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 Betreff des Beitrags: Epilog
Verfasst: So 26. Aug 2007, 01:48 
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Irrlicht
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Der Regen schlug schwer gegen die Windschutzscheibe des kleinen Toyota Starlet, so dass die Scheibenwischer ordentlich zu arbeiten hatten. Ich hatte mir nicht die beste Jahreszeit für meine Reise ausgesucht, darüber war ich mir durchaus im Klaren. Der Herbst machte das Wetter an der Atlantikküste inzwischen unberechenbar und man musste auf alle Eventualitäten gefasst sein – Sonnenschein wie Sturm und Regen. Ich hatte das in Betracht gezogen, als ich vor ein paar Tagen meinen Koffer gepackt hatte. Genauer gesagt hatte ich mich mit mehreren entsprechenden Hinweisen, die ich an allen möglichen, halbwegs sinnvollen Stellen meiner Wohnung platziert hatte, daran erinnert – mit Post-its auf der Spiegelablage im Badezimmer, mit Post-its an der Kleiderschrankinnentür .. sogar im Schuhschrank hatte ich einen solchen Klebezettel angebracht, damit ich, sobald es ans Kofferpacken ging, auch ja nach den festen Schuhen griff und nicht, wie ich es in meiner warmen Heimatstadt Sevilla auch zu dieser Jahreszeit noch oft tat, nach Espadrilles, Sandalen oder Pumps. Letztere waren für das Ziel meiner Reise ohnehin nicht geeignet: Provincetown, ein kleines Kaff an der Spitze der Halbinsel Cape Cod, Massachusetts gelegen, mit etwas mehr als 3.000 Einwohnern, einem Rundum-Strand – so gut wie, zumindest – ein paar Geschäften, einem Museum und einem Leuchtturm. Das war’s dann aber auch schon. Nicht anzunehmen, dass ich dort elegante Garderobe benötigen würde. Ich würde im Gegenteil wohl auffallen wie ein Papagei in einem Pulk von Spatzen, würde ich mich dort so kleiden, wie ich es in Sevilla tat, wenn ich bloß einkaufen ging! Die festen Boots hingegen würden mir wohl gute Dienste leisten, die Jeans, die ich eingepackt hatte, genauso so wie die dicken Pullover, die meinen an die Wärme der südlichen Sonne gewöhnten Körper hoffentlich vor der schlimmsten Kälte schützen würden.

Gute vier Stunden nach meiner Landung in Boston traf ich in Provincetown ein.
Hauptstadt ..! - Ehrlich, Provincetown war nicht eben das, was man überhaupt als Stadt bezeichnen wollte, wenn man aus Sevilla kam. Aber da der Rest dieser Halbinsel noch weitaus öder war, ließ ich die Bezeichnung durchgehen.
Ich drosselte mein Tempo, das aufgrund des Wetters ohnehin nicht sonderlich hoch gewesen war und hielt Ausschau nach einem Motel oder einem Gasthaus, in dem ich meinen Koffer abstellen und mir selbst eine Art Basislager einrichten konnte. Von diesem aus würde ich mein Unternehmen dann angehen – in kleinen, wohldosierten Schritten.
Ich musste nicht großartig suchen. Bewusst hatte ich mich längs der Küste gehalten – bei einer Stadt, die am nördlichen Zipfel eines Kaps lag und von Wasser umgeben war, nicht unbedingt schwer – und so dauerte es nicht lange, bis etwas in Sicht kam, das mir für meine Zwecke angemessen erschien: das ‚Sailor’s Rest’, offenbar eine Art von Hotel, denn genau dieses Wort hatte man dem Namen als Zusatz beigefügt. Ich war allerdings skeptisch, ob es in diesem recht niedrigen Gebäude überhaupt Platz für Zimmer gab. Eigentlich sah es sehr viel mehr nach einer großen Kneipe aus. Aber nun gut, ich war Ausländerin und hatte nicht das Recht, die Dinge nur nach dem Augenschein zu beurteilen. Was wusste ich schon von amerikanischen Hotels?
Ich parkte meinen Toyota direkt vor dem unspektakulären Gebäude und kam mir fast vor wie ein Cowboy, der seinen Gaul vor einem Saloon anleinte. Es regnete immer noch, weshalb ich erst einmal in meinen regendichten Trekking-Parka schlüpfte und mir die Kapuze über meinen Pferdeschwanz stülpte, ehe ich meinen Leihwagen verließ. Und dann eilte ich im Laufschritt auf den Eingang des Hotels zu, der nicht gerade den Eindruck erweckte, als ob der Laden überhaupt offen wäre. Ich betete allerdings darum, dass dem doch so war, denn ich hatte keine Lust, in diesem gottverlassenen Kaff noch nach einer anderen Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Es war fraglich, dass es noch eine zweite gab, außerdem erhoffte ich mir vom Hotelier – oder wie auch immer man den Betreiber dieses Etablissements nennen wollte – ein paar Angaben, die mir bei meiner Suche vielleicht hilfreich sein würden.
Meine Sorge stellte sich jedoch als unbegründet heraus, denn die verwitterte Holztür öffnete sich schon auf einen kurzen Zug meiner resolut zupackenden Hand hin. Ich trat ein und fand genau das vor, was ich erwartet hatte ... eine einfach eingerichtete, nur mäßig beleuchtete Kneipe nämlich, in der es außer einer langen Theke, einem ebenso langen, mit hochprozentigen Sachen gefüllten Regal und ein paar Tischen und Stühlen nur noch einen Barkeeper und zwei über ihren Kaffeetassen hängende Gäste gab, die mich anstarrten, als hätte ich laut „Überfall!“ geschrien.
„Hi“, grüßte ich die kleine Runde betont locker und schob mir dabei meine tropfende Kapuze vom Kopf. Ich erhielt ein undefinierbares Murren zur Antwort, das mich gedanklich aufseufzen ließ. Und von diesen chicos hier erwartete ich ernsthaft eine hilfreiche Auskunft?
„Ich suche ein Zimmer für ein oder zwei Nächte“, fuhr ich, jetzt an den Barkeeper gewandt, fort. „Es könnten vielleicht auch ein paar mehr werden, aber das weiß ich jetzt noch nicht so genau. Haben Sie was frei?“
„Was frei?“, echote der beleibte Glatzkopf vor mir und beäugte mich dabei mit einer Mischung aus ländlichem Misstrauen und männlicher Neugier. „Lady, es ist November. Das ganze Hotel ist frei, Sie können sich aussuchen, wo Sie wohnen wollen!“
Zumindest das beruhigte mich, denn nach dem langen Flug nach Boston und der nicht gerade einfachen Fahrt vom Flughafen hierher war ich rechtschaffen müde und hatte wirklich keine Lust, noch langwierig auf Quartiersuche zu gehen.
Bueno“, rutschte es mir auf Spanisch heraus, was ich sofort korrigierte. „Gut! – Könnten Sie mir eines der Zimmer zeigen? Es muss nicht groß sein, aber es sollte eine Dusche mit funktionierendem Heißwasser haben.“
Der Barkeeper kam brummend hinter der Theke hervor, und ich meinte die unwirsche Frage zu verstehen, was ich denn glaubte, wo ich wäre. Im Bimboland?
Ich antwortete nicht, sondern folgte dem Glatzkopf durch eine Seitentür aus der Kneipe hinaus und eine Treppe hinauf. Ohne Koffer noch, denn erst wollte ich mir ansehen, in was er mich unterzubringen gedachte. Gute zehn Minuten später jedoch hievte ich dann auch mein Gepäck die Stufen hinauf. Es war klein und sauber, das Zimmer, es hatte in der Tat eine funktionierende warme Dusche, und darüber hinaus war es gut geheizt – etwas, mit dem ich in diesem kalten, nassen Land nicht gerechnet hatte und für das ich darum umso dankbarer war.
Ich packte aus und richtete mich ein, dann nahm ich eine lange Auszeit unter dem prasselnden, heißen Duschstrahl, und als ich mich schließlich, in eine neue Jeans und einen dicken, beigen Strickpulli geworfen, wieder unten in der Kneipe blicken ließ, fühlte ich mich fast wie ein neuer Mensch und zu allen möglichen Schandtaten bereit.
„Sagen Sie, kennen Sie Barry Clifford?“, wandte ich mich mit einem Schuss ins Blaue an den Barkeeper, nachdem ich mich an den Tresen gesetzt und eine Tasse Kaffee bestellt hatte.
„Barry Clifford? Den Unterwasser-Buddler?“
Ich nahm an, dass man einen submarinen Archäologen so nennen konnte, darum nickte ich.
„Klar kenn ich den, Lady. Den kennt hier jeder. Hat doch die Whydah geborgen, Mam. Capt’n Bellamys Schiff. Ist ’ne Legende, der Junge. Bellamy mein ich jetzt. ’N ausgemachter Piratenschurke. Ist mit seinem Flaggschiff, der Whydah, innem Sturm abgesoffen. Direkt vorm Marconi Beach – nachdem er fünfzig Schiffe geplündert hatte. Fünfzig!
Ich nickte pflichtschuldigst und lächelte beeindruckt, obwohl es mir ziemlich egal war, was dieser Bellamy getan hatte und was ihm widerfahren sein sollte. Wieder ein „berühmter“ Pirat, von dem noch nie ein Schwein gehört hatte – außer denen natürlich, die aus seiner Heimatstadt kamen oder in dem Kaff lebten, wo die sogenannte Freibeuterlegende ihr Leben ausgehaucht hatte. Es interessierte mich nicht die Bohne, ich wollte wissen, wo ich Clifford treffen konnte.
„Ah ja. Interessant ..“, log ich und rang mir ein weiteres falsches Lächeln ab, während ich sinnlos in meinem Kaffee herumrührte. „Um noch mal auf Clifford zurückzukommen – könnten Sie mir vielleicht seine Adresse nennen? Es ist wichtig, wissen Sie!?“
„Clifford?“, wiederholte der Dicke brummend und vermittelte mir mit seinem intelligenten Mienenspiel den Eindruck, als hätte er inzwischen schon wieder völlig vergessen, von dem die Rede war. „Nee, Lady. Sorry, aber der wohnt nich mehr hier! Hat mal ’ne Zeitlang, yo – weiter unten, die Straße runter. Aber das ist schon ’ne Weile her.“
Ich musste wohl ein enttäuschtes Gesicht gezogen haben, denn prompt schob er mitfühlend hinterher: „Worum geht’s denn? Vielleicht kann Ihnen sonst jemand helfen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, wohl eher nicht. Es ..“, ich atmete tief durch und kam mir bei meinen nächsten Worten ziemlich blöd vor, „ .. es geht schon um Piraterie … um einen bestimmten Piraten, meine ich. Aber nicht um Bellamy.“
„Nicht? Um wen denn dann?“
Ich rührte immer noch in meinem Kaffee herum und sah jetzt auch hinein, und dabei spürte ich, wie meine Wangen immer wärmer wurden. „Ach, das ist doch egal“, antwortete ich ausweichend. „Ich meine, wenn Clifford sowieso nicht mehr hier ist …“
Schöner Mist! Da hatte ich mir völlig umsonst eine Woche Urlaub genommen, war völlig umsonst hierher geflogen und hielt mich auch völlig umsonst hier am Ende der Welt auf. Im Regen. Bei höchstens zehn Grad Celsius!
„Nun kommen Sie, Lady“, der Ton des bulligen Barkeepers war weicher geworden – offenbar lag mal wieder mein gesamtes Seelenleben für jeden deutlich sichtbar auf meinen Zügen. Ganz große Klasse!
„Auch wenn’s nich Bellamy is, um den’s geht und Clifford auch nich mehr hier lebt .. aber wenn Sie Nachforschungen über Piraten anstellen, sind Sie hier trotzdem an der richtigen Adresse. Fahren Sie nach Highland Light raus und klopfen Sie am Haus neben dem Leuchtturm an die Tür. Der Kerl, der Ihnen aufmachen wird, ist ein Nachfahre vom alten Bellamy .. heißt auch selbst so, der Junge. Der wird Ihnen alles sagen können, was Sie wissen wollen. Hat selbst Piratenblut in den Adern. Gibt wohl nicht viel, was er nich weiß – ich meine, wenn’s um Piraten geht.“
Das war dann doch ein kleiner Lichtblick in meinen düsteren Gedanken. Der sogenannte Silberstreif am Horizont.
„Bellamy, sagen Sie?“ Ich erntete ein bestätigendes Nicken. „Am Highland Light Leuchtturm?“
Wieder ein Nicken.
Ich lächelte und schob dem Kerl großzügig fünf Dollar über den Tresen.
„Danke, Senor. Ich glaube, damit kann ich etwas anfangen.“
Mit zurückgekehrter Energie verließ ich den Schankraum und eilte noch einmal die Treppe zu meinem Zimmer hinauf. Ich hatte noch etwas zu holen, ehe ich mich nach Highland Light aufmachen würde. Etwas, das mich, wenn ich Bellamy meine Geschichte erzählen würde, nicht ganz so dämlich aussehen lassen würde. Hoffte ich zumindest.

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Die Fahrt nach Highland Light würde nicht lange dauern, wie mir meine Karte versicherte, denn das Örtchen lag offenbar nur ein paar Meilen vor Provincetown an der Ostküste der Halbinsel. Ich hatte es bereits auf meiner Hinfahrt passiert, da allerdings noch unwissend, dass ich es bald direkt ansteuern würde.
Der Regen hatte aufgehört, die Wolken hingen jedoch noch so tief und dräuend am Himmel, dass ich ganz automatisch das Licht meines Toyotas angeschaltet hatte, obwohl es noch nicht Abend war. Die Karte auf meinen Knien, steuerte ich den kleinen Leihwagen wieder die Route 6 zurück und bog an der einzig möglichen Stelle nach links ab, die sich mir hier auftun wollte. Ein kleines Hinweisschild mit einem verwitterten Leuchtturm darauf, das in die gleiche Richtung zeigte, bestärkte mich in der Hoffnung, auf dem richtigen Weg zu sein. Einen Ortsnamen hatte man nicht hinzugefügt. Aber ich hatte bereits auf meiner Hinfahrt nach Provincetown festgestellt, dass solche Gepflogenheiten wie genaue Ausschilderungen auf diesem Flecken Land ohnehin nicht unbedingt an der Tagesordnung waren. Sobald ich die Hauptstraße verlassen hatte, wurde die Gegend noch einsamer, als sie es zuvor schon gewesen war. Doch bewahrheitete sich meine Befürchtung nicht, ich müsste jetzt vielleicht auf holprigen, von Schlaglöchern übersäten Feldwegen zur Küste rumpeln, denn auch diese kleine Straße war ordentlich geteert. Man merkte eben, dass Cape Cod ein Touristengebiet war, in dem es im Sommer von Urlaubern wahrscheinlich nur so wimmelte. Wahrscheinlich war es dann auch hier mit der idyllischen Ruhe vorbei.

