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Verfasst: Di 4. Sep 2007, 16:46 
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Flegelhafter Prinz
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Zwei Wochen später ...

Hektisches Treiben umwogte den jungen, bestechend gutaussehenden Mann. Hektisches Treiben wie auf allen Flughäfen der Welt, und doch war etwas anders hier. Denn die bunt gemischte Menschenmenge, die bepackt mit Koffern, Taschen und Mitbringseln über den blank glänzenden Marmorboden des Aérogare Laleu in die verschiedensten Richtungen hetzte, teilte sich plötzlich aus einem unerklärlichen, aber nichtsdestotrotz existierenden Grund vor der schlanken, mittelgroßen Statur besagten jungen Mannes wie das Rote Meer vor Moses und verschaffte ihm einen sehr willkommenen, vakuumartigen Freiraum, durch den er sich mit maskenhaft regloser Miene bewegte, die festen Schritte auf den dunkel glänzenden, mehrflügeligen Ausgang der großen Ankunfthalle gerichtet, hinter dem die Nacht mit ihren bunten Lichtern glitzerte.
Sein Haar war blond, seine Augen leuchtend blau, die Haut getönt, als käme er gerade aus dem Urlaub. Dem war allerdings nicht so. Früher einmal, früher war sein Gesicht weiß gewesen. Nicht blass, wie man es bei manchen Fluggästen beobachten konnte, die gerade ihre Maschine verließen und ein Wiedersehen mit ihrem Frühstück gefeiert hatten.
Nein, weiß.
Weiß wie Kreide an der Tafel.
Weiß wie frisch gefallener Schnee. Und mindestens genauso kalt.
Weiß wie Lilien auf einem Grab. Und mindestens genauso tot.
Doch dann hatte er sich eine Zeitlang der Sonne ausgesetzt, welche ihn bedauerlicherweise ein wenig angebrannt hatte. Die Sonne vertrug er nämlich gar nicht gut. Nicht, weil er eine Allergie gehabt hätte oder eine besonders empfindliche Haut, sondern einfach deshalb, weil er ein Vampir war.
Ja, Lestat de Lioncourt, Spross eines verarmten Adeligen aus der Auvergne und inzwischen 241 Jahre alt, war ein Vampir.
Ich war ein Vampir.
Oh, kein gewöhnlicher Vampir!! Keiner von denen, die des Nachts die Sterblichen heimsuchen müssen, um ihnen ihr Blut zu nehmen und sich damit selbst am Leben zu erhalten.
Nicht so einer!
In meinen Adern floss das Blut Akaschas, der Ersten der Vampire, und dieses Blut war mächtig und alt. Es zügelte meinen Durst, mein Verlangen nach dem heißen, süßsalzigen Saft der Menschen, so dass ich nicht gezwungen war, Nacht für Nacht zu trinken. Doch zügelt es nicht meine Lust am Töten.
Der Rausch der Jagd, die Angst des Opfers ... der unbeschreibliche Moment, in dem ich meine scharfen Fangzähne in die weiche Haut der Beute schlug, um das pulsierende Lebenselixier in gierigen Zügen in mich hinein zu saugen ... - Ich war ein Raubtier. Und genau das war es, was die Menge der Passanten instinktiv vor mir zurück weichen ließ. Denn mich umgab die Aura von Gefahr und Tod, und in meinen himmelblauen Augen, die zu Lebzeiten angefüllt gewesen waren mit Vitalität und Energie, lag jetzt ein Versprechen, das dunkler nicht hätte sein können.

