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 Betreff des Beitrags: Aus dem Tagebuch des jungen Ferran
Verfasst: Sa 17. Mai 2014, 02:04 
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Irrlicht
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El diario de Ferran

1. Eine wahre Schokopraline

In einem Café in Salvador da Bahia, Brasilien, 3. März 1960

"Wir schließen gleich!", sagte Marco, der Wirt einer kleinen Taverne am Rande der alten Stadt Salvadors. Ich schreckte nach oben und stieß mir dabei den Kopf an einem Regal. Dabei fiel ein Foto aus dem Regal, welches ich sofort aufheben wollte.
"Bist du das?", fragte ich den etwas älteren Mann, der vermutlich jeden Krieg mitgemacht und bloß knapp überstanden hatte.
"In der Tat! Das war vor fünfzehn Jahren. Da war ich noch ein wenig junger und flotter, was man ja an meiner Frau erkennen kann ...", sagte Marco und lachte lauthals.
"Hehe, ja, das sehe ich. Sie sehen recht glücklich aus", bemerkte ich und legte das Foto wieder zurück in das Regal.
"Oh, das waren wir auch ... bis zu ihrem Tod. Damals waren wir noch die "Fliegerasse von Rio". Mein Gott! Das waren Zeiten! Wir unterstanden einem kleinen peruanischen Frachtunternehmen in den hohen Anden, dem ein kleiner Hangar auf dem Flughafen Antônio Carlos Jobim gehörte. Leider war ich nie in Peru", sagte er und lachte wieder.
"Wie starb sie?", fragte ich ernst bleibend.
"Krebs. Sie war eine ziemlich starke Raucherin. Sie liebte es die "Dannemann-Zigarren" zu ziehen. Ich selber rauchte oft, hab' es aber aufgegeben, als sie starb. Kommen diese Zigarren nicht aus deiner Heimat Deutschland?"
"Deutschland? Haha, ich bin Spanier, kein Deutscher!", lachte ich und bewarf Marco mit einer zusammengeknüllten Serviette. "Córdoba und Barcelona sind meine beiden Heimatstädte. Da, wo die Welt noch ein wenig weißer ist. Nicht nur die Gebäude einiger Dörfer in Andalusien, versteht sich ..."
"Ha, wie lange bist du schon in Brasilien?"
"Seit letzter Woche. Und auf dem Kontinent seit drei Wochen. Wieso?"
"Bleibe noch ein wenig länger hier, dann wirst du es verstehen. Vor allem die Menschen wirst du verstehen. Verstehst du denn mich?"
"Ich glaube schon. Portugiesisch brachte mir mein Großvater bei. Einen großen Teil der Praxis bekam ich aber erst letztes Jahr in Lissabon."
"Nein, Dummkopf!", stieß er hervor und lachte wieder. Das Besondere an diesem Mann war seine Stimme. Sie war warm, tief und rau. Jeder Junge stellte sich immer gerne eine solche Stimme vor, die der Großvater haben könnte um eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Marcos mit seinen sechzig Jahren wurde nie Großvater, noch nicht einmal Vater. "Ich rede nicht davon! Du bist ein pfiffiger Junge. Aber du als kulturinteressierter Mensch weißt es doch hoffentlich besser, als der normale Europäer oder Amerikaner. Meine portugiesischen Vorfahren waren auch nie sonderlich herzlich. Das legte sich mit der Zeit aber. Spätestens, als mein Vater eine Schwarze geheiratet hatte." Ohne sich lauthals aufzuregen oder mir Schimpfwörter an den Kopf zu werfen erzählte er mir das. "Hier gibt es nämlich eine Regel: Dunkle Schokolade schmeckt am besten", sagte er und grinste.
"Das hast du dir doch gerade ausgedacht", sagte ich und fing an zu lachen.
"Naja, es ist meine Regel, die durch meine Erfahrung gemacht wurde. Matilda war die wirklich süßeste Frucht Brasiliens und die auch gleichzeitig dunkelste. Vielleicht kannst du durch deine Erfahrungen, die du hier sammeln wirst selber deine eigene Regel aufstellen. Ich habe es zumindest nicht bereut", erklärte er und fuhr damit fort den Tresen zu wischen. "Ich habe das Gefühl, dass das Zusammenleben zwischen Schwarz und Weiß hier in Brasilien am besten funktioniert. Auch wenn nicht immer gut. Aber das wird sich vermutlich nie ändern. Aber nun möchte ich wissen: Du lerntest Portugiesisch bei deinem Großvater? War er Portugiese?"
"Oh, nein! Er war Katalane wie ich, aber er lebte in Lissabon. Er kam vor der Machtübernahme von Salazar wieder zurück nach Barcelona. Er sah sich immer als "Urgestein" Barcelonas an und warf mir immer vor in Córdoba geboren worden zu sein, was er natürlich nicht ernst meinte", erzählte ich und trank den letzten Schluck des Kaffees auf. Marcos hörte erstaunt zu und stellte mir noch zahlreiche Fragen über mein Erlebtes und meine Zukunft, die ich alle so gut ich konnte beantwortete.
Ich erzählte ihm die Geschichte, die mit meiner Abreise begann. Der Grund für meine Übersetzung nach Amerika waren nicht etwa die Familie, die ich nämlich sehr liebte, auch nicht die Spanier - oder Katalanen - oder der Flamenco, den ich auch über alles liebte. Es war der nämlich der Wicht, der an der Spitze der Gesellschaft Spaniens stand. Ich versuchte bloß vor ihm und aus seinem Machtbereich zu fliehen.
"Ich dachte, ich wäre sicher vor irgendwelchen machthungrigen Diktatoren, die ihre Macht mit Gewalt ausüben wollen. Leider habe ich das auch versehentlich in Puebla einem kubanischen, stark marxistischen Professor gesagt, der daraufhin sofort meine Empfehlung der Universitat de Barcelona in den Ofen geworfen hat. Jetzt stehe ich hier ohne Geld für den Rückflug in deiner Taverne."
"Hoppla!", kam es als einzige Reaktion. "Es ist schon ein Wunder, dass du es hierher geschafft hast. Wie überhaupt?"
"Naja, Geld habe ich ja noch. Es reicht für eine sehr kleine Wohnung hier in Salvador. Den Flug von Puebla nach Rio aber habe ich im Frachtraum eines Getreidefliegers verbracht."
Außerdem erzählte ich Marcos von meiner kleinen Arbeit als Gitarrist in einer kleinen Kneipe, in der ich jeden Abend von Montag bis Freitag spielte. Es reichte zum Leben und ein klein wenig mehr. Für eine Frau, allerdings, reichte es nicht ...


