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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:37 
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Irrlicht
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Wir hatten den Tag damit verbracht, das Internet zu durchforsten und in den Piratenbüchern zu stöbern, die einmal Jays Mutter gehört hatten und die er auf dem staubigen Speicher seines Hauses in einer alten Holzkiste verwahrt hatte, und außerdem hatten wir auf Greg Marlows Rückruf gewartet, dem ich am Vormittag meinen Familienstammbaum durchs Telefon durchgegeben hatte – zumindest soweit dieser mir bekannt war. Aber obwohl wir unsere Nachforschungen mit viel Enthusiasmus angegangen waren und ich wusste, dass es lange dauern konnte, bis wir auf irgendwelche nützlichen Ergebnisse stoßen würden, war ich doch gegen Abend enttäuscht, als sich herauskristallisierte, dass weder das Internet noch die Bücher uns bei unserer Suche hatten weiterhelfen können. Wir hatten zwar einige Fakten über William Turners Leben zusammentragen können, über Camila de la Runo, von der ich hoffte, dass sie meine Vorfahrin war – und in irgendeiner romantischen Weise mit dem Piratenkapitän Turner verbandelt, versteht sich – hatten wir aber nichts gefunden. Rein gar nichts.
Es blieb also zumindest vorerst nur die Hoffnung, dass Marlow mit seinen Beziehungen mehr Glück gehabt hatte. Vielleicht würde er mir ja gleich wirklich bestätigen, dass es zwischen der Comtess und mir verwandtschaftliche Beziehungen gab, das konnte ja sein. Oder uns wenigstens eine Quelle nennen, wo wir weiter nachforschen konnten. Nervös und voller Ungeduld – wie üblich, denn Geduld zählte, wie ich schon vorher erwähnt hatte, nicht gerade zu meiner Stärke – ging ich im Wohnzimmer auf und ab, das mit den Stapeln Büchern, dem aufgeklappten Laptop und den herumstehenden Kaffeetassen eher einem Studentenzimmer glich und wartete darauf, dass das Telefon bimmelte.
„Du weißt, dass deine Beine noch kürzer werden, wenn du sie weiter so abläufst?“
Ich funkelte Jay an, der schmunzelnd auf den Bildschirm seines Laptops sah und wohl irgendwie wusste, mit was für einem Blick ich ihn gerade bedachte, obwohl er seine Augen nicht von seinem Computer gelöst hatte.
Noch kürzer?“
Ich fand, meine Stimme hatte einen drohenden Klang angenommen, aber Jay teilte meine Meinung offenbar nicht, denn jetzt lachte er leise auf und sah mich amüsiert an.
„Na ja, du willst doch nicht behaupten, dass sie lang wären, oder?“
Ich schnaubte pikiert und griff wieder nach dem Buch, in dem ich eben noch geschmökert hatte.
„Sie sind vielleicht ein bisschen kurz geraten, aber trotzdem sind sie schön. So!“
„Ich hab ja auch nichts anderes behauptet.“
Ich hörte, dass Jay immer noch grinste, als er das sagte, blickte aber nicht mehr zu ihm, sondern tat so, als läse ich wieder in dem Buch. In Wirklichkeit aber war ich damit beschäftigt, mich zu fragen, ob seine Susan wohl lange Beine gehabt hatte und dann – in logischer Konsequenz – ob sie vielleicht hübscher gewesen war als ich. Ganz sicher war sie eine schöne chica gewesen, wenn Jay und Nat sie beide geliebt hatten.
„Bist du jetzt eingeschnappt?“
Das Grinsen hatte sich aus Jays Stimme verabschiedet und leichter Verwunderung Platz gemacht. Entschlossen, hier kein albernes Bild abzugeben, log ich: „Nein, natürlich nicht!“ – Und setzte mich mit dem Buch in den Ohrensessel am Fenster, in der festen Absicht, nicht weiter in dieser Richtung zu denken und stattdessen mit der Suche weiter zu machen.
Jay sagte auch nichts mehr – wahrscheinlich hielt er mich jetzt für kindisch, vielleicht war ich das auch, aber ich konnte nun mal nichts dafür, dass meine geringe Größe mir schon immer Probleme und in gewissem Maße auch Komplexe beschert hatte. Ich versuchte, mich auf die Geschichte zu konzentrieren, die von Jack Sparrows Abenteuern in Singapur handelte und die ich allesamt doch ziemlich übertrieben fand, doch das leise Klappern von Jays Tastatur, das ebenfalls leise Ticken der großen Standuhr sowie die nicht sonderlich gute Beleuchtung, die das Wohnzimmer in ein Dämmerlicht tauchte, bewirkten, dass mir irgendwann die Augen zufielen und ich wegdöste. Bis das Telefon schrill die Stille zerriss und ich wie von der Tarantel gestochen in die Höhe fuhr.
„Bellamy ..“, hörte ich Jay sagen – das Telefon hatte direkt neben ihm gestanden, so dass er nur seine Hand hatte danach ausstrecken müssen. Dann hörte ich erst einmal nichts mehr, da Jay nichts mehr sagte, sondern nur zuhörte und sich dabei Notizen machte. Sofort war ich an seiner Seite und sah auf das Blatt Papier, auf das er die Daten schrieb, die Marlow ihm offenbar gerade durchgab. Und während ich las, was er geschrieben hatte, weiteten sich meine Augen immer mehr.
Es gab sie in der Tat, die Verbindung von mir zu Camila de la Runo! Jay hatte schnell geschrieben und dementsprechend gekritzelt, aber ich konnte deutlich den Namen Jorge Ramón de Fuentez Gael lesen, daneben Marguerita Isabella Garcia, und das waren meine Urgroßeltern. Darunter schrieb Jay gerade die Namen meiner Großeltern, dann folgten die meiner Eltern, dann meiner. Und nachdem er ‚Corazón‘ Isabel Fuentez ausgeschrieben hatte, sah er zu mir auf und zwinkerte mir lächelnd zu.
„Alles klar, Greg. Du hast uns sehr geholfen! Ich schulde dir was.“
Dann legte er auf, und überschäumend vor Freude flog ich Jay erst einmal um den Hals und drückte ihn herzhaft. Dabei glitt ich auf seinen Schoß, und dort blieb ich auch sitzen, nachdem ich ihn aus meinem überschwänglichen Würgegriff wieder entlassen hatte.
„Ich will alles hören! Jede Einzelheit! Los, erzähl!!“
Jay lachte leise auf und zog sich mein Gesicht an meinem Kinn heran. Ein kleiner Schmatzer auf meine Lippen folgte, und dabei schob er seine Hand unter meinen Pulli und liebkoste meinen Rücken zärtlich. Dann kam er endlich meiner ungeduldigen Aufforderung nach.
„Also – wie es aussieht, bist du wirklich eine Nachfahrin der Condesa Camila de la Runo. Greg hat Zugang zu den Akten des Genealogischen Instituts in Madrid erhalten und sich dort heute durchgebissen. Es war wohl recht einfach, deine Ahnenreihe bis ins 19. Jahrhundert nachzuvollziehen, aber dann stockte der Datenfluss plötzlich und endete in einer Sackgasse. Greg hat Kirchenbücher hinzugezogen und ist letzten Endes dann doch fündig geworden – aber nur, weil ihm Camila de la Runos Name bekannt gewesen ist. Er hat das Pferd quasi von hinten aufgezäumt und versucht, von ihr eine Verbindung zu dir herzustellen. Und schließlich herausgefunden, dass die Condesa ihrem Mann seinerzeit ein Kind geboren hatte, das man ihr aber mit der Begründung, es wäre eine Totgeburt, sofort nach der Entbindung weggenommen hatte. Sie war danach nicht wieder schwanger geworden, vermutlich, weil die Ärzte bei ihr Murks gemacht hatten oder weil die Schweinebacke, die ihr das Kind weggenommen hatte, den Arzt oder die Hebamme bestochen hatte dafür zu sorgen, dass sie kein Kind mehr bekommen konnte. Wie auch immer, dieses Kind wurde an eine Apothekerfamilie gegeben – verkauft wahrscheinlich oder vielleicht hatte die Hebamme auch Hemmungen gehabt, ein Ungeborenes zu töten und es stattdessen einfach an ein Paar mit Kinderwunsch abgegeben. Die Apotheker wussten wohl, von wem das Kind war, denn sie erhoben, nachdem Camila de la Runo später verhaftet und enteignet worden war, Anspruch auf ihr Vermögen. Vielleicht entspricht die Theorie mit dem verkauften Kind also doch eher den Tatsachen. Die Hebamme oder wer auch immer dachte sich möglicherweise, dass man für ein adeliges Kind mehr Geld bekommt als für eines ohne Namen. Das Vermögen bekamen die Apotheker aber nicht, das ging an den Schwager deiner Condesa, Ricardo de la Runo und nach dessen Tod an seinen Sohn Julio. Doch das Kind Camilas – ein Junge übrigens, dem seine Ersatzeltern den Namen Ramón gaben – hörte nicht auf, für seinen Anspruch zu kämpfen. Dafür landete Ramón schließlich am Galgen, hinterließ aber eine Frau und zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Und das Mädchen, Maria, war wiederum eine Vorfahrin von dir.“
Atemlos hatte ich Jay zugehört und konnte mich vor Glück nicht fassen. Die Condesa war wirklich meine Ahnin! Das war so unglaublich, so toll, dass ich mir auf die Lippen biss, dann hart schluckte … und schließlich weinen musste. Jay lachte leise auf und drückte mich an sich, wiegte mich sachte und küsste mir schließlich die Tränen von den Wangen.
„Das ist doch nichts, weshalb man weinen muss.“
„Doch …“, widersprach ich leise, „… weil es so toll ist!!“
„Eine Condesa in der Familie aufweisen zu können?“, neckte der Schuft von Pirat mich schmunzelnd. Ich knuffte ihn.
„Natürlich nicht! Ist mir egal, ob sie adelig gewesen ist oder nicht. Aber sie ist mit Sparrow gesegelt! Und hat Turner getroffen. Und vielleicht haben die beiden sich ineinander verliebt und sie ist wirklich bei ihm geblieben. Hat vielleicht wirklich die Unsterblichkeit gewählt, aus lauter Liebe zu Will. Oh Jay, stell dir das doch nur mal vor!!“
„Aha, nun rutscht der Mythos doch auf einmal wieder in den Bereich des Möglichen?“
Jay neckte mich, indem er mich daran erinnerte, dass ich gestern noch den Wahrheitsgehalt des Tagebuchs in Zweifel gezogen und die Geschichte als Seemannsgarn abgetan hatte, aber er tat es auf liebe Weise.
„Ich hab immer irgendwo daran geglaubt“, widersprach ich trotzig. „Weil ich eine durch und durch romantische chica bin. Nur manchmal, wenn sich mein Verstand zu Wort meldet, dann leugne ich solche Dinge.“
Jetzt musste Jay lachen. „Ja, irgendwo kann ich mir das bei dir ziemlich gut vorstellen. Ich selbst glaube zwar nicht an den ganzen Zauberkram, aber Fakt ist nun, dass du von dieser Condesa abstammst. Und jetzt weißt du auch, warum das Tagebuch letzten Endes seinen Weg zu dir gefunden hat.“
Das wusste ich zwar immer noch nicht ganz genau, es sei denn, ich glaubte an Fügung, aber das war nun eigentlich auch egal. Es war ein Teil meiner Geschichte und gehörte mir, ich hätte also eigentlich zufrieden sein können.
Ich war es aber nicht.
