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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Do 15. Sep 2011, 10:29 
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Diese Frage war rhetorischer Natur, und Cole wusste das. Natürlich war ich wenig begeistert von der Aussicht, nun einen Partner zu haben. Von jeher war ich ein Einzelgänger gewesen, und das traf nicht nur auf meinen Beruf zu, so war es auch in meiner Ehe gewesen, obwohl ich Mary mehr geliebt hatte als irgendetwas sonst auf der Welt. Ich eignete mich nicht zu einem "wir" - eine Tatsache, unter der meine Frau zu ihren Lebzeiten gelitten hatte, wie ich wusste, die ich aber trotz meiner intensiven Gefühle zu ihr nie hatte ändern können. Und nun sollte ich das einzige, was mir noch geblieben war - meine Arbeit, die ich hasste und zugleich liebte - mit einer Fremden teilen? Ich wollte es ablehnen. Es konnte mir doch egal sein, was mit Cole geschah. Ich hatte ihr die Augen geöffnet und sie somit gewarnt. Wenn sie diesen Fall nun unbedingt weiter verfolgen wollte, war das ihr Problem und nicht meines. Ich trug nicht die Verantwortung für ihr Leben, sondern sie selbst.
Doch ich konnte es nicht. So tun, als hätte ich alles in meiner Macht Stehende getan, um sie vor ihrem eigenen Untergang zu bewahren. Denn ich wusste, sie würde sich nicht von den Vampiren fern halten. Es war, wie sie gesagt hatte - ich hätte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können, ihr den Rücken zuzudrehen. Nicht einmal, wo sie mich so offensichtlich mit dem wenigen Guten, das es noch in mir gab, erpresste. Ich willigte also ein. Aber ich tat es mit Widerwillen.
"Also gut. Sehen wir uns den Club morgen Abend noch einmal gemeinsam an." Nach den heutigen Vorkommnissen war das ohnehin meine Absicht gewesen. Es war mir nämlich klar, dass ich dort in einen Bienenstock gestochen hatte. Warum mühsam auf einzelne Arbeiterinnen Jagd machen, wenn ich mir dort die Königin holen konnte? "Treffen wir uns also um zweiundzwanzig Uhr an der Hotelbar. Aber eines muss Ihnen klar sein: Ich bin es, der unser Vorgehen bestimmt. Sie werden nichts eigenes versuchen. Wenn ich Ihnen sage, dass wir wieder aus dem Club verschwinden, dann verschwinden wir! Wenn ich Ihnen sage, dass Sie in Deckung gehen oder allein abhauen sollen, dann tun Sie auch das! Keine Diskussionen, keine Superhelden-Nummern. Kriegen Sie das hin?"
Ich wischte mir mit dem Handtuch das tropfende Gesicht ab, während ich Cole scharf musterte. Sie nickte, ich tat es ebenfalls.
"Okay, dann bis morgen Abend."
"Bis morgen Abend."
Cole verließ mein Zimmer. Ich blickte ihr nach, bis die sich schließende Tür ihre Gestalt vor mir verbarg. Dann ließ ich mich auf mein Bett fallen, schloss die Augen und bemühte mich mir einzureden, dass ich richtig gehandelt und eine vernünftige Entscheidung getroffen hatte. Aber irgendwie wollte mir das nicht gelingen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 18. Sep 2011, 18:07 
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Irrlicht
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Gabriel hatte mir heute erlaubt, auf die Tanzfläche hinunter zu gehen. Ich hatte mich sehr darüber gefreut, denn normalerweise war er abgeneigt, mich unter die Leute zu lassen. Ich konnte ihn verstehen, weil ich ja nun einmal kein Mensch mehr war. Zumindest kein normaler Mensch. Ich war eine Bluttrinkerin und ich war Gabriel verpflichtet, weil er für mich sorgte. Und so ertrug ich alles, was er mit mir machte, weil er mich gleichzeitig auch beschützte. Es war sehr oft verletzend und erniedrigend, aber meine Dankbarkeit für seinen Schutz und seine Sorge war größer, als meine Trauer und mein Bedürfnis, ihn zu verlassen. Ich hatte keine andere Wahl, denn in der Welt dort draußen, wäre ich jämmerlich zu Grunde gegangen.