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Verfasst: So 18. Mai 2014, 01:42 
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Irrlicht
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Auf den Straßen von Salvador da Bahia, Brasilien, 4. März 1960

Es war in der Tat eine sehr bunte Stadt. Das betraf nicht nur die Häuser. Vielleicht hatte Marco wirklich Recht gehabt. Es war besser nicht mit Scheuklappen durch das Leben zu laufen. Ich wunderte mich tatsächlich über die strahlenden und lachenden Menschen, die in New York versuchten unter sich zu bleiben. Aber hier war das völlig anders.
Salvador war in meinen Augen eigentlich der kleine Bruder Afrikas, aber von Apartheid war hier nirgendwo eine Spur. Zwar gab es die ein oder andere Auseinandersetzung zwischen einem "reinen" Portugiesen und einem Candomblé, aber wie Marco gesagt hatte, wird es so etwas überall geben.
Man lachte mich an - oder aus - und ich lachte zurück. Die Stadt gefiel mir sehr und ich beschloss mich weiter mit ihr zu beschäftigen.
An diesem Abend gab es eine Capoeira-Aufführung vor der Igreja da Barroquinha in der Innenstadt. Es war eine Art Showkampf, der an die Sklavenzeit erinnern sollte.
Es war eine sehr amüsante Vorstellung. Dabei kämpften die Artisten sehr oft mit ihren Füßen, währenddessen Musiker die verschiedenfarbigen Rhythmen perfekt dem Kampf untermalten.
Nachdem sich der Menschentropfen auflöste, versuchte ich in einem kleinen Obstladen im Stadtteil Liberdade eine Ananas zu ergattern, bevor der Verkäufer sein Geschäft schließen wollte.
"Wir schließen aber gleich!", hörte ich ein lieblich und jugendlich klingende Frauenstimme.
Ich wandte mich dem Obstkorb ab und schaute mich um. Es war niemand zu sehen. "Ja, das bekomme ich hier öfters zu hören", antwortete ich scherzhalber in den menschenleeren Raum.
Sie antwortete nicht. Ich trat zu einem Pflanzenregal heran und warf einen Blick hindurch auf die andere Seite. Da funkelten mich plötzlich zwei braune Augen in der Dunkelheit an. Der Rest des Menschen war gar nicht zu erkennen, weil sie direkt im Schatten des wenigen Lichts, das von einer kleinen Öllampe auf einem Schreibtisch ausging, stand.
"Suchst du etwas Bestimmtes?", fragte sie.
"Ich ... brauche bloß eine Ananas ... dann bin ich ... weg", stotterte ich mit meinem sowieso schon etwas angeknacksten Portugiesisch, das aber durch ihre wahrscheinlich ungewollte Geheimnistuerei weiter brach. Wahrscheinlich hörte ich mich aus ihrer Perspektive an, als ob jemand eine Waffe auf mich richten wollte. Aber ihre Augen erzielten denselben Effekt.
"Okay!", lachte sie plötzlich auf. "Ich habe nur ein wenig herumgealbert. Sie brauchen keine Eile. Ich bin froh, wenn überhaupt jemand kommt um etwas zu kaufen. Auch wenn es bloß eine Ananas ist. Wofür soll sie denn dienen?", sagte sie und trat aus dem Schatten hervor in das Licht der Öllampe. Allerdings konnte ich nicht viel mehr erkennen, denn ihre Haut schien das Licht einfach zu absorbieren.
"Paella! Wissen Sie, Senhora, ich vermisse sie bereits. Ich bin seit gestern auf der Suche nach den passenden Zutaten. Die Krabben musste ich selber fangen", antwortete ich lachend.