„Jay …?“
„Hm?“
„Da ist noch die Sache mit der Kette. Du weißt schon … ‚Gebannt ist sie in die Kette aus Muscheln und Perlen. Gebannt ist nun auch das Herz der Dutchman, schlagend und doch tot, bis der Meeresschaum sie wieder vereint.‘ … Was meinst du – mal abgesehen davon, dass du nicht daran glaubst … könnte es sein, dass Finley Camila damit gemeint hat? Dass sie auf irgendeine Weise – vielleicht von Calypso selbst – in diese Kette gebannt wurde und seitdem von Will getrennt ist? Und erst wieder mit ihm zusammen sein kann, wenn der Meeresschaum sie wieder vereint?“
Ich hatte ein wenig die Befürchtung, dass Jay mich jetzt doch auslachen würde. Er tat es aber nicht. Er sah mich ernst an und erwiderte nachdenklich: „Lässt man mal außer Acht, dass es so etwas nicht gibt - Banne und Unsterblichkeit und Göttinnen, meine ich – dann ja. Ja … wenn man nur die Geschichte an sich betrachtet, dann bedeutete es vermutlich genau das. Dass Camila und Turner sich wahrscheinlich zugetan gewesen sind, dass man Camila in die Kette gebannt hat und dass sie wieder frei ist, sobald der Meerschaum sie und Turner wieder vereint. Was hier wohl so viel heißt wie: sobald die Kette wieder mit dem Meer Berührung hat.“
Plötzlich wurde ich ganz aufgeregt. Ich funkelte ihn an.
„Oh Jay, wir müssen das tun! Wir müssen die Kette ins Meer werfen, damit Camila wieder mit Will zusammen sein kann!!“
Jays Augenbrauen zogen sich in die Höhe.
„Wir müssen die Kette ins Meer werfen? Hast du vergessen, dass sie sich im Museum befindet? Vorausgesetzt, es ist überhaupt die fragliche Kette … was ja nicht mal sicher ist.“
„Sie ist es, ganz sicher!!“
Auf einmal sah ich alles klar vor mir. Warum das Buch wirklich in meine Hände geraten war, warum es mich nach Cape Cod gezogen hatte und warum ich Jay begegnet war. All das nur, damit ich Kette fand und die Zusammenhänge begriff! Das war jetzt geschehen. Und nun war es an mir, etwas daraus zu machen. Camila zu helfen und aus ihrem Gefängnis zu befreien!
Jay allerdings schien das nicht so zu sehen. Er runzelte die Stirn und hielt entgegen: „Selbst wenn sie es wirklich sein sollte, was schon ein sehr großer Zufall wäre, so gehört sie uns trotzdem nicht, Cora. Wir können nicht einfach hergehen, sie uns nehmen und vor der Küste ins Wasser werfen!“
„Und warum nicht?“
„Das meinst du doch jetzt nicht im Ernst, oder? Weil wir sie klauen müssten, deshalb! Weil sie in einem Glaskasten liegt, der abgeschlossen ist. In einem Museum, das nachts genauso abgeschlossen ist. Wir müssten ins Museum einbrechen und dann den Kasten aufbrechen, um an das Ding zu kommen! Weißt du, was das bedeutet?“
Enthusiastisch und fixiert, wie ich auf einmal war, war es mir ziemlich schnuppe, was das bedeutete.
„Ja, weiß ich. Ich bin ja nicht dämlich. Aber mal im Ernst, Jay, die Kette ist nicht besonders wertvoll, oder? Ich meine, sie liegt in einem blöden Glaskasten, den man einfach aufschrauben kann. Kein Panzerglas, keine sonstige Sicherung. Niemand wird sie vermissen, wenn sie weg ist!“
Es begann um Jays Mundwinkel zu zucken, was mich in gewisser Weise erleichterte, denn es sprach dafür, dass er nicht wirklich so entrüstet war, wie er tat.
„Du hast das Ganze ja schon ziemlich fachmännisch in Augenschein genommen! Weißt du auch, wie viele Kameras im Museum sind und wann die Wachposten ihre Runde machen?“
„Äh ..“
Jetzt lachte Jay leise auf und schüttelte amüsiert seinen Kopf.
„Nicht? Dann will ich es dir sagen – ich hab nämlich mal eine Zeitlang dort an der Kasse ausgeholfen. Es gibt keine Kameras und auch keine Wachposten. Weil – und da hast du Recht – es im Whydah-Museum nichts gibt, das es sich zu stehlen lohnt.“
„Na also!“ Triumphierend sah ich auf meinen chico hinab. „Worauf warten wir dann noch?“
„Hey hey, mal nicht so schnell!“ Abwehrend hob Jay die Hände. „Diebstahl bleibt trotzdem Diebstahl. Wenn die Kette morgen weg ist, wird trotzdem die Polizei kommen und die Angelegenheit überprüfen. Und sie werden ganz bestimmt auch dich verhören. Gerade weil du dich im Vorfeld für sie interessiert hast.“
„Das hab ich aber nur dir erzählt, sonst keinem“, erinnerte ich Jay. „Den anderen hab ich nur gesagt, dass ich wegen Informationen über Piraten hier bin.“
Jays Miene wurde nachdenklich.
„Du hast es niemandem sonst gesagt?“
Ich schüttelte den Kopf. Jay kratzte sich an seinem kleinen Kinnbärtchen, eine Geste, die ich total süß fand und sah grübelnd ins Dunkle der Nacht hinaus.
„Hm .. es wäre kein großes Thema, die Kette da rauszuholen.“
Ich hielt den Atem an, weil ich es nicht glauben konnte – er begann wirklich darüber nachzudenken, wie wir die Kette stehlen konnten! Ich wusste, dass er das nur für mich tat, denn er selbst glaubte ja nicht an den Bann, aber das machte es nur noch wertvoller für mich. Wie ich diesen Kerl doch liebte!
„Allerdings wäre die Aufregung am nächsten Tag nicht so toll. Hier auf Cape Cod passiert selten etwas. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Polizei das ziemlich hochspielt, nur, damit die Jungs sich damit mal wichtig tun können.“
„Wir legen einfach eine andere Muschelkette hinein“, schlug ich, praktisch denkend wie meist, vor.
Jay horchte auf.
„Eine andere Kette?“
„Ja. Warum nicht? Ich meine, die, die jetzt dort liegt, sieht doch auch nicht sonderlich echt aus, oder? Wir besorgen uns einfach eine neue Kette, die ähnlich aussieht und tauschen sie aus.“
Täuschte ich mich, oder lag da so etwas wie Stolz in Jays Blick?
„Meine kleine Piratenbraut“, bestätigte er meinen Eindruck gleich darauf und zog mich zu einem zärtlichen Kuss heran. Dann lächelte er. „Also gut, dann werden wir es so machen. Ich besorge die Kette morgen – auf dem Festland, wo mich niemand kennt. Und morgen Nacht tauschen wir das Ding aus. Damit es doch noch ein Happy End für deine Condesa und ihren Will gibt. Okay?“
Ich strahlte und schlang meine Arme um ihn.
„Ich liebe dich dafür, Jay Bellamy!!“
„Nur dafür?“
Lächelnd ließ Jay seine Hand, die sich immer noch unter meinem Pulli befand, auf Wanderschaft gehen, und er fand sehr schnell und zielstrebig, was er gesucht hatte.
„Nein, auch dafür“, neckte ich ihn, sah bezeichnend auf meine Brust, die jetzt auf einer Seite ungleich größer war und tat so, als wäre das einzige andere, was mich noch an ihm interessierte, der Sex. „Du bist ziemlich talentiert, was das betrifft.“
„Oh, schade, dass du das schon erkannt hast. Ich hätte es dir gerne noch mal bewiesen. Aber so …“
Mit einem übertrieben bedauernden Blick nahm Jay seine Hand wieder von meiner Brust und streckte sich wie ein alter Kater auf der Ofenbank. Ich pikste ihn tadelnd in die Seiten, dass er seine Arme mit einem Lachen eilig wieder herunter nahm und antwortete mit vielsagendem Blick: „Andererseits .. ich glaube, sooo toll war es auch wieder nicht gewesen, wenn ich mich recht entsinne. Ziemlich mittelmäßig. Das übliche Rein und Raus und so …“
„WAS??“
So schnell, wie er mit mir auf dem Arm aufgesprungen war, hatte ich nicht gucken können!
„Also das kann ich so nicht stehen lassen!!“
Mit eiligen Schritten durchquerte er den Wohnraum und steuerte die Treppe an, die zur oberen Etage führte. Leise lachend schmiegte ich mich an ihn und ließ mich faul die Stufen hinauftragen. Ich nahm an, ich hatte das Recht dazu, noch ein wenig träge zu sein. Ich wusste sowieso, dass Jay das gleich innerhalb kürzester Zeit ändern würde.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:39 
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Irrlicht
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Er hatte, wie er es ihr zugesagt hatte, am nächsten Tag die Kette besorgt, und zwar in Plymouth, was natürlich eine ziemliche Fahrerei gewesen war. Aber Jay hatte auf Nummer sicher gehen wollen – die Kette hier auf Cape Cod zu besorgen, wo er bekannt war wie ein bunter Hund und Cora als Fremde ebenso augenfällig war, wäre einfach zu leichtsinnig gewesen.
Es war erst gegen Abend, als er nach Highland Light zurück kehrte, und er hatte das Haus noch nicht ganz betreten, als ihm schon seine kleine Piratenbraut entgegen geflogen kam und ihm um den Hals fiel. Schmunzelnd drückte und küsste er sie und dachte sich dabei, dass es sonst nur Rufus gewesen war, der ihn so begeistert begrüßt hatte. Und dass seine Lebensumstände sich doch in der Zwischenzeit wirklich zum Positiven entwickelt hatten. Er hatte gewiss nichts dagegen. Rufus auch nicht, wie es schien, denn sein Hund ließ Cora den Vorrang und kam erst, als sie sich wieder von ihm gelöst hatte, schwanzwedelnd auf ihn zu. Jay ging lächelnd vor seinem vierbeinigen Freund in die Hocke, zerzauste ihm das kurze, struppige Fell und ließ ihm so auch seinen ihm zustehenden Teil an Aufmerksamkeit zukommen. Danach jedoch – und das verwunderte Jay nicht wenig, freute ihn aber auch – wandte Rufus sich Cora zu, leckte ihre Hand und stubste sie dann auffordernd an. Er schien sie bereits ebenso in sein Herz geschlossen zu haben wie sein Herrchen – wie gut Jay ihn verstehen konnte!
„Hast du ‚es‘?“
Die Art, wie Cora ihn fragte – ohne ‚es‘ näher zu definieren – hatte etwas so niedlich konspiratives, dass Jay automatisch lächelte.
„Ja, ich hab ‚es‘. Willst du es sehen?“
Cora nickte und machte einen leicht fahrigen Eindruck. Jay hoffte, dass sich das noch geben würde, denn eine nervöse Komplizin konnte er beim Einbruch ins Museum wirklich nicht gebrauchen. Er zog die gekaufte Kette aus der Hosentasche und hielt sie Cora hin.
„Sie sieht nicht ganz genauso aus, aber das ist das Beste, was ich finden konnte.“
Cora betrachtete sie prüfend. „Ich denke, sie wird gehen.“ Dann bemerkte sie mit einem schiefen Seitenblick: „Wir können froh sein, dass die echte Kette auch so seltsam neu aussieht. Komisch genug, wie ich finde.“
„Ja, ist es. Trifft sich hier aber gut. Okay, ich werde jetzt im Schuppen unser Werkzeug holen gehen. Hast du noch ‘ne dunkle Hose? Die helle Jeans fällt zu sehr auf.“
Ihr Parka war dunkelblau, ihr Pullover schwarz und ihr Haar sowieso. Nur die Hose war zu hell – es war besser, wenn sie beide komplett in dunkel gingen.
„Ja, ich hab eine schwarze Jeans dabei. Die kann ich anziehen. Brauchen wir auch sowas wie Strumpfmasken?“
Jay bekam bei ihrer Frage fast einen Lachanfall.
„Strumpfmasken???“
Er kriegte sich kaum wieder ein.
„Oh Mann, tu mir sowas bloß nicht an, wenn wir nachher im Museum sind!“, keuchte er wenig später atemlos und wischte sich die Tränen aus den Augen. Dann erst bekam er mit, dass Coras Blick reichlich konsterniert geworden war. Schmunzelnd zog er sie in seinen Arm und küsste ihr das Stirnrunzeln weg.