Derart gemieden, erreichte ich den Ausgang der Halle also ungehindert und winkte mit einer lässig eleganten Handbewegung das nächststehende Taxi zu mir, welches sich sofort in Bewegung setzte, um den neuen Kunden ans Ziel seines Begehrens zu bringen.
Hätte der Taxifahrer gewusst, welcher Art mein Begehren in Wirklichkeit war, er hätte gewiss die Tür verriegelt und mit durchgedrücktem Bein Vollgas gegeben, um fort zu kommen. Fort von dem Verderben, das ihn nun, da er es nicht tat, zwangsläufig ereilen musste.
Denn wer konnte ernsthaft von einem Vampir erwarten, eine halbe Stunde lang – und so lange dauerte die Fahrt vom Aérogare Laleu zu Marius’ Anwesen – die Aussicht auf den blanken Hals des Fahrers zu ertragen, ohne nicht zumindest ein klein wenig probieren zu wollen?
Ich war schon zu Lebzeiten kein Mann von großer Selbstbeherrschung gewesen, als Vampir hingegen war es mir geradezu eine Freude, all jene vermeintlichen Schwächen in vollen Zügen auszuleben, die mir als Mensch durch die Etikette versagt gewesen waren.
Und dies tat ich hemmungslos.
Hemmungslos und ohne Gnade.

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Verfasst: Di 4. Sep 2007, 17:30 
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Zwei Wochen lebte ich nun dieses neue Leben. Wachte bei Nacht und schlief bei Tag und versuchte, mich in meine neue Rolle einzufinden.
Es fiel mir alles andere als leicht.
Wie ich es bereits in der ersten Nacht befürchtet hatte, vermochte ich mich nicht dazu zu überwinden, irgendjemandem ein Leid zuzufügen. Nicht, um meinen Hunger zu stillen und erst recht nicht aus einer Laune, aus einem Spieltrieb heraus, den wir Vampire durchaus besaßen. Tahleah hatte ihr Wort gehalten und mich seitdem mit durchgezogen. Sie jagte Nacht für Nacht, und sie jagte für zwei. Und wenn sie zurück kehrte, schlitzte sie sich das Handgelenk auf und gab mir von sich zu trinken.
Ich war ihr dankbar dafür, aber ich war gleichzeitig beschämt. Ich war eine erbärmliche Vampirin. Eine, die von einer anderen erwartete, dass sie für sie tötete. Die damit die Schuld auf jemand anderen lud und sich dadurch nur um so schuldiger machte.
Schuldig, ja. Ich fühlte mich schuldig, denn nach wie vor war es für mich Mord, jemanden umzubringen. Egal, aus welchem Grund. Ich konnte diese Seite meiner neuen Existenz nicht akzeptieren und war darum in der Zwischenzeit dazu übergegangen, mich, so oft es ging, von Tieren zu ernähren. Hunde, Katzen, Schweine und Kühe ... was ich erwischte, tötete ich, um zu überleben. Nur an Pferden vergriff ich mich nicht. Pferde hatte ich von jeher geliebt, und das hatte sich nicht geändert. Ich wäre zweifellos eher verhungert, als einem Pferd ein Leid zuzufügen. Ebenso wie ich verhungert wäre, wäre ich gezwungen gewesen, einen Menschen zu töten.

Auf einem dieser 'Raubzüge', die im Grunde eine Farce für einen Vampir darstellten, hatte ich dann auch meine ersten Erfahrungen mit Gleichartigen gemacht - wenn man von Tahleah und Marius einmal absah. Allerdings hätte ich auf diese Erfahrungen lieber verzichtet, denn was meine sogenannten Brüder und Schwestern den Sterblichen dabei angetan hatten, hatte mich angewidert und neben meiner Scheu zu töten mein Mitgefühl für diejenigen geweckt, denen ich früher einmal angehört hatte. Zuerst hatte ich tatenlos zugesehen, weil ich es nicht gewagt hatte, mich zwischen ein anderes Kind der Nacht und sein Opfer zu stellen. Doch vor einigen Nächten hatte ich meine Zurückhaltung aufgegeben, denn das Opfer war ein kleines Mädchen von höchstens zehn Jahren gewesen, das nach Sonnenuntergang einer Vampirin in die Hände gefallen war. Sie hatte es gequält, wie eine Katze die Maus quält, ehe sie sie verspeist, und ich hatte mich nicht mehr länger heraushalten können. Ich hatte die Vampirin attackiert und so lange aufgehalten, bis das Mädchen geflohen war. Die Kraft dazu hatte mir Tahleahs Blut verliehen, das sehr mächtig war und mich mit Fähigkeiten ausgestattet hatte, die ich als junge Vampirin sonst noch lange nicht besessen hätte. Doch hatte ich diese Kraft schlussendlich nicht eingesetzt, um meine Gegnerin ernsthaft zu verletzen. Selbst im Kampf, selbst in für mich gefährlichen Situationen war es mir nicht möglich, jemand anderem zu schaden. Die Vampirin hatte sich schließlich ebenfalls verzogen, aber sie hatte es wütend getan und mich dabei mit Drohungen überschüttet. Seitdem war ich mir bewusst, dass sich zu meinen bisherigen Problemen noch ein weiteres hinzugesellt hatte - ich hatte mir eine Feindin in den eigenen Reihen geschaffen, und mein Instinkt für Schwierigkeiten, der inzwischen recht ausgeprägt war, sagte mir, dass es bei dieser einen nicht bleiben würde.
Seit diesem Vorfall hatte ich Marius' Haus nicht mehr verlassen. Teils aus Angst vor Rache, teils aus der Befürchtung heraus, wieder in eine für mich so schwierige Lage zu geraten, in denen ich zwischen den Fronten stand. Ich war wieder einmal auf Tahleahs Großzügigkeit angewiesen, und seitdem fühlte ich mich noch erbärmlicher. Vielleicht war es an der Zeit für mich zu gehen und zu sehen, dass ich irgendwie allein zurecht kam. Auf dem Land gab es noch große Bauernhöfe, dort würde ich mich eine Zeitlang ernähren können.