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Verfasst: So 18. Mai 2014, 17:43 
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Irrlicht
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'Nanu? Wer ist denn das?', dachte ich und lächelte. Er drückte mir einen Cruzeiro-Schein in die Hand, ich steckte die Ananas in eine Tüte und bedankte mich.
"Ganz schön was los draußen, hm?", sagte er und deutete aus dem Fenster. Das einzige, was ich hörte und sah, war ein sich streitendes, altes Ehepaar. Ich schaute in etwas verwirrt an. "Geht das jeden Abend so?", fragte er und lächelte. Ich nickte etwas eingeschüchtert. Aber er war anscheinend auch nicht besser dran, denn er wich immer wieder meinen Blicken aus und prustete sich immer wieder, obwohl seine Stimme glasklar war. Es war wirklich interessant ihm dabei zuzusehen, wie er die dunklen Ecken in meinem Laden nach nichts absuchte.
"Ähm ... schönen Abend noch!", kam es plötzlich aus ihm heraus und er versuchte schnell das Weite zu suchen. Das war es! Ich schaute nur verwundert hinterher und sah noch, wie er sein Gesicht in beide Hände vergrub.
Obwohl ich selber ein wenig wortkarg gewesen war, war er anscheinend die Definition von Schüchternheit. Ich wartete noch einige Minuten hinter der Theke mit der Hoffnung, dass er nochmal zurückkäme. Aber das sollte an diesem Abend nicht passieren. Ich schloss mein Geschäft eine halbe Stunde später als normal und machte mich schnell mit dem Fahrrad auf den Weg nach Hause, einem kleinen Häuschen etwas außerhalb der Stadt. Die Sonne war längst untergegangen und wie fast jeden Tag regnete es! Ich hatte meinen Mantel im Laden liegengelassen. Grund war wahrscheinlich der, dass ich die ganze Zeit an diesen Mann denken musste. Dafür war ich jetzt von oben bis unten völlig durchnässt.
Ich schaltete die einzige Glühbirne im Haus an und machte mir zur Aufwärmung einen Tee. Das Häuschen war unweit der Baia de Aratu entfernt, auf einem kleinen Hügel. Obwohl es schon an einigen Stellen recht verfallen war, war es dennoch ein robustes, kleines Häuschen ... wobei ... eher eine Hütte. Aber ich fühlte mich sehr wohl und ich konnte mir nie vorstellen woanders zu wohnen. Ich war zwar recht reiselustig und vielleicht auch etwas sehr neugierig, aber mein Haus sollte da bleiben, wo es war. Mit einer atemberaubenden Aussicht auf die Bucht und abends auf die leuchtenden Städte konnte ich einfach nicht weggehen.


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Verfasst: So 18. Mai 2014, 23:15 
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Irrlicht
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Wieder im Café in Salvador da Bahia, Brasilien, 5. März 1960

Ich saß wieder in Marcos Café und verschlang mit ziemlichen Bauchschmerzen mein Frühstück. Ich fühlte mich wie der letzte Depp. Es war praktisch ein Verbrechen eine solche Frau so zurückzulassen. Aber es war nun geschehen. Langsam drängte sich ein anderer Gedanke in meinen Kopf: Ich brauchte Geld!
Vom Gitarrenspielen konnte ich nicht alt werden, zumal die Bar, in der ich spielte, täglich weniger Besucher hatte, als ich an zwei Händen abzählen konnte. Marcos empfahl mir zum Militär zu gehen, aber ich als Nichtbrasilianer hatte da keine Chancen. Es war aber nicht sein einziger Vorschlag. Er empfahl mir eine kleine Kneipe in der Nähe des Flughafens, in der sich ständig Mitarbeiter dieses peruanischen Frachtunternehmens aufhielten. Er sagte, sie wären gerade zu Besuch hier in Salvador.
Schneller als er gucken konnte saß ich auch schon im Taxi auf dem Weg zum Flughafen.
Auch teilte mir Marcos mit, dass Piloten sehr gefragt wären. Aber ob meine Lizenz denn auch in Brasilien oder Peru galt? Ich hoffte darauf. Ich betrat die Kneipe, wo ich schon die beiden Männer ausmachte. Ich sprach sie an: "Entschuldigung, gehören Sie zu Aeroservicios Peruanos?"
Die beiden drehten sich ein wenig verwirrt um und lachten mich fröhlich an. "Haha, in der Tat! Und wer bist du, Knabe?", fragte der eine.
"Äh ... Ferran Tàpies! Ich bin hier um mich bei Ihnen als Pilot zu bewerben", sagte ich und setzte mich dazu.
"Haha, merkwürdiger Name, Fernando. Argentinier?"
"Ne ... Spanier ... Katalane. Wie sieht es nun aus?"
Sie lachten wieder. Ich befürchtete, dass sie mich nicht richtig ernst nahmen. Und ich hatte Recht ...
"Geh' erst einmal weiter Modellflugzeuge bauen, bevor du dich in ein Cockpit setzt! Wir haben keinen Bedarf für Frischlinge ohne Erfahrung!"
"Aber ich habe Erfahrung! Ich habe letztes Jahr als Mechaniker und Pilot in der spanischen Luftwaffe gedient!", entgegnete ich empört und knallte die Faust auf den Tisch.
"Na, das will ich sehen. Ich wette, du kannst kein Variometer von einem Höhenmesser unterscheiden! Aber wenn du so darauf fixiert bist, dann wende dich an unseren Chef und nicht an uns! Und jetzt lass uns in Ruhe!"
So schnell ging das! War es denn nicht möglich sie zu überzeugen, dass ich sehr wohl für diesen Job taugte? Vielleicht. Aber dazu musste ich nach Rio de Janeiro gelangen. Der Nachteil daran war, dass diese Millionenstadt etwa so weit entfernt war, wie Barcelona von Lissabon. Und ich konnte mir keinen Flug mehr leisten. Was war also zu tun? Ich wusste es nicht. Einmal aus Wut in die Hände klatschend verließ ich die Kneipe und machte mich auf den Weg zurück in die Stadt - zu Fuß, denn mein Geldbeutel wollte anscheinend, dass ich die frische Abendluft genießen konnte.