Der Leuchtturm kam schließlich in Sicht und damit das vorläufige Ende meiner Fahrt. Ich faltete die Karte mit einer Hand zusammen und legte sie auf den Beifahrersitz, dann stellte ich endlich die Countrymusik ab, die meine Nerven inzwischen lange genug einem Belastungstest unterzogen hatte und hielt auf dem Parkplatz vor dem hohen, verhältnismäßig schlank wirkenden, weißen Gebäude, an das linker Hand ein recht großes, verwittertes Holzhaus angrenzte, während sich rechts davon – in einiger Entfernung zum Leuchtturm – mehrere weiße Steingebäude mit roten Ziegeldächern gegen das dunkle Grau des Himmels abhoben. Mein Blick schweifte forschend zwischen dem Holzhaus und den weißen Häuschen hin und her, und ich fragte mich, in welchem wohl dieser Bellamy wohnen mochte. Mein Blick blieb auf dem Holzhaus hängen, das mir weniger präsentabel und dafür etwas bewohnter aussah als die frisch gestrichenen, abseitigen Gebäude, die auf mich eher den Eindruck eines Visitor Centers machten. Ich stieg aus und ging auf das Holzhaus zu, und während ich das tat, zog ich mir den Reißverschluss meines Parkas bis unter mein Kinn in die Höhe, denn der Wind blies hier ordentlich, und ich vermisste jetzt schon die gut funktionierende Heizung meines kleinen Japaners. Die Tür, vor der ich nach wenigen Schritten zum Stehen kam, wies keine Klingel auf, also klopfte ich an. Zweimal kurz, dann wartete ich. Es geschah nichts, weshalb ich noch zweimal gegen die Holztür klopfte, diesmal aber energischer. Mit dem gleichen Resultat.
Ich seufzte auf. Sollte ich den Weg umsonst gemacht haben? Sollte ich vielleicht wirklich die gesamte Reise umsonst gemacht haben? Kein Clifford auf Cape Cod, jetzt auch kein Bellamy hier am Highland Light .. sollte ich nach Provincetown zurückfahren und es morgen noch einmal versuchen? Wahrscheinlich war das nicht die schlechteste Idee, denn ich hatte langsam einfach keine Lust mehr, und mein Magen knurrte auch schon seit einer ganzen Weile. Vielleicht sollte ich in meinem ‚Hotel’ einen Happen essen, mich dann ins Bett legen und noch ein wenig in meinem Kleinod blättern – nicht, dass ich es nicht bereits in- und auswendig kannte.
Ich betrachtete das Gebäude kritisch, in dem sich überhaupt nichts regte und fand den Gedanken an ein Bett und ein paar Stunden Schmökern wirklich verlockend, zumal der Wind hier draußen ordentlich an mir rüttelte und mir einen Fröstelschauer nach dem anderen durch den Leib jagte. Aber etwas hielt mich trotzdem davon ab, umzudrehen und nach Provincetown zurückzufahren. Vielleicht meine angeborene Hartnäckigkeit, vielleicht aber auch die Aussicht, dass ich morgen noch einmal hier herausfahren müsste, sollte ich jetzt einfach unverrichteter Dinge abziehen und das nichts war, was mir den nächsten Tag attraktiv machte. Ich beschloss, es noch einmal zu versuchen und klopfte jetzt so laut an, dass es mit Sicherheit noch bis zum Dachboden zu hören war. Und prompt bekam ich eine Antwort - ein dumpfes Bellen.
Aha! Also doch jemand da – zumindest der Hund des Hauses. Ob das nun auch darauf schließen ließ, dass das Herrchen ebenfalls daheim war, wusste ich nicht. Aber ich war fest entschlossen, es herauszufinden, und darum rief ich jetzt so laut, dass das Heulen des Windes nichts dagegen war: „HOLA??? SENOR BELLAMY???“
Die Reaktion auf mein Geschrei folgte auf den Fuß. Leider aber nicht so, wie ich mir das erhofft hatte, denn plötzlich kam ein großer, schwarzer Hund um die Hausecke geschossen und galoppierte knurrend auf mich zu. Ich riss entsetzt die Augen auf und drückte mich mit dem Rücken so fest gegen die Haustür, als hätte ich vor, durch das Holz hindurch zu diffundieren, um mich auf diese Weise in Sicherheit bringen.
„RUFUS!“
Eine scharfe Männerstimme brachte das Riesenvieh kurz vor mir zum Stehen, doch war ich von Erleichterung noch meilenweit entfernt, denn das Funkeln in den schwarzen Augen dieses Tieres sah doch ziemlich angriffslustig aus, und das Blecken der weißen, langen Zähne war ganz bestimmt auch kein Lächeln. Ich rührte mich nicht, sondern starrte mit schmerzhaft schlagendem Herzen auf den Höllenhund herab, und darüber übersah ich vollkommen, dass sein Herrchen ebenfalls auf der Bildfläche erschienen war. Erst, als dessen Stimme ein zweites Mal an mein Ohr drang, nahm ich meinen alarmierten Blick von dem Hund und sah den Mann unsicher an.
„Beißt er?“
„Solange Sie sich nicht rühren und keine Rechnungen unter meiner Haustür durchschieben, tut er Ihnen nichts.“
Ich hätte über die Bemerkung geschmunzelt, wenn sie nicht so todernst über die Lippen des Fremden gekommen wäre. Offenbar hatte er nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen und damit die Lage zu entspannen. Er pfiff nicht einmal seinen Hund zurück, wie mir langsam klar wurde, und ich begann mich plötzlich zu fragen, ob es eine gute Idee gewesen war, alleine hier herauszufahren. Was, wenn der Kerl meine Hilflosigkeit ausnutzen und auf dumme Gedanken kommen würde? Ein paar Thriller, die ich mal irgendwann gesehen hatte, kamen mir wieder in den Sinn, und zu meinem heftig schlagenden Herzen gesellte sich ein dumpfes Gefühl in der Magengegend hinzu.
„Ich habe keine Rechnungen dabei“, antwortete ich nach einem kleinen Räuspern, das meiner Stimme Festigkeit verleihen sollte. „Aber ich habe ein paar Fragen an Sie – Sie sind doch Señor Bellamy, oder?“
„Was für Fragen?“
Ich äugte zu dem vor mir sitzenden und immer noch zähnefletschenden Hund hinab, dann wieder zu dem Mann, der es vorgezogen hatte, meine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, anstatt mir seinen Namen zu sagen, und ich wäre in diesem Moment wirklich gerne sauer geworden, wenn ich es denn gekonnt hätte.
Was war das für ein Benehmen? Sprang er mit jedem Fremden so um? Was machte er im Sommer, wenn die Touristen hier in Scharen einfielen? Verbarrikadierte er sich dann mit seinem Gewehr in seinem Haus und veranstaltete Schießübungen?
Wie gesagt, ich wäre wirklich gerne sauer geworden, doch der Anblick des drohenden Hundes, den ich inzwischen, wo der erste Schreck vorüber war und nur noch das unangenehme Gefühl des Bedrohtwerdens in mir präsent war, in die Kategorie Riesenschnauzer einordnete, hielt mich von unbedachten Reaktionen ab. Und so antwortete ich dem unfreundlichen typo, den ich, wenn man nach seinem mit Farbklecksern übersäten Blaumann ging, von irgendeiner Anstreicherarbeit hinter dem Haus weggeholt hatte: „Na ja, es geht um Piraten. Und um Geschichten, die sich um sie ranken. Man hat mir in Provincetown gesagt, Sie wären ein Experte in solchen Dingen.“
Die Augen meines unglaublich freundlichen Gegenübers verengten sich, als er mich noch schärfer musterte. ’Dios mio’, fuhr es mir gereizt durch den Kopf, ’als hätte ich ihm die Luft aus den Reifen gelassen oder Farbbeutel an seine Haustür geworfen!’
Bellamy – sofern es denn überhaupt Bellamy war, mit dem ich sprach – war jünger als ich erwartet hatte. Er war auch hübscher als ich erwartet hatte, allerdings wog das nicht die Minuspunkte auf, die er bei diesem Verhör hier gerade sammelte. Es war ganz offensichtlich, dass er keine Fremden mochte – etwas, das wohl auch für seinen Hund galt – und noch viel offensichtlicher war, dass ich mir mit meiner letzten Antwort kein Daseinsrecht vor seiner Haustür erworben hatte. Die Antwort, mit der er mich bedachte, bestätigte diese Vermutung dann auch prompt.
„Wenn Sie etwas über Piraten wissen wollen, kaufen Sie sich ein Buch, Lady. Vorausgesetzt, Sie können überhaupt lesen. Und wenn Sie etwas über Captain ‚Black Sam‘ Bellamy wissen wollen, dann statten Sie dem Whydah-Museum in Provincetown einen Besuch ab. Oder fragen Sie in der Stadt nach Nat, meinem Bruder. Ich bin mir sicher, dass er Ihnen gerne all Ihre Fragen beantworten und Ihnen darüber hinaus noch alles nur Erdenkliche zeigen wird. Wird ihm ganz sicher das pure Vergnügen sein, wie ich ihn kenne …“
Die letzte Empfehlung hätte man als durchaus freundlich bezeichnen können, wäre sie nicht in diesem völlig kalten, verächtlichen Ton ausgesprochen worden. Und die erste, die mit dem Lesen, die war sogar eine glatte Beleidigung. Es brodelte in mir, und dieser Mistkerl, der mich hier behandelte wie eine dumme Latina-Angestellte, die sich mit Kloputzen ihr Geld verdienen musste, konnte froh sein, dass sein dämlicher Köter zwischen uns saß, sonst wäre ich ihm in diesem Moment ins Gesicht gesprungen!
„Vielen Dank für diese überaus nette Auskunft!“, erwiderte ich durch zusammengebissene Zähne und funkelte Bellamy wütend an. „Und wenn Sie jetzt noch Ihren Schoßhund zurückpfeifen könnten, damit ich dumme chica mir meinen Weg zurück in die Stadt erfragen kann, da ich ja nicht im Stande bin, die Hinweisschilder zu lesen, wäre ich Ihnen sehr verbunden!“
Bellamy sah mich einen Moment lang undefinierbar an, ich funkelte weiterhin zurück. Eine unangenehme Stille machte sich zwischen uns breit. Schließlich pfiff der Kerl leise durch die Zähne, und der Höllenhund trollte sich zurück an seine Seite – der Weg war frei, und das wurde auch langsam Zeit!
Ich löste mich von meinem Fleck und marschierte mit arrogant in die Höhe gerecktem Kinn an dem idiota vorbei, der die Freundlichkeit mit dem Schaumlöffel gefressen zu haben schien. Doch hatte ich mein Auto noch nicht erreicht, als ich mich noch einmal umdrehte und ihn und seinen Hund mit einem vernichtenden Blick maß.
„Und zu Ihrer Information, es ging nicht um ‚Black Keine Ahnung wie’ Bellamy, es ging auch nicht um SIE, sondern um ein altes Dokument, das sich schon seit Generationen im Besitz meiner Familie befindet und mich damit irgendwie in Verbindung mit den Piraten bringt. Nicht Sie. Sie interessieren mich nicht, Señor! Jetzt, wo ich Sie kennengelernt habe, noch viel weniger als zuvor. Aber die Geschichte meiner Familie, die interessiert mich. Comprende? – Ich bin keine nervtötende tourista, die sich von ein paar schaurigen Piratenerzählungen einen Nervenkitzel verspricht. Ich betreibe Ahnenforschung, wenn man so will. Und bedanke mich ganz außerordentlich für Ihre freundliche Hilfe.“
Damit wandte ich mich von Bellamy ab und ging die letzten Schritte zu meinem Toyota. Es hatte inzwischen wieder zu regnen begonnen, aber das nahm ich nur am Rande wahr, weil ich damit beschäftigt war, diesen arroganten Bastard in die tiefste Hölle hinabzuwünschen. Ruckartig zog ich die Wagentür auf, schwang mich ins Innere und schlug die Tür mit Wucht zu. Dann steckte ich fluchend den Schlüssel ins Zündschloss. Aber in dem Moment, wo ich ihn umdrehen wollte, verdunkelte sich die Scheibe neben mir plötzlich, und dann klopfte eine wettergegerbte Hand dagegen.
„Mam?“
Unwillig starrte ich durch das Seitenfenster auf Bellamys Bauch – das war alles, was ich gerade von ihm sehen konnte – und ich war sehr in der Versuchung, einfach Gas zu geben und abzufahren. Aber ich tat es dann doch nicht. Stattdessen ließ ich gereizt die Luft ab und kurbelte die Scheibe hinunter. Und fragte kurz angebunden in die Höhe. „Was noch?“
Bellamy stützte sich mit einer Hand an meinem Wagendach ab und beugte sich zu mir hinunter. Dabei musste ich sehr zu meinem Unmut feststellen, dass er nicht nur ausgesprochen gut aussah, sondern auch noch über ein Paar beeindruckend schöner Augen verfügte – dunkelbraun, von langen, dichten Wimpern umgeben – über denen sich ebenfalls beeindruckend schöne schmale, schwarze Brauen schwangen, die eleganter nicht hätten sein können. Augen und Brauen verliehen Bellamys Aussehen eine feminine Note, die hohen, aristokratisch anmutenden Wangenknochen und der hübsche, geschwungene Mund verstärkten diesen Eindruck noch, doch die Bartstoppeln, die seine Wangen und seinen Hals bedeckten, das kurze, vom Wind zerzauste dunkelbraune Haar und nicht zuletzt sein ruppiges Auftreten egalisierten das alles wieder. Es war nichts Feminines in seinem Verhalten. Auch nicht in seiner Stimme, in der ein Hauch von Heiserkeit mitschwang. Und seine Statur – groß, schlank und recht schmal um die Hüften, während seine Schulterbreite von körperlicher Arbeit zeugte – war ganz bestimmt die eines Mannes. Eines Mannes, der wusste, was er wollte. Seine Ruhe hauptsächlich, wie er mir eben noch deutlich klar gemacht hatte. Weshalb ich mich jetzt nicht wenig wunderte, dass er mir bis zum Wagen nachgegangen war.
„Es zieht ein Sturm auf, den Sie besser hier abwarten sollten.“
Hatte ich geglaubt, er hätte mich deshalb aufgehalten, weil er es sich doch noch einmal anders überlegt hatte? Weil er die Friedenspfeife mit mir rauchen wollte? Sich vielleicht sogar bei mir entschuldigen wollte? – Weit gefehlt! Offenbar wollte er nur vermeiden, dass die blöde tourista, die ich war, mit ihrer Karre von einer Windbö in den Straßengraben gepustet wurde und ihm danach mit einer Klage wegen unterlassener Warnung oder irgendeinem ähnlichen Quatsch kam. In den USA wurde ja gerne geklagt, wegen jedem Mist, und meist ging es dann direkt um Millionensummen. Er hatte wohl kein Geld, das hatte mir der Spruch mit den Rechnungen klar gemacht und versuchte sich jetzt abzusichern, damit er nicht noch wegen mir zur Kasse gebeten werden würde. Wahrscheinlich war es da das kleinere Übel, mich noch ein, zwei Stündchen ertragen zu müssen.
Vielen Dank für die Warnung, aber bis Provincetown ist es ja nicht weit. Ich werde mein Pferd wohl schon noch irgendwie in den Stall zurückbringen, ohne auf dem Hosenboden zu landen. Das bisschen Wind macht mir keine Angst.“
Damit wollte ich das Fenster wieder hochkurbeln. Aber Bellamy öffnete einfach die Wagentür und machte mein Vorhaben – nämlich so schnell so weit wie möglich von ihm wegzukommen – damit zunichte.
„Hören Sie, Mam … Sie haben keine Ahnung, wovon Sie da reden!“
Natürlich hatte ich die nicht. Erst konnte ich nicht lesen, jetzt wusste ich nicht, was ich sagte. Das wurde immer besser hier!
„Man hätte Sie in Provincetown warnen sollen – der Sturm war schon heute Morgen angekündigt worden. Darum bin ich gerade noch mal raus und hab mein Boot in den Schuppen gebracht. – Fahren Sie ihren Wagen dicht vor eines der Gebäude da vorne ...“, er wies mit seinem Kinn in Richtung Visitor Center – oder das, was ich für ein Visitor Center hielt – dann sah er mich wieder an. Recht eindringlich diesmal.
„Ich scherze nicht, Mam. Sie kennen die Gewalt der Stürme nicht, die um diese Jahreszeit hier über die Insel hinwegfegen. Stellen Sie Ihren Wagen ab und kommen Sie herein. Ich werde uns einen Kaffee kochen, und dann können Sie mich meinetwegen nach Ihren Piratenvorfahren befragen. Okay?“
Jetzt also doch die Friedenspfeife? Der Kerl verwirrte mich. Aber die Tatsache, dass der Wind mit jeder Sekunde, die verstrich, deutlich stärker wurde und mein Toyota bereits bedenklich wackelte, ließ mich letztendlich doch zustimmen.
“Bueno. Vor den Häusern dahinten, sagen Sie?“
Bellamy nickte und trat einen Schritt von meinem Wagen weg. Ich zog die Tür wieder zu, startete und fuhr auf die kleinen Häuser zu. Die See und alles, was von dort kam, befand sich dahinter, so dass mein Wagen im Windschatten stehen würde. Ich fand das beruhigend, da ich ja nicht vorhatte, diese Gegend nach dem Sturm zu Fuß zu verlassen. Beunruhigend hingegen war der Umstand, dass nicht ganz klar war, wie lange dieses Naturspektakel dauern würde. Der Abend näherte sich, und nach wie vor war Bellamy ein Fremder für mich. Einer, der mir ziemlich unfreundlich gekommen war und dem ich im Begriff war, in sein Haus zu folgen. Würde er auf den Gedanken kommen, mir was anzutun, würde ich mir die Kehle wundschreien können und es würde doch niemand etwas hören.
Ich drehte mich um und sah durch die mit Regentropfen übersäte Heckscheibe, wie er mit seinem Hund ins Haus ging. Noch konnte ich hier weg. Sollte ich nicht besser ...?
Das plötzliche Aufheulen des Windes half mir in der Entscheidungsfindung. Ich griff mir meinen kleinen Schatz, das auf dem Beifahrersitz liegende, in poröses, fleckiges Leder eingebundene Tagebuch des Piraten Harry Finley, stopfte es unter meinen Parka und verließ den Wagen daraufhin, ohne ihn abzuschließen. Es war nicht wahrscheinlich, dass er mir hier geklaut werden würde. Abgesehen davon machte der Wind inzwischen so einen Lärm, dass ich es wirklich alarmierend fand und es plötzlich sehr eilig hatte, in den Schutz des Hauses zu gelangen. Ich lief also die kurze Strecke zu meinem vorübergehenden Domizil und wäre fast von den Füßen geblasen worden, als ich die Deckung des ‚Visitor Centers‘ verließ und in den ungeschützten Bereich zwischen Häuser und Leuchtturm geriet. Japsend fing ich mich und taumelte auf Bellamys Haus zu, hinter dem es gleich wieder bedeutend ruhiger zuging. Und kurz darauf schoss ich durch die Tür ins dunkle Innere hinein – ob gefährlicher Gewaltverbrecher oder nicht, das war mir gerade egal. Hauptsache, ich wurde nicht mehr durchgeschüttelt.

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„Kaffee oder Tee?“
Die Frage drang aus dem angrenzenden Raum in den dunklen Flur hinein, in dem ich noch immer stand und die Holzdielen volltropfte. Ich gab mir einen Ruck und ging auf die halb offen stehende Tür zu.
„Kaffee“, antwortete ich, nachdem ich meinem ‚Gastgeber’ in den Nebenraum gefolgt war. Und dabei zog ich das Tagebuch unter meinem Parka hervor und legte es auf den blanken Holztisch, dann streifte ich mir den Parka ab, strich mir die feuchten Haarsträhnen aus dem Gesicht, die der Wind aus meinem Pferdeschwanz gerissen hatte und sah mich aufmerksam um.

Ich befand mich ganz offenbar in der Küche, wie das Vorhandensein eines alten Ölofens, eines Gasherdes, einer Spüle und einer Essecke aus glatt polierten, einfachen Holzmöbeln mir klar machte. Einen Küchenschrank gab es nicht, dafür aber ein hohes, offenes Regal, in dem sich Teller stapelten und Tassen und Gläser standen sowie ein Bastkorb, in dem sich Essbesteck befand. In den oberen Bereichen des Regals entdeckte ich außerdem eine Menge Einkochgläser mit verschiedenstem Inhalt, und ganz oben standen nicht eben dekorativ ein paar Töpfe und Pfannen herum und warteten auf ihren Einsatz. Mein Blick schweifte weiter und blieb an der Essecke hängen. Kein Tischtuch, kein Kissen, ebenso wenig wie sich Gardinen an den mit Holzstreben unterteilten Fenstern befanden oder dekorative Gegenstände auf den Fensterbrettern davor. Es gab nichts hier in dieser Küche, das anders war als funktional – ein typischer Männerhaushalt eben, wenngleich die dafür ebenso typische Unordnung fehlte. Es war aufgeräumt und sauber hier, nicht ein Teller stand unbenutzt auf der Spüle und nicht eine Tasse gammelte mit kaltem Inhalt irgendwo herum. Ich wusste nicht, was mir das über den Besitzer dieses Hauses sagen sollte, aber ich addierte es zu den bisherigen Eindrücken hinzu, in der Annahme, dass sich schon irgendwann ein Gesamtbild ergeben würde.