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Verfasst: Di 4. Sep 2007, 17:41 
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Laut mitsingend steuerte ich den 70er Chevy die langgezogenen Kurven zu Marius’ Anwesen entlang, mit dem Daumen meiner Rechten den Takt des alten Steppenwolf-Klassikers “Born to be wild“ gegen das Lenkrad schlagend, der in kaum erträglicher Lautstärke aus dem alten, blechern scheppernden Radio schallte.
Die Nacht ließ sich gut an. Die Fahrt hinaus zur Küste ging ungestört und zügig vonstatten, und seitdem das Lenkrad von meinen kundigen Händen bedient wurde, sogar schneller als die Polizei erlaubte.
Ich warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel des Chevys und wischt mir mit der Zunge einen vergessenen Tropfen Blut von den Lippen. Einziges Überbleibsel meines soeben genossenen Nachtmahls. Wenn man von der frischen Röte, die meine fein modellierten, hohen Wangen nun zierte, einmal absah.
Der Wind wehte kalt und böig durch das weit geöffnete Fenster ins Wageninnere und löste mit gierigen Fingern einzelne Strähnen aus meinem straff zurückgebundenen Haar, so dass sie in einem wilden Hexentanz mein Gesicht umspielten und es lebhafter erscheinen ließen als sonst. Die Kälte störte mich nicht, im Gegenteil! Ich empfand sie als prickelnd und vitalisierend, und so genoss ich den eisigen Luftstrom mit einem vergleichbar kalten Lächeln auf den Lippen und durchgetretenem Gaspedal.
Marius, mon ami, sperr die Kinder in den Schrank, dein alter Freund Lestat rückt an!

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Verfasst: Di 4. Sep 2007, 19:58 
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Weißer Kies spritzte in die Höhe und hinterließ kleine, silberne Macken an den sowieso schon ramponierten Kotflügeln, als ich den Chevy mit einem beherzten Tritt aufs Bremspedal zum Stehen brachte.
'Marius, mein Freund, dein Geschmack war schon mal schlechter!'
Anerkennend musterte ich die Villa des Älteren durch das geöffnete Fenster, dann zog ich den Kopf wieder ins Wageninnere und stellte den Motor ab. Ich wurde bereits erwartet, das hatte ich deutlich vernommen. Aber so musste es ja auch sein, denn ich hatte meine Gedanken vor Marius nicht verschleiert, und selbstverständlich hatte der Ältere mich schon längst gespürt. Und selbst wenn ich den Versuch unternommen hätte, mein Kommen zu verbergen, bezweifelte ich es ernsthaft, dass ich erfolgreich gewesen wäre.