Ich hatte keinerlei Erinnerung mehr an mein normales Leben. Irgendetwas hatte meine Erinnerungen bis auf ein paar Bilderfetzen völlig ausgelöscht. Vielleicht war das gut so, denn es wäre sicherlich sehr schwer für mich gewesen, mich an die Vergangenheit zu erinnern. Alles, an das ich mich erinnern konnte, war der Augenblick gewesen, als Gabriel mich gefunden hatte. Ich war ihm vor sein Auto gelaufen und er hatte mich mit zu sich nach Hause genommen. Weshalb ich in dieser Nacht im strömenden Regen dort gewesen war, wusste ich ebenso nicht mehr. Ich wusste nur noch, was ich war und das musste genügen. Irgendwann würde auch dieses Leben enden und ab und zu ertappte ich mich dabei, dass ich dieses Ende herbei sehnte. Dies geschah oft in den Momenten, in denen Gabriel wie ein Tier über mich herfiel und mir sogar Schmerzen zufügte.
Aber heute war er großzügig und ich durfte tanzen gehen und mich mit anderen Leuten unterhalten. Natürlich war mir bewusst, dass er selbst mich genau dabei beobachten würde. Ebenso würden seine Männer mich sehr genau im Blick behalten, falls ich auf die Idee kommen würde, diesen Club zu verlassen. Aber das war nicht der Fall und so ging ich die Treppe hinunter, schaute dabei kurz zur Theke, dann aber direkt wieder zur Tanzfläche, welche mich magisch anzog. Das wichtigste war, dass Gabriel es mir gestattet hatte, heute hier zu jagen. Und er wollte dabei sein, wenn ich mein Opfer töten würde.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 7. Okt 2012, 19:38 
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Violette Lichter zuckten wie Blitze durchs Halbdunkel, im Rhythmus des hämmernden, monotonen Bass-Drums, der meinen Schädel gleich zum Platzen bringen würde. Wie ich diesen Rave-Scheiß hasste!
Mit konstant schlechter werdender Laune beobachtete ich das Geschehen um mich herum, das immer bunter wurde, je weiter der Abend vorrückte. Junge, schöne Menschen in teuren Klamotten tanzten lasziv zum überlauten Krach, den der DJ produzierte und erweckten den Eindruck eines zum Leben erweckten, stylischen Videoclips. Hätte ich mich nicht aus "beruflichen" Gründen in diesem abgehobenen Schuppen aufgehalten, ich hätte mich nirgendwo mehr fehl am Platz gefühlt als hier.
Doch ich hatte eine Aufgabe, und wegen dieser war ich genau am richtigen Platz.
Ich fühlte sie, die prüfenden Blicke, die mich immer wieder musterten. Hin und wieder sah ich sie auch ... irrisierend glühende Augen, die mich bis aufs Mark zu sezieren versuchten, es aber nicht schafften, in mein Innerstes zu sehen, da ich es ihnen nicht gestattete.
An diesem Abend interessierten sie mich nicht. Nicht die, die sich hier unten im Club tummelten. Sie waren gefährlich, ganz ohne Zweifel. Allein schon ihre Anzahl war ein Risiko. Sollten sie inzwischen herausgefunden haben, wer ich war, würde ich hier lebend wohl nicht mehr herauskommen. Doch Risiko gehörte zum Spiel. So war es seit jeher gewesen. Außerdem galt es, die Königin des Bienenstocks zu erwischen. Oder den König, auch wenn es einen solchen bei Bienen eigentlich nicht gab - aber Vampire hatten sich sowieso noch nie an die Gesetze der Natur gehalten. Erst einmal die Spitze ausschalten. Die Arbeiterinnen und Drohnen konnte ich mir später immer noch holen, eine nach der anderen. Jetzt, da ich wusste, wo sie sich trafen.
Ich nippte also erneut an meinem Bier, dann kramte ich nach meinen Zigaretten. Die Packung, die ich zu Tage förderte, war leer - Mist!
"Einmal Benson & Hedges! - BENSON & HEDGES!!!", rief ich der Barfrau über den Krach hinweg zu und deutete dabei helfend auf die Zigarettenbatterie im Regal hinter ihr. Sie nickte und reichte mir ein Päckchen. Ich riss es auf, warf die Plastikfolie in den Ascher vor mir, was mir prompt einen strafenden Blick der Bardame einbrachte, dann zündete ich mir eine Zigarette an und ließ meinen Blick erneut durch den Club schweifen. Wie so häufig in den letzten beiden Stunden verweilte er länger am Durchgang zum hinteren Teil des Clubs - dem Teil, an dem mich die beiden Kanten tagszuvor barsch abgewiesen hatten - und blieb schließlich zum ich weiß nicht wie vielten Mal an dem schwarzen, uneinsehbaren Glaskasten über der Treppe hängen. Der Höhle des Löwen, um einen weiteren Vergleich aus der Tierwelt heranzuziehen.
