Skriptorium
Aktuelle Zeit: So 25. Okt 2020, 23:43

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 66 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1, 2, 3, 4, 5, 6  Nächste
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Do 25. Sep 2008, 11:48 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Leise aufstöhnend öffnete ich die Augen. Und sah in die fröhlich lachenden Augen eines rotbäckigen Mädchens, das Thunfisch in Gelee anpries – auf dem verschmutzten Etikett einer eingedellten Weißblechdose, welche gut dreißig Zentimeter vor meiner Nase inmitten von zerfetztem Zeitungspapier und Kronkorken lag.
’Vielen Dank, mir ist schon schlecht!!’
Mühsam rappelte ich mich auf, bis ich kniete und stöhnte erneut, als ein scharfer Schmerz durch meinen Körper fuhr.
Die Rippen!! Ich hatte sie mir entweder beim Aufprall gebrochen oder zumindest heftig geprellt, denn jeder Atemzug fühlte sich an wie die Hölle, und ein kurzes Tasten im entsprechenden Bereich ließ mich unwillkürlich zusammen zucken.
’Verflucht!!’
Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Dabei fiel mein Blick auf meinen Flammenwerfer, der unweit von mir auf dem Boden lag. Mit zusammengebissenen Zähnen streckte ich mich, um ihn zu greifen. Dann blickte ich mich nach meinem Messer um. Wo war es??
Auf Anhieb konnte ich es nicht ausmachen. Also biss ich die Zähne noch einmal zusammen und stand auf, suchte den Unrat um mich herum danach ab und fand es schließlich mit der Klinge voran in einem Haufen Holzwolle. Ich zog es heraus, sah das dunkelrote Blut, welches schon längst getrocknet war, und erst jetzt fiel mir wieder ein, was kurz vor meinem Sturz geschehen war.
Mein Blick fuhr ruckartig in die Höhe. Ein wenig zu ruckartig, denn plötzlich wurde mir schwarz vor Augen, und ich musste mich an einer der neben mir stehenden Kisten festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Doch dann hatte ich mich wieder unter Kontrolle. Abermals sah ich nach oben. Dorthin, wo vor geraumer Zeit noch die Kiste mit dem Vampir gestanden hatte. Gähnende Leere blickte mir entgegen. Der Job war erledigt.
Aber um ganz sicher zu gehen, musste ich mich noch vergewissern. Ich ging also die paar Meter um den Kistenberg herum und steckte dabei den Flammenwerfer und das Messer, das ich zuvor notdürftig an der Holzwolle abgewischt hatte, wieder ein. Dabei stockte ich im Schritt, als ich die verbeulte, rußgeschwärzte Kiste sah, die vor mir halb am Boden lag und halb in die Höhe ragte, da eine Ecke an den übrigen Kisten hängen geblieben war. Keine Spur mehr vom Inhalt, dafür aber eine feine, schwarze Aschenschicht, die den Boden, die Kisten und alles um mich herum im Umkreis von drei Metern bedeckte.
’Du erschreckst keinen mehr, mein Freund!’
Einen kurzen Moment betrachtete ich noch das, was von dem Vampir übrig geblieben war, dann drehte ich der Szenerie entschlossen den Rücken zu und strebte mit festem Schritt dem Ausgang entgegen. Meinen zerfetzten Gürtel zog ich im Gehen aus den Schlaufen meiner Jeans und warf ihn achtlos beiseite.
Erst, als ich die kleine Tür durchschritten und die Halle verlassen hatte, hielt ich für einen Augenblick inne, atmete tief – wenn auch nicht allzu tief – ein und sah aufs Meer hinaus, über dessen schnurgeradem Horizont soeben die Sonne rotglühend unterging. Offenbar hatte ich lange Zeit bewusstlos am Hallenboden gelegen. Länger, als ich geglaubt hatte.
Aber jetzt war es vorbei. Mein Job getan – vorerst – und ich nicht länger der gefühllose Vampirkiller, sondern wieder Dan Warren, der Mensch mit menschlichen Empfindungen und Bedürfnissen.
Und mein größtes Bedürfnis hieß jetzt: eine Dusche und Schlaf!
Schlaf, Schlaf und noch mal Schlaf!!
Erschöpft und erleichtert zugleich ging ich die paar Schritte zu Stoney, setzt mich vorsichtig in den Sattel und streifte mir meinen Helm über. Daraufhin startete ich die Maschine und fuhr los.
Weg von diesem tristen, nach Tod und Verderben riechenden Ort.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Fr 20. Nov 2009, 11:01 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Die Tür schwang auf. Unaufhaltsam, laut knarrend und quietschend. Verräterisch, denn nun konnte ich meine Annäherung nicht länger geheim halten. Andererseits – wahrscheinlich hatten sie es sowieso gewusst. Mich seit meinem übereilten Verlassen des Restaurants beobachtet, in dem ich ihre Nachricht erhalten hatte. Vielleicht sogar schon länger.
Sicher kaum möglich,
sie zu überraschen.
Schwärze umfing mich. Undurchdringlich für normale Augen, diffus, aber durchschaubar für mich. Ich spürte, dass sie hier waren. Auf mich warteten. Ihr Spiel mit mir spielten.
Ich wollte aber keine Spiele spielen. Nicht solche!
Also entschied ich mich, in die Offensive zu gehen.
„Ich bin HIER!!!“
Meine laute Stimme brach sich kalt und hohl an den alten Kirchenmauern, wurde reflektiert, zurückgeworfen und erfüllte das riesige, hohe Schiff mit ihrem scharfen Klang.
Wie zur Antwort flammten plötzlich weiter vorne unzählige Kerzen auf. Als hätte ein Zauberer in die Hände geklatscht in der Absicht, sein Publikum mit diesem kleinen Showeffekt zu überraschen.
Der goldene Schein der vielen Lichter verteilte sich samtweich im Ostteil der Basilika, beleuchtete die glatten Bodenplatten, den mächtigen, mit einem weißen Tuch und Blumen bedeckten Altar und das dahinter aufragende, große Holzkreuz mit seiner sakralen Last.
Mit seiner
schauerlichen Last, wie ich mich entsetzt korrigieren musste, denn nicht etwa der Leib Christi war es, der dort angepflockt an den großen, mächtigen Balken hing, sondern ihrer ... Marys!!!
