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 Betreff des Beitrags: Mein Weg
Verfasst: Mo 19. Mär 2012, 17:32 
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Irrlicht
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1. Missverständnis

New York City, USA, 16. Juni 2012

Es klingelte. Ein Mann mittlerer Größe mit Lederjacke kam in den Diner und setzte sich neben mich.
"Guten Morgen!", begrüßte er mich und die Bedienung, die hinter dem Tresen stand und einem älteren Herren Kaffee ausschenkte. Ich erwiderte den Gruß und konzentrierte mich auf meine Waffeln. Das Wort "Waffel" hatte wohl in diesem Augenblick, oder eher in diesem Land, eine völlig andere Bedeutung. Ich verstand unter einer Waffel ein normal großes, goldenes Gebäck mit Karos. Die New Yorker hingegen dachten, wenn sie dieses Wort hörten, an eine Mahlzeit für vier Personen. Die Bedienung hatte mir zwei pizzagroße Objekte, die nicht nur herrlich dufteten, sondern auch genau so gut schmeckten, auf einen viel zu kleinen Teller gelegt. Aber die Krönung kam danach. Sie griff unter die Theke, holte eine Kanne voller Ahornsirup heraus und schüttete die Hälfte über mein Frühstück.
Zudem hatte ich noch ein Spiegelei mit Speck bestellt. Was ich allerdings nicht wusste, war, dass diese Mahlzeit einiges an Zubehör enthielt. Die Bedienung stellte einen großen Teller voller Spiegeleier neben meinen Waffelteller, daneben eine Platte mit Pflaumenkuchen und eine riesige Tasse Kakao.
Mir wurde schon nach beim Ansehen übel. Nicht, weil das nicht lecker aussah, sondern weil dieses Essen bei weitem nicht in meinen Magen gepasst hätte. Deswegen aß ich nur die Eier und trank den Kakao aus.
"Sind Sie etwa nicht hungrig?", fragte der Mann in Lederjacke.
"Zurzeit nicht, nein. Hören Sie, wenn Sie möchten, können Sie den Rest haben. Ich sehe ein, dass das ein wenig zu viel ist", sagte ich und bezahlte. Ich stand auf, verabschiedete mich und verließ das Etablissement.
In dieser Stadt war die Hölle los. Überall, wohin ich blickte, sah ich fremde Gesichter, und keiner schien irgendwie aufzufallen. Nicht einmal der Dieb, der einer älteren Dame das Portmonee aus einer Tasche schmuggelte und dem ich ein Bein stellte, als er sich an mir vorbeidrängelte.
"Hey, passen Sie doch auf!", fuhr mich der Mann an.
"Passen Sie lieber auf, mein Freund, sonst rufe ich die Polizei!", antwortete ich und nahm ihm das Portmonee ab.
"Das ist meine Brieftasche!", sagte eine Stimme hinter mir. Ich schnellte herum, und im nächsten Moment sah ich nur eine Handtasche, die Kurs auf meine Schläfe nahm. Ich taumelte kurz hin und her und stürzte dann zu Boden. Ich war zwar nicht bewusstlos, aber ich hätte mir gewünscht, dass ich es gewesen wäre. Ein Polizist beugte sich über mich, drehte mich auf den Bauch und brachte mir Handschellen an. Völlig benommen wurde ich in einen Wagen gehievt. Die Tür schloss sich, und er setzte sich in Bewegung. Nach wenigen Minuten waren wir an unserem Ziel angekommen, das New York City Police Department.
Der Polizist geleitete mich in einen Warteraum, wo schon andere Leute, vermutlich auch Sträflinge, warteten. Ich setzte mich auf einen der Stühle und wartete, bis ich gerufen wurde. Nach einer halben Stunde schließlich kam der Polizist wieder und geleitete mich in einen kleinen ausladenden Raum mit einem Tisch und zwei Stühlen.
"Bitte setzen Sie sich!", forderte mich der Mann auf, und ich setzte mich ihm gegenüber auf den Stuhl. So hatte ich mir das schon immer vorgestellt. Das war wie in einem dieser amerikanischen Polizeifilme. Der Mann prüfte einige Dokumente und schaute mich böse an. Nach fünf Minuten kam eine Frau hinzu und blickte ebenfalls grimmig.
"Also gut, dann verschwenden wir mal keine Zeit. Wir haben Ihre Daten geprüft. Sie sind Andrés Megías, fünfundzwanzig Jahre alt, geboren am 20. August 1987 in Sevilla, Spanien. Sie haben seit 1988 die deutsche Staatsangehörigkeit und ab diesem Jahr in Köln mit Ihrer Stiefmutter gelebt. Allerdings mussten Sie diese 2003 verlassen, da sie nicht das Sorgerecht für Sie hatte. In diesem Jahr hatten Sie Ihren "Realschulabschluss" absolviert. Jedoch waren Sie seit diesem Abschluss nicht mehr in Deutschland. Nach dem Reisepass waren Sie in fast jedem Land auf der Welt. Angefangen mit Frankreich, dann Spanien, Portugal, Italien, Griechenland, Türkei, Arabien, Marokko, Kongo, Algerien, Äquatorialguinea, Niger, Angola, Nigeria, Namibia, Südafrika, Mosambik, Kenia, Somalia, Indien, China, Russland, Japan, Thailand, Indonesien, Philippinen, Australien, Neuseeland und jetzt die USA", las der Mann vor. Die Polizisten kratzten sich nachdenklich am Kopf und machten verblüffte Gesichter.
"Ich weiß, so etwas nennt man Weltreise. Können wir bitte zu dem kommen, weshalb ich hier bin. Ich habe noch einige Länder abzuklappern", antwortete ich.
"Pah! So schnell kommen Sie hier nicht weg. Sie haben etwas verbrochen, und das muss bestraft werden", sagte die Polizistin.
"Ich habe nichts verbrochen. Ich habe lediglich dazu beigetragen, dass der Dieb mit der Geldtasche nicht abhaut. Ich habe ihm ein Bein gestellt und ihm das Portmonee abgenommen. Ich wollte gerade wieder zu der Dame gehen, um es ihr zurückzugeben. Aber sie dachte wahrscheinlich, dass ich ihre Brieftasche geklaut hätte. Doch so ist es nicht gewesen. Und wie Sie vielleicht wissen sollten, haben wir mehr als einen Zeugen, der das gesehen hat. Wenn nicht das mit dem Klauen, dann dass ich dem Dieb das Bein gestellt habe." Die beiden Polizisten sahen sich skeptisch an. "Ach kommen Sie, wieso sollte ich einer Dame die Brieftasche klauen? Denken Sie etwa, dass ich den Stress am Hals haben möchte?", antwortete ich. Den ganzen Tag ging es hin und her. Ich erklärte es den Beamten hundert Mal, dass ich nichts mit dem Diebstahl zu tun gehabt hatte. Schließlich, etwa gegen Abend, glaubten sie mir endlich, nachdem sie einen Zeugen, und zwar die Bedienung aus dem Diner, gefragt hatten. Ich durfte gehen.
Schnurstracks bewegte ich mich zu meinem Hotel und legte mich in meinem Zimmer ins Bett.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Suche nach der Vergangenheit
Verfasst: Mo 19. Mär 2012, 22:53 
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Irrlicht
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New York City, USA, 17. Juni 2012

