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Verfasst: Mo 3. Sep 2007, 16:18 
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Ein Flüstern drang an mein Ohr. Leise und unverständlich, wie Blätterrascheln im Herbstwind. Von allen Seiten war es zu vernehmen, hüllte mich ein, zupfte an mir, drang mit aller Macht in mein Bewusstsein. Fasziniert lauschte ich diesem Flüstern und versuchte, es zu verstehen. Einzelne Worte herauszukristallisieren, die mir eine Ahnung davon vermitteln würden, was gesprochen wurde. Aber umsonst. Es waren zu viele Stimmen, die da gleichlaut wisperten. Ein Chor von Tönen, die nicht dazu bestimmt waren, interpretiert zu werden.
Langsam schlug ich die Augen auf.
Der Mond ...
Rund und silbern hing er über mir, umgeben von einer rötlich transparenten Aura, vertraut. Und doch so anders. Hatten diese glitzernd funkelnden Partikel schon immer in seinen Strahlen getanzt? Und hatte er immer schon so intensiv geleuchtet wie in dieser Nacht? Ich wusste es wirklich nicht.
Auch nicht, wie lange ich ihn nun schon verzückt betrachtete. Minuten? Stunden?
Sanft glitten seine kalten Silberstrahlen über meinen Leib hinweg, einem Liebhaber gleich, dem mein ganzes Sehnen galt. Sanft umfing mich auch das Flüstern, immer noch. War es der Mond, der zu mir sprach?
Wolkenfetzen flogen vor der großen Scheibe des Erdtrabanten hinweg und erweckten den Eindruck, als jagte er in wildem Galopp über das Firmament. Ich spürte ein Streicheln in meinem Gesicht, anders als das der Mondstrahlen, bekannt auf eine Art und Weise, die ich vergessen hatte. Zögernd hob ich meinen Arm – hatte er sich immer schon so schwerelos angefühlt? Ich führte meine Hand an meine Wange. Ein seidiger Wirbel stob durch meine Finger, lang, blau-schwarz glänzend, federleicht. Verwundert stellte ich fest, dass es mein Haar war. Ich betrachtete es, als hätte ich es noch nie zuvor erblickt.
‚Was ist mit mir geschehen?‘
Instinktiv spürte ich, dass sich etwas grundlegend verändert hatte. Dass ich mich grundlegend verändert hatte. Mein Empfinden, meine Wahrnehmung, mein Zeitgefühl … einfach alles. Fast erschien es mir, als hätte ich eine Metamorphose durchlaufen und lebte erst jetzt wirklich. Aber warum?
Langsam löst sich mein Blick von der Seide zwischen meinen Fingern und schweifte umher. Bäume, Häuserfassaden, eine nicht funktionierende Straßenlaterne ...
An der Perspektive, in der ich all diese Dinge sah, bemerkte ich, dass ich auf dem Boden lag. Verwirrung überkam mich und ein leiser Hauch von Bestürzung, zum ersten Mal, seit ich die Augen geöffnet hatte.
Auf dem Boden? Warum hatte ich das nicht früher bemerkt? Und was tat ich dort?
Stirnrunzelnd richtete ich mich auf und sah mich um. In der Tat, ich hatte mitten auf der Straße gelegen, auf dem buckeligen, harten Kopfsteinpflaster des Quai Duperré am Vieux Port, dem malerischen, alten Hafen von La Rochelle. Und noch etwas stellte ich fest, etwas, das alle anderen Erkenntnisse in den Schatten stellte: Ich war voller Blut!
Die weiße Bluse, der helle, offene Trenchcoat, der cremefarbene, kurze Rock … alles war durchtränkt von dieser dunkelroten, im Mondlicht fast schwarz wirkenden, metallisch riechenden Flüssigkeit! Überrascht sah ich an mir herab, unfähig, mich zu rühren oder gar zu schreien. Und es dauerte eine kleine Weile, bis ich begriff, dass ich es überhaupt nicht wollte, schreien … - fast teilnahmslos begann ich zu überlegen, warum dem so war. Warum der Umstand, dass ich mich mitten in der Nacht blutüberströmt auf offener Straße liegend wiederfand, mich nicht im Mindesten entsetzte. Denn normalerweise hätte ich es sein müssen, entsetzt. Normalerweise hätte diese Entdeckung mich wie ein eisiger Blitz durchfahren müssen, normalerweise hätte ich jetzt aufspringen und panisch schreiend wegrennen müssen. Hilfe suchen, zur Gendarmerie ...
Aber nichts von alledem tat ich. Weil es mich nicht wirklich berührte.
Mühelos erhob ich mich, denn trotz des Blutes an meinem Körper war ich unverletzt. Wieder schob sich die Frage in meine Gedanken, warum?
Fragen, so viele Fragen ... fast fühlte ich mich wie ein Neugeborenes, das gerade den Schoß der Mutter verlassen hatte, um die fremde Welt um sich herum zu erkunden. Ein Instinkt in mir, neuerworben wie so vieles, das ich in dieser Nacht an mir feststellte, sagte mir, dass es sich auch genau so verhielt. Dass ich soeben geboren worden war, als etwas anderes, etwas Unvorstellbares und doch atemberaubend Schönes. Zögernd streifte ich alle Bedenken ab, dann setzte ich einen Fuß vor den anderen und betrat das neue Leben. Bereit, es mit jeder Faser meines neuen Daseins zu erforschen.

