Skriptorium
Aktuelle Zeit: Di 29. Sep 2020, 07:08

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 2 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Der Nubier
Verfasst: Mi 11. Mär 2020, 07:14 
Benutzeravatar
Irrlicht
Offline

Registriert: Mi 11. Mär 2020, 06:36
Beiträge: 2
Der Nubier

Siwa. Meine Heimat. Seit ich ein kleines Kind war wohnen wir hier. Meine Mutter, Satisisnofret, war Schreiberin am Hofe des Hohepriesters im Tempel des Amun. Sie war eine schöne Frau mit hohem Ansehen und sehr intelligent. Sie beherrschte neben der alten Sprache und unserer Sprache, Demotisch; Aramäisch, Hebräisch und Griechisch. Mein Vater hingegen, Nasakhma, war ein nubischer Bogenschütze, der nun im Dienst unseres Pharaos, Ptolemaios II., als Medjay, stand. Er war der stärkste Krieger in ganz Kemet, oder wie die Griechen es nannten, Aígýptos, Ägypten. Er war Kommandant der Leibgarde unseres geliebten Pharaos gewesen und sorgte für Ordnung im ganzen Land. Das bedeutete allerdings, dass er sehr selten zu Hause war. Ich war noch sehr klein als der Bote aus Alexandria meinem Vater die Nachricht gebracht hatte, dass er nun in die Palastgarde aufgenommen worden war, nachdem Ptolemaios II gekrönt worden war. Es war eine große Ehre für ihn und für uns gewesen eine solch wichtige Aufgabe zu bekommen. Sein Pharao hatte ihm sein vollstes Vertrauen geschenkt. Als ich acht Jahre alt war, wurde er durch einen Griechen abgelöst, weil Ptolemaios nun Krieg mit Kusch führte ... so nannten die Ägypter Nubien. Es war nicht gerne gesehen, dass der Pharao einen nubischen Leibwächter hatte, während er zugleich Krieg mit seinem Volk führte. Der Pharao vertraute ihm zwar, doch wollte er Misstrauen unter den Beamten vermeiden.
Er hatte eine Zeit lang als Wache von Karawanen gedient, die zwischen den Grenzfestungen und Theben verkehrten, manchmal aber auch als Medjay, oder wie die Griechen ihn nannten, "Phylakes"; im Fayyum. Ein paar mal war er abberufen worden eine Grenzfestung zu besetzen und zu halten, bis er schließlich wieder nach Hause gekehrt war, wo er nun Kommandant in der Garnison in Siwa wurde, die den Tempel des Amun beschützte.

Da war noch mein bester Freund, Nechti, war der Sohn des Schmieds und der Bäckerin in Siwa. Er war immer der, der sich in Schwierigkeiten brachte. Mein Vater hatte mit uns immer Bogenschießen geübt und uns auf die Jagd mitgenommen, damit wir lernten, verantwortungsvoll und respektvoll mit dem Tod umzugehen. Mein Vater konnte einen Reiher aus einem Chet Entfernung, also etwa 50 Schritten, erlegen.
Nechti und ich versuchten das immer nachzumachen. Wir schossen stets mit der gleichen Distanz, machmal auch mit doppelter Distanz, auf eine Palme am Rande der Stadt, trafen aber nur mit Glück. Nie gelang uns ein zweiter Treffer direkt nach dem ersten. Oftmals mussten wir weit laufen, wenn der Wind unsere Pfeile weiter weg trug. Aber mein Vater hatte mich immer gewarnt. Ich sollte nie mit dem Bauch zum Dorf zeigend auf die Palme schießen und mich nie weiter als einen halben Chet von der Palme entfernen. Für Nechti galt das gleiche. Es würde meines Vaters Herz brechen, wenn er erführe, dass der Sohn seines besten Freundes, der der Schmied der Palastgarde gewesen war, sterben würde. Denn außerhalb der Stadt gab es Hyänen und Räuber. Die Palme markierte den letzten Punkt, an dem wir uns aufhalten durften. Nur mit meinem oder Nechtis Vater durften wir weiter raus. Manchmal ritten wir bis zur Qattara-Senke und übernachteten unter freiem Himmel. Da mussten wir ständig am Lagerfeuer bleiben, denn Schlangen, Skorpione und Geparden konnten uns auflauern. Das Holz nahmen wir immer von zu Hause mit oder bekamen es von vereinzelten Palmen in der Senke. Auch dort gingen wir auf die Jagd nach Gazellen, die wir anschließend brieten.

