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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Fr 18. Okt 2013, 19:15 
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Irrlicht
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Ich zögerte und wusste nicht, was ich sagen sollte. Wenn ich ihm sagen würde, was man Cole gegeben hatte, dann würde ich Gabriel verraten. Was ich ja alleine schon mit meiner Anwesenheit hier tat. Ich war versucht, sofort wieder zu gehen, weil ich Angst hatte, was noch alles passieren würde, würde ich hier bleiben. Dieser Mann war so verwirrend und zog mich an, wie das Licht die Motten. Aber was sollte schon passieren? Ich besaß ungeheure Kraft. Viel mehr als ein sterblicher Mann jemals haben könnte. Ich konnte jederzeit aus dem Fenster springen, ohne mir auch nur eine Schramme zuzuziehen. Er wäre nicht in der Lage, mir zu folgen, ohne sich zu verletzen. Noch konnte er mir etwas anhaben. Und was sollte er schon unternehmen, wenn ich ihm sagte, was Gabriel getan hatte. Er konnte es ihm nicht beweisen, aber ich würde vielleicht sein Vertrauen gewinnen und etwas heraus finden, wenn ich ihm sagte, was los war. Ich beschloss, es darauf ankommen zu lassen.
"Pierre hat ihr Angel Blood in den Drink gemischt. Dir auch, aber du bist anders. Du spürst es gar nicht. Ich spüre es nicht in dir und du ..." erneut stockte ich, denn was sollte ich auch sagen. Du bist nicht gierig geworden, als ich versucht habe, dich zu verführen?

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Fr 18. Okt 2013, 19:41 
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"Angel Blood? Was ist das? 'Ne abgefuckte neue Droge?"
Der Name klang danach. Und es passte zu diesem Gabriel. So einen Scheiß in die Drinks hübscher Frauen zu kippen, damit sie mit ihm schliefen. Anders bekam er sie wahrscheinlich gar nicht herum.
'Aber wieso zum Abschied? Der Kerl hatte sich doch schon verpisst. Wieso Cole nachträglich noch betäuben?'
Inzwischen saß ich übrigens wieder auf der Bettkante, sozusagen zum Sprung bereit. Meine Lederjacke aus den Augenwinkeln im Blick behaltend. Ich vermied es, direkt dorthin zu sehen, weil Mary das auf alle Fälle bemerkt und möglicherweise richtige Schlüsse gezogen hätte.
War ich bereit, sie zu töten?
'Sie ist ein Vampir. Und du bist ein Vampirkiller. Was ist denn das für eine dämliche Frage?'

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Fr 18. Okt 2013, 19:45 
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Irrlicht
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Ich hatte beschlossen, ihm Antworten zu geben. Was es letztendlich für mich bedeuten würde, hatte ich in meinen Überlegungen ausgeklammert. Wie sollte Gabriel es auch erfahren, dass Dan Warren über Angel Blood Bescheid wusste. Wenn dieser es ihm überhaupt sagen würde. Nein, dies hier war eine neue Chance für mich.
"Ja, es ist eine neue Droge. Die begehrteste und schlimmste, die derzeit auf dem Markt ist. Aber es ist keine normale Droge. Sie ist etwas besonderes. Man kann sie zu vielem benutzen. Nimmt man sie das erste Mal unverfälscht, ist man sofort süchtig danach."
Ich musste ihn einfach fragen.
"Wieso hast du nicht so wie sie darauf reagiert? Wie kommt es, dass du so anders bist?"

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Fr 18. Okt 2013, 20:06 
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Ich hatte natürlich nicht vor, ihr von meinen "Talenten" zu erzählen. Von meinem geschärften Gehör und verbessertem Geruchssinn, von meiner überdurchschnittlichen Sicht und meinen schnellen Reflexen. Meiner Schnelligkeit im Allgemeinen, von meiner unnormalen Regenerationsfähigkeit. Und auch nicht von meiner Gabe, jedweden vampirischen Einflüssen zu widerstehen. Vor allem davon erzählte ich ihr nicht.
Wenn man all diese "Talente" betrachtete, hätte ich genauso gut ein Vampir sein können. Nur dass mir ihre spitzen Zähne und ihr Blutdurst fehlten. Und selbstverständlich konnte ich mich im Sonnenlicht bewegen.