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Verfasst: Mo 3. Sep 2007, 16:21 
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Ziellos wanderte ich den nächtlich menschenleeren Quai entlang und versuchte, meine Eindrücke zu ordnen. Mit jedem Schritt, den ich inzwischen getan hatte, war die Gewissheit in mir gewachsen, dass ich nicht mehr dieselbe war. Mit großen, wachen Augen hatte ich meine Umgebung in mich aufgesogen, welche so völlig neu und anders war als zuvor. Farbiger, plastischer, trotz des Dunkels der Nacht. Das Glitzern der sich brechenden Mondstrahlen auf den kleinen Wellen im Hafenbecken irisierend hell, die Flaggen an den zahlreichen, vertäuten Bötchen und Kähnen einem Regenbogen gleich. Selbst die Geräusche der Nacht hatten ihren Charakter verändert und waren eindringlicher geworden. Das Wehen des Nachtwindes ein volltönendes Brausen an meinem Ohr, meine vorsichtigen Schritte auf dem runden Kopfsteinpflaster dem Schlag einer metallenen Trommel gleich.
Obwohl nach wie vor tausend Fragen meinen Geist bedrängen wollten, hatte ich mich entschlossen, diese erst einmal hintenan zu stellen und meinen jetzigen Zustand zu genießen. Denn ein Genuss war es, auf einmal so anders zu sein, ganz ohne Frage.

Leichter Regen setzte ein, nichts Ungewöhnliches um diese Jahreszeit. Ich schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, um das köstliche, prickelnde Gefühl der kleinen, kühlen Tropfen auf meinem Gesicht noch intensiver zu spüren. Hatte sich Regen immer schon so angefühlt? Nein, das hätte ich gewiss nicht vergessen!
Der Regen wurde stärker, wenn auch nur für einen Moment, dann zogen die Wolken schnell weiter und der Himmel klarte wieder auf. Typisches Küstenwetter. Doch hatte es gereicht, um mich bis auf die Haut zu durchnässen. Eigentlich hätte ich jetzt frieren müssen, das wusste ich. Aber ich tat es nicht. Nicht im Entferntesten. Auch das ein kleines Wunder.
Versonnen blieb ich am Rand des Quais stehen und ließ meinen Blick über die Hafenenge hinaus aufs offene Meer schweifen. Lag es am Vollmond, dass ich den Eindruck hatte, besser und weiter sehen zu können als sonst? Ich blickte mich um, auf der Suche nach der hellen Scheibe, doch ich fand sie nicht mehr. Der Mond war bereits untergegangen, und ein neuer Tag brach an, wie die erste zartrosa-orange Färbung des Himmels hinter mir verkündete. Ich lächelte leicht, denn ich liebte Sonnenaufgänge. Doch das Lächeln blieb nicht, es verschwand zögernd, und gleiches galt für die Vorfreude auf das farbenprächtige Schauspiel, denn plötzlich überzog eine unangenehme Gänsehaut mich. Eine von der Sorte, die man bekommt, wenn der Instinkt einem Gefahr signalisiert. Ich verspürte auf einmal ein Drängen. Das Bedürfnis zu fliehen. Mich zu verstecken vor dem, was dort in wenigen Minuten im Osten aufgehen und die Stadt in ihre goldenen Strahlen tauchen würde – der Sonne, die ich doch eigentlich so sehr liebte.
Das Bedürfnis wurde übermächtig, und ich wirbelte herum. Derart heftig, dass die nassen Strähnen meines langen Haares mir ins Gesicht klatschten. Dann begann ich zu laufen. Ich wusste nicht, wohin, doch es war mir klar, dass ich weg musste von hier. Weg von der herauf ziehenden Helligkeit, die mir Böses wollte, die mir weh tun würde, hinein in den samtenen Schutz der Dunkelheit!
Meine Füße flogen förmlich über die nassen, glatten, holprigen Pflastersteine, doch erstaunlicherweise strauchelte ich weder noch rutschte ich aus. Es war, als berührte ich den Boden kaum, als hätte ich Flügel bekommen. Doch das Drängen in mir, das schon fast zu einer Panik geworden war, verhinderte, dass ich es bemerkte. In Windeseile lief ich auf die Häuserfront des Vieux Port zu und fand fast augenblicklich, was ich unbewusst gesucht hatte: eine alte Kohlenkellertür, die in einer dunklen Seitengasse zweiflügelig und im schrägen Winkel vom Trottoir aus ins Innere eines großen Backsteinhauses führte. Ich wusste nicht, was mich ausgerechnet hierher geführt hatte. Ich wusste auch nicht, wie ich es schaffte, die offensichtlich verschlossene Tür mit einem einzigen Ruck aufzubekommen. Ich wusste nur, ich musste mich beeilen und dieser entsetzlichen, Verderben bringenden Helligkeit entfliehen. Ohne zu überlegen sprang ich in den Schacht und riss die Türe hinter mir zu, genau in dem Moment, wo der erste gleißende Strahl der aufgehenden Morgensonne sich in die Dunkelheit der Gasse bohrte und die Fassade des Backsteinhauses in ein rötliches Gold tauchte. Das Herz klopft mir zum Zerspringen und mein Brustkorb hob und senkte sich heftig, als ich mich in der schützenden Finsternis des Kellers an die raue Steinwand lehnte. Ich war in Sicherheit. Doch noch nie in ihrem Leben hatte ich so viel Angst gehabt!

