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 Betreff des Beitrags: Angel Blood
Verfasst: Sa 8. Sep 2007, 00:54 
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Mit einem lauten, dumpfen Rumms! legte das Schiff am Kai an, und ein weiteres, lautes Getöse, das sich vibrierend durch den großen Rumpf der Fähre fraß, verkündete vom Herunterlassen der Landungsklappe.
Ich drehte den Schlüssel im Zündschloss herum, und ein sattes, tiefes Brummen erklang. Ein Brummen, das mir immer wieder ein kleines Lächeln entlockte, selbst jetzt, nach geschlagenen fünf Jahren, die ich mein Bike nun schon hatte. Liebevoll tätschelte ich den Tank meiner Moto Guzzi „California Stone“, während ich abwartete, dass es an mir war, das Autodeck zu verlassen. Und als sich endlich der PKW vor mir in Bewegung setzte – 'Ach herrje, eine französische Blechkiste, die wohl nur noch der Rost zusammen hält!' – trat ich den ersten Gang rein und ließ sie anrollen.
Visier runter, damit mir die dunkle Abgaswolke, die der Renault vor mir in die Luft spuckte, nicht restlos den Atem nahm und los.

Endlich! Endlich runter von dem Kahn, der in der bewegten See des Ärmelkanals fast mein Innerstes nach Außen gekehrt hätte und mir mit seiner dämlichen Schaukelei den Schlaf einer halben Nacht geraubt hatte. Schiffe .. wie ich sie hasse, diese Dinger!
Wenn's nach mir ginge, würde ich freiwillig keinen Fuß auf sie setzen. Doch leider zwingt mich meine Stoney dazu, ab und zu ein paar Konzessionen zu machen. Und Fähren gehören nun mal dazu.
Aber egal, in diesem Fall hatte ich es überstanden, und nicht mehr lange, bis ich die miefige Hafenluft Calais' hinter mir lassen konnte.

Gut gelaunt lenkte ich Stoney einige Zeit später durch den französischen Spätnachmittagsverkehr, wobei ich mir unaufhörlich ein „Rechts fahren, rechts fahren!“ vorbetete. Eine Angewohnheit, der ich jedesmal nachkomme, sobald ich den Kontinent betrete bzw. befahre.
'Verdammt, wann führen die hier endlich den Linksverkehr ein??'
Der Gedanke kam und ging, vermieste mir aber die Laune nicht, denn ich wusste, dass ich mich spätestens morgen daran gewöhnt haben würde. Man hätte es schon fast als ein Ritual bezeichnen können, dass ich die Kontinentaleuropäer für ihren Rechtsverkehr beschimpfte. Genauso wie das „Rechts fahren, rechts fahren!“. Aber ein wenig Beständigkeit ist nicht das Schlechteste in einem so unbeständigen, abwechslungsreichen Leben wie das, was ich führe. Immer auf Achse, nie für lange Zeit an einem Ort. Da müssen ein paar kleine Rituale schon erlaubt sein.

Eine gute Stunde später hatte ich das Gewimmel und Gewühl der französischen Hafenstadt hinter mir gelassen und fuhr aufatmend die Route Nationale entlang gen Osten. Ein wenig bedauerte ich es, dass der Helm es dem frischen Wind nicht gestattete, in mein Haar zu fahren und es zu zerzausen. Aber in Anbetracht der Mücken, die im Dämmerlicht der untergehenden Sonne unterwegs waren, war das Opfer, das ich gerade brachte, wohl doch nicht ganz so groß. Besser die Biester auf dem Visier statt auf den Zähnen, vom Sicherheitsaspekt ganz zu schweigen!
Ein kurzer Blick in den Rückspiegel, und jeder Gedanke an Wind und Mücken verabschiedete sich.
„Wow!!“
Ohne zu zögern lenkte ich mein Bike an den Straßenrand, schaltete den Motor ab und sah zurück. Helm runter, Sonnenbrille ebenfalls und die Augen glänzend auf das farbenprächtige Schauspiel gerichtet, das sich mir bot. Flammend rot ging die Sonne unter, doch nicht etwa am Horizont, sondern eine Etage höher, in einer diffusen, blaugrauen Wolkenbank, die wie durch Zauberhand auf einmal indigo und purpurn aufzuleuchten begann.
„Nicht schlecht“, murmelte ich, eine maßlose Untertreibung für das, was ich da gerade sah. Der Wind, den ich eben noch so sehr vermisst hatte, griff mit vorwitzigen Fingern in mein Haar und zerzauste es, doch bekam ich davon nichts mehr mit. Wie gebannt beobachtete ich den Sonnenuntergang, bis nur noch die immer schwächer leuchtende Wolkenbank zu sehen war und diese schließlich auch das Glühen einstellte, ganz so, als hätte jemand das Licht ausgeknipst.
Erst jetzt rührte ich mich wieder. Ich fuhr mir mit einer Hand durchs zerwühlte Haar und mein unrasiertes Gesicht und atmete die jetzt merklich kälter gewordene Luft noch einmal tief in meine Lungen. Dann setzte ich mir den Helm entschlossen wieder auf, schob meine Stoney ein Stück zurück und warf den Motor erneut an, um mich mit einem dunklen Wrooooomm! wieder auf die Route Nationale zu begeben.
Zeit, ein Quartier für die Nacht zu finden, am besten mit einem gemütlichen Restaurant in der Nähe. Eine Schüssel Muscheln in Weißweinsauce, Baguette und ein leckerer, kühler Chablis, das war es, wonach mir der Sinn jetzt stand. Wenn ich mich schon in Frankreich herum treiben musste, wollte ich es auch genießen.
Savoir Vivre eben!

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Verfasst: Sa 8. Sep 2007, 01:42 
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Auberge de Savoir Vivre – war das jetzt ein Zufall oder was?
Irritiert runzelte ich die Stirn, als ich an dem Gasthaus vorbeifuhr, dessen klangvoller Name mir wie ein Echo meiner Gedanken erschien. Kurzentschlossen wendete ich Stoney, fuhr zurück und parkte sie schließlich seitlich des großen, adrett und einladend aussehenden Bruchsteinhauses, welches mit süßlich duftenden, rosafarbenen Kletterrosen bewachsen war und damit eher den Eindruck eines kleinen Dornröschenschlosses erweckte als den eines Gasthauses.
„Tolle Züchtung“, murmelte ich in ehrlicher Bewunderung, als ich an dem prächtigen Blütenstock vorbei ging und nicht drumherum kam, meine Nase in eine der zarten, kleinen, vielblättrigen Kelche zu stecken. Rosen im Herbst. Wenn das kein Wunder war!

Nicht, dass ich sowas nicht aus Irland gewohnt gewesen wäre. Dort grünt und blüht es das ganze Jahr über, und Schuld daran ist der vorbei ziehende Golfstrom, der das Klima so mild und fruchtbar macht. Aber aus zahlreichen Besuchen gerade in dieser Gegend hier wusste ich, dass es hier ganz anders aussieht. Kälte und beißender Wind sorgen an der Atlantikküste normalerweise dafür, dass nicht viel anderes wächst als niedriges Gras und resistente, nicht besonders hübsch anzusehende Blumen und Sträucher. Was ganz besonders für exponierte Lagen gilt, so auch für dieses Wirtshaus hier. Doch schon in dem Moment, wo ich die schwere, rustikale Holztür aufdrückte und in die anheimelnde Atmosphäre der Auberge eintauchte, hatte sich die Verwunderung über die Rosen verflüchtigt, als wäre sie nie dagewesen.