Bellamy hatte von meiner Inspektion nichts mitbekommen. Er hatte sich währenddessen mit dem Aufbrühen des Kaffees beschäftigt – von Hand, nebenbei bemerkt, die Erfindung der Kaffeemaschine schien sich nicht bis hierher durchgesprochen zu haben - jetzt drehte er sich mir allerdings wieder zu, musterte mich kurz, dann öffnete er seinen Blaumann und pellte sich aus demselben. Wortlos. Was auch sonst? Ich verzog mein Gesicht und setzte mich an den Tisch, dann zog ich das Tagebuch zu mir heran, wie um zu verdeutlichen, dass es mir gehörte und dass er ja seine Finger davon zu lassen hatte.
„Sie sind doch klüger als ich gedacht hab“, kam es daraufhin höchst schmeichelhaft von meinem Gastgeber, der jetzt in Bluejeans und grauem Strickpullover mit Zopfmuster vor mir stand, mir allerdings wieder den Rücken zugedreht hatte, um mit dem Kaffeekochen fortzufahren. Den Blaumann hatte er hübsch ordentlich über die Lehne eines der Küchenstühle gehangen.
„Und Sie noch unhöflicher als ich es mir gedacht hab“, gab ich schnippisch zurück und sah dabei zum Fenster hinaus – inzwischen war es so dunkel geworden, dass man hätte denken können, die Nacht wäre hereingebrochen. Wie lange so ein Sturm hier für gewöhnlich anhielt? ’Doch sicher nicht länger als ein, zwei Stunden’, hoffte ich.
Ein leises Schnauben drang an mein Ohr, von dem ich beim besten Willen nicht sagen konnte, ob es verächtlich oder amüsiert war. Ich heftete meinen Blick wieder auf Bellamys Schultern und versuchte zu begreifen, was diesen Mann dazu brachte, Fremden gegenüber so unfreundlich zu sein. Wie immer, wenn mich etwas beschäftigte, dauerte es nicht lange, und ich sprach es aus.
„Mögen Sie Fremde im Allgemeinen nicht? Oder haben Sie ein Problem mit Frauen im Speziellen?“
Er antwortete mir zuerst überhaupt nicht, so dass ich die Augen verdrehte und mich gegen die Rückenlehne meines Stuhls sinken ließ – das würde ja ein spaßiger Nachmittag werden.
Dann aber überlegte er es sich offenbar anders.
„Ich hab nichts gegen Frauen. Gegen Fremde schon eher. – Sie nerven. Wollen dauernd was erzählt bekommen. Fragen mir Löcher in den Bauch nach ‚Black Sam’ und wie ich mit ihm verwandt bin und ob ich auch Piratenblut in den Adern habe. Die weiblichen Touristen sind die schlimmsten, ehrlich. – Insofern .. ja. Man kann sagen, dass ich auch was gegen Frauen habe.“
Meine Augenbraue wanderte bei diesen Worten nach oben – wie mich diese Antwort jetzt überraschte! Dann blickte ich genervt wieder zum Fenster hinaus. War es eben nicht einen Tick dunkler gewesen? Vielleicht war das Schlimmste ja bereits vorüber, und ich würde in absehbarer Zeit wieder in die Stadt zurückfahren können.
„Das da draußen dauert noch ’ne Weile“, gab Bellamy mir ungefragt Auskunft. Ertappt nahm ich den Blick wieder vom Fenster und stellte fest, dass das Kaffeekochen bereits beendet war, denn vor mir stand ein dampfender, aromatisch duftender Becher, und mein Gastgeber hatte mir gegenüber Platz genommen. Ich nahm den Becher mit einem undefinierbaren „Gracias“ in die Hand und blies den Dampf sachte fort, dabei betrachtete ich Bellamy näher, welcher wiederum seinen Blick auf mein vor mir liegendes Tagebuch gerichtet hatte.
„Ist es das?“, fragte er und wechselte damit das Thema – zum Glück!
Ich nickte. „Ja, das ist es.“
„Darf ich mal?“
Ich schob Bellamy das Buch hinüber, obwohl ich mir dazu einen Ruck geben musste. Es war wertvoll. Sehr sogar, und das nicht nur, weil es ein Erbstück der Familie war. Es war sehr alt, hatte beinahe zweihundert Jahre auf dem Buckel. Darüber hinaus war es ein historisches Dokument, dessen Echtheit mir von einem Fachmann bestätigt worden war. Es musste mit Sorgfalt behandelt werden, damit das alte Pergament, auf dem Finley Tagebuch geführt hatte, nicht Schaden nahm. Allzu schnell nur riss es ein, und ebenso schnell lösten die Seiten sich vom Einband. Ich wusste es aus Erfahrung, denn beides war mir bei erster Sichtung des Buches selbst passiert, und ich hatte mich darüber schwarz geärgert, nicht behutsamer damit umgegangen zu sein.
„Vorsicht – es ist sehr empfindlich!“
Bellamy sagte nichts, aber er berührte es nur mit den Fingerspitzen und öffnete es so sachte, als könne es bei der kleinsten, ruckartigen Bewegung zu Staub zerfallen.
„Dies ist das Tagebuch des Harry Finley ..“, las er vor, was auf dem Deckblatt in schwarzer Tinte geschrieben stand, „ .. Erster Maat der ‚Black Pearl’, gefahren unter dem Kommando von Captain Jack Sparrow …“
Ich beobachtete Bellamy, während sein Blick auf den verwischten, fleckigen Wörtern haftete, die Finley vor langer, langer Zeit in seiner Sonntagsschrift auf das Pergament gemalt hatte. Und ich sah sehr genau, wie seine Augen sich vor Unglauben weiteten.
„’Black Pearl’?“, wiederholte er und sah mich fassungslos an. „Sparrows Schiff?“
Dann schüttelte er den Kopf und klappte das Buch wieder zu.
„Das kann unmöglich echt sein! Das ist ein Fake!“
Ich nahm einen Schluck vom heißen Kaffee, dann war es an mir, den Kopf zu schütteln. Dabei konnte ich mir ein kleines, triumphierendes Lächeln nicht verkneifen.
„Nein, es ist echt. Ich habe es in Sevilla prüfen lassen.“
Bellamys dunkle Augen bohrten sich in meine, dann öffnete er das Buch wieder und sah mit funkelndem Blick auf Finleys Schrift.
„Wie ist das in Ihren Besitz gelangt?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Wie schon gesagt, es ist ein Erbstück und gehört unserer Familie schon sehr lange. Ich weiß nicht, wann und wie wir daran gekommen sind. Aber ich will es herausfinden. Darum bin ich hier. Und um zu erfahren, was die Geschichte, die Finley da niedergeschrieben hat, mit meiner Familie zu tun hat.“
„Sie haben das Buch gelesen?“
„Ja, das habe ich. Jedes Wort. Ich bin nämlich durchaus des Lesens mächtig.“
Ich fügte letzteres ziemlich spitz hinzu, weil ich Bellamy diesen Spruch noch nicht verziehen hatte. Er sah mich forschend an, dann veränderte sich plötzlich etwas in seinem Blick, und ein kleines Lächeln begann seine Lippen zu umspielen, von dem ich meinte, dass es eine Spur von Reue enthielt.
„Ich bin Sie vorhin wohl ziemlich heftig angegangen. Tut mir leid. Ich bin es nicht mehr gewohnt, mit Frauen umzugehen.“
Mir war vorher schon aufgefallen, wie gutaussehend er war. In dem Moment jedoch, wo sich dieses kleine Lächeln auf sein Gesicht stahl, machte ich gedanklich ein ‚verdammt schön’ daraus, denn es war unglaublich, wie viel Lebendigkeit sich auf einmal in seinen Augen widerspiegelte und wie charismatisch seine Ausstrahlung geworden war. Fasziniert starrte ich Bellamy an … und hätte darüber fast seine Entschuldigung verpasst.
Qué?“, fragte ich verwirrt und blinzelte, als hätte er mich aus einem tiefen Schlaf geholt. Bellamys Augenbrauen wölbten sich verwundert, dann lächelte er wieder, diesmal deutlich amüsiert – das war der Moment, wo mir klar wurde, dass er sich seines Äußeren und seiner Wirkung auf Frauen durchaus bewusst war, ungeachtet seiner Aussage, dass er nicht mehr viel Umgang mit ihnen hatte. Ich würde auf mein Verhalten etwas mehr Acht geben müssen, wenn ich nicht wollte, dass er das Falsche dachte und sich zu viel einbildete. Ich räusperte mich und nahm mit gerunzelter Stirn noch einen Schluck Kaffee.
„Ist schon okay. Wir alle haben mal einen schlechten Tag.“
Hatte ich das wirklich gesagt? Eben noch hätte ich ihm am liebsten den Kopf abgerissen für seine unverschämten Bemerkungen, und jetzt verzieh ich ihm so generös?
Ich sah wieder zum Fenster hinaus, weil ich gerade nicht wusste, wohin ich sonst sehen sollte, und das allein gab mir zu denken. Ich war nicht der Typ, der schnell verlegen wurde. Und genau wie Bellamy wusste ich um meine Wirkung, aber hier und jetzt, in Gegenwart dieses seltsamen Mannes, versagte mein Selbstbewusstsein. Nicht gerade eine prickelnde Erfahrung, die ich da machte.
Er sagte nichts mehr, aber ich hörte das leise Rascheln von Pergament, und das ermutigte mich, wieder in seine Richtung zu blicken. Er hatte sich erneut in das Tagebuch vertieft und las es sozusagen stichprobenartig – immer ein kleines Stück eines Tages, dann sprang er zum nächsten – bis er mich irgendwann wieder ansah, diesmal jedoch vollkommen sachlich und ernst.
„Wie es aussieht, hat Finley eine ganze Zeitlang auf der ‚Black Pearl’ Dienst getan, das Buch hier umfasst aber lediglich ein knappes Jahr dieser Zeit.“
„Ich weiß. Vielleicht hat es noch andere Bücher gegeben. Vielleicht hat er aber auch erst spät mit den Aufzeichnungen begonnen. Es ist aber eigentlich nicht so wichtig, denke ich. Was interessant ist – mal abgesehen von all dem offensichtlichen Seemannsgarn – ist die Erwähnung eines ganz bestimmten Gegenstandes im letzten Eintrag … er spricht da von einer Kette und dass sie von großer Bedeutung wäre …“
Während ich mich für mein Lieblingsthema erwärmte, vergaß ich mein seltsamen Hemmungen, die ich gerade noch unverständlicherweise empfunden hatte. Bellamy blätterte vorsichtig bis zum letzten Tag der Aufzeichnungen und ließ seinen Blick darüber schweifen.
„Eine Kette?“
Er fand offenbar nicht auf Anhieb, wovon ich gesprochen hatte, also rutschte ich mit meinem Stuhl herum und brachte mich so an seine Seite. Dann zog ich das Buch an mich und ließ meinen Blick darüber schweifen.
„Hier ..“, mit meinem ausgestreckten Zeigefinger deutete ich auf eine Stelle des Eintrags, der in seiner Gesamtheit ziemlich verwischt und bei der funzeligen Beleuchtung, die die Küche nur mäßig erhellte, schwer zu lesen war. „Hier steht: Gebannt ist sie in die Kette aus Muscheln und Perlen. Gebannt ist nun auch das Herz der Dutchman, schlagend und doch tot, bis der Meeresschaum sie wieder vereint. – Er spricht da von Camila, der spanischen Adeligen, die sich eine Zeitlang an Bord der Black Pearl befunden hat und von der ich annehme, dass sie eine Romanze mit dem Captain der Flying Dutchman gehabt hat, William Turner. Und dass sie vielleicht etwas mit mir zu tun hat. Außerdem denke ich, dass ich ziemlich genau weiß, von welcher Kette die Rede ist. Hier, sehen Sie ..“, ich rutschte noch ein Stück näher an Bellamy heran, ohne mir dessen in meinem Eifer bewusst zu sein und deutete auf die wenigen lesbaren Textfragmente, die nicht unter der Feuchtigkeit, die ständig auf einem Schiff herrschte, gelitten hatten. „Da wird die Göttin Calypso erwähnt. Das wurde sie vorher auch schon, im Zusammenhang mit Turner. Finley berichtet, dass sie Turner als ihren Gefährten begehrt hatte, aber vom Meeresgott Okeanos in ihre Schranken verwiesen worden war. Indem er ihr wohl ihre Macht genommen hatte. Sie muss sie aber irgendwie wiedererlangt haben. Wie, weiß ich nicht, da das Wasser die Tinte an vielen Stellen verwischt hat. Aber ich meine zu verstehen, dass Calypso sich irgendwie gerächt hat. Dass sie sich von Okeanos‘ Fesseln befreit hat und wieder in Erscheinung getreten ist … und zwar, wenn man sich die Daten von Finleys Einträgen anschaut, um einiges später. Hier, sehen Sie … zwischen diesem Eintrag, in dem davon berichtet wird, dass Camila Turner in die Unsterblichkeit gefolgt ist und dem, wo die Kette noch einmal so explizit erwähnt wird, liegt ungefähr ein Vierteljahr. Leider hat das Meerwasser hier einiges unleserlich gemacht, aber ich denke trotzdem, dass es so ist. Und dass Camila letzten Endes von der Meeresgöttin verflucht und in die Kette gebannt wurde. Um eine Bestätigung zu finden, hab ich vor einiger Zeit damit begonnen, alle Sagen um diese Göttin zusammenzutragen und durchzugehen. In einigen Erzählungen kommt wirklich diese Kette aus Muscheln und Perlen vor, nur hab ich von der Comtess Camila leider gar nichts gefunden. Was aber nichts heißen muss, wie ich finde …“
Ich sah auf Bellamys Profil – und bemerkte erst jetzt, wie nah ich ihm in meinem Enthusiasmus gekommen war. Offenbar stellte er im gleichen Moment dasselbe fest, denn er löste seinen Blick von Finleys Tagebuch, betrachtete mich ausführlich, und wieder begann dieses kleine, kaum merkliche Lächeln seinen Mund zu umspielen. War es ein spöttisches Lächeln? Lachte er mich aus, weil ich von Göttinnen und Flüchen sprach, als wären sie real und nicht bloß den Phantasien eines Seemannes entsprungen? Hielt er mich jetzt für kindisch oder verrückt?
Ich traute ihm nach unserem ersten Aufeinandertreffen so ziemlich alles zu und rutschte mit meinem Stuhl wieder auf Abstand.
„Tja, so viel zur Kette. Ich weiß nicht, warum, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie der Schlüssel zu meinen Fragen ist. Was meine Familie mit dem Ganzen zu tun hat, meine ich, und warum …“
Ich kam nicht dazu, zu Ende zu sprechen, denn der Sturm, den ich über die Lektüre des Tagebuchs einen Moment lang vergessen hatte, brachte sich plötzlich mit aller Gewalt in Erinnerung zurück. Er rüttelte auf einmal stoßartig am Haus, so dass die Fensterscheiben in ihren Holzrahmen vibrierten, heulte mit vermehrter Lautstärke, dann fauchte es laut auf, blitzte gleichzeitig gleißend hell, und daraufhin knallte es so laut, dass ich mit einem Schrei erschrocken von meinem Stuhl hochfuhr – und schließlich mit wild schlagendem Herzen ins Stockdunkle starrte, das nur hin und wieder von den Blitzen, die draußen den stürmischen Nachthimmel zerrissen, erhellt wurde. Es hatte irgendwo eingeschlagen, und der Strom hatte sich verabschiedet. Meine Nerven ebenfalls.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 01:56 
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Irrlicht
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„Schhh, keine Angst!“, hörte ich durch meine Panik hindurch Bellamys Stimme irgendwo neben mir, aber so beruhigend sie auch klang, ruhig wurde ich davon ganz bestimmt nicht. Von klein auf hatte ich Angst vor Dunkelheit, und ein Freund von Gewittern war ich ganz gewiss auch nicht. Beides zusammen hatte eine geradezu verheerende Wirkung auf mich, so dass ich wie Espenlaub zitternd am Tisch stand und nur deshalb nicht hysterisch zu schreien begann, weil mein Stolz wohl noch einen Tick größer war als meine Angst und ich mir vor Bellamy keine Blöße geben wollte.
Plötzlich flammte ein kleines, warmes Licht auf, und als mein Kopf in die entsprechende Richtung herumflog, stellte ich fest, dass mein unberechenbarer Gastgeber eine Kerze angezündet hatte und diese gerade in einen schmucklosen Zinnkerzenhalter drückte. Diesen platzierte er daraufhin auf dem Esstisch, dann musterte er mich forschend.
„Alles klar?“
Ich nickte, obwohl nichts klar war. Und gleich der nächsten Donnerschlag entlarvte mich als Lügner, denn wieder zuckte ich heftig zusammen und musste meine Lippen aufeinander pressen, um nicht laut aufzuschreien.
„Komm, setz dich, Kleines!“
Der kalte Schweiß brach mir aus, als es gleich wieder krachte, und mein Blick heftete sich krampfhaft auf das Küchenfenster, hinter dem für mich die Welt unterging. Eine warme Hand griff behutsam nach meinem Arm, ein Arm legte sich unaufdringlich um meine Schulter, dann fühlte ich mich aus der Küche hinaus und in den nächsten Raum hineinbugsiert, wo ich mit sanfter Gewalt auf ein Sofa niedergedrückt wurde. Bebend und völlig verkrampft kauerte ich mich zusammen und sah mit sehnsüchtigem Blick zur Küche zurück, in der die Kerze brannte, die neben Licht Sicherheit und Geborgenheit versprach. Bellamys Kopf schob sich plötzlich davor, da mein neuer Bekannter sich vor mich hingekniet hatte, und obwohl ich sein Gesicht im Gegenlicht nicht sehen konnte, meinte ich doch, in Augenhöhe ein eindringliches Funkeln zu bemerken.
„Ich werde jetzt das Fenster öffnen, aber nur, um den Schlagladen zuzuziehen. Okay? Du musst keine Angst haben, ich bin bei dir. Es passiert dir hier nichts, es wird nur einen Moment lang etwas windig werden. Wenn es dir hilft, dann halt dir die Ohren zu, Kleines.“
Ich riss panisch die Augen auf. Er wollte das Fenster öffnen?? Jetzt???
Ehe ich dazu kam, zu protestieren, fühlte ich Bellamys warme Hände an meinen. Er umfasste sie und führte sie an meine Ohren, dann drückte er sie sachte, aber bestimmt darauf. Daraufhin stand er auf, und ich machte mich so klein, wie es nur ging. Ich zog meine Beine auf das Sofa und verbarg meinen Kopf hinter meinen Knien, presste meine Stirn dagegen und hielt mir mit aller Kraft die Ohren zu.
Wie lange ich so da saß, weiß ich heute nicht mehr. Ich denke, es kann nicht lange gewesen sein. Irgendwann fühlte ich wieder die warmen Hände an meinen, und diesmal zogen sie meine eigenen von meinen Ohren weg und umfassten vorsichtig mein Gesicht.
„Es ist alles gut, Kleines. Du kannst die Augen wieder aufmachen.“
Ich dachte gar nicht daran. Es war viel sicherer, wenn ich in meiner eigenen, kleinen Welt blieb, in der es kein Gewitter, keinen Sturm und keine Dunkelheit gab.
„Hey ..“, eine federleichte Berührung an meiner Wange bewirkte, dass ich meine Augen doch öffnete und in die besorgt dreinblickenden Bellamys sah.
„Es ist alles in Ordnung. Siehst du? Ich hab das Fenster von außen und von innen verschlossen. Und Licht haben wir auch. Du bist hier in Sicherheit. Es besteht kein Grund mehr, noch Angst zu haben.“
Zögernd nahm ich meinen Blick von Bellamys Gesicht und sah mich um. Es stimmte, was er gesagt hatte – das Fenster war verschlossen, und der Schlagladen davor nahm mir jede Sicht auf den Sturm. Auch die Küchentür war geschlossen, dafür brannten mehrere Kerzen in dem Raum, in dem wir uns befanden und der offensichtlich – gemessen an der Möblierung – das Wohnzimmer war. Das Unwetter tobte nach wie vor draußen, und es war immer noch deutlich hörbar, wie der Wind an dem Haus zerrte, wie er heulte und pfiff und wie das Gewitter in regelmäßigen Abständen mit lautem Donnerkrachen seinen Anteil am Chaos beitrug. Aber es war kein Vergleich mehr zu dem Moment, wo es mich unvorbereitet in der Küche erwischt hatte. Ich zitterte immer noch, und meine Hände waren schweißfeucht, aber die Panik war gewichen.
„Ich ..“, versuchte ich unbeholfen zu antworten, aber ich benötigte einen weiteren Anlauf, ehe ein Satz daraus wurde. „Ich bin wieder okay. Danke, ich ... ich kann Gewitter nicht ausstehen. Oder Dunkelheit. Normalerweise führ ich mich nicht so paranoid auf.“
Ich lächelte schief und fand es tröstlich, dass Bellamy dieses Lächeln erwiderte. Wäre jetzt einer seiner krassen Sprüche gekommen, hätte ich es wahrscheinlich nicht ertragen. Ich war sonst nie um eine Antwort verlegen, schon gar nicht um eine freche, aber in Situationen wie diesen war ich labil und hatte nicht die Energie, mich verbal zu wehren.
Bellamy stand auf und ging zu einem der zwei Schränke, die sich in diesem Raum befanden. Er öffnete ihn, nahm eine Flasche heraus und schenkte etwas von der goldenen Flüssigkeit in ein kleines Glas, das er mir daraufhin reichte.
„Hier .. trink einen Schluck, dann wird das Zittern aufhören.“
Ein scharfer Geruch stieg mir in die Nase – Hochprozentiges. Sollte ich das jetzt wirklich trinken? Wie sollte ich nachher noch nach Hause fahren, wenn ich jetzt Alkohol trank? Legte Bellamy es darauf an, mich betrunken zu machen? ... – Sogleich schob ich den Gedanken wieder beiseite. Wir hatten zwar ein paar Anlaufschwierigkeiten gehabt, aber letzten Endes hatte er sich doch als ein anständiger Kerl herausgestellt. Er hatte sich nicht über meine dumme Angst lustig gemacht, sondern hatte im Gegenteil alles unternommen, damit ich diese Angst verlor. Es bestand kein Grund, jetzt etwas Schlechtes von ihm zu denken.
Ich ergriff das Glas und stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter. Die scharfe Flüssigkeit brannte sich in meinen Magen hinab und entzündete dort ein kleines Feuer. Gleichzeitig aber trieb sie mir auch die Tränen in die Augen. Bellamy bemerkte es wohl, denn er schmunzelte und wischte mir mit seinem Daumen etwas von der verräterischen Nässe von den Wimpern.
„Noch einen?“
Ich schüttelte den Kopf und reichte ihm das leere Glas zurück.
„Es reicht. – Wie lange wird der Sturm dauern?“
Der Alkohol entspannte mich tatsächlich, so dass ich in der Lage war, wieder zusammenhängend zu reden. Auch das Zittern hatte weitestgehend nachgelassen.
Bellamy zuckte mit den Schultern.
„Das kann dauern. Es ist ein umfangreiches Sturmtief, nicht bloß ein kleines Gewitter. Du hättest gut daran getan, in Provincetown zu bleiben, anstatt hier herauszufahren, wenn du so eine Angst vor Gewittern hast.“
„Ich hab ja nicht gewusst, dass das Wetter so mies werden wird“, protestierte ich stirnrunzelnd, blickte jedoch gleich wieder alarmiert zum verrammelten Fenster, als es draußen erneut krachte.
„Ja, sagtest du schon. Wohnst du im ‚Sailor’s Rest’?“ Ich nickte. „Ich werde wohl mal ein Wörtchen mit dem alten Pete sprechen müssen. Unverantwortlich, dass er dich zu mir rausgeschickt hat. Hat er doch, oder?“
Wieder nickte ich.
Bellamy schnaubte, dann stand er auf und schenkte sich auch ein Glas mit dem Hochprozentigen voll.
„Ich hab oben noch ein Zimmer frei. Wenn du willst, kannst du die Nacht über bleiben. Ich glaube kaum, dass das Wetter sich noch in absehbarer Zeit beruhigt.“
Ich glaube, ich muss ihn angesehen haben wie ein Auto. „Ich soll hier bleiben?“
Die Frage rutschte mir ziemlich bestürzt heraus, und die Retourkutsche kam prompt.
„Keine Angst, ich werde dir schon nicht auf die Pelle rücken“, abwehrend hob Bellamy eine Hand in die Höhe, und ich meinte zu spüren, dass er wieder in seine arrogante Art verfiel. Warum? Nur weil ich über sein Angebot überrascht gewesen war? Aber war das denn nicht verständlich?
Bedauern machte sich in mir breit, und das wunderte mich fast noch mehr. Ich hatte begonnen, mich in seiner Gesellschaft wohl zu fühlen, geborgen, sicher, nachdem ich ihm vorher am liebsten die Augen ausgekratzt hätte. Und jetzt war da wieder der ‚alte’ Bellamy. Der bissige Typ, dem außer sich selbst alle zu viel waren.
„Die Tür hat einen Schlüssel, und wenn du willst, kannst du ja noch die Kommode davor schieben.“
Wollte er mich jetzt auf den Arm nehmen? Ich runzelte die Stirn und vergaß meine Angst vor dem Sturm. „Ist wohl nicht gerade Bates’ Motel hier, oder? Ich denke, ich werde es beim Abschließen bewenden lassen.“
Da war er wieder, dieser undefinierbare Blick vom Anfang. War er jetzt etwa beleidigt, dass ich die Tür abschließen wollte? Was glaubte er denn, wie leichtsinnig ich war? Immerhin war ich hier allein mit ihm, einem wildfremden Mann, von dem ich nichts wusste. Und der mir nebenbei gesagt immer unberechenbarer erschien. Es hatte gar nichts mit ihm persönlich zu tun, dass ich die Tür nicht offen stehen lassen wollte. War es nicht schon Vertrauensbeweis genug, dass ich überhaupt hier zu bleiben gedachte? Ich meine, nicht, dass ich ein andere Wahl gehabt hätte ...
„Okay, warum zeigst du mir nicht das Zimmer, dann bist du mich für den Rest des Abends los“, ich beschloss, die ganze Sache abzukürzen und stand auf, wobei ich die Tatsache, dass es draußen immer noch gewaltig rumpelte, geflissentlich ignorierte. Ich hatte mir hier schon genug Blöße gegeben.
Bellamy schenkte sich noch einen Hochprozentigen ein, den er ebenso schnell vernichtete wie den ersten, dann sah er mich wieder einmal durchdringend an – verschwunden war der fürsorgliche Mann von vorhin, zurück der misstrauische, wenig zugängliche, der wahrscheinlich gerade überlegte, ob ich ihm die Hilfsbedürftige eben nur vorgespielt hatte.
„Die Treppe rauf, zweite Tür links.“
Ich starrte ihn fassungslos an. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Ich stellte fest, dass ich auf meinen Vorschlag hin eigentlich mit einem Einlenken seinerseits gerechnet hatte, aber dummerweise musste ich erkennen, dass er mir den Ball zurückspielte und nichts unternahm, um mich von einem vorzeitigen Verschwinden abzuhalten. Unschlüssig sah ich eine Weile auf seinen Rücken, den er mir weiter zukehrte, dann ging ich kopfschüttelnd in die Küche zurück, holte mein Buch, und wenig später stieg ich mit einer Kerze in der Hand die Treppe zum oberen Stockwerk empor. Den Umweg über das Wohnzimmer hatte ich nicht noch einmal gemacht, denn mir war nicht mehr danach, Bellamy noch einmal zu begegnen.