Ich öffnete meine Augen. Das erste, was ich sah, war die Lampe, die über meinem Kopf baumelte. Man konnte die ganze Nacht das Hupen der Autos vernehmen. Das war wahrschenlich der Grund, weshalb ich sehr schlecht geschlafen hatte.
An diesem Morgen musste ich einen beunruhigenden Schluss fassen: Sie war nicht in New York City. Ich hatte schon Plakate aufgehängt und sogar bei der Einwanderungsbehörde nachgefragt. Sie sagten mir alle, dass sie nie in der Stadt gewesen war. So weit war ich schon gewesen. Ich konnte wohl kaum aufgeben. New York City war die vorletzte Großstadt in den USA, die ich nach meiner Stiefmutter abgesucht hatte. Die letzte sollte Miami sein. Seit drei Monaten kreuzte ich durch die Staaten, um sie zu finden. Aber jede Spur führte immer ins Nichts. Ich hakte New York City ab!

Ich stand auf, duschte mich, zog mich an, packte meine Sachen und verzog mich wieder in den Diner, in dem ich am Vortag gegessen hatte. Bloß bestellte ich nur die Hälfte. Nach dem Essen holte ich meine Brieftasche aus meiner Hosentasche und bezahlte 10,50 Dollar. Nebenbei zählte ich noch mein übriges Geld, das ich noch besaß. Es waren genau 8.569,50 Dollar und 4.562,90 Euro. Das sollte reichen! Ich steckte das Portmonee weg und verließ den Diner mit meinem Gepäck. Ich hatte einen ziehbaren Reisekoffer mit meiner Kleidung, einen Wanderrucksack mit Verpflegung und einem Erste-Hilfe-Kasten, und da war noch mein Gitarrenkoffer mit Gitarre. Das war mein absoluter Lieblingsgegenstand. Und nebenbei war es auch der Gegenstand, der es möglich machte, mein Portmonee mit Geld zu füllen.
Ich winkte nach einem Taxi, welches sofort anhielt und mich einsteigen ließ.
"Wo darf es denn hingehen?", fragte der Fahrer.
"Zum LaGuardia Flughafen, bitte", antwortete ich und schnallte mich an. Während der Fahrt dachte ich nochmal über meine nächsten Ziele nach. Da Miami die einzige Großstadt in den USA war, die ich noch nicht abgesucht hatte, sollte es dort hingehen. Aber danach? Es gab einen Kontinent, den ich noch nicht abgesucht hatte, geschweige denn überhaupt in meinem Leben betreten hatte. Diese Weltreise hatte einen gewaltigen Vorteil. Ich kam sehr viel herum und durfte die Welt entdecken. Es sollte also in Richtung Süden gehen. Bevor ich diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, hielt das Taxi auch schon an.
"Wir sind da. Das macht dann ... 24,56 Dollar". Ich gab dem Mann das Geld, bedankte mich und stieg aus. Da war ich nun ... am Flughafen. Nur wollte ich nicht zu einem Gate. Ich gelangte zu einer Schranke, die von zwei Polizisten bewacht wurde.
"Stopp! Sie dürfen nicht weiterlaufen. Das Flughafengelände ist nur für autorisiertes Personal", sagte der Beamte.
"Ich weiß. Ich möchte gerne zu meiner Maschine. Sie parkt auf dem Parkplatz G 43", sagte ich und gab dem Mann meine Papiere. Nach einigen Überprüfungen gab er mir die Papiere schließlich zurück und ließ mich passieren. Der Flughafen war sehr groß. Ich brauchte zwei Stunden um den Parkplatz zu finden, wo ich meine Maschine erst drei Tage zuvor stehen gelassen hatte. Aber schließlich fand ich ihn. Eine rot-gelbe Comco Ikarus C-42 wartete auf dem Parkfeld auf ihren Piloten, der sich ihr näherte. Sie war ein zweisitziger Ultraleichthochdecker, aber sie war dennoch sehr stabil und ließ sich ausgezeichnet fliegen. Sie erinnerte an eine kleine Cessna Skyhawk, wobei die Cessna nicht einmal annähernd so leicht war wie die Ikarus.
Ich verstaute mein Gepäck im Gepäckraum und setzte mich in den Pilotensitz. Zwischen den beiden Sitzen befand sich der Steuerknüppel, der sowohl vom Piloten, als auch vom Copiloten bedient werden konnte. Ich griff in ein Handschuhfach und zog ein Kniebrett hervor. Auf einem Blatt Papier war die Checkliste abgebildet:

1. Vor dem Anlassen des Triebwerkes:
Bremsen: Testen und anziehen
Funkhauptschalter: Aus

2. Anlassen des Triebwerkes:
Leistung: 1/4 Zoll öffnen
Propellerbereich: Frei
Zündschalter: Start
Funkschalter: Ein


Nachdem ich getan hatte, was mir die Liste vorgeschrieben hatte, stellte ich die richtige Frequenz für den Tower von LaGuardia ein.
"LaGuardia Boden, Ikarus EC-BCN ist bereit zum Rollen mit Abflugrichtung Süden", sprach ich in mein Headset.
"Ikarus EC-BCN, LaGuardia Boden hier. Rollen Sie über Rollwege M, A, D und B und halten Sie bei Landebahn 4. Rufen Sie den Kontrollturm auf 118.7, wenn Sie bereit sind", antwortete eine weibliche Stimme.
"Rollen über Rollweg M, A, D und B und halten bei Landebahn 4, Ikarus EC-BCN", bestätigte ich, schob den Leistungshebel zwischen meinen Beinen nach vorne und steuerte mein Flugzeug über die gewünschten Rollwege.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Suche nach der Vergangenheit
Verfasst: Mi 18. Apr 2012, 20:48 
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Irrlicht
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Da war ich nun! Auf der Startbahn. Ich schaute noch einmal nach links und betrachtete die entfernten Wolkenkratzer von Manhatten. New York war eine schöne Stadt, aber ich musste weiter! Ein Blick nach rechts verriet mir, dass ein Airbus A-340 darauf wartete, dass ich endlich die Startbahn freigeben würde.
Nach meiner Anfrage gab mir der Kontrollturm die Starterlaubnis in Richtung Süden. Ich schob den Schubregler zwischen meinen Beinen nach vorne. Die Maschine beschleunigte und ich zog den Steuerknüppel zurück.
"Ikarus EC-BCN, Sie verlassen jetzt unseren Luftraum!", meldete der Kontrollturm von LaGuardia. Ich war nicht unbedingt auf Luftwegverfolgung durch einen Kontrollturm angewiesen, da ich recht tief flog und hier sehr wenig Maschinen unterwegs waren.
Jetzt hatte ich Zeit zum Nachdenken.