Leise lächelnd stieg ich aus dem verbeulten, alten Taxi und warf die Tür hinter mir achtlos ins Schloss. Eigentlich ein Schandfleck, diese Schrottkarre auf der geharkten Auffahrt zu dieser Prachtvilla. Aber was sollte es? Nebensächlichkeiten ...
Kurz sah ich an mir hinab und begutachtete, was um einiges wichtiger war – mein Aussehen nämlich. Mit spitzen Fingern fischte ich ein paar Flusen von meinem schwarzen Rollkragenpullover und meiner Hose in gleicher Farbe, dann straffte ich die Schultern unter der beigen, kurzen Wildlederjacke und betrat die geschwungene, weiße Treppe, die hinauf zum Eingang der Villa führte. Jede Stufe nahm ich so lautlos wie eine Katze, und ebenso geschmeidig waren meine Bewegungen. Ich erreichte die große, gläserne, zweiflügelige Tür zügig, bemerkte darin den Zustand meiner Haare und streifte sie mit beiden Händen aus meinem Gesicht, um sie zu einem neuen, ordentlichen Zopf zu binden - ich hatte immerhin einen Ruf zu verlieren! Als ich mit meiner Erscheinung endlich zufrieden war, öffnete ich die Tür, indem ich mir die Flügel derselben mit beiden Händen schwungvoll entgegen zog.

Und wieder überzog ein Lächeln mein attraktives, wenngleich vollkommen kaltes Gesicht. Weitere Gedanken drangen zu mir, andere als die von Marius. Interessanter, weil weiblich. Weiblich und mächtig, doch offenbar noch nicht im Vollbesitz der Kräfte, die zur Verfügung stehen müssten. Und interessant, weil frisch, neu. Unverbraucht.
Zwei Unsterbliche, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten. Es versprach, ein unterhaltsamer Abend zu werden.

Unhörbar durchquerte ich die große, in schlichter Eleganz gehaltene Eingangshalle und hielt geradewegs auf den weitläufigen Wohnraum zu, der vom einfallenden Mondlicht und von den angezündeten Kerzen in ein Licht getaucht wurde, in dem Silber und Gold miteinander im Wettstreit lagen. Drei Köpfe wendeten sich mir zu und sahen mich aus funkelnden Augen an. Marius, mein Lehrer, und die beiden Unsterblichen, deren Gedanken ich vor der Tür gespürt hat. Marius erhob sich von seinem Platz, um mich zu begrüßen. Ich erwiderte seine Umarmung kurz, ohne die Liebe nach außen dringen zu lassen, die ich immer noch für den Älteren empfand, ließ mich von ihm dann zum Sofa führen, auf dem die beiden Frauen saßen und begrüßte auch diese.
Bonsoir, mes chères!“
Tahleah und Yaelle.
Wiederum umspielte ein leises Lächeln meine Lippen, als ich die beiden Frauen neugierig taxierte.
Tahleah, die Starke. Das Kind des Marius, das wusste ich sofort. Die Unsterbliche, die sich ihrer Kraft und ihrer Fähigkeiten noch nicht zur Gänze bewusst war, die aber über mächtiges Blut verfügte, das spürt ich so deutlich, als stünde es ihr auf der Stirn geschrieben. Zeitlos schön, Augen wie zwei stille, grüne Bergseen, die Haut so zart wie Seide und so weiß wie Alabaster, das lange Haar von der gleichen Farbe wie das Licht, das diesen Raum hier erfüllte - Silber und Gold, eine faszinierende Kombination. Marius hatte nicht nur, was Villen betraf, einen exquisiten Geschmack.
Mit unverhohlenem Interesse erwiderte sie meinen Blick - diese erfrischende Direktheit brachte mich zum Lächeln. Sie wusste, wer ich war, aber das verwunderte mich nicht, denn wer kannte mich nicht? Ich hatte schließlich nicht über 200 Jahre an meinem Ruf gearbeitet, um jetzt wie ein namen- und bedeutungsloser Blutsauger ignoriert zu werden. Mit bewusst langsamen Schritten näherte ich mich ihr und verbeugt mich übertrieben höfisch, dann ergriff ich ihre Hand und zog sie zu einem Handkuss an meinen Mund – nur um sie im letzten Moment, ehe meine Lippen auf ihre Haut trafen, unvermittelt umzudrehen und meine Zähne leicht in ihr zartes Handgelenk zu graben.
Enchanté, Madame“, lächelte ich herausfordernd, als sie mich im stolzen Aufbegehren anblitzte und mir abrupt ihre Hand entzog. „Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen. Sehr sogar!“, setzte ich schmunzelnd hinzu, wandte mich jedoch sogleich wieder ab von ihr und strafte damit meine Worte Lügen.
„Und Yaelle“, nun drehte ich mich der zweiten Vampirin zu und betrachtete diese forschend.
Das war also die Neue, die Unfertige. Auch sie war schön, sehr sogar, mit ihren langen, glänzenden, rabenschwarzen Haaren und den bernsteinfarbenen Augen, die von außergewöhnlich langen Wimpern umrahmt wurden. Ihr Mund war sinnlich geschwungen, gleiches traf auf ihre Gestalt zu, doch war sie recht klein geraten, und dies, zusammen mit ihrer Unsicherheit, die sie unverkennbar ausstrahlte, minderte den einzigartigen Eindruck, den sie sonst zweifellos auf mich gemacht hätte.
Wie eine Knospe erschien sie mir, rein und unschuldig und noch nicht im Begriff, sich zu öffnen. Jung – gerade erst geschaffen, vielleicht im gleichen Alter wie ich, als ich damals zum ersten Mal den Kuss der Unsterblichkeit empfangen hatte. Ich konnte die Reste der Menschlichkeit noch förmlich an ihr riechen. Doch war da niemand, der sie anleitete. Sie führte. Wo war ihr Schöpfer? Der, dem sie ihre Unsterblichkeit verdankte?
Sie wusste es nicht. Niemand wusste es. Ein Rätsel ... wie ungewöhnlich. Es machte sie wieder interessanter für mich!!
Ich griff auch nach ihrer Hand, doch verzichtete ich auf Spielchen mit ihr, um sie nicht zu ängstigen.
„Willkommen in unserer Welt, Yaelle. Genieße sie und fürchte dich nicht. Sie birgt Überraschungen, die du dir als Mensch in deinen kühnsten Träumen nicht hättest vorstellen können! Lass dich leiten von uns“, mein Blick wurde intensiver, während mein Daumen schmetterlingszart über ihre schmale, kalte Hand strich. "Lass dich leiten von mir!“

