Skriptorium
Aktuelle Zeit: Di 25. Sep 2018, 02:57

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Dieses Thema ist gesperrt. Du kannst keine Beiträge editieren oder weitere Antworten erstellen.  [ 280 Beiträge ]  Gehe zu Seite 1, 2, 3, 4, 5 ... 24  Nächste
Autor Nachricht
Verfasst: Do 12. Jun 2008, 23:54 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Sie hatten Unrecht gehabt. Sie hatten uns gesagt, dass es vorbei wäre. Dass wir wieder so leben könnten wie früher. Dass alles, was dazu nötig wäre, Arbeitswille und Zusammenhalt wäre. Damit würden wir neue Häuser, neue Wohnungen, neue Heime aus den Trümmern bauen, die die Drachen hinterlassen hatten. Wir würden uns eine neue Welt erschaffen. Eine bessere Welt. - Das alles hatten sie gesagt. Aber es war alles falsch gewesen.

Ja, wir waren wieder aus unseren Löchern hervor gekrochen. Ausgebrannte Häuser und eingefallene Fabrikgebäude, die U-Bahn, die Kanalisation, Eisenbahnwaggons ... überall, wo diese fliegenden und Feuer speienden Biester uns nicht hatten sehen können, hatten wir uns versteckt und irgendwie unser Leben gefristet. Wir, das waren die wenigen, die den Krieg der Drachen überlebt hatten. Gemessen an der früheren Einwohnerzahl Londons, die sich um die acht Millionen bewegt hatte, eine verschwindend geringe Zahl. Wir hatten durchgehalten. Hatten abgewartet, bis die Mistviecher begonnen hatten, sich vor lauter Hunger gegenseitig zu fressen. Und schließlich, irgendwann, war es ruhig da draußen geworden. In den Straßen, am Himmel ... - Jemand hätte das Männchen getötet, hatte es geheißen. Das einzige Männchen, das es je gegeben hätte, das schlimmste Untier von allen. Dieses Männchen hätte durch fortwährende Paarung mit den Weibchen für einen ständigen Nachwuchs gesorgt, der in dracheneigener Art explosionsartig schnell herangewachsen wäre. Kein Männchen mehr, kein Nachwuchs. So hatte die Rechnung gelautet, die man uns hatte glauben machen wollen. Mir war das von Anfang an komisch vorgekommen. Ich meine, hallo? Wo in der Natur gibt es eine Spezies, die nur ein Männchen hervor bringt? Ich will jetzt keine Vorträge über Arterhaltung halten, aber fest steht doch wohl, dass die Natur es so weit wie möglich sicherstellt, dass eine Spezies überlebt. Und das macht sie ja wohl nicht nur von einem Männchen abhängig. Von dem anderen Schwachpunkt dieser Theorie mal ganz abgesehen, nämlich dem, dass ein männlicher Drache in so kurzer Zeit unmöglich so viel Nachwuchs produzieren kann, dass davon ganz Europa überschwemmt wird - zumindest von Frankreich wussten wir inzwischen, dass sie dort ebenso gewütet hatten wie auf den Britischen Inseln.
Aber wenn es einem Scheiße geht, ist man gerne bereit, alles mögliche zu glauben. Wir hatten jedenfalls alle gejubelt, als die Entwarnung gekommen war. Wir waren, wie gesagt, ins Freie gerannt, hatten getanzt und gelacht und geweint - und uns schließlich auf den Heimweg gemacht. Zu dem Ort, wo wir früher gelebt hatten, um zu sehen, ob es vielleicht möglich wäre, das dort jetzt auch wieder zu tun. Oder wenigstens Dinge aus den Trümmern zu retten, die von Bedeutung waren, die man aber auf der Flucht vor den Echsen hatte zurücklassen müssen.
Wir hatten Glück gehabt. Wir, das waren meine Mum, mein Dad, mein Bruder Toby. Unser Haus hatte noch gestanden, es war nicht einmal angekokelt gewesen. Wir wären also auch dort in Sicherheit gewesen und hätten nicht in die U-Bahn fliehen müssen. Aber sowas weiß man natürlich immer erst nachher.
Erleichtert hatten wir dort unser Leben wieder aufgenommen. Und geglaubt, die grauenhaften Erlebnisse der vorangegangenen Wochen mit Normalität verarbeiten zu können. Das war uns auch einigermaßen gelungen - soweit man es überhaupt verarbeiten kann, wenn man als 16-jährige hat mit ansehen müssen, wie Menschen bei lebendigem Leib auseinander gerissen und gefressen oder verbrannt werden. Oder als 12-jähriger, so wie mein Bruder. Trotzdem, endlich wieder zu Hause zu sein hatte uns gut getan. Wir hatten zu allererst Lebensmittel organisiert, dann hatten wir uns an kollektiven Aufräumarbeiten beteiligt. Langsam, aber sicher war die Anspannung der vergangenen Zeit von uns abgefallen, und wir hatten uns zu entspannen begonnen. - Bis heute!