Nackt, blutüberströmt, die langen, schokoladenbraunen Haarsträhnen der Persiflage eines Schleiers oder der Flügel eines Engels gleich mit am Querbalken fixiert, den Blick gequält und angstvoll auf mich gerichtet.
„Geh!!!!“, flüsterte sie mir mit gebrochener Stimme zu, welche ich aufgrund der hervorragenden Akustik des Gebäudes nur allzu gut verstand. „Lauf, Dan!! Das ist eine Falle!!“


’... Das ist eine Falle ...!!’ - Schreiend fuhr ich aus dem Schlaf hoch und starrte mit schreckgeweiteten Augen auf die mir in völliger Dunkelheit gegenüber liegende Wand. Mehrere Sekunden lang, ehe mir klar wurde, wo ich war.
In einem Bett, in einem Hotelzimmer in Paris.
Nicht in Moskau, nicht in dieser Kirche ...
Geräuschvoll atmete ich aus. Ich schloss die Augen, schlug die Hände davor, rang um Fassung.
Mein Herz klopfte mir hart im Hals, und ich spürte, wie meine Augen zu brennen begannen.
Wenn ich es doch nur gekonnt hätte!!
Wenn ich doch nur endlich um sie hätte weinen könnte, vielleicht hätte das etwas in mir gekittet.
Aber in all den Jahren, die zwischen Moskau und dem Jetzt lagen, waren meine Augen trocken geblieben. Lediglich der scharfe Schmerz ungeweinter Tränen zeugte davon, dass das blutrünstige Tier des Kummers tief in meinem Inneren weiter lebte, auf den Moment wartend, wo es wieder unvermutet hervor brechen konnte. In Augenblicken, wo mein Geist unkontrolliert von meinem Bewusstsein in die Vergangenheit strebte und mir jede Einzelheit von damals in grausamer Klarheit vor Augen führte. Wo es mein Herz aufs Neue zerriss und mich wieder und wieder sterben ließ.
'Mary ...!'
Ein heftiger Schauder durchrann meinen schweißgetränkten Körper, als ich die feuchte Bettdecke zurück schlug und mich auf die Bettkante setzte. Wieder wollte sich das Bild des Kreuzes vor mein inneres Auge schieben, doch diesmal ließ ich es nicht zu. Verdrängte es vehement, wohl wissend, dass es unnütz war, da es wiederkommen würde, so lange ich lebte.
Erschöpft fuhr ich mir mit beiden Händen durchs Gesicht, dann durch meine Haare, und schließlich stand ich schwerfällig auf. Es hatte keinen Sinn, in dieser Nacht noch auf Schlaf zu hoffen, und so machte ich das, was ich in Nächten wie diesen meist zu tun pflegte, um wieder Ruhe zu finden: Ich zog mich an, steckte meine Waffen ein und begab mich auf die Jagd. Wieder einmal.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Sa 9. Jan 2010, 21:29 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Die kalte Atlantikluft schlug mir unvermutet eisig entgegen, als ich die Tür des Hotels öffnete und die paar Stufen hinunter zur Straße mit zwei großen Schritten nahm. Ich fror. Um so mehr, da mein Körper immer noch feucht von Schweiß war, denn ich hatte mir nicht die Zeit genommen, mich nach dem alptraumgeschwängerten Schlaf noch zu duschen.
Bloß raus, unter Menschen! Kein Nachdenken, keine Grübeleien. Und vor allem keine weiteren Träume!

Fröstelnd schlug ich den Kragen meiner Lederjacke hoch und ging den menschenleeren Bürgersteig entlang. Ein kurzer Blick auf die Uhr: zwanzig nach eins. Kein Wunder, dass außer mir fast niemand unterwegs war. Diese Gegend war zwar Innenstadtbereich, aber dennoch eines der ruhigeren Viertel.
Tief atmete ich die frische Meeresluft ein – und verzog sofort das Gesicht vor Schmerz.
Die Rippen!
Die hatte ich jetzt fast vergessen. Obwohl sie sich eigentlich bei jeder Bewegung nachdrücklich in Erinnerung brachten. An was man sich alles gewöhnen konnte ...!
Unwillkürlich fuhr ich mit meiner Rechten unter die Jacke und betastete den entsprechenden Bereich. Gleiches hatte ich bereits nach meiner Rückkehr ins Hotel getan, gründlicher, im Bad auf dem Gang. Nachdem ich die dicke Schramme notdürftig verarztet hatte, die meine Stirn seit dem Aufprall auf den müllübersäten Hallenboden zierte und ehe ich mir den Dreck und den Fischgestank vom Körper gespült hatte. Ich war mir sicher, dass ich mir nichts gebrochen, sondern meine Knochen lediglich geprellt hat. Aber das reichte vollkommen.

Im Grunde war ich dankbar für den Schmerz. Denn er überlagerte den anderen. Beschäftigte mich für den Moment und verhinderte, dass ich mir hinter der nächsten Ecke die Pistole an den Kopf setzte.
’Ganz ruhig, Junge!! Das bekommst du wieder in den Griff. Wie so oft!’
Mein Blick geriet entschlossen, meine Schritte fester. Ich musste nur tun, wozu ich hergekommen war. Ich musste sie finden. Und je mehr ich von ihnen töten würde, um so besser! Desto größer meine Aussicht auf einen ruhigen Schlaf.
Zielstrebig steuerte ich den Alten Hafen an, die Amüsiermeile La Rochelles mit ihren Bars, Restaurants und Bordellen. Wenn ich eines wusste von ihnen, dann, dass sie sich am liebsten dort aufhielten. Ich hatte jetzt zwar keinen konkreten Anhaltspunkt wie heute morgen, denn mein Auftraggeber hatte mir keine diesbezüglichen neuen Daten übermittelt, aber ich vertraute meinem Instinkt und meiner jahrelangen Erfahrung.
So sicher, wie ich seekrank wurde, so sicher würde ich im Rotlichtmilieu auf den einen oder anderen Blutsauger treffen.
Und dann sollte Gott ihnen gnaden!