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Verfasst: Di 4. Sep 2007, 20:31 
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Es war mir überhaupt nicht recht, dass Marius heute Besuch bekam und ich auch noch anwesend sein sollte. Es handelte sich um einen weiteren Vampir - natürlich - und ich sah aus bekannten Gründen am liebsten gar keinen meiner Art. Leider war es mir nicht vergönnt gewesen, mich rechtzeitig zurückzuziehen. Tahleah hatte mir kaum erklärt, wer uns da mit seiner Gegenwart beehrte, als Lestat de Lioncourt auch schon eintrat. Ein weiterer, unglaublich schöner Mann, doch inzwischen hatte meine Faszination für die Schönheit der Unsterblichen sehr nachgelassen. Sie waren alle schön, meine Artgenossen. Ich war inzwischen fest davon überzeugt, dass überhaupt nur schöne Menschen von den Vampiren auserwählt wurden, wenn diese sich mit dem Gedanken trugen, sich ein Kind zu 'erschaffen'. Nicht, dass ich mich selbst für unglaublich schön hielt, aber ich wusste, dass ich von der Natur mit gewissen Vorteilen ausgestattet worden war - Vorteile, die sich in jener Nacht meiner eigenen Erschaffung als Nachteile herausgestellt hatten, denn wahrscheinlich befände ich mich jetzt gar nicht in dieser Situation, wenn ich nur unscheinbar gewesen wäre.
Schönheit, Perfektion .. das waren die Dinge, die die Unsterblichen faszinierten. Dabei war es egal, ob es sich um Menschen, Kleidung, Schmuck oder Kunstwerke handelte. Sie waren Ästheten, meine lieben Brüder und Schwestern. Sie umgaben sich gerne mit schönen Dingen und trachteten danach, sie für die Ewigkeit zu erhalten. 'Vielleicht', fuhr es mir durch den Kopf, 'um ihre unerträgliche Existenz damit etwas erträglicher zu machen. Etwas lebenswerter.' Diese Theorie erschien mir plausibel - und erklärte auch, warum ich darauf längst nicht so ansprang wie andere Vampire. Es gab eben nichts, das dieses Leben für mich erträglicher machte. Lebenswerter. Es war alles so hohl, so tot. Das einzige, das für mich überhaupt noch zählte, waren die Gefühle, die Tahleah und ich füreinander hegten. Nichts anderes interessierte mich mehr.

