Skriptorium
Aktuelle Zeit: Fr 14. Aug 2020, 19:36

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 1 Beitrag ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Das Daedalus-Projekt
Verfasst: So 5. Jul 2020, 03:54 
Benutzeravatar
Irrlicht
Offline

Registriert: Mo 9. Okt 2017, 06:19
Beiträge: 1
Das Daedalus-Projekt

1. Vorahnungen

14. März 2153

Der Geländewagen ratterte über die gut ausgebaute Straße in Richtung Norden. Über den Bergen im Westen sank langsam die Sonne und meine Lider wurden zunehmend schwerer. Der Fahrer, Michael Rowland, prüfte immer wieder die Tankanzeige, dessen Zeiger allmälig immer weiter nach links rutschte. Die frische Frühlingsluft Westkanadas tat sehr gut, auch wenn sie uns alle ziemlich in die Müdigkeit trieb. Aber wir hatten bei dem sowieso offenen Auto keine andere Wahl. Ich hörte Michael immer wieder flüstern, so als ob er dem Auto einreden wollte nicht aufzugeben, denn die Tankfüllung war nicht das einzige, was ihm Sorgen bereitete. Es war ein furchtbar altes Auto. Dennoch schien sich der Wagen wie auf Wolken zu bewegen.
"Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der dieser Steinzeitelektromotor den Geist aufgibt", murmelte er in meine Richtung, was meine Vermutung bestätigte. Ich nickte leicht mit dem Kopf und sank dabei in einen sehr leichten Schlaf, bei dem sich die Umgebungsgeräusche und -eindrücke in Träume verwandelten.
Doch kurze Zeit später erwachte ich prompt, als der Wagen neben einer Zapfsäule hielt.
"Bin gleich wieder da", sagte Michael und stieg aus, um den Tank mit Wasser zu füllen.
Die Sonne war längst untergegangen und alle schliefen bereits, was durch die kurze Pause ermöglicht wurde. Als sich der Wagen wieder in Bewegung setzte, erhaschte ich einen Blick auf ein Schild bei der Auffahrt auf die Straße, das ankündigte, dass wir uns gerade in Meziedin Junction in der Nähe von Stewart befanden. Ich hatte weder von dem einen noch vom anderen gehört, doch meine Intuition sagte mir, dass wir noch eine verteufelt lange Strecke vor uns hatten. Ich wusste nur, dass wir uns nich auf dem British Columbia Highway befanden.
Ich hatte gedacht, dass wir weiterfahren würden, doch Michael drehte auf einen Parkplatz.
"Ich kann nicht mehr", schnaufte er und sank in den Sitz ein. "Lass uns morgen weiterfahren. Ich bezweifle, dass irgendwer noch in der Lage ist zu fahren." Er deutete auf die beiden Passagiere auf der Rückbank, die vollkommen seelenruhig schnarchten. Bei den beiden handelte es sich um Doktor Douglas Ehrenfield, meinem ehemaligen Professor für Archäologie, der mittlerweile im Ruhestand ist, aber des öfteren noch an Ausgrabungen teilnimmt. Die junge Frau neben ihm war unsere Praktikantin Ellie Worrington. Sie hatte vor drei Semestern mit dem Studium angefangen und hatte sich für diese Exkursion beworben. Es war allerdings keine offizielle Exkursion. Die University of Colorado hatte uns nicht die Mittel zur Verfügung gestellt, weshalb wir auf eigener Kappe reisen mussten. Deshalb hatte Michael seinen uralten Wasserstoffflitzer ausgegraben, den er stets wie seinen Augapfel gepflegt hatte, und wir mussten uns eigene Utensilien kaufen.
Wir verließen den Wagen und traten in das warme Motel, das sperrlich beleuchtet war. Eine ältere Dame kam herbeigeeilt und setzte rasch ihre Brille auf.
"Ach du liebe Güte. Es ist ziemlich spät. Wollen Sie etwa noch ein Zimmer?"
"Ja, bitte", gähnte Michael und wankte leicht auf den Tresen zu. "Zwei Zimmer bitte". Er zog seine Kreditkarte.
"Es ist recht ungewöhnlich, dass Reisende noch um diese Uhrzeit hier vorbeikommen. Selbst Trucker kommen höchst selten so spät her."
"Ließ sich nicht umgehen. Wir haben noch ein ganzes Stück vor uns", sagte Michael und stützte sich zwischen Postkarten und Wanderlandkarten ab.
"Wohin geht denn die Reise, wenn ich fragen darf?", lächelte die Dame und überprüfte unsere Ausweispapiere, die wir ihr ausgehändigt hatten.
"Nach Alaska, in die Nähe von McC..."
Plötzlich durchfuhr mich eine Welle von Panik und meine Hand schnellte zu seiner Schulter: "Nein!!"
Michael drehte sich erschrocken um. Auch die anderen waren plötzlich hellwach.
"Wa... was ist denn?", stammelte Michael und schaute mich verdutzt an.
Was war das? Diese Frage konnte ich auch nicht beantworten. Ich hatte keine Ahnung, weshalb mich plötzlich diese Furcht ergriffen hatte. Diese Furcht vor dem Himmel, die Furcht vor einer Sternkonstellation, die Furcht vor dem Ort zu dem wir unterwegs waren ... ich konnte mir nichts davon erklären, doch diese absonderliche, extreme Furcht, die mich nicht nur erschaudern ließ, sondern Todesangst verspühren ließ, hatte sich bereits so schnell gelegt wie sie gekommen war. Nun stand ich selber verdutzt da, als sei nichts passiert gewesen. Ich erinnerte mich an diese grausame Angst, doch ich verspürte sie nicht mehr.
Ich blinzelte. Meine Hand, die sich an seiner Schulter festgebissen hatte, rutschte schlaff herunter. Noch immer starrten mich alle an, als ob ich einen schlimmen Unfall erlitten hätte.
"Nun denn", sagte die Besitzerin des Motels, die sich offenbar als erste gefasst hatte. "Ich will nichts gesagt haben. Sie sind wahrscheinlich alle etwas müde."
Sie übergab uns die Schlüssel und wir gingen schweigend zu unseren Zimmern. Michael und Douglas verabschiedeten sich von uns, da sie auf der oberen Etage schlafen würden, während Ellie und ich die Tür zum Zimmer öffneten.
Es war ein sehr kleines Zimmer mit Ausblick auf den Parkplatz und den naheliegenden Wald, der von einer Straßenlaterne beschienen wurde.
"Was war denn das gerade eben?", fragte Ellie verwirrt, als sie ihre Tasche auf eines der getrennten Betten stellte.
"Ich ... weiß es nicht. Ich glaube, ich bin einfach zu müde um irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Lag wahrscheinlich daran", sagte ich und ließ mich auf das weiche Bett fallen. Ich hatte keine Kraft mehr meine Kleidung auszuziehen und schlief sofort ein.

