergehende Sonne im Westen und dachte über meine Zukunft nach, die nach dem Tod des Feldherren zu Staub zerfallen konnte. Denn er war ein hoch angesehener Mann und sowohl ein Günstling des französischen Königs Louis XV. als auch des Imam der saudischen Dynastie Muḥammad ibn Saʿūd ibn Muḥammad Āl Muqran. Sein Tod dürfte eine heftige Jagd auf die kleine Yasmine hervorrufen und mich als Zielscheibe jedes französischen und arabischen Kommandanten machen. Aber das war es auf jeden Fall wert.
Nur gefiel das Fernando überhaupt nicht ...

"Du hast bitte was vor?!", fragte er mit weit aufgerissenen Augen.
"Fernando, er hat meine Eltern auf dem Gewissen! ... und noch viele andere, unschuldige Menschen!", entgegnete ich und sprang dabei auf.
Fernando stand noch in der Tür, kam dann aber vorsichtig herein.
"Es tut mir Leid, aber das kann ich nicht zulassen! Weißt du, was das für Spanier bedeutet?! Die Franzosen werden sich an uns hängen, weil wir das westliche Mittelmeer und die Nordküste Afrikas kontrollieren! Am Ende trägt man mir die Jagd nach dir auf!"
"Sie wissen doch gar nicht, wo du steckst, weil du jeden Tag die Position änderst!"
"Irgendein Brief wird mich erreichen. Und wenn ich nach Cádiz segele, um dem König Bericht über meinen Auftrag zu erstatten, werden sie es tun ... außerdem ist Rache doch gar nicht die beste Lösung! Was dieser Hasim getan hat war sicherlich falsch und ..."
"Du hast doch keine Ahnung! Er folterte meine Eltern und ließ mich dabei zusehen!", brüllte ich Fernando an. Ihm waren das Entsetzen und das Mitleid mitten in das Gesicht geschrieben. Somit beruhigte ich mich etwas. "Ich verlange nicht, dass du mir hilfst. Aber lass mich gehen und das zu Ende bringen!"
"Nein, wenn man herausfindet, dass du mit mir zusammen warst, wird man uns beide aufhängen und ..."
"Aha! Ist es dir peinlich dich mit mir blicken zu lassen!"
"Auf keinen Fall! Es ist nur ... ich könnte es nicht ertragen dich an irgendeinem Baum als Abschreckung baumeln zu sehen. Dafür liebe ich dich einfach viel zu sehr, mi cariño!", sagte er, legte seinen Hut ab und nahm meine Hand.
In meiner Brustgegend schmerzte es plötzlich, als stäche ein Dolch hinein. Wäre es vielleicht nicht doch ein sinnloses Unterfangen? Ich wusste es nicht. Was ich ihm damit antäte, schmerzte tief in meiner Seele. Ich wollte ihn nicht so auf dieser Welt zurücklassen, nur damit meine Lust nach Rache gestillt werden konnte. Meine Eltern zurückholen konnte ich damit nicht. Aber die Blue Bird wiederzusehen, war trotzdem noch ein Grund die Santa Cecilia zu verlassen, obwohl das viele Sehnsüchte nach meinem Geliebten erwecken würde.
Ich unterbreitete ihm meinen Wunsch, doch er schien ebenfalls nicht begeistert zu sein, was ich sehr gut verstand, denn ich war beim Aussprechen dieser Frage selber nicht begeistert. Aber Fernando nickte schließlich, als sich sein neues Entsetzen legte. Wir vereinbarten, dass wir die Blue Bird suchten, wenn wir das nächste Mal die momentane Lage an den Boten des Königs in Cádiz schildern würden. Aber bis dahin blieb uns noch viel Zeit.
Es zerriss mich innerlich, dass wir lange Zeit auseinander sein würden. Deshalb vereinbarten wir ein regelmäßiges Treffen für alle zwei Monate in Sevilla. Aber ob wir das halten konnten, stand noch in den Sternen.
Er schloss mich tief in seine Arme und begann zu weinen. Es war das erste Mal, dass ich ihn weinen sah. Und das erste Mal, dass ich weinte seitdem meine Eltern gestorben waren. Ich spürte sein Herz schnell und stark klopfen. Dann löste er sich leicht von mir und küsste mich, bis ein donnernder Knall, gefolgt von einer heftigen Erschütterung uns aus unseren Wolken riss ...