Leise Klänge einer Gitarre wehten mir entgegen, und das warme, durch Kerzen und Kaminfeuer vergoldete Dämmerlicht im Hausinneren umfing mich wie eine zärtliche Umarmung und schloss die Kälte des Abends aus. Es war leer hier, zu dieser Jahreszeit schien es nicht viele Touristen hierher zu verschlagen. Und doch spürte ich, dass ich nicht allein war. In dem Moment, wo ich meine schwarze Lederkombi aufknöpfte und meinen Helm auf die unbenutzte Garderobe legte, fiel mein Blick in die hintere Ecke des Gastraums, dorthin, wohin das Licht des Feuers ebenso wenig drang wie das verblassende des Abends, das nur noch spärlich durch die Sprossenfenster sickerte.
Und nun wusste ich auch, woher das Gitarrenspiel kam. Nicht etwa über Lautsprecher aus einem Radio oder einem künstlichen Tonträger, sondern von dem dunkelhaarigen Mädchen, das vollkommen in seine Musik versunken dort saß und offenbar für sich allein eine traurige Weise zupfte.
Eine ganze Idee leiser und vorsichtiger pellte ich mich aus meiner schweren Jacke, hängte sie unter den Helm an die Wand und ging mit sachten Schritten in den Schankraum hinein. Und obwohl ich mich bemühte, nicht feste aufzutreten, konnte ich weder das dumpfe Poltern meiner Motorradstiefel verhindern noch das Knautschen und Knarren meiner Lederhose, die bei jedem Schritt mehr Geräusche von sich gab als eine alte, schnaufende Dampflok. Aber anscheinend stört es das Mädchen nicht. Oder wenn doch, dann ignoriert es es, denn der Kopf mit der langen, dunklen Haarflut blieb gebeugt und das Gesicht des jungen Dings weiterhin für mich unsichtbar. Lediglich die schmale, langgliedrige Hand und die zarte Musik, die es dem Instrument entlockte, zeugten davon, dass das Mädchen überhaupt lebte und nicht etwa eine ausgefallene Innendekoration darstellte.
So vorsichtig, wie es mir möglich war, ließ ich mich an einem grob gezimmerten, blank polierten Tisch ganz in der Nähe der Gitarrenspielerin nieder und hört ihr zu. Ich war mir sicher, dass sie mein Kommen bemerkt hatte – wie auch nicht, ich hatte mich ja mit der Geräuschlosigkeit eines Elefanten herein geschlichen – dennoch sah sie weder auf noch unterbrach sie ihr Spiel. Und ich war froh deshalb. Hätte mir leid getan, wenn sie wegen mir aufgehört hätte. Denn sie spielte wirklich klasse, die Kleine. Ich war zwar kein Bernstein oder Gershwin, aber das erkannte ich auch so.
„Was darf ich Ihnen bringen, Monsieur?“
Die freundlichen Worte wurden so unvermutet neben mir ausgesprochen, dass ich heftig zusammenzuckte und mein Herz einen kleinen Satz machte. Mit einem schiefen Lächeln sah ich auf und sah in das Gesicht einer älteren, rundlichen Frau mit flotter Kurzhaarfrisur und einem solch umwerfenden Strahlen, dass es mich glatt vom Hocker gehauen hätte, wär ich gute 20 Jahre älter gewesen. Oder sie 20 Jahre jünger. Ich konnte einfach nicht anders als das Strahlen zu erwidern.
Aaavez-vous .. des ... moules? - Haben Sie Muscheln?“ radebrechte ich mehr schlecht als recht auf französisch.
Aus dem Strahlen wurde ein gutmütiges Gelächter. „Da fragt er mich, ob wir Muscheln haben!“
Mit liebevollem Funkeln tätschelte die Wirtin mir die Wange. „Natürlich haben wir Muscheln, mon fils! Was glaubst du denn, wo du bist?“
Ich schmunzelte. Die Art und Weise, wie sie mit mir umging und der vertrauliche Wechsel vom Sie zum Du hatten seine Wirkung auf mich nicht verfehlt, und meine natürliche Reserviertheit sowohl Fremden als auch Bekannten gegenüber schmolz dahin wie Butter an der Sonne.
„Dann hätte ich gerne eine Portion, Madame. Und einen Viertel Chablis.“
„Kommt sofort, mon fils!“ Ein erneutes Tätscheln, und dann entfernte sich die Wirtin mit wiegendem Schritt. Ich sah ihr einen Moment nach, dann fiel mir auf, dass das Gitarrenspiel aufgehört hatte. Als ich den Blick wieder auf die Kleine richtete, bemerkte ich, dass sie mich mit großen, dunklen Augen neugierig musterte. Blass war sie, mit einem schmalen Gesicht. Und eigentlich nicht das, was man eine klassische Schönheit hätte nennen können. Die Nase ein Stück zu lang, der Mund einen Tick zu groß. Und doch, etwas war an ihr, das sie attraktiv machte. Vielleicht das leichte Lächeln, das ihre Lippen umspielte, vielleicht aber auch die traurige Melancholie in ihrem Blick, die mich unwillkürlich anrührte. Und sich in ihrer Musik, die sie gerade wieder aufnahm, widerspiegelte.
Es scheint sie nicht zu stören, dass ich sie neugierig musterte. Gelassen zupfte sie die Saiten ihrer Gitarre und versank wieder in ihrer Musik.
Doch von nun an hob sich ihr Kopf ab und zu, und jedesmal, wenn sie das tat, wehte mir ein kleines Lächeln entgegen.

Die Muscheln waren klasse gewesen, der Chablis auch. Aber am meisten gefallen hatte mir die Musik, die mich während der gesamten Mahlzeit gelockt, umschmeichelt und in andere Welten entführt hatte.
Unfähig, den Blick von der schmalen Gestalt des Mädchens zu nehmen, hatte ich mein Essen mehr mechanisch als bewusst eingenommen, immer in der Hoffnung, dass sie mir noch einen weiteren Blick schenkte. Noch ein nächstes Lächeln. Was sie, wie gesagt, ab und zu auch wirklich getan hatte, und jedesmal hatte ich es erwidert. Eine Konversation ohne Worte, aber manchmal ist es auch nicht nötig, Dinge auszusprechen. Sie würden nur den Zauber des Moments stören.
„Hat es dir geschmeckt, mon fils?“
Wieder einmal ertappt sah ich zu der netten Wirtsfrau hoch, die mich mütterlich anlächelte und nickte. „Ja, es war große Klasse! Ich würde gerne zahlen.“
Warmherzig lächelnd stellte die Wirtin die beiden Schüsseln ineinander, die mit geöffneten, inhaltslosen Muschelschalen gefüllte in die andere, leer gegessene und trug sie in die Küche zurück. Ich folgte ihr wieder mit meinem Blick, dann richtete ich ihn erneut nach vorn auf das dunkelhaarige Mädchen. Beziehungsweise auf den Platz, an dem sie bis gerade gesessen und mir vorgespielt hatte, und von dem sie nun wie von Geisterhand verschwunden war. Mitsamt ihrer Gitarre!
Stirnrunzelnd starrte ich eine Weile auf die Stelle, dann suchte ich die hinteren, in Dunkelheit liegenden Ecken mit meinen Augen nach einer Tür ab, durch die sie lautlos geschlüpft sein konnte. Doch ich fand nichts dergleichen, was mein Stirnrunzeln noch vertiefte.
„Das gibt’s doch gar nicht“, murmelte ich und wollte mich gerade erheben, um nachzusehen, als die Wirtin zurück kehrte und mir auf einem kleinen Teller die Rechnung für das Abendessen präsentierte.
Abgelenkt durch ihr Auftauchen beglich ich den ausstehenden Betrag und vergaß für einen Moment mein Vorhaben. Doch als die ältere Dame sich erneut in die Küche zurück zog und mich alleine ließ, stand ich von meinem Platz nahe dem Kamin auf und ging die wenigen Schritte zu dem Fleck, an dem das unbekannte Mädchen soeben noch auf einem Barhocker gesessen und die Saiten der Gitarre gezupft hatte.

Stille umfing mich. Natürlich, denn niemand spielte mehr. Nur das leise Knacken des Feuers war zu hören und das rhythmische Ticken einer großen, antiken Wanduhr, in die ich mit Sicherheit hinein gepasst hätte, hätte ich es auf einen Versuch ankommen lassen.
Dieser plötzlichen Eingebung folgend ging ich hin zu ihr und öffnete mit einem Kribbeln im Nacken die Vorderseite. Doch niemand war zu sehen.
Was hatte ich erwartet?? Dass sie sich samt Gitarre dort hinein verkrochen hatte, um mich zu erschrecken?
Über mich selbst den Kopf schüttelnd schloss ich die Wanduhr wieder und fuhr mit meinem Blick noch einmal die Ecken und Wände des Gastraums ab, doch eine Tür oder eine andere Möglichkeit, das Zimmer zu verlassen, gab es nicht - bis auf die Fenster, doch inzwischen regnete und stürmte es draußen gehörig, und wenn ich mir über eines sicher war, dann, dass ich mitbekommen hätte, wenn jemand eines der Sprossenfenster geöffnet hätte.
'Also alles nur Einbildung?? Aber es ist so real gewesen!'
Mein Blick kehrte zu dem leeren Hocker zurück. Ich war doch nicht verrückt! Meinem Instinkt folgend legte ich meine Hand flach auf die glatt polierte, dunkele Sitzfläche.
Noch warm!
Also doch!!
Zumindest wusste ich jetzt, dass ich noch zurechnungsfähig war.
„Suchst du etwas, mon fils?“
Die freundliche Stimme der Wirtin erklang in meinem Rücken, und ich drehte mich zu ihr um. „Das Mädchen ...“, antwortete ich und deutete erklärend auf den Hocker.
Ehrliches Erstaunen malte sich auf den Zügen der Wirtsfrau ab. „Welches Mädchen? Hier war kein Mädchen. Du bist der erste Mensch, den ich heute zu Gesicht bekommen habe. Abgesehen von meinen Mann, der in der Küche steht, natürlich“, fügte sie lächelnd hinzu und kehrte in selbige zurück, wobei sie einen ziemlich verdutzt dreinblickenden Iren zurück ließ.
Ich unterdrückte ein Frösteln. Ich teilte den beinahe schon genetisch bedingten Aberglauben meiner Landsleute nicht, für gewöhnlich zumindest. Aber das hier hatte etwas an sich, das mir eine Gänsehaut verursachen wollte.
Ich atmete tief ein, bedachte den leeren Hocker noch einen Moment mit nachdenklichem Blick, dann wendete ich mich ab, um zur Garderobe zu gehen und mich anzuziehen.
Einige Minuten später verließ ich das heimelige, gemütliche Gasthaus, nicht ohne noch die besten Wünsche für meine Weiterreise mitzunehmen, die die Wirtin mir lächelnd hinterher gerufen hatte und trat hinaus in die stürmische, nasse Nacht. Eine innere Stimme riet mir, zu bleiben. Mir hier ein Zimmer zu nehmen und erst morgen früh weiterzufahren. Doch ich hatte es eilig, weshalb ich den Gedanken gleich wieder verwarf und um das Haus herum zu Stoney ging, um mich auf ihrem Rücken weiter nach Süden zu bewegen, meinem Ziel entgegen.
Paris.

