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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 10. Jan 2010, 03:29 
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Die Grillen zirpten und der Wind wehte exotische Gerüche durch das geöffnete Fenster ins Innere des lediglich von Feuerschalen und ein paar Bienenwachskerzen erleuchteten Zimmers - eine warme Sommernacht mit einem Firmament, das aussah, als hätte ein besonders talentierter Couturier zahllose funkelnde Diamanten auf schweren, schwarzen Samt genäht.
Mit entrücktem Blick stand ich auf dem schmalen Balkon oberhalb des wunderschön bepflanzten Gartens und sah hinauf in den nächtlichen Himmel. Aber es war nicht die Schönheit meiner Umgebung, die mich fesselte, sondern ein Gefühl tief in meinem Inneren. Ein Gefühl, das ich bereits in mir getragen hatte, als ich am Abend aus meinem Schlaf erwacht war. Das ich nicht richtig einordnen konnte. Und das mich beschäftigte.

Seit mein gewissenloser Schöpfer mich vor noch nicht allzu langer Zeit in einem Akt der Grausamkeit ungefragt zu einer Kreatur der Nacht gemacht hatte, hatte ich viele Gefühle durchlebt. Unbedarft wie ein Kind. Hatte die Unsicherheit und Angst ebenso neu kennengelernt wie die Liebe und das Vertrauen. Hatte Zweifel durchlebt, Durst und Wut. Hatte auch die Ekstase erfahren, intensiver, als ich glaubte, sie je gekannt zu haben.
Aber nun zupfte etwas anderes an mir. Im Schlaf bereits, in einem Traum, den ich geträumt hatte.
Was war es? Was?
War es ... war es etwa Sehnsucht?
Ich horchte in mich hinein. Ja, genau! Sehnsucht war es, die ich jetzt empfand. Das Bedürfnis nach etwas, das mit meinem Erwachen nicht beendet war, sondern sich immer mehr in mir ausgebreitet hatte.
Doch das Bedürfnis wonach? Was war es, das mir fehlte?
Zuerst glaubte ich, es wäre Tahleah. Sie war fort, hatte mir nur ein paar Zeilen hinterlassen und mich mit der Versicherung getröstet, dass sie in zwei, drei Stunden zurück wäre. Aber es war nicht Tahleah, nach der ich mich sehnte. Sicher, ich vermisste sie sehr. Ich liebte sie, mehr, als alles andere auf der Welt und wollte sie immer um mich haben. Immer ihre schöne Stimme hören, immer in ihre faszinierenden, grünen Augen sehen. Immer in ihren weichen Armen liegen, meine Wange an ihre Brust geschmiegt und ihrem Herzschlag lauschend.
Doch sie war nicht der Grund für mein Sehnen.
Es war auch nicht der Durst.
War es Heimweh, das mich bis in meinen Schlaf verfolgt hatte? Ich war doch froh, nicht mehr in Frankreich zu sein! Denn in Frankreich war Marius, der mir meine geliebte Tahleah wegnehmen konnte. In Frankreich war mein verhasster Schöpfer. In Frankreich war mir das widerfahren, das mich zu dem gemacht hatte, was ich nun war. Ich sehnte mich doch nicht nach Frankreich, sondern wollte am liebsten immer hier in Ägypten bleiben!
Oder?
Zweifel klopften zaghaft an meinem Herzen an. Wollte ich wirklich nie wieder in mein Heimatland zurück?
Bei dieser Vorstellung wurde aus dem Klopfen an meinem Herzen ein Stechen. Nicht schmerzhaft, nur leicht. Aber deutlich genug, um mir klar zu machen, dass ich mir etwas einredete.
Die Sehnsucht, die ich aus meinem Traum mitgebracht hatte, hatte in der Tat etwas mit meiner Heimat zu tun. Irgendetwas zog mich dorthin zurück, wenngleich ich mir in keiner Weise erklären konnte, was das sein sollte. Kopfschüttelnd wandte ich mich vom Anblick der Nacht ab und trat wieder in unser Zimmer. Mit nachdenklichem Blick setzte ich mich vor die kleine, aus dunklem Holz geschnitzte Frisierkommode, die man neben dem Fenster platziert hatte und betrachtete mich nachdenklich im Spiegel.