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Verfasst: Di 21. Jan 2014, 23:55 
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Es war ein heftiges Geschrei zu hören und dann Stille. Wie vom Blitz getroffen rannte ich zum Hauptdeck, wo die Mannschaft verirrt umherstreifte. Anscheinend wusste sie selber nicht, was geschehen war. Doch dann erblickte ich eine kleine Rauchsäule aus einer Frachtluke steigen.
"Feuer!", brüllte einer der Matrosen und füllte gleich zusammen mit zehn anderen Männern Eimer mit Seewasser.
Sofort stieg ich wieder den Niedergang hinunter und folgte dem Rauch auf sicherem Abstand. Die Männer folgten mir ein weiteres Deck tiefer und dann noch eines, welches schon bis zu den Knöcheln mit Wasser gefüllt war. Es stieg recht schnell und das Leck war nicht zu finden. Wir folgten dem Rauch und entdeckten die Flammen, die langsam im Wasser erloschen. Es war das Segellager, welches in Flammen stand. Die Männer eilten rasch zu dem Feuer und begannen es zu löschen, was Gott sei Dank schnell passierte.
Auch das Loch war nun zu sehen. Es war anscheinend ein Sprengkörper gewesen, der ein Loch in den Rumpf gerissen hatte. Wütend hämmerte ich mit der flachen Hand gegen die Tür und ließ ein "Mist!" entweichen.
Die Matrosen waren schon dabei das Loch mit dem übrig gebliebenen Rest eines Segels und dicken Tauen zu stopfen, welche sie mithilfe eines abgesägten Teils einer Rah versuchten zu stabilisieren. Es war alles andere als einfach, denn das Loch hatte einen Durchmesser von knapp einem halben Meter. Etwa fünfzehn Mann, ich mit eingeschlossen, stemmten sich mit aller Kraft gegen das Segelzeug und hämmerten mit großen Hämmern die Verstopfung fest. Ich stand nun an der Bilgepumpe und versuchte das Wasser aus dem Schiff zu pumpen, um etwas Zeit zu bekommen, bis endlich Verstärkung eintraf. Zwar trat noch immer Wasser ein, aber deutlich weniger, als vorher.

"Was kann das gewesen sein?", fragte Bo'sun. Wir saßen - nun spät in der Nacht - in der Offiziersmesse und planten weitere Vorgehensweisen.
"Auf jeden Fall kein Riff! Es war definitiv ein Sprengkörper, vermutlich eine Granate. Und es war definitiv kein Versehen! Wir sollten der Sache näher auf den Grund gehen ... Wir haben vielleicht einen Meuterer oder einen Spion an Bord!", sagte Teniente Reyes mit seiner, wie immer, ernsten Miene.

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Verfasst: So 26. Jan 2014, 21:34 
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Irrlicht
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"Und?", fragte ich, als gerade Doktor Hawkins hereinkam. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich an das Ende des Tisches. Ihm folgte sofort João, der Spiegelei für die versammelte Mannschaft brachte.
"Es sind bloß zwei Verletzte Matrosen. Sie waren zum Zeitpunkt der Explosion im Frachtraum und die Tür stand offen. Sie wurden von Holzsplittern getroffen, kommen aber sehr gut durch", antwortete der Doktor.
"Und weshalb die Bäche, die aus Euren Poren strömen?", fragte der Capitán und deutete ein Lächeln an.
"Weil es im Lazarett gerade sehr warm ist. Und auf dem Hauptdeck ebenfalls. Wir können bloß hoffen, dass uns die Wasservorräte nicht wegdunsten", sagte er nahm einen Schluck aus einem Becher, der neben ihm stand, und wischte sich erfrischt den Mund an seinem Ärmel. "Ich werde mal wieder nach unseren Todkranken sehen." Der Doktor erhob sich wieder und verließ die Offiziersmesse.

In den folgenden Stunden wurde die Stimmung ein wenig angespannter, denn wir kamen zu keiner Lösung. Eine Befragung von rund etwa hundert Matrosen wäre eine Zeitverschwendung. Aber es musste einer der Matrosen gewesen sein, denn es gab hier niemanden, der das hätte tun können. Der Capitán hatte mir erzählt, dass wir vielleicht einen weiteren Gast an Bord gehabt hätten, eine junge indische Dienerin von diesem aufgeblasenen Franzosen, wenn sie nicht kurz vor dem Segelsetzen über Bord gesprungen wäre. Anscheinend hatte sie gedacht, wir würden das gleiche mit ihr anstellen, was sie unter Chaminades Hand erfahren hatte.
Aber das Geheimnis sollte schon wenig später gelüftet werden, als wir plötzlich einen Schuss fallen hörten. Sofort sprangen der Capitán und ich auf und verließen die Offiziersmesse. Vor dem Lazarett hatten sich gut zwanzig Matrosen versammelt, die neugierig hineinschauten. Wir drängten uns durch die Massen und sahen einige Matrosen die mit Knüppeln in der Tür standen und leicht gefährlich auf einen Einzelnen blickten und ihre Knüppel kreisen ließen. Doch der Einzelne war festentschlossen und gab sein Territorium nicht auf. Der Grund, allerdings, weshalb die Männer nicht sofort auf den Matrosen eingedroschen hatten, lag in der Hand des Matrosen. Eine Steinschlosspistole, gezielt auf die Menge in der Tür, suchte sich ständig ein neues Ziel.
"Legt die Waffe nieder, Mann!", befahl ich und zückte ebenfalls meine Pistole. Erst jetzt erkannte ich, wer der Mann war, der auf uns zielte. Es war ein Indio namens José, den unser Capitán vor einigen Monaten an Bord gelassen hatte, als er in Maracaibo einen Zwischenstopp gemacht hatte. José hatte eine klaffende Wunde an seinem rechten Arm. Es sah anscheinend so aus, als ob er einer der Verletzten war, die bei der Explosion zu Schaden gekommen waren. Und es sah danach aus, als ob er der Bombenleger war.
Aber das Schlimmste war der Mann, der neben José reglos auf dem Boden lag. Er hatte eine Kugel zwischen die Augen bekommen. Es war kein anderer, als unser ehrenwerter Schiffsarzt Doktor William Hawkins.
"Legt die Waffe jetzt nieder!", befahl ich jetzt schärfer.
"Das werde ich nicht tun! Keiner von euch wird unseren heiligen Tempel erreichen! Die Herrschaft der Spanier wird uns noch alle in die Hölle ziehen, da, wo ihr hingehen wollt! Ihr habt schon so viele ungezähmte Geister in der Geschichte freigelassen, darunter euren verehrten Cortés! Niemals werde ich zulassen, dass noch weitere Geister kommen werden. Der Zorn von Mictlancihuatl wird euch alle samt mit nach Mictlan nehmen, wo ihr nie wieder freikommen werdet!", schrie José in Tränen und setzte sich die Pistole an die Schläfe.
"Nicht!", riefen der Capitán und ich gemeinsam, doch es war zu spät. Ein dumpfer Knall erfüllte die Stille und die Bordwand wurde mit Blut besprenkelt.

