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 Betreff des Beitrags: B(r)u(s)chpiloten
Verfasst: Sa 14. Jul 2012, 15:46 
Irrlicht
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B(r)u(s)chpiloten

1. Ein verrückter Haufen

CSAP-Basislager, 23. November 2012

"Was glaubst du?", fragte eine Frau mit dunkelbraunen Haaren und braungrünen Augen, die am Ende eines langen Holztisches saß. Sie sah den älteren Herren, der etwa Mitte sechzig war, erwartungsvoll an.
"Paulina, du weißt doch, dass uns das nötige Geld für einen solchen Kauf fehlt. Ich weiß, nachdem wir Frank in den Bergen verloren haben, besitzen wir nur noch drei Flugzeuge. Eine Cessna kostet zu viel. Wir sind ein ziemlich kleines Unternehmen und werden nur staatlich gefördert. Aber ein neues Flugzeug?! Es würde mehr bringen einen neuen Piloten einzustellen", sagte Gerald, schüttelte den Kopf und legte das Foto einer nagelneuen Cessna zur Seite.
"Aber woher bekommen wir denn das Geld? Das blöde ist ja, dass die Leute nicht mehr so blöd wie früher sind. Sie verirren sich einfach in den Bergen nicht mehr. Es muss doch irgendeinen Menschen geben, der nicht das Bedienen einer Karte mächtig ist."
Gerald kicherte leise in sich hinein. Er stand auf, bewegte ich gemütlich zur Kaffeemaschine und schenkte sich noch einen Schluck ein.
"Ich glaube, dass du sogar Recht hast. Wenn sich keiner mehr verirrt, oder von einem Bären angegriffen wird, dann wird
Chelan-Stehekin Air Patrol aufgelöst."
"Was ist eigentlich mit Frank passiert?", fragte Paulina und stand ebenfalls auf.
"Das sage ich dir, wenn wir ihn gefunden haben. Seit einem Monat ist hier oben nichts mehr passiert, und der einzige, der mit dem Flugzeug abstürzt und sich verirrt, ist Frank, der sich so gut versteckt, dass nicht einmal ein Grizzlybär ihn finden kann. Somit besteht keine Gefahr für ihn, da er ja Todesangst vor ihnen hat"
"Wenn er so viel Schiss vor Bären hat, wieso ist er dann hierher gezogen? Er kommt doch aus New York."
"Das kann ich dir leider nicht sagen. Wir müssen schon zugeben, dass Frank immer etwas merkwürdig war."
"Und wer wird ihn ersetzen?", fragte Paulina und sah sich noch einmal die Liste von Freiwilligen an.
"Sicher keiner von diesen Vögeln", sagte Gerald und deutete auf die Liste. "Die meisten von denen haben noch nicht einmal ein Flugzeug aus der Nähe gesehen. Aber ich habe zwei Spezialisten angeheuert. Sie kommen aus Kolumbien und sind wirklich echte Profis!"
"So? Haben die sich denn schon einmal hier herumgetrieben? Du weißt, wie gefährlich es ist im Gebirge des Chelan-Nationalparks zu fliegen. Da brauchen wir niemanden, der mit einer Bananenschale aus dem Regenwald die Luftsicherung verunsichert", antwortete Paulina und lachte. "Natürlich war das nur Spaß!"
"Oh, hier waren sie noch nicht, nein. Aber ich kann dir versichern, dass wir nicht enttäuscht werden. Ihr Einsatzleiter ist ein guter Freund von mir."
"Na, da bin ich mal gespannt! Wann werden sie hier eintreffen?"
"Morgen früh. Sie kommen mit einer privaten Maschine", antwortete Gerald und schaute aus dem Fenster. Es war schon dunkel und es schneite kräftig. "Hoffen wir, dass sie die Landebahn finden."



Auf dem Weg ..., 24. November 2012

Der Motor brummte leise und der Wind zerrte an der Maschine. Der Höhenmesser zeigte 8.000 Fuß an. Dafür, dass wir so hoch waren, sahen wir so gut wie gar nichts. Die Funkverbindung zum Seattle-Center war so unzuverlässig wegen des Sturms und den Bergen.