Goldene Augen strahlten hell aus einem von einer neben dem Spiegel stehenden Kerze warm erleuchteten Gesicht. Ich blieb an ihnen hängen, diesen unnatürlichen, überirdisch funkelnden Dingern, die meine Züge dominierten, seit ich mein sterbliches Leben hinter mir gelassen hatte, verlor mich in ihnen und ließ meine Gedanken schweifen.

Augen ... ein Blick ... Gefühle ... - Eine Ahnung, eine Erinnerung wollte in meinem Kopf Gestalt annehmen, aber sobald ich versuchte, sie zu fassen, entschlüpfte sie mir wie Wasser, das mir durch die Finger rann. Unwillig versuchte ich mich zu konzentrieren, schloss meine Augen, lauschte noch einmal in mich hinein. Doch was immer es war, das mich gerade gestreift hatte, es hatte sich in mein Unterbewusstsein zurückgezogen und wollte nicht wieder zum Vorschein zu kommen. Jedenfalls nicht durch pure Willenskraft. Frustriert öffnete ich meine Augen wieder ... und erschrak, als ich plötzlich Tahleah im geöffneten Balkonfenster stehen sah.
"Hast du geschlafen?", fragte sie mich lächelnd. Unwillkürlich lächelte ich zurück - sie hatte einen Spaß gemacht, denn natürlich schlief kein Vampir in der Nacht. Schon gar nicht im Sitzen!
"Ich habe nachgedacht. Ich ... ich habe geträumt in meinem Tagschlaf, weißt du? Ich weiß nicht mehr, wovon, aber es ist etwas in mir geblieben. Ein Gefühl, das ..."
Sollte ich ihr mehr erzählen? Sollte ich ihr sagen, dass es ein Gefühl der Sehnsucht war, dass diese Sehnsucht aber nichts mit ihr zu tun hatte? Das würde sie doch verletzen, oder? Ich beschloss, nicht genauer zu werden und zuckte stattdessen mit den Schultern.
"Ist ja auch egal. Es ist immer noch vieles verwirrend für mich, und es war ja nur ein Traum. - War dein Ausflug erfolgreich?"
Ich bemerkte erst jetzt, dass ich nicht wusste, warum Tahleah weg gewesen war, sie hatte mir auf ihrem Zettel keinen Grund für ihre Abwesenheit genannt. So sehr hatte mich das Gefühl aus dem Traum nach meinem Erwachen beschäftigt! Auch, dass Tahleah offenbar sehr viel länger ausgeblieben war als angekündigt, hatte ich nicht mitbekommen und registrierte es erst, als sie sich mit einem "Ja, war er. Tut mir leid, dass ich so lange weg war. Ich hoffe, du hast dir keine Sorgen gemacht!" bei mir entschuldigte und ich bei diesen Worten unwillkürlich auf meine Armbanduhr sah: Kurz vor sechs Uhr morgens - noch eine Stunde, dann würde die Sonne wieder aufgehen.
Hatte ich denn wirklich so lange gegrübelt und darüber alles und jeden vergessen? Sogar die Zeit? Sogar Tahleah??
Ich konnte das fast nicht glauben.
"Schon gut", antwortete ich ihr etwas lahm und wusste mich gerade selbst nicht einzuordnen. Was war bloß mit mir los, dass ich so seltsam drauf war?