Die Stimmung sowohl der Mannschaft als auch unter den Offizieren war nun ziemlich getrübt. Josés und Williams Leichnam hatten wir der See mit einer Trauerrede unseres Capitáns übergeben.
"Sollten wir etwa alle untergehen?", fragte ich Fernando, der am Fenster stand und auf das offene Meer rausschaute.
"Ich nehme es an. Ich hoffe allerdings, dass José mit seiner Warnung Unrecht hatte."
"Ihr glaubt das doch nicht, was er erzählte?"
"Ich glaube, wir sollten höllisch aufpassen. Wenn unser Señor Aurentius wieder aufgewacht, werden wir ihn mal über die Umstände informieren. Wir werden jetzt Kurs auf Manila nehmen, um den Rumpf reparieren zu lassen und Proviant aufzunehmen, und danach segeln wir nach Cádiz, um einen gewissen Señor Fernando über die aktuelle Lage zu informieren."


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Verfasst: Mo 27. Jan 2014, 13:12 
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Vor der Straße von Malakka, 5. Juni 1751

Langsam erhob sich die Sonne aus ihrem kühlen Salzbad im Osten, allerdings wusste ich, dass das nicht der Fall ist, weil genau dort unser nächstes Dilemma auf uns wartete. Die Halbinsel Malakka war ein wunderschöner Ort. Die imposanten Regenwälder ragten majestätisch in die Höhe, was man aber von unserer Position aus noch nicht erkennen konnte, denn dazwischen waren noch etwa hundert Meilen Wasser. Das Dilemma war aber, dass es der einzige Weg nach Ostasien war. Dafür war jeder andere sicherer, denn hier wimmelte es bloß von Piraten und Schiffen der East India Company. Der nächste sichere Hafen war in der Tat Manila, aber dazwischen lag ja noch Singapur mit den unzähligen britischen Schiffen.

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Verfasst: Sa 21. Jun 2014, 20:56 
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Irrlicht
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"Capitán?", kam es von draußen. Ich schreckte auf und bat den Matrosen herein. Der Mann, der selber nicht viel besser aussah als ich, schlurfte in die Messe und salutierte kurz. Er war einer meiner Soldaten, das war jedenfalls noch gerade zu erkennen. Wie jedes Besatzungsmitglied meines Schiffes war seine Haut bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, dass es sehr schwer war die Männer auseinander zu halten. Es waren Männer, die auf Schlachten gegen die Ureinwohner vor Jahrhunderten gefallen waren, die den aztekischen Göttern ins Gesicht geschaut hatten und mir unterstellt wurden, um nach meinem damaligen Tod nach den Schlüsseln zu suchen, die den Tempel öffnen sollten. Aber was hatte dieser Soldat auf seinem verbrannten und längst verkümmerten Herzen?
"Ja?"
"Die Männer fragen sich, ob es nicht noch eine andere Möglichkeit gäbe an die Gegenstände zu gelangen, als diesem Castillo bis an das Ende der Welt zu jagen", sagte er mit einem forschen Ton.
"Wir können ihm nicht zuvorkommen, weil wir nicht wissen wo sich die Gegenstände befinden! Wir können ihn allenfalls weitersuchen lassen, um am Ende seiner Suche am Tempel auf ihn zu warten, um ihm die Gegenstände abzunehmen! Er hat keine Ahnung, was sich im Tempel befindet welche Macht dahinter steckt und was ihn erwartet, sollte er Fehler machen!", brüllte ich und schlug mit dem Arm auf den Tisch. "Gebt dem Steuermann Bescheid, er soll neuen Kurs auf Südamerika setzen!"


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Verfasst: Mo 22. Dez 2014, 00:37 
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"Capitán?", fragte mich Reyes und deutete auf zwei Punte am Horizont.
"Ja, ich weiß ..." Diese beiden Punkte waren mir kurz vorher aufgefallen. Es handelte sich um zwei britische Fregatten, die außerhalb der Bucht von Singapur vor Anker lagen. Es waren die HMS Greyhound und die HMS Blandford, zwei äußerst schnelle Fregatten, mit denen wir es kaum aufnehmen konnten, wenn sie uns zu zweit angreifen würden. Aber noch hatten sie uns nicht entdeckt. Die Tarnung durch die britische Kriegsflagge sollte uns gegen unsere Feinde schützen. Allerdings würden wir nach genauerem Hinschauen sofort auffliegen, da jeder in der britischen Marine wusste, dass die HMS Independence in spanischen Händen lag. Aber wir hofften auf keine sonderliche Beachtung, zumal es in dieser Meerenge nur so von britischen Fregatten wimmelte.
Aber anscheinend schien es wirklich niemanden zu stören. Unsere Weiterfahrt war also gesichert.