Meine Geschichte hatte eigentlich wie jede andere eines jeden Menschen begonnen. Ich wurde am 20. August 1987 in Sevilla geboren, bloß, dass meine Eltern kurz nach meiner Geburt durch einen Autounfall gestorben waren. Sie waren auf dem Weg zu einem Konzert gewesen, als ein Lkw das Auto von der Straße gefegt hatte. Eine Freundin meiner Mutter hatte während dieser Zeit auf mich aufgepasst. Ihr Name war Lucía Álvarez, und sie kam aus Äquatorialguinea. Dabei war sie gerade zehn Jahre älter als ich. Nachdem sie von diesem Unfall gehört hatte, hatte sie mich bei sich aufgenommen. Sechzehn Jahre hatte ich bei ihr in Köln gelebt, bis die Polizei herausgefunden hatte, dass sie nicht das Sorgerecht über mich hatte, sondern mein Onkel und meine Tante. So hatten sich also unsere Wege getrennt und ich war beim Bruder meines Vaters gelandet. Sie hatten zwar auch in Köln gewohnt, aber ich sah meine Stiefmutter nie wieder. Ich liebte sie, und sie liebte mich wie ihren Sohn.
So war es eben gewesen. Ich hatte dann noch ein Jahr bei meinem Onkel und meiner Tante gelebt, bis ich sie nach einem sehr heftigen Streit verlassen hatte. Leider wurde meine Stiefmutter ins Ausland geschickt. Aber in welches, hatte man nicht gewusst. So hatte meine Suche begonnen. Das war mein Lebensziel: Ich suche meine Stiefmutter solange, bis ich sie gefunden habe. Das Geld hatte ich durch verschiedene Jobs verdient, die mir angeboten worden waren.

Der Steuerknüppel wackelte. Ich hatte nicht bemerkt, dass sich der Himmel zugezogen hatte. Winde rissen an meinen Rudern und ließen die Maschine wackeln. Aber das machte mir und dem Flugzeug nichts aus. Auch wenn es recht leicht war, war es sehr stabil. Ich hatte geplant, nach Miami zu fliegen. Aber auf dem Weg wollte ich Zwischenstopps in Charleston, South Carolina und Melbourne, Florida, machen.
Als ob die Bewölkung nicht genug gewesen wäre, fing es auch noch an zu regnen. Aber auch das machte mir nichts aus. Langsam verschwanden die Wolkenkratzer am Horizont, und ich war nun über New Jersey.
Die Stunden vergingen, und ich erreichte gerade den Luftraum von Jacksonville. Von da an war es nicht mehr weit bis Charleston.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Suche nach der Vergangenheit
Verfasst: Mo 7. Mai 2012, 17:13 
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Irrlicht
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Ich konnte kaum noch meine Beine spüren. Ich saß auf einem Felsen an der Ostküste Amerikas und dachte nach. Neun Jahre suchte ich nun schon nach meiner Stiefmutter. Mir war schon öfter der Gedanke aufzugeben gekommen, aber bisher hatte ich es einfach nicht gekonnt. Ich konnte nicht wieder zurück nach Deutschland. Mein Onkel und meine Tante hätten mich hochkantig hinausgeschmissen. Aber es gab ja noch so viele Gegenden, die ich gerne besucht hätte - Südamerika zum Beispiel. Das war der einzige Kontinent, auf den ich noch keinen Fuß gesetzt hatte. Das sollte mein Ziel sein. Hoffentlich würde auch meine Maschine bis dorthin durchhalten. Ich hatte mir überlegt, das Flugzeug zu verkaufen, um mit dem Geld dann dort zu leben. Aber wo genau, das wusste ich noch nicht. Meine Stiefmutter war weg. Vielleicht lebte sie ja gar nicht mehr. Vielleicht waren die zehn Jahre nur reine Verschwendung gewesen. Nein, das waren sie nicht. Ich hatte Länder gesehen, Kulturen kennengelernt und nette Leute getroffen. Und merkwürdigerweise hatte meine Gitarre keinen einzigen Kratzer abbekommen.
Also, das waren meine nächsten Ziele: Miami, Cancún auf Yucatán, dann weiter durch Guatemala, Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panamá und Kolumbien.
Ich stellte fest, dass ich jetzt doch aufgegeben hatte. Meine Stiefmutter war nicht mehr zu erreichen. Aber mein zweites Ziel war nah: Südamerika!
In einer kleinen Gaststätte am Strand machte ich es mir gemütlich mit einem Glas Cola und einem heißen Süppchen. Die Sonne verschwand langsam hinter dem Horizont. Plötzlich hustete etwas. Ich drehte mich herum und erblickte ein kleines Kind, welches neben mir stand und mich groß anstarrte. Es war etwa halb so groß wie ich und hatte eine sehr dunkle Haut. In seinen Augen erkannte ich ein freudiges Leuchten, obwohl sein Gesichtsausdruck dagegen sprach. Mir wurde recht schwindelig.