Wir befanden uns in der Nähe der King's Road, ein gutes Stück von unserem Zuhause entfernt, um uns neue Kleidung in den zum größten Teil schon geplünderten Geschäften zu organisieren - eine funktionierende Wirtschaft existierte schon lange nicht mehr, so dass es weder jemanden gab, der uns etwas verkauft hätte, noch Ordnungshüter, die verhindert hätten, dass wir uns selbst bedienten.
Plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Wer einmal einen Drachenkrieg miterlebt hat, der kommt in so einer Situation nicht auf den Gedanken, dass Wolken sich vor die Sonne geschoben haben könnten. Noch bevor wir vier ruckartig die Köpfe hoben, wussten wir bereits, was da drohend über uns schwebte. - Drachen ...! Sie waren zurück! Sie waren eben doch nicht alle tot. Waren vielleicht über den Kanal zu uns herüber gekommen. Oder waren neu geschlüpft. Oder neu gezeugt, von anderen Männchen. Was auch immer ... wir hielten uns nicht mit Spekulationen auf. Nicht jetzt! Der erste der Drachen hatte uns bereits erspäht, brüllte seinen schrillen Schrei in die nasskalte Herbstluft und stieß wie ein Raubvogel auf uns herab.
"LAUFT!!!", schrie Dad. Keiner von uns benötigte diese Aufforderung wirklich. Wir rannten los, die Häuserzeile entlang, die noch verhältnismäßig intakt war, rüttelten an der ersten Haustür, an der zweiten, an der dritten - alles zu. Und wieder brüllte der Drache. Panisch blickte ich zurück. Er konnte nicht zu uns in die Straße hinab, denn sie war zu eng für seine Flügelspannweite. Aber er konnte uns mit seinem Feueratem in lebendige Fackeln verwandeln. Und schon riss er seine spitze Schnauze auf, bog seinen Kopf zurück und ließ ihn dann schlangengleich vorschnellen. Eine orange-gelbe Feuerlohe kam daraus hervor geschossen. Ich schrie. Und wurde im gleichen Moment gepackt und in einen hohen Hausdurchgang gezogen, der in einem Innenhof mündete - im allerletzten Moment, denn kaum befand ich mich zwischen den Hausmauern, als der Bürgersteig vor meinen Augen förmlich in Flammen aufging. So intensiv war die Hitze, dass ich meine Arme schützend vor mein Gesicht riss und mich eilig abwandte. Ein kräftiger Zug an meiner Jacke beförderte mich noch weiter vom Eingang weg, allerdings auch auf meinen Hosenboden. Dad beugte sich mit gehetztem Blick über mich.
"Addy? Adison!! - Geht es dir gut?"
Mein Herz schlug mir im Hals, der darüberhinaus auch noch völlig ausgetrocknet war. Ich nickte darum wortlos. Und versuchte zu begreifen, was da gerade geschehen war. Aber Dad ließ mir keine Gelegenheit dazu.
"Wir müssen in eines der Häuser. In einen Keller. Sofort, ehe sie gelandet sind und uns hier holen kommen."
Drachen gaben einmal anvisierte Opfer nur sehr selten auf. Dad hatte Recht, wir mussten von hier verschwinden.
"Ich will wieder nach Hause." Mein Bruder schluchzte leise und sah kalkweiß aus. Selbst hier, im Dunkel des Durchgangs. Mum nahm ihn in seine Arme und drückte ihn. "Wir können jetzt nicht nach Hause, mein Liebling. Das ist viel zu weit weg. Wir müssen uns verstecken."
Ja, verstecken. Wieder einmal. Ich dachte genau dasselbe wie meine Eltern, das erkannte ich an den Blicken, die sie miteinander tauschten.
"Sollten wir nicht versuchen, in die Tube zu gelangen?", fragte ich mit kratziger Stimme - Tube, das ist der inoffizielle Name der Underground, der Londoner U-Bahn. Aber Dad schüttelte den Kopf. "Keine Chance. Die nächste Station ist an der King's Road, und dorthin sind sie geflogen."
Die King's Road war allemal breit genug, dass die Biester dort nieder gehen konnten. Und von dort würde zumindest einer von ihnen uns entgegen gelaufen kommen. Wahrscheinlich hatte er sich bereits auf den Weg gemacht. Dad hatte Recht - jetzt zur King's Road zu laufen bedeutete, dem Drachen ins offene Maul zu rennen.
"Kommt!", Dad zog mich vom Boden hoch und schob mich vor sich her, Mom und Toby ebenso. Wir liefen in den Hinterhof und rüttelten dort an den beiden Türen, die wir sahen, aber mit dem gleichen Erfolg wie zuvor.
"Was jetzt, David?", fragte meine Mum ängstlich. Dad antwortete ihr nicht. Er bückte sich und hob einen Stein auf, und mit dem schlug er das nächste Fenster ein. Das Glas splitterte klirrend - und fand ein Echo in dem Schrei des nahenden Drachen.
"Schneller!", drängte Mum. Dad griff durch das kaputte Fenster hindurch und öffnete es von innen. Dann hob er Toby hoch und drückte ihn durch die Fensteröffnung. Ich kletterte eilig hinterher, Mum folgte mir. Zum Schluss sprang Dad hindurch. Und schob uns wieder vor sich her.
"Los, weiter! Wir müssen in den Keller!"
"Er wird das kaputte Fenster sehen. Er wird wissen, wo wir sind." Die Stimme meiner Mutter zitterte. Ich hatte auch Angst, Dad und Toby genauso. Trotzdem hasteten wir durch den dunklen Hausflur, auf der Suche nach einer Kellertür.
"Ja, wird er", antwortete Dad grimmig. "Aber er muss erst einmal hier herein kommen."
Wir erreichten die Haustür - durch die Milchglasscheibe derselben fiel trübes Licht in den Flur. Aber wir hatten auch die Kellertür gefunden - der Haustür gegenüber, in einer Mauerecke.
"Sollen wir nicht besser auf die Straße hinaus?", ich musste mich unglaublich zusammenreißen, um die Frage einigermaßen verständlich vorzubringen, so ging mir die Flatter. Dad schüttelte den Kopf, zog aber unverständlicherweise zur gleichen Zeit an der Haustür und öffnete sie - verwirrt sah ich ihn an, er drückte mich jedoch zur Kellertür. Im gleichen Augenblick hörten wir von der Rückseite des Hauses wieder einen trompetenden Drachenschrei und dann das Krachen und Bersten von zersplitterndem Holz.
"Los, runter!!", zischte Dad, riss die Kellertür auf und schob uns drei die Treppe hinunter. Das Krachen wuchs zu einem ohrenbetäubenden Lärm an, weil der Drache sich jetzt, wie ich vermutete, mit seiner ganzen Leibesfülle gegen die Hausmauer warf. Man hörte Steine poltern, und die Erde wackelte, als ob die Erde bebte. So schnell wir konnten, liefen wir die Treppe hinunter. Unten angekommen, wollte ich schon den Kellergang entlang laufen. Aber Dad packte mich und zog mich unter die Treppe. Toby und Mum folgte uns eilig. Die Treppe war aus Beton, und darunter gab es eine Nische, in die man eine Kartoffelkiste gebaut hatte. In diese waren wir gekrochen und duckten uns dort jetzt im Dunkeln. So ängstlich, dass wir kaum zu atmen wagten, obwohl zu bezweifeln war, dass der Drache über uns unser Atmen gehört hätte, bei dem Lärm, den er veranstaltete. Er grub sich förmlich in das Haus hinein - mit Feuer und Muskelkraft. Dabei riss er alles ein, was seinem massigen Körper im Weg war. Würde er auch zu uns herunter kommen? ... Auf einmal kapierte ich, warum Dad die Haustür aufgezogen hatte! Es sollte für den Drachen so aussehen, als ob wir auf die vordere Straße geflohen wären. Ob es funktionieren würde? ... Das Gepolter über uns nahm kein Ende. Wenn es nicht klappen und er hier herunter kommen würde, würde dann nicht die Treppe unter ihm einstürzen? Und uns vier erschlagen? - 'Besser erschlagen werden als gefressen.' ... Ja, aber noch besser überleben! - Und wieder trompetete der Drache über uns, ein nervenzerfetzend schriller Schrei. Toby begann leise zu weinen, Mum hielt ihm eilig den Mund zu und flüsterte ihm beruhigende Worte in die Ohren. - Und dann barst die Kellertür über uns, als hätte man sie mit Dynamitstangen gesprengt. Nein, der Drache war nicht auf Dads Trick herein gefallen. Er kam zu uns herunter. Das war's dann wohl.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Fr 13. Jun 2008, 18:20 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Und wieder bebte die Erde, als das Biest über uns sich mit seinem Körper gegen den Kellereingang warf. Dabei brüllte es wütend auf. Zitternd zog ich meinen Kopf zwischen meine Knie und hielt mir die Ohren zu. Gleich würde es herunter kommen und uns fressen. Wir saßen in einer Sackgasse, konnten nicht weg, es brauchte nur noch zu kommen und uns zu holen.
Aber das tat es nicht. Es hörte zwar nicht auf zu toben, und zwischen dem Wutgebrüll hörten wir Steine fallen, aber das Ungeheuer kam nicht herunter. Warum nicht? - 'Weil es von hinten gekommen ist. Es kommt mit seinem Körper oben nicht um die Ecke. Es kann sich nicht in den Kellereingang werfen, so wie es das bei der Hintertür gemacht hat.'
Nein, das konnte es nicht. Aber es konnte etwas anderes. Plötzlich hörten wir ein vertrautes Geräusch: Das scharfe Einatmen von Luft, dem bei einem Drachen immer ein Feuerstoß folgte. So war es auch hier. Das Dunkel des Kellers verwandelte sich auf einmal in ein orange-glühendes Wabern, als die Echse ihren heißen Feueratem die Kellertreppe hinab blies. Tief duckten wir uns in der Kartoffelkiste, drückten uns dabei so weit es ging an die Wand, und trotzdem war es so, als würden wir in Lava eintauchen. Haut, Augen, Lippen, sogar die Lungen brannten unerträglich, und für einen Moment glaubte ich wirklich, es wäre vorbei.
Wir hatten auch diesmal Glück. Die Feuerlohe endete so abrupt, als hätte dem Drachen jemand das Gas abgestellt. Und nach einem finalen Rumpeln über unseren Köpfen wurde es dort still. So still, dass mein Herz jetzt überlaut in meinen Ohren schlug und ich unter diesem unerwarteten Geräusch heftig zusammenzuckte.
"Ist er weg?", wisperte Toby.
"Pssst!", machte Dad leise. Vielleicht war es ja auch ein Trick des Biests, das nur so tat, als wäre es verschwunden und in aller Seelenruhe darauf wartete, dass seine dummen Opfer wieder aus ihrem Versteck hervor kamen. Intelligent genug für so eine Strategie waren diese Viecher. Kein Hund, kein Affe konnte es mit ihnen aufnehmen. Wahrscheinlich waren sie sogar schlauer als Delfine. Auf alle Fälle konnten sie planen, und das vermochten nur die wenigsten Tiere. Und sie konnten Fallen stellen. Sie waren die geborenen Jäger.
Es dauerte eine gefühlte Viertelstunde, als es oben wieder rumpelte und polterte, und diesmal entfernte der Krach sich langsam, aber sicher. Dad hatte also Recht gehabt, der Drache hatte in der Tat oben im Hausflur auf uns gewartet, inzwischen aber wohl die Lust verloren oder vielleicht durch die offene Haustür ein neues Opfer erspäht. Er schien nun wirklich zu verschwinden. Sicherheitshalber blieben wir aber, wo wir waren, weil wir nichts riskieren wollten. Hier unten war es im Moment sowieso am sichersten. Am hellichten Tag wieder auf die Straße zu laufen, wäre einem Selbstmord gleich gekommen.