Der Regen schlug mir gegen das Visier, als ich die Maschine auf die Straße lenkte und die Route Nationale entlang fuhr, und mein Atem schlug sich auf der Innenseite als diffuser, kaum zu durchdringender Schleier nieder. Leise vor nich hinfluchend öffnete ich das Visier ein Stück, nur um gleich mit eiskalten, spritzenden Tropfen bedacht zu werden, die sich nadelgleich in mein noch vom Feuer, Wein und Essen erwärmtes Gesicht bohrten.
„Eine blöde Idee, heute noch weiterzufahren“, murmelte ich verdrossen vor mich hin und wendete Stoney, um zum Gasthaus zurück zu fahren. Eine Bö erwischte mich von der Seite, und ich hatte Mühe, das Motorrad im Gleichgewicht zu halten. Nein, bloß zurück! In die Wärme, die Behaglichkeit der kleinen Auberge. Morgen war auch noch ein Tag. Wenn ich Glück hatte, hatte sich das Unwetter bis dahin verzogen, und ich konnte die restliche Strecke bis Paris dreimal so schnell zurück legen wie jetzt, in der Nacht, bei diesem Wetter!
Froh, mich zu dem Entschluss durchgerungen zu haben, hielt ich nach den Lichtern des Gasthauses Ausschau. Doch weit und breit starrte mir nur Dunkelheit entgegen.
„Das ist doch nicht möglich!“ Das gleiche Frösteln wie eben, als ich vergeblich nach dem Mädchen gesucht hatte, von dem die Wirtin gemeint hatte, das es nicht existierte, kroch erneut in meinem Körper hoch und ließ mich erschauern.
Vielleicht hatten sie bereits die Lichter gelöscht? Waren zu Bett gegangen? War ja auch mehr als unwahrscheinlich, dass dort heute noch ein Bus mit Touristen hielt!
Ich erinnerte mich an die Worte der Wirtin: ‚ Du bist der erste Mensch, den ich heute zu Gesicht bekommen habe.’
Ja, das mochte es sein. Sie hatten sich zur Ruhe begeben, da war ich mir ganz sicher.
Mit den Augen den Straßenrand der Route Nationale absuchend, fuhr ich ein ganzes Stück zurück. Mehr, als notwendig gewesen wäre, soviel ist klar, denn ich war gerade erst mal ein, zwei Minuten unterwegs gewesen, als ich den Entschluss gefasst hatte, zur Auberge zurück zu kehren.
Doch so oft ich auch wendete und so lange ich auch suchte, das Gasthaus war nirgends mehr zu sehen. Gleich dem dunkelhaarigen, traurigen Mädchen von vorhin hatte es sich vollkommen in Luft aufgelöst.
Als wäre es nie dagewesen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Mi 24. Sep 2008, 17:03 
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Gleicher Tag, abends ...

Einen anstrengenden Tag später erreichte ich endlich Paris. Ziemlich platt, nicht nur vor Erschöpfung, sondern auch am Hintern, und nicht nur einmal hatte ich mich in den vergangenen Stunden gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich geflogen wäre.
Aber nein – bei der Vorstellung, wie mich der Sturm der letzten Nacht im Flugzeug durchgerüttelt und mein Abendessen nach oben befördert hätte, fand ich den platten Hintern plötzlich gar nicht mehr so schlimm. Der Flug hätte mich mit Sicherheit umgebracht, so kurz er auch gedauert hätte! Außerdem wäre der kleine Zwischenstopp in London, den ich hatte einlegen müssen, dann wirklich unpraktisch gewesen. Ich hätte mehr Zeit an den Flughäfen und im Taxi verbracht als im Flieger selbst.

London, Scotland Yard, Inspektor Fielding … meine Güte, was für ein dicker, dämlicher, unflexibler Ignorant!
Als ob es mein Wunsch gewesen wäre, dort vorzusprechen und von meinen Begegnungen mit den Vampiren zu berichten!!! - Ich schnaubte verächtlich auf, als ich Stoney von der Périphérique ins Stadtinnere von Paris lenkte. - Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich gar niemandem von den Blutsaugern berichten. Die paar Male, die ich es doch getan hatte, hatte ich nur Unverständnis – im besten Fall – und Gelächter, Hohn und Ausgrenzung erfahren. Weshalb meine Ambitionen, die Welt mit entsprechenden Informationen zu versorgen, sich auf einem recht niedrigen Level bewegten.
Aber dann war die schriftliche Einladung von Scotland Yard gekommen – Aufforderung hätte es wohl treffender charakterisiert, obwohl natürlich kein Engländer einen Iren ernsthaft zu irgend etwas zwingen kann. Und so hatte ich mich mit meiner Maschine aufgemacht, war nach London gedüst und hatte mich in das große, imposante Gebäude begeben, um bei Inspektor Fielding vorzusprechen.
Bereits eine Stunde später jedoch hatte ich es mit zusammengebissenen Zähnen und einer Mordswut im Bauch wieder verlassen, mich auf Stoney geschwungen und war auf direktem Weg nach Dover gebraust, mit dem festen Vorsatz, diese Penner von Scotland Yard abzuhaken und mich nicht weiter darüber aufzuregen. Und vor allem nicht mehr an den Moment zu denken, in dem Fielding und zwei seiner schwachsinnigen Kollegen um mich herum gestanden und mich schallend ausgelacht hatten.
’Go n-ithe galar tógálach do bhall fearga’, fuhr es mir ungehalten durch den Kopf, während ich mich mit Stoney den stinkenden Feierabendverkehr verließ ... 'Möge eine infektiöse Krankheit eure besten Stücke auffressen!’

Ich schob jeden Gedanken an diese unerfreuliche Erfahrung beiseite und konzentrierte mich lieber darauf, ein ansprechendes Hotel zu finden. Möglichkeiten gab es genug in dieser Stadt, aber nicht alles entsprach unbedingt meinen Vorstellungen. ’Bloß keinen großen, teuren Touristenkasten!! Lieber was kleines, unauffälliges, möglichst mit Garage oder anderer Unterstellmöglichkeit fürs Motorrad’.
Ich kam vom Norden herein, vorbei am Montmartre und der wunderschönen weißen Basilika Sacré-Coeur. Mit Absicht, denn am südlichen Fuß des Berges lag das berühmteste Pariser Amüsierviertel, die Place Pigalle mit seinem Moulin Rouge und diversen anderen, nicht ganz so romantisch angehauchten Nachtclubs. Es war klar, dass ich hier die größte Gelegenheit haben würde, "beruflich aktiv" zu werden.
In einer Seitenstraße des Boulevard de Clichy konnte ich ein nettes kleines Gebäude mit dem Namen Hôtel à l’Ange Sauvage und dem deutlich sichtbaren Schild "Parking" erkennen.
„Wieso nicht? Fragen kostet nichts“, murmelte ich in meinen Helm hinein, öffnete das Visier und wartete darauf, dass der Verkehr auf dem Boulevard mir die Gelegenheit bot, auf die andere Straßenseite zu kommen. Einige Sekunden später hatte ich Stoney vor dem Hotel abgestellt, bereit, in dieser kleinen Herberge abzusteigen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Mi 24. Sep 2008, 19:45 
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Ächzend drückte ich die Tür auf und schob mich mit Sack und Pack hindurch. Genauer gesagt, mit Rucksack und dem Inhalt der beiden Motorradkoffer, der zwar nicht besonders voluminös, dafür aber umso schwerer war. Wenig später wurde mir klar, ich hatte Glück gehabt, denn man gab mir das wahrscheinlich letzte Zimmer, das in Paris noch zu haben war. Möbelmesse … das hätte ich früher wissen sollen! Aber egal, ich hatte ja jetzt ein Dach überm Kopf, und ein gar nicht mal so übles dazu.
Einigermaßen angetan schweifte mein Blick durch den kleinen, aber gemütlich ausgestatteten Raum, über die makellos weißen Wände mit den in Glas gefassten Kunstdrucken, die geblümte Gardine, die kleinen Blumentöpfe, die die Fensterbank verzierten und das alles dominierende französische Bett, dessen saubere, gestärkte Bettwäsche den Raum mit ihrem frischen Duft erfüllte. Ein kleiner Fernseher auf dem halbhohen Schrank würde mich mit dem Rest der Welt verbinden, das altmodische Telefon auf dem Nachttischchen ebenfalls. Noch ein kleiner, runder Tisch mit einer Vase voller mir unbekannter Blumen, zwei Stühle, fertig. Ein Bad gab es nicht, das hatte man mir schon an der Rezeption gesagt. Beziehungsweise gab es schon, nur nicht in meinem Zimmer, sondern auf dem Gang. Aber das war egal. Für meine Belange genügte es. Ein einigermaßen bequemes Bett, eine heiße Dusche und eine Tasse starken, schwarzen Kaffee am Morgen, mehr benötigte ich nicht, um mich wohlzufühlen.
Mit einem kleinen Seufzer ließ ich mein Gepäck aufs Bett fallen und ging erst einmal zum Fenster, um es weit zu öffnen. Keine tolle Aussicht, lediglich der Hinterhof, der mich begrüßte. Auch egal, ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, Blick aufs Meer zu haben. Zwei Tauben erhoben sich protestierend, als ich mich ein wenig hinauslehnte und nach unten sah - dritter Stock, da wollte ich nicht raus müssen, wenn’s mal brannte. Küchenduft wehte mir entgegen, und ich hörte Geklapper und Geklirr von Tellern und Gläsern. Ah ja, richtig – ein kleines Restaurant, das zum Hotel gehörte und das ich gleich mal aufsuchen würde, wenn ich meinen Kram geordnet hätte. Mein Magen hing mir nämlich schon an den Knien.