"Hältst du das wirklich für eine gute Idee bei diesem Wetter zu landen?", fragte mich Manolo skeptisch und nahm einen Schluck vom noch warmen Kakao. "Die Sichtweite beträgt etwa einhundert Meter und wir kriegen keine Verbindung nach Seattle, um IFR-Anweisungen zu erhalten. Wir sollten umkehren!"
"Nicht so pessimistisch, mein kleiner bolivianischer Freund. Alle Instrumente funktionieren und wir haben eine halbwegs genaue Karte Wir brauchen keinen Funk", antwortete ich und grinste über beide Wangen.
"Wenn wir in einer halben Stunde in einem Baum ..." Es ruckelte kurz so heftig, dass mein Kopilot sein Getränk über seinen Schoß kippte.
"Hey, verschwende nicht den guten Kakao über mein noch besseres Flugzeug. Es ist neu!", meckerte ich und gab ihm ein kleines Taschentuch zum Abtrocknen.
"Sehr komisch! Konzentriere dich jetzt bitte auf's Fliegen, bevor wir noch in eine Bärenhöhle fliegen. Ich werde in der Zeit Kontakt zu unserem neuen Chef aufnehmen, falls mich auch das Funkgerät nicht mit Kakao vollspritzt", keifte Manolo und lachte anschließend lauthals.
"Was ist? Worüber lachst du?"
"Es ist immer wieder ein Genuss dein Kopilot zu sein!" Er räusperte sich kurz und stellte die richtige Frequenz ein. "CSAP-Basislager, Maule HK-EBZ auf 8.000 Fuß, Kurs 348, Entfernung 50 Meilen. Bitte um Landeerlaubnis auf Landebahn 36."
"Äh, bitte wo sind Sie?", fragte eine junge, männliche Stimme. Stirnrunzelnd fragten wir uns beide, was das wohl für ein Funkspruch war? Wer sprach mit uns?
"Manolo, hast du auch die richtige Frequenz eingegeben?", fragte ich ungläubig.
Er schaute auf die Anzeige und nickte. "Chelan-Stehekin Air Patrol Basislager, hier Maule HK-EBZ. Wir sind die beiden neuen Piloten. Höhe 8.000 Fuß, Kurs 348 und Entfernung 48 Meilen. Wir befinden uns momentan über dem Flughafen von Wenatchee. Sicht liegt bei einhundert Metern. Wir bitten um Landeerlaubnis auf Ihrem Rollfeld."
"Ah, jetzt verstehe ich. Ja, Sie dürfen landen", antwortete die Stimme und legte auf.
"CSAP-Basislager, geben Sie uns bitte genauere Informationen über Wetter, Sicht und Beschaffenheit der Landebahn!", sagte Manolo und zuckte mit den Schultern.
"Öh ... Wetter ... ja: Es ist bedeckt, es schneit kräftig, Landebahn ist mit Schnee bedeckt, Sicht liegt bei ... Moment, das muss ich erst ausmessen", antwortete der Mann und legte wieder auf.
"Das muss er erst ausmessen?!" Langsam bekam ich auch Hummeln im Hintern. Mit geringer Sicht zu fliegen ohne IFR-Anweisung von einem Tower ist eine Sache, solange noch keine Berge in gewisser Nähe sind. Aber bei dieser schlechten Sicht zu landen ... auf einer Schneepiste ... mit einem Funker, der anscheinend noch niemals in seinem Leben ein Funkgerät bedient hatte, ist eine völlig andere. Zumal war das CSAP-Basislager umgeben von gefährlichen Bergen auf einer Höhe von etwa siebentausend Fuß.
Ganze fünfzehn Minuten hörten wir nichts von diesem Menschen. Unsere einzige Hoffnung waren die etwas genaueren Karten und das GPS-Gerät, das langsam zu flackern begann. Es war eben nicht mehr das Neueste.
"Juan ...?!", sagte Manolo plötzlich und deutete aus dem rechten Seitenfenster. Ich folgte seinem Blick und sah in geringer Entfernung einen Wald vorbeizischen. Dieser war gut zehn Meter vom Flügelende entfernt.