Es war Nacht, als wir den Keller endlich verließen. Dad ging vor und sicherte die Straße und den Himmel, wir folgten lautlos, allerdings mit Pudding in den Knien und einem Flattern im Magen, das ich trotz der letzten ruhigen Monate noch nicht wieder vergessen hatte. Der Pudding und das Flattern stellten sich als unbegründet heraus, denn wir erreichten die King's Road schließlich unbehelligt. Aber wie es hier aussah! Überall lagen verkohlte Leichen herum, welche von den brennenden Häusern schauderhaft beleuchtet wurden. Die Drachen hatten hier ganze Arbeit geleistet, und es wunderte mich im Nachhinein, dass "unser" Drache bei dem reichhaltigen Angebot hier noch einmal kehrt gemacht hatte, um uns zu erwischen.
"Los, Beeilung!", zischte Dad und trieb uns an den dampfenden Leichnamen vorbei. Ich hörte, wie Toby würgte - er hatte sich trotz der langen Monate, die der Drachenkrieg gedauert hatte, noch immer nicht an diesen Anblick gewöhnt. Ich auch nicht, denn auch mir wurde es ganz anders, auch wenn der Brechreiz diesmal ausblieb. Bei mir war es eher die Angst davor, dass wir ihnen gleich Gesellschaft leisten könnten als Übelkeit. Weshalb ich eilig hinter Dad her zur nächsten Underground-Station lief, wo wir vor neugierigen Drachenaugen einigermaßen sicher wären. Einigermaßen, was nicht bedeutete, hundertprozentig. Die Abgänge in die U-Bahn waren groß genug, dass die Echsen sie hinab steigen konnten. Aber da sie dort nicht fliegen konnten und außerdem im Dunkeln nicht besonders gut sahen, mieden sie die U-Bahn für gewöhnlich. Dort unten war es auf alle Fälle sicherer als hier oben auf der Straße, die einem Präsentierteller glich.
"Verdammt, warum hab ich nur die Notausrüstung nicht dabei!", murmelte Dad vor sich her, während er vor uns die Stufen in die Dunkelheit hinab lief. Notausrüstung, das waren eine Taschenlampe und Streichhölzer, ein Messer und diverse andere Dinge, die einem das Leben auf der Flucht erleichtern konnten. Da wir nicht mehr damit gerechnet hatten, in unserem Leben noch mal je einem Drachen zu begegnen, hatte Dad die Ausrüstung daheim gelassen, als wir losgezogen waren, um Anziehsachen zu organisieren. Und darum mussten wir jetzt durchs Dunkle tappen.
'Das kann sich schnell erledigen, wenn sich eines der Biester hier unten versteckt hat und gleich den Feuerspucker spielt.'
In dem Fall gab ich der Dunkelheit den Vorzug. In Situationen wie diesen wurde man anspruchslos.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Fr 13. Jun 2008, 20:09 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Eine Woche später ...

Bereits seit einer Woche lebten wir wieder in der Tube - der Flüchtlingsalltag hatte uns wieder. Schlafen, warten, warten, schlafen ... so sah es für Mum, Toby und mich aus. Dad verschwand ab und zu mit einigen anderen Männern, um Nahrung und Trinkwasser zu organisieren, und jedesmal starben wir vor Angst, bis er endlich wieder gesund zurück war. Es war eine schlimme Zeit. Wir hatten uns tief in eine der Röhren zurückgezogen, zusammen mit vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig weiteren Flüchtlingen und hausten dort wie die Kellerasseln. Ein einziges, kleines Feuer, damit wir überhaupt etwas sahen, mehr Luxus gab es nicht. Geschlafen wurde auf nacktem Beton, gegessen das, was die Männer "oben" ergattern konnten. Ansonsten blieb uns nichts, als uns miteinander zu unterhalten und davon zu träumen, dass es irgendwann besser werden würde. Ich meine, wirklich besser. Nicht wie das letzte Mal, wo unser Traum wie eine Seifenblase zerplatzt war.