„Du bist ganz schön niedlich, weißt du das?“
„Ich kann es nicht leiden, wenn du mich auslachst.“
Nanu, schmollte sie ihm? Jay legte ihr seinen Zeigefinger unters Kinn und hob ihr Gesicht zu sich an.
„Cora, ich lach dich nicht aus. Das würde ich nie tun, okay?“
„Was war das denn gerade, wenn nicht ein Auslachen?“
Oha, jetzt war seine Diplomatie gefragt. Eine gekränkte Frau, speziell wohl eine gekränkte südländische Frau war nichts, mit dem man spaßen sollte. Und schon gar nichts, über das man spaßen sollte!
Jay strich ihr das lange, schwarze Haar aus dem schönen Gesicht und antwortete ihr mit ernstem, eindringlichem Blick: „Ich habe dich nicht ausgelacht, Cora. Ich habe über das gelacht, was du gesagt hast … weil es lustig war. Das ist ein Unterschied. – Glaubst du wirklich, ich würde mich über dich lustig machen? Ich liebe dich. Du bist doch mein Herzchen!“
Er sah es und fühlte es auch unter seinen Händen, wie sie wieder weich und zugänglich wurde. Und dann blühte auch ihr Lächeln wieder auf.
„Tut mir leid. Ich bin sonst nicht so empfindlich. Aber sonst bin ich auch nicht so …“
Sie brach ab. Jays Blick wurde forschend.
„Aber sonst bist du auch nicht so…? - Nervös?“
„… so verliebt.“
In Jays Augen funkelte es auf, als sie das sagte. Er zog sie an sich und küsste sie. Dann raunte er: „Wenn das so ist, darfst du ruhig öfter empfindlich sein, mi Corazón“.
Vor allen Dingen, wenn sie danach so empfänglich für seine Zärtlichkeiten war wie jetzt. Aber das dachte er bloß und sagte es nicht.

Genau um zwölf war es dann soweit. Jay hatte sich einen schwarzen Pullover über eine schwarze Jeans gezogen, Cora trug ebenfalls ihre schwarze Jeans und ihren dunkelblauen Parka, und schwarz war auch die kleine Tasche, die sie sich umgehängt hatte und in der sich das Werkzeug befand, das sie für ihren Bruch benötigen würden. Das Wetter war wie bestellt für ihr Vorhaben – trocken, windig und bewölkt. Und darum stockfinster, denn der Mond war verdeckt und blitzte trotz der Böen nicht ein einziges Mal zwischen den Wolken hervor. Jay hoffte, dass das noch eine Zeitlang so bleiben würde. Wenigstens für die nächsten anderthalb Stunden.
Cora sprach nicht, sondern sah still zum Seitenfenster des Jeeps hinaus. Jay nahm immer noch an, dass sie nervös war, es aber nicht zeigen wollte, und darum drang er auch nicht in sie und ließ sie einfach. Er selbst war ebenfalls nicht die Ruhe selbst, denn auch wenn sie nicht gerade vorhatten, die Kronjuwelen von England zu klauen, war es trotzdem ungesetzlich, was sie taten, und der Knast auf Bewährung würde ihnen winken, würde man sie erwischen. Das war es, was ihn beschäftigte – und dabei dachte er noch nicht einmal an sich selbst, sondern an Cora, der er es ganz sicher nicht wünschte, vorbestraft zu sein. Doch für Cora tat er es auch. Er wusste, wie wichtig ihr das alles war, und jetzt, wo fest stand, dass Camila de la Runo wirklich ihre Vorfahrin gewesen war, würde ihr die Sache mit der Kette sowieso keine Ruhe mehr lassen, sondern sie immer verfolgen. Jay wollte nicht, dass das so war. Er wollte, dass sie Cape Cod in dem Bewusstsein verließ, ihre Vergangenheit gefunden und dabei keine Frage offen gelassen zu haben. Es musste also sein.
Eine knappe halbe Stunde später kamen sie in Provincetown an. Jay steuerte seinen Wagen zum Hafen hinab, wo er nicht auffallen würde, denn hier parkte er oft. Jay verbrachte schließlich viel Zeit auf der ‚Mermaid‘. Vom Hafen aus würden sie zu Fuß zum Museum gehen, und nach erfolgreichem Bruch würden sie dorthin zurückkehren und auf dem Schiff übernachten. Am Morgen würden sie dann auslaufen – sofern das Wetter hielt, was der Wetterbericht jedoch versprochen hatte – und die Kette weit draußen auf dem Meer ins Wasser werfen. Jay war sich sicher, dass sie unspektakulär untergehen und ihr Geheimnis mit sich nehmen würde. Aber das war egal. Cora würde sich sagen, dass sie Camila damit befreit hätte und glücklich sein. Und das war es, was zählte.
„Alles okay?“, hakte er noch mal nach, nachdem er den Jeep nahe dem Steg geparkt hatte, an dem die ‚Mermaid‘ festgemacht war. Cora sah ihn an und nickte. Was für ein Gesicht sie dabei zog, konnte er nicht ausmachen, denn dafür war es zu dunkel im Wagen. Doch wie auch immer sie drauf war, Jay wusste, sie würde jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Was er wohl auch bedauert hätte, denn inzwischen hatte ihn doch so eine Art von Fieber gepackt, und er konnte es kaum noch erwarten, bis es wirklich losging.
„Okay, dann los!“
Er stieg aus und schloss die Wagentür leise, und Cora machte es ihm nach. Mit einem scharfen Blick rundum versicherte Jay sich, dass sie alleine waren und niemand ihr Fortgehen vom Steg bemerken würde. Dann setzte er sich in Bewegung, Coras Hand in seiner und begann den viertelstündigen Marsch zum Whydah-Museum.

Als sie am Museum ankamen, achtete Jay abermals darauf, dass die Straßen frei waren und niemand sie sah. Als er sicher sein konnte, dass die Luft rein war, umrundete er mit Cora das Gebäude und ging zum Hintereingang desselben, der auf einen stillen Hof hinaus führte. Diesen Hintereingang aufzubekommen stellte wahrscheinlich die größte Herausforderung dar, mit der sie es zu tun bekommen würden. Und Jay hoffte, dass er daran nicht scheitern würde. Er war zwar technisch begabt, aber Schlösser zu knacken war eben doch nicht das, womit er sich tagtäglich beschäftigte. Er öffnete die Tasche, die Cora sich umgehängt hatte und nahm eine kleine, schwache Taschenlampe sowie ein paar dünne Drahthaken heraus, die er normalerweise für seine Fischernetze brauchte. Heute würden sie mal einen anderen Fisch an Land ziehen – hoffte Jay zumindest.
„Stell dich so vor mich, dass niemand das Licht sehen kann, dann leuchte auf das Schloss“, wies er Cora leise an. Sie tat, was er ihr gesagt hatte, und wenig später glomm das Schloss silbern im Schein der Taschenlampe auf. Jay kniete sich davor, nahm zwei der drei Drähte zwischen die Lippen und probierte den ersten. Zu dick. Er wechselte den Draht und probierte es noch einmal. Diesmal kam er in die Öffnung hinein, aber nicht sehr weit. Es musste ein noch dünnerer sein – zum Glück war er entsprechend vorbereitet. Der dritte passte perfekt. Jetzt galt es nur noch, den Riegel im Inneren zu erwischen und anzuheben. Jay bedankte sich im Stillen für die Nachlässigkeit des Museumsbetreibers, der es immer noch nicht für notwendig erachtet hatte, Sicherheitsschlösser in seine Türen einzubauen. Es war ein altes, einfaches Schloss, mit dem er sich auseinanderzusetzen hatte, und das brachte er dann auch verhältnismäßig schnell auf. Sofort schlüpfte er ins Innere des Gebäudes. Cora folgte ihm auf den Fuß und schloss die Tür hinter sich. Die Taschenlampe brannte immer noch, und das war auch gut so, denn im Museum war es jetzt stockfinster. Keine Notbeleuchtung – wozu auch – kein Mondstrahl, der durch eines der wenigen Fenster drang. Cora öffnete ihren Parka und bemühte sich, das Licht der Taschenlampe damit ein wenig zu bedecken, damit es von draußen nicht gesehen wurde. Jay kannte sich hier ziemlich gut aus, aber eben nicht blind, und darum war es schon ganz gut, dass Cora ihm den Weg beleuchtete.
Nur wenig später standen sie an der gläsernen Vitrine, hinter der die Kette lag. Er wechselte einen Blick mit seinem Mädchen und lächelte, als er sah, wie es in ihren dunklen Augen funkelte. Dann nahm er die Schraubenzieher aus der Tasche und suchte nach Augenmaß einen aus, der passen könnte. Diesmal brauchte er keine mehreren Versuche, denn der kleine Kreuzschlitzschraubenzieher passte auf Anhieb. Jay machte sich ans Werk und drehte die Schrauben heraus. Es galt, nur vier zu lösen. Danach würde er das Glas hochklappen und die Kette herausnehmen können. Es dauerte nicht lange, bis er damit fertig war. Als er die Vitrine schließlich öffnete, atmete er tief durch und kam sich fast vor wie Tom Cruise in ‚Mission Impossible‘.
„Das war einfach. – Und wehe, du sagst jetzt ‚zu einfach‘!“
Schmunzelnd sah er Cora an. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die geöffnete Vitrine, streckte seine Hand aus und nahm die Kette heraus.
Doch kaum umschlossen seine Finger die robusten Muscheln und Schnecken, runzelte er die Stirn. Bildete er sich das nur ein oder fühlte sie sich wirklich seltsam an?
Ein Kribbeln ging durch seine Hand, und fast hätte er sie wieder fallen lassen.
„Was ist?“, flüsterte Cora, die sein Zögern offenbar bemerkt hatte.
Jay antwortete ihr erst nicht, sondern versuchte sich darüber klar zu werden, was er gerade empfand. Eine Menge Dinge, und alles nichts Gutes. Aber dann schüttelte er diese Gefühle entschlossen ab. Das Lesen der ganzen Piratengeschichten, der Mythos um Calypsos Kette, Coras Einstellung dazu … all das hatte wohl seine Phantasie beflügelt und gaukelte ihm jetzt etwas vor.
„Nichts. Hier … steck sie ein und gib mir die andere.“
Er reichte Cora die Kette, und sie wollte sie schon ergreifen. Doch mitten in der Luft hielt ihre Hand inne, und dann begann sie zu zittern.
„Ich ... kann nicht“, flüsterte Cora erstickt und zog ihre Hand wieder zurück.
Jays Stirn runzelte sich erneut, als er von Coras entsetzt wirkendem Gesicht zur Kette sah und dann wieder zurück.
„Was meinst du damit, du kannst nicht? Du wolltest sie doch haben. Nimm sie und gib mir die andere!“
Jay wurde langsam nervös. Sie hatten, was sie wollten, sie sollten jetzt zusehen, dass sie hier weg kamen. Cora streckte ein zweites Mal ihre Hand nach der Kette aus, zögerte wieder, dann aber griff sie beherzt danach. Sie ließ sie jedoch mit einem leisen Schrei gleich wieder fallen und hielt sich die Hand, als hätte sie sich verbrannt.
„Was ist passiert?“
Jay konnte es nicht verhindern, dass seine Stimme jetzt gereizt klang. Was sollte diese Zimperlichkeit? Cora war eindeutig übernervös, und Jay begann es schon zu bedauern, dass er sie zu dieser Aktion überhaupt mitgenommen hatte. Er hätte das Ding genauso gut allein holen können. Genauso gut? Wesentlich besser allein als in Begleitung dieses kleinen Nervenbündels!
„Ich … weiß es nicht“, klagte Cora leise mit verzogenem Gesicht und rieb sich ihre Finger. „Es hat weh getan. Sie war … eiskalt. So kalt, dass es richtig gebrannt hat!“
Stirnrunzelnd starrte Jay sie an. Dann bückte er sich kopfschüttelnd nach der Kette und hob sie wieder auf.
So kalt, dass sie gebrannt hatte? Konnte ihm mal jemand bitte die Frauen erklären?