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Verfasst: Mo 3. Sep 2007, 16:22 
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Mein Kopf ruckte hoch, als ich aus einem tiefen, traumlosen Schlaf erwachte. Orientierungslos sah ich mich um und stellte nach einem Moment des verwunderten Betrachtens fest, dass ich mich in einem Keller befand. Einem Kohlenkeller, wie ich bemerkte, als ich an mir herab sah, denn Kohlenstaub bedeckte meine schmalen Hände, Kohlenstaub hatte sich auf meine gesamte Kleidung gelegt, und ich war mir ziemlich sicher, dass mein Gesicht mit dem gleichen Schmutz bedeckt war.
Wie kam ich nur hier her?
Gerade, als ich mir diese stille Frage stellte, schlich sich ein Déjà-Vu-Gefühl in mein Bewusstsein. Hatte ich mich nicht vor kurzem genau das Gleiche gefragt?
Und ebenfalls in diesem Moment drang wieder eine verwirrende Vielfalt an Eindrücken auf mich ein – Stimmen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, Töne, Gerüche ... all das, was das Haus über mir barg und was ich normalerweise tief unten im Keller gar nicht hören dürfte.
Erinnerungen stiegen in mir auf, an eine andere Nacht, in der ich ähnlich empfunden hatte. Seltsam und intensiv. Und unbeschreiblich schön.
Eine andere Nacht?
Woher wusste ich, dass jetzt Nacht war? Die Kellertür war fest verschlossen, und ein Fenster mit Ausblick auf die Straße gab es nicht. Dennoch wäre ich jede Wette eingegangen, dass draußen tiefste Dunkelheit herrschte.
Die Tatsache, dass ich trotz der mangelhaften Lichtverhältnisse relativ gut sehen konnte, verwunderte mich hingegen nicht. Möglicherweise deshalb nicht, weil ich langsam dabei war, meine neue, merkwürdige und unerklärliche Existenz zu akzeptieren. Zögernd erhob ich mich aus meiner zusammengekauerten Stellung und nähert mich der Kellertür, um sie vorsichtig einen Spalt weit aufzudrücken. Ja, die Nacht war erneut herein gebrochen, und Erleichterung durchflutet mich wie eine kühle Woge. Meine Füße fanden wie von selbst die Stufen der kleinen Leiter, die ich am Abend zuvor in meiner Panik übersehen hatte, und mit neu gewonnener Entschlossenheit kletterte ich hinauf ins Freie. Oben angekommen, warf ich einen eiligen Blick in alle Richtungen – seltsam, dass ich offenbar darauf bedacht zu sein schien, nicht gesehen zu werden – dann atmete ich die frische, würzige Nachtluft tief ein und überlegte, was ich als nächstes tun sollte.
Ein Windhauch streifte mich, und diesmal rieb ich mir fröstelnd über die in von schwarzem Kohlenstaub bedeckten Trenchcoat-Ärmeln steckenden Arme. Ich fror. Es war anders als in jener vorangegangenen Nacht. Das pure Wohlgefühl war einer Leere gewichen und die seltsame Intensität, die mit diesem Wohlgefühl einher gegangen war, einem Hunger.
Hunger worauf?
Leise aufseufzend setzte ich mich in Bewegung und wanderte mit metallisch klackernden Schritten die kleine Gasse entlang. Ich hätte mich gewundert, wenn mir in diesem Moment jemand gesagt hätte, dass meine Schritte in Wahrheit lautlos waren, dass meine Bewegung einem schemenhaften Schatten glich und mein Seufzen dem Wispern eines leisen Lüftchens.
Ich hätte mich außerdem gewundert, wenn ich erfahren hätte, dass der seltsame Hunger, den ich empfand, in Wahrheit Durst war. Durst auf frisches, warmes, pulsierendes Blut.
Was mich aber am meisten gewundert hätte: Wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich in Wirklichkeit eine Vampirin war, auf der Suche nach einem Opfer, um das elementare Bedürfnis nach Nahrung zu stillen.
Denn das war doch eigentlich etwas, das ins Reich der Mythen und Legenden gehörte und dass es im wirklichen Leben nicht gab.
Oder doch?