Südchinesisches Meer, 15. Juni 1751

"In drei Stunden werden wir Manila erreichen", meldete Bo'sun. Halb abwesend saß ich am langen Tisch in der Offiziersmesse und antwortete mit einem verträumten Nicken. Mir ging nach wie vor das Gespräch mit Yasmine nicht aus dem Kopf. Sie hatte zwar gesagt, sie wollte ihre Pläne, Rache an Hasim zu nehmen, aufgeben, doch noch immer war dieses Funkeln in ihren Augen zu sehen. Dieser Durst nach endgültiger Rache, dieser unendliche Hass in ihrem Gesicht, während sie ein Messer umklammernd auf ein Stück Fleisch einstach. Ich hielt Yasmine für eine sehr robuste und tapfere junge Frau, die niemals davor scheute offen ihre Meinung zu sagen ... oder zu prügeln. Aber manchmal fand ich sie weinend in der Offiziersmesse vor. Es war diese ständige Unruhe in ihr, die sie so aufwühlte, das Wissen, dass der Mörder ihrer Eltern und vieler unschuldiger Menschen nach wie vor frei herumlief.

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Verfasst: Do 22. Jan 2015, 23:13 
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Irrlicht
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"Weißt du eigentlich, wie hoch das Kopfgeld für dich ist?", sagte Hasim at-Ṭarābulus und schlug mir ins Gesicht. "Für dieses Geld hätte ich meine Mutter persönlich Ğahannam schicken. Es ist also eine Ehre für dich. Niemand würde in diesen Zeiten einen solch hohen Preis aussetzen, es sei denn du bist eine bekannte Schänderin des Korans ... und das bist du ja, wie wir alle wissen. Allerdings, wenn du es genau wissen willst, ist der Mensch, für den ich dich töten werde, kein Muslim. Er ist Franzose und stark katholisch. Aber keine Sorge. Hier wirst du auch wegen anderen Vorwürfen gesucht!"
Alles in meinem Gesicht tat weh. Das Blut lief an meinem Hals zu boden. Ich hatte höllischen Durst. In der Hütte eines alten Bauern, etwa drei Tagesmärsche von Marrakesch entfernt, hielten sie mich gefangen. Seit zwei Tagen verweigerte man mir Wasser und Brot. Es war ein Genuss für alle mich so zu sehen. Anfangs hatte ich noch die Kraft gehabt Beschimpfungen wild an ihre Köpfe zu werfen, doch nun war ich am Ende meiner Kräfte. Alles begann sich zu drehen und ich konnte die Stimme des Feldherren kaum noch hören, bis plötzlich zwei bekannte Gesichter vor mir auftauchten. Ein Mann mit schwarzem Vollbart und einem barmherzigen Gesicht, der schon auf die fünfzig zuging, und eine Frau mit einem zierlichen und schönen Gesicht, die etwas jünger als er war, wurden gezwungen in die Knie zu gehen. Als sie mich erkannten, begann meine Mutter zu weinen und mein Vater schimpfen.
"Was habt Ihr vor?", fragte ich etwas munterer. Doch der Feldherr antwortete nicht. Stattdessen kaute er gemütlich auf einer Dattel und wandte sich ab. Zwei seiner Wachen holten weit mit ihren Schwertern aus und schlugen meinen geliebten Eltern den Kopf so ab, dass sie in meine Richtungen fogen. Der meines Vaters landete direkt in meinem Schoß. Ich begann wie wild zu schreien, zu weinen, zu fluchen, mich zu schütteln, doch die Männer verzogen sich lachend in ihr Zelt.
Vier Stunden lang saß ich an dem Pfahl gefesselt und versuchte überall hinzuschauen, nur nicht zu den Leichen meiner Eltern. Ich dachte an meine Vergangenheit. Ich dachte, wie ich als Kind mit meinem Vater in die Wüste hinausgeritten war, um die Sterne zu beobachten. Er hatte mich nach den Sternen abgefragt und immer, wenn ich einen richtig erraten hatte, erzählte er mir eine selber geschriebene Geschichte dazu.
Meine Mutter hatte mich immer auf den großen Basar von Marrakesch mitgenommen, wo sie mir viele Dinge gezeigt und gelehrt hatte. Dort hatte sie mir auch ein kleines Steckenpferd gekauft, welches ich noch immer besaß. Dass sie nicht mehr sein sollten ...
Die Nacht brach herein, es wurde dunkel und es regnete. Die Lichter im Zelt gingen langsam aus. Ob Allah mir geholfen hatte oder ob ich es selbst geschafft hatte, wusste ich nicht, aber auf jeden Fall lösten sich die Fesseln und erst nach einer halben Stunde bemerkte ich meine Freiheit. Ich atmete tief durch und öffnete meinen Mund gen Himmel. Das Wasser schmeckte köstlich und langsam konnte ich wieder klare Gedanken fassen. Ich erhob mich und rannte davon. Ohne meine Eltern zu begraben oder mitzunehmen, ohne eine Ahnung wo ich war, rannte ich einfach los ...