Aus diesem Grund sprang ich auch nicht auf Lestat an. Weder auf seine Schönheit noch auf seine Dreistigkeit. Und dass ich fühlte, wie er ungeniert in meinen Gedanken forschte, ärgerte mich. Gerne hätte ich mich dagegen gesperrt, hätte sein Vordringen abgewehrt, aber es gelang mir nicht, so sehr ich es auch versuchte. Ich erkannte, dass er sehr mächtig sein musste, denn das Blut, das ich in den letzten zwei Wochen von Tahleah getrunken hatte, hatte mich einiges gelehrt, und die gedankliche Kommunikation sowie das Abblocken fremder Gedanken war mir inzwischen vertraut. Doch Lestat gelang es mit Leichtigkeit, meine Versuche, ihn abzuwehren, zunichte zu machen. Und dass er es so hemmungslos tat, so ohne jedes Gefühl von Pietät und Anstand, obwohl er doch merkte, dass ich es nicht wollte, ließ es in mir gären.
"Non, merci", lautete darum auch meine knappe Antwort auf sein unangenehm direktes Angebot. Dabei entzog ich ihm meine Hand und faltete sie und die andere in meinem Schoß, damit er auch begriff, dass er sie nicht mehr anzurühren brauchte. "Tahleah leitet mich. Das ist völlig ausreichend."

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Verfasst: Di 4. Sep 2007, 20:57 
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Die kleine junge Vampirin gab sich unbeeindruckt von mir, was - ich will es gerne gestehen - ein wenig an meinem Ego kratzte. Die temperamentvolle Art, in der die ältere mich jedoch anging, verwischte dieses ungewohnte und nicht gerade angenehme Gefühl gleich wieder und machte Amüsiertheit Platz. Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Tahleah, musterte sie schmunzelnd ... und wandte mich dann von ihr ab und Marius zu, als wäre sie überhaupt nicht da. Erfahrungsgemäß ärgerte nichts eine Frau so sehr wie Missachtung, und mir war gerade sehr danach, Tahleah einen kleinen Dämpfer zu verpassen.
Ich würde die Finger von Yaelle lassen? Und was, wenn nicht?
Ihre angedeutete Drohung war lächerlich, und offenbar wusste sie es nicht einmal.
"Ich nehme an, du hast eine Erklärung für den ganzen Auflauf?", sprach ich Marius an, während ich mich betont gelassen einen der Sessel fallen ließ und die Beine übereinander schlug. Dass ich damit die ungewöhnliche Anhäufung von Unsterblichen meinte, die hier in La Rochelle mit jedem Tag größer wurde und mich quasi auf den Plan gerufen hatte, musste ich Marius nicht noch erst erklären, denn er wusste, wovon ich sprach.

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Verfasst: Di 4. Sep 2007, 21:43 
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Mein Herz wollte stehen bleiben, als ich auf einmal durch die geöffnete Tür sah, wie Tahleah zu Boden sank und sich nicht mehr regte. Marius flog auf sie zu, konnte jedoch aus irgendeinem Grund nicht zu ihr gelangen, und ich fürchtete schon das Schlimmste. Ich war ebenfalls aufgesprungen und dem Älteren nachgelaufen, doch kaum erreichte ich ihn, als Marius in den Nebenraum stürzte und sogleich neben Tahleah auf den Boden ging. Ich folgte ihm auch jetzt, mit einem eisigen Gefühl der Angst in meiner Brust, das sich noch verstärkte, als ich das Blut sah, das Tahleah aus Mund, Nase und Augen lief.
"Non", flüsterte ich entsetzt und bemerkte nur am Rande, dass Lestat neben mir stand und ebenfalls auf Tahleah hinab sah - seine demonstrative Gelassenheit hatte er offenbar abgelegt, aber das kümmerte mich keinen Deut. Mit schmerzhaft schlagendem Herzen sah ich zu, wie Marius Tahleah auf seinen Arm nahm und aus dem Raum trug. Ich folgte ihm auf den Fuß, weshalb ich sofort zur Stelle war, als er mich rief.
"Hier bin ich", bestätigte ich schnell, sank neben Tahleah auf die Bettkante und richtete meinen angsterfüllten Blick auf sie. "Was ist mit ihr? Was hat sie? Wird sie ...?"
Ich wagte es nicht, meine schlimmsten Befürchtungen auszusprechen. Tahleah durfte nicht sterben! Ich liebte sie doch so!