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Verfasst: Mo 3. Sep 2007, 16:24 
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Drängender. So viel drängender war der Hunger inzwischen geworden, dass ich fast nicht mehr in der Lage war, an etwas anderes zu denken.
Ich spürte nicht, wie meine Schritte schneller wurden, und ich wusste auch nicht, in welche Richtung ich sie lenkte. Alles, was ich wusste, war, dass jede Faser meines Körpers, jede noch so kleine Zelle in mir nach etwas lechzte, von dem mir nicht klar war, was es war.
Der Mond, mein neuer Freund und Begleiter, brach hinter einer dichten Wolkenbank hervor und taucht mich tröstend in seinen silbernen Schein, doch diesmal wollte es mir nicht gelingen, mich diesem prickelnden, zärtlichen Gefühl hinzugeben. Dieser undefinierbare, übermächtige Hunger dominierte jeden meiner Gedanken und verdammte alles Übrige zur Bedeutungslosigkeit.
Ein Pärchen ging in einiger Entfernung Hand in Hand an mir vorbei. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen folgte ich ihm auf lautlosen Sohlen. Die beiden, ein vielleicht sechzehnjähriges, blondes Mädchen und ein etwas älterer Junge, schienen es nicht eilig zu haben. Sie schlenderten gelassen die menschenleere, nur vom vereinzelten Schein der Laternen erleuchtete Straße entlang, bis sie unter einer der Laternen anhielten, sich umarmten und zärtlich zu küssen begannen.
Ich wollte weitergehen, die beiden Jugendlichen sich selbst überlassen, aber ich konnte es nicht. Irgendetwas an dem Paar ließ mich nicht los. Rief mich, lockte mich. Mit aller Macht!
Ungesehen näherte ich mich den beiden und beobachtete sie jetzt ganz aus der Nähe, aus der dunklen Ecke eines Hauseingangs heraus, der unweit der fraglichen Straßenlaterne in ein mehrstöckiges, adrett mit Blumenkästen geschmücktes Wohnhaus führte. Verlangend heftete sich mein Blick dabei auf den zart gebogenen Hals des Mädchens, an dem ich überdeutlich den sanft klopfenden Pulsschlag ihres Herzens sehen konnte. Ganz so, als wäre die Haut des Mädchens aus Glas. Sehnsüchtig streckte ich meine Hand danach aus und fuhr mir unbewusst mit der Zungenspitze über meine Lippen, als ich aus der schützenden Dunkelheit des Hauseingangs heraus trat und langsam auf das küssende Pärchen zuging.
Klopf-klopf, klopf-klopf, klopf-klopf …
Überdeutlich hörte ich den Herzschlag des Mädchens in meinem Ohr, dem unwiderstehlichen Ruf einer magischen Trommel gleich. Ich musste ihn spüren, an meinen Lippen, auf meiner Zunge! Jetzt!!!
Fast hatte ich die beiden erreicht, als das Mädchen unvermittelt die Augen aufschlug und mich geradewegs ansah. Einen Moment überrascht, doch dann mit einem Entsetzen im Blick, das jeglicher Beschreibung spottete. Laut aufschreiend löste sie sich von ihrem Freund, fasste ihn an der Hand und lief mit ihm fort, seine verwirrten Fragen ignorierend. Weg von mir, als wäre ich ein ihren Albträumen entsprungenes Monster und nicht bloß eine nächtlich umherwandernde junge Frau, die doch nur … ja, die doch nur was gewollt hatte? In den Hals des Mädchens beißen? Ihr das Blut aussaugen, um sich selbst damit anzufüllen?
Ein heftiger Schauer durchfuhr mich bei diesem Gedanken, und es wurde mir klar, dass es genau das gewesen war, was ich hatte tun wollen. Aber wie kam ich nur darauf? Ich konnte doch nicht einfach wildfremde Leute beißen, um an ihr Blut zu kommen! Was war nur los mit mir? War ich etwa krank?

Verwirrt sah ich den beiden jungen Leuten nach, die so eilig das Weite suchten, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her, und ein maßloses Gefühl der Enttäuschung und der Leere überkam mich. Dann wurde der Hunger, den ich nun schon seit geraumer Zeit spürte, auf einmal übermächtig und fraß sich, einem wilden Raubtier gleich, gnadenlos durch meinen Leib. Ächzend knickte ich in den Beinen ein und sank zu Boden.
Warum half mir keiner??
Was geschah nur mit mir???
Stumm schrie ich meine Verzweiflung in die dunkle, einsame Nacht hinaus, gepeinigt und hilflos. Und blieb zusammengekrümmt auf dem harten, kalten Stein des Trottoirs liegen, bereit, auf mein Ende zu warten und es willenlos hinzunehmen.

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Verfasst: Mo 3. Sep 2007, 17:19 
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Der Hunger brachte mich um. Zerfraß mich von innen heraus, schickte Wellen sengenden Schmerzes durch meinen gepeinigten Körper und tauchte meinen Verstand in gleißende Agonie.
Und doch ... trotz der Höllenqualen, in denen ich mich gerade wand, drang eine Stimme an mein Ohr, eine kühle, sanfte Stimme, wie ich sie schöner wohl noch nie gehört hatte. Und diese Stimme rief mich leise bei meinem Namen.
Ich riss die Augen auf und starrte schwer atmend in die Höhe - ein Engel schwebte über mir, mit silbrig glänzendem, langem Haar, smaragdgrün leuchtenden Augen und einem Gesicht von überirdischer Anmut. Der Anblick dieses Wesens nahm mir den Atem, und für einen winzigen Moment nahm er mir auch den Schmerz. Ungläubig und ehrfürchtig zugleich starrte ich die Erscheinung an. Doch dann kehrten die Qualen zurück, marterten mich noch schlimmer als zuvor, und in meiner Verzweiflung flehte ich stöhnend: "Erlöse mich! Erlöse mich!"
Gleich würde der Engel mich mit in den Himmel nehmen, das wusste ich. Dann würde der schwarze, barmherzige Mantel des Todes sich um mich legen, und mein Leiden wäre vorbei.

