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 Betreff des Beitrags: Ein Paket voller Geheimnisse
Verfasst: Mo 25. Sep 2017, 09:28 
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Irrlicht
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Ein Paket voller Geheimnisse

1. Aufbruch

Persönliches Logbuch, den 16. Februar 1756, Edinburgh, Schottland:

Es erfüllt mich mit Stolz der königlichen Marine dienen zu dürfen. Lange habe ich schon nichts mehr geschrieben. Lag wahrscheinlich an der Erkrankung meines Vaters. Erst vor kurzer Zeit war ich noch als Leftenant auf Seiner Majestät Schiff Lively, unter dem Kommando von Captain Francis Wyatt, stationiert, welcher sein Schiff nach Jamaika befehligte. Aber nach der Rückkehr nach England musste ich wieder nach Schottland reisen, um meinen Vater zu besuchen. Es geht ihm sehr schlecht. Hoffentlich wird es nicht sein letzter Frühling sein ...

Es war ein kalter, sehr nebliger Februartag im Jahre 1756, einer der wohl vielen wirklich unbequemen Tage in dieser Stadt. Aber der Frühling ließ nicht mehr lange auf sich warten. So hoffte man es zumindest.
In der Cowgate, einer Straße der eher unteren Schichten der Stadt, war dennoch ein stetes Treiben zu vernehmen. Die naheliegende Taverne "Th' Auld Faithful" bereitete so manch einem Kerl eine fröhliche Nacht und in der Bäckerei, keine fünf Schritte von der Taverne entfernt, buk Mrs Haggins herrliches Brot und andere Gebäcke. Auf der anderen Seite der Straße war da noch Mr Humphrey's. Der Inhaber, Mr Humphrey, war ein sehr alter, gebrächlicher Mann, der sein Brot mit dem Bau von Geigen verdiente. Die Taverne versorgte ihn stets mit Whisky, wenn er abends die Leute mit seiner Musik unterhielt.
Schließlich war da noch die Wohnung meiner Eltern. Mein Vater, ein recht streng wirkender, aber sehr intelligenter und wortgewandter Mann, der das Leben aber genau so liebte seine Frau und seine Kinder, musste wohl die letzten Jahre seines Lebens im Bett verbringen. Auch wenn es recht ironisch wirkte, dass er, ein Arzt von angesehenem Rufe, keine Heilung mehr für sich wusste, war er nun auf die Fürsorglichkeit und Großherzigkeit meiner Mutter angewiesen, die ihm seit jeher zur Seite gestanden hatte. Sie war eine sehr willensstarke Frau und, im Vergleich zu anderen Frauen ihres Standes, auch sehr stolz.
Unsere Familie hatte sich wohl aus den Kreisen von Seefahrern und Ärzten herausgebildet. Mein Großvater, der bereits 1726 in der Karibik gegen die spanischen Kolonien sein Linienschiff befehligt hatte, war danach zu einem angesehenen Admiral aufgestiegen, obwohl er 1750 aus unerklärlichen Gründen verschwunden war, nachdem die Admiralität ihn zur Rechenschaft ziehen wollte, als man ihm vorwarf eine Affäre mit einer Sklavin gehabt zu haben.
Ebenso führte meine Schwester, Maggie, den roten Faden durch unseren Stammbaum, als sie vor einem Jahrzehnt einen Kapitän der East India Trading Company geheiratet hatte. Thomas Cromwell war ein hoch angesehener und sehr guter Seemann und Stratege, der es stets schaffte sein Schiff erfolgreich gegen seine Feinde zu befehligen. Es ziemt sich für einen Leftenant wie mich nicht, schlecht über einen Adelsmann zu sprechen, doch ist es nicht zu verneinen, dass dieser Mann ein wohl aufgeblasener, arroganter Mistkerl ist. Mehr möchte ich noch nicht über ihn verraten.

Ich klopfte an der Tür und öffnete sie leise. Das Zimmer war sehr dunkel; es brannten nur einige Kerzen.
"William, mein Sohn. Schön, dass du deinen alten Herren besuchen kommst", sagte er und versuchte sich mit den Händen aufzurichten.
"Ihr müsst Euch nicht bewegen, Vater! Ich habe Euch Suppe mitgebracht", entgegnete ich und stellte die Schüssel auf die Kommode.
"Oh, tatsächlich. Ich hoffe, das ist nicht diese Grütze, die Margret immer macht. Ich kann diese Entschuldigung eines warmen Essens nicht mehr sehen", hustete er und gab mir mit einer Handbewegung seine Abneigung zu verstehen.
"Nein, nein! Diese hier hat Mutter gemacht. Sie ist ebenfalls hier."
"Tatsächlich? Nun ja, ich habe sie eine Weile nicht mehr gesehen. Ich glaube, seit ... dem letzten Bankett in London. Wobei, mir fällt gerade ein ... wirst du zu diesem Bankett hier in der Stadt gehen? Ich hörte, Commodore Augustus Keppel soll ebenfalls dort erscheinen."
"Das hörte ich ebenfalls. Ein Freund berichtete mir davon."
Commodore Keppel war ein respektabler Seeoffizier, der bereits zahlreiche erfolgreiche Züge gegen die Franzosen geführt hatte.
"Tatsächlich?", hustete mein Vater und hielt meine Hand. "Will ... ich muss dir sagen, dass ich mächtig stolz auf dich bin. Du hast eine glänzende Karriere vor dir. Captain Remmington sprach in höchsten Tönen über dich, nachdem die Reliant letztes Jahr aus der Karibik wiederkam. Aber was noch viel wichtiger ist: Du handelst immer nach deinen deiner Vorstellung von Moral, die ich sehr an dir schätze. Das tun wahrlich nicht viele." Mein Herz machte einen gewaltigen Satz. Es überraschte mich sehr, dass mein Vater mir solche Wort entgegenete. Slebstverständlich, ich hatte ihn immer hoch geschätzt und werde es immer tun, er hatte mich sehr viel über Moral, Pflicht und Ehre geleehrt, doch nie hatte ich derart herzliche Worte von ihm gehört. Er war ein wirklich strenger Vater gewesen, der nur selten ein Lob oder ein Wort der Zuneigung verlauen ließ. Doch diesmal war es anders. Da lag er nun, verletzlich, gebrechlich, seine Augen mit Tränen gefüllt, doch er lächelte. Und das machte mich zu einem sehr stolzen Sohn.

Der Regen dauerte an, doch an jenem Tag war es nahezu sommerhaft. So, wie es William Caldwell Senior geliebt hatte. Mein Vater war ein respektabler Mann gewesen, der viele Freunde und Bewunderer gehabt hatte. Sie alle waren am Tage seiner Beerdigung erschienen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.
Meine Mutter, komplett in schwarz gehüllt, stand neben seinem Grab und legte einen Strauß Blumen auf den Sarg. Ihr rollten Tränen hinunter. Sie war eine sehr starke Frau. Das sah man deutlich an ihrer Statur. Wir Caldwells hatten nie viel Geld, doch meine Eltern hatten immer besonders darauf geachtet stets in respaktabler Haltung zu gehen.
Maggie, die mit Cromwall gekommen war, brach in haltloses Weinen aus. So sehr ich Cromwell auch verachtete, er tat mir dennoch leid als ich sein bedrücktes Gesicht sah und als er Maggie in den Arm nahm, nickte ich quasi zustimmend zu Boden.
'Was soll's?', dachte ich und blickte wieder hoch zum Grabstein als der Sag nun zur Erde gelassen wurde.

Hier liegt William Carl Caldwell
Geboren am 26. April 1702
Gestorben am 20. Februar 1756

Grab eines angesehenen und respektierten Arztes des Königreiches Großbritannien. Im Alter von 54 Jahren verschieden; seine Familie, William, Margret und Mary Jane, wird in ewiger Trauer verbleiben.


Es war ein simpler Text. Maggie hatte ihn ausgesucht. "Ein einfacher Text für einen einfachen Mann. Niemals übermütig, angeberisch oder ausfallend. Unser Vater war eine bescheidene Seele. Ein 'tiefes, aber stilles Wasser'", hatte Maggie gesagt.