Es war ein Rauschen, das meine Aufmerksamkeit auf einen Busch richtete. Er war sehr ausgetrocknet, aber dennoch sah er fruchtbar aus. Ich näherte mich dem Gestrüpp und blickte durch die Zweige. Zwei kleine Augen schauten mich ganz ängstlich an, bevor dessen Besitzer heraussprang. Ich schreckte zurück und landete auf meinem Hintern. Es war ein Zebrajunges, welches mich aus Versehen umschubste. Es dachte wahrscheinlich, dass ich ein Löwe oder ein Gepard war. Da hatte es aber Glück gehabt. Hinter mir vernahm ich ein tiefes, beherztes Lachen. Ich drehte mich herum und erblickte einen recht großen dunkelhäutigen Mann. Er kam auf mich zu und half mir hoch.
"Du hast doch nicht etwa Angst vor einem Zebrababy, oder, weißer Mann?"
"Ich ... Angst? Es hat mich erschreckt! Das ist was anderes. Mit wem habe ich das Vergnügen?", fragte ich und strich den Sand von meinem Hintern.
"Ich bin Alatanga. Ich wohne nicht weit von hier in einem kleinen Dorf. Wer bist du?"
"Äh ... Andrés Megías. Ich bin auf der Durchreise, wenn Sie so wollen".
"Oh, bitte. Lasst uns uns mit "Du" ansprechen. Das tun doch Freunde, nicht wahr?"
"Klar! Ich wusste aber nicht, dass wir Freunde sind. Wie auch immer, es ist toll, neue Freunde zu finden."
"Das hört sich gut an. Du siehst ein wenig müde aus. Komm mit, ich bin mir sicher, dass meine Frau noch ein Bett für dich findet", sagte mein neuer Freund und wies mir den Weg. Das war merkwürdig. Noch nie hatte ich in meinem Leben so schnell einen Freund gefunden. Wir hatten keine zehn Worte gewechselt, und schon war ich sein Freund.
Alatanga begleitete mich zu seinem Dorf. Die Menschen sahen nicht arm aus, eigentlich ging es ihnen recht gut. Man sah nur fröhliche Gesichter. Kinder spielten auf der Straße Fußball, Mütter saßen unter Bäumen und strickten Pullover, und die Väter spielten Karten, handwerkelten an Schränken oder machten ... Musik. Mein Ohr lauschte den Trommeln, die wild ihre Klänge in die Umgebung warfen. Ich hielt kurz inne und hörte der so wunderschönen Musik zu. Die Musiker lachten und sangen.
"Andrés!" Alatanga tippte mich von hinten an und deutete auf ein blaues Haus. Anscheinend war es sein Heim. Ein kleiner Junge kam herausgerannt und gesellte sich zu den Musikern.
"Darf ich dir meine Frau vorstellen? Das ist Udako. Udako, mein neuer Freund Andrés Megías", sagte Alatanga und trat einen Schritt zurück. Ich verbeugte mich kurz, und meine Gegenüber tat es mir gleich.
"Ich freue mich. Sie ... dich kennenzulernen". Sie lächelte, drehte sich herum und ging wieder ins Haus. "Habe ich was falsches gesagt?", fragte ich völlig verdutzt.
"Oh, nein! Naja, du musst wissen ... sie ist leider stumm. Früher hatte sie noch geredet, aber dann passierte dieser Unfall ... ihr Bruder und ihre Schwester kamen dabei um. Sie spielten früher oft an einer Klippe, bis die beiden hinabstürzten. Seitdem sagt sie nichts mehr."
"Oh, das ... tut mir sehr leid", antwortete ich und schaute wieder zu den Musikern.
"Ach ja, der Kurze dort bei den Männern ist Ndasuunye.
"Hey, Junge!", rief einer der Männer mir zu. "Komm, gesell dich zu uns!"
"Wer, ich?", wollte ich gerade fragen, als Alatanga mich zu ihnen schob.
"Machst du auch Musik?", fragte mich einer.
Ich schaute bezeichnend auf meinen Gitarrenkoffer und antwortete: "Ich glaube schon". Ich öffnete den Koffer, zog die Gitarre heraus, positionierte mich im Schneidersitz und legte die Gitarre auf meinen rechten Schenkel. Einer der Männer begutachtete mein Instrument und begann zu trommeln. Die anderen taten es ihm gleich. Ich achtete auf den Takt, klopfte mit meiner Hand achtmal auf den Korpus und schlug dann die Saiten an. Auch wenn wir ziemlich ungeprobt waren, hörte sich das Zusammenspiel von Gitarre und Trommel nahezu fantastisch an. Es lief wie geschmiert. Mal schlüpfte ein kleiner Fehler meinerseits hinein, aber der wurde nicht weiter beachtet. Die Männer sangen zu den Tönen meiner Gitarre, als ob sie das schon lange einstudiert hätten. Anscheinend waren es schnell ausgedachte Eigenkompositionen, was ich allerdings nicht erkennen konnte, denn sie sangen auf Khoekhoegowab, einer Sprache aus dem Süden und Osten Namibias. Nach gefühlten vierzig Liedern wollte ich schnell noch meine Stimme mit einbringen. Und es gelang mir sogar zu den Trommeln zu singen:

Yo me encuentro triste y solo
Y buscando por la calle
Mi camino

Porque soy un vagabundo
En mi tierra, en el mundo
Mi camino

Yo me encuentro triste y solo
Y buscando por la calle
Mi camino

El camino, mi camino
El camino del verano
Y yo soy un vagabundo
Yo me voy por este mundo

Mi guitarra entre las manos
Tocando por mis hermanos
El camino ...

Der Abend neigte sich dem Ende entgegen, und wir packten unsere Instrumente ein. Was ich allerdings nicht bemerkt hatte, war, dass meine Finger bluteten.
"Das darf doch nicht wahr sein", murmelte ich, griff in meinen Rucksack und holte vier Pflaster heraus. Nachdem auch das geschafft war, wollte ich schlafen. Udako hatte mir ein Bett für die Nacht zur Verfügung gestellt. Ich öffnete die Tür und legte mich in mein Bett. Ich dachte nochmal über die vergangenen Ereignisse nach. Ich hatte auf meiner Reise mehr Freunde kennengelernt als in meinem ganzen Leben zuvor. Das war toll! Vor allem Ndasuunye, der ständig mit mir Fußball spielen wollte. Nach eingehendem Betteln und Umarmungen willigte ich doch ein. Er war ein sehr guter Spieler. Er schoss ein Tor nach dem anderen.
Aber dann wollte ich wirklich schlafen gehen, doch Udako hielt mich auf.
"Danke, dass du meinen Jungen wieder zum Lachen gebracht hast. Er hat seit Monaten nicht gelacht!" Ich war total baff. Hatte Alatanga nicht zuvor gesagt, dass seine Frau schon seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte? Das wunderte mich jetzt.
"Es ist sehr schwer für ihn. Er hat eine Krankheit, die nicht geheilt werden kann. Er wird in den nächsten Wochen sterben! Wir waren schon bei sämtlichen Ärzten, sogar in Deutschland, aber sie konnten nichts für ihn tun".
Das war wie ein Schlag in den Magen. Ich konnte kaum noch ein Wort sagen. Ich schaute aus dem Fenster und erblickte den Jungen, wie er mit seinem Vater Murmeln spielte. Mir lief eine kleine Träne die Wange hinunter.
Das war wirklich das Letzte, womit ich gerechnet hatte. Es fiel mir äußerst schwer, das Dorf zu verlassen, deshalb blieb ich noch eine Woche. Ich blieb bis zu Alatangas Geburtstag, bis zu einem Nationalfeiertag und Ndasuunyes Beerdigung.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Suche nach der Vergangenheit
Verfasst: Di 8. Mai 2012, 22:43 
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Irrlicht
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"Jacques! Komm sofort hierher!", ertönte eine weibliche Stimme. Der Junge, der mich so sehr an Ndasuunye erinnert hatte, drehte sich herum und rannte zu seiner Mutter. Immer noch nachdenklich schaute ich dem Jungen hinterher. Dann wandte ich mich wieder meinem Essen zu.
"Tut mir wirklich leid. Mein Sohn ist manchmal sehr neugierig", sagte die Mutter. Ich drehte mich wieder herum und antwortete: "Kein Problem. Er hat mich doch nicht angefallen, oder so etwas". Die Frau schien es recht eilig zu haben. Sie achtete gar nicht auf meine Antwort, sagte kurz "Tschüss" und verschwand sofort.
'Merkwürdig', dachte ich und konzentrierte mich auf mein Essen.