Mit einem Mal wachte ich wieder auf. Ich hatte das Gefühl, dass mich bis vor wenigen Sekunden noch jemand beobachtet hatte. Ich drehte mich zu Ellies Bett, welches an der Badezimmertür stand, doch sie schlief tief und fest. Ein paar Strahlen der Laterne beschienen leicht ihr Gesicht.
Ich drehte mich auf die andere Seite und sah zum Wecker, der 02:14 zeigte. Es war tatsächlich gar nicht so spät gewesen, als wir hier angekommen waren. Wir hatten bloß seit Vancouver keine Uhr mehr gesehen.
Offenbar waren wir alleine im Zimmer. Ich erhob mich aus dem Bett und ging zum Fenster. Es war eine sternklare Nacht. Die Laterne war die einzige Lichtquelle, die es mir nicht erlaubte, den ganzen Sternenhimmel zu sehen, aber trotzdem konnte ich viele Sterne erkennen. Ich öffnete das Fenster ein Stück weiter, sodass die kühle Luft besser in meine Nase dringen konnte, doch es war nicht nur die Luft, die mich erkühlen ließ. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Mich packte wieder ein unangenehmes Gefühl, doch dieses Mal war es keine Angst oder Panik. Vielmerh war es ein Bedrücken, welches stärker wurde, je länger ich den Sternhaufen Plejaden anschaute. Es war so, als schaute ich als Kind in das Gesicht eines Erwachsenen, welcher mich gleich bestrafen würde. Ich fühlte mich beobachtet. Nun begriff ich, dass nichts in dem Zimmer war, was mich anstarrte. Es war so, als ob die Sterne mich anstarrten, um genauer zu sein, genau dieser Sternhaufen. Ich begriff nun auch, dass die Laterne auf dem Parkplatz schon lange erloschen war und das das Sternenlicht Ellies Gesicht beschienen hatte. Doch das konnte doch nicht sein. Ich drehte mich langsam wieder in das Zimmer und sah, dass es dunkel war. Ich konnte nur die groben Umrisse der Möbel erkennen. Und Ellie? Sie wurde von gar nichts beschienen. Hatte sich die Laterne vielleicht abgeschaltet, ohne dass ich es bemerkt hatte? War ich derart auf den Himmel fixiert, dass ich meine direkte Umgebung nicht mehr wahrgenommen hatte?
Ich drehte mich wieder zu den Sternen, doch sie funkelten wie immer. Sie waren weiß, fern und konnten mir nichts anhaben. Sie waren so wie immer.
Die Müdigkeit packte mich wieder, doch sie wich schlagartig dem erneuten Gefühl der Beobachtung. Es war jemand in diesem Zimmer. Ich war absolut sicher. Meine Angst packte mich, doch war sie nicht wie die Angst, die ich an der Rezeption verspührte. Ich drehte mich langsam um und erblickte den Umriss einer Gestalt, die mich direkt ansah.