Mit unwilliger Miene öffnete er die Tasche, kramte darin nach der falschen Kette und ließ, als er sie gefunden hatte, die echte hinein gleiten. Aber obwohl das natürlich Unsinn gewesen war, was Cora da gerade abgezogen hatte, konnte auch er sich eines Gefühls der Erleichterung nicht erwehren, als er sie endlich los war. Verflixt, sie hätten sich im Vorfeld gegenseitig nicht so verrückt machen sollen! Das kam davon, wenn man zu viele Abenteuergeschichten las. – Eilig legte Jay den Ersatz in die Vitrine und drapierte ihn so, wie das Original gelegen hatte. Dann verschloss er den Glaskasten wieder und drehte auch die Schrauben wieder ein, damit nichts darauf hinwies, dass hier ein Diebstahl begangen worden war. Erst als das erledigt war, atmete er tief durch und wechselte wieder einen Blick mit Cora. Und als er ihren zerknirschten Blick sah, tat ihm seine Reaktion von eben schon direkt wieder leid. Er zog sie an sich und drückte sie kurz, dabei murmelte er mit einem kleinen versöhnlichen Lächeln: „Komm, vergiss es!“ – Denn er tat das alles doch letzten Endes für sie. Es sollte sie glücklich machen und nicht schon wieder verletzen. Cora dankte es ihm, indem sie sein Lächeln erwiderte und dann verschwörerisch flüsterte: „Ist schon okay. Lass uns gehen, ehe uns noch jemand erwischt!“
Sie rannte damit offene Türen ein, denn Jay war der Boden hier sowieso schon länger zu heiß. Er nickte also kurz, nahm Coras Hand in seine und machte, dass er weg kam mit ihr. Wenig später verließen sie das Museum auf dem gleichen Weg, auf dem sie gekommen waren, und auch hier dachte Jay daran, die Hintertür sorgfältig wieder zu verschließen. Da er inzwischen ein Gefühl für das Schloss bekommen hatte, dauerte das nicht so lange wie das Öffnen desselben, und so konnten sie sich schnell auf den Weg zum Hafen machen.

Jay atmete auf, als sie das Museum ein gutes Stück hinter sich gelassen hatten, und dann holte er sich erst einmal, was er am dringendsten brauchte: einen Kuss von Cora, die er zu dem Zweck zwischen zwei Häuser zog, wo es noch finsterer war als auf der Straße. Er ließ sich Zeit dazu, küsste sie mit Hingabe und war – wohl aufgrund des erhöhten Adrenalinpegels – ganz kurz davor, noch mehr mit ihr zu tun. Aber sie waren noch zu nah am Museum, und bis zur ‚Mermaid‘ würde er wohl noch warten können. Er gab Coras Mund also nach einer kleinen Ewigkeit wieder frei, hielt sie aber immer noch dicht an sich gedrückt. Dann raunte er in die Dunkelheit hinein: „Was war vorhin denn nun wirklich los mit dir? Nervosität? Oder hattest du es dir anders überlegt?“
Er spürte, wie ein leichtes Beben durch Coras Körper ging.
„Nein“, wisperte sie zurück, und es klang, als hätte sie einen Kloß im Hals. „Ich weiß nicht, warum, aber ich konnte die Kette nicht festhalten. Ich wollte es, aber es ging nicht. Ich .. ich hatte ..“
Sie brach ab, und Jay vermutete, dass sie Angst hatte, sich lächerlich zu machen. Woran er mit seiner gereizten Reaktion von vorhin natürlich nicht ganz unschuldig war. Er rieb seine Nasenspitze an ihrer und fragte leise zurück: „Was, Herzchen? Erzähl es deinem Piraten.“
Wieder erbebte sie unter seinen Händen. Aber sie erzählte es ihm tatsächlich. Und was er hörte, verwunderte Jay nicht wenig.
„Ich hatte Angst vor ihr. Vor der Kette. Es war nicht das erste Mal. Auch, als du sie mir gestern gezeigt hattest, war das so gewesen. Ein Gefühl von Kälte. Von … Tod. Aber nicht so stark wie eben. Eben war es … es war schrecklich! Vor allem, als ich sie dann doch berührt hatte …!“
Sie schmiegte sich eng an Jay, und ganz automatisch drückte er sie fest an sich. Er wollte nicht, dass sie Angst hatte, egal, ob diese Angst begründet war oder eingeredet. Er wollte ihr Sicherheit vermitteln und Schutz. Und darum raunte er an ihrem Ohr: „Du musst die Kette nicht wieder anfassen, wenn du es nicht willst, Cora. Du musst sie nicht einmal mehr sehen. Ich werde sie an mich nehmen, okay? Und sie morgen ins Wasser werfen.“
Sie hatte ihr Gesicht an seinem Hals vergraben, und Jay spürte, wie sie nickte. Noch einmal suchte er ihre Lippen mit seinen und küsste sie zärtlich. Dann aber nahm er ihr die Tasche ab und hängte sie sich selbst um, und daraufhin zog er sie aus der Nische heraus und ging mit eiligen Schritten mit ihr zum Hafen hinunter. Und war es eben noch das Verlangen nach ihr gewesen, das ihn beflügelt hatte, so war es jetzt das Bedürfnis, sie fest in den Arm zu nehmen und so lange festzuhalten, bis sie diese Angst verlor und sich wieder wohler fühlte.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:41 
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Irrlicht
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Es war geschafft! Wir hatten die Kette wirklich aus dem Museum geholt, und bald würden wir sie dem Meer wiedergeben können, so, wie es richtig war. – Ehrlich, ich konnte diesen Moment kaum noch erwarten!
So dringend ich die Kette vorher hatte haben wollen, so sehr graute es mir inzwischen vor ihr. Und wenn ich noch einen Beweis für ihre Übernatürlichkeit benötigt hätte, so hätte mir spätestens der Moment im Museum klar gemacht, dass es eben nicht nur alles Seemannsgarn war, was Finley in seinem Buch geschrieben hatte, sondern dass manche Dinge wohl sehr viel wahrer waren als uns lieb sein konnte.

Ich beruhigte mich ein wenig auf dem Weg hinab zum Hafen. Die Erinnerung an den schlimmen Augenblick, in dem ich die Macht der Kette zu spüren bekommen hatte, verblasste, und sicherlich war es auch hilfreich, dass Jay die Tasche an sich genommen hatte. Dennoch war es erst, als ich meinen Fuß wieder auf die ‚Mermaid‘ setzte, dass ich mich wirklich in Sicherheit fühlte. Während Jay den Niedergang aufschloss, atmete ich tief durch und sah auf das schwarze Wasser hinaus. Hatte ich mich je vor der Dunkelheit gefürchtet? Hatte ich je Angst vor Donner und Blitz gehabt? Seit die Kette mir offenbart hatte, was in ihr steckte, gab es etwas, das ich weitaus mehr fürchtete, und jetzt kamen mir meine früheren Ängste albern und kleinlich vor.
„Komm“, flüsterte Jay neben mir und nahm meine Hand. Er hatte kein Licht gemacht, damit es niemandem, der zufällig in unsere Richtung sah, auffiel, wie spät wir auf das Boot gingen, und ich war froh um seine Führung, denn ich hatte ja bekanntermaßen die Fallsucht und wäre ohne seine Hand wahrscheinlich mit einem lauten Krachen am Fuß der Treppe gelandet. So aber kam ich sicher unter Deck an und atmete gleich noch einmal auf – wie sicher und gut aufgehoben ich mich doch hier auf diesem Schiff fühlte!
Jay löste sich von mir, parkte die Tasche in der Sitzecke und ging die Treppe wieder hinauf, um den Niedergang zu schließen. Dann machte er sich daran, die kleinen Rollos vor den Fensterchen herunterzuziehen, damit das Licht, das er danach hoffentlich machen würde, nicht nach außen drang. Er tat mir den gefallen, aber nicht so, wie ich gedacht hatte. Ich hatte angenommen, er würde den Lichtschalter betätigen, sobald er die Verdunklung perfekt gemacht hätte. Aber stattdessen riss er ein Streichholz an, dann entzündete er eine der Kerzen, die in den leeren Rumflaschen steckten und wandte sich mir wieder zu. Das Lächeln, mit dem er mich daraufhin bedachte, hatte etwas sehr Piratenhaftes – nicht nur wegen des Kerzenscheins, der unglaublich gut passte, sondern auch wegen des neuen Bärtchens, das ich ihm am Morgen verpasst hatte. Ich lächelte automatisch zurück und erwiderte auch den zärtlichen Druck seiner Finger, nachdem er meine Hand in seine genommen hatte. Dann wartete ich darauf, dass er mich mit sich zur Bugkabine ziehen würde. Doch wieder überraschte er mich, denn er ging nach achtern und nahm mich entschlossen mit.
Wieder klopfte mein Herz, jetzt aber nicht vor Angst, sondern vor Freude. Ich wusste, was es bedeutete, dass er bereit war, die Nacht mit mir in dieser Kajüte zu verbringen, ausgerechnet in dieser. Und wenn ich gedacht hatte, dass ich nicht mehr tiefer für ihn empfinden könnte, so sah ich mich getäuscht. Denn mit dieser kleinen Geste hatte er mein Herz endgültig gekapert.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:42 
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Irrlicht
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Am Morgen machten wir uns in aller Frühe aufbruchbereit. Während ich meine Morgentoilette in dem kleinen Bad erledigte, mich auch dort anzog und mich abschließend anschickte, mir meine Haare zu zwei losen Zöpfen zu flechten, zauberte Jay in der Essecke ein kleines Frühstück. Ich hörte ihn mit den Tellern klappern und leise vor sich hin pfeifen. Dazu roch ich den würzigen Duft des frisch aufgebrühten Kaffees, der durch die Ritzen bis zu mir ins Bad drang, und ich genoss diesen losgelösten Moment, der etwas ungemein Idyllisches hatte.
Meine Gedanken schweiften zurück zur vergangenen Nacht. Zu unserem abenteuerlichen Unternehmen, bei dem ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas Ungesetzliches getan hatte, zu dem Moment, in dem ich die Kette berührt und mich an ihrem eisigen Feuer verbrannt hatte, zu unserer Rückkehr auf die ‚Mermaid‘ und letztlich zu der innigen Stunde, die daraufhin in der Achterkajüte folgen sollte. Noch nie hatte Jay mich so zärtlich geliebt, mich mit seiner Liebe so vollkommen umfangen wie in jenem Moment. All meine Ängste hatte er mir genommen – was die Kette anging und mehr noch, was Susan betraf – und mir die Gewissheit gegeben, dass er mir gehörte, ganz und gar mir und dass sich das auch nicht mehr ändern würde. Ich hatte mich ihm dafür restlos geschenkt. Mit meinem ganzen Herzen, meiner ganzen Liebe, und aus heutiger Sicht würde ich behaupten, dass unsere Beziehung in jener Nacht ihren wirklichen Anfang gefunden hatte. Wir gehörten seitdem zusammen und hatten nicht bloß eine Affäre. Und dieses Bewusstsein erfüllte mich mit einer Ruhe, wie ich sie schon lange nicht mehr verspürt hatte.

Es klopfte leise an der Tür.
„Der Kaffee ist fertig.“
Lächelnd band ich das Ende meines zweiten Zopfes mit der Kordel zu, die Jay mir zu diesem Zweck gegeben hatte, dann öffnete ich die Tür und strahlte meinen Piraten an. In Jays braunen Augen begann es zu funkeln, als er mich sah, dann wanderten seine Mundwinkel in Richtung Ohren.