Nichts hatte sich dort gerührt, seit Cole und ich den Club betreten hatten. Niemand war hineingegangen, niemand herausgekommen, und ich begann mich langsam zu fragen, wie wir weiter vorgehen sollten. Ich hatte keinen Plan - den hatte ich nie, und das war auch gut so, denn ich war absolut Scheiße im Pläne schmieden und nur erfolgreich, wenn ich mich auf meine Intuition verließ. Ob Cole einen hatte, wusste ich nicht, aber ich bezweifelte es, denn erstens war mir schleierhaft, wie der hätte aussehen sollen - einfach hinaufgehen und die Tür eintreten wäre vermutlich sogar für die CIA zu plump - und zweitens tat auch sie seit zwei Stunden nichts weiter als hier herumstehen, aufdringlichen Typen Körbe geben und beobachten.
'Wie die beiden Alten aus der Muppet-Show', fuhr es mir sarkastisch durch den Kopf. Fehlten nur noch unsere blöden Kommentare.
Ich beschloss, meiner neuen "Partnerin" mitzuteilen, dass wir, sobald der Club schließen würde, draußen Beobachtungsposten beziehen sollten ... in der Hoffnung, dass der Obermacker den Laden mal verlassen würde. Zwar wussten wir nicht, wie er aussieht, aber ich verließ mich da auf meinen Instinkt. Typen, die sich für wichtig hielten, sah man das in der Regel auch an.

Doch ich kam nicht dazu, Cole meinen Vorschlag zu unterbreiten. Denn in diesem Augenblick sah ich sie, und die Welt stand für einen Moment still für mich.
"Mary ...", flüsterte ich, meinen Blick so starr auf die Frau gerichtet, die in diesem Moment die Treppe hinabschwebte, dass meine Augen zu brennen begannen. Oder brannten sie wegen dem Sturm an Gefühlen, der mich unvorbereitet traf?
Es konnte nicht sein. Sie war tot! Tot!! Und doch wusste ich mit einer Gewissheit, die noch mehr schmerzte als das unvorhergesehene Wiedersehen, dass sie es nicht war. Die eine Sekunde, in der ihr Blick meinen getroffen hatte, hatte ich erkannt, was sie war: ein Vampir!
Der Club begann sich um mich zu drehen, und mir wurde schlecht.
"Ich muss hier raus", keuchte ich in niemandes Richtung und stieß mich förmlich von der Bar ab. Wie ein Betrunkener taumelte ich durch die Menge hindurch in Richtung Ausgang, und die im violetten Licht zuckenden Gesichter vor mir verwandelten sich in höhnische Fratzen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Do 11. Okt 2012, 20:09 
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Und wieder flammten unzählige Kerzen auf, als hätte ein Zauberer in die Hände geklatscht. Wieder verteilte sich der goldene Schein der vielen Lichter samtweich im Ostteil der Basilika, wieder beleuchtete er die glatten Bodenplatten, den mächtigen, mit einem weißen Tuch und Blumen bedeckten Altar und das dahinter aufragende, große Holzkreuz mit seiner schauerlichen Last.
Nackt, blutüberströmt, die langen, blonden Haarsträhnen der Persiflage eines Schleiers oder der Flügel eines Engels gleich mit am Querbalken fixiert, den Blick gequält und angstvoll auf mich gerichtet sah sie auf mich herab und flüsterte mit gebrochener Stimme: „Geh! … LAUF, Dan!! Das ist eine Falle!“


Der Alptraum, einer grausigen Vergangenheit entsprungen, war erneut zur Realität geworden. Ich zitterte wie im Fieber, fror und schwitzte gleichzeitig, während ich dort draußen, unweit des belebten Clubeingangs, mit geschlossenen Augen an der Mauer lehnte und verzweifelt versuchte, ihr Gesicht aus meinem Kopf zu verbannen – umsonst, es hatte sich in meine Netzhaut eingebrannt, als hätte ich zu lange in die Sonne gesehen.