Wieder in meiner Wohnung, oder eher Abstellkammer, legte ich mich in mein Bett. Meine gesamten Privatsachen befanden sich noch in Spanien, da ich nur zwei Gepäckstücke für den Flug mitnehmen durfte. Bloß meine Gitarre und mein in der Ecke stehender Reiserucksack, dessen Inhalt im Schrank lag, befanden sich in diesem Zimmer.
Ich öffnete das Fenster und schaute in die Gasse unter mir. Auch unter meiner Fünfzehn-Quadratmeter-Wohnung war jene Bar, in der ich jeden Abend spielte. Der Inhaber, der auch der Vermieter dieses Zimmers war, stellte es mir freundlicherweise zur Verfügung, aber trotzdem für einen Preis. Dafür war dieser sehr gering gehalten.
Meine Blicke schweiften über die Menschenmassen, die an diesem Abend noch durch die Straßen zogen. Ich meinte sogar einen klassischen Gitarrenspieler spielen gehört zu haben. Aber das war wahrscheinlich bloß Einbildung.
Ich zog die Ananas aus dem kleinen Kühlschrank und begann sie für die Paella zu zurechtzuschneiden. Es war eine tolle Arbeit. Meine Mutter hatte mir das Kochen noch vor ihrem Tod beigebracht, was mich ziemlich stolz machte. Mein Vater, der zwar kein begnadeter Koch gewesen war, dafür aber ein ausgezeichneter Pilot, hatte versucht mir jeden Tag Wissenswertes über die Fliegerei einzuflößen, was ich ihm sehr dankte, denn dieses Wissen war nun gefragt.
Während ich auch die Krabben vorbereitete, dachte ich an die junge Frau aus dem Geschäft. Ich sollte mich eigentlich selber ohrfeigen, dass ich sie einfach so stehengelassen hatte ohne mich vernünftig zu verabschieden.
Nachdem die Paella im Groben fertig war, stopfte ich sie in einen kleinen Behälter, stürmte aus der Wohnung und rannte in Richtung des Geschäfts. Was gab es denn Besseres um einen Fehler auszubügeln, als jemandem zum Essen einzuladen? Aber Voraussetzung war natürlich ihre Anwesenheit. Je länger ich rannte, desto mehr stellte ich mir die Frage, ob sie nicht vielleicht schon zu Hause wäre.
Und es kam, wie es kommen musste. Das Geschäft war felsenfest verriegelt und sie war nirgends zu sehen. Natürlich, sie hatte auch gesagt, dass gleich schließen würde ... und das war eine Stunde her. Sie lag wahrscheinlich schon längst im Bett.
Völlig fertig vom Rennen setzte ich mich auf die Stufe vor der Eingangstür ihres Geschäftes, den Behälter mit den Armen umklammernd.
"Das war doch wohl abzusehen, du Depp!", sprach ich zu mir selbst. Es war wohl eine dieser Entscheidungen, die man mit der geringen Aussicht eines Hoffnungsschimmers völlig spontan fällte. Nach einer halben Stunde sinnlosem Wartens erhob ich mich, um wieder nach Hause zu gehen. Doch als ich gerade gehen wollte, wurde ich angesprochen.
"Sag bloß, du willst um diese Uhrzeit noch etwas kaufen!", sagte eine etwas verrostete Frauenstimme. Ich schnellte herum und erkannte eine etwas ältere Frau mit etwa sechzig Jahren. Ich erkannte die Frau wieder. Es war die, die mit ihrem Mann an dem Abend gestritten hatte, als ich in diesem Geschäft war.
"Nun, eigentlich ... Wissen Sie, Senhora, eigentlich habe ich gehofft hier jemanden wiederzusehen", sagte ich und wollte wieder das Weite suchen.
"Du meinst Paloma?" Ich drehte mich wieder um und schaute sie etwas verwirrt an. War das der Name der Verkäuferin? Ich wusste es nicht. Vorsichtshalber nickte ich. "Naja, die ist jetzt Zuhause. Wenn du sie aber unbedingt noch treffen willst, dann beeile dich schleunigst. Das ist zwar jetzt noch nicht ihre Zeit, aber in Kürze wird sie friedlich schlummern", sagte sie lächelnd.
Ich wollte wirklich nachts niemanden wecken, aber ich musste sie an diesem Abend treffen, denn ich überlegte nämlich am nächsten Tag in Richtung Rio de Janeiro zu fahren, um mich bei diesem Unternehmen zu melden. Deshalb betete ich, dass Paloma noch munter war.
"Können Sie mir sagen, wo sie wohnt. Ich möchte bloß einen Fehler wieder gut machen", sagte ich hoffnungsvoll.
"Nein, sie hat es nicht gerne, wenn jemand ihre Adresse erfährt ... Aber ich kann dich dorthin bringen."
Na, das war mal wirklich ein Zufall. Ich riss die Augen auf und umarmte spontan diese nette Frau.