Völlig in Schweiß gebadet und schwer atmend lag ich in meiner Kajüte auf dem Boden. Mein Kopf und meine Hüfte schmerzten, als hätte mich ein Pferd getreten.
'Es war also nur ein Traum', dachte ich und rieb mir lächelnd die Stirn. Ich richtete mich auf und bewegte mich leicht wankend, verursacht durch den Seegang und die Kopfschmerzen, zur Tür meiner Kajüte. Im Gang war alles still. Das einzige, was auf diesem Deck zu hören war, war das Wasser, das am Rumpf vorbeiglitt. Immer wieder unterbrach ein Befehl von Teniente Reyes die beruhigende Stille. Nach diesem Traum war eine vertraute Umgebung und eine angenehme Stille sehr wohltuend.
Die Nachtwache hatte gerade begonnen und ich erwischte Señor Ribalta, bevor er das Licht in seiner Kajüte löschen konnte.
"Ah ... Señora ... bint ...!"
"Yasmine reicht aus"
"Yasmine ... richtig! Womit kann ich Euch helfen?", sagte der junge Mann, der nicht älter zu sein schien als ich.
"Seid Ihr Arzt?", fragte ich etwas skeptisch.
"Nun ... ja ... nein. Mehr oder weniger. Ich habe erst gerade mein Medizinstudium in Barcelona abgeschlossen. Soll natürlich nichts bedeuten. Welche Art von Hilfe braucht Ihr denn?"
"Nur etwas gegen die Kopfschmerzen. Eines Ihrer Wunderheilmittel würde mir reichen!", sagte ich und streichelte meine Stirn.
"Dann werde ich mal nachsehen", sagte er und verschwand kurz in seine Kammer, kam kurz darauf mit einer kleinen Dose Opium zurück.


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Verfasst: Fr 25. Sep 2015, 04:10 
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Manila, philippinische Inseln, Neuspanien, 26. Juli 1751

Es war erfrischend wieder in sichere Gewässer einzulaufen. Manila, der spanische Hafen Südostasiens, ein wichtiger Handelsstützpunkt zwischen Asien und Amerika. Etliche Händler aus China und Japan kreuzten hier auf und verkauften ihre Waren an die Spanier, die mit ihren Handelsschiffen zum Festland Neuspaniens segelten. Die Stadt war klein, doch die Warteschlange der Schiffe war riesig. Etwa hundert Schiffe aus fast allen Teilen Asiens lagen hier vor Anker und ließen sich durch ihre Beiboote versorgen oder brachten ihre Waren an Land. Wir fanden dennoch an der Kaimauer einen für spanische Kriegsschiffe reservierten Platz, mussten vorher durch den Holzsalat in der Bucht von Manila navigieren, was gar nicht mal so leicht war.
Unser Quartiermeister Bo'sun sollte den Transfer und die Lagerung des Proviants und der Munition regeln, nachdem das Schiff im Dock gründlich auf fatale Schäden untersucht wurde. Auch wurde das Loch, was durch den Indianer José verursacht wurde, fachmännisch geflickt.
Der Rest der Besatzung hatte freien Landgang. Sie verbrachte viel Zeit in den örtlichen Tavernen, mit den Philippinerinnen oder wurden gar auf andere Schiffe transferiert. In dieser Zeit hatte ich genügend Zeit mich mit dem Thema "Tempel" oder "Stadt" auseinanderzusetzen. Dabei war mir Clement eine große Hilfe, der die Kulturen der amerikanischen Urbevölkerung besser verstand, als jeder andere. Zwar sprach ich mittelmäßiges Quechua, was ich während meiner Schulzeit von einem Jungen aus dem Vizekönigreich Peru gelernt hatte, dennoch verließ ich mich auf seine tiefgreifenden Kenntnisse, zumal seine Frau eine angesehene Maya-Frau war. Als ich mich an jenem Abend mit ihm an einen Tisch setzen wollte, kam er mit einem Zettel und einem etwas besorgten Gesicht in die Taverne hinein. Die Besatzung war bereits am schlafen, es war also sehr ruhig, und der Wirt ließ uns den Schlüssel da.
"Es scheint mir, dass unsere werte Yasmine anderen Plänen nachgehen musste", sagte Clement und legte jenen Zettel auf den Tisch.
"Wovon redet Ihr da?", sagte ich verdutzt und entfaltete ihn:

Mein Liebster,

ich habe nochmal über unser Gespräch nachgedacht, als du mir rietest nicht der Rache zu erliegen. Allerdings treibt mich der Gedanke an jenen Feldherren in den Wahnsinn. Jede Nacht träume ich von meinen Eltern und erlebe den Schmerz, den ich damals empfand, immer wieder. Seine Herrschaft muss nun ein Ende haben! Ich habe einen Kapitän eines indischen Handelsschiffes bezahlt, welches mich nach Sues bringt, wo meine Crew sich jedes Jahr zu dieser Zeit aufhält. Du musst mich verstehen! Ich muss dem Leid unter Hasim ein Ende bereiten. Ich bereue nichts! Ich werde dich immer lieben. Ich hoffe, dass sich unsere Wege wieder kreuzen. Halte immer nach einem blauen Vogel am Bug eines Schiffes Ausschau!