„… das ist DIE Chance.“
Eine Stimme drang wie durch Watte in meinen Verstand. Coles Stimme. Ich öffnete die Augen und starrte mit brennendem Blick in den schwarzen Nachthimmel. Die Frau neben mir konnte ich nicht ansehen, nicht in diesem Moment.
„Scheißegal, was es ist …“, antwortete ich ihr rau auf ihre Worte – sie hatte noch mehr zu mir gesagt, aber zur Hölle, ich wusste nicht, was. „Die Jagd ist beendet.“
Für heute? Für immer? Die Antwort kannte ich nicht. Ich wischte mir über meine Augen und wandte mich von Cole ab. Nur weg von hier! Weg von ihr! Ich musste Abstand gewinnen. Musste wieder zu klarem Verstand kommen. Hier war das undenkbar … wo nur eine Mauer zwischen ihr und mir war.
Scheinbar festen Schrittes ging ich in Richtung Hotel zurück – in Wirklichkeit aber fühlte ich mich wie ein Delinquent auf dem Weg zum Schafott. Mit dem Unterschied, dass ein Delinquent zu diesem Zeitpunkt noch lebte, während ich bereits gestorben war.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Do 11. Okt 2012, 20:49 
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Mir ist klar, dass Cole mir damals nur helfen wollte. Das Problem war aber, dass mir nicht zu helfen war und dass ich es auch gar nicht wollte. Mit einem heftigen Ruck entriss ich ihr meinen Arm und funkelte sie an.
"NEIN! ... Lassen Sie mich in RUHE! Ich brauch weder Kaffee noch Bemutterung!!!"
Mit diesen groben Worten ging ich weiter und ließ Cole einfach stehen. Ich wollte allein sein. Allerhöchstens die Gesellschaft eines guten, alten Freundes hätte ich ertragen ... die von Mister Johnny Walker. Der war nicht hier, aber der wartete im Hotel auf mich. Ich ging schneller. Gute Freunde lässt man schließlich nicht warten.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Sa 5. Okt 2013, 15:59 
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Abrupt blieb ich stehen, mit einem Mal zu erschöpft, um auch nur noch einen Schritt zu tun. Ich starrte vor mich hin, dann schloss ich die Augen. Mein Herzschlag donnerte mir rhythmisch in den Ohren, wie ein Paukenschlag. Mir wurde schwindelig.
"Also gut", lenkte ich ein. Mein Blick heftete sich matt auf Cole. Warum nicht? Ehe sie es sich doch noch anders überlegte und allein ins L'Odyssée zurückkehrte ... was sie fraglos nicht überleben würde, das war so sicher wie Klobrühe.
"In meinem Zimmer steht eine Flasche Whisky herum und wartet darauf, getrunken zu werden. Was halten Sie davon, wenn wir das gemeinsam tun?"
Sie war nicht übel und hatte heute Abend auch so einiges durchgemacht. Ein paar Gläser Whisky täten ihr genauso gut wie mir.
Außerdem wusste ich in diesem Augenblick wirklich nicht, ob ich allein sein wollte. Denn noch verlockender als Mr. Johnny Walker erschien mir meine SIG Sauer in meiner Jackentasche. Eine kurze Berührung am Abzug, und ihr Gesicht wäre für immer aus meinem Kopf verschwunden. Genauso wie mein Gehirn.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: Sa 5. Okt 2013, 21:06 
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Ich antwortete Cole nicht auf die Bemerkung. Ich war ohnehin kein besonders gesprächiger Kerl, und im Augenblick wusste ich auch nicht, was ich erwidern sollte. Ich hatte gerade nur ein Ziel: Mir die Kante zu geben, bis ich ihr Gesicht nicht mehr sah. Dieses schöne, zarte, untote Gesicht, von dem ich wusste, dass es das Traumbild des qualvoll verzerrten, blutbefleckten nun ablösen würde. Ich würde nie wieder von einer gekreuzigten, leidenden Mary träumen. Von jetzt an wäre Mary, der Vampir mein Alptraum!

Wir erreichten einige Zeit später das Hotel. Unbehelligt, muss ich hinzufügen, was mich unterschwellig ein wenig verwunderte, denn ich war mir sicher, dass man im Odyssée inzwischen ein Auge auf uns geworfen hatte ... sozusagen.
Aber für den Moment nahm ich es als gottgegeben hin. Wir fuhren mit dem Lift in meine Etage, und wenig später schloss ich mein Zimmer auf.