„Mann, du siehst zum Anbeißen aus!“
Ich fand, dass diese Beschreibung durchaus auch auf ihn zutraf, mit seinem sonnengebräunten, schönen Gesicht, seinem weiß aufblitzenden Lächeln und dem verwegenen Piratenbärtchen, neben dem schon wieder die ersten Bartstoppeln wuchsen. Er hatte sich offenbar noch nicht gekämmt, nachdem er sich den Pullover über den Kopf gezogen hatte, denn sein dickes, dunkelbraunes Haar stand ihm wirr nach allen Seiten ab und ringelte sich sogar ein wenig hinter seinen Ohren. Was für ein atemberaubender Mann! Ich würde ihn in Sevilla keinen Moment aus den Augen lassen dürfen, wenn ich nicht wollte, dass die Hälfte aller chicas ihm hinterher rannte, um ihn sich zu angeln. Ganz besonders deshalb nicht, weil ich sie doch kannte, meine Landsmänninnen und genau wusste, wie direkt sie vorgingen, wenn sie etwas haben wollten.
„Danke. Du aber auch!“
Ich küsste ihn auf seine lächelnden Lippen und musste dabei wieder einmal meine aufkommenden Gewissensbisse verdrängen, die mich wegen Sevilla und Jay überkommen wollten.
„Magst du Käse auf deinem Toast oder lieber Wurst? Oder vielleicht Marmelade? Oder Erdnussbutter? Ich hab alles da, kein Problem!“
Überrascht über die Vielfalt, die er mir gerade anbot, folge ich ihm zur Essecke und bestaunte den fertigen Frühstückstisch. Wie er es gesagt hatte, er hatte alles da – frischen Aufschnitt, ein Stück Käse, ein Glas mit Marmelade, eines mit Erdnussbutter, Joghurt, sogar ein wenig Obst. Sogar die in den USA üblichen Spiegeleier brutzelten in der Pfanne, und ihr Duft vermengte sich appetitlich mit dem des Kaffees. Er musste sich wirklich oft an Bord der ‚Mermaid‘ aufhalten, dass sein Kühlschrank diese Frühstücksvielfalt hergab!
„Äh … ich werde wohl erst mal mit dem Käse starten“, antwortete ich und biss mir lächelnd auf die Lippen. Er hatte für vier Leute Essen aufgefahren, nicht bloß für zwei. Aber ich fand es unglaublich süß, dass er so darauf bedacht war, das Frühstück nach meinen Wünschen zu gestalten. Wie hatte Susan ihm nur mit seinem Bruder fremdgehen können? Hatte sie nicht gewusst, was für ein Gottesgeschenk dieser Mann hier war?
Ich drückte mich hinter den vollen Tisch auf die Bank und stellte zu meiner Erleichterung fest, dass Jay die Tasche mit der Kette woandershin geschafft hatte. Das war schon ganz gut so, denn nun Bestand wenigstens die Aussicht, dass ich auch einen Bissen herunter bringen würde. In Gesellschaft der unheimlichen Kette hätte ich damit meine Schwierigkeiten gehabt, dessen war ich mir gewiss.
Ich machte es mir auf dem dicken Polster der Eckbank gemütlich, indem ich mir noch ein Kissen in den Rücken stopfte. Dabei fiel mein Blick zum Fenster hinter mir hinaus und schweifte kurz über das bleigraue Meer, das hinter der Hafenmole ziemlich bewegt aussah.
„Können wir denn heute überhaupt hinausfahren? Es ist ziemlich windig.“
Ich fragte mich kurz, ob ich wohl der Typ war, der seekrank wurde. Ich wusste es nicht, denn ich war – so seltsam es sich auch anhören mag – bis zu diesem Zeitpunkt noch nie auf hoher See gewesen.
Jay nahm zwei heiße Toasts aus dem Toaster und legte mir eines auf meinen Teller. Dann wandte er sich der Pfanne mit den Spiegeleiern zu.
„Ich hab heute morgen den Wetterbericht eingeholt. Es wird ein wenig ruppig werden dort draußen, aber es geht schon. Wir werden nicht unter Segel rausfahren, sondern mit dem Motor. Kein Thema.“
Überrascht sah ich von meinem Toast auf, auf das ich gerade Butter strich.
„Dieses Schiff hat auch einen Motor?“
Mit der Pfanne in der Hand drehte Jay sich wieder zu mir um, und ich sah, wie er schmunzelte.
„Die meisten Segler haben einen Motor. Nur die ganz kleinen nicht. Die Zeiten, wo man mit seinem Schiff wochenlang festsaß, weil sich kein Lüftchen rührte, sind Gott sei Dank vorbei.“
„Oh …“
Ich kam mir ein wenig naiv vor, dass ich so weit nicht gedacht hatte und Jay es mir erst erklären musste, darum schob ich entschuldigend hinterher: „Ich bin eine ziemliche Landratte, weißt du. Ich hab keine Ahnung von der See oder von Schiffen. Ich war noch nie auf einem.“
Jay hatte mir mein Spiegelei bereits auf den Teller geschoben und wollte dasselbe jetzt mit seinem machen, aber bei meiner Bemerkung hielt er in seinem Tun inne.
„Du warst noch nie auf einem Schiff?“
Ich schüttelte den Kopf, während ich Salz über mein Ei streute.
„Dann ist das hier also deine Jungfernfahrt, sozusagen.“
Er fragte es diesmal nicht, er stellte es fest, und diesmal nickte ich.
Das Ei flutschte aus der Pfanne auf Jays Teller, die Pfanne wurde ordentlich zum Herd zurückgetragen, dann setzte mein Piratenkapitän sich zu mir an den Tisch und erklärte mit einem ziemlich zufrieden wirkenden Lächeln, in das sich eine Spur der Dreistigkeit mischte, die für ihn manchmal so typisch war: „Na dann bin ich aber froh, dass ich dich wenigstens auf diese Art entjungfern kann!“
Ich hatte nach meiner Kaffeetasse gegriffen und wollte gerade einen Schluck nehmen, schoss aber erst einmal über den Rand derselben einen tadelnden Blick auf ihn ab.
„Du bist unmöglich, weißt du das?“
„Nein, ich bin unglaublich! Unglaublich verliebt in dich!“
Der Spruch nahm mir natürlich sofort den Wind aus den Segeln, so dass aus meinem tadelnden Blick ein weicher wurde – wie dieser Kerl mich in der Hand hatte, das war unglaublich! Ich stellte die Kaffeetasse weg und beugte mich über den Tisch zu ihm, griff mir seinen Pullover und zog ihn mir ein Stück entgegen.
„Und ich liebe dich, mi pirat!“
Ein kleiner, zärtlicher Kuss folgte, und erst dann sah ich mich in der Lage, mit dem Essen fortzufahren.

Eine gute Stunde später hatten wir ‚Backschaft und klar Schiff‘ gemacht, wie Jay es bezeichnet hatte – sprich, wir hatten gespült und aufgeräumt – und dann begann der zweite Teil unseres abenteuerlichen Unternehmens: Wir schickten uns an, die Kette ihrer wahren Bestimmung entgegen zu führen.
Ich machte, Jays Anweisungen folgend, die Leinen am Steg los und sprang dann eilig wieder an Bord, weil ich nicht wusste, wie schnell so ein Schiff wegtreiben kann und keine Lust hatte, im Wasser zu landen oder zurückgelassen zu werden. Jay fand das wohl ziemlich amüsant, denn ich sah genau, wie er am Ruder stehend in sich hineinlachte, aber diesmal ließ ich ihm das durchgehen. Ich war mit meinen Gedanken sowieso schon weit draußen auf dem Meer und malte mir bereits alle möglichen Szenarien aus, die geschehen konnten, wenn wir die Kette wirklich ins Wasser warfen.
„Leinen aufschießen, Smutje!“, kam es plötzlich vom Ruder, und meine Tagträume fanden ein jähes Ende.
„Wie bitte?“
„Nimm die Leinen, die du gerade gelöst hast und roll sie auf dem Deck zu Schnecken zusammen. So wie die anderen auch aufgerollt sind.“
Jay deutete mit seinem Kopf zu den Leinen, die man Backbord in der Tat fein säuberlich zu Schnecken zusammengerollt hatte, dann verließ er das Ruder, nahm einen langen Bootshaken von der Reling und stieß die ‚Mermaid‘ damit vom Steg weg. Der Bootshaken kam wieder an seinen Platz, und Jay kehrte zum Ruder zurück, wo er vorsichtig einen Hebel nach vorne drückte. Den Gashebel, wie mir klar wurde, als das Motorengeräusch, von dem ich bislang gar nicht gewusst hatte, dass es da war, lauter wurde. Langsam drehte die ‚Mermaid‘ ihre Nase in Richtung Hafenausfahrt, und ich machte, dass ich der Anordnung meines Captains nachkam, ehe ich wegen meiner Pflichtversäumnis gekielholt wurde.

Das Wetter war ruppig, wobei ich persönlich fand, dass ruppig noch untertrieben war.
Wir fuhren nun schon eine kleine Weile unter Motor Richtung Westen, um vom Land wegzukommen, und es wehte eine so verdammt steife Brise, dass ich mir meinen Parka wieder angezogen und bis unters Kinn zugemacht hatte. Und trotzdem fror ich wie ein Schneider. Jay war da weitaus wetterfester gestrickt als ich, aber das wunderte mich nicht. Er hatte sich über seinen Pullover lediglich einen zweiten, etwas dickeren angezogen, einen grauen Strickpullover mit Reißverschluss am Hals und er hatte sich eine einfache, graue Strickmütze auf den Kopf gezogen, die am Rand einmal umgeschlagen war. Ich fand, dass ihm die unglaublich gut stand und war der Meinung, dass nur noch der goldene Ohrring an seinem Ohr fehlte, um sein Aussehen als Pirat perfekt zu machen. Welchen – wahrscheinlich kläglichen – Anblick ich hingegen gerade bot, das wollte ich mir nicht einmal im Ansatz vorstellen. Mit zusammengekniffenen Augen, die vom Wind tränten, drückte ich mich neben Jay in den fragwürdigen Schutz des Niedergangs, den Kragen meines Parkas inzwischen so hoch gezogen, dass nur noch meine rote Nasenspitze darüber hinweg lugt und meine Hände tief in die Taschen geschoben und bibberte vor mich hin.
„Du frierst, Cora. Geh runter! Ich werde uns noch ein Stück nach Norden bringen, aus der Cape Cod Bay heraus, und das dauert noch eine Weile. Ich will nicht, dass du krank wirst.“
Warum Jay darauf bedacht war, ins freie Wasser des Atlantiks zu kommen, wo es doch eigentlich sehr viel einfacher gewesen wäre, die Kette einfach in der Bucht von Cape Cod in die Wellen zu werfen, konnte er mir später auch nicht mehr sagen. Er meinte mal, als ich ihn danach fragte, dass er in jenem Moment gar nicht gedacht, sondern einfach gehandelt hätte. Heute weiß ich, dass es so hat sein müssen und er gar nicht anders gekonnt hatte – es war das Schicksal, das ihn gelenkt hatte.
„Nein, ich geh nicht runter“, wehrte ich mich hartnäckig gegen seine Fürsorglichkeit. „Ich will hier oben bei dir bleiben und keine Sekunde verpassen! Ich pack das schon. Bin doch kein Weichei.“
„Nein, das bist du nicht.“
Jay sagte es ernst und ohne eine Spur Belustigung, und dafür schenkte ich ihm ein liebevolles Lächeln – das er allerdings nur an meinen Augen ablesen konnte, denn mein Mund war hinter dem hohen Kragen vollständig verborgen.
„Wir wären schneller, wenn ich die Segel hissen würde“, schlug er plötzlich vor. Ich blickte ihn entsetzt an.
„Bei dem Wind? Würde es uns die Segel nicht zerfetzen?“
In Jays Mundwinkeln zuckte es.
„Das hier ist ein hochseetaugliches Schiff, Cora, kein Schickimicki-Bötchen. Wir haben höchstens Windstärke acht, und das packt die ‚Mermaid‘ locker. Die Frage ist aber, ob du das auch packst.“
„Ich? Wieso ich?“
„Na ja, wenn ich die Segel setze, dann ist das, was das Schiff jetzt an Fahrt macht, ein Witz dagegen. Sie wird losfliegen wie ein abgeschossener Pfeil, und sie wird sich in den Wind legen. Mit anderen Worten, es geht nicht mehr ganz so gemächlich zu wie jetzt, und der Boden unter deinen Füßen wird eine Zeitlang nicht gerade eben sein. Meinst du, das kannst du aushalten?“
Gerade noch hatte ich behauptet, kein Weichei zu sein, es gab also nur eine mögliche Antwort auf seine Frage. Außerdem fühlte ich mich bis jetzt ganz gut – was den Magen betraf, nicht das Frieren. Ich nickte also tapfer.