Eine gute Viertelstunde später verließ ich mein Zimmer, einen Teil meines Reisegepäcks sicher im Zimmer verstaut, einen anderen am Körper tragend. Wie um mich dessen noch mal zu versichern, griff ich mit einer Hand unter der Lederjacke in meinen Rücken und umschloss den Griff meiner Waffe, die ich lose in den Hosenbund meiner Jeans gesteckt hatte. Meine Motorradhose hatte ich natürlich für den Abend abgelegt, reichte völlig, dass ich sie tagsüber tragen musste. Beruhigt, meine kleine private Lebensversicherung zu fühlen, zog ich die Jacke wieder drüber und lief mit lockeren Schritten die schmale, mit Teppich ausgelegte Treppe hinunter, die mich einige Momente später in die Lobby des kleinen Hotels entließ. Ein vernehmliches Knurren in meiner Magengegend erinnerte mich unignorierbar daran, warum ich mein Zimmer verlassen hatte, und so lenkt ich meine Schritte ganz automatisch zu der Glastür mit der verschnörkelten Aufschrift „Restaurant“, die neben der Rezeption in einen Nebenteil des Gebäudes führte.
Geschlossen ... na super!
Aufseufzend ließ ich die Klinke der Restauranttür fahren und ärgerte mich über mein Pech.
Was jetzt? Ausgehen und mir woanders was suchen?
Wenn ich nicht mit dem knurrigen Bauch ins Bett wollte, musste ich das wohl tun. Gerade, als ich mich umdrehte und mich zum Hotelausgang begeben wollte, hörte ich hinter mir die höfliche Stimme des Portiers.
"Monsieur? Unsere Hotelbar hat noch geöffnet. Eine Kleinigkeit zu essen bekommen Sie auch dort. Vorausgesetzt, Sie erwarten kein Vier-Gänge-Menü."
Ich sah den kahlköpfigen, kleinen Mann mit einem aufgesetzten Lächeln an, obwohl ich gerade höchstens die Hälfte dessen verstanden hatte, was er mir in schnellem Französisch vorgeschlagen hat. Ich hätte vielleicht doch noch den einen oder anderen Kurs belegen sollen, ehe ich mich hierher aufgemacht hat.
"Merci, Monsieur", antwortete ich dem Franzosen mit einem Nicken und begab mich in die Richtung, die mir gewiesen worden war. Ich hatte nicht alles verstanden, aber die Worte "bar" und "manger" und die entsprechende Geste zu einer weiteren Tür, die ich bislang übersehen hatte, überzeugten mich davon, dass das Magenknurren gleich ein Ende haben würde.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Mi 24. Sep 2008, 19:52 
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Leise Musik klang mir entgegen, als ich die Tür zur Hotelbar aufdrückte. Fahrstuhlmusik, wie ich diese Art dahinplätschernder, nichtssagender Aneinanderreihung von Klängen gern im Stillen bezeichne, irgendwie charakterlos und gleichförmig, aber andererseits beruhigend.
Die Bar war gut gefüllt, was aber kein Wunder war, da es das Hotel, bedingt durch die Messe, ja auch war. Doch obgleich fast jeder Platz besetzt zu sein schien, herrschte eine ruhige Atmosphäre in dem langgezogenen, schmalen Raum, der fast nur aus einer auf Hochglanz polierten Mahagonitheke und zahlreichen Hockern aus gleichem Holz bestand und die wenigen, runden Tische, die sich in mit Pflanzen geschmückten Nischen drängten, fast unscheinbar wirken ließ.
Nachdem ich mich eine kleine Weile umgesehen hatte, entschloss ich mich für einen freien Platz am hinteren Ende der Theke, von dem aus ich einen guten Überblick über den Raum und ungehinderte Sicht auf den Eingang hatte. Gewohnheitsmäßiges Verhalten, das ich mehr unbewusst als aus einer Überlegung heraus an den Tag legte.
Meine Schritte wurden von dem dicken, roten Teppich verschluckt, als ich mich in die entsprechende Richtung bewegte und mich zwischen einer ältlichen Dame mit zuviel Schmuck und zu wenig Geschmack und einem dicken, nach Schweiß und Zigarre riechenden Geschäftsmann niederließ und den Kellner zu mir heran winkte.
„Monsieur?“
Kurz suchte ich meine kläglichen Reste Französisch zusammen, die ich benötigte, um ein Bier zu bestellen und nach etwas zu essen zu fragen, dann packte ich sie in einem Satz zusammen, den ich mehr schlecht als recht über die Lippen brachte. Doch zu meiner unendlichen Erleichterung antwortete der Kellner mir in perfektem Englisch: „Etwas zu essen, Sir? Kein Problem, doch ist die Auswahl hier an der Bar begrenzt. Sie können wählen zwischen einem belegten Baguette, einer Goulaschsuppe, einer Zwiebelsuppe und einem gemischten Salat.“
Ich musste nicht lange überlegen, bei dem Hunger! Spontan entschied ich mich für das belegte Baguette und die Goulaschsuppe und den gemischten Salat und erntete dafür einen milde erstaunten Blick des Kellners, den ich aber geflissentlich ignorierte.
Eine gute Viertelstunde später saß ich bei einem kühlen Blonden und biss herzhaft in das mit Salatblättern, Thunfisch, Tomate, Käse und Zwiebeln belegte Brot. Mit vollen Backen kaute ich und fand, dass mein erster Tag in Paris sich gar nicht so übel anließ.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Mi 24. Sep 2008, 21:23 
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Satt und zufrieden rührte ich in meinem Espresso, froh, den nervigen Geschäftsmann neben mir los geworden zu sein, der mir ein Ohr abgekaut hatte, weil ich dummerweise erwähnt hatte, dass ich aus Dublin stammte. Geniale Verbindungen nach Dublin hätte er, hatte der daraufhin begonnen. Und unglaublich tolle Geschäftsfreunde dort, die ihn regelmäßig zu einem Besuch einladen würden. Ob ich schon mal in der Guinness-Brauerei gewesen wäre. Die Iren wären ja ein lustiges, geselliges Völkchen, aber so ganz sauber wären sie ja doch nicht …
Solche und ähnliche Reden hatte ich mir eine geschlagene halbe Stunde anhören müssen, wobei weder meine demonstrative Schweigsamkeit noch mein beredter Blick dem Redeschwall hatten Einhalt gebieten können. Und die Wut war in mir immer höher gekocht. Vor allem die Sache mit der Sauberkeit hatte mich gewaltig angefressen, und wäre der ignorante Kerl nicht kurz darauf aufgestanden und von selbst gegangen, hätte ich ihn wohl per Tritt in den Hosenboden zum Ausgang befördert. - Leute gibt’s ...
Meine nicht mehr ganz taufrische Nachbarin zur Linken hatte es dem Schwätzer dann auch sehr schnell nachgemacht. Was eventuell daran gelegen haben mochte, dass ich ihr ständiges Gezupfe am großzügigen Ausschnitt und den albernen Wimpernaufschlag mehr als einmal mit einem gelangweilten Blick und einem demonstrativen Gähnen quittiert hatte und beim versehentlichen Fallenlassen der Martini-Olive, die prompt in besagtem Ausschnitt verschwunden war, in schallendes Gelächter ausgebrochen war. Keine Minute später war auch der Hocker links von mir leer geworden. Endlich Luft!
Gleich ein paar Takte besser gelaunt hatte ich mir den Espresso bestellt, in dem ich jetzt selbstzufrieden herum rührte, während mein Zigarillo in meiner Rechten vernachlässigt vor sich hin glomm. Und ich meine Augen von der kleinen Tasse zur Tür wandern ließ, als diese sich öffnete und eine attraktive, energisch wirkende Frau herein kam. Allein in einer Bar, zu so später Stunde ... und das in der Stadt der Liebe! … O la la!
Zielstrebig ging sie zur inzwischen menschenleeren Theke – fast menschenleer, denn ich saß ja auch noch da – bestellte sich einen Kaffee und wies den Barkeeper an, Kommissar Lacroix auf direktem Wege in die Bar führen zu lassen.
Interessant!
Ich nahm einen Schluck Espresso und musterte die Frau dabei unauffällig über den Tassenrand hinweg. Sie trat sehr selbstsicher auf und hatte einen scharfen Blick, den sie kurz, aber intensiv durch die Bar schweifen ließ. Mit Sicherheit ebenfalls Polizei. Oder etwas in der Art. Für so was hatte ich einen Riecher.
Nachdenklich und in irgendeiner Art und Weise misstrauisch beobachtete ich die Unbekannte. Nicht stümperhaft offen, dass sie es sofort bemerkt hätte, sondern dezenter, unauffälliger. Scheinbar mit nichts anderem als mit meinem Kaffee und meinem Zigarillo beschäftigt, ließ ich meine Augen ab und zu zu ihr hinüber schweifen, musterte sie durch den träge aufsteigenden Rauch hindurch kurz, ehe ich meinen Blick wieder von ihr nahm und ihn in eine andere Richtung lenkte.
Ein Spiel, das ich einige Male wiederholte, bis plötzlich erneut die Tür aufging und ein Mann in den Fünfzigern herein kam, in Begleitung des Portiers und auf direktem Weg auf die Lady an der Theke zusteuerte, um ihre Hand zu schütteln. Kommissar Lacroix. Das hätte ich auch ohne den Portier erkannt, und zwar auf Anhieb!