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Als der Morgen graute, hatte das Wetter sich insoweit wieder beruhigt, als dass der Sturm einem kräftigen Wind gewichen war, welcher die Regenwolken mit beachtlicher Geschwindigkeit über die Halbinsel trieb. Ich sah mit vor Müdigkeit brennenden Augen aus dem Fenster, das aufs Meer hinaus ging und war froh, dass diese Nacht endlich vorüber war. Geschlafen hatte ich so gut wie gar nicht, auch wenn ich die meiste Zeit in dem großen, fast schon historisch anmutenden Bett gelegen und sehnsüchtig darauf gewartet hatte, dass ich wegdriftete. Doch neben dem Toben des Unwetters, das mir natürlich auch weiterhin Angst gemacht hatte, hatten sich meine Gedanken beinahe kontinuierlich mit dem seltsamen Mann beschäftigt, dessen Gast ich notgedrungen war und den ich in keiner Weise einordnen konnte. Im ersten Augenblick abweisend, sogar unverschämt, dann ehrlich an meiner Sache interessiert und daraufhin sogar überraschend mitfühlend und besorgt und so unglaublich sanft ... und dann, zack, wieder kalt, zynisch und schon fast beleidigend desinteressiert. Ich wurde nicht schlau aus diesem Kerl, und als es endlich hell war, beschloss ich, dass ich auch gar nicht weiter versuchen wollte, es zu werden. Ich nahm mein Buch vom Nachttisch, schloss die Tür auf und verließ mein Zimmer, und nachdem ich in der Küche meinen Parka eingesammelt und noch einmal meine Nase in verschiedene Räume gesteckt hatte, um nach meinem Gastgeber zu sehen und mich zumindest von ihm zu verabschieden, verließ ich auch das Haus, ohne noch einmal auf Bellamy oder seinen Hund getroffen zu sein. Und befand mich wenig später auf dem ‚Heimweg’ in Richtung Provincetown, mit einem dringenden Schlafbedürfnis nach dieser langen, unerfreulichen Nacht und mehr Stoff zum Nachdenken als mir lieb war.

Es war gegen vier Uhr nachmittags, als das Telefon auf meinem Hotelzimmer klingelte und mich aus einem tiefen Erschöpfungsschlaf riss.
“Miss Fuentez?“ Ich erkannte die tiefe, knurrende Stimme meines Gastwirts wieder. “Ich hab hier jemanden für Sie – Mister Bellamy. Hatte Ihnen doch gestern von ihm erzählt. Kann Ihnen sicher weiterhelfen, Mam.“
Verdutzt starrte ich ins Leere, den Hörer immer noch am Ohr.
Er war hier?
Ich erwischte mich dabei, wie ich erleichtert lächelte. Sicher wollte er noch einmal mit mir reden. Wir waren ja nicht gerade in Freundschaft auseinander gegangen, nachdem er mir gestern abend die kalte Schulter gezeigt und ich mich am Morgen einfach verdrückt hatte. Wahrscheinlich hatte ihm letzteres zu denken gegeben und die warme Saite in ihm zum Klingen gebracht, von der ich inzwischen wusste, dass er sie durchaus hatte. Und jetzt war er hierher gekommen – es war ihm ja bekannt, wo ich logierte – um mit mir Frieden zu schließen und wieder auf das Tagebuch zurückzukommen. Hatte Pete, der Besitzer des ‚Sailor’s Rest’, nicht gesagt, dass er der Experte hier wäre, wenn es um Piraten ging?
„Ich bin in zehn Minuten unten. Bitte sagen Sie ihm das!“, flötete ich in den Hörer, dann drückte ich ihn auf den Telefonapparat zurück, schwang mich aus dem Bett und eilte ins Bad. Ich sah nicht gerade berauschend aus – die vergangene Nacht hatte mir trotz des Schlafs, den ich danach versucht hatte nachzuholen, Ringe unter den Augen beschert, und ich wirkte blass trotz meiner natürlichen, südländisch dunklen Hautfarbe. Ich kniff mir ein paar Mal in die Wangen, dann griff ich zur Bürste und striegelte mir mein wirres, langes Haar in Form, und zu guter Letzt zog ich die Jeans wieder an, die ich zum Schlafen abgestreift hatte und schlüpfte mit meinen Füßen in Socken und Boots. Dann verließ ich mein Hotelzimmer, den Parka auf dem Arm und das Tagebuch in der Innentasche desselben vor Wind und Wetter beschützt und lief mit zurück gewonnener guter Laune die Treppe hinunter, die mich zum Schankraum führte. Mit einem Lächeln betrat ich diesen und ging geradewegs auf die Theke zu, an der ein paar Einheimische saßen und ihren Kaffee oder ihr Bier schlürften. Mein Blick glitt über die Anwesenden hinweg auf der Suche nach einem zerzausten, dunkelbraunen Haarschopf und ausdrucksvollen Augen von der gleichen Farbe, doch umsonst, was mich veranlasste, mit fragendem Blick zu Pete zu sehen. Der grinste und deutete auf einen der Gäste an der Theke, der sein Gesicht bis gerade in seiner Kaffeetasse vergraben hatte und den ich nicht weiter beachtet hatte, denn zwar hatte die Haarfarbe gestimmt, doch die Länge nicht, denn das Haar dieses chicos war schulterlang und im Nacken zu einem Zopf gebunden – um so perplexer starrte ich ihn an, als er mir sein Gesicht zudrehte und ich in die gleichen Züge blickte wie die, die mich seit gestern Nachmittag in Gedanken verfolgten. Mit dem Unterschied, dass diese hier nicht von Bartstoppeln, sondern von einem Musketierbärtchen bedeckt waren. Und dass die Miene des Besitzers nicht abweisend war, sondern sich in genau diesem Moment zu einem gewinnenden Lächeln verzog.
„Mam, darf ich vorstellen?“, brummte Pete ungewohnt förmlich in meine Richtung. „Mister Nat Bellamy!“