"Verdammt nochmal! Wo bleibt denn dieser Funker?!", schimpfte ich und trommelte ungeduldig auf dem Steuerhorn herum.
"Maule HK-... Wie auch immer. Sicht beträgt etwa einhundert Meter. Sie sollten vorsichtig sein, wenn Sie nicht in einen Berg fliegen wollen."
"Jetzt hören Sie endlich auf mit diesem Quatsch!!! Wir haben keine Verbindung zu Seattle und wenn Sie mir nicht sofort Landeanweisungen geben, sorge ich dafür, dass Sie nie wieder einen Tower zu Gesicht bekommen werden!!! Unser Treibstoff geht langsam dem Ende entgegen", brüllte ich ins Funkgerät. Mein Herz pochte vor Aufregung so heftig, dass es schmerzte.
"Undankbares Arschloch! Kehren Sie doch um und fliegen Sie nach Wenatchee, Mistkerl!", kam es entgegen. Wir hörten nur noch Rascheln und schließlich nichts mehr.
War das etwa zu fassen? Wir hatten nicht genügend Treibstoff für eine Rückreise zum Wenatchee-Flughafen und langsam wurde es auch dunkel. Wenn wir in dem Moment nicht an einem Herzkasper zugrunde gehen sollten, dann jedenfalls, wenn wir mit der Nase im Bode oder im Berg aufschlagen. Es war doch schon Mordversuch diesen Trottel an ein Funkgerät zu lassen, wenn man kaum noch den Propeller vor lauter Wolken sehen konnte.
"HK-EBZ, CSAP-Basislager hier. Ich entschuldige mich für den Menschen von eben, er ist gerade neu. Ich habe Sie auf dem Radar. Sinken Sie auf 7.500 und drehen Sie nach dreißig Sekunden auf Steuerkurs 360. Landebahn müsste dann etwa eine Meile entfernt sein", ertönte plötzlich eine andere, ältere Stimme.
"Sinken auf 7.500, nach dreißig Sekunden auf Steuerkurs 360. Vielen, vielen Dank, Señor!", antwortete ich und atmete erleichtert aus. Endlich war mal ein Mann auf der anderen Seite, der etwas von Radarführung verstand. So schnell ich mich aufgeregt hatte, so fix verschwand die Wut auch wieder.
Ich folgte den Anweisungen des Towers und steuerte die Maschine zur richtigen Position. Das GPS hatte mittlerweile den Geist aufgegeben. Plötzlich, ohne Vorwarnung, leuchteten mehrere Lichter vor uns auf. Die Landebahn! Sie war anscheinend mit brennenden Ölfässern befeuert, aber sie boten genug Licht, um die Landebahn für Flugzeuge sichtbar zu machen, die etwa eine halbe Meile entfernt waren. Mit erleichtertem Herzen setzte ich die Maschine mit einer Geschwindigkeit von fünfzig Knoten auf den schneebedeckten Boden.
"Puh, endlich geschafft!", seufzte Manolo und zitterte. "Kann es sein, dass die Heizung im Eimer ist? Das fällt mir erst jetzt auf."
"Ja, das kann sein. Die ist ausgefallen, als wir über Portland waren. Wir werden sie reparieren lassen, sobald wir richtig angekommen sind. Mir ist auch kalt. Eine warme Abendmahlzeit wäre jetzt echt prima! Wir hätten doch in den McDonald‘s in Portland gehen sollen", sagte ich und stellte mir einen warmen Apfelkuchen mit Vanilleeis vor.
Die Maschine rollte ... oder eher, rutschte ... von der Landebahn herunter und kam dann vor einer hölzernen Blockhütte zum Stillstand. Über der Hütte wehte die US-amerikanische Flagge, daneben die Flagge des Bundestaates Washington und ganz rechts eine mir unbekannte, auf der ein Adler mit einem Propeller auf blau-weiß-rotem Hintergrund zu sehen war. Das Wappen ähnelte dem des Civil Air Patrols, einer zivilen Organisation der United States Air Force.
Ich schaltete den Motor ab und öffnete die Pilotentür. Sofort fegte ein Lüftchen herein und brachte die Unterlagen in Unordnung, die Manolo erst vorher ordentlich sortiert hatte. Ich zog meine Jacke an, schnappte mir mein Gepäck zu der Blockhütte. Manolo, der erst noch seine Sachen holte und die Maschine abschloss, folgte mir.