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Sa 9. Jan 2010, 22:05 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Je näher ich den zahlreichen Bars und Nachtclubs kam, um so belebter wurde die Gegend und um so aufmerksamer wurde ich selbst. Abschätzend taxierte ich jedes entgegen kommende Gesicht, musterte Augen, Teint, Hände. Vier Jahre im „Geschäft“ hatten meinen Blick geschärft, und ich wusste genau, worauf ich achten musste, um einen Blutsauger zu identifizieren.
Laut der Information, die mir mein Auftraggeber hatte zukommen lassen – vor gut einer Woche, als ich den Job angenommen hatte – hatte sich eine beträchtliche Anzahl Vampire in La Rochelle eingefunden. Der Grund dafür war unklar, aber offenbar hatte irgendetwas sie nervös gemacht, sie aufgescheucht. Das herauszufinden war er hier. Und natürlich, um so ganz nebenbei die Zahl der Blutsauger zu dezimieren, was sich von selbst verstand für einen Vampirjäger.
Eine beträchtliche Anzahl Vampire bedeutete jedoch nicht im herkömmlichen Sinne, dass jeder zweite Passant nun zwangsläufig einer von ihnen sein musste. Im Gegenteil, beträchtlich war es schon, wenn sich mehr als fünf in einer Stadt aufhielten. Denn die Zahl der Vampire an sich war nicht besonders groß, bedingt durch einen kleinen „Ausraster“, den ihre Königin seinerzeit gehabt und der dazu geführt hatte, dass die meisten von ihnen vernichtet worden waren. Abgesehen davon handelte es sich bei ihnen in der Regel um Einzelgänger mit sehr ausgeprägtem Revierverhalten. Beides Umstände, die ein Auftreten in Massen unwahrscheinlich machten.
Ich konnte mir also nicht einmal sicher sein, diese Nacht überhaupt einem von ihnen zu begegnen. Ohne konkreten Hinweis reine Glücksache. Aber da die einzige Alternative zu dieser ungeplanten Jagd eine durchwachte Nacht mit zuviel Schmerz und Grübelei war, nahm ich das Risiko des Misserfolgs gerne auf sich.

L’Odyssée ...
Der Name prangte in roter Leuchtschrift über einem glaspalastähnlichen Eingang, vor welchem sich vergnügungssüchtiges Volk drängte. Wenn schon, denn schon. Ich wusste sehr gut, dass es für die Unsterblichen um so interessanter war, je bunter, je lebendiger es zuging. Und dieser Laden hier schien vor Lebendigkeit nur so zu platzen. Also begab ich mich zum Eingang, ließ dezent einen Zwanzig-Euro-Schein von meiner Hand in die des Türstehers wechseln und betrat den Club sogleich, ohne auf die empörten Zurufe der Wartenden zu achten, die in zwei langen Doppelreihen vor der Tür auf Einlass harrten.
Neonblitze, Schwarzlicht und ein Höllenlärm empfingen mich, als ich den Saal betrat, der den eigentlichen Club darstellte. Und weckten in mir das spontane Bedürfnis, auf dem Absatz kehrt zu machen und den Schuppen so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Techno-Sound, der einem in den Ohren schmerzte und dessen monotoner Takt ein dumpfes Echo in der Magengegend erzeugte, zuckende Leiber, wohin ich auch sah und eine Luft, die ich mit Sicherheit noch nicht einmal mit meinem Messer hätte durchschneiden können, hätte ich es darauf angelegt: Heiß, stickig und mit einer Mischung aus Nikotin, Alkohol und dem süßlichen Gestank von Trockeneis.
Nicht gerade das, was ich unter Freizeitvergnügen verstand. Aber zum Vergnügen war ich ja auch nicht hier.
Es dauerte keine zwei Minuten, und schon lief mir der Schweiß den Rücken hinab. Doch verzichtete ich darauf, meine Lederjacke auszuziehen. Es war einfach zu offenkundig, dass ich bewaffnet war. Es hätte keine zwei Minuten gedauert, bis man mich hinaus geworfen hätte. Dann also doch lieber die Sauna. Aber das war ich ja schon gewöhnt.
„Hi Süßer – so allein hier?“
Zwei Frauenhände nutzten die Enge des Gewühls und schoben sich frech unter meine geöffneten Jackenhälften. Zielstrebig legten sie sich um meine Taille. Auf der Stelle umschloss ich die Handgelenke der kurzhaarigen, schwarz gefärbten Punkgöre mit festem Griff und drückt sie von mir weg. Nicht unfreundlich, aber entschieden.
„Sie verwechseln mich sicher mit jemandem, Mademoiselle“, kommentierte ich das aufdringliche Verhalten des Mädchens trocken – es war mir nur allzu klar, dass es sich hier in keiner Weise um eine Verwechslung, sondern vielmehr um eine plumpe Anmache handelte, wahrscheinlich begünstigt durch einen Cocktail aus Alkohol und irgendwelchen Modedrogen – und schob mich an der enttäuscht dreinblickenden jungen Frau vorbei, die sich jedoch schnell neu orientierte und sich dem nächsten Objekt ihrer Begierde an den Hals warf. Ein Griff zur Innentasche, und ich seufzte erleichert auf. Das Portemonnaie war noch da, und an meine Waffen hatte ich sie erst gar nicht heran kommen lassen. Anscheinend hatte sie wirklich nur Ausschau nach einem kleinen Abenteuer gehalten.
Endlose Minuten später hatte ich mich endlich bis zur Bar durchgekämpft, und eine weitere Viertelstunde darauf hatte der Typ dahinter sich dann auch mal dazu herabgelassen, meine Bestellung entgegen zu nehmen. Das Bier hatte dann erfreulicherweise nur kurz gebraucht, um frisch gezapft und erfrischend kalt vor mir auf dem Tresen zu erscheinen. Ich nahm einen tiefen Schluck und leerte damit auf Anhieb die Hälfte des Glases. Dabei drehte ich mich mit dem Gesicht zum Gewühl, einen Arm auf die Theke gestützt, und musterte die Tanzenden mit scharfem Blick. Ich hatte keine Gewissheit, in diesem Laden auf einen Blutsauger zu treffen. Aber ich hatte so ein Gefühl. Und das hatte mich noch nie getrogen.