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Verfasst: So 22. Jun 2014, 23:43 
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Irrlicht
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Es hatte aufgehört zu regnen und ich war wohl eingeschlummert. Auf dem kleinen Balkon, der in Richtung Meer zeigte, war es sehr angenehm. Das einzige, was endlos nervte, war die große Zahl an Mosquitos, die versuchten sich an meinem Blut satt zu trinken. Das war auch der Grund weshalb ich aufwachte. Nicht etwa das Motorengeräusch eines Kleinwagens, der direkt vor meinem Haus hielt. Nein, es waren die Mosquitos.
Aber wo ich schon einmal wach war, drehte ich mich kurz gähnend und blickte an der Hauswand vorbei auf die Straße. Ein Baum verdeckte noch die Windschutzscheibe des Wagens, aber ich erkannte einen kleinen, beigen Fiat Nuova 500. Es gab eigentlich nur einen solchen Wagen, der gelegentlich vor meiner Haustür hielt. Es war der der Familie Gusmão. Ich war schon auf den Beinen, um den beiden einen schönen Abend zu wünschen und sie hereinzubitten. Normalerweise besuchten sie mich zu zweit. Aber dieses Mal stieg nur einer aus und kurz darauf setzte sich der Wagen wieder in Bewegung in Richtung Stadt. Ich versuchte diese Person zu erkennen, doch nun war es ohne die Scheinwerfer so dunkel, dass ich diesen Menschen gar nicht mehr erkannte. Ich hatte nur sehen können, dass es ein Mann war, als der Wagen doch da war.
Es klopfte. Ich ging nach unten, öffnete die Tür und wollte Senhor Gusmão einen guten Abend wünschen, als mir auffiel, dass es gar nicht Senhor Gusmão war. Es war kein anderer als der schüchterne Mann, der eine Ananas gekauft hatte.
"Na? Das ist aber eine Überraschung! Möchtest du vielleicht noch eine Mandarine haben?", fragte ich und lächelte.
Der Mann riss die Augen auf und schaute mich etwas irritiert an.
"Ich ... also ... wissen Sie ... was da eben ..." Er prustete sich wieder. "Ich habe bloß eine Frage."


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Irrlicht
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Soweit so gut. Sie lächelte immerhin noch, obwohl ich samstags tief in der Nacht nach einem ziemlich grausigen ersten Eindruck bei ihr auftauchte, als wollte ich ihr Haus ausräumen. Aber sie strahlte mich merkwürdigerweise noch an.
"Ja?", fragte ihre engelsgleiche Stimme.
"Nun ja ... würden Sie mit mir zusammen Abend essen, Senhora? Ich habe Paella gemacht", sagte ich und dachte nochmal kräftig über meine Worte nach. In Spanien war es nie ein Problem Gleichaltrige Personen mit "Du" anzusprechen ... in Portugal auch nicht. Aber wie war es in Brasilien? Ich war mir nicht ganz sicher, denn die höfliche Anrede in Portugal war zugleich das herkömmliche "Du" unter Freunden in Brasilien. Aber was war dann die höfliche Anrede in Brasilien? Waren es o Senhor und a Senhora? Gott, das letzte Mal, als ich jemanden portugiesisch geduzt hatte, lag schon Ewigkeiten zurück! Dann duzte sie mich also die ganze Zeit und ich redete sie mit Senhora an. Mist!
"Nein, das werde ich nicht!", sagte sie und verschränkte die Arme vor sich. Wieder riss ich die Augen auf. "Erst, wenn du aufhörst mich wie eine alte Dame anzusprechen", sagte sie und lächelte wieder. "Paloma!", sagte sie und reichte mir ihre Hand.
Erst Sekunden später verstand ich und erwiderte mit: "Ferran!"
"Hm, komischer Name! Kommst du aus São Paulo?"
'Bitte? Sie fragte mich tatsächlich, ob ich aus einer anderen Stadt in Brasilien käme als Salvador?', dachte ich und schüttelte den Kopf. Ich sprach anscheinend doch ein bisschen besser als ich gedacht hatte. "Nicht ganz! Barcelona."
"Ah! Barcelona, Venezuela!", rief sie enthusiastisch und klatschte einmal in die Hände.
"Nein! Spanien! Ich bin Katalane. Ich weiß, in unserer Region spricht man eine recht merkwürdige Sprache, eine Mischung aus Französisch und Spanisch, deshalb klingen unsere Namen auch nicht wie die eurer Nachbarn!", antwortete ich und lachte.
"So? Dann ist Paella also eure Nationalspeise?"
"Jepp. Ich bin schon seit einigen Monaten hier. Äh ... darf ich reinkommen?", fragte ich und hielt ihr den Behälter mit Paella unter die Nase.