Das Bankett fand am 3. März statt. Ich wachte an diesem Tag früh auf, doch konnte ich mich nicht recht dazu bewegen sofort aufzustehen. Draußen schneite es noch und der Schnee hatte tatsächlich das Fenster vollgeschneit, sodass es noch recht düster in dem sonst hellen Zimmer war. Ich freute mich auf das Bankett, auch wenn mir leicht übel wurde, da auch Cromwell eingeladen war. Wie ich erfahren hatte sollte Commodore Keppel doch nicht anwesend sein. Er war seit 1754 in Nordamerika, da es dort zur Zeit recht unruhig war. Somit war ein weiterer positiver Aspekt an diesem Abend abwesend.
Ich seufzte einmal kräftig und richtete mich auf. Ich streckte mich, schüttete Wasser in eine Schale und wusch mich kräftig im Gesicht. Das Wasser war eiskalt - genauso wie der Raum, denn das Kaminfeuer war wohl in der Nacht ausgegangen. Meine Uniform anzuziehen war noch nicht nötig, da ich mich nicht im Dienst befand. Tatsächlich war ich sozusagen arbeitslos und lebte nur von meinem halben Sold, der monatlich nur zweieinhalb Pfund betrug. Das war gerade so viel, um zu Essen, meine Miete zu zahlen und um einige Kleinigkeiten zu besorgen. Doch wirklich leben konnte ich kaum. Ich hatte gehofft beim abendlichen Bankett Eindruck zu wecken, um eventuell das Kommando über ein Schiff zu bekommen. Das bedeutete natürlich eine Beförderung zum Master and Commander, beim gleichen Sold, aber vor allem ... Prisengeld!
Wenn die Admiralität auch nur eine Nussschale mit Segel und Kanone zur Verfügung hätte, bestünde zumindest eine kleine Chance auf eine Beförderung. Da allerdings fast alle Schiffe in Indien waren, war es ein reines Geduldsspiel, dass ein Schiff frei werden würde. Gerade jetzt lagen die Chancen auf Beförderung günstig. Auch wenn ich nicht auf einen Einsatz in Indien hoffte, wäre es um Welten besser als Schifflos an Land zu versauern. Gelbfieber und unerträgliche Hitze waren nicht gerade verlockend. Prisengeld hingegen schon.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein Paket voller Geheimnisse
Verfasst: Mo 16. Mär 2020, 08:12 
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Irrlicht
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"Mister Caldwell!", sagte ein Mann, der sich durch die Menge kämpfte und direkt auf mich zu hielt. Es war ein alter Freund, der mit mir zusammen auf der Lively gedient hatte. Er war dort zweiter Offizier, während ich der erste war. Sein Name war Percy, Richard Percy. "Es tut mir wirklich Leid, dass dein Vater von uns gegangen ist. Ich erfuhr davon in der Zeitung", bedauerte Richard, den seine näheren Bekannten und Freunde auch Richard nannten. Ich nickte ihm dankend zu und ließ meinen Blick durch die Runde streifen. Im Eingangsbereich dieses großen Landhauses waren wirklich allerlei Gäste gekommen. Von anerkannten Pfarrern, reichen Kaufleuten, irgendwelchen Adeligen bis hin zu Offizieren und hochgradigen Admirälen. Das Bankett stellte sich eher als Ball heraus, denn es waren mindestens hundert Leute anwesend. Die Tür zum großen Saal wurde von zwei Dienern geöffnet und ein ganz in schwarz gekleiderter Mann trat hervor und begrüßte die Menge.
"Ladies und Gentlemen, ich darf Sie alle in größter Freude in meinem Heim willkommen heißen ...", fing er an und öffnete seine Arme, als ob er die gesamte Gesellschaft umarmen wollte.
"Kennst du diesen Mann?", fragte ich Richard und wandte mich verschwörerisch zu ihm.
"Ich weiß nur, dass er Farnsworth mit Nachnamen heißt und, ich glaube, Charles mit Vornamen. Er soll ein sehr reicher Kaufmann aus Amerika sein, der sich hier ein Gutshaus gekauft hat, um seine Geschäfte hier zu überwachen", antwortete Richard und blickte wieder zu Mister Farnsworth.
"Ach ja? Es gehört schon eine Portion Mut dazu sich in Schottland niederzulassen. Vor allem jetzt", antwortete ich scherzhaft und beäugte den sehr drahtigen Mann, der aussah als wäre er gerade frisch aus dem Bordell spaziert. "Weshalb wurdest du eingeladen?"
"Ich habe keine Ahnung. Ich erhielt eines Tages bloß eine Einladung zu einem Bankett, welches hier in Edinburgh stattfinden sollte. Und da ich sowieso gerade Landgang habe, erschien es mir angebracht der Einladung zu folgen. Aber ... die einzigen Lorbeeren, die ich - die wir - gesammelt haben, war auf der Lively mit der Jagd auf Piraten. Aber ich sehe hier nirgends unseren alten Captain. Deswegen frage ich mich ..."
"Warum wir hier sind? Hm ... vielleicht ist er krank oder anderweitig verhindert. Aber warum ausgerechnet wir?"
Die Frage stellte sich mir die ganze Zeit, während der Gastgeber die Besucher begrüßte. Ich hörte nur halbherzig hin. Des ein oder anderen Mal brach die Gesellschaft in tosendes Gelächter aus, doch Richard und ich zwangen uns nur zu einem gekünzelten Lächeln. Nun wurden die Gäste hineingebeten und alle stellten sich der Reihe nach dem Gastgeber vor. Richard und ich blieben ein wenig zurück, losgelöst von der Menschentraube, um einen besseren Überblick zu bekommen. Da standen wir nun: komplett in Navy-Blau und weiß waren unsere Uniformen, darunter ein strahlendes Weiß. An unserer Linken baumelte ein Offizierssäbel, der normalerweise respekteinfordernd strahlte, mit unseren verdutzten Gesichertern allerdings eher wie ein Küchenmesser dreinblickte. Und nicht zu vergessen war unsere weiße Perücke, die ich allerdings nicht brauchte, da mein Haar noch sehr voll und lang war. Doch die gesellschaftlichen Gepflogenheiten verlangten zu solchen Anlässen oder Zeremonien eine solche Perücke, eben weil es Leute gab, vorrangig ältere Leute, die kein Glück mit dem Haar hatten.
Wir traten nach vorne als der letzte Gast, ein gewisser Maybourne, begrüßt wurde.
"Leftenant Richard Percy, Sir. Zu Euren Diensten", sagte Richard und verbeugte sich.
"Herzlich wilkkomen, Mister Percy", sagte Farnsworth kurz, lächelte und bat ihn herein.
"Leftenant William Caldwell, Sir. Zu Euren Diensten", sagte auch ich und verbeugte mich mit dem Hut unter meinem Arm. Auch Harnsworth verbeugte sich und bat mich willkommenheißend herein. Die Diener schlossen die Türen und das Streicherquartett begann zu spielen.
Gerade als wir einen Schritt taten, um uns unter die Leute zu mischen, kam Maggie auf uns zu, mit Cromwell im Schlepptau. Sie verbeugte sich vor uns und setzte ein breites, strahlendes Lächeln auf.
"Schön, dass Sie beide gekommen sind", sagte sie und wandte sich an Percy. "Es muss eine Ewigkeit her sein, dass wir uns das letzte Mal sahen", sagte sie und verbeugte sich erneut. "Wie geht es Ihnen, Mister Percy?"
"Mir geht es prächtig. Vielen Dank der Nachfrage. Sie sehen sehr bezaubernd aus", antwortete Richard und verbeugte sich ebenfalls. Ein leichtes Augenrollen Cromwells verriet, dass er es nicht gewohnt war, kaum beachtet zu werden. Es war keinesfalls Percys Intention gewesen. Er hatte schon immer Gefallen an Maggie gefunden, was ihn jetzt teuer zu stehen kam, denn er war bei ihrem Anblick errötet und hatte wohl aus vollkommener Schüchternheit den ehrenwerten Captain Cromwell außer Acht gelassen. Ich musste mir bei dem Gedanken ein Lächeln verkneifen.
"Es ist mir eine Freude Euch kennenzulernen", sagte Richard und verbeugte sich auch vor Cromwell. "Leftenant Richard Percy, zu Euren Diensten."
"Wenn mir nach Ihren Diensten wären, hätte ich danach gefragt, Sir", antwortete Cromwell nur knapp und wandte sich um. "Komm, Liebes. Ich habe dort einen indischen Handelsmann gesehen. Wenn ich Glück habe, kann ich ein sehr lukratives Geschäft abschließen und wir müssen uns keine Sorgen mehr um unser Gut in Bath machen", sagte er verbeugte sich kurz vor uns, ohne uns anzusehen, und schritt mit Maggie am Arm davon.
Richard hatte, seit Cromwell ihn derartig abbestellt hatte, eine volkkomen gefrorene Miene gemacht, ohne auch nur mit dem Auge zu blinzeln. Jetzt sah er sogar noch versteinerter aus und Cromwells Gesicht hatte, nachdem er den letzten Satz ausgesprochen hatte, eine widerliche Art der Verzückung gezeigt.
"Pfund", sagte er plötzlich. "Er muss in Pfundnoten schwimmen."
"Das ist wahr. Ich weiß, es ist anmaßend schlecht über ihn zu reden - Gott bewahre, er würde dies hören und mich anschließend zum Duell herausfordern - aber es ist nicht abzustreiten, dass Margeret Cromwell, geborene Caldwell, eine wirklich vorteilhafte Partie gespielt hat. Er muss doch um die 50.000 Pfund pro Jahr machen."
"Du meinst, das wäre der Grund?", fragte Richard und blickte behutsam in meine Richtung.