In Siwa ging es sehr gemütlich zu. Die Felder am Rande des Sees wurden stets bestellt, die Fischer fuhren mit ihren Booten auf den See hinaus, die Priester im Tempel bereiteten Verstorbene vor und beteten zu Amun, der Schmied begann schon früh mit dem Heizen seines Feuers und Händler aus anderen Städten und fremden Ländern kamen hier an, zum grünen Fleck in der Libyschen Wüste. Es waren vor allem Karawanen aus Memphis, Theben, Alexandria und Kyrene, die wertvolle Handwerke, Schmuck oder manchmal auch Passagiere brachten. Die Passagiere waren vor allem an einer Auskunft des Orakels interessiert, besuchten desweilen aber auch den Tempel und stiegen für ein paar Nächte in Satanippes Gasthaus ab. Das Gasthaus war immer brechend voll. Die Händler erzählten sich gegenseitig Geschichten, schlossen profitable Geschäfte mit ausländischen Händlern ab oder verabredeten sich zu einem Pferderennen rund um den See. Der Markt in Siwa, der sich teilweise durch die engen Gassen, aber hauptsächlich in der Mitte der Stadt angesiedelt war, hatte viele interessante Gegenstände, deren Bedeutung und Nutzen immer als heilig oder magisch benannt wurde. Unzählige Götzenbilder fremartiger Götter aus dem fernen Indien, Talismane, Amulette, Mumien kleinerer Tiere aus Memphis und hier aus Siwa, die zum Schutz des Trägers dienten; oder kunstvolle Schnitzereien aus Karthago. Zudem gab es noch Jagdwaffen und Bögen aus Meroe in Kusch und Felle aus der Umgebung. Ich liebte es mit meiner Mutter durch den Markt zu spazieren. Einige Stände verkauften Lebensmittel wie gepökeltes Fleisch oder Bier. Meine Eltern waren durch ihre ansehnliche Stellung sehr gut versorgt. Sie genossen in der Stadt großen Respekt. Obwohl mein Vater kein gebürtiger Ägypter war, war seine Präsenz ständig respekteinflößend. Die Leute hatten zwar keine Angst vor ihm, wussten aber genau, dass er in seiner Stellung und alleinige Mannstärke zu mächtig war als dass jemand auf die Idee kommen könnte irgendetwas in seiner Gegenwart zu stehlen oder jemanden zu verletzen. Auch wenn seine primäre Aufgabe dem Schutz des Tempels gewidmet war, setzte er sich auch für den Schutz der Bevölkerung ein.
"Ein Medjay ist nicht nur dem Schutz seines Neb, seines Herren, verpflichtet, sondern auch dem Schutz des Volkes. Denn das Volk ist Ägypten und Ägypten ist der Pharao", sagte er abends als wir gemeinsam auf dem Dach unseres Hauses, welches mit Kissen und Teppichen ausgestattet war, aßen. Auf dem niedrigen Tisch gab es Fisch, frisch gefangen aus dem See, Rinderfleisch, Oliven, Olivenöl, Datteln, Äpfel, Milch, Wein, ein paar Gewürze und Brot. Es schmeckte köstlich. Für uns arbeiteten zwei Diener. Horemheb war unser Gärtner. Er kümmerte sich um den Anbau im Garten und brachte einen Teil der geernteten Lebensmittel Karomama, die unser Essen zubereitete. Sie arbeiteten schon sehr lange bei uns. Karomama hatte sich oft um mich gekümmert als ich noch klein war, während meine Mutter im Tempel arbeitete und mein Vater in Alexandria war. Sie war eine sehr liebenswürdige Frau und nur 9 Jahre älter als ich. Horemheb kam erst als wir unser Haus mit einem Garten versehen ließen. Das war zu der Zeit als mein Vater aus Alexandria wiedergekommen war.