Deine Yasmine


Es traf mich wie ein Pfeil im Herz! Dann hatte sie also doch beschlossen Rache zu nehmen. Ich konnte ihr das in keinster Weise verübeln. Aber ihr bei ihrem Vorhaben helfen konnte ich auch nicht. Wir würden dem spanischen Königreich nur noch mehr Feinde bereiten. Und außerdem war da noch die verlorene Stadt. Ich faltete den Brief zusammen, strich mir eine Träne von der Wange und wandte mich wieder Clement zu.

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Verfasst: Mi 30. Sep 2015, 03:13 
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1. August 1751

Es war wieder einer dieser Momente, die mich träumen ließen. Früh morgens bei leichtem Sprühregen stand ich auf dem Hauptdeck der arabischen Sambuke, die mich in die gelobte Heimat bringen sollte. Ich umklammerte nachdenklich mein Messer und starrte auf das weite Meer hinaus. Die Sonne war noch gar nicht aufgegangen, dennoch konnte ich den Horizont erkennen. Es war ein angenehmes Wetter. Nicht allzu warm; es wehte ein leichter Wind und ich empfand den Regen als angenehm.
"So früh schon wach?", meinte der Kapitän des Schiffes und stellte sich neben mich. Ich schreckte auf und hätte dabei fast das Gleichgewicht verloren. Ich nickte nur kurz und wandte meinen Blick wieder dem Meer zu. "Wenn ich fragen darf: Was genau veranlasste dich nach Manila zu segeln, wenn du so dringend nach Hause wolltest? Du siehst nicht so aus, als ob du deinem Mann entflohen wärst."
Ich lächelte ein wenig verlegen. Ich konnte ihm kaum die Wahrheit sagen, weil er mich sonst sofort über Bord geworfen hätte. Aus diesem Grund verriet ich ihm nur die halbe Wahrheit: Ich war eine Bekannte eines Seemanns gewesen, der mich mit auf seine Abenteuer genommen hatte. Allerdings rief die Heimat mich wieder und ich hatte meiner Familie noch einen Dienst zu leisten. Dies akzeptierte er mit der Frage, ob der "Bekannte" denn auch Händler war. Ich beantwortete dies mit einem "Ja".


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Verfasst: Mo 9. Nov 2015, 02:05 
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Vor der Küste Taiwans, 2. Juli 1751

An diesem Morgen war ich schon früh auf den Beinen. Der Grund war der leckere Geruch von Spiegelei und Kaffee, der meine Sinne zu schärfen vermag. Nun war es aber nicht unser zum Chefkoch ernannter Küchenjunge der Santa Cecilia, der für die Offiziere das Mahl bereitete, sondern lediglich einer der Leichtmatrose, der anscheinend Hunger verspürte.
"Señor?! Der Koch wird das Frühstück erst in einer Stunde verteilen. Könnt Ihr mir sagen, was Euch dazu bewegt, unerlaubt die Utensilien unseres Schiffskochs zu benutzen?", fragte ich, als ich die Kombüse betrat. Der junge Mann schien nicht sonderlich überrascht zu sein, dass ich ihn überrascht hatte, eher stolz.
"Señor Capitán, mit Eurer Erlaubnis möchte ich den Posten des Schiffskochs übernehmen. Unser Junge, der bis heute uns bedient hat, scheint der Aufgabe nicht gewachsen zu sein, Señor! Zu zweit wäre es eine leichtere Aufgabe!"
"Habt Ihr schon einmal gekocht?"
"Señor, ja natürlich! Für meinen kranken Bruder. Wir hatten leider kein Geld ihm anständiges Essen zu bereiten. Seine Frau war tot und ich hatte damals die Mittel ihn zu bekochen ... zusammen mit meiner Frau. Bitte, Señor! Ich möchte das für die Mannschaft tun!"
Es machte mich in der Tat etwas nachdenklich. Ich konnte ihn nicht ohne weiteres in den Dienst des Chefkochs einsetzen, da wir ja bereits einen amtierenden Chef besaßen - ein frischer und sehr fähiger neunzehnjähriger junger Mann, der praktisch im Kochkessel geboren wurde und seine Kindheit, anstelle mit Steckenpferden, mit gebratenen Hühnchen gespielt hatte.
Ich willigte ein ihn für einen Monat unter Beobachtung stellen zu lassen, um herauszufinden, ob seine Kochkunst das tiefgreifende Heimweh der Matrosen lindern konnte oder die Matrosen zum Selbstmord bringen würde. Aber vielleicht wäre er ein guter Zweitkoch. Auf jeden Fall versuchte er, nachdem ich ihm das Angebot unterbreitet hatte, mir ein kräftiges Frühstück aus den geringsten Mitteln zu zaubern und es war für den Anfang nicht übel. Es bedarf allerdings tatsächlich an Nachhilfe durch unseren jungen Zauberkünstler.
Nach dem sehr frühen Mahl erkundigte ich mich nach der Lage unseres Schiffes. Mein erster Offizier, der gerade aus dem Kartenraum erschien, sagte, dass sich die Esmeralda genau zwischen Taiwan und der chinesischen Ostküste befand. Und da war noch ein positiver Aspekt. Am Horizont wurde ein Schiff ausgemacht, welches unter französischer Flagge segelte. Es handelte sich wahrscheinlich um die Fleur d'Inde.