Ich wandte mich ihm zu, doch mein Gesicht wies keinerlei Gram oder Wut auf. Ich nickte nur zustimmend. "Unser Vater hatte sie vor ihm gewarnt. Er ist wirklich ein sehr fieser Hund. Gesellschaftlich genießt er allerhöchste Achtung. Mehr noch als die meisten Adeligen hier, würde ich meinen." Das ließ sich nicht verneinen. Ich blickte ihm nach und sah wirklich sehr viele Gäste, die sich vor ihm verbeugten und versuchten ihn in ein Gespräch zu verwickeln. "Aber dennoch. Seit Maggie ihn geheiratet hat wirkt sie lebhafter, aufgeschlossener. Ist das nicht merkwürdig, dass selbst diese Leute, die in ihren Herzen nichts als Verachtung und Niedertracht gegenüber anderen Menschen empfinden, Balsam für die Seele anderer Leute, und sogar die Quelle allen Glücks sein können? Ich habe die beiden ein einziges Mal in Kent besucht, als sie gerade frisch verheiratet waren, und sie wirkten sehr glücklich. Natürlich, mich behandelte Cromwell wie eine Schiffsreling, auf der man sich stützen kann. Aber selbst in seiner trockenen, arroganten und hochnäsigen Art kommt manchmal etwas Licht hindurch, was mich wiederum verwirrt. Manchmal wirkt es, als ob er nicht nur aus Überzeugung Verachtung zeigt, sondern sogar aufgezwungen, als ob er das eigentlich garnicht möchte und versucht, seine Maske zu behalten."
"Vielleicht macht er sich selber den Druck. Vielleicht steht er unter Druck durch einen anderen. Oder vielleicht redet er sich ein, er müsse diese Haltung zeigen, um nicht an Ansehen zu verlieren", antwortete Richard und lächelte verwegen. "Je höher man in der Gesellschaft steht, umso wichtiger ist es sich gesellschaftskonform zu zeigen, Will. Der Fall wird sonst sehr tief sein."
Da hatte er Recht. Ich nickte leicht in mich hinein und schaute mich erneut im Saal um. Ein anderer Indikator für gesellschaftliches Ansehen war noch, wie ich es an diesem Abend wiedermal zu spüren bekam, die Herkunft. Man sollte eigentlich meinen, dass ein Schotte in Schottland von den Schotten nichts zu befürchten hätte, doch war ich ein Schotte in blauweißer Uniform, die der Royal Navy.
Es gibt viele Formen des Hasses. Fremdenhass war, wenn man seinen Gegenüber nicht kennt und ihm, wegen Gerüchten und Gehörtem, aus Angst vor dem Unbekannten oder aus eigener Erfahrung, Eigenschaften zuschreibt, die wahr sind, völlig überzogen sind oder bloß bei einem Individuum stimmen. Der einfache Mann, der nie sein Heimatdorf verlässt, wird sehr leicht mit solchen Geschichten und Vorurteilen zu ködern sein. Der gebildete, weltgewandte und vielgereiste Mann wird ein geringeres Maß an Angst vor dem Unbekannten und ein ebenso geringeres Maß an Feindseligkeit Fremden gegenüber erbringen. Aber dennoch, im Königreich Großbritannien lief man eher weniger Gefahr, attackiert, beleidgt oder verstoßen zu werden, wenn man auf dem Festland geboren wurde - es sei denn, man war Franzose zu Kriegszeiten.
Eine andere Form des Hasses, welche ich als wesentlich bedauerlicher und beängstigender empfinde, eben weil ich sie zu gut kannte; war der Hass auf Verräter. Verräter war man sowohl zu Kriegs- als auch zu Friedenszeiten. Man wurde verachtet, so sehr, dass man irgendwann selber Verachtung empfand. Nicht gegen die, die verachteten - die konnte ich sehr gut verstehen - sondern gegen den Verachteten, gegen mich. Sechs Jahre war der Auftstand der Jakobiten in Culloden her. Es war ein Aufstand, der in seiner blutigsten Form endete. So blutig, dass selbst einige englische Parlamentsmitglieder und schottische Regierungstreue zutiefst erschüttert von seinen Taten waren. In Schottland wurde er als der Schlächter bekannt.
Hass hatte ich oft erlebt. Ich hatte sie spucken, fluchen und tuscheln gesehen, doch es war mir stets fern geblieben, darauf zu reagieren. So agierte ich auch heute. Zwar erhob niemand die Fäuste, doch einige Schotten, deren Gesichter und Namen ich aus der Zeitung kannte, verfolgten uns mit ihren Blicken und verbeugten sich kurz, auch wenn keine einzige Verbeugung Respekt zeigte.
Gegen 19:00 beendeten die Streicher ihren letzten Akkord, erhoben sich, verbeugten sich und unter Beifall der Gäste kamen die Diener mit Silbertabletts hinein, die auf kreisrunde Tische in der zweiten Hälfte des Saals abgeladen wurden.
Farnsworth begab sich zu dem letzten Tisch an der Wand und bat die Gäste Platz zu nehmen. Alle Welt wusste anscheinend, wo sie zu sitzen hatten. Ich schweifte meinen Blick kurz über die Tische und bemerkte, dass kleine Kärtchen aufzeigten wo jeder zu sitzen hatte. Doch mit völliger Verblüffung stellte ich fest, dass das Kärtchen neben Farnsworths meinen Namen zeigte: Leftenant William Caldwell. Gab es noch einen mit diesem Namen? Ich schaute mich im Saal um, doch es gab keine weiteren Leftenants. Nur ein Captain und ein Admiral, denen ich mich bereits zu Beginn vorgestellt hatte, hatten gerade ihre Plätze eingenommen. Bevor alle am Tisch saßen, winkte Mister Farnsworth Richard und mir zu. Noch in Gedanken, weshalb denn ein lumpiger Leftenant sich neben einen so einflussreichen Mann setzen sollte, nickte ich kurz und bewegte mich auf den mir zugewiesenen Platz zu. Richard folgte mir, denn neben meinem Platz war anscheinend seiner. Das wurde sogar noch merkwürdiger.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein Paket voller Geheimnisse
Verfasst: Mi 18. Mär 2020, 09:19 
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"Bitte sehr, Mister Caldwell", sagte der Gastgeber nun und schaute mich erwartungsvoll an.
"Vielen Dank, Sir. Es ist mir eine Ehre neben Euch zu speisen", antwortete ich und nickte ihm unterwürfig zu.
Nein, nein. DIe Ehre ist ganz meinerseits. Mister Caldwell, ich habe bereits viele Geschichten über Sie gehört. Sie waren zuletzt erster Maat auf der Lively ... in der Karibik, wenn ich mich nicht irre?", sagte er und lächelte. Seine Frau, die an seiner Rechten saß, lächelte erwartungsvoll.
"Ja, Sir. Das war ich. Aber mit Verlaub, Sir. Wenn ich kurz anmerken darf, dass der erste Maat auf Handelsschiffen dient. Ich war hingegen der erste Leftenant, der erste Offizier."
"Ahh, tatsächlich. Nun, ich muss mich für meinen Fehler entschuldigen. Mir sind die Termini der Seefahrt gar nicht bekannt. Ich weiß gerade einmal, dass ein Bug da ist, wo der Heckspiegel nicht ist", sagte er und lachte kurz auf. "Ich fahre zwar sehr oft mit dem Schiff, doch halte ich mich fast hauptsächlich in meiner Kajüte auf. Einen Schluck Wein?"
"Ich bitte darum."
Nach einigen Gläsern verloren sich meine Zweifel. Es stellte sich heraus, dass Mister Farnsworth ein wirklich sehr netter und zuvorkommender Zeitgenosse war, fast schon ein karikaturieller Gegensatz zu Cromwell, denn in seiner Gegenwart fühlte ich mich wohl. Er erzählte viel von seinen Reisen nach Indien, zu den Gewürzinseln, nach Neuengland und in die Karibik. Er stammt aus Boston und seine Frau und er waren in Schottland, um das Land kennenzulernen und um Beziehungen mit schottischen Kaufleuten herzustellen. Er schien wirklich sehr von meine, Dienst in der Royal Navy fasziniert zu sein. Auf meine Frage, warum er mich den höherdekorierten Offizieren vorzöge, antwortete er nur, dass das ein Haufen geldgeiler Spießer sei. Ich hingegen antwortete, dass auch ich dem Gelde nicht abgeneigt war, was Mister Farnsworth in tosendes Gelächter ausbrechen ließ.
"Sie sind ein wirklich feiner Kerl, mein Herr. Trinken Sie mit mir auf die Royal Navy, auf den ersten Seelord und auf den König!", sagte er und hob sein Glas.
Ich stutzte kurz, da es ungewöhnlich von ihm gewesen war, auf den ersten Seelord anzustoßen. Nicht, dass es unangebracht war, aber es war in dieser Situation ungewöhnlich. Auch Mister Farnsworth selber hatte kurz gestutzt. War ihm da etwas rausgerutscht?
Die Erwähnung des ersten Seelords beschäftigte uns noch den ganzen Abend. Richard und ich, die nach den vielen Braten, Fasanbissen, Bratkartoffeln und Spahnferkeln mindestens für eine Woche gesättigt waren, philosofierten über mögliche Intentionen Farnsworths. Zugegeben, er war außerordentlich nett, hatte einen tollen Sinn für Humor und konnte exzellente Geschichten erzählen. Doch war uns nicht so recht klar, ob er uns wegen unserer Marinegeschichte zu sich gerufen hatte, denn nach dem Abendessen unterhielt er sich ebenso ausgelassen mit dem Captain unde dem Admiral, die er als geldgeil und spießig bezeichnet hatte. Wir Jungspunde konnten wohl nicht ansatzweise mit vergleichbaren Geschichtnen aufwarten. Und warum erwähnte er den ersten Seelord?
Vermutlich hatten unsere Gedankenspiele, die zahlreichen Spekulationen und unsere verschwörerischen Gesichter dazu beigetragen, dass sich uns niemand mehr vorgestellt hatte. Die provozierenden Blicke einiger Damen hatten wir gar nicht richtig wahrgenommen und andere Gäste mochten uns wohl für fehl am Platz halten.