Ich mochte beide wirklich sehr. Meine Eltern hatten sie sie schon in ihre Familie mit aufgenommen. Sie aßen mit uns, hielten sich auch im Wohnbereich des Hauses auf, wenn sie gerade nichtz arbeiteten und begleiteten uns auch zu Festen. Nur an Reisen nahmen sie nicht teil, wenn meine Mutter mal in einen anderen Tempel geschickt wurde. Sie hatten ja auch eigene Familien. Aber es stimmte. Meine Mutter musste manchmal ins Nildelta, um Nachrichten zu übermitteln oder Texte zu übersetzen. Ihre Fähigkeiten waren sehr häufig gefragt, da in Alexandria zahlreiche Handelsschiffe aus den unterschiedlichsten Ländern und Städten anlegten. Es war verwunderlich, dass eine Ägypterin beim Hafenmeister oder sogar am Hofe derartig gefragt war. Oftmals blieb sie Wochen dort. Sie hatte mir einige Male berichtet, dass die Griechen nicht sonderlich angetan waren, dass eine Ägypterin ihre Geschäfte übersetzte. Es war tatsächlich ungewöhnlich, dass sie außerdem noch hunderte von Iteru reiste um einige Texte, Preislisten, Aufträge, Botschaften oder gar Liebesbriefe zu übersetzen ... und das in derartig vielen Sprachen. Aber anscheinend gab es keinen Griechen mit vergleichbaren Fähigkeiten. Ich hatte sie nur ein einziges Mal nach Alexandria begleitet, auch wenn ich noch sehr klein war. Wir hatten den Besuch genutzt, um Vater zu sehen. Ich war damals mächtig froh gewesen, ihn wieder gesehen zu haben.
Es war eine sehr schwierige Zeit für uns gewesen. Nicht nur, weil mei Vater so weit weg gewohnt hatte. Die Angst, er könnte nie wieder nach Hause kommen, war immer da gewesen. Heute jedoch blicke ich mit einem Lächeln zurück.
Doch war es nicht immer ein Lächeln. Manchmal passierten merkwürdige Dinge. Es war durchaus beängstigend, doch ich hatte mir nie allzu viele Gedanken gemacht. Es waren meist Unfälle, die passierten. Anfangs hatte ich mir eingeredet, dass sowas vorkommen kann. Doch je älter ich wurde, umso mehr beschäftigte mich ein Gedanke: War ich etwa dafür verantwortlich?
Nie waren es große oder schlimme Unfälle gewesen. Aber es machte sich im Laufe der Zeit bemerkbar. Grund für meine Zweifel war, dass eines Tages ein Mann zu Besuch gekommen war. Er war ein alter Freund meines Vaters gewesen, der in Meroe Teil der Palastwache war. Er hatte ihn schon seit 15 Jahren nicht mehr gesehen ... um genau zu sein: seit meiner Geburt.
Bei seiner Ankunft hatte er fröhlich gewirkt, wie jemand, der ohne Sorgen durch das Leben ging und stets den Genüssen fröhnte.
"Wie ein echter Grieche", hatte meine Mutter gesagt. Er hatte mir mit seinem Besuch ein Geschenk gemacht. Es war ein Talisman, der, wie er gemeint hatte, mal seinem Vater gehört hatte.
Taharqa hatte gelächelt und war stolz gewesen, als ich ihn mir umgehängt hatte. "Wie heißt du, mein Sohn?", hatte er gefragt.
"Mein Name ist Auwshek, Neb!", hatte ich stolz geantwortet. Sein Blick hatte mir nicht gefallen. Sofort hatte er seinen Arm von meiner Schulter genommen und meinen Vater fragend angeblickt. Dieser hatte nur kurz genickt und mir anschließend zugelächelt.
Den ganzen Abend hatte Taharqa, wenn er mit mir gesprochen hatte, mich angeschaut als ob ich jeden Moment tot umfallen würde.