Es folgte ein Gespräch, dessen Inhalt sich mir leider verschloss, da es allem Anschein nach nicht für jedermann gedacht war und leise geführt wurde. Schade. Ich hätte zu gerne gewusst, was die beiden Beamten zu so später Stunde an diesem Ort zu besprechen hatten. Etwas Privates mit Sicherheit nicht, denn in einem Punkt war ich mir ziemlich sicher: Die beiden waren sich gerade zum ersten Mal begegnet. Aber so sehr ich mein Gehör auch anstrengte, nicht ein Wortfetzen drang durch zu mir, und mit der Zeit verlor ich das Interesse an der Sache. Die lange Fahrt und das letztlich doch etwas üppigere Abendessen forderten ihren Tribut, und ich konnte noch soeben ein herzhaftes Gähnen unterdrücken. Ein kleiner Wink zum Barkeeper, und sofort eilte der aufmerksame Mann her zu mir und brachte mir die Rechnung.
Ich lächelte kühl. „Sie können wohl Gedanken lesen?“
Der Barkeeper erwiderte das Lächeln und sah dabei irgendwie sehr französisch aus. Doch seine Antwort war nach wie vor einwandfreies Englisch. „In Ihrem Fall, Sir, war das nicht gerade ein Kunststück!“
Mein Lächeln blieb gleichbleibend. Ich beglich die Rechnung und legte noch drei Euro Trinkgeld drauf. Dann rutschte ich vom Hocker, nickte dem Mann hinter der Theke noch einmal kurz zu und schritt an Lacroix und seiner Begleitung vorbei zum Ausgang. Ich wollte nur noch eines: Ins Bett! Mich ausschlafen. Denn mein untrüglicher sechster Sinn sagte mir, dass die nächsten Nächte mir dazu nicht mehr viel Gelegenheit geben würden.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Do 25. Sep 2008, 09:12 
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Frösteln ...
Kälte umfing mich, ließ mich erschauern, überzog meinen Körper mit einer Gänsehaut.
Es war Nacht, eine klirrend kalte Winternacht, und der Schnee peitschte wie ein beißender Schleier durch die vom Sturm und der späten Stunde wie leergefegten Straßen. Jeder Atemzug fraß sich eisig in meine Lungen, verwandelte mein Innerstes in einen Gefrierschrank, um mich schließlich als kleines weißes Wölkchen wieder zu verlassen und sich mit der tödlich kalten Nachtluft zu vermengen.
Meine Augen tränten, als ich mich dem Sturm entgegen stemmt, und meine Wimpern begannen aneinander zu frieren.
’Nur nicht die Spur verlieren! Alles, bloß das nicht!!’
Ich hielt die Hand schützend vor meinen Blick, stapfte steif und müde durch den knirschenden, kniehohen Schnee, und dabei wollte Verzweiflung mich überkommen.
Das dunkelrote, im frisch gefallenen Weiß wie ein Signalfeuer leuchtende Blut, das sich wie ein schmaler, unaufhörlicher Teppich vor mir in die Länge zog und selbst von den heftigen Verwehungen nicht endgültig verdeckt wurde, rief die schlimmsten Befürchtungen in mir hervor. Mehr noch, es bestätigte sie sogar noch – einen derart großen Blutverlust konnte sie einfach nicht überlebt haben!!
Warum nur? Aus welchem Grund hatten sie sie verschleppt und ließen sie jetzt ausbluten, statt ihr das Blut zu nehmen, wie es sonst der Fall war?
Im Grunde kannte ich die Antwort schon, wollte sie nur nicht wahrhaben. - Wegen mir! Und nur wegen mir allein. Damit ich ihr folgte. Versuchte, sie zu retten. Oder das, was noch von ihr übrig geblieben war. Denn sie wussten, dass ich alles tun würde, um sie aus ihren Klauen zu befreien. Selbst sehenden Auges in die Falle gehen, die sie mir gerade stellten.
Und so folgte ich der morbiden Spur zu einem großen, reich verzierten Portal einer schneeumtosten, fast schon drohend wirkenden Basilika und legte meine Hand an den mächtigen, eisernen Riegel, dessen Kälte meine steif gefrorenen Finger schon gar nicht mehr wahrnahmen.
Grimmig zog ich an dem Riegel, kraftvoll, und unter lautem, protestierendem Quietschen öffnete sich einer der beiden mächtigen Flügel und gewährte mir Einlass ...


Ich erwachte so plötzlich, als hätte man einen Kübel Eiswasser über meinem Kopf ausgeschüttet, und ähnlich kalt war mir in diesem Moment auch. Verwirrt blinzelt ich und strich mir das Haar aus den Augen. Dann sah ich mich um, nicht wenig orientierungslos.
Ah ja, das Zimmer in dem kleinen Hotel .. Paris … mein Job …
Müde und zerschlagen und nicht im mindesten erholt ließ ich meinen Kopf wieder ins Kissen sinken und blieb noch einen Moment so liegen, wie ich wohl schon länger lag: auf dem Bauch, diagonal übers breite Bett ausgestreckt und nackt.
Eine ganze Weile verharrte ich so, in den Nachwehen meines Alptraumes gefangen.
Und wieder ein Frösteln, das durch meinen Körper lief, doch diesmal nicht aufgrund der fehlenden Decke, die sich irgendwann in der Nacht verabschiedet hatte und nun dem Läufer am Bettende Gesellschaft leistete. Bilder stiegen vor meinem inneren Auge auf. Bilder, die ich noch Minuten zuvor mehr als lebhaft geträumt hatte. Einen Moment lang hielt ich sie fest, wollte mehr von ihnen sehen, sie zulassen. Wollte in ihnen ertrinken.
Aber dann verdrängte ich sie. Denn mich ihnen zu öffnen hätte geheißen, mich der Vergangenheit zu öffnen. Und das war etwas, das ich mir geschworen hatte, nie wieder zu tun.

Aufseufzend drehte ich mich auf den Rücken und starrte an die Decke. Die kühle Stelle des Lakens, auf der ich nun lag, machte mir mehr als deutlich, dass mein gesamter Körper mit kaltem Schweiß bedeckt war, und als ich einen Arm hob, um mir damit über die Stirn zu wischen, blieb ein glänzender, klebriger Schweißfilm daran zurück.
Bitter schloss ich die Augen. So lange schon hatte ich nicht mehr davon geträumt.
Warum gerade jetzt wieder?
Ein erneuter Schauer durchlief mich. Nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Trauer, vor wiedergekehrtem Entsetzen, das mich damals in jener Nacht mit grausamer Hand gepackt und mich nicht wieder losgelassen hatte. Bis heute nicht.
‚Es nützt nichts. Sie wird nicht wieder lebendig davon. Und du auch nicht!’
Das war wohl so.
Schwerfällig richtete ich mich auf und fuhr mir mit beiden Händen resigniert durch mein Gesicht. Dann stand ich auf, schlüpfte in Pullover und Jeans und verließ mit Handtuch und Waschzeug bewaffnet mein Zimmer.

Eine gute halbe Stunde später betrat ich geduscht und rasiert und mit nicht mehr ganz so finsteren Gedanken die Hotelbar, um den schlechten Start in den Tag mit einem guten Frühstück zu revidieren. Mein Blick fiel fast sofort auf die Beamtin von gestern Abend, die allein an einem Zweiertisch sitzend ihren Kaffee schlürfte, eine Zigarette verqualmen und ihre Aufmerksamkeit vollkommen von einem Zeitungsartikel einfangen ließ, den die Tageszeitung „Le Figaro“ auf Seite eins gedruckt hatte.
„Ich persönlich halte die Hälfte der Informationen, die uns diese Käseblätter Tag für Tag verkaufen, für gelogen. Und bezweifle die andere Hälfte“, erläutert ich ungefragt, und ebenso ungefragt zog ich den freien Stuhl an dem kleinen Zweiertisch zurück und setzte mich der Beamtin mit undefinierbarer Miene gegenüber. „Ach ja, und guten Morgen. Oder besser gesagt, bonjour … wie die Eingeborenen hier zu sagen pflegen.“

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Do 25. Sep 2008, 09:30 
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Ich schmunzelte kaum merklich. Was für ein Mundwerk! Dafür hatte sie mit Sicherheit einen Waffenschein einstecken. Ich musterte Sandra Cole eingehend.
Ein ausnehmend attraktives Gesicht mit grauen Augen, die an die einer Katze erinnerten. Nicht dunkel wie meine eigenen. Und mit einem energischen Zug um den schönen Mund. Ich hätte wetten können, dass mit Cole nicht gut Kirschen essen war.
„Amerikanerin, hm?“, stellte ich mehr fest, als dass ich es fragte, während ich dem Kellner winkte.
Dann fuhr ich nahtlos fort: „Dan Warren, nicht Amerikaner, sondern Ire.“
Ich unterließ es, Cole die Hand zu reichen, da ich irgendwie das Gefühl hatte, dass sie sie sowieso nicht ergreifen würde.
Der Keller kam, fragte nach meinen Wünschen. Na was wünscht man sich wohl, wenn man zur besten Frühstückszeit ins Restaurant gestiefelt kommt? Wahrscheinlich eine Massage und Fango-Packungen ...
„Einmal das Frühstück des Hauses“, beantwortete ich die Frage des Kellners mit einem kurzen Seitenblick auf den Franzosen, der ebenfalls des Englischen weitaus mächtiger war als ich des komplizierten, unaussprechlichen Französisch.
„Kommt sofort, Monsieur“, antwortete der Mann mir höflich und machte auf dem Absatz kehrt, um meinen Wunsch an die Küche weiterzuleiten.
„Sie haben wohl keinen allzu großen Hunger?“, richtete ich das Wort daraufhin wieder an meine Tischnachbarin und deutete mit dem Kinn auf das unangetastete Frühstück. Mein Hunger war unaussprechlich groß, wie immer eigentlich, was man mir allerdings nicht ansieht, da ich offenbar zum Typ schlechter Kostverwerter gehöre. Gut so, denn andernfalls würde ich einen Bauch vor mir herschieben, der sich gewaschen hätte. So viel ist mal sicher!