Zwei Biere später war ich mir sicher, fürs Leben hörgeschädigt zu sein. Wenn ich geglaubt hatte, dass die Musik laut gewesen war, als ich das L’Odyssée betreten hatte, so hatte ich inzwischen die Feststellung machen müssen, dass die Anlage zu noch sehr viel mehr fähig war als eingangs angenommen. Der Rhythmus des Krachs vibrierte nicht nur in meinem Bauch nach, sondern ließ mittlerweile sogar die Gläser auf der Theke hüpfen. Unwillkürlich fragte ich mich, wie viele der Dinger im Laufe der Zeit aus diesem Grund wohl schon zu Bruch gegangen waren.
Gereizt griff ich in die Außentasche meiner Lederjacke und förderte ein zerdrücktes Päckchen Benson & Hedges zutage, dessen Inhalt bedenklich zur Neige gegangen war. Ich entzündete eine der Zigaretten und blies den Rauch von mir fort.
Gnenau in diesem Augenblick sah ich ihn!
Beziehungsweise sie, denn wie unschwer an dem lasziv schönen Gesicht und den üppig zur Schau gestellten Reizen erkennbar war, handelte es sich um einen weiblichen Vampir.
Die langen, schwarzen Haare schillernd, als wären sie aus einer fremdartigen Seide gesponnen, das weiße Gesicht statuenhaft starr, die Augen von einem intensiven Glühen, das keine Kontaktlinse der Welt hätte zuwege bringen können. Und umgeben von einer Schar balzender Kerle, die mit schmachtenden Augen an der schönen Erscheinung hingen und sich im Bemühen, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, gegenseitig übertrumpften.
’Hormongesteuerte Schwachköpfe!!’
Mein Blick schweifte weiter, betont desinteressiert. Aber aus den Augenwinkeln fuhr ich fort, die Blutsaugerin zu beobachten, und als sie schließlich mit einem der Männer – ihrem erwählten Opfer – im hinteren Teil des Clubs verschwand, legte ich eilig einen weiteren Zwanzig-Euro-Schein auf die Theke und folgte ihnen. Mein zweites Bier ließ ich halb leergetrunken stehen.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Sa 9. Jan 2010, 23:36 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Ich hatte angenommen, dass die Vampirin mit ihrem dusseligen Opfer in einem Separée verschwinden würde, und meine Erwartung wurde nicht enttäuscht. Eine Tür schloss sich hinter ihnen, doch als ich den beiden folgen wollte, schoben sich mir plötzlich von links und rechts zwei bullig wirkende Typen in den Weg und versperrten mir selbigen mit finsterem Blick. Eindeutig nicht-vampirischem Blick, übrigens ... es handelte sich bei den Kerlen um die üblichen Kanten, die vor und in Bars zu finden und in der Regel dazu angestellt waren, Unruhestifter an die frische Luft zu setzen oder gar nicht erst hinein zu lassen. Viel Muskeln, wenig Hirn. Eigentlich kein großes Hindernis, wenn man über genügend finanzielle Überzeugungskraft verfügte. Noch hatte ich ein paar Scheinchen in meiner Brieftasche. Jedoch nicht mehr allzu viele, da ich bereits zweimal gezwungen gewesen war, sie locker zu machen. Meine Laune sank also vom Nullpunkt in den Minusbereich, als ich mein Geld zum dritten Mal zückte.
"Lass stecken, Mann!"
Stirnrunzelnd sah ich den linken der beiden Muskelberge an, dessen tiefer Bass mich in meiner Bewegung hatte innehalten lassen.
"Du kommst hier nicht rein."
"Ach nein?"
Das war ungewöhnlich. Normalerweise taten solche Typen für Kohle alles. Außer, es handelte sich bei der Vampirin um die Besitzerin des Ladens, die diesen beiden Bulldoggen strenge Anweisung gegeben hatte darauf zu achten, dass ihre Privatsphäre beim Trinken auch privat blieb. Oder aber der Besitzer des Clubs war ein anderer Vampir, der es seinesgleichen hier ermöglichte, ungestört ihren widerwärtigen Neigungen nachzugehen. Dachte ich wenigstens. Wie weit abseits ich mit diesen Spekulationen von der Wahrheit lag, konnte ich in diesem Moment noch nicht ahnen.
"Nein! Und jetzt scher dich weg! Ehe ich dir deine Nase ins Hirn ramme!"
Ich glaubte dem Kerl aufs Wort, dass er gewillt war, seine Ankündigung in die Tat umzusetzen. Aber nicht nur das brachte mich dazu, nach einem letzten Blick auf die geschlossene Tür kehrt zu machen und wieder zur Theke zurückzugehen. Selbst wenn ich es geschafft hätte, beide Kanten zu überwinden - und das möchte ich mal bezweifeln, denn ich bin nicht Superman, sondern nur ein kleiner Vampirjäger - hätte ich doch so viel Aufsehen erregt, dass es mir nicht mehr möglich gewesen wäre, den Raum unauffällig zu betreten und die Vampirin zu erledigen. Ich musste mein Vorhaben also vorerst aufgeben und es in Kauf nehmen, dass wieder einmal ein Unschuldiger starb. Doch nahm ich mir vor, die Tür von der Theke aus im Auge zu behalten. Irgendwann musste dieses Miststück von Vampir ja wieder heraus kommen, und ewig würde sie sich hier ganz sicher auch nicht aufhalten. Ich würde an ihr kleben bleiben wie ein Kaugummi am Schuh, und sobald sie den Laden hier verlassen hätte, würde ich sie draußen alle machen. Dachte ich. Und lag wieder einmal falsch. Was ich in diesem Moment jedoch ebenfalls nicht ahnen konnte.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 10. Jan 2010, 00:25 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Wie gut, dass mein Hirn dafür noch ziemlich gut funktionierte! Denn sonst hätte die CIA am nächsten Tag einen neuen Agenten aus dem Ärmel schütteln müssen ... wo ihre jetzige Mitarbeiterin gerade zur hypnotisierten Maus mutiert war, die mit der Schlange tanzte.