Das war es also. Es lag an meinem Namen. Ich hatte nur keine Ahnung, warum Taharqa derartig nervös gewesen war. Er war der einzige Mensch außerhalb unserer Familie gewesen, der irgendetwas über meinen Namen wusste. Nachdem er abgereist war, hatte ich meine Eltern mit Fragen durchlöchert, doch meine Mutter hatte nur lächelnd geschwiegen und mein Vater auf meine Schulter geklopft, sich vor mich hingekniet und gesagt: "Irgendwann wirst du es verstehen. Mehr kann ich dir noch nicht sagen."


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Der Nubier
Verfasst: Fr 13. Mär 2020, 08:10 
Benutzeravatar
Irrlicht
Offline

Registriert: Mi 11. Mär 2020, 06:36
Beiträge: 2
1. Der Wanderphilosoph

"Versuch es nochmal!", sagte mein Vater und lächelte.
Ich nahm einen Pfeil aus dem Köcher und spannte den Bogen. Es fiel mir noch nicht so leicht einen Pfeil mit einer deraertigen Geschwindigkeit zu spannen, wie es mein Vater konnte, doch näherte ich mich jeden Tag ein bisschen an seine Künste. Ich ließ die Sehne los und der Pfeil schoss in Windeseile nach vorne. Seine Flugbahn war leicht nach unten geneigt und traf den Stamm unserer Übungspalme. Wir hatten allerdings ein Brett daran aufgehängt um die Palme nicht zu sehr zu beschädigen und einen wißen Punkt darauf gemalt, den ich zu treffen suchte. Der Pfeil steckte allerdings im Stamm. Vier Schesep über dem Brett. "Das war außerordentlich! Versuche es nochmal." Ich spannte den Bogen erneut, zielte und ließ die Sehne los.
"Nek!", fluchte ich noch während der Pfeil durch die Luft sauste. Ich hatte beim Spannen eingeatmet und das Resultat folgte sogleich. Der Pfeil traf nun ganze zehn Schesep zu hoch.
"Du hast deinen Fehler erkannt", sagte mein Vater und blickte auf die Palme.
"Der Fehler war ... das ich eingeatmet habe?", fragte ich, obwohl ich wusste, dass die Antwort falsch war. Ich überlegte noch einen Moment und sagte dann ruhig: "Ich habe nicht die Ruhe bewart."
Er nickte. "Ein Krieger ist im Kampf nur dann erfolgreich, wenn er zwei Dinge beachtet und befolgt: Mut und Ruhe. Ich weiß, dass viele Krieger mit Siegesgebrüll und mit Leichtfertigkeit in die Schlacht ziehen. Aber diese Krieger kommen meist nicht zurück zu ihren Familien. Im Kampf musst du dir absolut sicher sein. Und Sicherheit erlangst du nur, wenn du tief durchatmest, dich auf deine Seele konzentrierst und Kontrolle über jeden Muskel deines Körpers bekommst. Sei dir deiner Selbst sicher. Sei dir sicher wo du bist, wo du stehst, wer dein Feind ist und vor allem ... wer du bist. Dann verschwindet die Angst von ganz alleine", sagte er und zog einen weiteren Pfeil aus meinen Köcher. Ich nickte und nahm den Pfeil. Er sauste, nun sogar mit höherer Geschwindigkeit, auf den Baum zu, traf ihn aber wenige Djeba über dem weißen Punkt. Mein Vater lächelte und stand auf. "Ich denke, wir haben für heute genug geübt. Komm, mal sehen was Karomama für uns gezaubert hat", sagte er und lachte auf.


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 2 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Gehe zu:  


Monstersmilies


cron
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de