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Do 25. Sep 2008, 09:50 
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„Weder zufällig, noch absichtlich“, erläuterte ich meinem Gegenüber sachlich und zog meine Packung Zigarillos aus meiner Hosentasche hervor. Ich sparte mir die Frage, ob es sie störte, wenn ich rauchte, da ihre Zigarette bis gerade noch vor sich hingeglommen hatte.
Eine nicht gerade kleine Stichflamme und einen Atemzug später lehnte ich mich auf dem unbequemen Stuhl zurück und pafft vor mich hin.
„Ich handele nicht mit Möbeln, Cole“, ich schlabberte das Miss oder Mistress – wir Iren geben nicht allzu viel auf gewählte Umgangsformen, „obgleich ich mich schon aus beruflichen Gründen in Paris aufhalte. Was hat Sie denn hierher getrieben?“ Ich musterte sie scharf, während ich den Rauch in Kringeln in die Luft entließ. „Ich hab gar nicht gewusst, dass der CIA in dieser Gegend umtriebig ist!“
Ein Schuss ins Blaue, das wusste ich. Aber ich zählt gerade eins und eins zusammen, und das ergab für mich eben zwei: Sie war Amerikanerin, und sie hatte das Gebaren eines Cops. Sie hatte sich mit einem französischen Inspektor getroffen, und sie studierte einen ausführlichen Artikel über einen Mord, der hier in Paris begangen worden war, wie mir die fette Überschrift im Figaro deutlich gemacht hatte, wenngleich sie auf dem Kopf stand. Doch geschriebenes Französisch hatte ich von jeher besser verstanden als gesprochenes. Da das FBI für innere Angelegenheiten zuständig ist, die NSA ebenfalls, blieb nur noch der CIA.
Doch ehe Cole antworten kann, kehrte der Kellner mit einem Tablett zurück, das er vor mir platzierte - mein Frühstück, auf das mein Magen schon seit dem Aufwachen gewartet hat. Erwartungsvoll blickte ich darauf. Und zog nur einen Sekundenbruchteil später ein langes Gesicht.
Frühstück des Hauses!!! Oh klasse!!
Teils entsetzt, teils betrübt betrachtete ich das kleine Croissant, das noch kleinere Päckchen Butter und das winzige Schälchen Marmelade, das man auf einem völlig überdimensionierten Teller hübsch nebeneinander dekoriert hatte, dann schweifte mein desillusionierter Blick zu der Salatschüssel voller Kaffee, die das Tablett dominierte.
Mit Milch!!
Wo waren die Spiegeleier? Wo der Speck? Und die gegrillten Tomaten und der gebutterte Toast??
Immer noch fassungslos über das, was meinem ausgehungerten Bauch gerade zugemutet wird, murmelte ich genervt: „Ich hasse Frankreich!“

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Verfasst: Do 25. Sep 2008, 10:11 
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Hatte ich es doch gewusst. Die CIA!
Diese Information in Kombination mit dem Artikel, den Cole gerade eingehend studiert hatte, machte mir auch direkt klar, warum sie hier in Paris war. Es galt also aufzupassen, denn das fehlte mir gerade noch, eine übereifrige, ahnungslose CIA-Agentin, die sich in meine Angelegenheiten einmischte und mir Schwierigkeiten machte! Das war das Letzte, was ich gebrauchen konnte.
Ich folgte ihrer auffordernden Geste zu ihrem Frühstück mit meinem Blick und ließ mich nicht zweimal bitten. Ohne zu zögern griff ich zu, zog mir Brot, Butter und Wurst an Land, trank dabei mit angewidert verzogenem Gesicht meinen café au lait aus und füllte die große Tasse schließlich mit dampfendem, schwarzem Kaffee. Und währenddessen überlegte ich eingehend, was ich ihr erzählen sollte.
„Nein, kein Urlaub“, entschied ich mich für die Wahrheit, und dabei würde ich auch bleiben, zumindest so weit, wie ich es riskieren konnte. Ein kleiner Schluck vom neu eingeschenkten Kaffee gab mir ein wenig Zeit, um meine nächsten Worte zu wählen. „Ich bin beruflich hier in Paris ...“
‚Stop! Verkneif dir den Rest oder du bist gezwungen, ihr eine faustdicke Lüge aufzutischen!’
Nicht, dass ich Hemmungen gehabt hätte, Cole anzulügen. Aber ich kannte Leute ihres Schlages, immerhin hatte ich ja gerade wieder mal die besten Erfahrungen mit ihnen gemacht – mit mühsam unterdrücktem Ärger dachte ich an die Ignoranten beim Scotland Yard – und ich hatte weder Lust, mich von Cole auslachen zu lassen noch mit einer Lüge zu riskieren, mich in ihren Augen verdächtig zu machen. Denn irgendwie konnte ich das Gefühl nicht abstreifen, dass sie überprüfen würde, was ich ihr erzählte.
Also ließ ich den Rest des Satzes ungesagt und tat so, als hätte ich nicht die geringste Absicht, mich ihr weiter zu erklären. Hatte ich ja auch nicht. Stattdessen belegte ich lieber ein Brötchen dick mit Salami, klappte es zusammen und biss herzhaft hinein.

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Verfasst: Do 25. Sep 2008, 10:41 
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Entweder war das jetzt die angeborene, weibliche Neugier oder die Hartnäckigkeit einer CIA-Agentin, die Cole weiterbohren und sie nach meinem Beruf fragen ließ. Ich hätte ihn ihr doch vorhin genannt, wenn ich darüber hätte sprechen wollen, oder?
Einen kurzen Moment lang betrachtete ich sie forschend, dann sah ich bedeutungsschwanger auf meine Armbanduhr.
„Ich würde mich ja unheimlich gern noch den ganzen Morgen mit Ihnen unterhalten, Lady. Aber leider hab ich eine Verabredung, und zwar genau jetzt!“
Eine dreiste Lüge, aber notwendig!
Entschlossen stand ich auf, schnappte mir das zusammen geklappte Brötchen und trank noch einmal eilig an meiner überdimensionalen Kaffeetasse. „Sie entschuldigen mich, Agent. Vielleicht läuft man sich mal wieder über die Füße.“ Damit wollte ich mich zum Gehen wenden, hielt aber noch mal ein, um hinzuzufügen: „Und danke für das Frühstück! Sie haben mir damit zwar nicht das Leben gerettet, aber zumindest den Tag.“
Die Andeutung eines Lächelns zuckte um meine Mundwinkel, als ich das sagte. Ein Lächeln, das allerdings bestenfalls höflich war. Ich biss daraufhin ins Brötchen und drehte Cole den Rücken zu, um das Restaurant zu verlassen. Bloß weg von diesem Verhör, diesen inquisitorischen Fragen! Ich hab einen sechsten Sinn für Bluthunde, und diese Frau hier war definitiv einer!

Mit weit ausholenden Schritten nahm ich die zahlreichen, engen Stufen der im engen Hausflur in die Höhe führenden, diversen Treppen – keine Macht der Welt hätte mich in den wackeligen, wenig Vertrauen erweckenden Fahrstuhl aus vorsintflutlichen Zeiten hineinbekommen – dabei blieb ich mit meinen Gedanken noch bei meiner kurzen, aber einprägsamen Unterhaltung mit Agent Cole. Unfreiwillig, denn im Grunde hätte ich das Gespräch lieber vergessen. So wie ich überhaupt gerne vergessen hätte, dass dieses Zusammentreffen einzig und allein auf mein Konto ging. Hätte ich mir doch einen freien Tisch gesucht und mich dort allein hingesetzt! So, wie es sonst auch meine Angewohnheit war. Was um alles in der Welt hatte mich dazu bewogen, mich zu dieser offenkundigen Staatsbeamtin zu setzen? Das hübsche Gesicht allein konnte es nicht gewesen sein, denn für so was war ich relativ unempfänglich. Seit ...
Ich spürte, wie meine Gedanken abschweifen wollten und in eine ganz falsche Richtung wanderten. Sofort rief ich mich energisch zur Ordnung und konzentrierte mich auf das, was vor mir lag. So ganz gelogen hatte ich nämlich doch nicht im Restaurant, als ich gesagt hatte, dass ich eine Verabredung hatte. Nun ja, Verabredung war vielleicht nicht das passende Wort für die Begegnung, die mir bevorstand. Aber darauf kam es ja auch nicht wirklich an. Wichtiger war, wie diese Begegnung ausgehen würde. Und ich würde schon dafür sorgen, dass der Ausgang meinen Vorstellungen entsprach!
Mit diesem festen Vorsatz betrat ich mein kleines Zimmer und verließ es einige Zeit später wieder, meine Lederjacke über den dunkelblauen Wollpulli geworfen, den Motorradhelm am Arm und diverse kleine, aber unverzichtbare Utensilien an meinem Leib.
’Und los geht’s! Die Show kann beginnen!’

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Do 25. Sep 2008, 11:37 
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Hafengegend ...
Nicht gerade die Umgebung, in der ich mich des Nachts gern allein aufhielt.
Ich fuhr wenig begeistert an endlosen Reihen von Lagerhallen und Containern vorbei, an alten Kähnen, riesigen Müllhaufen, auf denen sich Seemöwen streitlustig und weithin hörbar um stinkende Fischreste zankten, an ausgemusterten Booten, aufgespannten, teils intakten, teils zerrissenen Fischernetzen, an rostigen Bojen, defekten Reusen und aufgeschlitzten Rettungsringen.
’Wirklich ein lauschiges Plätzchen hier’, fuhr es mir sarkastisch durch den Kopf, und wieder einmal lenkte ich Stoney um eine riesige, vor Öl schillernde Regenpfütze drum herum, in der sich der schiefergraue Himmel spiegelte. Einsetzender Nieselregen machte sich störend auf meinem Visier breit und begann nach und nach, meine Sicht zu behindern.
Auch das noch!
Fast schon sehnsüchtig dachte ich an meinen letzten Fall zurück, der mich in Londons Nobelgegend Notting Hill geführt hatte. Ein zugegebenermaßen für britische Verhältnisse recht ungewöhnlich warmer Tag war es gewesen, und der Duft der üppigen Spätblüher, die in jedem Garten, an jedem Balkon, um jede Laterne herum gepflanzt worden waren, war mir süß in die Nase gestiegen.
Doch alles, was mir hier jetzt in die Nase drang, war der penetrante Gestank nach faulendem Fisch, Unrat und Motorenöl ..
Was tut man nicht alles für seinen Job!