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 01:59 
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Die Bellamy-Brüder waren Zwillinge. Und zwar Zwillinge, die sich nicht ähnlicher hätten sein können! Die gleichen elegant geschwungenen, schmalen Brauen, die gleichen feminin langen Wimpern, die gleichen funkelnden, dunkelbraunen Augen über fein gemeißelten, hohen Wangenknochen, einer geraden Nase und einem anziehenden Mund, dessen Winkel sich aufwärts kräuselten, wenn dessen Besitzer lächelte. So wie Nat Bellamy gerade, und zwar breit und offen und nicht nur andeutungsweise wie sein seltsamer Bruder. Ob dieser Mann hier etwas zugänglicher wäre und mir würde helfen können? Letzteres konnte ich natürlich noch nicht beurteilen, ersteres aber zeichnete sich bereits ab, als er mir seine Hand entgegen streckte und gut gelaunt bemerkte: „Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss ..?“
„Fuentez – Cora Fuentez.“
Ich ergriff Nat Bellamys Hand und schüttelte sie herzhaft.
„Wow, endlich mal ein Mädchen mit einem richtigen Händedruck!“
Sein Lächeln geriet zu einem verschmitzten Grinsen, sein Blick studierte dabei aufmerksam mein Gesicht. Und es war offensichtlich, dass ihm gefiel, was er sah, denn er ließ meine Hand nicht los, sondern behielt sie in seinem warmen Griff, während seine Augen hinab zu meinen Lippen glitten und daran hängen blieben. Ich spürte, wie ich rot wurde und entzog mich ihm räuspernd.
„Tja .. Ihr Bruder meinte gestern, Sie könnten mir eventuell ein paar Auskünfte geben.“
Es schien Nat Bellamy nicht im Geringsten gestört zu haben, dass ich deutlich auf Abstand gegangen war. Auf sein Schmunzeln hatte es jedenfalls keinen Einfluss gehabt, es war sogar, wenn mich nicht alles täuschte, ein wenig wissend geworden, und in diesem Moment hatte er seinem Zwillingsbruder noch ähnlicher gesehen, denn dieser hatte mich gestern einen kurzen Augenblick lang mit dem gleichen Lächeln betrachtet – einem, das von Selbstbewusstsein gesprochen hatte und von dem Wissen um die eigene Wirkung. Eines war sicher, Nat Bellamy musste man auch nicht erst sagen, dass er umwerfend gut aussah. Das wusste er schon selbst. Doch wo sein Bruder von diesem Vorteil, mit dem ihn die Natur gesegnet hatte, keinerlei Gebrauch machte, schien Nat es vorzuziehen, das Optimale aus seiner Erscheinung herauszuholen. Das lange, gewellte Haar, um das jede Frau ihn beneidet hätte, akurat im Nacken zusammengebunden, den Bart sorgfältig ausrasiert und von einem Hauch von Rasierwasser umgeben sah er aus wie ein Model von Armani. Ein verdammt attraktives Model! Sein schlanker, hochgewachsener Körper steckte in legeren Bluejeans, darüber trug er ein loses, weißes Hemd, dessen oberste Knöpfe er offen gelassen hatte und die einen ungehinderten Blick auf ein Stück gebräunte Brust und zwei Ketten gestatteten. Keine Goldkettchen, der Typ war er wirklich nicht. Nein, zwei lange Lederbänder, deren Anhänger ich nicht sehen konnte, da sie unter dem leinenen Stoff seines Hemdes verborgen waren. Doch reichte allein der Anblick des Leders in Kombination mit der dunklen Haut, dem langen Haar und dem Seeräuberbärtchen, um Nat Bellamy wie eine jüngere und noch hübschere Ausgabe Errol Flynns aussehen zu lassen. Gekrönt wurde dieser Eindruck von dem kleinen goldenen Ring an seinem rechten Ohr und piratenhaften Lächeln, das in seinem attraktiven Gesicht immer wieder weiß aufblitzte.
Jetzt allerdings wich es einem überraschten Ausdruck.
„Sie haben meinen Bruder getroffen? – Und Sie leben noch?“
Nun war es an mir zu schmunzeln.
„Ja, so gerade noch. Ich bin mit knapper Mühe und Not meinem Schicksal als Hundefutter entgangen und habe mich daraufhin ein wenig mit ihm unterhalten.“
„Rufus ist harmlos.“ Das beruhigte mich im Nachhinein doch sehr. „Jay ebenfalls. Allerdings ist mit ihm nicht immer leicht umzugehen. Er ist ziemlich eigenbrötlerisch. Und steht nicht auf Fremde.“
„Das hab ich gemerkt“, erwiderte ich trocken und bestellte erst einmal Kaffee, und das aus zwei Gründen. Zum einen war ich immer noch nicht so recht fit und brauchte einen Koffeinschub, zum anderen fand ich Nat Bellamys Wirkung auf mich beunruhigend, weshalb ich nach einer Ablenkung suchte. Bellamy bestellte sich daraufhin auch eine Tasse, dann zog er mir den Barhocker zurecht und deutete einladend darauf.
„Setzen Sie sich, Cora. Und erzählen Sie mir von Ihrer mit Sicherheit unglaublichen Begegnung mit meinem Bruder. Vielleicht kann ich ja im Nachhinein noch ein wenig Schadensbegrenzung betreiben.“
Wieder dieses Lächeln, dem ich mich nicht zu lange aussetzen durfte, wenn ich weiterhin einen klaren Kopf behalten wollte. Ich nahm Platz und sah angelegentlich in die nicht sonderlich umfangreiche Speisekarte, die auf dem Tresen stand.
„Das glaub ich zwar nicht, aber egal … - Ich bin gestern Nachmittag nach Highland Light hinausgefahren, nachdem Pete mir gesagt hat, ihr Bruder sei ein Experte in allem, was Piraten betrifft. Nun ja, und es hat etwas gedauert, bis wir beide unsere Krallen eingefahren hatten und in der Lage gewesen sind, wie normale Menschen miteinander zu reden. Er hat mir ein paar Beleidigungen an den Kopf geworfen, ich hab mich revanchiert. Letzten Endes jedoch haben wir uns unterhalten, ohne uns gegenseitig die Schädel einzuschlagen. Bis der Sturm eingesetzt hat ..“
„Sie waren draußen am Leuchtturm, als der Sturm losging?“
Es lag ein hörbares Stirnrunzeln in Bellamys Frage, und als ich den Blick von der Karte nahm und ihn ansah, stellte ich fest, dass seine Brauen sich in der Tat ordentlich zusammengezogen hatten.
„Ja“, antwortete ich leichthin. „Ich wusste nicht, dass ein Sturm gemeldet war, es hatte mir niemand Bescheid gegeben ..“, mein Blick glitt zu Pete, der außer Hörweite ein paar Gläser polierte, dann schweifte er wieder zu Bellamy zurück. „Ich konnte nicht mehr zurück, also übernachtete ich im Haus Ihres Bruders. Im Gästezimmer.“
Warum nur hatte ich jetzt dieses Gefühl, das ich immer als Sechzehnjährige gehabt hatte, wenn ich abends zu spät von der Disco nach Hause gekommen war?
Bellamys Blick hatte sich verändert und war durchdringend geworden, was mir prompt das Gefühl vermittelte, seinen Bruder – Jay – vor mir sitzen zu haben. Ich wappnete mich unwillkürlich gegen einen Angriff, aber dieser blieb aus.
„Es war richtig, dass Sie geblieben sind“, kam es stattdessen über Bellamys Lippen, was mich überraschte. „Der Sturm hätte sie von der Straße gepustet. Hier auf Cape Cod ist mit dem Wetter im November nicht zu spaßen.“
„Ja, so etwas in der Art sagte Ihr Bruder auch.“
Nat nickte und nahm die Kaffeetasse in die Hand, die Pete ihm und auch mir gerade vor die Nase setzte. Im gleichen Moment ging die Tür des „Sailor’s Rest“ auf, und zwei Mädchen kamen herein. Beide höchstens Anfang zwanzig, greller geschminkt als ratsam war und in diesen nervigen Jeanshosen steckend, die so knapp geschnitten waren, das man ständig meinte, sie rutschten einem über die Hüften und die einem jeden den halben Hintern präsentierten, sobald man sich nur ein wenig nach vorne beugte. Bei den zwei Dorfschönheiten war es nicht anders. Die eine drehte sich zur anderen um und tuschelte ihr was ins Ohr, kaum das beide den Raum betreten hatten, und dabei sah man ziemlich deutlich die Ansätze ihres Hinterteils. Den obligatorischen String-Tanga natürlich ebenfalls, und auch das unvermeidliche Tattoo knapp darüber, das mal eine Zeitlang unglaublich in gewesen war, inzwischen jedoch den Beinamen Schlampenstempel trug. Dazu wölbte sich – und das machte die Erscheinung der Mädchen in meinen Augen am unattraktivsten – bei beiden ein kleiner Speck-Rettungsring über den engen Hosenbund, der mich wieder einmal mit der Frage konfrontierte, ob es tatsächlich Familien gab, in denen sich die Erfindung des Spiegels noch nicht herumgesprochen hatte. Ich wollte mich schaudernd abwenden, hielt dann aber doch inne, weil ich sah, wie die beiden Bellamy mit ihren Blicken fixierten, dabei weitertuschelten und dann auch noch albern zu kichern anfingen. Nat hatte sich inzwischen ebenfalls umgedreht, doch da er mir jetzt seinen Hinterkopf zudrehte, konnte ich nicht sehen, wie er auf die beiden Grazien reagierte.
„Hi Nat!“, flöteten die beiden übertrieben, kicherten wieder und setzten sich an einen Tisch, von dem aus sie einen guten Ausblick auf Nat Bellamys Rücken hatten.
„Hi Mädels“, antwortete mein neuer Bekannter mit einem hörbaren Lächeln, und als er sich wieder zur Theke umdrehte, umspielte noch immer ein leichtes Schmunzeln seine hübschen Lippen. Bildete er sich vielleicht etwas darauf ein, so im Zentrum des Interesses dieser beiden Schnepfen zu stehen? Es schien fast so – ich merkte, wie mein eigenes Interesse, das in den letzten Minuten unleugbar gewachsen war, wieder in sich zusammenschrumpfte und nahm unschlüssig einen Schluck Kaffee.
„Und konnte Jay Ihnen nun helfen?“
Bellamy hatte es mir gleich getan und an seinem Kaffee genippt, jetzt allerdings musterte er mich forschend von der Seite.
„Nicht wirklich. Ich weiß es nicht.“
Sollte ich ihm von Finleys Tagebuch erzählen, das nur einen Barhocker weiter in meinem Parka schlummerte? Irgendwie konnte ich mich dazu nicht überwinden – was seltsam genug war, denn bei seinem grässlichen Bruder hatte ich keine Sekunde gezögert.
„Wir haben von Captain ‚Black Sam‘ Bellamy geredet“, lenkte ich das Thema vorerst lieber in andere Bahnen. „Und er hat mir empfohlen, dem Whydah-Museum hier in Provincetown einen Besuch abzustatten.“
„Ach, Sie interessieren sich für ‚Black Sam‘?“
Nat drehte sich auf seinem Hocker ein Stück zu mir herum, die Mädchen hatte er offenbar völlig vergessen.
„Wussten Sie, dass ‚Black Sam‘ einer meiner Vorfahren ist?“
Ich forschte in seinem piratenhaften Gesicht, das mich verwegen anlächelte und konnte es mir mehr als gut vorstellen.
„Ich hab davon gehört, Ja.“ – Und ich hatte sehr wohl zur Kenntnis genommen, dass er nur von sich selbst gesprochen hatte und nicht auch von seinem Bruder, der ja ebenfalls ein Nachkomme des Piratencaptains war. In welchem Verhältnis er wohl zu Jay stand?
„Wenn Sie wollen, begleite ich Sie zum Museum und erzähl Ihnen dort ein wenig über ‚Black Sam‘. Es hat noch knappe zwei Stunden geöffnet.“
Wollte ich das wirklich? Eigentlich interessierte mich ‚Black Sam‘ nicht die Bohne, ich war wegen des Tagebuchs hier und der darin erwähnten Kette. Und hatte mir von Clifford einen Hinweis auf den Verbleib der letzteren erhofft, weil er eine bekannte Größe unter den sub-maritimen Archäologen war und ich auf einer Internetseite gelesen hatte, dass zu den Gegenständen, die er im Laufe seiner Unterwassertätigkeit gefunden und geborgen hatte, auch eine Kette gehörte, auf die die Beschreibung des Tagebuches passte. Was mit dieser Kette geschehen war, hatte ich nicht herausfinden können und mir darum Urlaub genommen und ein Flugticket nach Boston gekauft. Ich hatte Clifford, von dem es geheißen hatte, dass er hier ein Haus besaß, in welchem er sich oft aufhielt, persönlich fragen wollen. Mit dem Tagebuch unter dem Arm hatte ich mir Auskunft erhofft und – sollte ihm dies nicht möglich gewesen sein – auf alle Fälle anderweitige Hilfe und Unterstützung. Aber Clifford war nicht hier, stattdessen war ich ganz offenbar dem Don Juan des Dorfes in die Arme gelaufen, der es kaum erwarten konnte, mir seine verwandschaftlichen Verhältnisse mit diesem ‚Black Sam‘ Bellamy aufzuzeigen.
Ich seufzte in Gedanken auf und fand, dass sich das alles hier gar nicht nach meinen Vorstellungen entwickelte. Ich hätte mir meinen Urlaub besser aufgespart und davon eine lange Reise nach Ägypten machen sollen, eines meiner Traumländer, anstatt ihn im kalten, stürmischen, verregneten Cape Cod zu verbringen.
„Also? Was sagen Sie?“
Ich sah Bellamy wieder an, von dem mein Blick einen Moment lang abgeglitten war und begegnete zwei offen dreinblickenden Augen, in denen ich meinte, eine stumme Bitte zu lesen. Ich antwortete nicht sogleich, sondern nahm mir die Zeit, ihn genauer zu betrachten. Hinter die schöne Fassade zu sehen, die er zweifellos bot, um herauszufinden, ob es Sinn hatte, sich weiter mit ihm abzugeben. Nichts deutete in diesem Augenblick daraufhin, dass er sich groß tun wollte oder die Sache nicht ernst nahm. Auch fühlte ich mich nicht von ihm angemacht oder in irgendeiner Form belästigt. Er sah mir geradewegs in die Augen, und ich sagte mir, dass ich ihm vielleicht doch Unrecht tat. Immerhin hatte ich ihn noch kein einziges Mal dabei erwischt, wie er meinen Körper mit seinem Blick abgefahren hätte. War es überhaupt in Ordnung, dass ich ihm unterstellte, ein Don Juan zu sein, nur weil er blendend aussah und die Hühner angelächelt hatte, die ihn so offensichtlich anschmachteten? Nur weil er charmant zu mir war und ein klein wenig stolz darauf, ein Nachfahr eines zumindest in dieser Gegend berühmten Piraten zu sein? Immerhin war das alles doch sehr viel besser als das unmögliche Verhalten seines unberechenbaren Bruders, oder?
Claro, warum nicht?“
Ich schenkte ihm ein Lächeln, das ein aufblitzendes Echo in seinem attraktiven Gesicht fand, glitt vom Hocker und holte mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche meiner Jeans. Doch Nat winkte ab.
„Nein, lassen Sie stecken! - Pete? Die beiden Kaffees gehen auf meine Rechnung!“
Pete brummte eine Bestätigung, und Nat ging zur Garderobe neben der Eingangstür und nahm eine dünne Jeansjacke vom Haken, die er sich überstreifte. Fröstelnd bei der Vorstellung, dem kalten Wind und der Feuchtigkeit, die uns draußen erwartete, nur mit einem dünnen Jeansjäckchen zu trotzen, schlüpfte ich in meinen dicken Parka und zog ihn mir bis unters Kinn zu. Dann verließ ich das ‚Sailor’s Rest’ durch die Eingangstür, die Nat mir galant aufhielt .. bereit, Captain ‚Black Sam‘ Bellamy zu begegnen. Vielleicht wäre mit dem alten Knaben ja noch die eine oder andere interessante Geschichte verbunden, und so wäre dieser Tag letzten Endes nicht vollständig für die Katz.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:00 
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Der Sturm hatte weniger Schäden am Haus verursacht als Jay befürchtet hatte. Ein Schlagladen hing schief im Scharnier, ein paar Dachschindeln hatten das Fliegen gelernt und sich mit dem Wind davon gemacht, aber mehr war nicht geschehen. Erstaunlich, wenn man das hohe Alter des Hauses bedachte und seine exponierte, ungeschützte Lage hoch über dem Strand mit in Betracht zog. Dem Leuchtturm hatte der Wind natürlich nichts anhaben können. Er war aus massivem Stein, ebenso wie das Visitor Center, das vor einigen Jahren in direkter Nähe errichtet worden war. Doch das Wohnhaus mit seinen alten Balken, Brettern und Schindeln war eine andere Sache. Weshalb man bei jedem Sturm mit größeren Schäden rechnen musste, die für gewöhnlich dann auch eintraten.
Heute nicht. Diesmal war die Sache glimpflich abgegangen, und so machte Jay sich nach seinem Inspektionsgang erleichtert auf den Weg in den Schuppen, um geeignetes Handwerkszeug zu holen, mit dem er die kleinen Schäden würde beheben können. Danach würde er dann nach dem Stromgenerator schauen, der sich seit gestern Abend tot stellte.

Kaum war die Tür hinter ihm und Rufus zugefallen, als das Geräusch eines startenden Motors an sein Ohr drang und Jay eilig wieder ins Freie lief. Er sah nur noch die Rücklichter des davonfahrenden Toyotas und stieß einen leisen Fluch aus – warum stahl sie sich jetzt davon?
Sicher, er war ihr gestern nicht sonderlich freundlich begegnet. Aber er war es nun einmal nicht mehr gewohnt, mit Frauen umzugehen. Mit wirklichen Frauen, nicht mit Touristinnen, die im Sommer wie ein Schwarm hungriger, kreischender Möwen über Cape Cod herfielen und denen nicht einmal Higland Light zu abgelegen war. Er hatte die kleine Spanierin – und das war sie, denn sie hatte davon gesprochen, dass sie das Tagebuch in Sevilla hatte prüfen lassen – eingangs ziemlich ruppig abgefertigt, es später aber versucht wieder gutzumachen. Es hatte funktioniert, zumindest eine Zeitlang, denn während sie in der Küche gesessen und über Finleys Einträge gesprochen hatten, hatte sich eine fast schon kameradschaftliche Atmosphäre zwischen ihnen zu entwickeln begonnen. Er hatte ihr Interesse an dem Tagebuch geteilt, weil er sicher gewesen war, dass er das Dokument eines Mannes vor sich liegen gehabt hatte, der mit Captain Jack Sparrow gesegelt war, der vielleicht sogar dem Captain der Flying Dutchman begegnet war, auch wenn die Existenz des letzteren sich mehr auf Sagen und Mythen begründete denn auf Fakten. Die ganze Sache hatte einen Enthusiasmus in ihm geweckt, den Jay schon lange nicht mehr verspürt hatte. Bis der Blitz in den Stromgenerator eingeschlagen und die Kleine mit grenzenloser Panik erfüllt hatte. Das war der Anfang vom Ende gewesen.
Sie trug keine Schuld daran. Es war offensichtlich gewesen, dass ihre Angst nicht gespielt gewesen war, und sie konnte auch nichts dafür, dass sie bei ihm einen wunden Punkt getroffen hatte. Vorher schon eigentlich, nicht erst, als sie mit einem Schrei vom Stuhl in die Höhe gefahren war.
Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er je einer so faszinierend schönen Frau begegnet wäre. Einer so natürlich schönen Frau, die weder Make-up noch ein Haarstyling benötigte, um zu wirken. Selbst mit dem aufgelösten, feuchten Pferdeschwanz, der vor Kälte geröteten Nase und der unscheinbaren Kleidung hätte er am liebsten nichts anderes getan als sie die ganze Zeit über anzusehen. Was er natürlich nicht getan hatte, so viel Taktgefühl hatte er dann doch noch, auch wenn es Momente gab, in denen man das ernsthaft bezweifeln konnte.
Aber dann war da der Augenblick, in dem sie vor Angst aufgeschrieen und er sie beruhigt hatte. Wie gerne er sie da in seine Arme gezogen hätte, um sie zu halten, ihr besänftigend über den Rücken zu streicheln. Er hatte es nicht getan, stattdessen hatte er ihr einen Bourbon zu trinken gegeben – und sie dann aufs Neue brüskiert, nur weil sein Vorschlag, bei ihm im Haus zu übernachten, sie überrascht hatte. War es nicht nachvollziehbar, dass sie erst einmal skeptisch hatte sein müssen? Er war ein Fremder gewesen, und er hatte ihr bis zu dem Zeitpunkt nicht viel Grund gegeben, die neue Bekanntschaft vertiefen zu wollen. Trotzdem, es hatte ihn verletzt, dass sie schon fast schockiert reagiert hatte und ihm dann auch noch mit „Bates’ Motel“ gekommen war. Er hatte es gut gemeint, und sie hatte so getan, als hätte er ihr an die Wäsche gewollt oder wäre ein psychopathischer Killer. Er hatte überreagiert, sie war hinaufgegangen. Und das hatte offenbar das letzte sein sollen, das er von ihr zu hören und zu sehen bekommen hatte, denn sie hatte anscheinend den Zeitpunkt abgepasst, wo er das Haus verlassen hatte, um klammheimlich verschwinden zu können.