"Setzen Sie sich", forderte ich Cole auf, während ich mich aus der Lederjacke schälte und sie achtlos aufs Bett warf. Dabei wies ich mit meinem Kinn mehr oder weniger einladend in Richtung Tisch, an dem zwei Stühle standen. Auf dem Tisch stand auch Mr. Walker, der schon ein wenig an Inhalt verloren hatte. Ein wenig ... das würde sich gleich ändern.
"Ich bin kurz im Bad", bemerkte ich zur CIA-Agentin. "Gläser ...", fügte ich erklärend hinzu.
Sie nickte, ich verschwand und schloss die Badezimmertür hinter mir. Ich fühlte mich erleichtert, als ich außer Sicht war. Ich musste mich in diesem Augenblick nicht mehr zusammenreißen. Ich schloss meine Augen, und mein Gesicht verzerrte sich, als hätte mir jemand seine Faust in den Magen gerammt. So ähnlich fühlte ich mich auch gerade. Es half nichts, auch mit geschlossenen Augen sah ich sie wieder vor mir. Also öffnete ich sie wieder und blickte in den Waschbeckenspiegel.
Gott, ich sah echt scheiße aus!!
Ich schüttelte den Kopf und trat ans Becken heran, weil ich dringend kaltes Wasser brauchte. Ich ließ es in meine halb geöffneten Hände fließen und spritzte es mir anschließend ins Gesicht. Das tat ich gleich mehrere Male, und auch meinen Nacken befeuchtete ich. Zu guter Letzt fuhr ich mir mit beiden nassen Händen durchs Haar. Danach fühlte ich mich etwas besser. Noch nicht gut, aber besser.
Wenig später kehrte ich mit zwei Zahnputzgläsern in der Hand ins Zimmer zurück. Cole hatte am Tisch Platz genommen, ich setzte mich dazu und öffnete die Whiskyflasche. Schweigend goss ich beide Gläser halb voll.
"Auf einen ... interessanten Abend!"
Nach diesem Toast kippte ich den gesamten Inhalt des Glases in mich hinein. Noch während das Zeug sich meine Kehle hinunterbrannte, füllte ich mein Glas erneut. Doch an Glas Nummer zwei nippte ich nur noch. Dabei heftete sich mein Blick dunkel auf Cole.
"Ich wette, so haben Sie sich Ihren Job hier nicht vorgestellt."

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Mo 7. Okt 2013, 19:42 
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Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. Ich würde sie vorerst nicht mehr loswerden? Darauf erwiderte ich erst einmal nichts.
Cole schien fest entschlossen zu sein, ihren Job hier zu erledigen. Ich würde sie so oder so nicht davon abhalten können, egal, was ich nun sagte. Außerdem fehlte mir die Energie zum Widerspruch.
Ich goss auch mir noch einmal ein. Mister Johnny Walker hatte bereits bedeutend an Inhalt verloren.
"Feuer", antwortete ich schließlich nach einer kleinen Pause. "Feuer ist am effektivsten. Vor allem, wenn man dazu einen Brandbeschleuniger verwendet."
Ich lehnte mich auf dem Stuhl zurück, soweit es das unbequeme Teil zuließ und musterte Cole undefinierbar.
"Und das sollte man auch ... einen Brandbeschleuniger verwenden. Diese Freaks sind nämlich scheißeschnell, wie du inzwischen ja auch bemerkt hast. Wenn du es nicht schaffst, die Typen mit einem Schlag in Brand zu setzen, hast du ein Problem." Ich nippte an meinem Glas. "Danach die Asche unbedingt verstreuen. Verbrannte Vampire können wiederbelebt werden, indem man sie mit Blut in Berührung bringt - wenn man hier überhaupt von "Leben" sprechen kann. Ist die Asche verstreut, klappt das nicht mehr." Noch ein Schluck. "Abgesehen davon ist Enthaupten ganz hilfreich. Und UV-Licht. Silber. Fließendes Wasser. Allerdings kein Weihwasser. Und Kreuze kannst du auch vergessen. Die nützen wirklich nur in Hollywood was."
Während ich den Vortrag hielt, verblasste Marys Gesicht vor meinem inneren Auge etwas. Das konnte allerdings auch mit Johnny Walker zusammenhängen. Egal, was der Anlass war, ich war dankbar dafür.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Di 8. Okt 2013, 11:10 
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Auf so eine Frage hatte ich gewartet. Was sollte ich ihr erzählen? Dass diese Drecksvampire mir damals nicht mein Blut, sondern meine Seele ausgesaugt hatten, als sie Mary getötet hatten? Wobei sich "getötet" heute relativiert hatte.