Charleston war eine recht tolle Stadt. Die Ostküste der USA erinnerte mich etwa an die Ostsee. Bloß, dass hier Palmen standen. Ich bezahlte den Kellner mit 12,99 Dollar und verließ das Restaurant. In der Innenstadt suchte ich nach einer Unterkunft. Aber alles, was ich innerhalb einer halben Stunde fand, war ein kleines abgelegenes Motel. Ich war sehr müde und hatte keine Lust, auf große Suche zu gehen.
"Guten Abend, Sir. Haben Sie für diese Nacht ein Zimmer für mich?", fragte ich den etwas älteren Mann hinter dem Tresen.
"Guten Abend. Oh ja, wir haben noch ein Zimmer für Sie. Die Nacht kostet 39,50 Dollar. Wenn Sie morgen bei uns frühstücken möchten, kostet das noch zehn Dollar mehr. Dazu gehen Sie einfach in den Diner nebenan. Frühstückszeit ist von halb sieben bis halb zehn", erklärte der Mann und legte einen Schlüssel auf den Tisch. Ich gab das nötige Geld, bedankte mich und nahm den Schlüssel.
Mein Zimmer war nicht groß. Es war ein Zweibettzimmer, hatte wie gewöhnlich ein Bad mit Dusche und Toilette, und ein kleiner Fernseher stand auf einem Tisch. Ich stellte meinen Koffer neben mein Bett, den Rucksack auf den Stuhl, und den Gitarrenkoffer lehnte ich gegen die Wand. Damit kein Einbrecher mich nachts überraschen konnte, steckte ich den Schlüssel ins Schlüsselloch, schloss ab und ließ ihn stecken.
Die Fernsehsender waren gefüllt mit Komödien, Nachrichten und Spielfilmen. Leider waren die Komödien eher mittelmäßig, die Nachrichten brachten nur altes Zeug, und die Spielfilme waren sehr langweilig. Deshalb schaltete ich die Kiste aus und legte mich schlafen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Suche nach der Vergangenheit
Verfasst: Mi 9. Mai 2012, 20:45 
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Charleston, USA, 18. Juni 2012

Etwas riss mich aus dem Schlaf. Es war das Hupen eines Autos. Ich drehte mich auf die Seite und schaute auf meine Armbanduhr. Es war halb acht. Ich beschloss aufzustehen, mich zu duschen, mich anzuziehen, meine Sachen zu packen und dann zu frühstücken.
Da das Motel etwas außerhalb der Stadt lag, war nur der Highway zu sehen. Es hatte anscheinend vorige Nacht geregnet, da die Straße nass war. Nach einem kleinen Pfannkuchen und einer Tasse heißem Kakao verließ ich das Motel und suchte ein Taxi. Erst nach zehn Minuten hielt eines am Straßenrand, welches mich dann zum Flughafen befördern sollte. Während der Fahrt merkte ich, dass es auch ein Hotel am Flughafen gab. Aber das war mir an diesem Tag egal.
Ich bedankte mich beim Taxifahrer, zahlte und machte mich auf den Weg zu meiner Maschine.
Gerade, als ich die Tür öffnete, fing es an zu regnen.
"Na super!", murmelte ich und verstaute mein Gepäck. "Wann hat der Wetterdienst denn das vorhergesagt?"
Ich ging die Checkliste durch und startete die Maschine. Der Flughafen war Gott sei Dank nicht so groß wie LaGuardia, er war sogar sehr übersichtlich. Über Funk bat ich den Tower, zur Zapfsäule rollen zu dürfen. Als dieser mir schließlich die Erlaubnis gab, setzte sich die Maschine in Bewegung. Ich war gleich der Erste, der den Tank gefüllt bekam. Auf dem Weg zur Startbahn schaute ich noch einmal kurz in Richtung Stadt, bevor ich dann Gas gab. Schließlich in der Luft nahm ich sofort Kurs auf Miami.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Suche nach der Vergangenheit
Verfasst: Di 15. Mai 2012, 22:12 
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"Ikarus EC-BCN, Landeerlaubnis erteilt für Landebahn 26L", teilte mir der Tower mit. Ich drehte in die Einflugschneise und nahm etwas Gas weg, damit ich besser sinken konnte. Hundert Meter ..., achtzig ..., sechzig ..., vierzig ..., zwanzig ... - Mit einem leisen Grollen setzte meine Maschine auf dem nassen Asphalt auf und rollte gemütlich aus, bis ich dann in den nächsten Rollweg schwenkte.
Während ich zur Tankstelle rollte, prasselte der Regen auf die Frontscheibe nieder. Der Himmel war bedeckt mit Wolken, aber dennoch schien die Sonne einen Durchgang gefunden zu haben, denn ihre Strahlen warfen an einigen Flugzeugen Schatten.
Während ich den Tank mit Sprit volllaufen ließ, dachte ich noch einmal über mein nächstes Ziel nach - Mexiko. Man hörte schon viel Negatives aus diesem Land, vor allem wegen des Drogenhandels und der vielen Morde, wie in Ciudad Juárez. Aber dennoch sollte es ein tolles Land sein.
Mein Aufenthalt in Miami war sehr kurz. Obwohl die USA ein tolles Land sind, hatte ich nach einem Vierteljahr genug davon. Ich rechnete damit, in den nächsten drei Jahren nur in Südamerika zu sein. Vielleicht würden es auch vier werden.
Ehe ich mich versah, war ich schon wieder in der Luft. Es hatte aufgehört zu regnen und es klarte allmählich wieder auf.
Spätestens über Kuba war kein Wölkchen mehr zu sehen. Leider konnte meine Ikarus nicht die gesamte Karibik auf einmal überqueren. Ich sah mich gezwungen, einen kleinen Zwischenstopp in Havanna einzulegen, obwohl ich persönlich nichts dagegen hatte. Ich hatte immerhin viel Zeit, außerdem wurde es auch langsam dunkel ...