Undefinierbar sah Jay dem sich zügig entfernenden roten Toyota nach, bis der Wagen außer Sichtweite war, dann wechselte er einen Blick mit dem neben ihm sitzenden und zu ihm aufschauenden Rufus.
„Das hab ich wohl verbockt – oder was meinst du, alter Junge?“
Rufus bestätigte Jays Meinung, indem er mit seinem Schwanz das gelbe Gras platt schlug.
„Okay, lass uns zusehen, dass wir das Haus und den Stromgenerator repariert bekommen. Danach werden wir dem ‚Sailor’s Rest’ mal einen Besuch abstatten.“
Damit wandte Jay sich von der Straße ab und kehrte zu seinem Haus zurück. Mit seinen Gedanken blieb er allerdings bei der Kleinen aus Spanien, von der er – wie ihm erst jetzt bewusst wurde – noch nicht einmal den Namen wusste und die sein Leben einen halben Tag lang bunter und wieder lebenswerter gemacht hatte.

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Der Besuch im ‚Sailor’s Rest’ sollte noch etwas in den Hintergrund rücken, da Donald Goodall, Jays nächster Nachbar, just in dem Moment mit seinem alten Pick-up den Weg zum Leuchtturm hinaufgerattert kam, als Jay nach getaner Arbeit das Haus verließ, um nach Provincetown zu fahren. Der Motor seines Kutters würde wieder einmal mucken, murrte der alte Goodall, und ob Jay Zeit hätte, mal danach zu sehen. Er wüsste ja, dass es immer gleich Tage dauern würde, bis die in der Werkstatt von Provincetown den Fehler gefunden hätten. Und dass er keinen Tag Ausfall gebrauchen könnte, weil er sonst die Fangquote nicht erfüllen könnte. Jay nickte und winkte ab. Es war nicht das erste Mal, dass Goodall ihn um Hilfe bat, ganz sicher auch nicht das letzte Mal, und so viel Zeit musste einfach sein. Der alte Knabe, der wie Jay ebenfalls selbstständig war und sein Geld mit Fischfang verdiente, war ein guter Freund, der sofort einsprang, wenn einmal Not am Mann war. Ohne Wenn und Aber. Jay brachte es einfach nicht übers Herz, den Alten jetzt draufzusetzen, so ungelegen ihm die Bitte um Hilfe jetzt auch kam.

So war es also bereits später Nachmittag, als Jay seinen Jeep die Hauptstraße von Provincetown entlang steuerte, mit einer Mischung aus Vorfreude und schlechtem Gewissen im Bauch, die immer stärker wurde, je näher er dem ‚Sailor’s Rest’ kam. Aber heute schien sich alles gegen ihn verschworen zu haben, denn ein zufälliger Blick auf die Tanknadel machte ihm klar, dass vorher noch ein weiterer Stop fällig war, ehe er endlich bei Pete nach der kleinen Spanierin nachfragen konnte. Mit einem leisen Fluch steuerte Jay seinen Wagen von der Straße und fuhr die Tankstelle an, die dem ‚Sailor’s Rest’ gegenüber lag. Dabei kam ihm der Gedanke, dass die Kleine nach der gestrigen Nacht durchaus ihre Koffer gepackt und abgereist sein konnte. Und was dann?
Die Tür des Jeeps flog etwas fester als notwendig ins Schloss, während Jay sich darum bemühte, nicht weiter in diese Richtung zu denken. Nein, sie war sehr entschlossen gewesen, was ihre Angelegenheit betroffen hatte. Sie wollte herausfinden, warum sich das Tagebuch im Besitz ihrer Familie befand und was es mit der Kette auf sich hatte, die eventuell Calypso gehörte – eine Kette, zu der Jay ihr vielleicht noch ein paar Dinge hätte sagen können, wenn ihm nicht das Unwetter und danach sein Mangel an Feingefühl und sein Unvermögen, noch normal mit seinen Mitmenschen umzugehen, dazwischen gekommen wären.
Trotz der Logik, die seinen Überlegungen zu Grunde lag, beeilte Jay sich mit dem Tanken. Und hatte gerade den Stutzen in die Tanköffnung geführt, als er aus den Augenwinkeln sah, wie die Tür des ‚Sailor’s Rest’ sich öffnete und die Kleine herauskam. Ihr Anblick bewirkte erstaunliches in ihm. Er merkte, wie es ihm leichter ums Herz wurde und wie sich ganz wie von selbst ein Lächeln auf seine Züge legte. Aber nur einen Augenblick später verschwand dieses Lächeln restlos und machte einem finsteren Ausdruck Platz.
Nat, klar! Nat hatte noch nie lange gebraucht, um die Witterung eines hübschen Mädchens aufzunehmen und seine Angel nach ihm auszuwerfen. Mit seinem Charme als Köder, der Jay völlig abging, gelang es ihm stets in Rekordzeit, seiner Liste an Eroberungen eine weitere hinzuzufügen. Und es war ganz offensichtlich, dass Nats neues Opfer aus Spanien kam und schwarze, funkelnde Glutaugen besaß.
Mit grimmiger Miene sah Jay zu, wie die beiden auf den vor dem Hotel geparkten roten Toyota zugingen, und dabei bemerkte er nicht, dass sein Tank inzwischen voll gelaufen war und das Benzin übersprudelte.
„Hey, Jay! Voller geht’s nich!“
Joe Harveys tiefer Bass dröhnte aus dem Tankhäuschen tadelnd zu ihm herüber, so dass Jay seinen Blick von seinem Bruder und der Kleinen losriss und fluchend den Tankschlauch aus der Öffnung zog. Der scharfe Geruch von Benzin stieg ihm Übelkeit erregend in die Nase, und es stand fest, dass dieser ihn auch noch eine Weile begleiten würde, denn seine Schuhe glänzten nass und hatten wohl einiges abbekommen. Jay steckte den Tankschlauch mit unwilliger Miene in die Zapfsäule zurück, sah dann aber, einem Gefühl nachgebend, noch einmal zu Nat und der kleinen Spanierin hinüber – und blickte geradewegs in die schwarzen, ausdrucksvollen Augen, die ihn seit gestern nicht mehr loslassen wollten.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:05 
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„Hey, Jay! Voller geht’s nich!“
Es dauerte einen Moment, bis ich den Sinn der Worte begriffen hatte, die der Wind mir von der gegenüberliegenden Tankstelle herüber wehte – dann aber flog mein Kopf herum, und ich starrte den Mann an, dem diese Worte gegolten hatten.
Jay Bellamy!
Mein Herz setzte einen Schlag lang aus, als ich ihn wiedererkannte. Und gleich noch mal, als er den Kopf hob und mich schnurstracks ansah. Verärgert ansah, sicher, was auch sonst? Ich presste meine Lippen zusammen und sah lieber auf meinen Wagenschlüssel, den ich daraufhin auch gleich ins Türschloss schob, um den Toyota aufzuschließen. Besser weg hier, weg von diesem schrecklichen Menschen, der mir ständig das Gefühl gab, alles falsch zu machen. Und mich dann auch noch schuldig zu fühlen!
Warum war das so?
Warum machte es mir so viel aus, dass Jay Bellamy mich offenbar nicht leiden konnte und mich wohl eher auf den Mond wünschte statt nach Cape Cod? Ich kannte ihn doch gar nicht, war ihm nur einmal begegnet. Und hatte mich bei dieser Gelegenheit die meiste Zeit über ihn geärgert.
Ich beeilte mich, hinter das Steuer meines Leihwagens zu kommen und beugte mich zur Beifahrertür, um Nat zu öffnen. Nat, der netten Bellamy-Ausgabe. Nat, dem charmanten Piraten, der sich vielleicht ein wenig in der Aufmerksamkeit sonnte, den die Frauen ihm zuteil werden ließen, der ansonsten aber freundlich und zuvorkommend und unterhaltsam war. Auf alle Fälle ein sehr viel besserer Reiseführer und Piratenexperte als sein unverschämter Bruder, dem ich wahrscheinlich in einem früheren Leben mal in die Suppe gespuckt haben musste – anders konnte ich mir die Ablehnung nicht erklären, mit der er mir begegnete.
„Ist er eigentlich immer so?“, kam es mir über die Lippen, sobald Nat neben mir Platz genommen und ich den Motor gestartet hatte.
„So freundlich?“ Ich musste Nat nicht ansehen, um zu wissen, dass er grinste. „Ja, meistens. Nehmen Sie das nicht persönlich. Er war schon immer der ernstere von uns beiden gewesen.“
„Ernst? Zwischen ernst und beleidigend gibt es aber einen Unterschied!“
„Er hat sie beleidigt?“
„Er hat mir unterstellt, dass ich nicht lesen kann. Und dass ich keine Ahnung habe, wovon ich rede. Und überhaupt war sein ganzes Verhalten mir gegenüber eine einzige Beleidigung!“
Nats Lachen hatte etwas ungemein warmes, angenehmes, so dass ich merkte, dass meine Wut sich in Luft aufzulösen begann. Und dabei hatte ich mich doch gerade erst hineinsteigern wollen!
Ich steuerte den Toyota an der Tankstelle vorbei, ohne noch einmal in Jay Bellamys Richtung zu sehen.
„Sie sollten sich was darauf einbilden, dass er überhaupt mit Ihnen geredet hat, Cora! Für gewöhnlich knallt er ungebetenem Besuch nämlich kommentarlos die Tür vor der Nase zu. Und übernachten lässt er normalerweise schon mal gar keinen bei sich.“
„Soll das heißen, dass ich jetzt privilegiert bin? – Dass er mich mag?“ Ich konnte es nicht glauben.
Wieder lachte Nat auf, und ich schmunzelte unwillkürlich.
„Wenn Sie es SO wollen, dann ja. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass er in den letzten Jahren Kontakt zu Fremden gehabt hätte. Und ich hätte es mitbekommen, das können Sie mir glauben. Er ist immerhin mein Bruder.“
„In den letzten Jahren? – Klingt, als wäre er früher anders gewesen.“
Der Regen setzte wieder ein, und ich schaltete die Scheibenwischer an.
„Ja, war er. So krass wie jetzt ist er früher nicht gewesen. Ernst, ja. ZU ernst für meinen Geschmack. Aber in Ordnung.“
„Und wieso hat sich das geändert?“
Ich bemerkte, dass ich dabei war, Nat über Jay auszufragen, aber ich konnte einfach nicht anders. Ich wollte verstehen, warum sein Bruder so war. Was ihn dazu gebracht hatte, sich so abzukapseln, wenn er doch früher anders gewesen war. Warum er bei mir offenbar eine Ausnahme gemacht hatte, indem er mich in seinem Haus hatte schlafen lassen. Warum er ein paar Augenblicke lang eben nicht abweisend und unverschämt gewesen war, sondern mitfühlend, fürsorglich und zärtlich.
’Merkst du was, chica?’, ging es mir spöttisch durch den Kopf. ’Du bist hierher gekommen, um deine eigene Vergangenheit zu erforschen, und jetzt erforschst du die dieses seltsamen Kerls.
Nein, nicht nur seltsam. Er war mehr als das, so langsam begann ich das zu begreifen. Er faszinierte mich, auf eine seltsame, düstere Art. Und das hatte nichts mit seinem guten Aussehen zu tun – nun gut, oder nicht allzu viel – denn wenn es mir nur darum ginge, wäre ich bei Nat sehr viel besser aufgehoben. Ich spürte es nur zu deutlich, dass es mir nicht schwer fallen würde, bei diesem zu landen, wenn ich es darauf anlegen würde. Und es war keine Frage, dass er weniger schwierig zu handhaben wäre als sein Bruder. Aber es war eben nicht das Aussehen allein, das letzterer mir so präsent war. Und es war ganz sicher auch nicht sein Charme, denn Jay Bellamy hatte keinen. Es lag wohl sehr viel eher an seiner offenkundigen Vielschichtigkeit und meinem Bedürfnis, ihn verstehen zu wollen, dass er mich inzwischen so sehr beschäftigte. Und ich hoffte, über die Quelle Nummer zwei – nach Jay selbst – ein paar Informationen zu erhalten, die meinen Horizont etwas erhellen würden.
„Er hat seine Frau verloren.“
Dieser Satz, von Nat in undeutbarem Ton ausgesprochen, zog mir nun doch den Boden unter den Füßen weg. Mit großen Augen sah ich ihn an.
„Er hat was?“
„Seine Frau verloren. Durch einen Autounfall. Ist jetzt drei Jahre her.“
Nat sah mich nicht an bei diesen Worten, sondern geradeaus auf die Straße. Was wahrscheinlich ganz gut war, denn er griff mir plötzlich ins Lenkrad und brachte den Toyota, der im Begriff gewesen war, eine Straßenlaterne zu rammen, wieder auf den rechten Weg.
„Sie sollten lieber auf den Verkehr achten, Cora – es sei denn, Sie sind auch scharf auf einen Unfall.“
Das war ich natürlich nicht. Ich blickte tief durchatmend wieder nach vorne und fuhr weiter, aber ich drosselte das Tempo, denn meine Gedanken fuhren Achterbahn in meinem Kopf, so dass meine Konzentration, die zum Fahren erforderlich war, nicht die allerbeste war.
„Tut mir leid“, murmelte ich schließlich betroffen. „Ich hätte nicht fragen sollen, es .. geht mich ja nichts an.“
„Schon okay. Sie konnten das ja nicht wissen. Außerdem, wenn ich nicht hätte antworten wollen, hätte ich es auch nicht getan.“
Ich nickte, sah Nat dabei aber nicht an, sondern fuhr weiter die Hauptstraße hinunter. An der nächsten Kreuzung wurde ich noch langsamer, weil ich nicht wusste, wo es hinging, setzte dann aber den Blinker nach rechts, als Nat mir bedeutete, abzubiegen.

Er hatte seine Frau verloren. Bei einem Autounfall. Und seitdem war er so.
Konnte man es ihm verübeln? Manche Menschen kamen nie über den Verlust eines geliebten Partners hinweg, andere veränderten sich eben. Wurden härter. Kälter. Ich wusste es plötzlich mit Sicherheit, dass Jay früher wirklich anders gewesen war. Dass er ein zärtlicher Mann gewesen war, der sich um seine Lieben gesorgt hatte. Der seine Frau wahrscheinlich auf Händen getragen hatte. Dem Beleidigungen und Gefühlskälte fremd gewesen waren. Bis zu dem Tag, an dem er sie verloren hatte ..
Was mir darüber hinaus noch auffiel, war, dass auch Nat ernster geworden war. Hatte er eben noch vor Charme nur so gesprüht und mich mit einem gewinnenden Lächeln nach dem anderen bedacht, so sah er jetzt nachdenklich aus dem Fenster und sprach nicht mehr. Ich respektierte sein Bedürfnis nach Schweigen und sagte ebenfalls nichts mehr. Es war ohnehin nicht notwendig. Über Jay Bellamy schien alles gesagt, und das Museum war inzwischen ausgeschildert. So hingen wir für den Rest der Fahrt jeder unseren Gedanken nach. Und wahrscheinlich war der Gegenstand derselben bei uns beiden der Gleiche.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:08 
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Als wir das Whydah-Museum schließlich betraten, deutete nichts mehr auf das Thema unseres letzten Gesprächs hin. Nat hatte seinen Charme wieder angeknipst und bedachte mich mit lockeren Sprüchen, hin und wieder einem verschmitzten Zwinkern und mit einem verwegenen Lächeln nach dem anderen. Damit brachte er erneut die kleine Alarmglocke in meinem Kopf zum Läuten, die sich immer dann meldete, wenn ich mich im Visier eines Schürzenjägers auf Beutezug wähnte. Und ein Schürzenjäger war er ganz gewiss. Mir fiel nämlich auf, dass er sein 1000-Watt-Lächeln nicht nur für mich einschaltete, sondern es auch, wenn er sich unbeobachtet glaubte, anderen Exemplaren des weiblichen Geschlechts zukommen ließ. Das brachte mich jedoch nicht auf die sichere Seite, denn auch wenn ich nicht die einzige war, mit der er flirtete, flirtete er mit mir doch ganz offenkundig am heftigsten.
Ich nahm es hin und genoss es auch ein wenig. Ich kannte ihn zwar nicht und ich hatte auch ganz gewiss nicht vor, etwas mit ihm anzufangen, aber es war einfach ein schönes Gefühl, von einem attraktiven Mann wie ihm umworben zu werden. Auch wenn er höchstwahrscheinlich nur auf einen One-Night-Stand aus war, das war egal.