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Verfasst: Mi 5. Sep 2007, 10:22 
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Mein Herz klopfte immer noch schmerzhaft in meiner Brust, obwohl der Schock über Tahleahs Zustand ein wenig gewichen war.
Was war mit ihr nur geschehen? Warum hatte sie in dieser seltsamen Sprache gesprochen? Und warum war sie blutend zusammengebrochen?
Diese Fragen, auf die ich keine Antwort wusste, erfüllten mich mit Angst. Ich wollte sie nicht verlieren. Sie war mein einziger Halt in diesem schrecklichen, dunklen Leben, mein einziger Lichtblick! Wenn sie ging, ginge auch mein letzter Rest an Lebenswillen - dann würde ich sterben. Und das hatte nicht einmal etwas mit meiner Unfähigkeit zu jagen zu tun, sondern war eine reine Herzensangelegenheit. Ich liebte sie, mit jedem Tag mehr, und ohne sie wolte ich einfach nicht mehr sein.

Marius hatte das Zimmer inzwischen wieder verlassen und würde jetzt wohl mit Lestat über den Vorfall sprechen. Es interessierte mich nicht, wie mich diese beiden Unsterblichen ohnehin nicht interessierten. Sachte strich ich Tahleah eine Strähne ihres wundervollen, hellblonden Haars aus ihrem blutbefleckten Gesicht und fuhr ihre matten Züge dabei mit bekümmertem Blick ab.
"Verlass mich nicht, mon amour", flehte ich sie leise an und kämpfte gegen die Tränen an, die mir in die Augen steigen wollten. Sie antwortete mir nicht, sie war zu schwach dazu. Selbst in meinem Kopf herrschte Schweigen - mit keinem Gedanken liebkoste sie meinen Geist, so wie sie es sonst immer tat. Doch ich sah, wie es unter ihren schweren Lidern kurz glitzerte, ehe sie ihre Augen wieder schloss und sich der Erschöpfung ergab. Ich schluckte und ermahnte mich, mich zusammenzureißen. Sie brauchte mich jetzt. Nicht die schwache, unselbstständige Vampirin, die ich sonst war, sondern die starke Geliebte, die sie umsorgen, sich um sie kümmern würde. Ich drängte also die Angst und das Gefühl der Hilflosigkeit zurück und stand auf, um im Bad etwas frisches Wasser zu holen und sie erst einmal zu säubern. Danach würde ich mich zu ihr legen und sie mit meinen Armen und meiner Liebe umfangen. Die ganze restliche Nacht und den ganzen nächsten Tag über, bis die Sonne ihre Bahn gezogen und der Dunkelheit wieder Platz gemacht hätte. Und es meiner Geliebten dann hoffentlich wieder besser gehen würde.