„Okay. Aber dann brauch ich deine Hilfe. Hier, halte das Ruder erst einmal genau so, wie ich es jetzt halte. Der Kompass liegt bei Null an, also bei Nord, und so muss vorerst einmal bleiben. Bis ich dir was anderes sage. Kriegst du das hin?“
Claro“, antwortete ich selbstsicherer als ich mich fühlte und übernahm das Ruder. Dabei beäugte ich den Kompass misstrauisch.
„Und was wirst du jetzt tun?“
Jay lächelte und griff nach meinem Kinn.
„Na was wohl?“
Er küsste mich, dann stellte er den Motor ab, verließ er die Deckung des Niedergangs und kletterte auf den Deckaufbau, wo er sich daraufhin an den eingepackten Segeln zu schaffen machte. Ich sah ihm zu, wie er das erste mit geübten Handgriffen auspackte, dann vom Deckaufbau heruntersprang und es mit einer Leine in die Höhe zog. Kaum hatte es sich ein wenig entfaltet, als auch schon der Wind von links – von Backbord – hineinfuhr, es blähte und das Schiff ordentlich zur Seite drückte.
„JAY!!!“
Ich wette, mein panischer Schrei war noch bis Provincetown zu hören.
„Es ist okay, dreh sie ein Stück nach Steuerbord. Bis 30 Grad am Strich anliegen!“, rief mein Captain mir lachend zu, zurrte dabei die Leine fest – welche, wie ich jetzt weiß, Brasse heißt - damit das Segel oben blieb, dann machte er sich daran, das Ganze beim nächsten Mast noch einmal zu wiederholen. Mir rutschte das Herz in die Hose, denn die ‚Mermaid‘ hatte ihr Verhalten in der Tat völlig verändert und war für mich auf einmal so unberechenbar geworden wie ein durchgehendes Pferd. Jay hatte Recht gehabt, sie war jetzt schneller. Und zwar verdammt viel schneller als zuvor! Ich beeilte mich, seinem Befehl Folge zu leisten und drehte das Ruder nach rechts, bis die Kompassnadel auf Nordnordwest zeigte. Was jetzt wohl, wenn mich nicht alles täuschte, bedeutete, dass wir nach Nordnordost fuhren. Oder so ähnlich. Auf alle Fälle so, dass die plötzlich aufgetretene Schräglage des Schiffes wieder abnahm und wir den Wind jetzt mehr von hinten – Verzeihung, von achtern – hatten. Die ‚Mermaid‘ schien es zu freuen, denn nun wurde sie noch schneller. Zumal jetzt auch das zweite Segel oben war und wir nun, wie es so schön heißt, unter Vollzeug fuhren.
„Gut gemacht“, lobte mein Captain mich, nachdem er wieder neben mir auftauchte und mir zu meiner großen Erleichterung das Ruder wieder abnahm. „Damit bist du jetzt offiziell zum Rudergänger befördert worden!“
„Oh toll“, freute ich mich. „Ist das was Wichtiges?“
„Nein.“ Jay lachte übers ganze Gesicht und schien das Ganze sehr zu genießen. Ich sah es an seinen Augen, die so strahlten, wie ich sie in den vergangenen Tagen nur ganz selten hatte strahlen sehen – eigentlich nur dann, wenn wir uns sehr nahe gewesen waren.
Es gab keinen Zweifel, das hier war sein Leben. Das Schiff, das Meer, der Wind, die Wellen …
Meine Gewissensbisse meldeten sich zurück, denn das alles war ich im Begriff ihm zu nehmen. Konnte ich das wirklich? Durfte ich das?
Er würde dieses Leben mit jeder Faser seines Herzens vermissen. Erst würde er es hinnehmen, aber es würde an ihm nagen. Er würde sich danach sehnen, immer mehr, bis die Sehnsucht danach unerträglich geworden wäre. Und dann würde er es mir vorwerfen, dass ich es ihm genommen hätte.
Ich schluckte bei der Vorstellung, weil sie weh tat. Nicht so sehr das mit dem Vorwerfen, sondern sehr viel mehr das mit der Sehnsucht. Ich wollte nicht, dass er litt. Ich wollte, dass er glücklich war. Dass seine schönen Augen immer so strahlten wie jetzt. In Sevilla würden sie das nicht mehr, sie würden stumpf werden und irgendwann auch nicht mehr wegen mir glänzen. Was war das für eine Liebe, die so einen Verzicht verlangte?
„Was ist los?“
Jay sah mich forschend an – offenbar war ihm mein Stimmungswandel nicht entgangen. Ich setzte ein Lächeln auf und schmiegte mich an seine Brust.
„Nichts“, log ich dabei und drückte mich fest an ihn. Und dann versuchte ich wie zuvor, meine Gewissensbisse zu verdrängen und damit zum Schweigen zu bringen. Doch diesmal klappte es nicht mehr. Sie blieben.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:43 
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Wir waren noch eine ganze Zeitlang unter Vollzeug gesegelt, hatten Cape Cod dabei hinter uns gelassen und befanden uns nun mitten auf dem Atlantik. Und damit war der Moment gekommen, den Jay für passend hielt, um unser Vorhaben endlich zu einem Ende zu führen.
Er holte die Segel wieder ein, und sofort verlor die ‚Mermaid‘ ihre pfeilschnelle Fahrt. Damit wir trotzdem manövrieren konnten, hatte er zuvor wieder den Motor angestellt, doch dieser lief jetzt nur im Leerlauf, denn es war zwar immer noch sehr windig, doch da wir nun auf dem offenen Meer waren, war die Dünung der Wellen anders als noch in der Bucht von Cape Cod. Langsamer, majestätischer und bei weitem nicht so beängstigend wie zuvor. Oder hatte der Wind doch nachgelassen? Oder ich mich nur inzwischen an meinen Aufenthalt auf diesem Schiff gewöhnt? Oder lag es daran, dass mir nach dem bisherigen halsbrecherischen Tempo nun alles sehr viel langsamer vorkam?
Ich war mir nicht sicher. Aber ich fand das alles auf einmal gar nicht mehr so schlimm. Es war mir nicht einmal mehr so kalt wie noch zu Beginn unserer Reise, und so wurde ich mutig und öffnete sogar meinen Parka.
„Und wenn gleich noch die Sonne rauskommt, packst du dann den Bikini aus?“
Ich wandte Jay, der soeben mit der Tasche aus dem Niedergang hochkam, mein Gesicht zu und schmunzelte.
„Dazu muss es noch gute zwanzig Grad wärmer werden.“
„Was ja in Fahrenheit nicht so viel ist, oder?“
Jay grinste verschmitzt, und ich schlug mir gedanklich vor die Stirn. Natürlich, die Amerikaner hatten ja dieses seltsame Fahrenheitsystem und kannten kein Celsius. Oder zumindest rechneten sie nicht damit. Nun, ich rechnete nicht mit Fahrenheit und hatte darum keine Ahnung, wie viel zwanzig Grad Celsius in dieser Maßeinheit waren. Ich zuckte also mit den Schultern und hielt ansonsten diplomatisch die Klappe. Jetzt war sowieso nicht der rechte Zeitpunkt für solche Banalitäten.
Mein Blick saugte sich an der Tasche fest, die Jay gerade öffnete, und mein Herz begann schneller zu klopfen, als er die Kette herauszog. Wieder fühlte ich diese böse Aura, die von ihr ausging. Diese Kälte, die ich als schneidend empfand und die es mich bedauern ließ, dass ich eben noch meinen Parka geöffnet hatte.
Ich zwang mich, neben Jay stehen zu bleiben, obwohl ich lieber ein paar Schritte zurückgetreten wäre, einfach nur, um aus dem unmittelbaren Umfeld der Kette zu kommen. Jay schien nicht so zu empfinden, zumindest nicht so extrem, aber ich sah es ihm an, dass sie ihm auch nicht ganz geheuer war. Wie um meinen Eindruck zu bestätigen, bemerkte er in diesem Moment nachdenklich: „Irgendwo hast du Recht. Es stimmt was nicht mit diesem Ding. Sie ist … merkwürdig.“
Merkwürdig. Ich hatte noch ganz andere Begriffe für dieses kleine Miststück parat, aber ich hielt mich zurück.
„Wirf sie ins Wasser“, bat ich Jay, und ich kann jetzt nicht mehr sagen, was bei mir gerade vorherrschte – der Wunsch, unser Vorhaben durchzuführen oder das Ding einfach nur schnell loszuwerden. Möglicherweise traf beides zu.
Jay nickte und trat an die Reling der ‚Mermaid‘. Ich folgte ihm, weil ich sehen wollte, was passierte – ob etwas passierte – und sah einen Moment lang in die grauen, schäumenden Fluten. Wie tief das Wasser hier wohl war?
„Fertig?“
Ich sah zu Jay auf und nickte. Dann blickte ich auf die Kette, er ebenfalls, und wie zwei Turmspringer holten wir beide gleichzeitig Luft und hielten sie an. Dann warf Jay das Ding in Wasser, und nachdem es für einen kurzen Augenblick auf der bewegten Oberfläche dahintrieb, versank es und entschwand damit unserem Blick.
Wir ließen die Luft wieder ab und sahen uns an.
„Tja, das war’s wohl“, bemerkte Jay mit schiefem Blick. Ich sah wieder aufs Wasser und war grenzenlos enttäuscht.
„Na komm“, tröstend legte mein Pirat mir seinen Arm um die Schulter und drückte sie. „Was immer sie auch bewirkt, es muss ja nicht hier unter unseren Augen passieren. Wenn Camila wirklich in diese Kette gebannt worden war, dann ist sie jetzt bestimmt …“
Jay sprach nicht weiter, denn etwas veränderte sich plötzlich. Das Wasser begann auf einmal an der Stelle zu sprudeln, an der das Schmuckstück gesunken war, dann begann es zu schäumen, als wäre ein Unterwassergeysir im Begriff, seine Fontäne in die Luft zu schießen. Doch es war keine Fontäne, der auf einmal die Wasseroberfläche durchbrach, es war ein Kopf.
Ein Kopf!!
Ein Kopf mit langem, schwarzem, nassem Haar, dem schmale Schultern folgten, auf denen es weiß glitzerte.
Mit offenem Mund starrte ich auf das, was da aus den Tiefen des Atlantiks auftauchte, und obwohl ich ihn in diesem Moment nicht angesehen hatte – was ja wohl auch verständlich ist, denn es war einfach zu unglaublich, was hier geschah – bin ich mir sicher, dass Jay ähnlich intelligent dreinblickte.
„Das gibt’s doch nicht“, hörte ich ihn neben mir heiser murmeln. Ich gab ihm gedanklich Recht, war aber viel zu paralysiert, um noch anderweitig auf seine Bemerkung zu reagieren.
Ich hatte nur Augen für sie.
Camila … das war Camila, meine Urururundsoweiter-Ahnin, und sie war wirklich durch irgendeinen Fluch in diese Muschelkette gebannt worden. Das, was ich bis eben selbst noch irgendwo für ein Märchen gehalten hatte, hatte sich plötzlich bewahrheitet und stellte nun meine gesamte Weltanschauung auf den Kopf!
Sie hatte sich inzwischen bis zur Taille aus dem Wasser geschält, so als ob sie in einer seichten Lagune stünde und der Meeresboden nicht mehrere Hundert Meter unter ihr lag und drehte sich nun langsam um, um uns über ihre Schulter anzublicken.
Und obwohl die Tatsache, dass sie erschienen war, ja allein schon unglaublich war, aber als ich ihr schießlich ins Gesicht blickte, traf mich der Schlag!