In dieser trostlosen Runde lernte ich einen seltsamen Mann kennen. Wie er hieß, wusste ich nicht - wenn er überhaupt einen Namen hatte, so verriet er ihn jedenfalls niemandem. Alle nannten ihn nur "den Alten", ich auch, wenn ich von ihm sprach. Direkt hatte ich ihn bislang nicht angesprochen, aber er war mir aufgefallen, weil er sich immer etwas abseits hielt und mit niemandem redete. Umso überraschter war ich, als er sich auf einmal neben mich setzte und mich fragte, ob wir uns unterhalten könnten.
"Sicher", antwortete ich ihm mit einem Schulterzucken, dabei musterte ich ihn neugierig. Er war bereits seit drei Tagen bei uns, aber erst jetzt merkte ich, dass ich ihm noch nicht einmal wirklich ins Gesicht gesehen hatte. Vielleicht, weil er stets die Kapuze seines Mantels hochgeschlagen und es darum immer im Dunkeln gelegen hatte. Die Kapuze hatte er jetzt zurückgeschoben, und das kleine Feuer erhellte seine Züge - ein Paar stechend heller Augen über einer schmalen, geraden Nase, darunter ein weißer, kurzer Bart und Falten. Alles in allem ein sympathisches Gesicht - ich fühlte mich nicht unwohl in seiner Gegenwart.
"Welche Kenntnis hast du über die Drachen?", fragte er weiter.
Und wieder zuckte ich die Schultern. "Ich nehme an, was alle anderen auch wissen. Dass sie gefährlich sind, dass sie unser Leben zerstört haben. Dass sie fressen und töten und Mistviecher sind."
Der Alte nickte kaum merklich. Aber trotzdem wirkte er so, als ob er nicht ganz einverstanden wäre mit dem, was ich gesagt hatte.
"Weißt du um ihren Ursprung?"
Ich löffelte meine Dose kalte Bohnen zu Ende und erwiderte gleichgültig: "Man sagt, dass der erste von ihnen ein Männchen war. Und dass man es aus Versehen aufgeweckt hat. Aus seinem Winterschlaf, in dem es Millionen Jahre gelegen hat."
"Du klingst so, als glaubtest du diese Geschichte nicht."
Täuschte ich mich, oder hörte ich da einen spöttischen Unterton aus der Stimme des Alten heraus? - Ich schnaubte. "Kein Lebewesen ist in der Lage, Millionen von Jahren schlafend zu verbringen. Das ist doch totaler Quatsch! Und dann die Story mit dem Männchen, das alle anderen Drachen gezeugt haben soll. Wie soll das gehen? Ein Männchen?? Alleine?"
"Es gibt Wesen, denen das durchaus möglich ist", gab mein neuer Bekannter zu bedenken.
"Ja, vielleicht. Aber selbst wenn das hier der Fall war, ich glaube nicht, dass es ihm möglich gewesen ist, in wenigen Monaten so viel Nachwuchs zur Welt zu bringen, dass der ganz Europa überschwemmen konnte. Nicht einer allein. - Ich weiß nicht, wer sich das alles ausgedacht hat. Aber meiner Meinung nach ist das totaler Quatsch!"
"Du ziehst wohl gerne in Zweifel, was man dir erzählt?"
"Ja, und auch mit Recht, wie ich finde. Wozu hab ich meinen Kopf, wenn nicht zum Denken?"
Der Alte lachte leise auf. Irgendwie schienen ihn meine Antworten zu amüsieren.
"Was ist so lustig?"
Er winkte ab. "Dort, wo ich her komme, sind die Frauen nicht so."
Frauen? Hatte er gerade wirklich Frauen gesagt? Jetzt begann ich ihn zu mögen!
"Nicht? Und wie sind die Frauen da, wo Sie her kommen?"
Der Alte beugte sich vor, griff nach einem längeren Zweig, der aus dem Feuer heraus ragte und stocherte damit ein wenig in der Glut herum. "Sie sind zurückhaltender", antwortete er mir, ohne mich dabei anzusehen. "Sie äußern sich in der Regel nur, wenn sie dazu aufgefordert werden - zumindest in Gegenwart eines Mannes. Und tun niemals ihre Meinung kund."
Verwundert zog ich meine Augenbrauen in die Höhe und betrachtete den Alten neugierig von der Seite. "Echt? Hätte nicht gedacht, dass es das heutzutage noch gibt." Er sah durchaus europäisch aus. Er sprach sogar akzentfreies Englisch, wenn es sich auch ein wenig altertümlich anhörte. Aber gemessen an dem, was er über die Frauen in seiner Heimat erzählte, klang er so, als käme er aus dem tiefsten Orient. Oder aus dem Mittelalter.
"Oh doch, das gibt es durchaus noch", er schmunzelte, dabei sah er sich in unserer Gruppe um und schien jeden einzelnen zu mustern. "Hier allerdings nicht. Hier sind die Menschen anders."
Ich kratzte mich an der Nase und wunderte mich über meinen neuen Freund. Er war seltsam. Aber er war auch nett. Und er war eine willkommene Abwechslung in meinem langweiligen Flüchtlingsalltag.
"Woher kommen Sie denn?" Die Bohnen waren alle. Ich leckte meinen Löffel ab und steckte ihn in meine Jackentasche, die Bohnendose stellte ich beiseite, die würden wir später ausspülen und als Trinkgefäß benutzen.
"Oh, das Land kennst du nicht. Es ist sehr weit weg von hier. Mehr oder weniger ..."
Das Land kannte ich nicht? Ich hatte eine Eins in Geographie und kannte verdammt viele Länder. Das sagte ich dem Alten auch. Aber der schüttelte nur lächelnd den Kopf und wechselte wieder zu den Drachen zurück.
"Du hast Recht, Adison. Die Sage über die Herkunft der Drachen ist nicht richtig. Sie entstammen wirklich nicht nur einem einzigen Tier. Und dieses war erst recht kein Männchen. Auch wurden sie nicht erst hier in diesen Landen geboren. Und hielten auch keinen Millionen Jahre dauernden Winterschlaf."
"Ach nein?"
"Nein. Sie wurden hierher geschickt, Adison. Um diese Welt zu unterjochen."
Ich merkte, wie aus meinen Gesicht ein Fragezeichen wurde. "Aah ja. Wurden sie also. Und woher wissen Sie das? Und woher kennen Sie meinen Namen?"
Und wieder lächelte der Alte. "Deine Mutter nannte dich so - um deine letzte Frage zuerst zu beantworten. Und was deine erste Frage betrifft: Die Drachen und ich, wir stammen aus demselben Land. Derselben alten Welt, von der du gewiss noch nie etwas gehört hast."
Ich staunte immer noch Bauklötze. Bei der letzten Bemerkung des Alten aber runzelte ich dazu auch noch meine Stirn. "Von der ich noch nie etwas gehört hab? Woher wollen Sie das wissen? Los! Probieren Sie es! Testen Sie mich! Sie sagen mir, woher Sie kommen, und ich sagen Ihnen, wo dieses Land liegt."
Der Alte betrachtete mich eine kleine Weile forschend - schließlich nickte er, so als hätte sich etwas bestätigt, das er schon länger vermutet hatte.
"So sage mir, wo Gamelyn liegt."
"Gamelyn?" Also damit hatte ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Wollte der Kerl mich auf den Arm nehmen? Ich lachte. "Gamelyn ist kein wirkliches Land. Es ist nicht mal ein Ort. Es ist ein Name aus Chaucers "Canterbury Tales". Genauer gesagt aus "The Tale of Gamelyn". Daher können Sie also unmöglich stammen." Er hatte Humor, das musste ich ihm lassen.
"Chaucer, ja ja ...", bekam ich als Antwort zu hören. Ich fragte mich daraufhin, wie ich das denn jetzt verstehen musste. "An Chaucer erinnere ich mich sehr gut. Er war ein umgänglicher Zeitgenosse ...", der Zweig landete im Feuer und ging knisternd in Flammen auf.
"Sie ... erinnern sich gut an Chaucer? Reden wir gerade von demselben Chaucer? Geoffrey Chaucer, der Dichter?" Langsam ging mir der Spaß zu weit.
"Geoffrey Chaucer, der Dichter und Diplomat, ja. Ich mochte ihn sehr. Wir pflegten bisweilen lange, sehr interessante Gepräche zu führen."
Jetzt war mir alles klar. Der Alte, der so nett wirkte und es wahrscheinlich auch war, hatte einen Knacks weg. Entweder durch die ständigen Drachenangriffe, oder vielleicht war er auch vorher schon nicht ganz richtig im Kopf gewesen. Er wollte Geoffrey Chaucer persönlich gekannt haben? Englands berühmten Dichter aus dem 14. Jahrhundert? Ich wusste nicht, ob ich aufstehen und gehen oder bleiben und weiter nett zu ihm sein sollte. Der arme, alte Mann ... das Leben musste ihm schlimm mitgespielt haben.
"Chaucer lebte lange Zeit bei uns, musst du wissen", fuhr er fort zu erzählen, und dabei sah er mit nach innen gerichtetem Blick ins Feuer. "Seinen Helden Gamelyn nannte er nach unserem Land. Er gab auch noch weiteren seiner Helden Namen, die er unserer Welt entliehen hatte - womit er ihr wohl ein Denkmal setzen wollte. Bedauerlich, dass ein Leben in dieser Welt so schnell vergänglich ist."
Ein Leben in dieser Welt ... seiner Welt entliehen ... Chaucer gekannt ... - Ich seufzte leise auf, weil er mir langsam leid tat. Das war auch der Grund, warum ich bei ihm sitzen blieb. Womöglich war er froh darum, endlich jemandem seine hanebüchenen Geschichten erzählen zu können, ohne dass er direkt ausgelacht oder stehen gelassen wurde.
"Und diese ... Welt, aus der Sie kommen, heißt also Gamelyn", resümierte ich mit einem freundlichen Lächeln. "Und wo liegt sie, diese Welt?" Das hatte ich zwar schon einmal gefragt, aber jetzt war ich an der Antwort umso mehr interessiert. Der Alte schien sich zu freuen, denn er wich mir diesmal nicht aus. "Oh, du musst dieser Röhre hier folgen. Ein ganzes Stück immer geradeaus. Aber wenn du vier Plätze hinter dich gebracht hast, dann siehst du in der nächsten Röhre ein Loch in der Wand. Klettere durch selbiges, und du kommst nach Gamelyn. Doch was nah klingt, ist in Wahrheit fern. Und was sich leicht anhört, ist ein gefährliches Unterfangen. Denn dies ist auch das Tor, das die Drachen nehmen. Ein Glück, dass sie es vorziehen, am ersten Platz ins Freie zu klettern. Denn sonst wäre dies hier ein höchst riskanter Aufenthaltsort."
Alles klar. Die Tube entlang, und hinter der vierten Haltestelle links. Da lag sein Land. - Ob es dort wohl auch eine gute Märchenfee gab, der es möglich wäre, die Drachenflut abzustellen?