Der Abend war erfreulich gewesen, obwohl Richard die letzten drei Stunden mit sitzen verbracht hatten, was uns diverse Blicke einbringen ließ, die einem "Bei Gott, die sind ja spießig" gleichkamen. Je weiter der Ball in die Vergangenheit rückte, umso weniger machte ich mir Gedanken über den kurzen Verpsrecher und über die fürstliche Behandlung, die man uns zu Teil kommen ließ. Ich besorgte einige Lebensmittel für meine Mutter in der Stadt. Seit dem Tod ihre Mannes war sie sehr angeschlagen gewesen. Sie aß wenig, verließ kaum noch das Haus und empfing auch fast keine Besucher mehr. Unser Vater hatte ihr, meiner Schwester und mir ein kleines Vermögen hinterlassen, zudem ein kleines Landhaus in Somerset, welches er von seinem Onkel geerbt hatte, doch auch das konnte sie nicht aufheitern.
Als eines Tages Margeret mitteilte, dass sie schwanger sei, heiterte sich ihre Stimmung beträchtlich auf. Es war nun ihr erster Enkelsohn, den Margeret John Thomas William nannte. Ich freute mich riesig über diese Entscheidung. Zu seiner Geburtstagsfeier, die am 14. April im Landhaus Cromwells in Bath stattfand, erschienen nicht wenige Gäste. Die Feier war zwar nicht so gut besucht wie die von Farnsworth, denn Margeret wollte keine große Feier, aber dennoch schienen eine Menge Cusins, enge Freunde, Onkel und Tanten und auch einige Vorgesetzte Cromwells anwesend, deren Namen ich bereits gegen Abenddämmerung vergessen hatte. Maggy war ich wirklich festlicher Stimmung und steckte alle mit ihrer Freude an. Der kleine John wurde in ein sehr hübsches Gewand gesteckt und ein Maler fertigte gerade ein Portrait für ihn an.
"In etwa einem viertel Jahr wird es fertig sein, Sir", sagte er schließlich und verabschiedete sich, nachdem er den Grundriss angefertigt hatte. Cromwells Vorgesetzte verabschiedeten sich nach dem Essen und zurück blieb nur noch die Familie. Es stellte sich heraus, dass die Cromwells und deren Anhang ein durchmischter Haufen war. Einige von ihnen waren wirklich sehr nett gewesen, höfich und anständig. Besonders mit Cromwells jüngeren Cousins hatte ich mich eine sehr lange Zeit unterhalten. Sie waren Studenten der Medizin und der Theologie und hatten einen Teil ihrer Kindheit als Pulveraffen auf einem Kriegsschifff gedient als Cromwells Bruder seinen Reichtum an Schuldeneintreiber verloren hatte. Es hatte sich herausgestellt, dass er immense Investitionen im Bereich der Fischerei und des Werkzeugbaus in Neuengland getätigt hatte, aber durch die List eines korrupten Bankiers seinen gesamten irdischen Besitz, bis auf seine Unterwäsche, verloren hatte. Seine Kinder stellte er vor die Wahl: Kloster oder Royal Navy. Sie hatten sich für letzteres entschieden, um ihren Sold mit deren Eltern zu teilen, ehe Jakob und Kathryn Cromwell ins Armenhaus mussten. Sie hatten tolle Geschichten zu erzählen. Wie ich erfuhr, waren sie auf der HMS Pearl in Admiral, damals noch Commodore, Ansons Geschwader im Pazifik stationiert gewesen, um gegen die Spanier zu kämpfen. Nach einer kurzen Zeit in Barbados kehrten sie wieder nach Großbritannien zurück, kurz nachdem sich deren Vater aus der Schuldhaft freikaufen konnte, denn ein näherer Bekannter hatte ihm Geld geliehen. Später war er schließlich erfolgreich, als er eine Manufaktur in London gegründet hatte.
Ein anderer Teil Cromwells Familie war genauso wie er. Herumstolzierend und hochnäsig, wie es sich für einen Cromwell gehörte. Das hatte immer mein Vater gesagt, bevor er von meiner Mutter einen vernichtenden Blick eingefangen hatte. Doch ich musste ihm, zumindest teilweise, zustimmen. Viele Familienmitglieder waren genauso wie er.
Als sich die Gesellschaft bis auf ein Minimum zusammengeschrumpft hatte und das Feuer im Kamin immer kleiner wurde, denn die Diener legten immer seltener Holz hinein, um ein angenehmeres Ambiente zu schaffen, war ich über dem Bettchen meines Neffen gebeugt und blickte ihn verträumt an. Er blickte grinsend und manchmal lachend zurück, wenn mir die Perücke etwas nach vorne rutschte. Ich konnte sie wegen meines natürlichen Haares nicht ankleben.
Er hatte tatsächlich meine Augen, die auch die meines Vaters waren. Ein tiefes Blau mit einer Spur Wärme, als würde man eine Kerze durch ein Aquarium betrachten. Das hatte wiederum immer meine Mutter gesagt. Ob John Thomas William Cromwell auch meine und meines Vaters Haarfarbe hatte, war noch schwer zu beurteilen, da Babies in diesem Alter normalerweise immer blond waren. Es würde sich irgendwann herausstellen, ob er ebenfalls hellbraune Haare bekommen würde. Auch seine Nase war typischfür ein Baby und man konnte ihn wohl in ein fremdes Bett legen und eine andere Mutter würde ihn aus Versehen an sich nehmen. Oder auch nicht. Ob eine Mutter dies zu erkennen vermochte? Ich wusste es nicht. Ich war keine Mutter. Aber vermutlich wäre dies so.
Ich war so sehr damit beschäftigt meinem Neffen komische Grimassen zu machen, dass ich garnicht bemerkte, dass Thomas Cromwell sich an die andere Seite des Bettchens gestellt hatte und ebenfalls mit entzücktem Gesicht zu ihm hinunterblickte.
Mein Schreck stand mir vermutlich ins Gesicht geschrieben, denn Cromwell räusperte sich leicht nervös, sagte aber kein Wort. Er wirkte, als ob er nicht die passenden Worte finden würde, ihm die Situation peinlich war und als ob er sich dazu gerungen hatte hier her zu kommen. Wohl nicht zu seinem Sohn, denn vor ihm wäre er doch nicht nervös gewesen. Bevor ich meinen Gedanken zu ende brachte, räusperte ich mich ebenfalls und begann: "Es ist wirklich ein sehr hübscher Bursche." Die Worte entglitten mir viel flüssiger als ich geplant hatte, doch sie erzielten genau die Wirkung, die ich mir erhoffte, die ich mir immer erhofft hatte. Thomas lächelte mich an. Es war kein Lächeln, wie er es einem Lumpen von Bauern sonst so überheblich präsentierte. Es war ein Lächeln aufrichtiger Freude und es war so, als ob all meine Abneigungen im Winde verwehten. Dagegen konnte ich rein gar nichts tun als zurückzulächeln. Im Nu, jedoch, fasste er sich wieder, räusperte sich und antwortete mit fast schon gezwungener Ernsthaftigkeit: "Ich danke Ihnen, Mister Caldwell. Ich weiß dieses Kompliment wirklich zu schätzen. Ich bin mir sicher, er wird so groß und stark wie sein Namensvetter werden."
Mich erfreute seine Antwort bis auf die Knochen, obwohl ich mir nicht ganz sicher war, ob er mich oder sich selbst meinte, doch ich beschloss ihn nicht danach zu fragen. Immerhin hatten wir gerade unsere stummen Stückpforten geschlossen. Er verneigte sich kurz und ging anschließend wieder zurück zu Maggie als meine Mutter angehastet kam. Sie hatte in ihrer linken Hand einen Umschlag, der sehr offiziell aussah.
"Das hatte ich vergessen, Will. Vor ein paar Tagen, als wir Edinburgh verließen, hatte uns dieser Brief erreicht. Er kommt von der Admiralität, so scheint es. Hier, bitte sehr", sagte sie und überreichte mir schwer atmend den Brief. Ich hatte die letzten Worte gar nicht richtig gehört. Mir erging es, als ob mir jemand die Ohren zuhalten würde. Ich hatte nur verstanden, dass ein Brief von der Admiralität da war. Von der Admiralität? Da´rin war bestimmt meine Entlassung enthalten. Mein Entlassung? Vielleicht sogar ein Befehl mich vor dem Kriegsgericht zu verantworten? Aber wofür? Oder war es etwa ...? "Nun mach ihn schon auf", drängte sie und deutete auf den Umschlag, der vollkommen nutzlos in meiner rechten Hand baumelte. Mittlerweile hatten sich alle Köpfe zu mir herumgedreht und jeder schaute uns neugierig an. Ich schaute mir den Umschlag an. Tatsächlich! Er war von der Admiralität, vom ersten Seelord Rowley. Ich zerbrach das Siegel, holte den fast schon beängstigend förmlich und hochdekoriert wirkenden Brief heraus und begann ihn laut vorzulesen:

Montag, 4. April 1756, Britische Admiralität, Admiral William Rowley, 1. Seelord

Mit diesem Schreiben erhalten Sie, Lieutenant William Caldwell, den Befehl sich bei der Britischen Admiralität in London zu melden. Ihr werdet mit sofortiger Wirkung wieder zum Dienst berufen und das Kommando über die Schnau Seiner Majestät Sloop "Lucky" übernehmen. Weitere Anweisungen erhalten Sie nach Ihrer Ankunft am Donnerstag, den 21. April 1756, in London. Ein weiterer Brief wird Sie mit der erhaltenen Beförderung zum Master and Commander erreichen.

Hiermit verbleibe ich mit respektvollen Grüßen,
William Rowley, 1. Seeolord der Admiralität, London


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein Paket voller Geheimnisse
Verfasst: Fr 20. Mär 2020, 10:19 
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2. HMS Lucky

Ich ließ den Brief wieder sinken. Mein Herz schien auf einem Schlag pro Minute verlangsamt zu sein. Ich schaute in die Runde und Gesichter kamen freudestrahlend auf mich zu, Arme umarmten mich und Hände schüttelten die meine. Ich verstand nicht richtig was die Leute sagten. Als sie wieder von mir abließen, hob ich erneut meinen Brief und las in nochmal durch. Nein, es war kein Fehler. Es stimmte alles. Ich war zum Master and Commander befördert worden. Ich durfte mein eigenes Schiff kommandieren. Mein eigenes Schiff! Die Lucky. Eine Schnau. Eine Sloop-of-War. Ich wusste nichts über dieses Schiff, außer dass es eine Schnau war. Sie musste nicht sehr groß sein, maximal 90 Fuß lang. Wie viele Geschütze? 14? 18? 22? Oder noch weniger als 14? Mit Sicherheit Sechspfünder! Ich wollte das alles sofort wissen, doch ein Gesicht riss mich wieder in die Realität zurück. Cromwell war vor mir aufgetaucht und schaute mich distanziert an. "Meinen Glückwunsch, Mister Caldwell. Eine Schnau ist ein sehr tüchtiges Schiff. Ich bin mir sicher, sie wird in besten Händen sein."
Auch wenn seine Stimme wieder gewohnt hochnäsig klang und er so aussah, als ob er sonst wo gerne wäre, nur nicht hier; waren seine Worte um einiges herzlicher und sehr viel respektvoller als sonst. Obwohl noch immer distanziert, wirkte er nun etwas kameradschaftlicher. Dennoch, ich freute mich über seine Aussage und drückte die Hand, die er mir entgegenstreckte.
Meine Beförderung hatte meine Mutter auch dabei. Sie war unter den vielen Briefen versteckt, die sie kurz vor der Abreise mitgenommen hatte. Darin stand es nochmal mit einem ganzen Schwung mehr an Glückwünschen seitens des ersten Seelords. Nun hatte ich es ein für allemal akzeptiert und Glücksgefühle strömten in mich hinein.Ich war nun kein Lieutenant mehr. Ich war nicht mehr der erste Offizier auf einem Kriegsschiff. Ich musste, wenn wir alleine unterwegs waren, auf keinen mehr hören, außer auf die schriftlichen Befehle der Admiralität oder eines Hafenadmirals. Ich bekam einen besseren Sold. Ich war nun Master and Commander. Als Commander war ich, auch wenn der Begriff irreführend ist, kein Captain. Ich befahl zwar ein Schiff, doch bloß ein nichtklassifiziertes Kriegsschiff, welches man in der Royal Navy als Sloop oder Sloop-of-War bezeichnete. Es waren in der Regel ein- bis dreimastige Schiffe mit 20 Kanonen, wobei es manchmal auch mehr oder weniger waren. Sloops wurden meistens in Küstennähe als Depeschenschiffe, Postschiffe oder Aufklärer, manchmal auch als Prisenschiffe, verwendet.
"Captain Caldwell!", dröhnte meine Mutter, die nach dem sechsten Glas Wein immer breiter grinste. Es war lustig. Die Ausdrücke der Navy waren oft mehr als nur irreführend. Als Commander einer Sloop nannte man mich Captain, obwohl ich den Rang eines Commander hatte. Wenn ich irgendwann einmal zum Captain befördert werden würde, wäre ich nachwievor der Kommandant, der Commander, eines Schiffes, sofern man denn ein Schiff zur Verfügung haben würde. Denn ohne Schiff wäre ich nur ein Post-Captain - ein "Gestrandeter". Aber solche Details kümmerten niemanden. Die Gesellschaft wusste stets, dass jeder, der auch nur eine Nussschale befehligte, ein Captain war ... oder ein Commander.
Der Abend hatte sich dem Ende zugeneigt und alle Gäste, die noch übrig waren, suchten ihre Zimmer auf. Am nächsten Tag besuchten wir die Bath Abbey und machten einen langen Spaziergang in den naheliegenden Hügeln. Ich hörte oft nicht hin, wenn sich die anderen unterhielten und über die schöne Landschaft und das milde Frühlingswetter unterhielten. Als wir einen Ausflug zum Bristol Channel machten, stellte ich mir die noch kontur- und farbenlose Lucky vor, wie sie in der Nähe des Ufers ankerte und auf mich wartete. Erst als wir uns verabschiedeten; meine Mutter nahm mit Onkel Joe die Kutsche nach Edinburgh; überkam mich ein mächtiges Gefühl der Ungedult. Ich war mit einem wirklich mulmigen Gefühl in die Kutsche gestiegen, die mich nach London bringen sollte. Ich hatte mein gesamtes Ersparnis dabei und wollte für die nächsten Tage, vielleicht sogar Wochen, in einem Gasthaus unterkommen, denn die Admiralität hatte mir vorgeschrieben am 21. April zu erscheinen.