"Mich haut so leicht nichts um", antwortete ich ausweichend. "Aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet. Warum bist du hier? War es das, was du meintest, als du sagtest, es wäre im Club etwas geschehen, das du nicht verstehen könntest? Dass ich nicht so leicht auszuknocken bin? Ein bisschen viel Mühe, um eine Antwort darauf zu erhalten, oder nicht?"
Mir war schon im Club klar geworden, dass sie sich nicht mehr an mich erinnern konnte. Was nur allzu normal war. So erging es vielen Vampiren nach ihrer "Geburt". Aber manchmal kehrten die Erinnerungen zurück. War das bei Mary jetzt der Fall? Würde sie nur mein Blut wollen, hätte sie mich schon längst angegriffen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Fr 18. Okt 2013, 20:20 
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Irrlicht
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Aber genau das war es doch auch. Nein, ich wusste es besser. Es war noch mehr, aber ich wusste nicht, ob ich ihm das auch noch sagen konnte. Außerdem wurde es langsam Zeit, zu gehen. Wenn der Club schloss, dann war es möglich, dass Gabriel noch zu mir kommen würde und ich ihm zu Diensten sein musste. Für einen kurzen Augenblick überkam mich ein ekelerregendes Gefühl bei diesem Gedanken. Aber das war so abwegig, dass ich an eine Täuschung glaubte. Zumal dieses Gefühl auch nicht lange anhielt. Ich sah Dan Warren mit einem dunklen Ausdruck in den Augen an und folgte meinem Instinkt. Das war das einzige, was mich noch nie betrogen hatte.
"Du warst es ... seit ich dich im Club gesehen habe, fühle ich etwas neues. Ich weiß nicht, was es ist. Ich habe keine Erinnerung an mein früheres Leben."
Es überraschte mich selbst nicht einmal, dass ich glaubte, dass er wusste, was ich war. Mir war es im Augenblick egal, denn ich konnte mich ihm jederzeit entziehen. Das glaubte ich zumindest.
"Ihr solltet nicht wieder dorthin gehen. Vor allem sollte sie sich von Gabriel fernhalten. Er hätte ihr nicht das Angel Blood gegeben, wenn er nicht etwas besonderes mit ihr vorhätte. Er darf nie erfahren, dass ihr dies von mir wisst. Ich muss jetzt gehen. Es wird Zeit."
Ich wendete mich dem Fenster zu, ging die letzten zwei Schritte dorthin. Es war an der Zeit.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Fr 18. Okt 2013, 20:29 
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Ein Teil von mir wollte sie nicht gehen lassen. Ein sehr großer Teil. Doch wenn jemand über einen disziplinierten Verstand verfügte, dann war ich das. Also hielt ich sie nicht zurück. Nicht physisch.
Ich gab ihr jedoch ebenfalls einen Rat mit auf den Weg: "Du solltest auch nicht zu ihm zurückkehren, Mary. Halte dich fern von ihm, wenn du nicht zwischen die Fronten geraten willst. Und das wirst du sonst, das kannst du mir glauben."
'Nimm die Waffe aus der Jacke und erledige sie. Du tust ihr damit nur einen Gefallen. Mary ist längst tot. Das Wesen dort ist nicht sie.'
Ich ließ die Jacke, wo sie war. So viel zu meinem disziplinierten Verstand.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Fr 18. Okt 2013, 20:48 
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Irrlicht
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Warum sagte er das jetzt? Bedeutete es ihm etwas, das dem nicht so sein würde? Wollte er nicht, dass mir etwas geschah? Aber wieso denn? Er kannte mich doch gar nicht und trotzdem war ich sicher, dass er wusste, was ich war. Dass ich kein normaler Mensch mehr war. Ich zögerte und drehte mich noch einmal zu ihm herum.
"Ich kann nicht weg von Gabriel. Ich gehöre ihm. Er beschützt mich und ohne ihn hätten die anderen mich längst umgebracht. Er und ..." ich stoppte noch rechtzeitig ab. Denn von dem einen durfte Warren nichts erfahren. Dann hätte ich mein unterbliches Leben verwirkt. Ich schüttelte meinen Kopf und lächelte auf einmal leicht.
"Du bist wirklich etwas ganz besonderes, Dan Warren." Ich schloss kurz meine Augen und auf einmal kamen mir Worte in den Sinn, welche einen hauchzarten Klang von Erinnerung mit sich führten. Hatte ich das früher schon einmal zu einem Mann gesagt?