Ich hatte mir inzwischen meinen Parka ausgezogen und ihn mir über den Arm gelegt, denn hier im Museum wurde gut geheizt. Es war mir nur recht, denn endlich war es warm genug, dass mein sonnenverwöhnter Körper sich wohl fühlen konnte und nicht mehr fror. Es war wahrscheinlich das erste Mal, seit ich in den USA gelandet war, dass mir endlich mal nicht kalt war.
Auch Nat hatte seine Jacke ausgezogen und sie sich leger über seine Schulter geworfen, und so schlenderten wir zwischen Gemälden und Schiffsmodellen einher, bis Nat vor einem großen Ölbildnis stehen blieb und schweigend auf den Mann sah, den es darstellte. Ich folgte seinem Beispiel – und mir klappte die Kinnlade nach unten.
„Darf ich vorstellen? Mein Ur-ur-ur-undsoweiter-Großvater ‚Black Sam‘ Bellamy. – Sam? Das ist Cora Fuentez, ein verdammt süßes Mädel aus Spanien. Aber wenn du auch nur daran denken solltest, deine untoten Griffel nach ihr auszustrecken, bekommst du Stress mit mir. Klar soweit?“
Ich lachte leise auf bei Nats kleiner, besitzergreifender Ansprache, nahm dafür aber nur kurz meinen Blick von Sam Bellamy – und richtete ihn danach gleich wieder auf sein Gesicht, ein Gesicht, das mir inzwischen unglaublich vertraut war, mit den geschwungenen Brauen und den braunen, funkelnden Augen, der geraden Nase, dem verführerischen Mund und den hohen Wangenknochen, die seine Züge adelten und ihn eher aussehen ließen wie einen Aristokraten als einen Freibeuter.
Die Ähnlichkeit war frappierend. Mit Nat noch mehr als mit Jay, denn Sam trug sein dunkelbraunes Haar lang, und an seinem Ohr funkelte ein goldener Ohrring. An seinem linken Ohr und nicht wie bei Nat an seinem rechten. Aber das fiel nun wirklich nicht ins Gewicht, so oder so, Nat Bellamy sah aus wie die Wiedergeburt ‚Black Sam‘ Bellamys – fast so, als wäre er gerade erst dem Gemälde entstiegen.
„Fehlen nur noch der rote Umhang und der Ledergurt“, bemerkte ich schmunzelnd und löste meinen Blick von dem verwegen von der Leinwand blickenden Seeräuber, um ihn wieder auf meinen piratenhaften Begleiter zu heften. Er quittierte sowohl meine Worte als auch meinen Blick mit einem leisen Lachen und erwiderte: „Du solltest mich mal sehen, wenn ich ihn im Sommer bei den Piratenfestspielen gebe ..“, sein Zwinkern nahm seiner Bemerkung die Selbstverliebtheit, die man sonst hätte hineininterpretieren können, „ .. dann fallen die Mädels reihenweise in Ohnmacht.“
„Ich hab nicht weniger erwartet“, gab ich lächelnd zurück, sah wieder zu Black Sam in die Höhe und fragte: „Und wie lautet jetzt die Geschichte, die sich um deinen Urahnen rankt? Jeder Pirat hat doch eine .. wo es um einen Schatz, eine Frau und um Kampf und Tod geht.“
„Schlaues Mädchen“, Nat lächelte immer noch, als er das raunte, doch gleichzeitig streichelte sein Blick mein Gesicht so zärtlich, dass es in meinem Bauch nervös zu kribbeln begann. Vielleicht war der Abstand, auf den ich gedanklich zu ihm gegangen war, doch nicht groß genug gewesen.
Als ob er es ahnte, was gerade in meinem Kopf vorging, sah er mich noch einen Moment länger an, und bevor er seine Hand in seine Hosentasche schob, streiften seine Finger flüchtig meine. Verdammt, er hatte einen Gang hochgeschaltet und war von unverfänglichem Geflirte zu ernstzunehmender Anmache übergegangen. Ich war mir auf einmal ziemlich sicher, dass es besser wäre, aus seiner Reichweite zu kommen, ehe er in die Vollen ging.
„Sam Bellamy stammt von Cape Cod, aber von wo genau, das ist nicht bekannt. Er hat schon als kleiner Junge angeheuert und eigentlich sein gesamtes Leben auf dem Meer verbracht. Recht früh soll er sich Freibeutern angeschlossen haben, und das Kommando über ein eigenes Schiff soll er bereits im Alter von zweiundzwanzig Jahren gehabt haben. Er ist ziemlich berüchtigt gewesen in diesem Teil des Atlantiks, hat eine Menge Handelsschiffe aufgebracht und gegen Ende seines Lebens sogar eine kleine Piratenarmada befehligt. Sein Flaggschiff war die Whydah, die Clifford 1984 gefunden hat. Mit dieser ist er im Jahre 1717 vor dem Marconi Beach in einen Sturm geraten und mit Mann und Maus gesunken. Nachdem er mehr als fünfzig Schiffe geplündert hatte ..“
Nats sah mich bezeichnend an, und ich wusste nichts Intelligenteres zu erwidern als: „Oh!“
Er lächelte. Dann trat er plötzlich hinter mich, was meine Alarmglocke wieder in Gang setzte, beugte sich zu mir herab und raunte mir in mein Ohr: „Außerdem wird erzählt, dass er auf dem Rückweg zu seiner Liebsten gewesen sein soll .. Miss Maria Hallett of Wellfleet, einer dunkelhaarigen Schönheit, der er verfallen gewesen ist ..“ - Ich fragte mich, ob Miss Hallett jetzt wohl eine hellhaarige Schönheit gewesen wäre, wenn mein Haar nicht schwarz, sondern blond wäre – „.. die ihn mit ihrer Leidenschaft verrückt gemacht hat, so dass er keine andere mehr gewollt hat als sie ..“ – da waren sie, die Vollen, in die er gerade ging. Zeit für mich, zu verschwinden.
„Ach ja? Das ist aber interessant“, bemerkte ich betont ungezwungen und machte einen Schritt vor, um aus Nats Nähe zu kommen. Dann drehte ich mich zu ihm um .. und zuckte erschrocken zurück, als ich feststellen musste, dass er mir nachgegangen war und jetzt dicht, sehr dicht vor mir stand. „Und … äh, was ist mit Miss Hallett of Wellfleet passiert?“
Nat hob langsam seine Hand und streichelte mir sachte über meine Wange. „Sie war nur wenige Meilen entfernt, als ihr Liebster im Meer ertrank. Es heißt, ihr Herz wäre ihr in diesem Moment in der Brust zersprungen und sie wäre tot zu Boden gesunken.“
Ich schluckte. Weniger wegen des traurigen Schicksals, das Miss Hallett ereilt hatte als mehr wegen der intensiven Präsenz des chicos vor mir. Von seiner Wirkung auf mich, die ich wohl bislang unterschätzt hatte, gar nicht zu reden.
„Ich .. also .. das ist ja echt tragisch ..“, murmelte ich mit nicht sonderlich fester Stimme und war dabei, rettungslos in den funkelnden, braunen Augen zu versinken, die mich hypnotisierend ansahen.
„Geh heute abend mit mir essen“, lautete die abermals geraunte Antwort, die nichts mehr mit dem Gespräch zu tun hatte, das wir soeben noch geführt hatten. „Es gibt hier einen wirklich guten Mexikaner. Ich hole dich um acht Uhr ab. Okay?“
Ich wusste, dass es besser war, jetzt nein zu sagen und anstelle der empfehlenswerten Tortillas ein paar Sandwiches zu kaufen und auf meinem Zimmer zu verdrücken. Aber in diesem Moment, wo Nat mich allein mit seinem Blick und seiner Stimme in seinem Bann hielt, war es mir nicht möglich, vernünftig zu sein. Und so nickte ich schließlich kaum merklich und brachte heiser hervor: „Si, bueno .. acht Uhr.“
Nats leichtes Lächeln intensivierte sich, und ehe ich mich versah, hatte er mein Kinn sachte umfasst und meine Lippen mit seinen gestreift. Ganz leicht nur, völlig unaufdringlich – aber gerade darum ja so verteufelt gefährlich, denn ich ertappte mich bei dem Wunsch, dass er das noch einmal machen sollte. Länger machen sollte. Hölle noch mal, ich wollte richtig geküsst werden!
„Ich seh dich, Kleines.“
Sanft streichelte sein Daumen noch einmal über meine Lippen, dann wandte Nat sich von mir ab und ging. Doch so willenlos ich gerade noch gewesen war, so bereit, mich eben doch auf ihn einzulassen, in dem Moment aber, wo er mich ‚Kleines’ genannt hatte, hatte sich kurzfristig ein anderes Gesicht über seines geschoben – eines, das so anders eigentlich gar nicht war, dessen Kinn jedoch von Bartstoppeln bedeckt war und nicht von einem Spitzbart.
“Komm, setz dich, Kleines!“ - „Ich werde jetzt das Fenster öffnen, aber nur, um den Schlagladen zuzuziehen. Okay? Du musst keine Angst haben, ich bin bei dir. Es passiert dir hier nichts, es wird nur einen Moment lang etwas windig werden. Wenn es dir hilft, dann halt dir die Ohren zu, Kleines.“ - „Es ist alles gut, Kleines. Du kannst die Augen wieder aufmachen.“
Wenn ich auch in meinen persönlichen Nachforschungen noch nicht sonderlich weit gekommen war, so wusste ich doch eines inzwischen mit Sicherheit: Die Bellamy-Brüder hatten eine fatale Wirkung auf mich!

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:10 
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Irrlicht
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Die Fahrt zurück zum „Sailor’s Rest“ dauerte nicht lange, und da ich genügend Stoff zum Nachdenken hatte, kam sie mir sogar noch kürzer vor. ‚Black Sam‘ Bellamy, Jay Bellamy, Nat Bellamy .. wie es schien, wurde ich den Clan der Bellamys so schnell nicht los. Egal, ob tot oder lebendig.
Und das sollte sich bestätigen, als ich mein sogenanntes Hotel wieder betrat, denn dort wartete der nächste Vertreter der Zunft auf mich. Einer, der mich mental aus dem Tritt brachte, denn auf der einen Seite machte mein dummes Herz einen Satz, als ich Jay Bellamys ansichtig wurde. Auf der anderen wappnete ich mich direkt für die nächste Attacke, die gewiss nicht lange auf sich warten lassen würde. Dachte ich zumindest. Umso erstaunter war ich, als er sich von seinem Platz an der Theke erhob und mit einem ausgesprochen freundlichen Lächeln auf mich zukam.
Was war denn jetzt gebacken?
Ich erwiderte Bellamys Lächeln ansatzweise, während ich mir meinen Parka abstreifte und mir das wirre Haar aus dem Gesicht strich, das hier in dieser Gegend dauerhaft feucht zu sein schien.
„Miss Fuentez“, begrüßte Bellamy mich und machte mir damit klar, dass er sich in der Zwischenzeit bei Pete über mich erkundigt haben musste, denn ich wusste genau, dass ich ihm meinen Namen bislang nicht genannt hatte.
„Mister Bellamy“, erwiderte ich ebenso freundlich, aber gleichzeitig distanziert und auf alle Fälle vorsichtig, weil ich bei ihm mit allem rechnete. Vor allen Dingen mit allem Unangenehmen.
„Haben Sie einen Moment Zeit?“
Bellamys Augen funkelten bei dieser Frage nicht minder intensiv als es Nats getan hatten, während er bei mir auf Flirtkurs gegangen war. Die Verwandlung seines Bruders vom grantigen Bergtroll zum galanten Charmeur wunderte mich nicht wenig!
Si, claro“, antwortete ich, nach außen hin leichthin, innerlich jedoch angespannt, denn ich wollte dem Braten einfach nicht trauen. Die Art, wie er mich am Vortag empfangen und abgekanzelt hatte, war einfach noch zu frisch.
Jay Bellamys Lächeln vertiefte sich und brachte unter seinen Bartstoppeln ein paar Grübchen in seinen Wangen zu Tage, die mir bei seinem Zwillingsbruder entgangen sein mussten. Sie verliehen ihm ein jungenhaftes Aussehen, obwohl ich mir sicher war, dass er die Dreißig bereits überschritten haben musste. Und sie machten ihn ganz unbestreitbar noch attraktiver.
„Gut. Dann kommen Sie.“
Er legte mir eine Hand an meinen Arm und bugsierte mich mit sanfter Gewalt auf einen der freien Tische zu, von denen das „Sailor’s Rest“ zu dieser Jahreszeit eine Menge zu bieten hatte. Dort drückte er mich auf einen Stuhl, zog sich sein Fleece-Shirt aus, das er über die Lehne des mir gegenüberstehenden Stuhles hängte, und auf diesen setzte er sich dann auch. Ich faltete meine Hände vor mir auf dem Tisch in Erwartung dessen, was er mir jetzt wohl zu sagen hätte.
„Es tut mir leid“, kam er dann auch sofort zur Sache. Und zwar so direkt, dass ich verwundert meine Augenbrauen hob und ihn forschend ansah. War das jetzt der Auftakt zu einer weiteren Beleidigung, und ich hatte es nur noch nicht begriffen?
„Was tut Ihnen leid, Mister Bellamy?“
„Wie ich gestern mit Ihnen umgegangen bin. Ich bin nicht sonderlich höflich gewesen“, eine gelinde Umschreibung für sein unglaublich beleidigendes Verhalten, „und habe Sie letzten Endes wohl von Highland Light verjagt – zumindest denke ich das, da sie es heute Morgen ziemlich eilig hatten.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich habe nicht Reißaus genommen, falls Sie das denken sollten. Ich habe Sie gesucht, um mich bei Ihnen zu verabschieden, Sie aber nicht gefunden. Darum bin ich schließlich gefahren. Ich hatte Ihnen ohnehin schon genug Umstände gemacht.“
Er nickte, und etwas in seiner Miene sah so aus, als wäre er erleichtert. Oder bildete ich mir das nur ein?
„Tja, dann war das wohl ein Missverständnis. Wie auch immer .. ich hoffe, Sie nehmen meine Entschuldigung an. Ich bin Besucher einfach nicht mehr gewöhnt und hab wohl nicht die besten Manieren an den Tag gelegt.“
Ich winkte ab, und das nicht nur der Höflichkeit wegen. Ich stellte fest, dass ich es ihm wirklich nicht mehr nachtrug – nachtragend zu sein war auch gar nicht meine Art. Er hatte sich mies benommen, er hatte sich entschuldigt, und fertig war die Laube.
„Schwamm drüber. Sie hatten einfach einen schlechten Tag. Sowas passiert mir auch ab und zu.“
„Wirklich?“
Jetzt schmunzelte er, und genau wie am Vortag zog dieses kleine Lächeln meinen Blick wie magisch auf sich. Es war anders als Nats Lächeln. Nats war gewinnend, charmant, aber irgendwie auch routiniert. Man sah es ihm an, dass er um seine Wirkung wusste, und er genoss es. Jays Lächeln war dezenter. Kaum merklich. Als ob ein Hauch von Gefühlen zu diesem Mann zurückkehren würde, der ansonsten keine Gefühle mehr hatte. Ein Anflug von Lebendigkeit und Wärme. Wie er wohl gewesen sein mochte, ehe seine Frau ums Leben gekommen war?
„Hören Sie, Cora – ich bin nicht nur hergekommen, um mich bei Ihnen zu entschuldigen. Ich wollte Ihnen vorschlagen, dem Whydah-Museum morgen Vormittag mit mir zusammen einen Besuch abzustatten. Ich denke, ich könnte Ihnen vielleicht etwas Interessantes zeigen.“
„Das Whydah-Museum? In dem war ich heute schon ... gerade eben, mit Ihrem Bruder. Und bin bereits bestens über Ihr Verwandtschaftsverhältnis zu ‚Black Sam‘ Bellamy informiert.“
Bildete ich es mir nur ein oder verdunkelte sich Jays Blick in diesem Moment wirklich?
„Sicher .. ich hätte es mir denken können, dass Nat Ihnen das Museum bereits gezeigt hat. Er ist ziemlich schnell in solchen Dingen.“
Die Art, wie Jay das sagt – mit einem bitteren Unterton, den ich mir nun ganz gewiss nicht eingebildet hatte - ließ mich aufhorchen. Was war da zwischen den beiden Brüdern? Mir wurde erst jetzt klar, dass sie sich bereits vorhin auf der Straße gegenseitig ignoriert hatten. Kein Gruß, kein Handschlag, kein kurzer Wortwechsel, wie man es doch eigentlich erwarten sollte, wenn zwei Geschwister sich zufällig treffen. Irgendetwas stimmte hier nicht, das wurde immer deutlicher.
„Aber mit ‚etwas Interessantes‘ meinte ich nicht unseren Verwandtschaftsgrad zu ‚Black Sam‘“, fuhr Jay eine Spur kühler fort. „Der bedeutet mir persönlich ohnehin nichts. Ich sprach von der Kette. Hat Nat Ihnen auch die Kette gezeigt?“
„Kette?“
Ich glaube, mein Gesichtsausdruck war gerade nicht der Intelligenteste.
„Die Muschelkette, die dort ausgestellt ist. Clifford hat sie aus dem Meer geholt. Allerdings hat sie mit der Whydah selbst nichts zu tun, denn er hat sie in einer Unterwasserhöhle gefunden. Sie wird dennoch gemeinsam mit den Fundstücken der Whydah präsentiert, weil man sie sonst keinem Fund zuordnen kann. Wohl nicht einmal einer bestimmten Zeit. Fest steht nur, dass sie ziemlich alt sein muss. Älter als die Whydah auf alle Fälle ...“
Mein Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen.
„Nein, die hat er mir nicht gezeigt. Er weiß nicht, dass ich an einer Kette aus Muscheln interessiert bin. Ich habe ihm von Finleys Tagebuch nichts erzählt.“
Eine von Jays elegant gezeichneten Augenbrauen hob sich andeutungsweise in die Höhe.
„Haben Sie nicht? Warum nicht?“
Ich wusste es selbst nicht, darum zuckte ich mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Vielleicht, weil keine Zeit dazu war. Er hatte sich mir kaum vorgestellt, da sind wir auch schon los.“
War das die Antwort gewesen, die er hatte hören wollen? Ich wusste es nicht. Und fragte mich dann auch, warum es mir überhaupt wichtig war. Sollte er doch denken, was er wollte. Was ging er mich an?
Jay nickte, dann zuckte er mit den Schultern und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Dabei sah er mich undefinierbar an.
„Also abgemacht? Morgen Vormittag?“
Natürlich wollte ich die Kette unbedingt sehen, also nickte ich. Und redete mir ein, dass es wirklich nur wegen der Kette war, dass ich zusagte. Jay nickte wieder, so als hätte er sich schon gedacht, dass ich zusagen würde, dann stand er auf und griff nach seinem Fleece-Shirt.
„Dann sehen wir uns also. Ich hole Sie um zehn Uhr ab.“
Keine Frage, ob mir das auch recht war, sondern eine unumstößliche Feststellung. Ich sparte mir die Antwort, weil es nichts mehr zu sagen gab und beschäftigte mich damit, meinen Ärger niederzukämpfen, der bei seiner bestimmenden Art wieder einmal in mir hochkommen wollte. Wie schaffte es Jay Bellamy bloß jedesmal so schnell, meine Laune in den Keller zu ziehen?
Er streifte sich das Fleece-Shirt über, und ich erwischte mich dabei, wie ich in dem Moment, wo sein Kopf darunter verschwand, meinen Blick über seine Gestalt gleiten ließ. Als er strubbelig wieder zum Vorschein kam, sah ich allerdings eilig in eine andere Richtung, denn natürlich wollte ich nicht, dass er falsche Schlüsse zog und noch auf die Idee kam, ich wäre an ihm interessiert.
Ich erhob mich ebenfalls und schob gut erzogen den Stuhl wieder an den Tisch. Jay hatte sich bereits von mir abgewandt und ging auf den Ausgang zu. Aber ehe er dadurch verschwand, wandte er sich noch einmal zu mir um und fragte: „Mögen Sie Fisch? Es gibt hier ein gemütliches Restaurant am Hafen ... es würde Ihnen gefallen.“
Perplex sah ich ihn an. Sollte ich das jetzt als Einladung auffassen? Er hatte nicht explizit gesagt, dass er mich einlud. Auf der anderen Seite, warum sollte er mich sonst fragen, ob ich Fisch mochte?
„Ich mag Fisch, Ja. Aber heute Abend habe ich schon etwas vor. Ihr Bruder hat mich zum Mexikaner eingeladen.“
Wieder dieses Nicken, wieder diese undeutbare Blick.
„Natürlich. Was auch sonst … - Also, wir sehen uns dann morgen. Bye.“
Damit verschwand er. Und ließ mich mit einem Gefühl zurück, dass man wohl am ehesten mit dem paradoxen Ausdruck „erleichtertes Bedauern“ beschreiben konnte.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:11 
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Irrlicht
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Ich hatte nicht damit gerechnet, bei meinem kleinen Urlaub auf Cape Cod zum Abendessen eingeladen zu werden, dementsprechend schlicht war meine Garderobe. Kein Kleid, nicht einmal ein Rock, den ich hätte anziehen können – nur Jeans und die unterschiedlichsten Arten von Pullovern, unter denen ich eine Auswahl treffen musste. Ich entschied mich letzten Endes für einen schwarzen, dünnen Rolli, den ich in meine ausgebleichte Jeans stopfte, und um meine Erscheinung zur Feier des Tages zumindest ein bisschen präsentabler zu machen, trug ich mein langes, frischgewaschenes Haar offen und hatte auch ein wenig Rot auf die Lippen gelegt. Den entsprechenden Lippenstift dazu hatte ich zufällig noch in meinem Kulturbeutel gefunden.