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Irrlicht
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Ich wusste nicht was es war, aber ich fühlte eine Art Kribbeln in der Magengegend. "Es ist mitten in der Nacht", sagte ich neckisch und lächelte. Dabei war ich drauf und dran ihn hereinzulassen, denn wer konnte ihn schon bei diesem Lächeln abweisen. Doch ihm schien meine Antwort gar nicht zu gefallen. Sein Unterkiefer sackte nach unten und er begann irgendetwas Unverständliches zu faseln. Er wirkte recht verwirrt und zog seine Schachtel zu sich zurück. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen. Seine Blicke wanderten von einer Ecke zur anderen. Ich war ein wenig neugierig und wollte wissen, was in ihm vorging. Aber ich fragte ihn das nicht, weil ich es eigentlich schon wusste ...


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Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Aber sie hatte Recht, es war wirklich schon sehr spät und sie war bestimmt todmüde, was ich übrigens auch war. Somit fiel mir nichts mehr ein, außer einem "einen schönen Abend noch, Senhora". Aber anscheinend hatte ich ihren Witz nicht verstanden, denn sie legte ihre Hand auf meine Schulter, als ich zum Gehen ansetzte.
"Komm rein, Ferran!", lachte sie und zog mich durch die Tür.
Es war schlimm. Sonst hätte ich ihren Scherz sofort verstanden ... wenn sie denn ein Junge gewesen wäre. Aber ich war wohl so eingeschüchtert und wortkarg und vor allem angespannt, dass ich dachte mir bloß keine Fehler zu leisten. Immerhin war sie eine ausgesprochen hübsche und nette junge Dame. Damals dachte ich wohl, dass mir alle Frauen den Kopf absägen würden, sollte ich mich auch nur verhaspeln oder irgendetwas Falsches von mir geben. Dieses Phänomen hatte ich von meinem Vater, der meine Mutter erst nach dem sechsundzwanzigsten Anlauf überzeugen konnte. Er war wohl der angespannteste Mensch in ganz Spanien, obwohl die Klischees eines Spaniers auf das Gegenteil verwiesen. Aber meine Mutter hatte es ihm auch nicht leicht gemacht. Sie war zwar sehr in ihn verliebt, hatte ihn aber knapp ein halbes Jahr baumeln lassen. Aber er hatte es geschafft. Zwar wusste ich nie genau, wie er das geschafft hatte, aber er hatte es geschafft. Als ich noch ein kleines Kind gewesen war, hatte er mir immer erzählt, dass meine Mutter sich in ihn verliebt hatte, weil er so gut Auto fahren konnte. Dabei hatte er seinen damaligen Wagen vor die Ampel gesetzt, als sie über den Bürgersteig gelaufen war - das war Mamas Version.
Aber an meinem Vater wollte ich mir kein Beispiel nehmen. Denn er war die Definition von Schüchternheit gewesen, zumindest in Gegenwart von Frauen. Das war für Mama vom Vorteil gewesen. So wusste sie, dass er niemals fremdgehen konnte.
Aber nun galt es für mich meine Handlungen für die nächste halbe Stunde zu durchdenken:
1. Sagen, dass sie ein schönes Haus hat
2. Sagen, dass sie ein schönes Kleid trägt
3. Beim Tisch decken helfen
4. Mit ihr speisen (bloß nicht schweigen!)
5. Beim Abräumen und Putzen helfen
6. Ihr eine gute Nacht wünschen und nicht einmal in Erwägung ziehen noch länger zu bleiben
7. Gehen

Als ich mir das so durch den Kopf gehen ließ, dachte ich, dass es kein Problem wäre. Aber es kam, wie es kommen musste. Ich bekam bei Punkt vier den Mund nicht auf. Aber ich muss dazu sagen, dass ich die ersten drei Punkte nahezu athletisch löste. Dabei hatte ich mir meine Sprüche noch nicht einmal zurechtgelegt. Es kam einfach aus mir heraus. Doch beim Essen beschloss mein Sprechorgan den Geist aufzugeben und ich saß vor ihr mit heruntergesackter Klappe und starrte sie sinnlos an. Anscheinend merkte sie meine Not, denn sie fing an zu lachen.
'Das war's!', dachte ich und schloss meine blöde Klappe.