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Verfasst: Mo 3. Sep 2007, 19:06 
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Ich sollte was tun? Von ihr trinken?
Ja aber war sie denn nicht der Engel der Erlösung?
'Sie hat gesagt, sie würde dir helfen, aber nicht dir den Tod bringen', erinnerte mich irgendwo in meinem gepeinigten Hirn die Stimme der Vernunft an die Worte der schönen Fremden. Mein Blick flog zu ihrem Handgelenk, an dem es dunkel schimmernd herablief - Blut, wie ich in angewiderter Faszination feststellte. Doch der Ekel, den ich schon immer vor der menschlichen Körperflüssigkeit empfunden und die mir früher nicht selten Ohnmachtsanfälle beschert hatte, verschwand schneller als ich denken konnte, und die Gier danach, genau danach überwältigte mich. Mit einem kehligen Laut, der dem eines Tieres glich und den ich noch nie von mir gehört hatte, stürzte ich mich auf das offene Handgelenk der Frau, umklammerte es mit beiden Händen und presste meine Lippen auf das kostbare Nass.
Und dann trank ich es!
Ich trank es in vollen Zügen, sog es, so fest ich konnte, aus der Wunde, sog es aus den Adern der Frau und in meinen Mund hinein.

Ich kann es heute nicht mehr in Worte fassen, was ich dabei damals empfand. Es war, als hätte ich ein Leben lang gehungert und gedürstet und hätte erst in diesem Moment Sättigung erfahren. Es war, als hätte ich bis dahin nur vor mich hin vegetiert und erst zu Leben begonnen, als der erste heiße Schluck mir die Kehle hinabrann. Es war wie eine Explosion der Sinne auf meiner Zunge! Meine Geschmacksnerven spielten verrückt, vermittelten mir alle möglichen köstlichen Eindrücke - süßer als Honig, salziger als Salz, schärfer als Pfeffer und feuriger als Lava - die eigentlich gar nicht zutreffen konnten. Wenigstens nicht alle auf einmal. Und doch taten sie es.
Es war unvergleichlich. Und es machte mich satt. Paradoxerweise jedoch weckte es auch den Hunger nach mehr in mir. Ich wollte niemals aufhören, davon zu trinken. Ich wollte es immer durch meine Kehle fließen fühlen, durch meine Adern rinnen fühlen. Es war mein Lebenselixier, so viel hatte ich inzwischen begriffen.

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Verfasst: Mo 3. Sep 2007, 19:42 
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Die Schmerzen waren vollständig verschwunden, der grauenhafte Hunger ebenfalls, stattdessen fühlte ich mich plötzlich so leicht wie eine Feder, gleichzeitig drehte sich mir der Kopf - fast so, als hätte ich zu viel Roten Burgunder getrunken.
Ich betrachtete die Fremde, die mir von ihrem Blut zu trinken gegeben hatte, mit anderen Augen. Klarer, ruhiger und sehr viel aufmerksamer als zuvor, wo der Überlebenstrieb mein Handeln bestimmt und meine Wahrnehmung beeinflusst hatte.
Sie war immer noch schön. Schöner als irgendeine Frau, die ich je gesehen hatte, und sie hatte mir geholfen. Obwohl sie mich nicht kannte und es ihr hätte egal sein können, was aus mir wurde. Ich schuldete ihr etwas, aber das war nicht der Grund, warum ich auf ihre Frage mit einem stummen Nicken antwortete. Mir war inzwischen klar geworden, dass ich nicht mehr die war, die ich einmal gewesen war und dass ich generell nicht mehr lange sein würde, wenn ich weiterhin so ahnungslos blieb, wie ich es die letzten beiden Tage ... Nächte gewesen war. Diese Frau hier wusste offenbar, was mit mir geschehen war. Zumindest konnte sie mir helfen. Konnte mich satt machen. Ich musste unbedingt herausfinden, was passiert war, ehe ich mich daran machte, über mein weiteres Leben zu entscheiden. Wenn ich denn irgendwann wieder wissen würde, was mein Leben überhaupt ausmachte, denn im Moment war da nichts, rein gar nichts an der Stelle, wo Erinnerungen hätten sein müssen. Nur ein großes, schwarzes Loch, das mir nicht weiter half.

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Verfasst: Mo 3. Sep 2007, 20:29 
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Der atemberaubende Flug durch die Nacht, die Tatsache, dass die Türen sich vor uns öffneten, als ob sie von Geisterhand bewegt würden, all das hätte mich fassungslos vor Staunen und Unglauben machen müssen, denn mein Weltverständnis war damit gründlich auf den Kopf gestellt worden. Seltsamerweise jedoch hinterfragte ich diese Dinge nicht, sondern nahm sie als gegeben hin. Und genoss sie sogar, obwohl die kleine Stimme der Vernunft mich ständig fragen wollte, was das hier werden sollte und was ich hier tat. Ich hörte ihr einfach nicht zu, sondern begleitete meine neue Bekannte mit angehaltenem Atem in das riesige, phantastische Haus hinein. Und dabei fühlte ich mich immer noch wie beschwipst, dabei so ungeheuer frei, dass ich das Bedürfnis hatte zu tanzen und zu lachen ... und wieder so zu fliegen, wie wir es eben noch getan hatten. War das ein Erlebnis gewesen!!