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Fr 13. Jun 2008, 21:53 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Vier Tage später ...

Ich hätte es glauben sollen. Es wäre besser für mich gewesen, denn dann wäre der Moment der Erkenntnis, der mich vier Tage später ereilen sollte, nicht so heftig gewesen. Ich wäre vorbereitet gewesen, und es hätte mich nicht so völlig aus den Socken gehauen. Wäre, hätte ... Worte, die einen Zustand beschreiben, der in meinem Fall sowieso nicht mehr eintraf.

Die Drachen hatten uns gefunden, zwei Stück an der Zahl und unser Lager völlig unvorbereitet überfallen. Ich hatte wie die meisten anderen geschlafen, und es hätte mich wohl genauso erwischt wie die anderen, wenn Alberics Hand - so der Name meines neuen Freundes - mich nicht plötzlich wachgerüttelt hätte.
"Adison! Adison!!", hatte er mir leise und eindringlich zugerufen. "Du musst laufen! Laufen!!!"
Seit die Drachen zurückgekehrt waren, war ich nicht einmal mehr in Tiefschlaf gefallen und auch jetzt sofort wach. Ich flog gehetzt vom Boden hoch. "Was? Wie???"
In diesem Moment brach die Hölle los. Mit einem ohrenbetäubenden Gebrüll griffen die Drachen an.
"MUM!!! TOBY!!!", schrie ich panisch - dass Dad nicht da war, hatte ich gewusst, er war wieder auf Beschaffungstour. Aber meine Mutter und mein Bruder waren auch verschwunden, die Plätze neben mir leer. Hektisch sah ich mich nach ihnen um und ignorierte das zischende Luftholen der Drachen, die sich für ihre Feuerstöße bereit machten. Alberic jedoch ignorierte sie nicht. Er packte mich an der Hand, rannte los und riss mich mit sich. Ich schrie wieder auf, diesmal aus Protest, weil ich zu meiner Familie wollte und nirgendwo anders hin - ungeachtet der Echsen, die gleich alles in Schutt und Asche legen würden. Aber Alberic ließ es nicht zu. Mit unerwarteter Kraft zerrte er mich hinter sich her, mit unerwarteter Schnelligkeit flog er neben den Gleisen entlang in die Dunkelheit hinein - eine Dunkelheit, die auf einmal glühend hell wurde, als die Drachen ihr Feuer in die Röhre schickten. Gellende Schreie, triumphierendes Gebrüll, meine eigene Stimme, die nach Mum und Dad rief und dabei irgendwie brach ... es war ein grauenhafter Augenblick, der sich wie ein Brandeisen in mein Gedächtnis einprägte. Ich weiß bis heute nicht, was mir zu diesem Zeitpunkt die Kraft verlieh, weiter zu rennen und nicht einfach heulend zusammen zu brechen. Die Verzweiflung wahrscheinlich.

Alberic und ich rannten eine ganze Ewigkeit lang. Ich sah die Hand vor Augen nicht mehr, denn wir hatten den Ort des Grauens, an dem jetzt die Flammen aus den verbrannten Leibern der Flüchtlinge schlugen, längst hinter uns gelassen, und der Feuerschein war an einer Biegung der Röhre hängen geblieben. Wir rannten trotzdem weiter, weil uns nichts anderes mehr blieb. Inzwischen hatte ich es eingesehen, dass zurückzukehren Selbstmord wäre. Und so überließ ich mich Alberics Führung, der mich immer tiefer in das Tunnelsystem der Tube zog. Aber mein Herz brannte vor Kummer und Schmerz. Was war mit Mum und Toby? Was mit meinem Dad? Würde ich einen von ihnen je wiedersehen?