Ich hatte die beiden verhältnismäßig schnell ausgemacht. Eigentlich weniger wegen Coles mir bekannter, attraktiver Erscheinung, sondern viel mehr aufgrund meines siebten Sinnes, der zu jeder Zeit empfänglich war für untote Sendewellen. Und die schwappten, kaum dass ich meinen vorherigen Platz am Tresen wieder eingenommen hatte, so plötzlich über mich hinweg, als hätte man mir von der Tanzfläche aus einen Eimer Wasser ins Gesicht gekippt. Warum in dieser Heftigkeit, wo ich meine Fühler doch zuvor hatte ordentlich ausstrecken müssen, um vampirische Präsenz zu orten? Das lag an dem, was der Blutsauger gerade mit Cole anstellte: dieses Einlullen, das den eigenen Willen völlig auslöscht, um Platz zu machen für den Willen des Vampirs, dieses Umgarnen, um das Opfer glauben zu machen, es gäbe nichts Schöneres auf der Welt, als in den Armen so eines Freaks zu liegen, Manipulation, Beschwichtigung, Sehnsucht, Lust, Begierde ... das ganze Programm eben, das diese Biester abziehen, um ihren Snack in spe willig zu machen. Das ist für mich, wie wenn jemand die Lautstärke von acht auf achtzig Dezibel dreht. Oder mir ins Ohr schreit, wo vorher nur geflüstert wurde.
Mit anderen Worten, der blutleere Typ mit dem irren Blick hatte meine Aufmerksamkeit sofort. Und ich in meinem Frust über die verpasste Möglichkeit, die Vampirin von vorhin zu töten und ein Menschlein vor dem Tod zu bewahren, reagierte auch sofort. Mit festen Schritten hielt ich auf die beiden zu, in der Absicht, die paralysierte Tanzpartnerin abzuklatschen und mit ihr nach draußen zu tanzen, um den Vampir zu bewegen, uns zu folgen. Und es war erst kurz, bevor ich die beiden erreichte, als ich erkannte, wer da bei ihm auf dem Speiseplan stand!
"Sieh an, wen haben wir denn da?"
Meine Überraschung hatte mich nicht im Schritt innehalten lassen, und sie dämpfte auch nicht meine Entschlossenheit. Ich möchte mal sagen, im Gegenteil!
"Na wenn das nicht Miss Undercover ist!"
Beide waren so in ihr Tun vertieft gewesen - der Vampir damit, ein Netz aus Wolllust und Sehnsucht zu stricken und Cole damit, daran kleben zu bleiben - dass ich die leicht bekifft aussehende Agentin mühelos aus dem Griff des Vampirs befreien und in meine Arme ziehen konnte. Sogleich drehte ich mich mit ihr weg und tanzte in eine andere Richtung, wohlwissend natürlich, dass ich den Blutsauger nur überrumpelt und nicht abgeschüttelt hatte. Letzteres lag aber auch gar nicht in meiner Absicht.
"Hat Ihre Mama Ihnen nicht beigebracht, sich von fremden Männern fern zu halten?"
Coles Blick hatte immer noch etwas leicht Schläfriges, aber inzwischen lag auch Irritation darin und - natürlich - auch ein gewisses Maß an Unwillen. Wie hatte ich mich nur erdreisten können, sie von ihrem Liebsten wegzureißen? Ja, wie hatte ich nur? Und was würde dieser "Liebste" jetzt als nächstes tun? Mich von hinten packen und quer durch den ganzen Laden schmeißen? Oder wie ein Pilz neben uns aus dem Boden schießen und sich sein Abendessen zurückholen? Ich war auf alles gefasst, auch darauf, dass es hier noch mehr von seiner Sorte gab. Hatte ich vorhin noch geglaubt, fünf Vampire in einer Stadt wäre eine beträchtliche Anzahl? In diesem Augenblick hatte ich das Gefühl, ausschließlich von Vampiren umgeben zu sein, die sich gleich allesamt auf mich stürzen würden.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 10. Jan 2010, 01:43 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Ich war ganz froh, dass der Blutsauger sich für die dezente Tour entschieden hatte und mir ein Querfeldeinflug im Club erspart geblieben war. Nicht nur wegen meiner Knochen, die mir natürlich lieb sind und sowieso schon genug abbekommen hatten, sondern auch, weil es mir die Gewissheit gab, dass die anderen Gäste wohl doch meistenteils normale Menschen gewesen waren. Wäre dem nicht so gewesen, hätten Cole und ich es wohl kaum lebend bis auf die Straße geschafft.

Aber hier waren wir nun mal, und ich sorgte dafür, dass wir uns auch verhältnismäßig schnell in Abgeschiedenheit befanden, denn es war klar, dass der Vampir uns folgen würde. Wer lässt sich schon gerne sein Abendessen vor der Nase wegschnappen?
Also lief ich mit Cole an der Hand in die nächsten Seitenstraße hinein, in der es menschenleer war und so ruhig, dass ich glaubte, die Stille in meinen Ohren dröhnen zu hören - was natürlich nur die Nachwirkung der akustischen Umweltverschmutzung war, der ich zu lange ausgesetzt gewesen war. Kaum jedoch waren wir allein, als Monsieur Dracula sich hinter Cole manifestierte und die Herausgabe seines Snacks forderte. Ich wusste, ich musste jetzt schnell handeln, denn wir hatten uns noch nicht weit vom Trubel entfernt, und es konnte jeden Moment einer um die Ecke kommen.