"Oidche mhath, mo anamcara - Gute Nacht, mein Seelenfreund."
Und mit diesen Worten verschwand ich durch das offene Fenster. Ich sprang auf die Straßen hinunter und bewegte mich schneller als ein Mensch es jemals erfassen konnte. Ich musste mich beeilen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Fr 18. Okt 2013, 20:56 
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Es traf mich wie ein Schlag, als sie diese Worte sagte. Oder vielmehr, wie ein Stich. Ein Stich mitten ins Herz.
"Mary!!"
Mit einem Satz sprang ich von der Bettkante zum Fenster, doch sie war schon fort. Ich blickte nach unten, auf die nasse, stille, nur von einer schwachen Laterne beleuchtete Straße und sah sie auch dort nicht mehr. Sie war verschwunden, und einen Moment lang kam es mir vor, als wäre sie überhaupt nicht hier gewesen. Als hätte ich das alles nur geträumt. Ein sehnsüchtiger Traum, der mich schwach machte.
Doch es war kein Traum gewesen. Ich roch sie noch, ihren einzigartigen Duft, der sie auch als Vampir umgab. Tief atmete ich diesen Duft ein, während meine Augen nach wie vor auf der nassen Straße hafteten. Aber ich nahme diese nicht mehr wahr. Mein Blick war nach innen gerichtet.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Di 3. Jun 2014, 16:23 
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Mein Schädel brummte. Mein Magen knurrte. Ich brauchte einen Kaffee und ordentlich was zwischen die Zähne.
"Du hattest einen Drink, ja", antwortete ich Cole knapp. Dabei drückte ich mich vom Bett in die Höhe, auf dem ich die Nacht mehr grübelnd als schlafend verbracht hatte. Ich ging zum Fenster, das ich irgendwann vor Stunden in einem Zustand schmerzhafter Benommenheit geschlossen hatte und öffnete es wieder. Kalte, frische Luft schlug mir entgegen, ebenso wie die Geräusche fahrender Autos und geschäftiger Betriebsamkeit, die aus den geöffneten Geschäften drangen. Der Regen war vorüber, die Morgensonne brachte die nassen Dächer und Straßen zum Glänzen.
"... und der hat dich vollends ausgeknockt. Sie nennen es 'Angel Blood'. Was Neues, das einen ... 'unverfälscht' sofort süchtig macht."
Es war mir, als stünde Mary direkt neben mir und hauchte mir diese Worte noch einmal ins Ohr.
"Allerdings habe ich keine Ahnung, ob der Fusel, in den sie das Zeug gekippt haben, die Sache für dich nun besser oder schlimmer macht."
Ich drehte mich zu Cole um und musterte sie scharf.
"Wie fühlst du dich? Irgendwelche ... Sehnsüchte?"

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Sa 7. Jun 2014, 15:02 
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Sie hatte Schatten gesehen?
Ich fragte mich kurz, ob ihr aufgefallen war, dass Mary uns verfolgte. Aber den Gedanken tat ich gleich wieder ab. Völlig unmöglich! Nicht einmal ich hatte Mary bemerkt, und meine Sinne waren weitaus schärfer als Coles. Was mich zu ihrer Frage nach der Wirkung dieses Angel Blood auf meinen Organismus zurück brachte ... oder besser gesagt, der "Nicht"-Wirkung.
"Nervengifte jedweder Art können mir nichts anhaben. Keine Ahnung, die ... verpuffen einfach. Ist 'ne genetische Sache." Das war nicht mal gelogen. Ich ging zum Stuhl und nahm meine klamme Lederjacke auf. Die würde sicher noch einen ganzen Tag brauchen, um zu trocknen. So ein Mist.
"Hör zu: Mach dich erst mal frisch, und dann treffen wir uns unten in der Bar zum Frühstück. Alles weitere besprechen wir dann."
Mit diesem Vorschlag verließ ich das Zimmer der Spezialagentin. Ich hatte selbst eine Dusche dringend nötig. Außerdem musste ich mich nun doch endlich mit dem "Problem Mary" auseinandersetzen - bewusst hatte ich der Tatsache, dass meine Frau doch noch nicht ganz tot war, sondern nun als Blutsauger durch die Welt lief, diesen Namen gegeben. Es war für mich von jeher einfacher gewesen, mich mit Aufgaben auseinanderzusetzen statt mit Gefühlen. Zudem ahnte ich, dass das in diesem Fall auch besser für mich wäre.