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Suche nach der Vergangenheit
Verfasst: Mo 21. Mai 2012, 21:17 
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2. Geldnot

Ciudad Guatemala, Guatemala, 20. Juni 2012

Ich hatte ein Problem! Nicht nur, dass mir der Magen vor Hunger schmerzte, mir ging auch langsam das Geld aus. Ich hatte sehr viel gespart, und schließlich hatte mich diese Reise um mein gesamtes Geld gebracht. Ich stand auf dem Rollfeld des Flughafens von Guatemala und überlegte. Genau hatte ich nur noch knapp vier Dollar und achtzehn Euro. Aber was war der Grund für meine Geldnot? Es lag nicht an den Ausgaben. Es lag nämlich an meiner Schusseligkeit. Auf einer öffentlichen Toilette hatte ich mein Portmonee mit dem meisten Geld liegen gelassen. Ich hatte noch ein zweites, für Notfälle. Leider reichte das Geld in der zweiten Brieftasche, wo übrigens auch mein Ausweis, mein Führerschein, mein Flugschein und ein kleines Bild meiner Stiefmutter waren, nicht einmal für einen vollen Tank. Und dieser war jetzt leer.
Mir fiel einfach nichts mehr ein. Ich musste aufgeben. Die einzige Lösung war, so viel Zeug zu verkaufen wie möglich. Meine Kleider? So weit sollte es nicht kommen! Meine Gitarre? Auf keinen Fall! Mein ... Flugzeug? Es war der teuerste Gegenstand, den ich besaß. Ich würde viel Geld machen und könnte mit der Bahn, mit einem Auto oder mit einer Verkehrsmaschine weiterreisen.

Und so kam es auch. Ich hatte in einem Internetcafé nach Leuten gesucht, die gerne Ultraleichtflugzeuge kaufen würden. Ich traf meinen Käufer schneller als gedacht. Er wohnte nicht weit vom Flughafen entfernt, und ich vereinbarte ein Treffen auf dem Rollfeld. Als ich wieder zum Flughafen zurückkehrte, wartete meine Golgrube schon bei meiner Maschine.
"Habe ich Sie lange warten lassen, Señor?", fragte ich und reichte ihm die Hand.
"Nein, nein. Das ist eine wirklich sehr schöne Maschine. Comco Ikarus C42, wenn ich mich nicht irre. Baujahr 2002, hergestellt in Deutschland", sagte der Mann und streichelte mein Flugzeug, als wäre es ein Welpe.
"Sie kennen sich sehr gut aus. Was glauben Sie, wieviel Sie dafür bezahlen würden?"
"Kommt darauf an, was alles enthalten ist", sagte der Käufer und runzelte die Stirn, als würde er denken, dass in der Maschine ein heißes Playmate auf ihn wartete.
"GPS, Kniebrett mit Checkliste, ein Haufen Kugelschreiber, ein Kästchenblock und ... ein funktionierendes Funkgerät".
"Ich würde sagen, nicht mehr als 2.000 Dollar!" Ich war entsetzt! Dieser Preis war wohl recht unterirdisch. Ich schüttelte wild den Kopf.
"Nein! Ich würde sagen, Sie geben mir 8.000. Dann können Sie sie haben".
"Tut mir leid! Aber ich bleibe bei 2.000 Dollar!"
"Gut, sagen wir 7.500!"
"2.000!"
"7.000!"
"2.000!"
"6.000?"
"2.000!"
"5.000?"
"2.000!"
"4.500?"
"2.000!!!"
"Wie wäre es mit 4.300 Dollar?"
"Wie wäre es mit 1.500 Dollar?"
Ich überlegte kurz und sagte dann: "Also gut! 2.000 Dollar! Sind Sie jetzt zufrieden?!"
"Nein, 1.400!"
"Mir scheint so, als wollten Sie die Maschine gar nicht haben!"
"Und ich glaube, Sie wollen sie gar nicht erst verkaufen! Sagen wir 1.800 Dollar. In Ordnung?"
"Abgemacht, 1.800 Dollar", sagte ich und schloss den Vertrag mit einem Händeschütteln ab, bevor der Kerl meine Maschine noch weiter entwertete. In diesem Moment merkte man, wie schlecht ich feilschen konnte. Das hatte man ebenfalls gemerkt, als ich versucht hatte, eine Flugkarte für den Luftverkehr des türkischen und arabischen Luftraums auf einem Basar in Manavgat in der Türkei zu ergattern. Wir hatten mit vier türkischen Lira angefangen und endeten bei 3.465. Das war ebenfalls einer dieser Momente, wo ich beinahe mein gesamtes Geld verloren hätte, wenn dieser Verkäufer mich noch weiter so getriezt hätte.
Aber 1.800 Dollar waren okay - wohl oder übel. Gott sei Dank hatte ich meine gesamten Karten vorher aus der Maschine entfernt, besonders die für Süd- und Mittelamerika.