"Denkst DU!", schleuderte ich dem Spitzzahn entgegen, riss an Coles Handgelenk und brachte sie hinter mich, ehe der Vampir reagieren konnte. Cole schrie auf - wahrscheinlich sowohl vor Überraschung als auch vor Schmerz, denn ich war nicht gerade zimperlich mit ihr umgesprungen - doch überging ich das jetzt, denn schließlich war ich dabei, meinen Job zu machen und damit ihr Leben zu retten. Bei so was bleibt nicht viel Zeit für Sentimentalitäten. Ich griff unter meine Jacke und zog eilig meine Waffe hervor: Nein, weder meine SIG, noch meinen Flammenwerfer, es war das kleine Fläschchen mit der blauen Flüssigkeit, das ich am Hafen von La Rochelle bereits zum Einsatz gebracht hatte, welches ich jetzt dringend brauchte. Und dessen Stöpsel ich mit dem Daumen aufploppen ließ, im gleichen Moment, wo ich wieder zu Cole herumwirbelte ... der Vampir hatte nämlich in seiner ihm eigenen Art blitzschnell auf meine "Aus-dem-Weg-Cole"-Aktion reagiert und war der hübschen Agentin hurtiger gefolgt, als es für normale, menschliche Augen wahrnehmbar war. Zum Glück war ich aber nicht ganz normal, und zum Glück hatte ich Erfahrung mit solchen Kreaturen. Ich hatte bereits in dem Moment gewusst, dass der Kerl Cole hinterher springen würde, als ich sie ihm entrissen hatte. Jetzt stand er wieder neben ihr, und man könnte nun behaupten, die ganze Sache wäre sinnlos gewesen. Aber ich hatte ein wenig Zeit gewonnen. Und mein kleines Fläschchen mit dem blauen Inhalt - auch bekannt unter dem Namen "Brandbeschleuniger" - zücken können. Diesen Brandbeschleuniger ließ ich nun in einem hohen, im Licht der Straßenlaternen schwarz wirkenden, glitzernden Bogen auf den Vampir regnen. Dieser erstarrte kurz zur Salzsäule ... was weiß ich, was er erwartet hatte, das ihn nun zersetzen würde. Als sich aber nichts tat und das dunkle Nass ohne Wirkung blieb, verzog sich sein Gesicht zu einer höhnischen Fratze, und er begann mich auszulachen.
"Was soll das sein? ... WEIHwasser etwa??"
Wieder lachte er los. Hämisch, weil er mein Tun für einen guten Witz hielt. Und selbstgefällig, weil er zu wissen glaubte, dass ich ihm weiter nichts anhaben konnte und sich in seiner Macht sonnte. So selbstgefällig, dass er nicht einmal etwas dagegen unternahm, als ich Cole am Arm packte und ein zweites Mal von ihm wegzog.
"Huh! Huuuh!! ... Ich schmelze, ich zerfliiieße!!", proklamierte er theatralisch und tat dabei so, als ob er tatsächlich schrumpfte. "So ein Schmerz!! So ein SCHRECKLICHER Schmerz!!", höhnte er weiter. "NIMM ihn mir, ich BITTE dich!!! Mach meinem Leben ein ENDE! Ich halte das nicht mehr AUS!!"
"Kannst du haben, du Freak", lautete meine trockene Antwort, dabei zog ich meinen Flammenwerfer unter der Jacke hervor. Einen "WOOUUUUSCH!!!" später schrie der Kerl in echter Qual, als sich nämlich die weißbläulichen Flammen eines alles versengenden Feuers fauchend in seinen Körper fraßen und ihn zu einer lebenden - oder besser gesagt, untoten - Fackel verwandelten.
"KOMM!!", rief ich Cole über den Lärm, den das Feuer machte, zu, riss ihr erneut am Arm und zog die völlig Paralysierte eilig vom Ort des Geschehens davon. Nicht mehr lange, und es würde hier nur so von Menschen wimmeln. Und Polizei natürlich. Und ich hatte nicht die geringste Lust darauf, für das, was ich getan hatte, in den Bau zu wandern.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 10. Jan 2010, 12:59 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Ich hätte es im Voraus wissen müssen, dass Cole mir noch Schwierigkeiten machen würde. Und das nicht nur, weil sie von der CIA war, sondern weil sie ganz einfach der Typ Frau war, der Stress machte. Für so was hatte ich einen Riecher.
"Machen Sie jetzt keinen Fehler, Cole", warnte ich meine übereifrige Begleiterin und hob dabei die Hände samt Flammenwerfer in die Höhe. Ihrer Aufforderung, mich umzudrehen und an die Wand zu stellen, kam ich allerdings nicht nach. Mir lag nämlich viel daran, weiterhin meine Umgebung im Auge behalten zu können - wer wusste schon, wie viele von den Blutsaugern sich hier wirklich herumtrieben.
"Ich habe Ihnen gerade Ihren Arsch gerettet! Klar? Der Kerl hatte Sie doch schon völlig in seinem Bann, und wenn ich nichts unternommen hätte, lägen Sie jetzt mit aufgerissener Kehle im Rinnstein!"
Es war klar, dass der Zeitpunkt gekommen war, Cole über die Existenz der Vampire im Allgemeinen und meine Aufgabe im Speziellen zu informieren. Allerdings wusste ich jetzt schon, dass sie mir nicht den geringsten Glauben schenken würde. Wie gesagt, der Typ Frau, der Stress machte.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 10. Jan 2010, 16:02 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Ich hatte es ja gewusst. Genauso gut hätte ich behaupten können, der Kerl wäre ein Außerirdischer gewesen und hätte vorgehabt, Cole in eine andere Galaxis zu entführen. Aber wenigstens hatte sie nicht gelacht, so wie es dieser Depp Inspector Fielding und seine feinen Kollegen von Scotland Yard getan hatten. Ein kleiner Trost, aber keine Hilfe.
"Ja, rufen Sie ruhig Inspector Lacroix an! Der wird mich einbuchten, und morgen früh bin ich wieder draußen", stimmte ich missmutig zu und nahm meine Hände wieder herunter, weil mir die Arme lahm wurden. Sofort riss Cole ihre Beretta wieder in die Höhe und zischte warnend. Ich hielt kurz inne und überlegte, ob sie schießen würde. Das verneinte ich dann aber gedanklich - die vom CIA waren die Guten, meistens jedenfalls, und ich machte schließlich keine Anstalten, sie aufzufressen, sondern wollte lediglich meine Waffe wieder einstecken ... da sie mich bisher noch nicht aufgefordert hatte, sie fallen zu lassen, ging ich davon aus, dass ich sie behalten durfte. Etwas ungewöhnlich zwar, aber es bestärkte mich in meinem Glauben, dass sie mich doch nicht für ganz so gefährlich hielt, wie sie tat.