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Verfasst: Mi 2. Jul 2014, 10:31 
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Es war wirklich faszinierend ihm dabei zuzusehen, wie er sich verhielt. Nach einigen Sekunden des Schweigens wollte ich ihn nicht länger am Galgen sehen. Somit ergriff ich das erste Wort ...
Es war ein recht lustiger Abend. Wir lachten, erzählten uns Geschichten aus der Jugend und ... tanzten sogar. Allerdings musste ich ihm die lateinamerikanischen Tänze erst beibringen, denn seine tänzerischen Kenntnisse gingen nur bis an die Westküste Portugals.
Samba, Vallenato, Salsa, Rumba und Merengue - von diesen populären und wunderschönen Tänzen hatte er bloß vage gehört. Aber die Rhythmen hatte er praktisch im Blut, denn, so sagte er, haben manche dieser Musikrichtungen einen Teil des Ursprungs in Spanien.
Er erzählte mir viel über das Land ... und über Europa ... und vor allem über den Grund für seinen Aufenthalt in Brasilien.
"Du hast bitte was vor?", fragte ich erstaunt und warf einen kurzen Blick auf eine Landkarte an der Wand, die Brasilien und all ihre Städte darstellte.
"Ich muss dafür nach Rio de Janeiro. Du weißt nicht zufällig, ob noch ein Bus fährt, oder?"
"Machst du Witze? Das sind knapp 1.500 Kilometer!", antwortete ich und schüttelte den Kopf.


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Verfasst: Mi 9. Jul 2014, 10:49 
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Da hatte sie Recht! Es war wirklich absurd zu glauben, dass ein Bus diese Entfernung überwinden konnte. Aber ich wollte dorthin! Fliegen kam außer Frage, denn der Flug kostete fast so viel wie der Heimflug. Warum musste Brasilien auch so groß sein? An diesem Tag wollte ich das nicht mehr erörtern. Ich war dafür viel zu müde. Ich wollte sie nicht länger stören, deshalb nahm ich meinen Behälter und bewegte mich nach einem "Schönen Abend noch!" zur Tür um zu gehen.
"Die Stadt ist ein bisschen weit weg, um jetzt dahin zu laufen, findest du nicht?", stellte sie fest. "Außerdem regnet es stark. Bleib doch hier! Ich werde dir eine warme Decke und ein Kissen geben. Das Sofa ist ganz bequem", sagte sie und verschwand in einer kleinen Abstellkammer, bevor ich antworten konnte. Es war ein recht gemütliches Haus. Das Wohnzimmer war sehr klein, hatte aber interessante Farben, die ich sonst nur von Früchten kannte. Die Wand war tief blau, wobei der kleine Holztisch, an dem wir gegessen hatten, und seine beide Stühle knallig gelb waren. Einen Blick konnte ich in ihr Schlafzimmer erhaschen, als sie kurz darin verschwand. Es war in einem frischen Grün gestrichen. Es war eine sehr interessante Farbgebung. Das passte zu ihrer fröhlichen und herzlichen Art. Sie hatte es sehr gut hier, obwohl das Haus recht klein war. Aber es hatte eine Tolle Lage mit Ausblick auf die Baia de Aratu.
Schließlich kam sie mit einem großen Kissen zurück und legte es zurecht. Sie wünschte mir eine gute Nacht und bat mich sie zu fragen, falls ich noch etwas benötigen sollte. Plötzlich hauchte sie mir ein kleines Küsschen auf die linke Wange. Ich erstarrte zu Eis. Sie zauberte noch ein letztes Mal an diesem Tag ein Lächeln in ihr Gesicht und verschwand dann wieder in ihrem Schlafzimmer, bevor ich langsam wieder auftaute. Ich hörte noch ein wenig Rascheln, dann ging auch das Licht in ihrem Zimmer aus. Dadurch, dass nun kein Licht mehr durch die Türspalte schien, stand ich im Dunkeln. Es war still. Wenn man genau lauschte, konnte man die Vögel von draußen hören. Aber auch die hörten irgendwann auf ihre Lieder zu krächzen. Somit fielen mir langsam die Augen zu.


In Palomas Haus, Brasilien, 6. März 1960

Es war, als wollten tausend Stimmen meinen Kopf mit Wörtern bombardieren. Ich hatte das Gleichgewichtsgefühl verloren und dachte, ich würde kreisend tief fallen. Ich versuchte mich irgendwo festzuhalten und gleichzeitig meine Ohren zuzuhalten, doch meine Arme schlackerten bloß ohne Anhaltspunkte in der Luft herum.
"Ferran!!!", hörte ich plötzlich ganz laut. Ich stieß einen kurzen, tiefen Schrei aus und schlug kräftig mit der Faust vor etwas Hartes. Ich war nun wach. "Alles in Ordnung?", hörte ich eine bekannte Stimme. Ich schaute nach oben und sah Palomas Gesicht verkehrt herum über mir. Ich nickte benommen. Meine Beine befanden sich in einer merkwürdigen Position, aber im Gegensatz zum Rest meines Körpers waren diese noch auf dem Sofa. Ich lag halb unter dem Wohnzimmertisch, den ich im Schlaf zerschlagen wollte. Ich rieb leicht stöhnend meine Faust und richtete mich, wobei ich mir noch den Kopf am Tisch stieß, sodass ich wieder nach unten kippte. Paloma zog lachend den Tisch zur Seite und half mir nach oben. "Die Capoeira übst du besser nochmal!", sagte sie noch immer lachend und deutete einen kurzen Tanz an, den sie mit einem leichten Schlag gegen meinen Arm beendete.
"Oh! Ich hatte nie vor deinen Tisch zu capoeirisieren. War bloß ein merkwürdiger Traum!", antwortete ich lachend und staunte über meine plötzliche Schlagfertigkeit.
"Capoeirisieren?!", fragte Sie erstaunt und lachte aus voller Lunge los. "Das habe ich ja noch nie gehört! Du bist verrückt!" Ihr stiegen langsam die Tränen in die Augen. Jetzt war ich sogar noch überraschter. Langsam begann ich mich in ihrer Nähe nicht mehr ganz so unsicher zu fühlen.