Ich erreichte London am späten Abend. Die Kutsche brachte mich nach Covent Garden, einem berüchtigten Ort mit leichten Damen, aber ebenso einem riesigen Markt, auf dem Waren aus aller Welt verkauft wurden. Ich hatte mir vorgenommen, den Markt in den nächsten Tagen zu besuchen. Meine Unterkunft, das A Fiddler's Tale, lag etwas abseits vom Getöse, Gebrülle und Getanze der Betrunkenen. Der Kutscher bog in eine kleine Nebenstraße und hielt plötzlich. Es regnete. Es regnete sogar sehr. Zudem war es eisekalt und zu allem Überfluss hatte die Kutsche keine Bedachung. Ich war bis auf die Knochen durchgefroren und war mir ziemlich sicher, dass ich nie wieder trocken werden konnte. Der Kutscher, ein steinalter Mann, der seine Zähne schon vor Jahren hatte einbüßen müssen; sprang leichtfüßig vom Kutschbock hinunter und griff nach meiner Seekiste, die er behutsam unter der Laterne des Gasthauses abstellte. Ich hatte ihm eine solche Stärke und Robustheit gar nicht zugetraut.
"Nun, Sir, das sind wir!", sagte er freudestrahlend, als ob ihm der Regen ihm den Tag versüßen würde, wobei andere sich üblicherweise an Sonnenschein ergötzten.
"Vielen Dank, Mister Wright. Bitte nehmen Sie das, Sir." Ich griff in meinen Geldbeutel und holte eine Guinee heraus, die ich ihm in die Hand drückte. Der Mann bedankte sich lächelnd, wobei "Lächeln" in diesem Fall bedeutete, dass er seinen schwarzen, zahnlosen Schlund öffnete; stieg wieder auf die Kutsche und fuhr in die Nacht hinein.
Ich band meinen Mantel enger zu und klopfte an der Tür. Das Abendessen war wohl schon vorüber, denn ich hörte keine Stimmen mehr. Durch das Fenster schien noch ein Licht, was bedeutete, dass noch jemand wach war. Ich klopfte erneut, doch wieder war nichts außer dem Plätschern des Regens zu hören, der allerdings immer weiter abnahm. Ich drehte mich herum und blickte die Straße auf und ab. Die Sicht war schlecht. Es hatte sich viel Nebel gebildet und man erkannte nur die milchigen Lichter der Straßenlaternen. Niemand war mehr auf den Straßen unterwegs und auch das Gegröle nahm stetig ab. Ich klopfte erneut und hörte schließlich ein Geräusch. Es klang nach Schritten, die hastig eine Treppe herunterkamen. Die Tür öffnete sich und eine Dame von etwa fünfzig Jahren öffnete die Tür.
"Ach du meine Güte. Was möchten Sie denn, Sir? Sagen Sie bloß, Sie wollen zu dieser gottlosen Stunde noch etwas essen."
"Guten Abend, Misses. Verzeihen Sie mir bitte, dass ich erst so spät hier erscheine. Ich hatte eine sehr lange Reise hinter mir. Verzeihen Sie, aber haben Sie noch ein Zimmer frei, welches ich für längere Zeit mieten kann?", fragte ich und das Entsetzen auf ihrem Gesicht erlosch sofort.
"Oh, aber natürlich. Sie müssen ja halb durchgefroren sein, mein Lieber. Kommen Sie, wir haben noch ein Zimmer im obersten Stock frei." Ich hob meine Seekiste auf und folgte ihr ins Haus hinein. Auf dem Tisch brannte eine einsame Kerze und daneben lag ein leerer Teller. Offensichtlich hatte sie gerade zu Abend gegessen. Der Schankraum war nicht sonderlich groß und das gesamte Gasthaus musste nicht mehr als 9 Zimmer haben. Sie öffnete eine Tür und bat mich ihr zu folgen. Hinter der Tür ging es wohl nach oben zu den Zimmern. Es war eine recht enge Treppe, sodass ich Mühe hatte meine Seekiste nach oben zu wuchten. "Lassen Sie mich helfen", sagte sie und zerrte von oben an der Kiste. "Du liebe Güte. Darin müssen mindestens Klamotten für einen ganzen Winter sein." Sie schaffte es die Kiste mit einem gewaltigen Ruck auf den Boden der ersten Etage zu hieven und schnaufte einmal kurz durch. "Ist nicht mehr weit. Die nächsten beiden Treppen sind etwas breiter. Was führt Sie denn nach London, wenn ich fragen darf?", sagte sie im Flüsterton und ging voran.
"Ein Besuch bei der britischen Admiiralität. Ich bin vor kurzem zum Master and Commander befördert worden", sagte ich stolz und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.
"Meinen Glückwunsch, mein Lieber! Dann gedenken Sie länger hier zu bleiben?"
"Ja, bis zum 21. April ... oder vielleicht etwas länger", antwortete ich und setzte an der nächsten Treppe an.
"Das ist ja noch eine Wochen. Ich denke, wir können einen guten Preis vereinbaren. Normalerweise kostet eine Nacht 5 Pence, aber ich denke, wir können daraus 3 Pence machen. Was halten Sie davon, Sir? Das wären 21 Pence für zwei Wochen, oder besser gesagt, 1 Schilling und 9 Pence. Was meinen Sie?"
"Das klingt großartig, Misses ..."
"Brown, Sir. Mildret Brown. Mein Mann, Stewart, leitet dieses Gasthaus und wird sich morgen früh um Sie kümmern. Gerade schläft er. Und mit wem habe ich das Vergnügen?"
"Mit William Caldwell, Misses Brown."
"Fein. Da wären wir", sagte sie und stieß die Tür auf. Das Zimmer war wahrlich nicht groß, doch war es sauber und warm. In der Ecke brannte ein kleiner Kachelofen und ein großer Schrank schmückte die Wand gegen über des kleinen Einzelbetts, welches unweit vom Dachfenster stand. "Frühstück gibt es ab sechs Uhr und Abendessen ab 18 Uhr mit offenem Ende. Aber bloß nicht zu einer solche unchristlichen Zeit, Sir. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht", sagte sie und schloss die Tür. Ich stellte meine Kiste am Fußende des Betts auf und hing meine vollkommen durchnässten Kleider vor dem Ofen auf.
Ich lag noch lange in meinem Bett wach und fragte mich, wie es wohl werden wird. Ich musste mich wieder an die See gewöhnen, das stand fest. Seit acht Monaten war ich nicht mehr auf See. Ich dachte darüber nach, wie mein Offizier sein würde, wie meine Crew sein würde und wie es sich auf einem solch kleinen Schiff wohl leben würde. Die Lucky konnte nicht länger als 90 Fuß sein, was bedeutete, dass wir auf sehr engem Raum leben würden. Meine Gedanken kreisten weiter, ich dachte über den Auftrag nach, wie er verlaufen würde, was mich erwartete. Ich dachte an Gefechte. Und wieder kam mir die Frage auf: Wie gut war sie bewaffnet?
All diese Fragen und Szenarien, die ich mir vorstellte, wiegten mich langsam in den Schlaf.