Die Villa, die ich jetzt wie auf Wolken durchschritt, war ein Meisterwerk architektonischer Baukunst, und dieser Marius, dem sie offenbar gehörte, war wohl sehr reich. Nicht, dass es mich interessiert hätte, ich stellte es eher am Rande fest, so wie ich mir überhaupt alle Gedanken nur noch am Rande machte, denn ich war jetzt sehr viel mehr Gefühl als Verstand. Noch mehr als sonst schon. Fasziniert ging ich einen langen, marmornen Flur entlang und stieg eine geschwungene Treppe hinauf, dann betrat ich eine luxuriöse, weitläufige Zimmerflucht und daraufhin ein großes, weiß gekacheltes, mit Messingarmaturen und seltsamen, fremdländischen Skulpturen verziertes Bad, dessen schlichte Eleganz vom sanften, goldenen Schimmer zahlreicher Kerzen noch betont wurde.
Bewundernd sah ich mich um.
Hatten Kerzenflammen schon immer so glitzernd gefunkelt? Waren die Schatten, die sie warfen, schon immer so lebendig gewesen?
Rauschen drang wohlklingend wie das Rascheln von Seide an mein Ohr, und als ich mich umdrehte, sah ich, wie die fremde schöne Frau Wasser in eine große, runde, weiße Wanne einließ und dabei die Hand in den schäumenden Strahl hielt, um die Temperatur zu prüfen. Ihre Bemerkung über meine schmutzigen Sachen brachte mich dazu, an mir herabzusehen, und erst jetzt erkannte ich, dass zwar um mich herum alles atemberaubend schön war, ich jedoch aussah wie ein zerrissener Kohlesack. Mein Zustand versetzte mich in eine Art von Schock, nicht so schlimm wie der, in dem ich mich zwei Nächte lang befunden hatte, aber dennoch verschwand das Gefühl des wunderschönen Traumes, das ich eben noch gehabt hatte, völlig, und ich begann zu frieren.
"Was ist passiert?", wisperte ich kaum hörbar - das erste Mal überhaupt, dass ich sprach, seit ich auf die Fremde getroffen war. Und dabei begannen meine Augen sich mit Tränen zu füllen.

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Tahleah ...
Dieses eine Wort breitete sich in meinem Kopf aus und schrieb sich in mein Herz.
Tahleah ...
Das bedeutete nun Sicherheit für mich, Schutz, Geborgenheit. - Liebe.

Meine Tränen versiegten, als ich in diese smaragdgrünen, funkelnden Augen sah, und ein kleines, zaghaftes Lächeln blühte auf meinem schmutzstarrenden Gesicht auf. Ja, ich empfand Liebe für diese Frau, obwohl ich sie nicht kannte und noch nie zuvor gesehen hatte. Wäre ich noch die gewesen, die ich zwei Tage zuvor gewesen war, hätte ich mich jetzt sehr über meine Gefühlsanwandlung gewundert. Ich hätte mir gesagt, dass so etwas nicht sein kann ... dass ich mich in jemanden verliebt hatte, den ich doch gerade erst einmal ein paar Minuten kannte. Dass ich mich in eine Frau verliebt hatte! Aber ich war nicht mehr die, die ich einmal gewesen war. Ich war jetzt anders, und ich empfand anders. Intensiver, kompromissloser. Und ich hinterfragte es nicht, denn es war normal. Ebenso wie es normal war, dass ich mich von ihr entblößen ließ, ohne mich in Grund und Boden zu schämen. Dass ich mich sogar von ihr küssen ließ.
Ihre beruhigenden, freundlichen Worte entlockten mir ein weiteres zaghaftes Lächeln. Ich wandte ihr den Rücken zu und tat was sie mir gesagt hatte ... ich stieg in die Wanne, setzte mich in das wunderbar heiße Wasser und begann mich zu waschen. Und dabei dachte ich, dass ich alles tun würde, was sie mir sagen würde. Sie hatte mir mein Leben gegeben, sie war für mich da und kümmerte sich um mich. Dafür würde ich sie lieben bis ans Ende meiner Tage. Und ihr ewig dankbar sein.