So kehrte ich in mein Zimmer zurück und stand nur weniger später unter dem wohltuend heißen Wasserstrahl. Doch entgegen meines Vorhabens, dabei das "Problem Mary" zu analysieren und - wenn möglich - eine Lösung dafür zu finden, stellte sich mein Gehirn wie von selbst ab, und ich genoss nur noch. Ich war eben auch nur ein Mensch.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Sa 7. Jun 2014, 15:45 
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Irrlicht
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Es war ein langer Flug gewesen. Über zwölf Stunden in diesem verdammten Vogel hatten meine Laune in den Keller sinken lassen. Daran hatten weder der relative Komfort der ersten Klasse noch das süße Blut der hübschen Stewardess etwas ändern können, die ich mir nach der Landung gegönnt hatte.
Und jetzt auch noch Paris! Scheißwetter, ein lauter, übervoller Flughafen und schlecht gelaunte Kontrolleure, die man beeinflussen musste, damit sie einen nicht filzten.
Wieso hatte der Kerl mit dem albernen Schnäuzer gerade mich aus der Reihe gewinkt? Weil ich die weite Reise nur mit einem Rucksack unternommen hatte statt mit Koffer, Boardcase und Anzugtasche? Das war wohl verdächtig. Machte mich zum potenziellen Bombenleger. Aber ein Vampir brauchte eben nicht viel zum Leben. Einen gültigen Ausweis, eine Rolle Menthos für einen guten Atem, das war's auch schon. Genau genommen hätte ich auch auf den Rucksack verzichten können, aber ich hatte nicht vor, die nächsten Tage in der gleichen Unterhose herumzulaufen. Auch wenn ich auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussah, aber ich stand ziemlich auf Körperhygiene.
Ah ja, mein Aussehen. Das war's vermutlich, was mich verdächtig wirken ließ. Mein Fünftagebart und der Umstand, dass ich in verschlissenen Jeans, einem einfachen weißen T-Shirt und einer auch nicht gerade neu wirkenden kurzen Jeansjacke steckte. Und dann meine Schuhe ... Converse, schwarzweiß, ausgetreten. Und die Kette aus Leder, Perlen und Muscheln, die ich um den Hals trug ... tja, ich traf wohl nicht gerade den Geschmack der Modestadt.
Meinen traf sie allerdings auch nicht. Ich mochte die Franzosen nicht, hatte ich noch nie. Obwohl ich ihre Sprache ebenso gut beherrschte wie meine Muttersprache Englisch und sie mich an meine Heimatstadt New Orleans erinnerte, aus der ich gerade kam. Französisch wurde dort an allen Ecken gesprochen. Doch damit hörten die Gemeinsamkeiten mit Frankreich im Allgemeinen und Paris im Speziellen auch schon auf. Die Franzosen waren in meinen Augen arrogante, nationalistische Froschfresser, deren Regierungssystem sich inzwischen - im fünften Anlauf - zwar demokratische Republik schimpfte, die sich aber insgeheim immer noch wünschten, von einem Napoleon regiert zu werden. Sie bildeten sich eine Menge ein: auf ihre Mode, auf ihr Essen, auf ihr Liebesleben. Dabei waren nur anorexische Bohnenstangen in der Lage, die französische Couture zu tragen, und das Essen füllte gerade mal einen hohlen Zahn, aber kaum einen hohlen Magen. Und was ihren Sex anging ... ich weiß nicht, wie viele Französinnen ich in meinem untoten Leben schon unter mir gehabt hatte, die nur deshalb ins heiße New Orleans gekommen waren, um sich dort mal so richtig durchvögeln zu lassen. Eben weil ihre feinen Männer es nicht brachten. Muss man noch mehr dazu sagen?

Nach der kleinen Gedankenmanipulation am Zoll beeilte ich mich, ein Taxi zu bekommen. Es war kalt draußen und es regnete in Strömen. Ich war froh, als ich im Inneren des alten Mercedes Platz nehmen konnte und der Fahrer den Wagen auch sogleich in Bewegung setzte.
"Vous allez où? - Wohin soll's gehen?", fragte er mich knapp.
Unsere Blicke begegneten sich im Rückspiegel - seiner fragend, meiner, wie ich mal vermute, gewohnt abweisend.
"Hôtel Four Seasons George V. Le plus vite possible. - Hotel Four Seasons George V. So schnell wie möglich."