So zurecht gemacht verließ ich um kurz vor Acht mein Zimmer und ging hinunter in den Schankraum meines Hotels. Den Parka hatte ich mir über den Arm gelegt, und in der Innentasche desselben befand sich nach wie vor Finleys Tagebuch. Nicht, dass ich jetzt vorgehabt hätte, Nat davon zu erzählen. Ich fühlte mich einfach besser, wenn ich es bei mir trug. Es war kostbar, zum einen im Hinblick auf sein Alter, zum anderen, weil es ein Familienerbstück war, und ich wagte es einfach nicht, es für längere Zeit irgendwo allein zurückzulassen.

Nat war schon da, und das erstaunte mich ein wenig. Er war mir nicht wie der superakurate typo schlechthin erschienen, weshalb ich mit dieser beinahe schon bürokratischen Pünktlichkeit wirklich nicht gerechnet hatte. Aber es war mir nur recht. Ich war nicht die Geduldigste, und wer weiß wie lange auf einen chico warten zu müssen, der nichts von Pünktlichkeit hielt, wäre sowieso kein guter Start in den Abend gewesen.
Er sah gut aus.
Nein, er sah umwerfend aus! Das lange Haar trug er jetzt offen – fast so, als könnte er Gedanken lesen und hätte gewusst, dass ich es ebenso halten würde – und obwohl es eigentlich nur gewellt war, ringelten sich die Spitzen in kleinen Locken bis auf seine Schultern. Er hatte das weiße Hemd gegen ein schwarzes getauscht, welches er wieder einmal leger über der Hose trug und das, eng anliegend, wie es war, seinen gut gebauten Oberkörper ziemlich vorteilhaft betonte. Und die Jeans, in der seine langen Beine steckten, waren ebenfalls verwaschen. Als hätten wir uns abgesprochen.
Er stand am Tresen und sah mir mit einem weiß aufblitzenden Lächeln in seinem Piratengesicht entgegen, als ich auf ihn zugeschritten kam.
„Wenn das nicht der schönste Anblick ist, der sich mir hier seit Jahren geboten hat, dann weiß ich es auch nicht! – Hi Cora. Sie sehen umwerfend aus!“
Ich schmunzelte bei seinem übertriebenen Kompliment, fühlte mich aber natürlich auch geschmeichelt.
„Das kann ich nur zurückgeben, Nat“, entgegnete ich, während ich seine Hand schüttelte – was ich bewusst kurz tat, obwohl ich spürte, dass er sie gerne noch etwas länger in seiner behalten hätte. ‘Keine Affäre!‘, erinnerte ich mich energisch. ‘Du bist nur hier, um Nachforschungen zu betreiben. Zu nichts anderem!‘
Ich strich mir eine störende Haarsträhne aus dem Gesicht und sah bedeutsam zur Tür.
„Wollen wir? Oder ist Pete der Mexikaner, von dem Sie gesprochen haben?“
Nat lachte auf. Ein tiefes, warmes Lachen, das etwas tief in mir zum Vibrieren brachte.
„Pete hat so viel von einem Mexikaner wie Michael Jackson von einem Weißen.“
Grinsend nahm Nat seine Jacke vom Tresen – eine schwarze Lederjacke diesmal, was ich in Anbetracht des hiesigen Wetters und der niedrigen Temperaturen ohnehin für angebrachter hielt als eine Jeansjacke – dann wandte er sich mir wieder zu und lächelte.
Und dann griff er ungefragt nach meiner Hand und zog mich mit sich!
Mein Entschluss, auf Abstand zu bleiben und hier nichts mit niemandem anzufangen, geriet ordentlich ins Wanken. Seine Hand fühlte sich verdammt gut an, und ich wusste, das würde auch auf den Rest des Mannes zutreffen. Ich folgte ihm zur Tür hinaus und war froh, dass mir draußen das Anziehen meiner Jacke die Gelegenheit bot, mich ihm wieder zu entziehen. Gleichzeitig bedauerte ich es paradoxerweise wieder einmal, bemerkte es und fand mich in diesem Augenblick wirklich schrecklich. Hatte ich einen Mann denn so nötig? Nun gut, meine letzter chico lag schon eine Weile zurück, von daher …
Nat schien zu spüren, wie ich auf ihn ansprang, denn kaum hatte ich mir die Jacke bis zum Kinn zugezogen, griff er wieder nach meiner Hand und umschloss sie wie selbstverständlich mit seiner, ehe er sich erneut mit mir in Bewegung setzte. Diesmal entzog ich mich ihm nicht. Ich wollte es ja auch gar nicht, wie ich mir inzwischen eingestanden hatte, sondern genoss im Gegenteil sein charmant-dreistes Vorgehen. Es musste mir niemand mehr sagen, dass er ein Auge auf mich geworfen hatte, und ich war ja auch nicht abgeneigt. Einzig mein Vorsatz, es hier bei meinen Nachforschungen zu belassen und keine Bettgeschichte anzufangen – schon gar keine mit einem Casanova wie Nat, der sowas ganz gewiss nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal machte – ließ mich mit Zurückhaltung auf ihn reagieren. Die Frage war nur, wie lange noch.

Bis zum Mexikaner war es nicht weit. Wir gingen höchstens zehn Minuten die Hauptstraße hinab, dann hatten wir das Restaurant erreicht und betraten es. Wärme drang uns entgegen, wofür ich wirklich dankbar war. Zudem leise Gitarrenklänge und der Duft nach Tortilla und Salsa-Sauce. Mein Magen meldete sich hörbar, was Nat veranlasste, sich zu mir umzudrehen und mir ein amüsiertes Lächeln zuzuwerfen.
Der Kellner kam und führte uns zu einem Tisch am Fenster, von dem aus wir einen wunderbaren Ausblick aufs Meer hatten. Es war inzwischen stockfinster draußen, aber der Mond durchbrach hin und wieder die dahin jagenden Wolkenfetzen und tauchte das wogende, von Gischt gekrönte Meer in silbernes Licht. Ein wildromantischer Anblick, der sehr zu dem wildromantischen Piraten passte, welcher mich begleitete. Nur das mexikanische Restaurant an sich – so hübsch es auch war und so sehr ich mich auf die Küche freute, die viele Gemeinsamkeiten mit der spanischen hatte - war nicht so ganz stimmig. Mir kam Jays Einladung in den Sinn. Das kleine Fischrestaurant .. nichts hätte jetzt besser gepasst. Aber ich befand mich nicht in dem kleinen Fischrestaurant, ich befand mich auch nicht in Jays Gesellschaft. Es war Nat, mit dem ich ausging, der umwerfend aussehende, charmante, unterhaltsame, willige Nat. Es würde heute abend keine Missstimmung geben heute, keine unverschämten Sprüche, keinen Ärger und kein vorzeitiges Beenden der Verabredung – dafür eine Menge Komplimente und Flirterei, etwas, das ich würde genießen können. Und es wäre an mir, am Ende dieses Abends zu entscheiden, was weiter aus diesem Date werden würde. Ob wir nach dem Essen auseinander gehen und es damit beenden würden oder ob wir es in meinem Hotelzimmer fortsetzen würden.
„Einen Aperitif?“
Der Kellner entzündete die Kerze auf unserem blankpolierten Holztisch und sah mich dann fragend an. Ich nickte.
“Si, un Sherry, por favor – Ja, einen Sherry bitte“, antwortete ich ihm auf Spanisch und erntete ein erfreutes Strahlen. Sogleich begann der Mexikaner, mich nach meiner Herkunft und dem Grund meines Hierseins auszufragen, offenbar froh, jemanden zu treffen, der seine Muttersprache sprach, und ich antwortete dem Mann aufgeschlossen – zumindest soweit, wie es einen Fremden etwas anging. Als er uns wieder alleine ließ, um uns zwei Gläser Sherry zu bringen, nahm Nat meine auf dem Tisch ruhende Hand wieder in seine und umschloss sie jetzt auch mit der anderen. Dabei sah er mich mit einem so intensiv funkelnden Blick an, dass ich unwillkürlich schlucken musste.
„Du bist eine erstaunliche Frau, Cora“, raunte er mir leise zu, dabei streichelte er meine Hand mit seinen Daumen. „Wunderschön, intelligent, geistreich .. dein Mann ist ein echter Glückspilz!“
Ich schmunzelte und senkte meinen Blick auf unsere Hände, die so traut ineinander lagen, als kannten wir uns schon lange und hätten uns nicht erst am heutigen Nachmittag das erste Mal getroffen.
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Nicht? Na dann ist eben dein Freund ein Glückspilz.“
Aha! Da wurde mir auf den Zahn gefühlt, ob ich gebunden war oder nicht. Ich zog eine meiner Augenbrauen in die Höhe und erntete ein verschmitztes Lächeln – offenbar machte es ihm nicht im Geringsten etwas aus, von mir durchschaut worden zu sein.
“Si, schon möglich“, antwortete ich ihm, einem spontanen Bedürfnis nachgebend, ihn ein wenig zu ärgern, und prompt zog er ein langes Gesicht. Allerdings so übertrieben, dass ich lachen musste. Daraufhin lachte er ebenfalls. Diesmal hatte er mich durchschaut – ich hatte zurzeit keinen Freund, und genau das wusste Nat jetzt auch. Er kannte die Frauen gut, das musste man ihm lassen.
„Fronten jetzt zu deiner Zufriedenheit geklärt?“, fragte ich lächelnd und griff mit meiner freien Hand nach dem Sherryglas, das der Kellner gerade mit einem charmanten Lächeln vor mir abgestellt hatte.
„Zu meiner vollsten!“
Zwinkernd tat Nat es mir gleich und setzte das Glas an seine Lippen. Aber er trank nicht. Stattdessen sah er mit starrem Blick hinter mich, dann setzte er den Sherry wieder ab, und der Ausdruck, der sich nun auf seinem Gesicht breit machte, erinnerte mich doch sehr an seinen Bruder.
„Was ist?“, fragte ich verwirrt und wollte mich gerade umdrehen, da ertönte eine vertraute Stimme neben mir.
„N‘Abend!“
Erschrocken sah ich auf und starrte in Jay Bellamys übertrieben freundlich lächelndes Gesicht, dann sah ich Nat an – und verstand nun dessen finstere Miene, die sich noch mehr verdüsterte, als Jay einen Nachbarstuhl an unseren Zweiertisch heranzog und sich einfach dazu setzte.
„Ihr erlaubt doch, oder?“
Ich sagte nichts, sondern überließ es Nat zu reagieren. Zu meiner Verwunderung aber kam ihm kein Ton über die Lippen. Kein ‚Verzieh dich, Mann, ich bin mit einem Mädchen hier‘ oder ‚Scheißtiming, Bruder! Mach den Abflug!‘. Das wären die Sprüche gewesen, die ich gebracht hätte, wenn ich an Nats Stelle gewesen wäre. Aber Nat Bellamy schien nur bei Frauen den Draufgänger zu geben. In Gegenwart seines Bruders hingegen gab er nach – und demontierte damit ein gutes Stück das Bild des verwegenen Piraten, das ich mir bis gerade von ihm gemacht hatte.
Ich entzog ihm meine Hände, räusperte mich und trank an meinem Sherry. Und stellte wieder einmal fest, wie sehr sich die Atmosphäre verschlechtert hatte, kaum dass Jay Bellamy aufgetaucht war.
„Miguel?“, rief der dem Kellner gerade zu und deutete dabei bezeichnend auf mein Sherryglas. „Mir auch einen. Und drei Speisekarten, bitte!“
Jetzt sah ich ihn verblüfft an. Er hatte nicht nur die Dreistigkeit, das Date seines Bruders zu stören, nun wollte er auch noch bleiben?? Wieder schweifte mein Blick zu Nat, der doch spätestens jetzt mal endlich reagieren musste! Aber wieder Fehlanzeige. Ich sah, wie seine Kiefer mahlten und bemerkte ebenfalls, wie sich seine Hand auf dem Tisch zu einer Faust schloss, doch auch jetzt kam kein Protest von ihm. Er ließ es sich einfach gefallen, dass sein Bruder ihm in die Parade fuhr und ihm sein Date versaute! Wut wallte in mir auf, sowohl über Jays Dreistigkeit als auch über Nats Passivität, und sie paarte sich mit Enttäuschung. Das war kein Pirat, der mich hier zum Essen ausgeführt hatte und bereits auf Kaperkurs gegangen war, das war …
Ich dachte den Gedanken nicht zu Ende, weil ich Nat kein Unrecht tun wollte. Ich kannte ihn ja eigentlich gar nicht, Jay ebenfalls nicht, doch ich hatte es bereits zuvor bemerkt, dass etwas zwischen den beiden Brüdern im Argen lag. Es stand mir nicht zu, hier ein Urteil zu fällen. Jays erneute Frechheit aber einfach so hinzunehmen, das konnte ich auch nicht.
„Ich glaube, Sie haben sich am Tisch vertan, Señor Bellamy! Dieser hier ist nur für zwei Personen, nicht für drei.“
„Danke, Miguel.“
Jay Bellamy beachtete mich überhaupt nicht, sondern nahm dem Kellner die Speisekarten ab und verteilte sie. Dann schlug er seine auf und ließ seinen Blick über das Angebot an Gerichten schweifen. Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Hatte ich so eine Unverschämtheit schon einmal erlebt? Ich konnte mich gerade nicht daran erinnern.
Ich sah wieder zu Nat, der meinem Blick auswich und stattdessen düster auf sein Sherryglas starrte. Wollte er denn wirklich nichts unternehmen? Wollte er sich von seinem Bruder die Zügel etwa so aus der Hand nehmen lassen? Meine Enttäuschung wuchs, obwohl ich mir immer noch vor Augen hielt, dass ich die Verhältnisse nicht kannte und nicht vorschnell urteilen durfte. Ich versuchte es ein zweites Mal, und zwar diesmal so deutlich, dass Jay es nicht mehr ignorieren konnte.
„Hören Sie, Señor Bellamy, ich bin mit Ihrem Bruder hier. Claro? – Wenn ich mit Ihnen hätte ausgehen wollen, dann hätte ich das wohl getan, oder?“
„Ich kann die Gambas al Ojillo empfehlen“, bekam ich statt eines Rückzugs seinerseits zur Antwort, und zwar mit einem Lächeln, aber gleichzeitig mit einem so herausfordernden Blick, dass ich nach Luft schnappte und kurz vorm Platzen stand. Mein Blick flog wieder zu Nat, aber wieder wich er mir aus und zog es stattdessen vor, die Farbe des Sherrys zu begutachten. Da reichte es mir.
„Vielen Dank für diesen unterhaltsamen Abend“, fauchte ich sauer und meinte in diesem Moment ausnahmsweise einmal ausschließlich Nat, den feigen Kerl, der nicht in der Lage gewesen war, seinem Bruder seine Grenzen aufzuzeigen. Ruckartig stand ich auf und zerrte meinen Parka von meinem Stuhl, wozu ich etwas brauchte, denn das blöde Ding hatte sich verfangen. Aber als ich es endlich befreit hatte, stiefelte ich schnaubend durch das Restaurant auf den Ausgang zu und wenig später dann auch ins Freie. Und wusste dabei nicht, wen ich mehr verfluchen sollte, Nat und seinen offensichtlichen Mangel an Durchsetzungsvermögen oder Jay und seine Dreistigkeit!

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