Die Tür öffnete sich und ein älterer Herr stand vor mir.
"Ah, Sie müssen die beiden kolumbianischen Piloten sein, nicht wahr?", fragte der Mann. "Ich bin Gerald Scott, Ihr neuer Chef."
"Ähm, er ist der Kolumbianer. Ich bin Bolivianer", merkte mein Kopilot lächelnd an und reichte dem Mann die Hand. "Manolo Hernández."
"Und ich bin Juan Fernando Tapia", sagte ich und reichte ihm auch die Hand. "Wir wollten eigentlich heute Morgen eintreffen, aber wir wurden in Portland aufgehalten."
"Das ist kein Problem! Wir hatten heute sowieso den ganzen Tag alle Hände voll zu tun. Es freut mich, dass Sie ohne weitere Probleme den langen Weg überwunden haben. Kommen Sie mit herein", sagte der Señor Scott und öffnete die Tür.
Wenn sie ein Wohnhaus wäre, dann würde diese Hütte ziemlich groß sein. Aber sie wirkte auf uns doch etwas beengend, da viele Ausrüstungsgegenstände herumlagen. Zwar wurden sie ordnungsgemäß aufbewahrt, aber es kam mir vor, als würde dem nicht so sein. Zu unserer rechten Seite stand ein langer hölzerner Tisch und links war eine kleinere Küche mit Ofen, Spülmaschine, Kaffeekocher und Kühlschrank. Am Tischkopf saß eine dunkelhaarige Frau über einer Karte beugend. Neben der Karte lag ein etwas älteres Funkgerät. Anscheinend hatte sich der Witzbold am Funkgerät verkrümelt, sobald wir angekommen waren.
Die Frau am Tisch blickte nach oben, als wir uns dem Tisch näherten. Sofort sprang sie auf und reichte uns die Hand.
"Mein Name ist Paulina Dawson, die Ingenieurin unseres Unternehmens. Und Sie sind ...?", fragte sie und gab auch uns die Hand.
"... Juan Fernando Tapia und Manolo Hernández", sagte ich und schüttelte ihre Hand. Auch Manolo tat es und begrüßte sie mit einem leichten "Hallo".
"Wie war denn Ihr Flug?", fragte sie und ging zur Kaffeemaschine.
"Lang, aber angenehm. Wir hatten kaum Turbolenzen, bis wir den Luftraum von Seattle erreicht hatten. War 'ne holprige Angelegenheit. Und ... Moment, wer war denn der Vogel, der uns Funkgerät geärgert hat?", fragte ich und schaute mich nochmal um, um mich zu vergewissern, ob dieser Mann auch wirklich existierte.
"Oh, ja. Das war Lenny. Sie dürfen ihm das nicht übel nehmen. Er ist neu bei uns und auch kein Funker. Unser Funker war zu dem Zeitpunkt in Stehekin bei seiner Tochter, die im Krankenhaus liegt. Lenny ist für ihn kurzzeitig eingesprungen. Aber er hat wirklich keine Ahnung vom Funken. Und da kommt er auch schon", sagte sie und deutete auf einen schmächtigen jungen Mann, der gerade aus einem weiteren Zimmer kam. Für einen Sekundenbruchteil konnte ich eine kleine Kommandozentrale mit einem modernen Funkgerät erkennen.
"Oh ... äh ... Sie? Ich ... ich wollte nur …", stotterte er und wollte sich wieder aus dem Staub machen, doch ich hielt ihn auf.
"Hey, Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen. Ist doch nichts passiert. Ich war vorhin etwas nervös, weil ich blind durch ein Gebirge geflogen bin. Tut mir leid, dass ich Sie da so angeschrien habe", sagte ich und reichte ihm ebenfalls die Hand. "Juan Fernando Tapia."
"Ähm, ... tut mir auch leid, dass ich Sie fast damit umgebracht habe. Ich hätte in diesem Moment besser Gerald gerufen. Er saß ja direkt im Nebenzimmer. Dachte, ich könne die Situation alleine regeln. Tut mir unendlich leid!"