„Mein Gott, sie sieht aus wie du!“
Jay war in solchen Situationen offenbar nicht ganz so sprach- und reglos wie ich. Er fasste in Worte, was ich mit meinem Verstand noch nicht einmal begreifen wollte, was aber durchaus zutraf – Camila de la Runo war mein absolutes Ebenbild. Oder ich ihres, das traf es wohl eher, da sie altersmäßig ein paar Generationen Vorsprung vor mir hatte. Die gleichen dunklen Augen, die gleiche Nase, der gleiche Mund. Auch ihre Gestalt schien wie meine zu sein, zumindest so weit, wie ich das beurteilen konnte, denn nur ihr Oberkörper war zu sehen, den ein weißes, filigranes Kleid bedeckte, das wie Meerschaum aussah und glitzerte, obwohl die Sonne nicht schien. Der einzige Unterschied zwischen ihr und mir waren ihre Haare, die weitaus länger waren als meine und um sie herum auf dem Wasser trieben. Und die natürlich nass waren, wie es die ganze Frau war. Doch schien es sie nicht zu stören, auch die Wellen und die Kälte des Wassers schienen ihr nichts anzuhaben. Und als ich mir ins Gedächtnis zurück rief, was sie war – eine unsterbliche Seele nämlich, auch wenn sie gerade sehr stofflich aussah – fand ich ihre Unempfindlichkeit nur verständlich.
Ihr Blick haftete auf mir, und als ich mir das bewusst machte, sah ich, dass sie mich genauso musterte wie ich sie. Und dass ein Ausdruck von Überraschung in ihren Augen lag, von Unglauben dazu, der nicht weichen wollte. Offenbar konnte sie genauso wenig glauben, was sie sah. Eine Frau, die aussah wie sie selbst. Ich erinnerte mich an das, was Marlow herausgefunden hatte … dass man ihr ihr Kind nach der Geburt weggenommen hatte und ihr erzählt hatte, dass es tot war. Sie hatte danach keine Kinder mehr bekommen können, und nun stand ich hier, offensichtliches Zeugnis für die Fruchtbarkeit ihrer Lenden. Natürlich musste sie es für unfassbar halten, was sie sah. Aber ich wollte nicht, dass das so blieb. Ich wollte, dass sie es verstand. Dass sie begriff, dass sie eben doch ein Kind gehabt hatte, und dass dieses Kind wiederum Kinder gezeugt hatte … es war mir wichtig, dass sie das wusste. Aber zum Teufel nochmal, obwohl ich es ihr dringend sagen wollte, brachte ich keinen Ton heraus. Ich bekam nicht einmal den Mund auf.
Plötzlich lächelte sie und nickte. Ich lächelte ebenfalls und wusste irgendwie, dass meine Botschaft angekommen war. Sie hatte mich auch ohne Worte verstanden, und das gab mir gerade das Gefühl, wie auf Wolken zu schweben. Bis ihr Blick zu Jay schweifte und ihr gesamter Gesichtsausdruck sich plötzlich schlagartig änderte!
Wiederum lag Unglauben in ihrem Blick, mit dem sie meinen chico musterte. Dann verzog sich ihre Miene plötzlich schmerzlich, und pure Sehnsucht schlug uns entgegen. Ich sah deutlich, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten, die ihr daraufhin die Wangen hinunter liefen und sich mit den Wassertropfen vermengten. Warum auf einmal dieser Stimmungswandel? Warum weinte sie jetzt, wo sie Jay ansah, wo sie doch eben noch erleichtert gelächelt hatte?
Ich erhielt die Antwort, doch anders, als ich es mir vorgestellt hatte.
Wieder begann das Meer zu rauschen, doch nun viel lauter und kraftvoller als zuvor. Und plötzlich teilten sich ein Stück von uns entfernt die Wassermassen, und der gezackte Klüverbaum eines Schiffes schoss aus der Tiefe empor, das gesamte Schiff gleich mit, bei dem es sich um einen riesigen Dreimaster handelte, algenüberzogen und muschelverkrustet. In rauschenden Kaskaden schoss das Meerwasser aus den Kanonenöffnungen zurück in den Atlantik, den es so in Bewegung gesetzt hatte, dass die Wellen hart gegen die ‚Mermaid‘ schlugen und ich ganz bestimmt ins Wasser gefallen wäre, hätte Jay mich nicht so geistesgegenwärtig gepackt und festgehalten.
Ich brauchte einen Moment, um wieder festen Stand unter die Füße zu bekommen, und natürlich auch, um zu begreifen, was jetzt geschehen war.
Ein Mythos war lebendig geworden und hatte damit all die Sagen und Erzählungen der Seeleute bewahrheitet, denn vielleicht fünfzehn, zwanzig Meter von uns entfernt wogte die ‚Flying Dutchman‘ in der Dünung des Atlantik, furchterregend anzusehen, weil gespenstisch in ihrer Erscheinung. Doch ich war zu überfahren, um wirklich Angst zu haben. Vielleicht stand ich aber auch unter Schock, und allein das verhinderte, dass ich in Ohnmacht fiel.
Nicht nur Jay und ich hatten das Auftauchen des Schiffes bemerkt, auch Camila war es nicht entgangen, und sie reagierte sofort. Mit einem Laut, welchen ich nicht beschreiben kann, den ich aber sehnsüchtiger in meinem ganzen Leben nicht gehört hatte, warf sie sich in die Fluten, tauchte unter und schwamm offenbar unter Wasser auf die ‚Dutchman‘ zu.
So dachte ich zumindest.
Doch plötzlich kam sie wieder zum Vorschein, durchbrach die Wellen mit Kraft und Schnelligkeit – allerdings nicht mehr in der Gestalt, in der wir sie eben noch gesehen hatten! Zuerst glaubte ich, einen grünsilbernen Pfeil durch die Luft fliegen zu sehen, aber dann erkannte ich die lange Fischflosse, und ich wusste, in was sie sich verwandelt hatte: in die Meerjungfrau, von der Finley berichtet hatte und der er in seiner Beschreibung nicht gerecht geworden war. Wunderschön, grazil, elegant, so flog sie durch die Luft auf die ‚Dutchman‘ zu, tauchte ein Stück vor dem riesigen Schiff wieder ins Wasser ein und … blieb verschwunden.
Ich merkte erst jetzt, dass ich die Luft angehalten hatte und stieß diese nun geräuschvoll aus. Dann sah ich zu Jay auf, dem es nicht viel anders erging als mir und der unter seiner Sonnenbräune sichtlich blass geworden war.
„Verdammt …“, bemerkte er leise, den Blick immer noch auf die ‚Flying Dutchman‘ gerichtet, „… ich glaub nicht, was hier passiert!“
Ich wollte ihm gerade versichern, dass es mir nicht viel besser ging, als seine Augen sich weiteten und starr auf einen Punkt blickten.
Mein Kopf flog herum, und ich suchte das Meer bereits nach der nächsten märchenhaften Erscheinung ab – Captain Jack Sparrow und seine ‚Black Pearl‘ zum Beispiel, denn ich fand, wenn sich hier schon die Legenden die Hand gaben, dann durfte er nicht fehlen. Aber es hatte sich nichts verändert, nach wie vor krängte die ‚Dutchman‘ unweit von uns in der wogenden See, und kein zweites Gespensterschiff hatte sich hinzugesellt, um den Reigen zu komplettieren.
Dann sah ich, warum Jay die Augen aus dem Kopf fielen, und meine wollten es ihm nachmachen!
Mein Blick war zum Heck der ‚Dutchman‘ geschweift, weil dort jemand an der Reling stand und ins Wasser sah. Und auch wenn wir diesem Jemand nicht so nah waren, wie wir es vorher Camila gewesen waren, waren die Züge des Mannes doch unverkennbar für mich. Und sie waren vertraut, so vertraut!
Ebenso, wie ich Camilas Spiegelbild war, war Jay das William Turners! Die gleichen Augen, die gleichen geschwungenen Brauen, die gleichen hohen Wangenknochen, der gleiche schöne Mund. Sogar die Art, wie er seinen Bart trug, war die gleiche, die ich Jay ein paar Tage zuvor unwissend aufs Auge gedrückt hatte. Lediglich Turners Haar war länger, denn es ringelte sich unter seinem roten Kopftuch bis auf seine Schultern. Und um seine glatte Brust flatterte ein nasses, halb offen stehendes, schwarzes Hemd, das die roten Ränder einer schrecklichen Narbe entblößte – die Stelle, wo sein Vater ihm das Herz herausgeschnitten hatte.
Ich starrte ihn an und sog seinen Anblick in mich auf. Er selbst sah nicht zu uns hinüber, sondern mit einem Ausdruck großer Sehnsucht in die Tiefe des Meeres. Doch plötzlich löste er sich von der Reling, drehte uns das Profil zu und lächelte jemanden an. Und ich erkannte, dass es Camila war, die menschliche Camila in ihrem weißen Glitzerkleid, mit ihrem langen, nassen Haar, die wie aus dem Nichts auf ihn zukam, strahlend ihre Hand an Turners Wange legte und ihn dann küsste.
Turner erwiderte diesen Kuss. Und dabei schlang er seine Arme um sie, dass ich von meinem stillen Beobachtungsposten aus schon Angst bekam, er könnte sie erdrücken. Der Kuss nahm kein Ende, und ich wollte auch nicht, dass er jemals aufhörte. Ich merkte es in dem Moment nicht, aber mir liefen die Tränen der Rührung über die Wangen, als ich die beiden Liebenden sah, die endlich wiedervereint waren. Und als ob Jay in diesem Moment gleich empfand, spürte ich plötzlich, wie er meine Hand ergriff und sie feste, feste drückte.
Irgendwann gab Turner Camila wieder frei, sah liebevoll lächelnd auf sie hinab und sprach zu ihr. Ich konnte natürlich nicht hören, was er zu ihr sagte, aber ich wusste es tief in meinem Herzen, dass es ein Liebesschwur war und dass sie ihn erwiderte. Aber offenbar sagte sie noch mehr, denn ich beobachtete deutlich, wie Turners Gesichtsausdruck auf einmal überrascht wurde. Dann drehte er uns den Kopf zu und sah zu uns hinab.
Ich vermute heute, dass er uns erst in diesem Moment wirklich wahrgenommen hatte. Wahrscheinlich waren wir ihm zuvor zu unwichtig, zu klein vorgekommen und hatte uns darum keine Beachtung geschenkt. Doch Camila schien das mit ihren Worten geändert zu haben, denn Turners Blick wurde forschend, und mit seiner großen Liebe im Arm trat er dicht an die Reling heran und musterte uns weiter. Dann zeichnete sich auf seinem schönen Gesicht die gleiche Verblüffung ab, wie sie eben wohl noch auf Jays und meinem gestanden hatte, und ich fand das irgendwie tröstlich, dass auch Unsterbliche nicht vor so einem Schock gefeit waren. Er sagte etwas, das wohl nur Camila galt, und sie antwortete ihm und nickte. Dann lächelte sie uns an, und auch Turner lächelte nun. Ich erwiderte dieses Lächeln von Herzen, und auch Jay, wohl langsam an den Gedanken gewöhnt, nun ebenfalls einen Ururururundsoweiter-Ahn gefunden zu haben, lächelte die beiden an, dann legte er, wie um die Besitzverhältnisse zu klären, demonstrativ seinen Arm um mich, zog mich zu sich heran und küsste mich ebenfalls.
Überrascht über diese unerwartete Geste flogen meine Augenbrauen in die Höhe, aber schon einen Wimpernschlag später erwiderte ich seinen Kuss mit all den Gefühlen, die ich für ihn hegte.