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Verfasst: Do 17. Dez 2015, 14:34 
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Auf dem Weg nach Neusgranada, 17. August 1751

Zwei Tage nach meinem Geburtstag, an dem die Schnapsreserven von der Mannschaft geplündert wurden, hatte sich die Lage wieder beruhigt. Wir hatten Kurs auf Neugranada genommen, um dem König unsere Erkenntnisse mitzuteilen. Briefe sollten ihn von dort aus erreichen.
Es war schon recht spät als Bo'sun die Offiziersmesse betrat. Ich war gerade damit beschäftigt Berurteilungen über meine Offiziere zu verfassen, die mit den Berichten nach Spanien gehen sollten, damit irgendwann diese lobenswerten Männer mit Beförderungen belohnt werden konnten.
Mein treuer Freund berichtete mir von Schiffen, die in der letzten halben Stunde gesichtet wurden. Drei chinesische Dschunken, auf dem Weg nach Acapulco; drei englische Handelsschiffe, die aber schnell das Weite suchten, als sie unsere Flagge erkannten; ein japanisches Kriegsschiff auf Patrouille und zwei portugiesische Linienschiffe, die durch die Magellanstraße auf dem Weg nach São Salvador da Bahia de Todos os Santos waren.
"Noch Lust auf ein Abendessen?", fragte mich Bo'sun mit seiner tiefen, brummenden Stimme, als er gerade die Messe verlassen wollte. Ich willigte ein und ließ vom Koch ein Leib Brot mit Wurst und einen Krug Wein bringen. "Was wohl Yasmine vor hat? Meinst du, sie wird es schaffen diesen Verbrecher zu töten?"
"Ich habe keine Ahnung. Ich hoffe nur, dass sie weiß, ob sie das Richtige tut. Aber im letztendlich war ihr Vorhaben abzusehen, obwohl ich ihr davon abriet. Mein Gott!", schnaufte ich und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. "Sie ist eine der meistgesuchten Personen im Maghreb! Sie wird sich nur noch mehr Feinde machen."
"Was soll man sagen? Sie ist ein Pirat!", sagte er und lachte herzlich. Ich schaute ihn teils bedenklich und teils amüsiert an.
"Piraten! Sie rauben, morden, leben in Freiheit! Genau das, was wir auch tun. Nur unterstehen sie keinem König. Freiheit, Bo'sun! Das bedeutet, dahin zu segeln, wohin man möchte!"
"Haha, wenn der König wüsste, was wir damals in dem Sklavenlager getan haben. Du musst zugeben, Fernando! Du bist wirklich ein halber Pirat. Du befreist eine Horde Sklaven aus dem englischen Markt, überfällst eine englische Fregatte, ohne die Mannschaft den Behörden zu übergeben und heuerst einen Piraten an, über den du erzählst, er sein dein Diener gewesen!" Bo'sun bekann erneut kräftig lachen.
"Ich hatte ja damals keine Ahnung über deine Vergangenheit ...", sagte ich und lächelte nachdenklich.
"Und ich hatte keine über deine!", meinte er, stand auf und verließ die Messe ein altes Piratenlied singend.
Leicht schmunzelnd gab ich mich wieder den Beurteilungen hin, doch plötzlich hörte ich etwas. Es war nischt das typische Knarren der Planken, wenn sie sich unter der Gewalt des Wassers und der Winde bogen und streckten, sondern eine Art von fürchterlichem Kratzen. Ich unterbrach mein Gekritzel und lauschte genauer. Es war ein recht leises Kratzen, von dem man denken könnte, es gehöre zur Geräuschkulisse des Schiffs dazu, aber das tat es nicht. Ich stand auf und bewegte mich einen Stück auf die Tür zu, um auszumachen, woher dieses merkwürdige Geräusch erklang. Aber tatsächlich wurde es weder lauter noch leiser. Ich bewegte mich durch die Messe und vernahm keinen Unterschied. Gehörte es etwa zum Schiff dazu? Gab es irgendeine stark verschlissene Schotleine? Das konnte nicht sein. Die Takelage wurde in Manila von Grund auf ersetzt. Ich griff nach meinem Degen, der auf dem Tisch lag, verließ die Messe mit einer Öllampe und suchte auf dem Unterdecknach dem Ursprung. Ein großer Teil der Mannschaft war schon tief am schlafen; auch mich hatte die Müdigkeit gepackt, doch meine Neugierde übertraf mein Verlangen nach Ruhe. Ich stieg also noch ein Deck tiefer und lauschte in bei den Kajüten der Offiziere, doch das Kratzen wurde leiser, aber ich hatte dennoch das Gefühl, dass ich näher kam. Somit stieg ich noch ein Deck tiefer und schaute mich bei den Lagerräumen des Arztes, des Kochs und meines ersten Offiziers um, und schließlich im Frachtraum. Ich wühlte mich durch die Fässer, Säcke und Kisten und horchte nach diesem Kratzen. Es wurde zwar leiser, doch merkwürdigerweise auch eindringlicher. Mir sackte das Herz in die Hose bei diesem Geräusch. Ich konnte es ganz genau vernehmen, obwohl ich es