2. Das Artefakt

15. März 2153

Meine Stimme versagte. Ich konnte keinen Ton herausbringen. Leise flüsterte ich: "Was? Was? Wer?". Mein Körper war jedoch schneller als mein Gehirn und ich sprang zur Kommode, auf dem eine Tischlampe stand, und schaltete sie ein. Ich ließ einen erstickten Schrei los, der jedoch sofort in ein verwirrtes Murren überging.
"Ellie?!"
"Was'n ...?", gähnte das Mädchen und erhob sich streckend aus dem Bett.
"Oh, Ellie ... Du hast mich ganz schön erschreckt", sagte ich schwer atmend und vollkommen erleichtert, dass kein Einbrecher vor mir stand.
"Ähm ... okay. Tut mir Leid, ich wollte nur auf die Toilette", sagte sie und schlenderte zur Badezimmertür.
"Ohh ... ja. Na schön ..." Ich ließ mich auf's Bett fallen und atmete tief durch.
"Bist du sicher, dass du in Ordnung bist?", fragte sie hinter der verschlossenen Tür.
"Ja, kein Problem. Ich bin in Ordnung", antwortete ich und erhob mich, um die Gardinen zu schließen.

Das Frühstück am nächsten Morgen war wirklich deftig. Die Wirtin beäugte mich immer wieder und machte jedes Mal ein Gesicht, als ob ich gleich tot umfallen würde. Ich hatte in der restlichen Nacht keinerlei Beschwerden mehr gehabt, tatsächlich hatte ich wie ein Baby in einem weichen Federbett geschlafen. Selbst die Tatsache, dass wir bereits um sechs Uhr von Douglas aus dem Bett geschmissen wurden, hatte keine Auswirkung auf meine Munterkeit, denn wir waren außergewöhnlich gespannt auf unseren Ankunftsort. Wir hatten zwar noch über 1.000 Meilen vor uns, doch je näher wir unserem Ziel kamen, umso schneller verging die Zeit. Ich hatte mich mit der Begründung angefreundet, dass die Spannung und Müdigkeit meine Angst in der letzten Nacht ausgelöst hatten, und das es so schnell nicht mehr passieren würde. Und so blieb es auch.
"Ich frage mich doch tatsächlich, wie das passieren konnte", sagte Douglas mit einem Buch auf seinem Schoß, welches pausenlos im Fahrtwind flatterte.
"Was denn?", fragte Ellie und schaute auf das Buch.
Ich drehte mich zu ihnen und bemerkte, dass Douglas nicht in dem Buch las, sondern ein Foto betrachtete, welches er über dem Buch festhielt.
"Ähm ... ich habe gerade etwas gefunden. Corporal Scott Wiseman, von den Alaska State Troopers und der den Ort gefunden hat, hat diese Fotos an Professor Gruber in Anchorage geschickt. Er hatte sie später an mich weitergeleitet, da er damit nichts anfangen konnte. Aber ich sehe gerade, dass sich an einer Wand vollkommen unbekannte Schriftzeichen befinden", antwortete er und schaute nochmal genauer auf die Bilder.
"Unbekannte Schriftzeichen?" Michael sah aus, als ob irgendjemand Graffiti auf "seine" Fundstelle geschmiert hätte. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Er hatte den Ort dieser Siedlung dort vermutet und seine Kontakte waren der Grund, dass wir die Bilder erhalten hatten. Er war von uns allen wohl am meisten aufgeregt.
"Ja, genau. Neben der Rongorongoschrift sind hier noch vollkommen viereckige Symbole zu erkennen. Also, viereckig ist nicht ganz richtig, da sie eher wie moderne Häuser aussehen."