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 10. Jan 2010, 13:22 
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Die Gefühle stritten in mir. Zurück nach Frankreich? Auf der einen Seite wollte ich es dringend, denn ich spürte, dass Tahleah Recht hatte - das Rätsel um das, was ich in meinem Traum empfunden hatte, war nur dort zu lösen, da es höchst wahrscheinlich etwas mit meinem vorherigen Leben zu tun hatte. Auf der anderen Seite waren da Marius und mein Schöpfer ... beides Personen, denen ich in meinem ganzen Leben - und das ist bei einem Vampir eine unendlich lange Zeit - nicht wieder begegnen wollte. Marius nicht aus Angst, Tahleah an ihn zu verlieren und meinem Schöpfer nicht, weil die Vorstellung eine grauenhafte Furcht in mir auslöste. Nie wieder wollte ich in diese eisgrauen, gefühllosen Augen sehen, nie wieder auch nur an diesen schlimmen Moment des Schöpfungsaktes denken. Es war mir inzwischen egal geworden, wer mich damals geschaffen hatte. Ich wusste ja nun, dass es nicht aus Liebe oder Fürsorglichkeit geschehen war. Er, mein Schöpfer, hatte mich nicht vor einem unausweichlichen Tod wie zum Beispiel durch eine tödliche Krankheit bewahren wollen, es war auch nicht so gewesen, dass er mich generell nicht hatte verlieren wollen und mich darum zu seinesgleichen gemacht hatte ... damit ich die Ewigkeit mit ihm verbrachte. Er hatte es getan, weil ihm in diesem Augenblick danach gewesen war. Eine spontane Entscheidung, ohne auch nur einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden, die dieser Akt für mich mit sich bringen würde. Eine Laune eben. Wie grausam musste diese Kreatur sein, dass sie sich damals so entschieden hatte? Hätte sie sich "nur" an mir gelabt, ihren Durst gestillt, ich hätte es noch verstehen können. Es war nun einmal die Natur der Vampire, das Blut anderer zu trinken und zu töten. Er aber hatte mich nicht getötet, er hatte mich zu einem Leben als Monster verdammt, ohne mir die Gelegenheit zu geben, mich zu entscheiden. Nie, nie wieder wollte ich diesem Vampir begegnen!
Und dennoch ... wollte ich dieses Sehnen in mir ergründen und mehr über mich selbst erfahren, musste ich zurück und damit dieses Risiko eingehen. Eine Rückkehr war wichtig für mich, denn auch Kinder der Nacht brauchten eine Identität. Ich hatte keine, noch nicht. Ich war wie ein Fortsetzungsroman, bei dem der erste Teil fehlte. Niemand verstand den zweiten Teil einer Geschichte, wenn er den ersten nicht kannte. Also musste ich über meinen Schatten springen und trotz meiner Ängste in meine Heimat zurückkehren.
Ich atmete tief durch. Wenigstens würden wir nicht mehr in Marius' Haus wohnen. Das war doch schon was.
"Also gut. Fliegen wir zurück", stimmte ich zu. Mein Blick schweifte dabei wieder zum Spiegel, der nun zwei Augenpaare reflektierte - eines golden wie zuvor, das andere smaragdgrün, und beide von phosphoreszierender Leuchtkraft. Ich suchte in Tahleahs Blick nach Antworten, und ich fand Liebe, Mitgefühl und Zärtlichkeit. Doch darüber hinaus nichts, was mir weitergeholfen hätte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Le Jardin Sauvage
Verfasst: So 10. Jan 2010, 16:06 
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Ich fühlte mich bei Tahleahs Worten unendlich dumm. Sicher, eine Vermisstenmeldung! Die musste es doch inzwischen geben, denn ganz bestimmt hatte ich doch Familie gehabt. Freunde. Einen Job. - Einen Ehemann? Kinder?
Auf alle Fälle musste es Personen geben, die durch mein sang- und klangloses Verschwinden alarmiert waren und sich Sorgen machten. Unter Garantie war da der eine oder andere bei der Polizei vorstellig geworden. Wieso hatte ich nicht selbst daran gedacht?
"Ja, du hast Recht. Machen wir es so", gab ich Tahleah meine Zustimmung und lächelte schwach. Ich fühlte mich getröstet und gefestigter, wie immer, wenn sie bei mir war. Aber der Gedanke an eine Rückkehr nach Frankreich hinterließ dennoch ein mulmiges Gefühl in mir.

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