Das letzte, wonach mir gerade der Sinn stand, war, vor Cole mein Leben auszubreiten. Das hätte bedeutet, ihr von meinem Verlust zu erzählen, mich ihr zu öffnen. Ihr darüber hinaus von dem Schritt zu erzählen, den ich nach Marys "Tod" gegangen war ... meine körperliche Veränderung, meine verbesserten Fähigkeiten ... die Nebenwirkungen, die mich in den unvorhersehbarsten Momenten aus den Schuhen hebeln konnten ... kurz: mich als das Versuchskaninchen der Medizin zu outen, das ich nun einmal war.
Dazu war ich nicht bereit. Noch nicht. Also erwiderte ich trocken: "Sagen wir, es ist eine Berufung, nicht nur ein Beruf. Ich habe ein Talent für so was. Und ja, ich habe genügend Waffen."
Ich stand auf und ging zum Bett, auf dem meine Lederjacke lag. Ich hob sie auf und zog meine SIG Sauer, meinen Dolch und meinen Flammenwerfer aus den Innentaschen. Beides legte ich vor ihr auf den Tisch. "Meine Kanone und mein 'Feuerzeug'", stellte ich ihr meine ständigen Begleiter vor. "Die trage ich immer bei mir. Sie reichen im Normalfall." Dann deutete ich mit dem Kopf auf meine noch verschlossen neben dem Bett stehenden Motorradkoffer. "Und wenn sie das nicht mehr tun, hab ich das da noch. Willst du es sehen?"
Blöde Frage! Klar wollte sie.
Ich öffnete einen der Koffer und klappte ihn so weit auseinander, wie es ging. Cole stand auf und kniete sich neben mich. Erklärend deutete ich auf den Inhalt.
"Silberne Wurfmesser, Silberkugeln, normale Kugeln, Brandbeschleuniger ... und das hier, das ist was ganz Spezielles."
Meine Hand schloss sich um einen Kunststoffstab mit gummierter Grifffläche in der Mitte und zog ihn heraus. In die Höhe gehalten sah er aus wie ein kurzer, dicker Schlagstock. Doch als ich mit dem Daumen die matt schimmernde Sensortaste auf der Grifffläche berührte, klappte der "Schlagstock" mit einem sirrenden Geräusch auseinander, und ich hielt eine stabile, ungefähr dreißig Zentimeter breite Armbrust in der Hand.
"Schon mal damit geschossen?"
Ich reichte die Waffe Cole und griff noch einmal in meinen Motorradkoffer.
"Die hier ...", ich zog einen kurzen Pfeil mit einer dicken Spitze heraus, "gehören da hinein."
Die Spitze war eigentlich eine Kapsel aus verhältnismäßig bruchsicherem Glas, das jedoch zerbarst, sobald der Pfeil nach dem Abschuss in ein Hindernis einschlug. Ich zeigte auf das metallene Verbindungsstück zwischen Spitze und Schaft, an dem ebenfalls eine kleine Sensortaste angebracht war.
"Wenn ich das hier berühre, aktiviere ich im Inneren der Spitze eine Gasentladung. Das Prinzip ist das gleiche wie das einer Niederdrucklampe. Sagt dir das was?"
Cole schüttelte den Kopf, während sie die Spitze aufmerksam betrachtete. Die Armbrust ruhte für den Moment vergessen in ihrem Schoß.
"Ok. Stell dir das so vor: Niederdrucklampen haben geringe Innendrücke bis etwa zehn Millibar. Sie besitzen einen geringen sichtbaren Lichtanteil, jedoch einen großen Anteil an Ultraviolettstrahlung. Man nutzt sie normalerweise zum Beispiel zu Desinfektionszwecken, in unserem Fall jedoch dafür, die Vampire von innen heraus zu verbrennen. Mit einer weitaus höheren Strahlendosis als üblich, natürlich. Der Kolben im Inneren besteht aus Quarz, die Außenwand der UV-Kapsel aus dickem Glas. Sobald die Kapsel aktiviert ist und irgendwo einschlägt, zerplatzt das Glas und setzt die UV-Strahlung frei, die die Blutsauger dann röstet."