Während ich noch über mein aktuelles Pech nachsann, kam eine große Halle mit der Aufschrift “Fruits de Mer“ in Sicht. Riesig, im Vergleich zu den zuvor passierten.
‚Endstation, alles aussteigen!’
Mit wachsamerem Blick als sonst steuerte ich mein Motorrad darauf zu und parkte es direkt vor dem riesigen, verschlossenen Metalltor.
Nun gut, gefunden hatte ich die Halle. Aber wie hineinkommen? Das große Tor machte nicht gerade den Eindruck, als wäre es leicht zu öffnen.
Noch während ich Stoneys Motor abstellte und mich vom Sitz schwang, fiel mein Blick auf eine kleinere unscheinbare Tür, die in der gleichen undefinierbaren Farbe angestrichen war wie der Rest der Halle und deshalb nicht sofort ins Auge sprang. Dort würde ich es zuerst versuchen. Und wenn ich da scheitern sollte, würde ich mir eben einen anderen Weg ins Innere überlegen.
Ich zog den Schlüssel ab und hängte den Helm an den Lenker. Dann ging ich zielstrebig auf die kleine Tür zu und drehte am Knauf.
Und, oh Wunder, sie öffnete sich! Und das sogar relativ geräuschlos.
Ohne zu zögern trat ich in das dämmrige Dunkel ein, das die Halle bis zum Dach anfüllte.

Ich brauchte nicht lange, bis sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten. Was jedoch weniger an den Lichtverhältnissen als eher an meinem ungewöhnlich guten Sehvermögen lag, welches mich von Kindheitsbeinen an begleitet und mir schon mehr als einmal zum Vorteil gereicht hatte. So auch hier. Augenblicklich orientierte ich mich, ließ meinen Blick über ein wildes Sammelsurium an leeren, angerosteten Fischtheken und zersplitterten Holzkästen schweifen, über kaputte Waagen, vergessene Tiefkühleinrichtungen und Gänge voller Metallkisten undefinierbaren Zwecks.
Er war hier. Der Grund für mein Kommen. Der Anlass, warum ich die magenunfreundliche Seereise und die weite Fahrt von der Normandie ins Poitou auf mich genommen, warum ich mich in La Rochelle einquartiert hatte. Und warum ich jetzt meine Hand unter der Motorradjacke verschwinden ließ.
Der Griff der Waffe drückte sich kalt und hart in meine Handfläche. Ein beruhigendes Gefühl, vertraut, Sicherheit gebend. Langsam zog ich sie aus meinem Rücken hervor und hielt sie lose in der Hand, den Blick immer noch auf die düstere Umgebung gerichtet. Nicht, weil ich befürchtete, derjenige, dem mein Besuch galt, könnte mich überraschen. Das war zur jetzigen Tageszeit, später Morgen, so gut wie auszuschließen. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass sich noch andere hier aufhielten. Freunde der Zielperson sozusagen. Oder Handlanger. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass es sich so verhalten hätte, und dementsprechend war es ratsam, Vorsicht walten zu lassen.
Also wartete ich noch eine Weile. Beobachtete die Umgebung, wobei all meine Sinne geschärft waren und offen für die kleinste Veränderung, das geringste Geräusch. Natürlich wusste ich, dass, falls sich hier noch weitere Personen aufhielten, mein Kommen längst bemerkt worden war. Stoney war allemal laut genug, um Tote aufzuwecken – na ja, fast zumindest – doch ging ich das Risiko bewusst ein. Besser so, und im Falle des Falles war ich im Nu bei meiner Maschine und bereit, mich aus dem Staub zu machen, als noch diverse Blocks weit zu Fuß laufen zu müssen und dabei meinen Hintern zu riskieren. Diese Maßnahme hatte mir bereits mehr als einmal das Leben gerettet. Never change a running system!
Als sich jedoch auch nach weiteren fünf Minuten nichts rührte, setzte ich mich langsam in Bewegung. Die Waffe, eine halbautomatische SIG Sauer P 245, hielt ich dabei immer noch locker in meiner Rechten. Nicht gerade das neueste Modell und auch nur mit sechs Patronen bestückt, aber dafür mit meiner Vergangenheit behaftet, mit Erinnerungen, die zum größten Teil schmerzhaft waren, die ich aber dennoch nicht begraben wollte, um nicht zu vergessen, warum ich das hier gerade machte.
Und jetzt verschwand auch meine Linke unter der Jacke, um mit einer zweiten Waffe wieder zum Vorschein zu kommen. Diesmal mit einem mattsilbern schimmernden, pistolenähnlichen Teil, welches sich durch einen auffälligen Tank unter dem ungewöhnlich schmalen Lauf auszeichnete und eher an eine der unzähligen Kinder-Wasserspritzpistolen erinnerte, die man bei Woolworth für ein paar Cent ergattern konnte als an eine ernstzunehmende Schusswaffe.
Und doch war es gerade diese Wasserspritzpistole, die für den Ausgang dieser Aktion hier maßgeblicher war als alles andere. Die SIG eingeschlossen.
Meine Schritte, mit denen ich mich immer weiter vom Eingang fortbewegte, waren lautlos, trotz der mit Sicherheit guten Akustik in diesem leeren, hohen Gebäude. Leise setzte ich einen Fuß vor den anderen. Nichts um mich herum veränderte sich. Kein neues Geräusch, keine noch so kleine Bewegung. Anscheinend hatte ich Glück, offenbar umgab mein Zielobjekt sich zu seinem Schutz nicht mit weiteren Personen. Etwas, worauf die abgerissene Umgebung schon hingedeutet hatte. Doch weiß man andererseits nie, und aus diesem Grund ließ ich in meiner Aufmerksamkeit nicht nach, sondern blieb weiterhin wachsam konzentriert, während ich die leeren, mit Unrat und Müll bedeckten Gänge abschritt und gleichzeitig zu erahnen versuchte, wo die Zielperson sich aufhielt.
Irgendwo in einer der Metallkisten, da war ich mir sicher!
Die Halle hatte nur diese eine Ebene, und es gab keine weiteren Türen als die kleine, durch die ich herein gekommen war und das große Tor daneben, welches ebenfalls wieder nach draußen führte. Keine Galerie, die noch andere Optionen offen gelassen hätte, kein angrenzendes Gebäude.
’Also gut, Freundchen. Dann wollen wir doch mal sehen, wo du deinen stinkenden Kadaver versteckt hast!’