Da stand ich also. Alleine und um 1.800 Dollar reicher. Ich beschloss mich zum Busbahnhof von Guatemala zu begeben, um einen Bus in Richtung Gualán zu nehmen, welches etwa 170 Kilometer von Guatemala entfernt war.
Einer der Mitfahrer, der neben mir saß und sich als recht unterhaltsam herausstellte, teilte seine Box mit Keksen mit den anderen Fahrgästen. Da der Bus recht klein war, war das keine Schwierigkeit.
"¡Gracias!", sagte ich und nahm einen entgegen.
"Hah, wissen Sie, es ist schon irgendwie komisch. Ich bin jetzt seit Wochen unterwegs und habe immer noch kein Heimweh!", sagte der Mann und lachte kurz auf.
"Ach wirklich? Wo kommen Sie denn her?"
"Aus Ciudad de México. Ich mache so eine Art Pilgerreise nach Naranjito, Honduras. Eigentlich wollte ich den Camino Francés laufen, aber leider reicht mein Geld nicht für eine Reise nach Spanien."
"Was bewegt Sie denn, nach Naranjito zu laufen? Ich meine, wenn man von deren Existenz nicht weiß, verfehlt man es auf jeder Landkarte." Diese Stadt war zwar nicht klein, aber auch nicht sonderlich groß."
"Ich will ein paar Freunde besuchen ... und meinen Onkel. Er ist Priester in der Kirche von Naranjito. Ich würde ihn sehr gerne besuchen. Er hatte die Idee mit dem Pilgern. Und was ist mit Ihnen? Wo wollen Sie hin?", fragte er und drückte mir noch einen Keks in die Hand.
"Ich weiß es nicht. Ich versuche so weit zu kommen wie möglich. Vielleicht Rio de Janeiro, oder Feuerland". Der Fremde, dessen Namen ich noch nicht erfahren hatte, schaute mir verwirrt ins Gesicht.
"Wenn Sie mit dem Bus reisen wollen, könnte das noch Monate dauern, bis Sie angekommen sind. Sie müssen sich da ja einen ziemlich langen Urlaub bei Ihrem Boss angesammelt haben." Der Bus holperte über ein tiefes Schlagloch, und die Kekse flogen aus der Schachtel, landeten aber wieder darin, als es zu regnen begann.
"Oh, das ist nicht ganz korrekt. Genau genommen arbeite ich nicht. Ich arbeite nur mit dem Instrument im Kofferraum".
"Sie meinen Ihre Gitarre? Ich habe gedacht, dass Sie sie nur zur Entspannung dabei haben, oder so. Ich weiß es nicht, denn ich kenne mich in der Musik gar nicht aus", sagte der Mann und drückte mir einen weiteren Keks in die Hand. "Ich heiße übrigens Jorge Martínez".
"Andrés Megías", antwortete ich und reichte ihm die Hand, in der noch ein Keks ruhte. Schnell stopfte ich den Keks in den Mund und gab ihm erneut die Hand.
"Wo kommen Sie eigentlich her?"
"Aus ... Deutschland, Köln".
"Oh ja, Sie haben wirklich lange Urlaub. Wie lange sind Sie jetzt unterwegs?"
"Mehr oder minder ... neun Jahre". Jorges Kiefer sackte nach unten wie ein Sack Mehl.
"Sie haben ... diese Reise auf sich genommen? Ich kenne Sie! Sie sind der Kerl aus der Zeitung!"
"Aus der Zeitung?!" Jorge öffnete seinen Rucksack und holte ein zerknittertes Zeitungspapier heraus. Gleich auf dem Titelblatt war eine Anzeige mit einer Gitarre und einer Reisetasche abgebildet. Zudem war noch ein kleiner Text gedruckt:

Ein unglaublicher Junge - Der fünfzehnjährige A. Megías aus Köln, Deutschland, verschwand kurz nach einem heftigen Streit mit seinem Onkel und seiner Tante. Alleine macht er sich auf, um nach seiner Stiefmutter L. Álvarez zu suchen, die von der Polizei wegen Drogenschmuggels verhaftet wurde ...

"Was?! Das kann doch nicht sein! Meine Stiefmutter hatte keine Drogen geschmuggelt! Sie hatte nur nicht das Sorgerecht über mich! Das ist doch völliger Blödsinn!", flüsterte ich meinem neuen Freund zu.

... Nur mit einer Gitarre, einem Rucksack, zehntausend Euro und einer kleinen Reisetasche ist er aufgebrochen, um sie wiederzufinden. Bis heute weiß man nicht, was aus dem mittlerweile fünfundzwanzig Jahre alten Mann geworden ist. Wer diesen Mann zufälligerweise trifft, ruft bitte bei seinem Onkel unter 0221-45231 an.

"Die Zeitung ist vom letzten Jahr! Wieso haben Sie sie mitgeschleppt?", fragte ich verwirrt und gab sie ihm wieder zurück.
"Ich fand die Geschichte unglaublich. Und es ist mir eine Ehre Sie kennenzulernen".
"Ach Quatsch! Ich bin ein völlig normaler Mann, wie Sie auch, Señor!"
"Sí, ein völlig normaler Mann mit einem eisernen Willen!" Ich fühlte mich recht unwohl, wenn er so tat, als wäre ich eine Berühmtheit. Aber so schnell er damit angefangen hatte, verflog der Gedanke auch wieder.
"Was glauben Sie denn, wo sich Ihre Stiefmutter befindet?", fragte Jorge und schaute kurz aus dem Fenster. Wir fuhren an einem breiten Fluss vorbei.
"Ich weiß es nicht. Ich habe den Plan, sie zu finden, seit Charleston in den USA aufgegeben. Jetzt werde ich mir wahrscheinlich in Südamerika ein geeignetes Plätzchen suchen, mich dort niederlassen und mich auf die Musik konzentrieren", sagte ich und schaute wieder aus dem Fenster. "Wenn es Ihnen recht ist, würde ich jetzt gerne etwas nachdenken. Wir können ja diese Nacht im selben Hotel absteigen und uns dann beim Abendessen weiter unterhalten, okay?"
Jorge nickte und packte seine Kekse weg. Langsam fielen mir die Augen zu. Ich erinnerte mich an einen guten Freund, den ich in Los Angeles kennengelernt hatte. Sein Name war José López ...