Irgendwann endete unser wilder Lauf. Mit rasselndem Atem und Seitenstechen beugte ich mich vor, meine Hände auf den Knien und bekämpfte die Übelkeit, die mich überkommen wollte.
"Wir sind da", japste der Alte, dem die Luft genauso ausgegangen war wie mir.
"Da?", krächzte ich und sah auf. "Wo, da?"
"Am Tor zu meiner Welt."
Ich schloss die Augen und ließ den Kopf hängen. Er hatte es immer noch nicht aufgegeben, diesen Unsinn zu verzapfen - seit Tagen hörte ich mir diesen Quatsch bereits an. Mit einer Menge Geduld, aber die war jetzt, in diesem schrecklichen Moment, aufgebraucht.
"Oh Mann, hör endlich auf damit!", keuchte ich und versuchte Alberic in der Dunkelheit zu erkennen. Es gelang mir nicht, es war zappenduster hier unten. "Es GIBT keine andere Welt hier unten! Okay?" Ich bezweifelte ja sogar, dass es hier überhaupt ein Loch in der Wand gab. Überprüfen konnte ich das leider nicht, denn wie gesagt, ich sah ja nichts. "Wir werden eine Weile hier bleiben, und dann werden wir zurückgehen. Mum und Toby waren eben nicht an ihrem Platz. Vielleicht hat Toby ja mal gemusst, und Mum ist mit ihm gegangen. Vielleicht leben sie noch."
"Ja, vielleicht tun sie das. Aber das wirst du jetzt nicht erfahren, Adison."
Er orakelte schon wieder. Wie mir das jetzt auf den Zeiger ging!
"Du musst erst deine Aufgabe erfüllen."
"Meine Aufgabe?", was sollte das denn schon wieder heißen? Wollte er vielleicht, dass ich ihm Geoffrey Chaucer zurückbrachte, damit er weiter mit ihm lange, interessante Gespräche führen konnte?
"Deine Aufgabe", wiederholte Alberic - und irgendwie in einem anderen Tonfall als sonst. Feierlicher, ernster. "Ich kam nur wegen dir in diese Welt."
"Alberic ...", ich musste mich jetzt wirklich bemühen, freundlich zu bleiben. "Ich hab jetzt echt keinen Nerv für diese Geschichten. Okay? Ich bin dir dankbar, dass du mir gerade das Leben gerettet hast. Sehr sogar. Aber jetzt hör auf mit diesem Quatsch! Es GIBT keine andere Welt. Und du bist auch nicht von einem anderen Stern. Du bist ..."
"Deine Aufgabe ist es, den Bezwinger zu finden. Suche ihn, Adison. Nur er wird in der Lage sein, die Drachen zurückzuholen und das Tor zu deiner Welt zu schließen. Du bist der Saphir, er ist der Rubin. Es ist deine Bestimmung, dich auf die Suche nach ihm zu begeben."
"Alberic, ich ..."
"Das Tor!! Es öffnet sich! - Schnell! Zur Seite!!!"
Ehe ich mich versah, hatte Alberic erneut meine Hand gepackt und zerrte mich wieder mit sich. Seufzend folgte ich ihm, überquerte die Schienen, auf denen zum Glück kein Strom mehr war und drückte mich daraufhin gemeinsam mit ihm in eine Nische in der Wand.
'Was kommt wohl als nächstes', schoss es mir dabei genervt durch den Kopf.
Die Antwort auf diese Frage erhielt ich nur zwei, drei Sekunden später, denn plötzlich begann die Wand, an der wir lehnten, zu glühen.
"Was zum Geier ...", Alberic ließ mich meinen Satz nicht beenden. "Pssst!", machte er zu mir. Dann wisperte er dicht an meinem Ohr: "Sie kommen wieder. Neue Drachen. Wenn sie an uns vorbei sind, müssen wir das Tor passieren. Es bleibt immer nur kurze Zeit offen. Und wenn es erst einmal wieder zu ist, kommen wir von hier aus nicht mehr hindurch."
Ich kam nicht dazu, was Adäquates darauf zu antworten - und wollte es einen Moment später auch gar nicht mehr, denn plötzlich verwandelte sich das Glühen in ein blendendes Gleißen. ... Und dann kamen sie wirklich! Drei, vier, fünf Drachen schoben sich durch die Mauer, die so hell strahlte, dass es mir in den Augen weh tat und krochen schnaufend in entgegen gesetzter Richtung davon. Starr vor Angst sah ich ihnen nach - fünf Echsen! Wenn die uns jetzt rochen oder sich einer von ihnen auch nur zufällig nach uns umdrehte, wäre es vorbei mit uns!
"Los jetzt", wisperte Alberic an meinem Ohr und drängte mich, die Nische zu verlassen. Aber ich wollte nicht. Ich wollte um keinen Preis der Welt in die Röhre hinaus, wo die Biester mich dank der gleißenden Mauer sofort ausmachen würden.
"Nein!", widersprach ich und drückte mich tiefer in die Nische. Aber das passte Alberic wohl nicht. Er griff nach meinem Arm und zog mich wieder heraus. "Nein, Adison! Du musst JETZT gehen! Du MUSST! Es ist deine Bestimmung!!!"
"Nein, verdammt!" Ich begann mich zu wehren. Das war kein freundlicher, alter Mann mit wirrem Denkvermögen, das war ein klapsmühlenreifer Spinner! Ich vergaß meine Vorsicht und fauchte lauter: "Ich habe NEIN gesagt!!!"
Das war ein Fehler gewesen.
Auf einmal fuhr der letzte Drache herum und fauchte laut auf. Er hatte mich gehört.
"Oh Gott!!", keuchte ich entsetzt. Wieder zog Alberic an mir, jetzt unerbittlich - und er zog mich auf die Drachen zu. "Nein! - NEIN!! NICHT! Ich WILL nicht!!" Ich wollte in die andere Richtung. Ich wollte weg von hier. Aber Alberic hörte nicht auf mich. Er zerrte mich weiter mit sich, bis wir vor dem gleißenden Licht standen - aber das fand ich gerade nicht so spannend, ich blickte vielmehr mit rasendem Herzen zu den Drachen, die jetzt in Aufruhr waren, Gott sei Dank aber nicht so schnell in der engen Röhre wenden konnten.
"GEH!", schrie Alberic mich an und stieß mich in Richtung Wand. Ich fuhr zu ihm herum, immer noch voller Angst und Zweifel ... aber dann las ich es in seinen hellen Augen. Das war kein Verrückter, er wusste genau, was er tat. In diesem Moment begriff ich, das alles, was er mir erzählt hatte, die Wahrheit gewesen war. Das nichts dem wirren Denken eines alten Mannes entsprungen war und ich jetzt tun musste, was er sagte, um zu überleben.
"Und du?", fragte ich ängstlich.
Er schüttelte den Kopf. "Ich werde sie ablenken. - Wenn ich jetzt mit dir gehe, werden sie uns folgen, und gegen fünf von ihnen haben wir keine Chance. GEH, Addy! JETZT!"
Ich starrte in seine Augen, die auf einmal so wach und intelligent schienen. Dann drehte ich mich verzweifelt entschlossen herum und lief in das helle Loch hinein, durch das die Drachen gerade gekommen waren.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Fr 13. Jun 2008, 22:38 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Die gleißende Helligkeit endete, als hätte jemand einen Tausendwattscheinwerfer ausgeknipst. Mein Herz schlug heftig, als ich meine Augen wieder öffnete ... und riss sie daraufhin förmlich auf, denn ich stand nicht etwa in einem Nebenschacht der Tube, sondern im Freien. In einer Landschaft, die ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte - zumindest nicht hier in London. Eher in Filmen über Österreich oder Kanada. Ich befand mich nämlich in einem grünen Tal, das von hohen, schneebedeckten Bergen umschlossen war. Und hinter mir war ... nichts!

Fassungslos blickte ich mich um. War das hier wirklich Gamelyn? Das Land, aus dem Alberic kam? Aus dem auch die schrecklichen Drachen stammten? Ich konnte mir letzteres überhaupt nicht vorstellen, denn hier wirkte alles so ruhig, so unglaublich friedlich. Und trotzdem war alles wahr, was Alberic mir erzählt hatte. Das Land gab es, dann stimmte wohl auch der Rest. Er war offenbar in der Tat wegen mir in unsere Welt gekommen. Und hatte sie mit mir wieder verlassen wollen, hatte mich begleiten wollen, denn er hatte zuerst von "uns" gesprochen. Doch dann hatte ich seinen Plan kaputt gemacht. Ich hatte die Drachen auf uns aufmerksam gemacht, und er hatte nicht mehr mit mir kommen können, weil die Drachen uns sonst gefolgt wären. Er hatte sie ablenken wollen. Lebte er überhaupt noch? Lebten Mum und Toby? Und Dad?
Wieder sah ich zu der Stelle, an der ich diese Welt betreten hatte. Wieder sah ich nichs, nur laue Luft, in der Blütenpollen tanzten. Es war warm hier. So warm, dass ich meine dicke Jacke auszog und mir die Ärmel meines Pullis hochkrempelte. Das Gleiche hätte ich gerne mit meinen Hosenbeinen gemacht, aber ich trug Winterstiefel an meinen Füßen, es hätte also nichts gebracht.
Ratlos sah ich mich danach um. Was sollte ich jetzt tun? Wohin sollte ich gehen? Den Bezwinger suchen, har har. Hätte Alberic mir nicht wenigstens noch einen Namen nennen können? Eine kleine Personenbeschreibung geben? Ich wäre der Saphir, der Bezwinger der Rubin. Da wusste ich ja alles. Wie groß dieses Gamelyn wohl war? So groß wie London? Wie England? So groß wie ganz Europa? Resignation wollte mich bei diesem Gedanken überkommen. Ich wusste nichts. Weder wo ich hin musste, noch wen ich genau suchte. Ich hatte kein Geld, nichts zu essen, ich sprach nicht einmal die Landessprache. Wie um alles in der Welt sollte ich "meiner Bestimmung" folgen? Die Einsamkeit griff schnell und erbarmungslos zu und wollte mir die Luft abdrücken. Es kostete mich eine Menge Kraft, meinen Weg aufzunehmen und loszugehen. Ich tat es, weil mir nichts anderes übrig blieb. Und blickte nicht mehr zurück.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Fr 13. Jun 2008, 22:53 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
So friedlich, wie ich das Tal zuerst geglaubt hatte, war es dann doch nicht. Noch während ich es durchschritt - es führte sanft bergab - bemerkte ich mehrere dunkle Punkte am Himmel, die mich sofort veranlassten, im nächsten Busch Deckung zu suchen.
Drachen! Schon wieder! In rasantem Flug hielten sie auf mich zu, aber sie peilten nicht mich selbst an, sondern flogen dicht über meinem Busch auf die Stelle zu, wo die Grenze zu meiner Welt durchlässig war. Ich beobachtete aus meiner Deckung, wie sie landeten, wie im gleichen Moment die Luft zu flirren und zu flimmern begann und wie die Tiere - diesmal vier an der Zahl - schließlich durch das Tor verschwanden. Einen heißen, sehnsüchtigen Moment lang war ich in der Versuchung, ihnen hinterher zu laufen und ebenfalls wieder in meine Welt zurückzukehren. Ich wusste ja, dass das Tor noch einige Zeit offen stand. Der Drang, auf meine Bestimmung zu pfeifen, war riesengroß. Doch noch während ich mit mir kämpfte, verschloss sich das Tor wieder. Und das war der Moment, wo ich erkannte, dass ich mein Schicksal akzeptiert hatte.
Alberic hatte gesagt, ich könnte es beenden. Das erschien mir zwar nach wie vor unwahrscheinlich, aber hatte ich nicht die Pflicht, es wenigstens zu versuchen? Wenn ich es nicht täte, würde jeder weitere Mensch, der im Drachenfeuer starb, schwer auf meiner Seele lasten. Ich hatte darum keine andere Wahl. Ich musste es probieren. Mehr als schief gehen konnte es ja sowieso nicht.
Und so kroch ich nach einem erneuten prüfenden Blick in den Himmel schließlich wieder aus meiner Deckung heraus und setzte meinen Weg fort - den sanften Hang hinab auf den Wald zu, der weiter unten dunkel den Ausgang des Tals säumte. Dort würde ich mich freier bewegen können, denn dort würden mich die Drachen nicht so schnell ausmachen. Meine Schritte wurden automatisch schneller.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Fr 13. Jun 2008, 23:31 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Drei Tage später ...