Es musste eine der Kisten sein, die obenauf lagen. Denn es wäre ihm nicht möglich gewesen, eine weitere auf seine zu ziehen, wenn er erst einmal in der eigenen verschwunden war. Außer natürlich, er hatte Hilfe gehabt, was ich aber aufgrund der gegebenen Umstände und noch viel mehr aufgrund meiner Intuition ausschloss.
Eine der oberen Kisten also. Und eine, die von unten nur schwerlich, wenn nicht sogar unmöglich zu erreichen war. Aus Sicherheitsgründen, versteht sich. Um zu vermeiden, dass Kerle wie ich daher kamen und sie allzu leicht öffnen konnten.
Mein Blick schweifte über den Metallberg und blieb an der Spitze hängen. Zwei Kisten übereinander. Und die oberste somit von den Nachbarkisten aus nicht erreichbar. Volltreffer!
Wenn die Zielperson überhaupt hier in dieser Halle war und die Information sich nicht als Ente herausstellte, dann war sie dort oben!
’So weit, so gut. Es sieht so aus, als hättest du gefunden, was du gesucht hast. Die Frage ist jetzt: Wie kommst du daran?’
Nachdenklich starrte ich auf die Ansammlung alter, rostiger Metallkästen. Hinaufklettern wäre möglich, doch nur bis zu einem gewissen Grad. An die oberste kam ich dann immer noch nicht, zumal ich nur von mittlerer Statur war und kein Riese.
’Okay – wenn nicht von unten, dann vielleicht von oben!?’
Wie von einem Magneten angezogen, richtete ich meinen Blick auf den großen Deckenlaufkran, der dank durchgehender Schienen in der Lage war, die komplette Halle zu durchlaufen. Meine Augen verengten sich. ’Wieso nicht?’
Noch einmal musterte ich meine Umgebung konzentriert, dann steckte ich die seltsam aussehende, silberne Waffe wieder weg und ging mit festen Schritten zum gegenüberliegenden Ende der Halle, wo der Kran parkte. Zumindest eine Hand musste ich für mein Vorhaben frei haben, und wenn ich mich denn dann für eine Waffe entscheiden musste, war meine SIG sowieso die erste Wahl.
Zwei Minuten später stand ich unter dem Kran und neben dem Schalt-Panel, welches durch ein Kabel mit der Laufkatze verbunden war.
„Dann wollen wir mal ...“, murmelte ich, drehte den Schalter von 0 auf 1 und drückt die Pfeiltaste für „Vorwärts“. Mit einem vernehmlichen Rucken und einem lauten Quietschen setzte der Kran sich in Bewegung und begann langsam in Richtung Hallenmitte zu fahren. Ich folgte ihm mit meinem Blick – ’Wenn noch irgendjemand nicht mitbekommen haben sollte, dass du hier bist, jetzt weiß es mit Sicherheit der ganze Hafen!’ – während ich dem Kran im gleichen langsamen Tempo folgte, den Daumen immer noch auf „Vorwärts“ gepresst. Erst, als ich den Kistenberg fast erreicht hatte, ließ ich los und drückte die „Abwärts“-Pfeiltaste. Und sogleich kam – ebenfalls mit einem Mörderkrach – die Lastenkette samt dickem Haken nach unten gefahren und hielt genau vor meiner Nase an.
Doch jetzt fiel mir auf, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, wie ich mich von dem Kran in die Höhe heben lassen sollte. Einen Arm um den Haken schlingen ging schlecht. Denn das wäre mein Waffenarm gewesen, da ich mit der anderen ja das Panel bedienen musste. Abgesehen davon brauchte ich dort oben sowieso beide Hände frei, da ich keine Möglichkeit hätte, mich vom Kran zu lösen und mich auf eine der Kisten zu stellen.
Mein Blick wanderte an mir hinab zu meinem Gürtel. Abschätzend betrachtete ich ihn.
’Ob der wohl hält? - Du wirst es nie herausfinden, wenn du hier weiter bloß herumstehst, statt zu handeln!!’
Ich ließ den Haken noch einen halben Meter tiefer fahren und nahm ihn dann, um ihn hinten um meinen Gürtel zu schlingen. Daraufhin betätigte ich den „Aufwärts“-Knopf, und mit abermaligem Höllenlärm fuhr die Lastenkette wieder nach oben, ging auf Spannung und ... hob mich schließlich mit sanftem Ruck an, um mich in Richtung Decke zu befördern.
’Ich fass es einfach nicht, zu welchen Mitteln mich diese Kerle ständig zwingen!!’, fuhr es mir selbstironisch durch den Kopf, während ich inständig hoffte, dass der Kerl mich auf dem Dubliner Markt nicht belogen hatte, als er den Gürtel in höchsten Tönen gelobt und besonders dessen Reißfestigkeit gepriesen hatte.
Aber noch schien alles gut zu gehen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Abstand zwischen mir und dem Haken größer wurde, was durchaus für den Gürtel sprach. Allerdings drückte letzterer sich nun schmerzhaft in meinen Bauch, was mir nicht wenig den Atem und die Blutzirkulation abschnürte und mir das Gefühl gab, einer rotgesichtigen, dicken Putte gleich durch die Halle zu schweben.
’Tolle Vorstellung!! Ein fetter Engel, der sich aufmacht, den Teufel mit einem Tritt in den Hintern in die nächste Hölle zu schicken!!’
Ich hätte jetzt glatt gelacht, wenn der Gürtel mir dazu die Gelegenheit gegeben hätte.
Nicht lange, und ich war auf gleicher Höhe mit der oberen Kiste. Noch mal auf die entsprechenden Tasten gedrückt, und jetzt war ich sogar ein Stückchen höher und genau darüber. Perfekt!
Einen Moment lang starrte ich den angerosteten, teils mit abgerissenen Aufklebern und teils mit Graffiti versehenen Deckel an. Um mich zu sammeln. Bereit zu machen für das, was ich gleich sehen, was ich tun würde. Es war immer das Gleiche, und doch nie dasselbe! Ein Akt, der getan werden musste, von mir getan werden musste, weil ich niemanden sonst gewusst hätte, der es hätte tun können. Und den ich dennoch hasste, der mir jedes Mal Grauen bereitete, mich an meiner Menschlichkeit zweifeln ließ.
’Wie lange noch? Wann hat das alles jemals ein Ende?’
Es hatte keinen Zweck, mir diese Frage zu stellen, denn ich kannte die Antwort bereits: Niemals.
Niemals würde es ein Ende haben, und ich würde diesen Job erledigen, diese Dinge tun, bis es mich irgendwann selbst erwischte und ich keine Gelegenheit mehr dazu hätte, mir unnütze Fragen zu stellen.
’Auf geht’s! Der Gürtel wird nicht ewig halten!!’
Der Gedanke daran, dass es gleich Ratsch! in seinem Rücken machen und ich unvermittelt auf der Kiste landen würde oder gar aus dieser Höhe auf den dreckigen, müllübersäten Hallenboden knallen würde, gab mir auf einmal neuen Schwung!
Entschlossen steckte ich meine SIG wieder weg, da nun definitiv feststand, dass keine Helfershelfer hier herumliefen, die mir böse Überraschungen hätten bereiten können – ’Und wenn, hätten die mich sowieso eher runtergeholt als ich gucken könnte, bei dem Mega-Ziel, das ich gerade abgebe! – und holte zum zweiten Mal an diesem Tag die silbern glänzende Waffe hervor, und ebenso einen langen, schmucklosen, aber recht scharf aussehenden Dolch, den ich in meinem Stiefelschaft einstecken gehabt hatte. Das Schalt-Panel des Krans ließ ich dafür fahren, es hing nahe genug, um es jederzeit wieder greifen zu können, und für das, was jetzt ablaufen würde, brauchte ich sowieso beide Hände.
Den Griff des Dolchs zwischen die Zähne geklemmt – und jetzt musste ich gerade ganz unweigerlich an alte Piratenfilme denken, in denen die Kerle auch immer so in der Takelage hängen, Messer zwischen den Zähnen, grimmiger Blick, meterhoch über den Schiffsplanken baumelnd – beugte ich meinen Oberkörper so weit vor, dass meine Hände die Kante des Kistendeckels zu packen bekamen. Mit einem Ruck riss ich ihn herunter und schleuderte ihn in die Tiefe.
Und dann starrte ich auf das, was der Deckel bislang vor meinem Blick verborgen hatte.

Namenloses Grauen, Hass, Wut, Entschlossenheit – all das jagt plötzlich mit einer Urgewalt durch meinen Körper hindurch, ließ mich Errol Flynn vergessen und auch die Frage nach meiner Menschlichkeit. Übernahm die Kontrolle und schaltete mein bewusstes Sein aus, um an jahrelange Erfahrung und automatisches, antrainiertes Handeln zu übergeben.
Gefühllos starrte ich auf das Wesen, das vor mir wie im Tode aufgebahrt in der Kiste lag. Und ganz so weit hergeholt war der Vergleich nicht, denn in der Tat handelte es sich bei diesem Mann, welcher da mit geschlossenen Augen und friedlichen Gesichtszügen unter mir schlief, um einen Toten.
Und auch wieder nicht.
Nosferatu, Dämon, Wesen der Nacht ... Vampir!
Märchen- und Sagengestalt für die Ahnungslosen und Unbedarften, grauenhafte Realität für mich.

Mechanisch griff ich mit der freien Hand in die innere Brusttasche meiner Lederjacke und holte ein kleines Fläschchen mit bläulicher Flüssigkeit heraus. Leicht über der geöffneten Kiste mit seinem Furcht erregenden Inhalt hin- und herbaumelnd, entstöpselte ich es mit meinem Daumen und ließ einen blau glitzernden Sprühregen ins Innere der Kiste fallen: Auf die maskenhaft weißen Züge des für Unwissende so jung und harmlos aussehenden Mannes, auf die mehrfach geflickte Jeansjacke, die schmutzige Hose und die ausgetretenen Sneakers. Überall bedeckten feine, tintenblaue Tropfen den Schlafenden, perlten an dessen ausgezehrt wirkenden Wangen herab, an seiner Kehle, versickerten im dunklen Stoff seiner Kleidung. Und verbreiten einen durchdringenden, beißenden Geruch, der mir prompt den Atem nahm.
Eilig verschloss ich die Flasche wieder und befördert sie dahin zurück, wo sie hingehörte: in meine Jacke.
’Nun zum angenehmen Teil der Arbeit’, dachte ich zynisch. Entschlossen packte ich den Griff des scharfen Dolches, welcher nach wie vor zwischen meinen Zähnen steckte, beugte mich abermals hinab zu dem Untoten und zog ihm die Klinge mit einem einzigen, harten Ruck quer über die Kehle.
Blut spritzte heraus, in einer hellroten Fontäne. Blut, das nicht dem Wesen unter mir gehörte, sondern einem armen Unglücklichen, der das Pech gehabt hatte, dessen Weg zu kreuzen. Im selben Augenblick fuhr der Vampir hoch und greift sich mit weitaufgerissenen, blutunterlaufenen Augen an die offene Kehle, aus der ein Gurgeln drang, als handele es sich um einen Abfluss und nicht um ein menschliches Körperteil. Das Messer erneut zwischen die Zähne geklemmt, griff ich eilig nach dem Schalt-Panel und zog mich ein Stück von der Kiste zurück, in Sicherheit. Dann zog ich die silberne Waffe, richtet sie auf das sterbende Monster und betätigt den Abzug.
Eine heiße, grellorange Stichflamme schoss aus dem Lauf des silbernen Flammenwerfers und hüllte den mit Spiritus getränkten Körper des Vampirs fauchend ein. Augenblicklich setzt sie ihn in Brand, um ihn schneller zu vernichten als ein Stück trockenen Holzes. Brüllend, knisternd, wabernd - bis er nach erstaunlich kurzer Zeit in sich zusammensackte, zu schmelzen und zu schrumpfen begann und letztlich nur noch ein Häufchen kokelnder Asche übrig blieb von dem, was einmal der Schrecken der Menschheit gewesen war.
Erleichtert aufatmend und mit schweißfeuchter Stirn, denn die Hitze des Feuers war beträchtlich gewesen und ich nicht weit genug vom Brandherd entfernt, um ihr zu entgehen, brachte ich mich der Kiste wieder näher und sah eine Weile schweigend auf die kläglichen Überreste des Vampirs.
’... und tot bist du!’
Ein Letztes, Entscheidendes blieb, nämlich die Asche zu verstreuen. Und zu diesem Zweck hob ich beide Beine an und lässt sie ruckartig vorschnellen, stieß mit ihnen kraftvoll gegen die glühend heiße Kiste und brachte sie zu Fall.
Doch im gleichen Augenblick, in dem meine Füße das Metall berührten, vernahm ich ein scharfes Ratsch!!! in meinem Rücken – ’Der Gürtel!!’ - und plötzlich fühlte ich mich befreit von dem grässlichen Druck, der mir seit geraumer Zeit einer Würgeschlange gleich Blut und Luft abgeschnürt hatte.
Ein wirklich gutes Gefühl, wäre da nicht der mit Unrat übersäte Hallenboden gewesen, der sich mir nun in rasender Geschwindigkeit näherte!
Rums! Aufschlag, Schmerz, dann Schwärze. Der Rest war Geschichte … erst einmal.

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