Am nächsten Morgen wachte ich relativ spät auf. Ich brauchte den Schlaf, da ich in Zukunft wahrscheilich nicht mehr so schnell Erholung bekam.
Es war ein wundervoller Tag. Ich öffnete das Fenster und atmete tief durch. Vereinzelte Wolken bedeckten den strahlend blauen Himmel. Der Regen hatte große Pfützen zurückgelassen und die Leute in den Straßen schlängelte gekonnt um sie herum. Ich begab mich hinunter zum Speiseraum und Mister Brown nahm mich schon freudestrahlend in Empfang.
"Guten Morgen, Mister Caldwell. Haben Sie gut geschlafen, Sir?", fragte er als ich mich an den Tisch setzte.
"Sehr gut, vielen Dank. Hätten Sie vielleicht etwas Spiegelei und Schinken für mich? Und eine Tasse heiße Schokolade? Das wäre sehr nett", antwortete ich und blickte aus dem trübe Fenster. Schatten zogen an ihnen vorbei und manchmal kam ein freundlicher Gruß zum Morgen. Nachdem ich gegessen hatte und die herrlich schmeckende Schokolade leer getrunken hatte, vertrieb ich mir die Zeit mit dem Besuch auf dem Markt, der wirklich tolle Sachen zu bieten hatte. Wachen aus aller Welt türmten sich an den Ständen: Gewürze aus Indien und den Pazifikinseln, Skulpturen aus Südamerika, Bücher, Gemüse, Schnitzereien, Werkzeuge und Haushaltsgegenstäde. Zwischen den zahlreichen Briten tummelten sich auch viele Ausländer herum. Manche waren Händler, andere Geschäftsreisende und wiederum andere kamen bloß zu Besuch in die Stadt. Ein preußischer Geschäftsmann unterhielt sich gerade mit einem brasilianischen Händler über eine Wurzel, die laut dem Werkäufer wie eine Kartoffel schmecken musste, was der Preuße aber nicht so recht glauben mochte. Sofort drehte sich der Mann um und griff nach einer gekochten Wurzel, die er ihm dann andrehen wollte, doch der Preuße schritt zurück und und schüttelte kräftig mit dem Kopf.
Für mich sah die Wurzel aber appettitlich aus. Ich näherte mich dem Verkäufer und fragte ihn mit meinem gebrochenen Portugiesisch: "Com licença, senhor. Quanto custa esse?"
"Ohh o senhor fala português. Donde é, senhor? Eu sou de Bahia. Já visitou, senhor?"
"Verzeihung, Sir. Mein Portugiesisch ist nicht sehr gut. Verstehen Sie Englisch?"
"Ahh ja. Ich verstehe ein bisschen. Sie haben ein sehr gute Aus... Aussprache, senhor. Wo haben Sie gelernt?"
"In Lissabon, Sir. Ich wohnte dort für wenige Wochen, da unser Schiff ein paar portugiesische Händler eskortiert hatte."
"Ahh Sie sind in der Royal Navy?", fragte er und legte die gekochte Wurzel zur Seite.
"Ganz recht. Commander William Caldwell, Sir." Ich verbeugte mich leiht vor dem Mann.
"Federico Coutinho", antwortete der Mann und verbeugte sich ebenfalls.
"Darf ich Sie zu dieser Köstlichkeit einladen, Sir?", fragte ein Mann hinter mir, der das Gespräch offenbar mitbekommen hatte. Ich drehte mich verwundert um und blickte einem leicht gebräunten Mann in mittelständischer Kleidung an, der sich vor mir verbeugte. "Inácio Moreira de Cardoso, zu Ihren Diensten, Sir." Ich verbeugte mich auch vor ihm und stellte mich ebenfalls mit William Caldwell vor. "Nun, wie ich sehe interessieren Sie sich für diese sehr kostbare Schönheit, nicht wahr? Diese Wurzel nennt sich Aipim und schmeckt tatsächlich wie eine Kartoffel, vielleicht etwas mehliger, aber in Butter gebraten schmeckt sie wirklich ausgezeichnet."
Mit diesen Worten holte Federico eine weitere Wurzel aus seinem Bestand und schälte sie, damit er sie kochen und anschließend braten konnte, wie Senhor Cardoso sagte. Federico überreichte mir die gebratene Wurzel, die mit Butter und Salz überzogen war, und lächelte. Ich biss hinein und stellte fest, dass die hart gebratene Wurzel tatsächlich wie eine Kartoffel, oder eher wie eine Bratkartoffel, schmeckte, mehliger, wie Mister Cardoso sagte.
"Wirklich ausgezeichnet", sagte ich und aß den Rest auf. Mister Cardoso griff in seine Tasche und holte zehn Schilling heraus, die er dem Verkäufer gab. Ich war überrascht über den hohen Preis dieser Wurzel und verstand allmählich, warum der Preuße davor zurückgeschreckt war. Mister Cardoso las offenbar meine Gedanken und sagte dann mit einem Lächeln: "Die Pflanze wird in Südamerika angebaut, allerdings wurde das Exemplar, welches sie aßen, hier in London in einem Gewächshaus angebaut. Es würde die Fahrt bis hier her nicht überstehen."
"Verstehen Sie sich auf Pflanzen, Sir?", fragte ich, denn der Mann machte auf mich einen recht gelehrten Eindruck.
"Ein wenig, ja. Ich besuchte in meiner Jugend oft den Regenwald im Amazonasgebiet und die sogenannte Mata Atlântica zwischen Asunción und Recife. Vor allem in das Gebiet der Mata Atlântica lohnt sich ein Besuch, denn es ist wirklich ein atemberaubend schöner Ort. Unwahrscheinlich viele versteckte Buchten und weitreichende Berge, vor allem bei Rio de Janeiro und São Paulo."
"Sie sprechen auch Spanisch, Sir?"
"Ahh Sie meinen, weil ich Asunción bei seinem spanischen Namen nenne. Sehr gut gehorcht, Senhor. Im Portugiesischen würde man Assunção sagen. Aber ja, ich spreche Spanisch. Als Kind der Stadt São Paulo traf ich viele Händler aus den verschiedensten Regionen Südamerikas. Später führten mich meine Reisen auch nach Europa, wo ich die großen Sprachen der Gelehrten erlernte. Französisch, Englisch und Italienisch. Aber Sie scheinen auch Spanischen und Portugiesischen mächtig zu sein, wie ich sehe?"
"Ja, Sir. Portugiesisch lernte ich als junger Lieutenant vor einigen Jahren in Lissabon. Wir hatten dort portugiesische Händler eskortiert. Somit verbrachten wir einige Wochen dort, da unser nächster Befehl viel später antraf, als wir erwartet hatten. Somit hatte ich die Gelegenheit die Sprache und die Einheimischen kennenzulernen. Eine wirklich tolle Stadt. Wunderschön, kulturreich und doch ..." Ich unterbrach. Meine Füße konnten nicht mehr weiterlaufen. Ich erkannte es auch an Mister Cardosos Gesichtsausdruck. Er nickte zustimmend und schaute betreten in Richtung Boden. Wir beide wussten, was vergangenes Jahr mit der Stadt passiert war. Ein gewaltiges Erdbeben hatte den unteren Teil der Stadt in Schutt und Asche gelegt, wobei ein riesiges Feuer sich in der gesamten Stadt ausgebreitet hatte. Wenig später hatte eine Flutwelle den unteren Teil der Stadt überrollt, die zwar die Brände gelöscht hatte, aber die noch stehenden Gebäude mit sich gerissen hatte. Knapp ein Viertel der Bevölkerung der Stadt und einigen umliegenden Dörfern waren dabei gefallen. "Ich hatte die Stadt vor dem Beben kennengelernt. Einige Monate vor dem Beben, um genau zu sein. Es macht mich wirklich sehr traurig, dass Gott dies zuließ."
"War es wirklich Gott?", fragte Mister Cordoso und hielt erneut an.
"Wie meinen? Sie meinen ... es gibt noch etwas anderes, was eine solch gewaltige Zerstörung anrichten kann?", fragte ich verwundert und hielt ebenfalls an.
"Die Natur steckt wirklich voller Geheimnisse. ich wage nicht im Entferntesten darüber zu behaupten, dass dieser Akt der Zerstörung keine erklärbare Ursache hatte. Aber die Menschen glauben sehr schnell an Gottes Werk, wenn sie etwas sehen oder erleben, was sie nicht begreifen können. Ich will keinesfalls negieren, dass Gott dafür verantwortlich sein könnte. Doch wir sollten nie voreilig unsere Schlüsse ziehen, über etwas, worüber wir eigentlich gar nichts wissen. Vergessen Sie nicht: Es galt mal als Mode die Welt als flache Scheibe zu sehen, nicht als Kugel. Ich denke, wenn einer von uns beiden das am ehesten beweisen kann, dass die Erde eine Kugel ist, dann Sie, Sir! Haben Sie den Planeten schon einmal umrundet?"
"Nein, leider noch nicht. Meine Reisen hatten mich zwar schon einmal zum Kap der Guten Hoffnung und nach Indien gebracht, allerdings umschifften wir für Indien Kap Hoorn und für das Kap der Guten Hoffnung Afrika. Aber ich bin sicher, dass ich es eines Tages tun werde, obwohl es hundsgefährlich ist, denn Nahrungsmittel gehen vor allem auf der Pazifikreise zwischen Kap Hoorn und Ostindien aus, da Häfen nicht angelaufen werden."
Mister Cardoso war ein wirklich interessanter Gesprächspartner. Wir unterhielten uns viel über die Reisen, die wir angetreten waren; über unsere Familien, über unsere Zukunftspläne und darüber, wie wir Geld machen wollten. Er ließ durchblicken, dass er ein passabler Arzt war und dass er gerade auf Suche nach einer neuen Anstellung war, da er vorerst dem tropischen Klima Brasiliens entkommen wollte und deshalb in Europa war.