Ich drückte ihr nun auch den Pfeil in die Hand. Als sie ihn ein Stück hochhob, um ihn näher zu betrachten, sah ich, wie ihre Augen interessiert funkelten. Irgendwie brachte mich das zum Schmunzeln. Mary war in diesem Augenblick wieder so weit weg wie all die Jahre zuvor, in denen ich sie tot geglaubt hatte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Di 8. Okt 2013, 12:21 
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Mein Blick heftete sich auf Coles Waffe, eine Glock 21. Überrascht zog ich eine Augenbraue hoch. Die Waffe hatte das gleiche Kaliber wie meine SIG. Ziemlich groß für eine CIA-Agentin.
"Lauft ihr normalerweise nicht mit 'ner Beretta 92 oder 'ner M9 durch die Gegend?"
Ich wusste, dass die Waffen der amerikanischen CIA-Agents nicht standardisiert war. Es gab keine Vorschrift, welche man im Dienst zu tragen hatte. Andererseits gab es beim CIA eine gewisse Vorliebe für die genannten Alternativ-Modelle, die bedeutend kleinkalibriger waren. Cole schien diese Vorliebe jedoch nicht zu teilen.
Ich griff nach dem Päckchen silberner Munition und drückte es ihr in die Hand. Armbrust und Pfeil verstaute ich wieder im Koffer.
"Bedien dich. Und steck den Rest ein. Ich arbeite in der Regel ohne Silber."
Meinen Flammenwerfer und den Dolch für die Freaks, die SIG für die bösen Gehilfen, mehr brauchte dank meiner verbesserten Sinne und Reflexe nicht. Wofür ich dankbar war, denn je mehr Waffen, um so schwerer die Jacke. Und ich hatte schon genug an meiner Vergangenheit zu schleppen. Ich stand nicht auf unnötigen Ballast.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Di 8. Okt 2013, 13:25 
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Kaum erwähnte sie den Club, war Mary auch schon wieder präsent.
Es widerstrebte mir plötzlich, noch einmal ins "L'Odyssée" zu gehen. Der Ort, an dem ich sonst wahrscheinlich eingezogen wäre, nur um da alle Blutsauger niederzumachen, war für mich nun plötzlich zum unattraktivsten, abstoßendsten Platz überhaupt geworden. Allerdings nur, was mein Gefühl betraf. Mein Verstand sagte mir, dass ich jetzt, wo ich wusste, dass Mary dort war, sogar noch einen Grund mehr hatte, wieder hinzugehen!
Sie war ein Vampir. Sie war nicht mehr die Frau, in die ich mich damals verliebt und die ich geheiratet hatte. Sie gehörte nun zu den Anderen. Und meine Aufgabe war es jetzt, sie zu töten.
Also nickte ich.
"Ok. Dann lass uns die Sache für heute beenden. Es ist spät genug."
Außerdem - aber das sagte ich nicht - wollte ich den Rest von Mr. Walker für mich alleine haben. Denn irgendwie kam es mir gerade so vor, als ob ich den zum Einschlafen gut gebrauchen würde.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Do 10. Okt 2013, 18:55 
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Am nächsten Tag, abends ...

Die Nacht war eine traumlose gewesen - zum Glück. Ich hatte mir den Rest der Whiskyflasche einverleibt, was mich hatte durchschlafen lassen. Als ich dann am nächsten Morgen erwachte hatte, ich zuerst geglaubt, alles nur geträumt zu haben ... sowohl das Wiedersehen mit Mary als auch meine neue Partnerschaft mit Cole. Müßig zu sagen, dass die Realität mich nur allzu schnell wieder eingeholt hatte.

Den Tag verbrachten Cole und ich getrennt. Sie hatte sich am Vormittag mit den Worten bei mir abgemeldet, dass sie noch einmal zur Polizei müsste, um mit Kommissar Lacroix zu sprechen und weitere Informationen über diesen Gabriel einzuholen. Mir war's nur recht. Ich verbrachte die Zeit bis zum Abend damit, Freaks zu jagen. Und das einigermaßen erfolgreich. Vier Blutsauger weniger, die Paris unsicher machten.
Gegen halb zehn klopfte es an meine Zimmertür. Cole. Ich war gerade von meiner "Arbeit" zurück und wusch meinen Pullover im Badezimmerwaschbecken aus. Beim letzten Freak hatte ich leider eine Ladung Blut abbekommen, die auch meine Lederjacke nicht verschont hatte. Die hatte ich allerdings schon gesäubert.
"Komm rein! Es ist offen."

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