Er half mir bei der Suche nach meinem verschwunden Portmonee, welches ich zu dem Zeitpunkt verloren hatte. Wir fanden es auf einem Schrottplatz wieder. Er machte mir das Angebot, bei sich zu übernachten, um nicht extra in einem Hotel abzusteigen. Seine Eltern waren wirklich sehr nett, und ich konnte mich erstmals echt super unterhalten, da sie aus Puerto Rico kamen.
José und ich lernten uns durch einen sehr ungewöhnlichen Zufall kennen. Ich wollte auf einer Bank mein Geld abheben - das war ein paar Monate, bevor meine Konten wegen eines Missverständisses gesperrt wurden, gewesen - als gerade ein japanischer Bankräuber hereinkam. Das erkannte ich an seinem Akzent.
Als Abschreckung verpasste er mir eine Kugel in den Bauch. Sofort war José zur Stelle. Er fragte den Räuber, ob er sich um mich kümmern durfte. Ungewöhnlicherweise war jener damit einverstanden. Wir waren ganze zwei Stunden Geisel, denn die Polizei hatte das Gebäude umstellt. Aber als sich der Bankräuber kurz wegdrehte, sprang ich - immer noch blutend - auf seinen Rücken, entwendete ihm seine Waffe und landete wieder auf dem Boden, bloß hatte ich seine Waffe nun auf ihn gerichtet. Eine der Geiseln rannte nach draußen und informierte die Polizei über das Geschehen. José war völlig fassungslos ... und ich auch. Danach wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert. Nach dem Aufenthalt wohnte ich noch eine weitere Woche bei José, bis ich eines Tages kurz im Souvenirshop etwas kaufen wollte. Nach einer halben Stunde in dem Laden hatte ich die Nase voll und ging wieder zurück. Als ich dort aber ankam, fand ich nicht das Haus der López' wieder, sondern nur einen verbrannten Trümmerhaufen, die Feuerwehr und drei verkohlte Leichen. Das war die schlimmste Zeit während meiner Reise. Am nächsten Tag stand alles in der Zeitung. Es handelte sich um einen Mordanschlag, der eigentlich mir gegolten hatte. Man dachte, dass ich eine der Leichen war.
Da ich die Sachen, die ich kaufen wollte, gleich in meinen Taschen verstauen wollte, hatte ich meine ganzen Besitztümer mit zu dem Souvenirladen genommen. Sie hatten nichts vom Feuer abbekommen.
Man fand heraus, dass der Bankräuber und der Brandstifter zur japanischen
Yakuza gehörten. Mir wurde schlecht, als ich das mitbekam. Ich wollte nur noch aus dieser Stadt heraus!


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 Betreff des Beitrags: Re: Die Suche nach der Vergangenheit
Verfasst: Do 24. Mai 2012, 21:55 
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Irrlicht
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Es rappelte. Ich öffnete meine Augen und erblickte sofort Jorges strahlende Gesicht.
"Wir sind da!", sagte er und stand auf, um sein Handgepäck zu holen. Immer noch schlaftrunken stand ich ebenfalls auf und nahm meinen Rucksack. Der Busfahrer war gerade dabei die Koffer - darunter auch meine beiden Stücke - herauszuholen. Ich musste mich erst einmal umschauen und richtig vergewissern, wo ich war. Der Bus hatte uns auf einem Parkplatz ausgesetzt.
"Und was nun?", fragte Jorge und sattelte seinen Rucksack.
"Ich würde vorschlagen, dass wir uns ein Hotel suchen. Dürfte ja eigentlich nicht so schwer werden. Das schwere ist nur ein Zimmer zu finden, denn wir haben ja nicht gebucht".
"Oh, das stimmt nicht. Ich habe gebucht. Es ist zwar ein Zweibettzimmer, aber ich denke ich kann den Typen hinter dem Tresen überreden, dass Sie bei mir schlafen. Natürlich, wenn Sie einverstanden sind", schlug Jorge vor und ging voraus.
"Wie heißt denn das Hotel?"
"Graditas Mayas. Es soll sehr schön sein. Hat eine gute Bewertung", antwortete Jorge und bog in eine Nebenstraße ein.
Und Jorge hatte nicht Unrecht. Es war wirklich ein schönes Hotel.


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 Betreff des Beitrags: Re: Mein Weg
Verfasst: Do 20. Sep 2012, 21:56 
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Irrlicht
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3. Das Kartell von Antioquia

Gualán, Guatemala, 21. Juni 2012

Es klopfte. Als es ein zweites Mal klopfte, schlug ich Decke auf die Seite und hechtete zur Tür. Gottseidank hatte ich ein T-Shirt und eine kurze Sporthose an. Wenn das Zimmermädchen mich nackig sehen würde ...
Allerdings war es nicht das Zimmermädchen, was mich mit einem gutgelaunten "Guten Morgen!" begrüßte. Es war Jorge.
"Sie waren gestern Abend so schnell in Ihrem Zimmer verschwunden", sagte er und sein Lächeln verschwand.
"Oh! Tut mir leid. Ich war gestern so müde. Ich hab's einfach vergessen", erwiderte ich.
"Nicht schlimm. Wie wär's? Frühstücken wir zusammen?" Ich nickte und zog mich wieder zurück, um mich zu duschen und meine Sachen anzuziehen.

Als ich hinausging, um mich an einen Tisch an der Straße zu setzen, war Jorge der einzige, der dort wartete. Ich nahm mir gleich einen Teller und ein Brötchen und gesellte mich zu ihm. Wir unterhielten uns über die verschiedensten Dinge: Unsere Reiseziele, Musik und Frauen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Mein Weg
Verfasst: Mi 19. Dez 2012, 23:58 
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Irrlicht
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'¡Qué hombre!', dachte ich und lehnte mich zurück. Ich hatte schon seit mehreren Jahren keinen so witzigen und gesprächigen Gesprächspartner gehabt, wie ihn. Es machte mich sehr glücklich, dass ich jemanden kennenglernt hatte, der mit mir so viel gemein hat. Es war nur schade, dass er nicht weiter reiste als bis nach Naranjito. Aber wir wollten den Kontakt aufrecht erhalten, deswegen tauschten wir unsere Handynummern aus. E-Mail-Adressen wären sinnlos gewesen, da weder Jorge noch ich regelmäßig Zugang zum Internet hatten.
Nachdem mein Blick auf die auffällig hübsche Kellnerin gerichtet war, die mich mit einem Lächeln begrüßte und an mir vorbeihuschte, erkannte ich ein Schild auf der anderen Straßenseite. Die Straßen in Lateinamerika waren generell breiter als in Europa, deshalb musste ich echt scharf schauen, denn die Schrift war nicht nur klein, sondern auch ein wenig verschwommen: "Cuando tiene un regalito para dios, camine a Naranjito y obtiene la luz de la paz. ¡Ese es el camino de su vida!" - "Wenn Sie ein kleines Geschenk für Gott haben, wandern Sie nach Naranjito und Sie bekommen das Licht des Friedens. Das ist der Weg Ihres Lebens!"
"Sie möchten also ein Geschenk überbringen?", fragte ich Jorge, der dieses Schild ebenfalls entdeckt hat.
"Sí, ich habe erst kürzlich einen kleinen, geschliffenen Diamanten gefunden. Den möchte ich an die Kirche spenden."
"So? Und Sie sind sich da absolut sicher?", fragte ich etwas verwirrt. So nett der Mann auch sein mochte, war er allerdings etwas naiv. Er hatte mir immerhin gesagt, dass er nicht viel Geld hatte. Dann wäre so ein Diamant für ihn nützlicher gewesen. Aber trotzdem bewunderte ich seine Entscheidung.


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