"Hören Sie", mein Tonfall wurde beschwichtigend und schob dabei langsam meinen Flammenwerfer wieder an seinen Platz. Coles Augen verengten sich, überhaupt ihre ganze Gestalt versteifte sich, aber sie hielt mich nicht auf. Ermutigt durch ihre offenkundige Bereitschaft, sich doch noch die eine oder andere Erklärung anzuhören, fuhr ich zu reden fort, meine Hände wieder ein Stück in die Höhe genommen, allerdings in einer beruhigenden Geste und nicht in einer ergebenen. "Ich weiß ja, dass das für Sie schwer zu glauben ist. Vampire, Blutsauger ... das kennt man aus dem Fernsehen oder aus Büchern und hält es für Fiktion, für Märchen. Aber sie sind real. Verstehen Sie? Ich wollte das früher auch nicht glauben, Cole. Ich war genauso wie Sie. Aber dann ...", ich stockte, weil sich mir ein Bild vor Augen schob - das Bild einer gekreuzigten, blonden Frau in einer moskowitischen Kirche, nackt, aus vielen Wunden blutend, sterbend ... Mary ... - Tief durchatmend setzte ich noch einmal an. "Aber dann geschah etwas in meinem Leben, das mir die Augen öffnete. Das mir aufzeigte, dass sie keinesfalls Märchengestalten sind und ins Reich des Aberglaubens gehören. Ich ... dieses Geschehnis von damals war sehr schmerzhaft für mich. Es ...", wieder Abbruch. Es gelang mir einfach immer noch nicht, über Marys Tod zu sprechen. "Egal ... ich beschloss damals, sie zu jagen. Und sie zu töten, damit sie niemand anderem mehr Schmerzen bereiten können. Seitdem bin ich, was ich bin. Nennen Sie es von mir aus einen neuen Van Helsing. Oder Vampirkiller. Oder was auch immer, es ist mir gleich. Alles, was ich will, ist, diese Biester zur Strecke zu bringen. Einen nach dem anderen. Bis die Welt von ihnen befreit ist."
Eine Sisyphos-Arbeit, das war mir klar. Aber ich hatte ja sonst keine Hobbies.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Fr 1. Apr 2011, 20:04 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Das glaubte ich ihr aufs Wort! Ich war mir sogar längst sicher, dass "Hartnäckig" ihr zweiter Vorname war. Aber in diesem Fall war ihre Androhung unnötig - ich hatte gar nicht vor, ihr, wie sie gesagt hatte, zu entwischen. Ich war sogar ziemlich froh darüber, dass sie meinen Erklärungen so aufgeschlossen gegenüber stand. Das würde alles Weitere sehr erleichtern.
"Keine Sorge. Je eher Sie begreifen, um was es hier geht, desto länger bleiben Sie vielleicht am Leben."
Vielleicht. Vorausgesetzt, sie würde mir wirklich Glauben zu schenken ... und sich im Weiteren an meine Anweisungen halten. Aber irgendetwas in mir sagte mir, dass ich speziell auf Letzteres besser keine Wette abschließen sollte.
Ich ging mit ihr zurück. Nicht ganz an ihrer Seite, sondern einen halben Schritt voraus, weil sie es trotz ihrer Aufgeschlossenheit wohl vorzog, mich weiter im Auge zu behalten. Ich ignorierte es und schickte stattdessen meine Sinne in die Nacht hinaus, um nicht noch von einem weiteren herumstreunenden Blutsauger überrascht zu werden. Immerhin war es gut möglich, dass die Vampirin, der ich in den Club gefolgt war, diesen wieder verlassen hatte und nun opfersuchend durch die Straßen streifte. Oder vielleicht hatte der tote Misterkerl noch ein paar Kumpels in der Nähe. Die älteren Spitzzähne waren ja für gewöhnlich Einzelgänger, aber die jungen rotteten sich oft zusammen. Wie die Welpen ... zum Schutz vor den Alten, aus Spieltrieb, aus Orientierungslosigkeit ... die Tatsache, dass der Club kein ausschließlicher Vampirclub gewesen war, bedeutete nicht, dass es in seiner Umgebung sicher war.
Diverse Minuten später hatten wir den "Tatort" wieder erreicht. Offenbar waren das Abfackeln des Drecksacks und seine darauf begründeten Schreie dank der Musik des Clubs, die selbst hier noch abartig laut war, unbemerkt geblieben - die Gasse war menschenleer, und lediglich eine schwache, himmelwärts strebende Rauchwolke sowie ein brenzliger Geruch verrieten, was hier Momente zuvor geschehen war.
"Glauben Sie mir jetzt?", fragte ich Cole und deutete auf die schwarzverkohlte Stelle auf der Straße, an der der Untote von den Flammen aufgefressen worden war. Sie war so groß wie ein am Boden liegender Mensch und hatte auch ungefähr die gleichen Umrisse - doch lag niemand mehr dort, keine schwelenden Knochen, kein geschmolzenes Fleisch und keine zu Leder verschrumpelte Haut. Lediglich ein Häufchen Asche, in das der Nachtwind zart griff, war noch zu sehen.
"Wäre er aus Fleisch und Blut gewesen, wäre noch sehr viel mehr von ihm übrig. Meinen Sie nicht?"

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 3. Apr 2011, 22:28 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Ich merkte erst an meiner sich plötzlich einstellenden Erleichterung, dass ich Coles Reaktion mit Anspannung abgewartet hatte - war schon irgendwie komisch, normalerweise war's mir ziemlich schnuppe, was andere beim Thema Vampire dachten.
"Ne Menge Fragen auf einmal. Und Sie sollen Ihre Antworten erhalten. Aber nicht hier!"
Es war anzunehmen, dass die "Verwandtschaft" dieses verkohlten Freaks mitbekommen hatten, dass sich einer von ihnen für immer verabschiedet hatten. Dafür hatten diese Biester einen Riecher. Ich hielt es für ratsam, erst mal ein wenig Abstand zwischen diesen Ort und uns zu bringen. Darum griff ich umstandslos nach Coles Hand und zog sie zum Trubel vor dem Club zurück. Nein, nicht, weil ich gerade zum Gefahrensucher mutierte, sondern weil es da Taxis en masse gab und ich das für die einfachste und schnellste Methode hielt, um von hier zu verschwinden.