eigentlich bei dieser Lautstärke nicht mehr hätte vernehmen dürfen. Ich kam der Quelle immer näher. ich öffnete eine Tür zum vorderen Teil des Schiffes und befandmich nun zwischen Segelraum und dem Lager des Zimmermanns. Ich hielt meine Laterne höher, um den gesamten Bereich einzuleuchten. Es war recht eng und ich musste mich des öfteren an der Wand abstützen, um wegen des Wellengangs nicht zu stolpern. Doch was ich da sah verblüffte mich einfach unglaublich. Auf einer kleinen Backskiste saß eine schluchzende, junge Frau, das Gesicht tief in den Händen vergraben. Sie trug ein reines, weißes Kleid und ihre tiefschwarzen Haare waren nass, als ob sie gerade aus dem Meer gefischt wurde. Sie musste mich wohl gehört haben, denn sie schaute mich nun toternst an.
"Wie seid Ihr an Bord gekommen?", fragte ich und trat einen Schritt näher auf sie zu. Es war wohl klüger etwas behutsamer mit ihr umzugehen, denn sie schien in Schwierigkeiten gewesen zu sein. Ob sie an Bord geschwommen war oder nicht war ja völlig irrelevant. Ich hängte die Lampe an einen Haken und kniete mich auf den Boden vor ihr, um mit ihr auf Augenhöhe zu sprechen. Sie antwortete nicht. Ich bemerkte, dass sie mich gar nicht angeschaut hatte, sondern einfach in Gedanken versunken dorthin starrte, wo ich vorher stand. "Señorita, kann ich Euch irgendwie helfen?", fragte ich nun mit sanfter Stimme und versuchte ihre Hand zu nehmen, die auf ihrem Schoß lag, doch sie zog sie an sich.
"Was habe ich getan?!", brach es plötzlich aus ihr heraus. Ihre Stimme klang sehr wehklagend und reuend.
"Ich weiß es nicht. Sagt es mir! Was beschäftigt Euch?"
Plötzlich sprang sie auf und schupste mich zurück. Dabei schrie sie: "Ich brachte sie alle um! Alle! Alle meine Kinder! Ich verriet sie! Ich wurde verraten! Ich brachte den Tod meiner Heimat!"
Überrascht von ihrem Ausbruch kroch ich auf dem Boden liegend zwei Meter zurück. Es schien eine bedrückende Kälte von ihr auszugehen. Sie bereitete mir immer mehr Angst. Ich war kurz davor die Wachen zu rufen, allerdings konnte ich keinen vernünftigen Ton rausbringen, aber durch ihr Geschrei war wahrscheinlich sowieso das gesamte Schiff auf den Beinen. Ich richtete mich auf und legte meine Hand auf den Degen, bereit zum Ziehen, doch dann fuhr sie fort: "Hilf mir!" Sie war wieder völlig ruhig. Meine Angst schwand auch langsam, aber ich traute ihr nicht so recht. Sie hatte wohl jemanden umgebracht - ihre Kinder - und sie war Schuld an einem Massaker in ihrer Heimat.
"Wer bist du?", wollte ich zuerst wissen, bevor ich irgendeiner Frau helfen konnte.
"Ich beobachte dich schon seit langer Zeit, Fernando del Castillo!", sagte sie.
"Wie willst du das bewerkstelligt haben, hm? Wie lange bist schon auf diesem Sch..."
"Du hast ein reines Herz, aber es ist entzwei. Du trägst eine solche Last. Deine Geliebte Yasmine, sie enttäuschte dich, doch nun tut sie ihre Pflicht, die ihr von mir aufgetragen wurde."
"Wie meinen? Du sagtest ihr, sie solle ihre Eltern rächen?", fragte ich erstaunt, doch die Frau ging nicht darauf ein.
"Fernando! Ich wählte dich aus, weil du ein reines Herz hast! Du hast die Macht dem Ganzen ein Ende zu bereiten! Du musst dafür sorgen, dass die Abschlachtereien nicht vergebens waren. Das Böse hat sich in der Welt ausgebreitet und es wird sich noch weiter ausbreiten, Dämonen und viele andere Geschöpfe! Du musst ihn aufhalten, jenen, der es schaffte unsere Götter in die Kniezu zwingen!"
"Was? Du redest von Cortés? Wie soll ich das schaffen?"
"Er hat einen Pakt mit Mictlantecuhtli. Wenn er es schafft die Pforte zu öffnen, wird es euch übel ergehen! Aber es gibt einen Weg ihn aufzuhalten. Ich darf nicht zu viel sagen, sonst tötet mich Mictlantecuhtli! Den einzigen Hinweis, den ich dir geben kann, ist, dass du zu dem Ort fahren musst, an dem ich geboren wurde! Ich ...", sagte sie, doch bevor sie weiterreden konnte verschwand sie urplötzlich während ich blinzelte.
"Hallo?", fragte ich kleinlaut in die Leere hinein, doch von ihr war keine Spur. Durch meinen Kopf schwirrten hunderte Gedanken. Ich wusste weder wer sie war, noch wo ihr Geburtsort lag. Diese Begegnung kümmerte mich noch bis Kap Hoorn, doch ich erzählte meinen werten Kameraden kein Wort. Ich war einfach viel zu unsicher und fühlte mich komplett machtlos. Sie war höchstwahrscheinlich nicht aus freiem Willen verschwunden und ich bezweifelte auch, dass ich sie wiedersehen würde.

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