"Kein Ding! Schwamm drüber. Äh, arbeiten hier noch mehr Personen?", fragte Manolo.
"Ja, noch zwei Piloten und unser Funker Marcus. Naja, eigentlich nur noch ein Pilot. Frank ist vor einem Monat spurlos mit der Maschine verschwunden. Sein Verschwinden war unter anderem ein Grund, dass Gerald Sie angeheuert hat. Er meinte, Sie wären Spezialisten", sagte Lenny.
"Also das ist etwas übertrieben. Aber wenn Sie den Knaben wiederfinden wollen, werden wir Ihnen gerne helfen", sagte Manolo und nickte mir bestätigend zu.
"Natürlich werden Sie dafür auch bezahlt", ergänzte Gerald.
"Das ist erst mal nicht von Belang. Priorität hat die Rettung von ... Frank. Wie wird das Wetter morgen sein?", fragte ich Gerald.
"Sonnig mit einigen Wolken auf 8.000. Kein Problem für eine Rettungsaktion."
"Okay, wann kommen Marcus und der andere Pilot wieder zurück?"
"Mike ist unser zweiter Pilot, aber der kommt erst übermorgen wieder. Er ist zurzeit auf einer Konferenz in Seattle. Marcus müsste jeden Augenblick hier eintreffen. Aber bevor wir noch irgendetwas tun, gehen wir besser schlafen. Es war heute ein sehr stressiger Tag. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihre Schlafzimmer", sagte Gerald und ging durch jene Tür, aus der Lenny herausgekommen war. Es war ein langer Flur mit fünf Türen auf der linken Seite und fünf auf der rechten.
Manolo war schnell im Bett verschwunden. Kurz bevor er die Augen zumachte, sagte er, dass es das beste Bett sei, was er in den letzten vier Tagen benutzen durfte.
Schon nach zehn Minuten waren alle auf ihren Zimmern. Bloß ich saß noch in der "Messe" über der Karte. Gerald hatte, kurz bevor er auch in sein Zimmer ging, mir das Gebiet gezeigt, in dem sie immer wieder nach Frank suchten. Auch gab er mir die Wettervorhersagen der letzten Monate.
Auf der Karte sah es so aus, als ob das Suchgebiet sehr klein wäre. Gerald hatte wohl den See für unwahrscheinlich gehalten, da Frank niemals auf die Idee kommen würde eine Notlandung in einem See zu veranstalten. Ich, aber, hielt das für wahrscheinlich, da selbst einem erfahrenen Piloten über dem Wasser die Treibstoffleitung zufrieren konnte. Ob vor einem Monat also doch ein großes Loch im zugefrorenen See war, war wohl in diesem Moment egal, da diese Stelle bestimmt wieder zugefroren wäre.
Es war wahrscheinlich, dass Frank im See notlanden musste, aber dann anschließend ertrank. Aber soweit wollte ich noch nicht denken.
Ich grübelte weiter über der Karte, bis sich die Haustür auf einmal öffnete. Herein kam ein sehr fülliger Mann mit Schnauzbart und noch dickerer Polarjacke. Er staunte nicht schlecht, als er mich im Weihnachtspullover am Tisch mit Karte, Navigationsinstrumenten, heißem Kakao und Campinglampe sah.
"Sie müssen wohl Marcus sein, nicht wahr?", sagte ich und stand auf, um den Mann zu begrüßen.
"Und Sie sind bestimmt der Mann aus Kolumbien, oder?", fragte er. Er hatte eine recht angenehme Stimme. Ich hätte sie jedenfalls viel lieber gehört, als die von Lenny, da er ja der Profi von beiden war.
"Jupp, Juan Fernando Tapia. Ich habe noch meinen Kopiloten, Manolo Hernández dabei. Der schläft aber schon."
"Oh, Sie ahnen ja nicht, wie sehr ich mich freue, dass Sie hier sind. Sie müssen wissen, dass Frank und ich sehr gute Freunde sind. Wenn nicht, dann sogar die besten. Ich versuche jeden Tag ihn zu erreichen, aber langsam glaube ich, dass sein Funkgerät im Eimer ist. Hoffentlich finden wir ihn, bevor der Winter richtig hart wird und die Bären ihn als Wintervorrat verwenden", sagte er und lachte leicht sarkastisch.