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Verfasst: Mo 27. Okt 2014, 23:25 
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"Was denkst du denn zu erreichen, wenn du nach Rio de Janeiro reist?", fragte ich Ferran nach dem Frühstück.
"Ich will diese Bande davon überzeugen, dass ich kein übler Pilot bin! Wenn ich schon keinen Platz an einer Universität bekomme, dann wenigstens eine Stelle. Nur mit Gitarre werde ich untergehen. Und wenn ich dafür eben laufen muss. Immerhin habe ich es bis hierhin geschafft, dann werde ich es auch noch bis dorthin schaffen!"
Ich bewunderte seine Entschlossenheit. Aber laufen sollte er nicht. Das wäre doch unmöglich. Ich wollte das nicht.
"Komm mit!", sagte ich und nahm seinen Behälter. Ich zerrte Ferran durch meine Tür, schloss diese zu und bewegte mich zu meinem kleinen, dunkelgrünen VW Käfer, der seelenruhig neben dem Haus wartete.


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Verfasst: Mo 27. Okt 2014, 23:58 
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Irrlicht
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"Moment! Was hast du vor???", fragte ich ein wenig verwirrt.
"Wir fahren jetzt du deinem Zimmer und holen deine Sachen. In zwei oder drei Tagen werden wir dann in Rio de Janeiro sein", sagte sie mit bestimmter Stimme und öffnete die Beifahrertür. "Steig ein!"
So saß ich also neben ihr. Auf dem Weg zu meinem Hotel erzählte ich ihr die ganze Zeit, dass sie das nicht tun müsste. Aber sie sagte ständig, dass ich mir darum keine Gedanken machen müsste, da ich sie schließlich auf das Essen eingeladen hatte.
Nachdem wir also meine Sachen abgeholt hatten, ging es sofort los.
Wir verließen die Stadt nahezu fluchtartig. Paloma drückte das Gaspedal bis zum Anschlag und wir flogen mit stattlichen 34 Pferdestärken über die Landstraßen. Es war ein tolles Erlebnis! Wir durchquerten Wälder, fuhren an der Ostküste entlang und durch weite Wiesenlandschaften über den gerade erst fertig gestellten Abschnitt zwischen Salvador da Bahia und Rio de Janeiro der Rodovia Governador Mário Covas BR-101. Dafür, dass sie fuhr, durfte ich ihr den Weg weisen. Sie hatte mir eine Karte gegeben und einen Zettel, auf dem die wichtigsten Schilder, Landmarken und geschätzten Entfernungen standen, wie:
- hinter einer blauen Kirche rechts abbiegen
- Straße dann 25 Kilometer folgen
- hinter der Raststätte
Bar e Restaurante "A Embarcação do Maynard" in Santo Antônio de Jesus links abbiegen und der Straße 43 Kilometer in Richtung Presidente Tancredo Neves folgen

Allerdings waren wir noch nicht mal in der Nähe dieses Restaurantes. Wir schwiegen uns die meiste Zeit an, da ich gerade an meine Zukunft dachte. Ich sprach nur zu ihr, wenn wir uns einer Kreuzung näherten. Anscheinend war ihr das ein wenig unangenehm, da sie ständig leicht unruhig zu mir blickte.
"Was erhoffst du eigentlich zu erreichen?", fragte sie mich schließlich.
Ich überlegte kurz und antwortete: "Ich habe gehofft eines meiner erlernten Talente zu nutzen, um Geld für die Universität zu verdienen. Die Archäologie fasziniert mich schon seit der Kindheit, als mein Großvater mich auf eine Ausgrabung mit Marokko mitnahm. Ich war damals fünf Jahre alt. Nun möchte ich mein restliches Leben den alten Völkern Lateinamerikas witmen." Paloma lächelte. "Vielleicht finde ich ja einen Weg meine beiden Träume zu vereinen - ein fliegender Archäologe! Na, wie wäre das?"
"Entweder bewundere ich dich für deinen außergewöhnlichen Mut, oder du hast den Verstand verloren! Es ist immerhin ein Kunststück so ganz ohne Geld hierher zu kommen mit der Hoffnung hier irgendeine Arbeit zu finden."
"Ah? Oh, ich hatte mich bereits an einer Universität beworben. Und zwar in Puebla in Mexiko, aber mein Schicksal wollte, dass meine Bewerbung im Mülleimer landete. Ich habe auch nicht gerechnet einmal nach Brasilien zu kommen. Immerhin ist das ja kein Katzensprung zwischen hier und Puebla. Vielleicht gibt es Möglichkeiten in Bogotá, Mendoza oder Lima", sagte ich mit freudestrahlendem Lächeln.


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