Ich hatte es bereits am Ausgang des Tals gesehen, das noch verhältnismäßig hoch über der Ebene gelegen hatte: Der Wald vor mir war riesig gewesen. Wie riesig, hatte sich mir aber erst so richtig erschlossen, als ich mitten drin gewesen war und ihn zu durchqueren versucht hatte. Existenzielle Fragen wie "Was ess ich heute?" und "Wo schlaf ich diese Nacht?" waren an die erste Stelle meiner Prioritätenliste gerückt - Dinge, um die sich bislang immer meine Eltern gekümmert hatten, selbst in den schlimmsten Zeiten, die ich jetzt aber selbst in die Hand nehmen musste, wenn ich hier überleben wollte. Die Essensfrage hatte ich nicht lösen können, weder am ersten, noch am zweiten Tag meines Aufenthalts in dieser Welt, noch heute, am dritten Tag. Da ich nicht wusste, was hier essbar war und was nicht, hatte ich mich nicht getraut, Beeren oder Pilze zu pflücken. Und da es ansonsten nichts zu essen gab, war eine zwangsläufige Nulldiät die Folge gewesen - die mir langsam, aber sicher ein Loch in den Bauch fraß. Begegnet war ich auch noch niemandem. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, ich hätte wohl nicht den Mut aufgebracht, um Essen zu betteln. Man hätte mich wohl auch nicht verstanden. So hatte ich meinen Hunger mit Wasser gestillt, das zum Glück im Überfluss vom Berg herab floss. Allzu lange würde ich das aber wohl nicht mehr durchhalten. Es war zwingend erforderlich, dass ich langsam auf Menschen traf, bei denen ich mir durch Arbeit etwas zu essen verdienen konnte. Ansonsten hätte ich bald ein Problem.