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Verfasst: Mo 3. Sep 2007, 22:02 
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Ich bemerkte es nicht, dass Tahleah sich zurück zog, und auch, dass sie noch einmal wiederkehrte, um mir einen Morgenmantel zu bringen, entging mir. Ich hatte mich tief ins heiße Wasser gleiten lassen und gab mich ganz den Empfindungen hin, die durch mich hindurch plätscherten wie das Wasser in der Wanne. Ein leichter Schwindel überkam mich dabei. So viele neue Eindrücke, eine unglaubliche Vielfalt an Reizen ... es überflutete meine Sinne. Die Hitze des Wassers, das Prickeln der kleinen, aufsteigenden Luftbläschen, das Platzen der winzigen Schaumblasen an meiner empfindsamen Haut - ich genoss es, bis die Wärme des Wasser vollends verschwunden war. Und selbst die darauffolgende Kälte genoss ich, denn sie war inspirierend für mich und überaus erfahrenswert dazu. Doch der Gedanke an Tahleah gab letzten Endes den Anstoß, dass ich mich entschloss, mein Bad zu beenden. Ich griff zur Shampoo-Flasche und wusch mein Haar gründlich. Danach schäumte ich den dicken, porösen Schwamm gut ein, der am Wannenrand lag und auf seinen Einsatz wartete und befreite meinen Körper von all dem, was an mir haftete - Blut, Dreck, Schweiß.
Das weiche Frotteehandtuch um den tropfenden Leib geschlungen, entstieg ich daraufhin der Wanne, und ich tat es mit einem leisen Gefühl des Bedauerns. So wohl wie gerade hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt! Doch als ich mit der flachen Hand den Spiegel frei wischte und das Ergebnis meines ausgiebigen Bades darin sah, verschwand das Bedauern und machte einem kleinen Lächeln Platz, das über mein endlich wieder weißes, sauberes Gesicht huschte.
Weiß, sehr weiß, mit einem zarten Hauch von Röte auf den Wangen. Und darüber irisierend funkelnde, bernsteinfarbene Augen, umrandet von langen, schwarzen Wimpern und zwei ausdrucksvoll geschwungenen, schwarzen Brauen.
Waren meine Augen früher nicht von der gleichen Farbe gewesen? Schwarz? Warum waren sie jetzt anders?
Und hatte dieser Ausdruck früher schon in meinem Blick gelegen?
Dieser kindlich-unschuldige, gleichzeitig lockende, vielversprechende Ausdruck, den man gewiss nicht in Kinderaugen findet?
Nachdenklich schlang ich mir eine nasse Haarsträhne um meinen Finger und drückte das Wasser heraus, das in kleinen Tropfen auf meine nackte Schulter fiel, um daraufhin in winzigen, silbernen Bahnen im Saum meines Handtuchs zu verschwinden.
Tahleah ...
Wieder einmal drängte sich ihr Name in meinen Geist, wieder einmal zauberte er ein leichtes Lächeln auf mein Gesicht. Und Sehnsucht begann an meinem Herzen zu ziehen, denn ich war schon viel zu lange von ihr getrennt!
Eilig öffnete ich mein Handtuch und begann mich abzutrocknen - für sie wollte ich mich schön machen! Sie sollte es nicht bedauern, mich mitgenommen zu haben! Ich bürstete mein nasses Haar aus und föhnte es trocken, bis es mir in schimmernden Wellen in den Rücken und über meine Brüste fiel. Die weichen Spitzen kitzelten meine nackte Haut, und ich lachte leise auf - so intensiv hatte ich mein Haar noch nie an mir selbst wahrgenommen! Ich bewegte meinen Kopf ein wenig hin und her, um die Berührung der seidigen Strähnen noch ein wenig zu genießen. Doch das tat ich nicht lange, denn der nächste Gedanke an Tahleah verlieh mir wieder Flügel, so dass ich die Spielerei aufgab und nach den kleinen Tigelchen griff, die auf der Ablage des Spiegels standen. Sie enthielten duftende Cremes, und mit einer davon begann ich meine Haut zu verwöhnen, und zwar von der Stirn bis zu den Zehenspitzen. Wie es kribbelte, wenn meine Finger über meinen Körper glitten! Auch die Zähne putzte ich mir, doch als ich das tat, verflog mein unbekümmerter Enthusiasmus etwas. Ich erinnerte mich plötzlich an den Moment, wo ich von Tahleahs Blut getrunken hatte, und nun stellte ich mich der Frage, die ich zuvor nicht hatte zulassen wollen - bedeutete das, dass ich ein Vampir geworden war? Gab es diese Wesen wirklich, und gehörte ich nun zu ihnen?
Das Verlangen nach Blut, die Angst vor der Sonne, die veränderte Wahrnehmung, mein befremdliches Aussehen .. sprach das nicht alles dafür?
Aber auf der anderen Seite hatte ich gerade im Wasser gesessen, hatte es sogar genossen. Starben Vampire nicht, wenn sie mit fließendem Wasser in Berührung kamen? Das meinte ich zumindest im Kopf zu haben, aber sicher war ich mir nicht. Und was war mit dem Spiegel? Wieso sah ich mein Spiegelbild, wo doch Vampire bekanntlich keines hatten?
Doch ich hatte Blut getrunken. Und war durch die Luft geflogen. Und wenn ich nicht komplett durchgedreht war, hatte ich wohl meine bisherige Existenz gegen etwas Übernatürliches eingetauscht.
Ein Vampir ... wie albern das klang!
Ich wollte schon den Kopf schütteln und mit dem Zähneputzen fortfahren, als mir ein Gedanke kam und ich mich mit meiner Zungenspitze in Richtung Eckzähne vortastete.
Und dann erstarrte ich!
Sie waren lang, und sie waren spitz. Viel länger und spitzer als sie je gewesen waren, und viel länger und spitzer als ich sie haben wollte!
Der Blick meines Spiegelbildes wurde skeptisch, während ich zögernd meine Zähne bleckte. Und als ich schließlich bestätigt sah, was ich zuvor nur gefühlt hatte, weiteten sich meine Augen ungläubig, und ich schlug erschrocken meine Hand vor den Mund.
Ich war ein Vampir!
Ich war wirklich ein Vampir!!!
Eine lange Zeit starrte ich mich sprachlos an und versuchte mit meinem Verstand zu begreifen, was mein Instinkt doch schon die ganze Zeit über gewusst hatte. Es dauerte, bis sich die Erkenntnis setzte, aber als es endlich so weit war, spülte ich meinen Mund schnell aus und wandte mich von mir selbst ab, so konfus und durcheinander, dass ich das Bad beinahe nackt verlassen hätte. Erst im letzten Moment gewahrte ich aus den Augenwinkeln den Morgenmantel, griff danach und streifte ihn mir über. Dann machte ich mich daran, Tahleah zu suchen, von der ich inständig hoffte, dass sie Licht in die Sache bringen würde.
Ein Vampir ... ich konnte kein Vampir sein! Vampire gab es nicht! Es musste eine andere Erklärung für all diese Sachen geben. Eine vernünftige! Und die würde Tahleah mir gleich ganz sicher geben!