Es dauerte nicht lange, und wir saßen in einem beigefarbenen, alten Mercedes 190 D, der von einem fröhlich vor sich hin singenden Algerier oder Marokkaner oder weiß der Geier, woher der Typ kam, gelenkt wurde. Wenige Minuten später lud dieser uns vor unserem Hotel ab und fuhr, nachdem ich ihn großzügig bezahlt hatte, mit quietschenden Reifen wieder an. Dabei drehte er sein Radio, aus dem bis zuvor leise arabische Musik gedudelt war, so laut auf, dass ich glaubte, mich auf einem orientalischen Basar direkt unterhalb einer Moschee zu befinden, auf deren Turm ein Muezzin lauthals sein "Allah il Allah" durch Lautsprecher verstärkt gen Osten brüllte. Dass es mitten in der Nacht war und die meisten Menschen bereits schliefen, schien unseren Chauffeur nicht im geringsten zu stören.
Nach einem kurzen, vielsagenden Blickwechsel mit Miss CIA ging ich kopfschüttelnd die Stufen unseres Hotels hinauf, klingelte den Portier aus seinem Rezeptionsschlummer und stieg im Anschluss daran weitere Stufen hinauf, bis ich vor der Tür meines Zimmers stand. Ich schloss auf, knipste das Licht an und trat ein.
"Setzen Sie sich", forderte ich meinen Gast auf, während ich mich aus meiner Jacke pellte und sie achtlos auf das durchwühlte Bett warf. Cole kam meiner Einladung nach. Ich zog die Gardinen zu und ließ mich ebenfalls auf einem der beiden Stühle am Tisch nieder.
"Jetzt zu Ihren Fragen ... - Nein, ich denke nicht, dass das der Mörder war, den ich da vorhin gegrillt habe. Und ja, es gibt definitiv noch mehr vn diesen Vampiren. Viel zu viele für meinen Geschmack. Wie man sie bekämpfen kann? Mit Feuer und/oder der guten, alten "Rübe ab!"-Methode. Die Jüngeren auch mit Sonnenlicht .. sprich UV-Bestrahlung. Und Narkotika wie Laudanum ... aber da hört's auch schon auf. Vergessen Sie den ganzen Christopher-Lee-Kruzifix-und-Knoblauch-Scheiß! Fließendes Wasser nützt auch nichts. Und stellen Sie sich vor, sie haben Spiegelbilder!"
Das war Aufklärung in Kurzform, und ich wusste das. Aber zu mehr hatte ich den Nerv nicht mehr. Auf Coles Frage, die sie mir am "Tatort" zuletzt gestellt hatte - nämlich was sie nun in ihre Akte schreiben sollte - ging ich erst recht nicht mehr ein. War mir sowieso ziemlich egal, was sie der CIA erzählen würde. Sie war der Agent, nicht ich.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Mi 7. Sep 2011, 22:22 
Benutzeravatar
Zwerg
Zwerg
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:13
Beiträge: 57
Ich fragte mich kurz, ob Cole unter Schock stand, denn sie hatte mir ihre ganzen Fragen beinahe ohne Punkt und Komma gestellt. War sie es als CIA-Agentin denn nicht gewöhnt, anderen beim Sterben zuzusehen? In dem Moment, in dem ich mir diese Frage stellte, bemerkte ich zwei Dinge: Erstens, ich war ganz schön klischeebeladen, dass ich annahm, Menschen, die für die CIA arbeiten, würden alle Naselang mit dem Tod konfrontiert ... was nur daran liegen konnte, dass ich in meinem bisherigen Leben noch nie mit diesem Verein zu tun gehabt hatte. Zweitens, ich hatte vergessen, dass Cole in ihrem ganzen Leben noch nie mit dem Verein der Vampire f zu tun gehabt hatte und sie deshalb nun daran zu kauen hatte, das Geschehene zu verarbeiten. Sie tat es auf ihre Weise ... sie plapperte. Und verfiel ganz nebenbei ins vermutlich jahrelang antrainierte CIA-Muster, indem sie mich dabei auch noch ausquetschte.
Ich beschloss, ihre Fragen nach meiner Person zu ignorieren und ihr stattdessen ein paar weitere Wahrheiten über das Volk der Untoten nahezubringen. Es würde vielleicht einmal hilfreich sein.
"Sie können fliegen, ja. Und sie bewegen sich unglaublich schnell - zu schnell für menschliche Augen." Nicht zu schnell für meine, aber wie gesagt, ich hatte nicht vor, Cole zu viel von mir zu erzählen. "Darüber hinaus verfügen sie nicht nur über Telepathie, sie lieben sie geradezu. Es ist ihr Ding, wissen Sie ... ein Spiel. Sie lieben es zu manipulieren. Die Menschen nach ihrem Willen agieren zu lassen, als wären es Marionetten, an deren Fäden sie zupfen. Sie hypnotisieren sie geradezu. Wie die Schlange eine Maus. Und genau wie in meinem Beispiel aus dem Tierreich führt dieses Spiel in der Regel zum Tod. Wäre ich heute nicht gewesen, wären Sie jetzt die nächste ausgesaugte Leiche, die man gefunden hätte."
Es mochte sich eingebildet anhören, wie ich das sagte, aber für mich war es eine sachliche Feststellung. Der ich noch ein weiteres mögliches Szenario hinzufügte: "Oder - was noch schlimmer gewesen wäre - dieser Freak hätte Sie auf die Seite der Nacht geholt, indem er Sie ebenfalls in einen Blutsauger verwandelt hätte."
Ich stand wieder auf und ging zum Waschbecken, wo ich den Kaltwasserhahn aufdrehte und mir Wasser ins Gesicht spritzte. "In beiden Fällen wären Sie tot, das kann ich Ihnen versichern. Im zweiten nur etwas später, aber ich hätte mich Ihrer schon noch angenommen."
Wie spät war es eigentlich? Ich sah mit tropfnassem Gesicht und feuchtem, wirr in der Stirn hängendem Haar in den Spiegel über dem Becken und musterte den hohlwangigen Kerl mit den müde dreinblickenden dunklen Augen. Es schaffte mich mit jedem Mal mehr, wenn ich einen von ihnen tötete. Warum war das so? Starb dabei jedesmal etwas in mir mit? Oder war es die immer größer werdende Erkenntnis, dass, egal wie viele von ihnen ich auch zur Hölle schickte, es mir meine Marie doch nicht wieder bringen würde?

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 66 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1, 2, 3, 4, 5, 6  Nächste

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Gehe zu:  


Monstersmilies


cron
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de