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Verfasst: Mi 5. Sep 2007, 10:39 
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Ich war Marius und der jungen Yaelle nicht in den ersten Stock gefolgt, sondern hatte es vorgezogen, im Wohnzimmer zu warten. Mich verband nichts mit Tahleah, weshalb ich mich auch nicht um sie sorgte, und meine Neugier, die bei ihrem Zusammenbruch im Nebenzimmer entfacht worden war, würde Marius ohnehin in absehbarer Zeit befriedigen.
So dachte ich es, und so kam es dann auch.
Ich stellte das kleine Artefakt - eine gesichtslose Frauenstatue aus Sandstein - wieder auf den Wohnzimmertisch, von dem ich es kurz zuvor geklaubt hatte, um es ein wenig zu studieren und sah Marius interessiert an.
"Sie hat in der Sprache der Ältesten gesprochen, n'est-ce pas? Das und die Dokumente aus der Ersten Zeit, die du gerade erwähnt hast, bringen sie mit ihnen in Verbindung. Was glaubst du, warum das so ist? Die Ältesten sind tot, und Tahleah ist ein junger Vampir. Was hat sie mit ihnen zu tun?"
Es ging etwas hier vor, dessen war ich gewiss. Mein Instinkt sagte mir das, und er sagte mir auch, dass es wichtig war. Womit es mir wohl genauso erging wie zahlreichen anderen Blutsaugern auch, die in Scharen nach La Rochelle geströmt kamen und nun durch die Stadt flatterten wie Motten um das Licht.

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Verfasst: Mi 5. Sep 2007, 17:38 
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Das war ja alles höchst interessant, was ich da gerade erfuhr. Tahleah war also eine wiedergeborene Hohepriesterin der Isis und trug das alte Blut in sich. Das machte sie zu einer starken Vampirin, und Marius hatte gut daran getan, sie unter seine Fittiche zu nehmen. Das alles gefiel mir.
Aber die andere Sache, die mit der Ausrottung des Blutkultes und der Erlösung des Landes vom unseligen Fluch - womit ja wohl nur wir armen Bluttrinker gemeint sein konnten - die gefiel mir weitaus weniger. Verständlicherweise.
"Du sprichst da von recht weitreichenden Dingen", stellte ich nach außen hin gleichgültig fest, in meinem Kopf aber arbeitete es. "Doch wenn dieses Geheimnis uns vernichten kann, täten wir gut daran, es aufzudecken, ehe es so weit ist. Meinst du nicht? Du solltest Tahleah ein wenig auf die Sprünge helfen mit ihren Träumen."

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Verfasst: Mi 5. Sep 2007, 17:52 
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Nun ja, das klang logisch. Wenn Tahleah etwas hütete, das uns Unsterbliche auf sehr sterbliche Weise vernichten konnte, dann würde dieses Etwas wohl auch dafür sorgen, dass wir nicht an es heran kamen. Ich fand aber, dass wir das mussten, und es war schön zu sehen, dass Marius ausnahmsweise einmal der gleichen Meinung war.
"Ich werde sie begleiten", bot ich mich bereitwillig an. Die Sache interessierte mich aus vielerlei Gründen, und egal, was dabei herauskommen würde, es war mir lieber, ich bekam es aus erster Hand mit - was soviel hieß wie aus meiner Hand. Vielleicht würde es mir ja nicht nur möglich sein, das Unheil, das uns offenbar drohte, abzuwenden, sondern es würde auch noch ein Vorteil für mich herausspringen. 'Besser für mich als für jemand anderen', dachte ich. Und befand noch in Gedanken - welche ich allerdings vor Marius verschleierte - dass es schlimmeres geben mochte als nebenbei noch ein wenig Zeit mit der schönen Tahleah zu verbringen. Es gab also nur positive Aspekte, die mich allesamt schnell zu einer Entscheidung kommen ließen. Fragte sich bloß, ob Marius meine Meinung diesmal ebenfalls teilen würde.

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Verfasst: Mi 5. Sep 2007, 19:33 
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Ich lächelte kühl.
"Ich habe weder vor, sie um Erlaubnis zu bitten noch mich von ihren weiblichen Launen abschrecken zu lassen. Ich werde sie begleiten, ob sie will oder nicht. Und sollte sie sich wirklich mit Händen und Füßen gegen mich wehren - was ich mir, ehrlich gesagt, überhaupt nicht vorstellen kann - dann werde ich mich alleine um das Geheimnis kümmern. Gib mir nur die Pergamente und überlass alles andere mir."
Tahleah war selbst am Lüften dieses Geheimnisses interessiert, dafür hätte ich meine Hand ins Feuer gelegt. Würde ich mich ohne sie um die Klärung der Sachlage kümmern, würde sie sich sowieso nicht lange von mir fern halten.

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