"S-Sie meinen, noch härter als jetzt?!"
"Pah, der Winter hat doch kaum angefangen. Die Frosttemperaturen kommen noch. Minus fünfzehn Grad Celsius sind doch noch gar nichts. Aber Frank ist zäh. Der lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Warum sind Sie noch auf?"
"Ich studiere ein wenig die Gegend und suche nach möglichen Absturzstellen. Es wäre möglich, dass er im See notlanden musste. Aber wenn er diesen Absturz überlebt hätte, wäre er mit Sicherheit sofort zurückgekommen. Vielleicht ist er ja ..."
"Davon wollen wir erst gar nicht ausgehen. Wir werden ihn finden!"
"Ich verstehe Ihren Willen Ihren Freund wiederzufinden, aber wenn wir ihn nicht mehr finden sollten, weil er auf dem Grund des Sees liegt, dann verschwenden wir nur Material und Zeit. Wie wahrscheinlich ist es denn, wenn ein Pilot, der jeden Tag hier entlang fliegt sich im eigenen Gebirge verirrt und nicht mehr nach Hause finden. Wahrscheinlich wurde er beim Absturz verletzt, aber das ist mittlerweile ein Monat her. Er könnte erfroren sein oder verhungert."
"Gehen wir bitte davon nicht aus. Er muss noch am Leben sein. Es besteht noch Hoffnung für ihn", sagte Marcus und setzte sich ebenfalls an den Tisch.
"Falls er noch nicht hier sein sollte, wenn der Schnee schmilzt, ist er hundertprozentig tot."
"Ich weiß, aber der Winter hat erst gerade angefangen und dieser dauert fast ein halbes Jahr."
"Das dürfte dann wohl der schlimmste Winter aller Zeiten für ihn sein. Aber ich werde ihn ebenfalls nicht aufgeben, mein Freund. gehen Sie auch lieber schlafen. Morgen ist ein langer Tag", sagte ich, gähnte herzlich, packte meine Sachen zusammen und ging in mein Zimmer, wo schon ein gemütliches Bett am Fenster wartete. Das Zimmer duftete herrlich nach Holz. Es kam mir wie in einer Tiroler Berghütte vor. Zumal die Fensterläden mit Herzen verziert waren.


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 Betreff des Beitrags: Re: B(r)u(s)chpiloten
Verfasst: Mo 16. Jul 2012, 00:15 
Irrlicht
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CSAP-Basislager, 25. November 2012

Es war ein eigenartiger Geruch, der mich langsam zum Aufwachen zwang. Der Geruch von ... Kaffee! Ich öffnete noch schlaftrunken die Augen und sah in ein mir vertrautes Gesicht.
"Manolo ...?" Ich richtete mich auf und schaute ihn immer noch benommen an.
"Ja, der bin ich. Kaffee?", fragte er strahlend und reichte mir eine Tasse.
"Äh, ... ja, danke. Wie spät ist es?"
"Kurz vor zehn. Ich würde jetzt schnell aufstehen. Paulina hat Frühstück für uns alle gemacht."
"Ist es Tradition, dass man hier so spät aufsteht?", fragte ich und entnahm Manolo den Kaffee.
"An einem Sonntag schon. Außerdem sind die meisten bereits seit zwei Stunden wach. In einer Stunde sollen wir bereit zum Abflug sein. Heute ist tolles Wetter ... also relativ gesehen, jedenfalls", sagte er.
"Sonntag?! Daran habe ich ja gar nicht gedacht. Na gut, ich komme jetzt", sagte ich. Manolo nickte und verschwand.
Ich streckte mich, zog meine Sachen an und ging mit meinem Kaffee in den Speiseraum. Alle anderen saßen bereits am Tisch und speisten gemütlich.
"Guten Morgen!", sagten alle wie aus einem Munde, als ich mich blicken ließ. Ich erwiderte den Gruß und setzte mich neben Manolo und Marcus.
"Also, wo werden wir heute suchen?", fragte Lenny und griff nach einer Packung Wurst.