In den nächsten Tagen besuchte ich einige Geschäfte, Buchläden und Bibliotheken, durchstöberte Bücher, las ausländische Literatur, kaufte neues Ölzeug beim Marineschneider und ließ mein Abzeichen auf der anderen Schulter anbringen. Ich musste mir noch irgendwie die Zeit vertreiben, denn ich war tatsächlich eine Woche zu früh da. Es wäre töricht gewesen, wenn ich nach dem Besuch im Hause meines Schwagers wieder nach Edinburgh zurückgekehrt wäre, denn die Reise war lang und ncht billig. So tarf ich einige Male Mister Cardoso, der, wie er mir mitgeteilt hatte, im Gasthaus "Mary's Garden quartierte, und zwar für 2 Pence pro Nacht. Ich hatte überlegt, ob ich meinen vorläufigen Wohnsitz nicht besser dorthin verlegen sollte, doch Mister Cardoso hatte mir in freundschaftichem Ton davon abgereaten, denn der Fisch, den sie dort servierten, schmeckte nach Hühnereiern.
"Wo wäre das Problem?", sagte mein Begleiter, während er einen Braten hinunterwürgte. "Ich mag Eier, ich würde sogar behaupten, dass jedermann Eier mag. Doch ein Fisch sollte nicht nach Eiern schmecken, sondern nach Fisch."
Dagegen gab es nichts einzuwenden. Mister Cardoso, der mir freundllicherweise angeboten hatte, ihn Inácio zu nennen, hatte ebenfalls überlegt umzuziehen. "Aber ich fürchte, ich kann mir das nicht länger Leisten. Meine Finanzen neigen sich dem Nullpunkt zu und ich muss sehen, dass ich eine geeignete Arbeit bekomme. Aber in einer Weltstadt wie London wurden die Ärzte praktisch erfunden."
"Das ist wirklich sehr bedauerlich. Ich hoffe, ich kann dir irgendwie behilflich sein", sagte ich und schenkte ihm noch einen Wein ein.
"Bitte, bemühe dich nicht. Du solltest dich auf die kommende Aufgabe konzentrieren. Morgen schon wirst du nach Portsmouth fahren."
Das dachte ich auch. Portsmouth war der logische Hafen für ein Schiff der Royal Navy, somit würde ich höchstwahrscheinlich dorthin fahren.

Am nächsten Tag stand ich sehr früh auf, denn das folgende Gespräch, obwohl es vermutlich nicht länger als fünf Minuten daueren würde, machte mich recht nervös. Ich wünschte Misses Brown einen guten Morgen, schlang meine Eier mit Speck hinunter und begab mich auf den Weg in Richtung Whitehall.
Das dreistöckige Admiralitätsgebäude, welches aus Ziegelsteinen bestand, wirkte trotz seiner Einfachheit recht majestätisch. Ich betrat das Gebäude durch den Eingang von Whitehall aus und betrat, als der Portier freundlicherweise das Portal öffnete, das Gebäude. Im Inneren waren schon einige Offiziere unterwegs. Es waren frische Lieutenants, die ihre Examen bestanden hatten oder Kadetten, die sie nicht bestanden hatten. Kapitäne und andere Comander streiften ebenfallls durch das Gebäude, auf der Suche nach dem richtigen Zimmer, und Admiräle, die entweder hier arbeiteten oder Befehle empfingen, stolzierten selbstbewusst umher.
Das Büro des ersten Seelords war gut besucht. Auch hier saßen vor der Tür zahlreiche Offiziere, die auf eine Audienz warteten, während der Portirer schnurgerade davor stand und keine Miene verzog. Ich wartete geduldig auf meinen Aufruf, der um 11 Uhr erfolgen sollte. Zwei Minuten, nachdem der vorige Offizier mit einem aus dem Büro schallenden Gebrüll rausgeworfen wurde, war ich an der Reihe. Ich betrat das Büro und setzte dabei meine neutralste Miene auf, die ich aufbringen konnte, während Sir William Rowley persönlich seine Perücke wieder richtete und mit einem zornesroten Gesicht sich wieder setzte.
"Ja?", fuhr er mich an als er mich durch die Tür kommen sah.
"Mast and Commander William Caldwell, Sir", sagte der Portier und verbeugte sich. Ich salutierte kurz und blieb dann, ohne den Admiral anzusehen, vor seinem Schreibtisch stehen.
"Nun gut, Commander Caldwell", begann er und holte einmal tief Luft. "Bitte setzen Sie sich ... Fein. Sie fragen sich sicher, weshalb ich Sie persönlich sprechen wollte, weshalb Sie Ihre Befehle von mir bekommen und weshalb Sie auch die Beförderung von mir erhielten. Sie sind recht jung für einen Commander, richtig? 22, wenn ich mir das hier richtig ansehe, doch Ihre Taten sprechen für sich. Captain Wyatt hatte Sie mehrheitlich als ausgezeichneten Offizier bezeichnet und wenn das alles stimmt, was er über sie schrieb, bin ich mir sicher, dass Sie eine ausgezeichnete Karriere vor sich haben werden", sagte der Admiral und zeigte die Spur eines Lächelns. Ich konnte meinen Ohren nicht trauen. Solche hochlobenden Komplimente von einem derart hochdekorierten Admiral und Diener des Königs zu hören, war eine pure Seltenheit. Ich war mir sogar sicher gewesen, dass Admiräle zu solchen Gefühlsäußerungen vollkommen unfähig waren. Doch dieser Mann war der Beweis für das Gegenteil. "Nun denn. Sie erhalten den Befehl heute nach Plymouth zu reisen, Seine Majestät Sloop Lucky zu übernehmen und einen Passagier mit einer wichtigen Fracht nach Nordamerika zu bringen. Hiermit erhalten Sie den Befehl, Mister Caldwell", sagte er und überreichte mir einen Briefumschlag mit einem Siegel der Admiralität darauf.
"Vielen Dank, Sir. Aber dürfte ich erfahren, um welchen Passagier es sich handelt? Wie heißt er und wo treffe ich ihn an?"
"Sein Name ist Charles Farnsworth. Er ist ein Kaufmann aus Boston und wird auf Sie heute Abend in der Marinewerft warten. Ich nehme an, dass Sie das Schiff bis übermorgen startklar bekommen?"
"Sehr wohl, Sir. Das werde ich tun."
"Sehr gut. Das Schiff ist erst letzte Woche in Dienst gestellt worden. Es ist also sehr neu. Ich bin mir sicher, dass Sie erstaunt sein werden, wenn Sie es sehen. Es ist ein Prototyp und soll den zukünftigen Schiffsbau einleiten."


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