Der Fahrer nickte knapp, dann verließ er den Aéroport Charles de Gaulle und steuerte auf Paris zu. Schweigend.
Sein Glück.

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 Betreff des Beitrags: Re: Angel Blood
Verfasst: Sa 7. Jun 2014, 16:49 
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Irrlicht
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Registriert: Do 5. Jun 2014, 18:49
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Das Four Seasons war und ist das beste und teuerste Hotels in Paris. In der Tat zählt es zu den fünfzehn teuersten Hotels der Welt, aber dementsprechend hoch sind auch der Komfort und die Diskretion - beides Dinge, die ich überaus schätze.
Man sollte meinen, in meinem Aufzug wäre ich dort erst recht aufgefallen und auf der Stelle wieder auf die Straße gesetzt worden. Doch man kannte mich hier bereits seit Jahren. Hier war ich Monsieur Nicolas Jarreau, ein schwerreicher Typ aus den Vereinigten Staaten, der sein Vermögen mit Aktiengeschäften gemacht hatte. Natürlich niemand mit Niveau in den Augen des Hotelpersonals, denn ich war ja ein neureicher Ami ohne Manieren und Geschmack und niemand mit adeligem Blut, dem man seinen billigen Kleidungsstil im Angesicht seiner vornehmen Herkunft hätte vergeben können. Doch mein Status als Gast und sicher auch der Umstand, dass ich bei meinem Aufenthalt stets das Penthouse zu buchen pflegte, das pro Nacht ohne Frühstück mehr kostete als manch einer der Angestellten im ganzen Jahr verdiente, verpflichtete jeden, mir gegenüber ausgesprochen höflich und zuvorkommend zu sein. Ich genoss es darum stets zutiefst, wenn sich der Hotelmanager bei meiner Ankunft mit einem dünnen Lächeln derart tief vor mir verbeugte, dass seine lange Nase beinahe seine Knie berührte, während seine Gedanken vor Verachtung und Widerwillen nur so troffen. Er verabscheute mich, doch seine Stellung zwang ihn, das vor mir zu verbergen. Es versteht sich von selbst, dass ich mich seiner klischeebehafteten Meinung entsprechend aufführte. Und dass ich in diesem Hotel nicht ein Wort Französisch sprach, so dass jedermann - und auch mein Freund, der Manager - gezwungen war, sich mit mir in dieser barbarischen Sprache zu unterhalten, die die Franzosen sonst so wenig mochten: in Englisch.
"The penthouse is ready to move into, I hope. - Das Penthouse ist bezugsfertig, hoffe ich", nuschelte ich an meinem Menthos vorbei. Dabei rubbelte ich mir ein paar mal kräftig durch mein kurzes, nasses Haar, so dass Monsieur Albert Sauvigny - besagtem Hotelmanager - die Tropfen um die Ohren flogen. Er zwinkerte sich die Nässe aus den Augen und tupfte sich dabei mit einem großen, blütenweißen Taschentuch das Gesicht ab. Es brodelte in ihm, das spürte ich, auch ohne dass ich mir die Mühe machte, seine Gedanken zu lesen. Bemerkenswert ruhig antwortete er: "Of course, Mister Jarreau. May I show you the way? - Gewiss, Herr Jarreau. Darf ich Ihnen den Weg zeigen?"
An einem anderen Tag hätte ich Sauvigny meinen nassen Rucksack in die Hand gedrückt und meine Freude daran gehabt, ihn das Ding, das er vermutlich nur mit zwei spitzen Fingern angefasst hätte, bis in die achte Etage tragen zu lassen. Doch heute war mein Bedürfnis nach Ruhe größer als das nach kleinen Gemeinheiten. Also kramte ich einen Euro aus der Hosentasche und drückte sie dem Manager mit einem "Not necessary. I know the way. - Nicht nötig. Ich kenn den Weg." in die Hand, als wäre er irgendein Schuhputzer. Daraufhin ging ich zum Aufzug, der sich sofort öffnete, kaum dass ich auf den Knopf gedrückt hatte. Ich trat ein und drehte mich um, meinen feuchten Rucksack lässig über die Schulter geworfen. Und ehe sich die spiegelnde Aufzugtür vor meiner Nase schloss, fiel mein Blick noch einmal auf einen überaus wütend dreinblickenden Sauvigny. Ich grinste ihn breit an. Dann war die Tür zu, und der Aufzug fuhr in die Höhe.

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