"Ich würde sagen, dass wir wieder den Chelan-See überfliegen. Von dort aus dann wieder nach Westen", sagte Paulina. Die meisten der Anwesenden nickten.
"Ich halte das für Zeitverschwendung. Wir müssen das Suchgebiet ausweiten. Wir suchen nordwestlich von Stehekin. Wenn dort nichts ist, suchen wir nördlich weiter, und dann nordöstlich", meinte ich und bestrich meine Brötchen mit Marmelade.
"Nein, Frank sagte, dass er seine Runde über dem See drehen wolle. Er ist unmöglich nach Norden geflogen", entgegnete Paulina.
"Es ist aber möglich, dass er versehentlich nach Norden geflogen ist. Gerald sagte mir, dass sein Kompass vor dem Start etwas gesponnen habe, aber er rechnete damit, dass er auch ohne ihn wieder zurückfinden könnte. Leider gab es an dem Tag einen sehr dichten Nebel, vergleichbar mit dem von gestern. Wahrscheinlich wollte er in einem schneebedeckten Tal notlanden. Oder vielleicht wollte er in Stehekin landen, was dann aber missglückt sein könnte. Habt ihr eigentlich schon einmal in diesem Gebiet gesucht?"
"Ein paar Mal. Aber wir hielten es dann eher doch für unwahrscheinlich", sagte Paulina.
"Dann wissen wir ja, wo wir suchen werden. Natürlich werden wir den See nicht ausschließen. Aber wir sollten jedes Tal durchfliegen und jeden Berg westlich nördlich und östlich von Stehekin absuchen. Dann werden wir ihn bestimmt finden."
Es war erstaunlich, denn sie waren einverstanden. Auch mein treuer Kumpel Manolo nickte kräftig.
Dafür, dass ich den guten Vorschlag gemacht hatte, durfte ich den Tisch abräumen und spülen. Mein Kopilot hatte sich zu meiner Maschine bewegt, um diese startklar zu machen.
"Juan, hältst du das wirklich für eine gute Idee?", fragte Gerald, der mit Lenny und Marcus in der Hütte blieb.
"Sagen Sie es mir."
"Nun, es ist eine recht raue Gegend ... im Norden. Die Hänge sind sehr gefährlich für Piloten, selbst für erfahrene Buschflieger. Ich hoffe, Sie wissen was Sie da tun, Junge", sagte mein Chef und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.
"Das hoffe ich auch, Señor. Wir werden ihn schon finden", antwortete ich, legte das Spültuch auf die Seite und begab mich zu meiner Maschine, in der schon Manolo saß und die Checkliste durchging.
Er hob zufrieden den Daumen, als ich mich hineinsetzte. "Alles super!"
"Sehr gut", sagte ich und ließ den Motor an.
"CSAP-Basis, hier CSAP-1. Bitte um Starterlaubnis auf Landebahn 18", hörte ich die Stimme von Lenny. Ich wunderte mich immens, als ich seine Stimme hörte. Aber als ich zum anderen Flugzeug, einer Cessna 140, blickte, sah ich Paulina auf dem Pilotensitz sitzen. Anscheinend gab sie ihm eine Unterrichtsstunde im Fach "Professionelles Funken".
"CSAP-1, hier CSAP-Basis. Starterlaubnis erteilt auf Landebahn 18. Wind kommt aus Richtung Süden. Guten Flug und viel Glück!", ertönte Marcus' Stimme.
Paulina beschleunigte und startete in Richtung Süden. Wir rollten ebenfalls in Position. Manolo setzte sich den Kopfhörer auf und sprach ins Mikrofon: "CSAP-Basis, hier ... CSAP-2. Bitte um Starterlaubnis auf Startbahn 18 mit Abflugrichtung Nord."
"CSAP-2, hier CSAP-Basis. Starterlaubnis mit Abflugrichtung Nord erteilt auf Startbahn 18. Auch Ihnen einen guten Flug und viel Glück!"
Ich drückte langsam den Schubregler nach vorne, sodass die Maschine beschleunigte. Eine Maule M-7-235C Orion war dafür bekannt, dass sie auf kurzen Strecken starten und landen konnte. Deshalb war sie ein Favorit unter den Buschpiloten.


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