"Wovon redet er da?", lachte Michael und fuhr rechts ran, um sich das genauer anzusehen.
"Er hat aber Recht. Diese Schrift scheint aus Rechtecken, die sich ineinander weben ound aufeinander aufbauen, zu bestehen. Jedes einzelne Symbol ist genau gleich groß, aber haben stets rechte Winkel", sagte Ellie.
"Hmm, das stimmt. Das ist ungewöhnlich. In Stein gemeißelte Schrift ist nie so akkurat, besonders nicht neben der recht amateurhaft wirkenden Rongorongoschrift. Wobei ich noch anmerken muss, dass es zudem noch vollkommen ungewöhnlich ist Rongorongoschrift hier oben in Stein gemeißelt zu", sagte Michael und schaute sich die Fotos nochmal genauer an. Dann übergab er mir die Fotos. Die Eckschrift war nur sehr schwach in der oberen rechten Ecke zu erkennen, doch sie gehörte eindeutig nicht zur der anderen Schrift.

Nachdem wir endlich gegen drei Uhr morgens die Kreuzung in Glennallen erreicht hatten, bei der die abzweigende Straße nach Anchorage verlief, wussten wir, dass es nicht mehr weit war. Wir wechselten uns mit dem Fahren ab, denn wir waren viel zu aufgeregt, um nochmal zum Schlafen anzuhalten. Als wir die winzige Stadt McCarthy erreicht hatten, die noch aussah, als ob sie erst gerade von Siedlern gebaut worden, war die Sonne wieder aufgegangen. In einem kleinen Souvenirgeschäft fragten wir nach dem besten Weg zu den Koordinaten N61°40'33,1'' W142°11'06,2'' und der Wirt verwies uns auf eine kleine Straße, die wir mit dem Wagen befahren konnten. Wir mussten jedoch feststellen, dass mit jeder Meile die Straße, die allmählig zu einem Trampelpfad wurde, unbefahrbarer wurde. Unser Weg führte uns durch ein kahles Tal mit einem Fluss, in dem ein eisiger Wind zog. Obwohl die Temperatur in der Stadt noch relativ angenehm war, war es hier sehr frostig. Die restlichen zwei Meilen mussten wir zu Fuß zurücklegen, da der Wagen den Fluss nicht überqueren konnte.
"Wir befinden uns südlich des Frederika Mountain. Es muss hier irgendwo sein!", jubelte Michael und schritt etwas schneller.
"Warst du etwa noch nicht hier?!", rief Ellie dem Wind entgegen.
"Nein, Corporal Wiseman hatte diesen Ort vor mir besucht, da ich ihm mitteilte, dass hier oben etwas sein könnte. Er war sehr neugierig gewesen!"
Die Sonne kam aus der dichten Wolkendecke hervor und leuchtete uns ins Gesicht. Es war sehr angenehm zur Abwechslung etwas Wärme abzubekommen. Mit dem Wissen, dass wir hier vermutlich noch Wochen verbringen würden, freute ich mich auf jedes Bisschen Wärme.
"Hier ist es!", schrie Ellie vor Begeisterung und rannte auf die Ruinen zu. Viel Moos hatte sich auf den Steinen breitgemacht, doch viele Symbole waren gut zu erkennen. Es war unglaublich. Die ganze Siedlung hatte eine Größe von etwa 120 mal 130 Metern.


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 1 Beitrag ] 

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Gehe zu:  


Monstersmilies


cron
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de