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Verfasst: Di 4. Sep 2007, 09:43 
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Ich hatte Tahleah in einem der anderen Zimmer gefunden und war der Annahme gewesen, dass ich mit ihr jetzt hätte allein sein können. Ich hatte mich nach dieser Zweisamkeit gesehnt, ich hatte mich nach ihr gesehnt, aber sie hatte andere Pläne gehabt.
Den Herrn des Hauses hatte ich kennenlernen sollen, zu dem Zweck war sie mit mir wieder in den unteren Wohnbereich gegangen. Ich war ihr gefügig gefolgt, weil das, was sie mir sagte, für mich maßgeblich war, aber ich hatte mich nicht wohl gefühlt bei dem Gedanken, mich nun noch mit jemand anderem auseinandersetzen zu müssen. Ich hatte mich ja noch nicht einmal mit mir selbst auseinandergesetzt und war in keiner Weise gefestigt. Wie sollte ich da diesem Fremden, diesem Marius begegnen?
Mir blieb nicht viel Zeit, mich gedanklich auf dieses Aufeinandertreffen vorzubereiten. Wir hatten kaum das Wohnzimmer betreten und uns auf das Sofa gesetzt, als Marius sich auch schon zu uns gesellte, Tahleah auf ihre Wangen und mich auf meinen Handrücken küsste und mich willkommen hieß.
Ich erwiderte nichts auf diesen Willkommensgruß, sondern nickte bloß schweigend, wie ich überhaupt noch nicht viel gesprochen hatte, seit ich mich so verändert hatte. Diesmal lag es jedoch nicht ausschließlich an meiner neuen Andersartigkeit, dass mir die Worte fehlten. Mich hatte auch eine Art von Ehrfurcht ergriffen, hervorgerufen durch Marius' Erscheinung, denn wie Tahleah war er so schön, dass es fast körperlich weh tat, ihn nur anzusehen. Darüberhinaus aber ging noch etwas anderes von ihm aus - eine souveräne Ruhe, eine stille Kraft ... doch etwas in mir - meine neu erworbenen Instinkte, wie ich heute weiß - warnte mich auch vor ihm. Das da war ein Mann, der mir gefährlich werden konnte. Der mich vernichten konnte, wenn er es nur wollte, und zwar mit der Mühelosigkeit, mit der andere eine Fliege totschlugen oder einen Käfer zerquetschten.
Nun, für den Augenblick wollte er das wohl eher nicht. Er hatte mich sogar freundlich aufgenommen, und ich meinte auch nicht, eine akute Gefahr von ihm ausgehen zu fühlen. Aber ich war wachsam geworden und weit davon entfernt, mich in seiner Gegenwart so sicher und geborgen zu fühlen wie in Tahleahs. Ich spürte, dass sie mich liebte, obwohl ich nicht wusste, wie das möglich sein konnte. Dieser Marius jedoch liebte mich nicht, er duldete mich nur. Und das ließ mich vorsichtig sein.

"Was ist mit mir geschehen?", fragte ich schließlich nach einem kleinen Moment des Schweigens, in dem ich meine Eindrücke sortiert hatte. "Wer bin ich? Und ... was bin ich? Und warum bin ich hier?"

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Verfasst: Di 4. Sep 2007, 11:07 
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Ich sollte wirklich ein Vampir sein? Das konnte ich einfach nicht glauben.
"Nein!"
Mit diesem einen, überraschend scharf gesprochenen Wort wies ich diese Möglichkeit entschieden von mir, jetzt ungehalten auf Tahleah hinabfunkelnd, denn ich war vor Erregung aufgesprungen.
"Es gibt keine Vampire! Das sind alles Märchen! Ich ... ich habe etwas an den Kopf bekommen und kann mich deshalb nicht mehr erinnern. Bin vielleicht sogar immer noch bewusstlos und träume das alles hier nur!"
Das würde zumindest einiges erklären, wie ich fand. Immer noch weigerte mein Verstand sich strikt zu akzeptieren, dass ich ein Ungeheuer geworden sein sollte.

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