Als er mich wieder freigab, klopfte mein Herz zum Zerspringen, und meine Wangen glühten vor Liebe und angefachter Leidenschaft. Mit funkelndem Blick sah ich ihn an – bis er wieder zur ‚Dutchman‘ sah, zu unseren beiden Vorfahren hinüber grinste und mich damit daran erinnerte, dass wir Zuschauer hatten und nicht allein auf hoher See waren. Mit einem Anflug von Verlegenheit sah ich ebenfalls zu den beiden hinüber und biss mir schmunzelnd auf die Lippen, als ich bemerkte, wie Turner breit lachte. Dann nickte er anerkennend zu Jay hinüber, und Camila warf meinem Piraten lächelnd einen kleinen Luftkuss zu. Doch daraufhin wandten sich beide wieder einander zu, und als ob ihnen in diesem Augenblick alles um sie herum mit einem Schlag egal würde, schmiegte Camila sich wieder in Turners Arme, und Turner - die Frau, die er so sehr liebte und die ihm eine grausam lange Zeit entrissen worden war, fest umschlungen – vergrub seinen Kopf in ihrem Haar und regte sich nicht mehr.
Und dann verschwand das ganze Schiff mit einem leuchtend grünen Blitz und ließ uns allein auf dem weiten Ozean zurück.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:44 
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Irrlicht
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Wir waren inzwischen wieder nach Provincetown zurückgekehrt und hatten die ‚Mermaid‘ erneut am Steg festgemacht. Mit unseren Herzen aber waren wir noch auf dem Meer.
„Ich hätte niemals gedacht, dass sowas möglich ist.“
Ungläubig den Kopf schüttelnd sah Jay in Richtung Hafenausfahrt und sprach damit aus, was ich auch dachte.

Für den Rückweg nach Cape Cod hatten wir, so seltsam sich das auch anhören mag, nicht viel länger gebraucht als für den Hinweg zu der Stelle, an der wir unserer Vergangenheit begegnen sollten. Als ob alle Elemente uns auf einmal wohlgesonnen gewesen wären, waren die Wolken plötzlich aufgebrochen und die Sonne hervorgekommen und hatte uns in ein für diese Jahreszeit unnatürlich warmes Licht getaucht. Im gleichen Moment hatte der Wind gedreht und daraufhin kräftig aus Osten geweht – eigentlich ein Unding, wie Jay, der vom Wetter Ahnung hatte, festgestellt hatte, aber wir hatten es akzeptiert, wie wir alle anderen Seltsamheiten ebenfalls akzeptiert hatten, die uns auf dieser Fahrt begegnet waren.
Und jetzt saßen wir nebeneinander auf dem Deckaufbau der ‚Mermaid‘, dem Steg den Rücken zugekehrt und versuchten zu begreifen, was wirklich geschehen war. Was nicht leicht war, obwohl wir beide es mit unseren eigenen Augen gesehen hatten und Finleys Tagebuch uns die einfachste aller Erklärungen lieferte. Aber es war eben doch schwer, Jahre der Rationalität und Logik abzustreifen und in einer Welt der Wissenschaft und Technik Platz für Wunder zu machen.
„Ich auch nicht“, pflichtete ich Jay bei und folgte unwillkürlich seinem Blick. „Allein schon dass Camila wirklich aufgetaucht ist, nachdem du die Kette ins Wasser geworfen hast, ist unglaublich gewesen. Und dass sie genauso ausgesehen hat wie ich … aber dann das Auftauchen der ‚Dutchman‘. Und dann Will Turner … kann das denn wirklich sein? Ich meine, dass er ebenfalls dein Gesicht hatte. Das erscheint mir alles so … inszeniert. Als ob jemand ein Theaterstück geschrieben hätte mit uns als die Hauptdarsteller.“
„Ich weiß, was du meinst. Camilas Anblick hat mich ja schon umgehauen. Ich meine, es ist bloß eine Kette gewesen. Eine ziemlich billig wirkende. Ich hab das alles eigentlich nur für dich getan. Weil ich gewusst hab, dass es dir viel bedeutet. Ich hab gedacht, wenn das Ding erst mal untergegangen ist, dann geht es dir besser. Dann denkst du, dass deine Urahnin erlöst ist oder sowas in der Art und fühlst dich von dieser Last befreit. Von der emotionalen Verpflichtung, die Finleys Tagebuch und die Verwandtschaft zu Camila in dir hervorgerufen haben. Und dann taucht sie wirklich auf. Sieht so aus wie du. Verwandelt sich in eine Nixe. Und schwimmt auf ein Geisterschiff zu, das auf einmal mir nichts, dir nichts aus dem Wasser geschossen kommt …“
Jay zog sich die Mütze vom Kopf und fuhr sich mit einer Hand etwas überfordert wirkend durch sein dichtes Haar. Auch ich hatte mir es inzwischen etwas luftiger gemacht, indem ich den Parka abgelegt hatte. Es herrschten Temperaturen wie im Frühsommer, und das Ende November. Ich war mir sicher, dass die Medien sich morgen im Versuch, das Phänomen zu erklären, überschlagen würden.
„… und dann sieht der Kerl, der da oben an der Reling steht, verdammt noch mal so aus wie ich!“
Jays Stimme hatte etwas Anklagendes bekommen, aber ich wusste, dass er sich nicht ärgerte. Tief in seinem Inneren freute er sich darüber, seiner Vergangenheit begegnet zu sein. Und irgendwie war ich mir sicher, dass er stolzer darauf war, ein Nachfahre des berühmten William Turner zu sein als ‚Black Sam‘ Bellamy in seiner Ahnenreihe aufweisen zu können.
Ich drückte Jays Hand, um ihn zu beruhigen und erntete einen teils verzweifelt, teils überglücklich wirkenden Blick – so viel zum Thema ‚Aber irgendwann begann mir der ganze Piratenkram auf den Wecker zu gehen.‘!
„Aber wie kann das sein?“, versuchte er weiter einen Dreh an die Sache zu bekommen. „Mal abgesehen von der unglaublichen Ähnlichkeit … - Ich bin kein Turner, ich bin ein Bellamy! Und ‚Black Sam‘ ist bereits 1717 gestorben. Wie kann da auch Turner zu meinen Ahnen gehören?“
Das war eine berechtigte Frage. Ich dachte darüber nach und kam nur zu einem Schluss.
„Wann genau Turner geboren wurde, weiß niemand, aber dass er im 18. Jahrhundert gelebt hat, genau wie Sparrow, das ist bekannt. Was, wenn Bellamy eine Tochter gehabt hat und diese Turners Mutter gewesen ist? Erinnere dich, wir haben nie einen Hinweis auf Wills Mutter gefunden. Es war immer nur von seinem Vater die Rede, von Stiefelriemen Bill. Es könnte doch sein, dass seine Mutter Bellamys Tochter gewesen war. Dann würdest du in der Tat von Turner abstammen.“
Jay runzelte die Stirn.
„Ich stamme von Peter Bellamy ab, ‚Black Sams‘ einzigem Sohn. Er hatte keine Tochter.“
Jetzt war es an mir, die Stirn kraus zu ziehen.
„Hey, reden wir von einem Piraten oder von einem Piraten? Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass ‚Black Sam‘ in seinem ganzen wilden Leben nur ein Kind in die Welt gesetzt hat! Hat er nicht auch eine Geliebte gehabt? Diese Maria Hallett aus Wellfleet? Und ich möchte wetten, dass er in zahlreichen anderen Häfen noch einen Haufen weiterer Weiber gehabt hat! Da ist sicher mehr als nur ein Kind bei herausgekommen!“
In Jays Mundwinkeln zuckte es.
„Na ja, so gesehen … aber offiziell hatte er nur ein Kind – Peter. Und der steht in meiner Ahnentafel.“
Ich schnaubte.
„Mag ja sein, dass er das tut. Macht sich ja auch immer besser, einen rechtmäßigen Ahnen in seinem Stammbaum zu haben als einen Bastard, oder? Aber ich weiß, was ich gesehen habe. Will Turner und du, ihr seht euch genauso ähnlich wie Nat und du. Das ist kein Zufall, Jay. Ich glaube nicht an Zufälle. Seit heute nicht mehr!“
Jay wiegte seinen Kopf unschlüssig hin und her, schließlich gab er zu: „Mag vielleicht komisch klingen, was ich jetzt sage, aber die ganze Sache ist sowieso komisch, da fällt es wohl nicht mehr so ins Gewicht – ich fühle irgendwie, dass es stimmt, was du sagst.“ Forschend sah er mich dabei an. So, als wollte er sich erst sicher gehen, ob ich vor einem Lachanfall stand oder nicht, ehe er weiter sprach. „Ich hab da draußen den Eindruck gehabt, als hätte ich ohne Worte mit ihm gesprochen. Er wusste, was in mir vorging und was ich dachte. Und ich wusste es bei ihm genauso.“
„Das ist nicht komisch, Jay. Ich hab das Gleiche empfunden. Ich wollte, dass Camila weiß, dass sie ihr Kind damals eben doch nicht tot geboren hatte und dass ich von ihr abstamme. Und ich bin mir sicher, sie hat das verstanden. Auch ohne Worte.“
Jay atmete tief durch und sah wieder zum offenen Meer hinaus.
„Sie waren ganz schön lange getrennt. Wenn wir Finleys Einträgen glauben können, fast zweihundert Jahre. Wie haben sie das nur ausgehalten?“
Ich legte meinen Kopf an Jays Schulter und versuchte mir eine so lange Zeitspanne ohne ihn vorzustellen. Eine Ewigkeit, angefüllt mit Sehnsucht, Bitterkeit und Verzweiflung. Allein der Versuch tat schon weh, aber das konnte nur eine Ahnung des Schmerzes sein, der in Wills und Camilas Brust getobt haben musste.
„Mit Liebe, Jay“, murmelte ich leise und schluckte an dem Kloß, der sich in meiner Kehle gebildet hatte. „Mit übergroßer Liebe.“
Jay legte seinen Arm um mich und zog mich eng an sich. Ich spürte seine Lippen an meiner Stirn und legte den Kopf mit geschlossenen Augen in den Nacken. Daraufhin fühlte ich seine Lippen an meinem Mund, und dann küssten wir uns lange und zärtlich.
„Weißt du, was ich denke?“, sprach ich daraufhin leise zu ihm und sah ihn dabei liebevoll an. „Ich denke, dass es Fügung gewesen ist, dass ich dich getroffen habe. Die Tatsache, dass Will dein Urahn ist und Camila meine Urahnin und dass beide so aussehen wie wir … du bist mein Schicksal, Jay. Du bist mir bestimmt und ich dir.“ – Ich stockte, da mir erst jetzt einfiel, dass Jay meine Bemerkung als besitzergreifend empfinden könnte. Immerhin war Susan seine große Liebe gewesen, und er litt noch unter ihrem Verlust. Doch Jays Reaktion machte meine Bedenken zunichte. Er lächelte mich zärtlich an und küsste mich auf meine Nasenspitze. Und dann murmelte er leise: „Ich hab es von Anfang an gewusst, dass du ein schlaues Mädchen bist, mein Herzchen. Und du hast Recht. Du bist mein Schicksal und ich bin deines. Wir gehören zusammen … es hat eben nur eine Zeitlang gedauert, bis du mich gefunden hast.“
„Aber ich hab dich gefunden, mi pirat. Und ich würde dich immer wieder finden. Überall! Egal, wo. Egal, wann.“
„Ich liebe dich, Corazón“, flüsterte Jay kaum hörbar an meinem Ohr. „Mit meinem ganzen Herzen und meiner ganzen Seele. Und auch ich würde dich überall finden. Egal, wo. Egal, wann.“
Der Kloß in meinem Hals wurde größer, und in meinen halb geöffneten Augen begann es zu brennen. Ich war nicht fähig, etwas zu erwidern, aber Jay erwartete es auch nicht. Er küsste mich noch einmal und ließ mich so schnell nicht mehr gehen.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:45 
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Ich ging nicht nach Sevilla zurück, sondern ließ meinen Flug verfallen. In der Minute, in der meine Maschine vom Rollfeld des Bostoner Flughafens in Richtung Spanien abhob, lag ich in der Achterkajüte der ‚Mermaid‘ in Jays Armen und bekam einen Heiratsantrag gemacht.
Das alles ist jetzt gut ein Jahr her, und vor drei Monaten kamen unsere Kinder zur Welt - William und Camila.
Nat wurde ihr Pate.

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