Der Tag war bereits weit fortgeschritten - ich nehme mal an, sechs, sieben Uhr abends nach unserer Zeit - als ich endlich den Waldsaum erreichte und in einiger Entfernung ein Dorf ausmachte. Erleichtert atmete ich auf. Und ging nach einem forschenden Blick in den Himmel eilig darauf zu - ganz bestimmt würde ich doch gleich was zwischen die Zähne bekommen! Allein schon beim Gedanken daran lief mir das Wasser im Mund zusammen.
Als ich mein Ziel aber endlich erreicht hatte, löste mein Optimismus sich mit und mit in Luft auf. Denn die Leute, denen ich begegnete, starrten mich allesamt an, als wäre ich vom Mars - was wahrscheinlich an meiner Jeans und meinem Pullover lag. Und möglicherweise auch an meiner etwas ungewöhnlichen Frisur - ich hatte von meiner Mum die Begeisterung für Bob Marley geerbt und trug mein langes, braunes Haar zu Rastazöpfen gedreht. Nicht gerade die Mode, der man hier den Vorzug gab. Soweit ich das unter den Hauben und Kopftüchern überhaupt ausmachen konnte, mit denen die Frauen und Mädchen hier herum liefen.
Tief durchatmend ging ich durch die Dorfgassen und bemühte mich, die teils neugierigen, teils abfälligen Blicke der Dorfbewohner zu ignorieren. Stattdessen begutachtete ich den Baustil der Häuser und das Arrangement der Gassen - und fand, dass es hier aussah wie in einem Freilichtmuseum. Alles adrette, mit Stroh gedeckte Lehmhäuser in staubigen Straßen, mit Hühnern und Katzen davor und ab und zu ein Hund, der mich auf Abstand ankläffte. War das der Lebensstandard, der für Gamelyn typisch war? Gab es keine Technik hier? Keinen Strom? Keine Tankstellen? Keine Restaurants?
Ich erreichte den Dorfplatz und bemerkte ein Wirtshaus. Mein Bauch reagierte prompt mit einem schmerzhaften Knurren - wenn es irgendwo etwas zu essen gab, dann wohl da. Vielleicht brauchten sie ja jemanden für den Abwasch? Oder fürs Kellnern? Ich hatte in beidem Erfahrung, weil ich mir damit in den Schulferien immer das Taschengeld aufgebessert hatte. Ich schritt also darauf zu und drückte wenig später die Gasthaustür auf. Gelächter empfing mich und eine Luft, die zum Schneiden dick war. Das Gelächter erstarb aber wie auf Kommando, als ich den Schankraum betrat, und alle Anwesenden - ausschließlich Männer, wenn man von der Bedienung einmal absah - glotzten mich in sprachlosem Schweigen an. Mir wurde heiß und kalt unter so viel unerwünschter Aufmerksamkeit. Ich zögerte, aber das nächste Knurren meines Magens entschied über Bleiben oder Gehen - ich schloss die Tür hinter mir und ging mit trockener Kehle und feuchten Händen auf den Tresen zu, hinter dem der große, glatzköpfige Wirt mich stirnrunzelnd musterte.
"Guten Abend", grüßte ich so höflich, wie ich in meiner Welt das letzte Mal mit zwölf Jahren gewesen war. "Ich suche Arbeit für Kost und Logis. Ich kann kellnern und abwaschen. Ich putze auch. Und ich kann auch kochen. Haben Sie vielleicht etwas für mich?"
Ich hatte nicht laut gesprochen, aber trotzdem kam es mir in dieser unangenehmen Stille so vor, als hätte ich gebrüllt. Das Stirnrunzeln war nicht aus dem Gesicht des Wirts gewichen, und er antwortete mir auch nicht. - 'Hallo Scotty? Kann ich bitte einen Universaltranslator bekommen?'
"Sir? Verstehen Sie, was ich Sie gerade gefragt habe?", hakte ich noch einmal nach und wand mich innerlich unter dieser Peinlichkeit. Die Augen des Wirts verengten sich daraufhin. Und dann brummte er mit tiefer Bassstimme: "Wir haben hier nichts für so eine wie dich. Verschwinde! Geh woanders betteln!"
"Betteln?", ich sah ihn verblüfft an. "Aber ich bettel doch gar nicht! Ich hab gefragt, ob Sie Arbeit für mich haben."
"Hör dir das Weib an", kam es plötzlich abfällig aus irgendeiner Ecke hinter mir. "Widerspricht Ben auch noch! Sowas dreistes!"
"Ja, und hast du gehört, WIE sie spricht? Komischer Dialekt."
"Sieh dir mal ihre Aufmachung an. Sie trägt Hosen! Skandalös!"
"Und dieses Haar! Das wimmelt sicher vor Läusen."
"Wirf sie RAUS, Ben! Wir wollen uns doch von DER nix holen!"
"Du hast es gehört, Mädchen ... RAUS hier! Sowas wie dich wollen wir hier nicht! Verschwinde!!"
Ich war noch immer fassungslos über die Ablehnung, die mir hier widerfuhr. Mit zugeschnürter Kehle sah ich mich um und blickte nur in abweisende Gesichter. Nein, hier würde ich ganz bestimmt nichts zu essen bekommen.
"Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft", gab ich bitter zurück und drehte mich um, um wieder zu gehen. Bei uns in London wurden die Penner besser behandelt als hier Fremde.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Sa 14. Jun 2008, 00:03 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Ich hatte im Leben nicht damit gerechnet, dass sich hier jemand für mich einsetzen würde. Aber genau das war plötzlich der Fall. Ich drehte mich zu dem Sprecher um und musterte ihn unter zusammen gezogenen Augenbrauen - und wieder war es jetzt, wo er für mich bezahlt hatte, so still im Gasthaus, das man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
"Vielen Dank", sprach ich mit rauer Stimme. "Aber ich sagte es ja schon, ich bin nicht zum Betteln hier. Behalten Sie Ihr Geld, Sir."
'Bist du verrückt?', schimpfte mein Bauch in diesem Augenblick mit einem heftigen Knurren, das richtig weh tat. 'Wie kannst du die Einladung ablehnen? Noch einen Tag ohne Essen hältst du nicht aus!'
Ich zögerte, dabei blickte ich den Fremden bitter an. Aber dann schüttelte ich den Kopf und verließ das Gasthaus. Die Ablehnung der anderen, die ich so massiv noch nie erlebt hatte und die ich auch jetzt noch spürte, machte mir ein Bleiben unmöglich.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Sa 14. Jun 2008, 00:15 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Der Fremde stellte sich als überraschend hartnäckig heraus. Ich fragte mich, warum er so nett zu mir war, wo die anderen mich am liebsten aus dem Dorf geprügelt hätten. Aber mein Bauch ließ ein wirkliches, ernst gemeintes Sträuben gar nicht länger zu. Und als es dann auch noch hieß, ich könnte das Essen abarbeiten, gab ich den Widerstand auf.
Ich blieb also sitzen und starrte verlegen in meinen Schoß. Keine gute Idee, denn meine Hände, mit denen ich meine Jacke festhielt, starrten vor Dreck, und so sah wohl auch der Rest von mir aus. Das dämpfte meinen Ärger auf die anderen ein wenig - wenn ich im Gesicht auch so schmutzig war, dann war es kein Wunder, dass ich so feindlich empfangen worden war.
Das Essen ließ nicht auf sich warten. Die Frau des unfreundlichen Gastwirts kam mit wiegenden Hüften an unseren Tisch und stellte eine dampfende Schale mit Eintopf vor mir ab, der undefinierbar aussah, aber gut roch. Daneben legte sie ein Stück Brot und etwas Hartkäse, und auch ein Krug mit Milch wurde dazu gestellt. Sofort griff ich nach dem Löffel, der bereits im Eintopf steckte und begann ausgehungert, das Essen in mich hineinzuschaufeln. Dabei streifte mich der Gedanke, dass Mum bei meinen Tischmanieren jetzt sicher die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen hätte, aber um anständig zu essen, war ich einfach zu hungrig. Und schließlich: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Das galt sicher auch in diesem Land hier.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Sa 14. Jun 2008, 00:27 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Ich war zusammen gezuckt, als der Fremde mich plötzlich wieder angesprochen hatte - bis dahin war ich nämlich voll in meinem Essen aufgegangen und hatte meinen großzügigen Gönner darüber völlig vergessen. Das änderte sich jetzt. Ich blickte in zwei ernste, braune Augen, betrachtete daraufhin das Gesicht des Mannes und stellte fest, dass er ein ziemlich hübscher Kerl war. Das sah man auch noch, als er sich ins Dunkel der Ecke zurückgezogen hatte - ein Grund mehr, weshalb mein eigenes Äußere mir unglaublich peinlich war.
'Quatsch, kann dir doch egal sein, was der von dir denkt! Er hat dir was zu essen gegeben, du arbeitest das danach ab, und morgen ziehst du sowieso weiter. Außerdem hat es dich doch noch nie interessiert, was andere Jungs von dir denken.'
Ja, das stimmte. Weil es bislang eben auch fast ausschließlich Jungs gewesen waren, mit denen ich zu tun gehabt hatte. Aber der hier war kein Junge mehr, er war ein Mann. Um einiges älter als ich, und das verunsicherte mich noch zusätzlich.
"Ich pass schon auf", murmelte ich, nahm meinen Blick wieder von ihm und aß mit unverminderter Schnelligkeit weiter. Wann hatte das letzte Mal etwas so gut geschmeckt wie dieser Eintopf hier?

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Sa 14. Jun 2008, 00:36 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Wieder hielt ich im Essen inne, als mein Gönner mich wieder ansprach. Das mit dem Abarbeiten war okay, geschenkt haben wollte ich ja wirklich nichts. Aber am Ofen schlafen? Gab's kein Bett in seinem Haus? Oder einen Stall? Ich war doch keine Katze! Und auch kein Aschenputtel.
"Ich schlaf auch im Stall", bot ich versuchsweise an. Der Gedanke, im Heu zu liegen, hatte was Angenehmeres, als auf einer harten Ofenbank zu schlafen.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Sa 14. Jun 2008, 00:42 
Benutzeravatar
Reisende
Offline

Registriert: Do 12. Jun 2008, 20:55
Beiträge: 67
Was dachte er denn von mir? Dass ich blöd im Kopf wäre? Jeder hatte doch einen Namen.
"Addy", antwortete ich knapp. Und setzte forsch hinterher: "Und Sie?"
"Sie äußern sich in der Regel nur, wenn sie dazu aufgefordert werden - zumindest in Gegenwart eines Mannes. Und tun niemals ihre Meinung kund." - Alberics Worte klangen mir im Kopf nach. Wenn das auf alle Gegenden Gamelyns zutraf, dass die Frauen so devot waren, dann musste mich mein neuer Bekannter für reichlich unverschämt halten. Aber kam es darauf überhaupt noch an? Ich hatte ja sowieso bereits den schlechtesten aller Eindrücke hinterlassen.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Dieses Thema ist gesperrt. Du kannst keine Beiträge editieren oder weitere Antworten erstellen.  [ 280 Beiträge ]  Gehe zu Seite 1, 2, 3, 4, 5 ... 24  Nächste

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Gehe zu:  


Monstersmilies


cron
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de