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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:13 
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Irrlicht
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Jays Blick heftete sich ausdruckslos auf seinen Bruder, der ihm wieder einmal nicht in die Augen sah. Natürlich nicht. Es hatte sich seit damals nichts geändert. Immer noch die gleiche Ignoranz, mit der Nat ihm begegnete. Dabei war Jay eigentlich derjenige, der allen Grund dazu hatte, seinen Bruder zu schneiden.
Er gab einen leisen, verächtlichen Laut von sich und stand auf. Er war nicht wegen Nat gekommen, sondern wegen Cora, und die hatte sich gerade temperamentvoll dadurch getan. Jay eilte ihr hinterher, erwischte sie aber erst draußen auf dem Gehweg, den sie mit raschen Schritten in Richtung ‚Sailor’s Rest‘ entlang flog.
„Cora, warte!“
Er hielt sie am Arm fest und drehte sie zu sich herum. Aber sie entriss ihm ihren Arm gleich wieder, stieß ihm ein unflätiges “Pierdete, cabrón! – Verpiss dich, du Hurensohn!“ entgegen und marschierte daraufhin unverdrossen weiter. Jay, des Spanischen durchaus mächtig und nicht wenig verblüfft von ihrem unerwarteten Marktweibverhalten, sah ihr einen Moment lang mit emporgezogenen Augenbrauen nach. Dann aber schüttelte er schmunzelnd seinen Kopf und nahm seine Verfolgung wieder auf. Als er Cora das zweite Mal einholte, umrundete er sie direkt, anstatt noch einmal zu versuchen sie festzuhalten und verstellte ihr einfach in den Weg.
„Cora, bitte ...!“
„Was willst du NOCH?“, fuhr die kleine Spanierin ihn hitzig an, und ihre dunklen Augen funkelten wütend im Licht der Straßenlaternen. „SEIT wir uns das erste Mal begegnet sind, bist du darauf aus, mich fertigzumachen! Nicht wahr? – Warum, he? WAS hab ich dir getan? Kannst du dich nicht einfach FERN halten von mir? Kannst du dich nicht einfach in LUFT auflösen? Carajo, Jay Bellamy, ich bin auf dem besten Weg, dich zu HASSEN!“
„Ich will dich nicht fertig machen, Cora. Ganz bestimmt nicht. Ich habe mich für gestern bei dir entschuldigt. Hast du das vergessen?“
„Ja, für GESTERN hast du dich entschuldigt! Und wann entschuldigst du dich für heute, he? MORGEN?“
Sie sah ganz danach aus, als wollte sie ihm jeden Moment die Augen auskratzen. Auf der anderen Seite war sie so noch schöner als zuvor, noch lebendiger, und Jay hatte Mühe, sich auf seine Worte zu konzentrieren. Viel lieber hätte er etwas ganz anderes getan, jetzt und hier, aber in ihrem jetzigen Zustand würde sie das wohl höchstwahrscheinlich mit ihrem Knie in seiner Familienplanung quittieren, also ließ er es. Vorerst.
„Für WAS soll ich mich entschuldigen, Cora?“, fragte er stattdessen zurück und wunderte sich selbst über seinen scharfen, anklagenden Tonfall. „Dafür, dass ich im ‚Caliente‘ aufgetaucht bin? Dass ich meinem Bruder damit den STICH bei dir versaut hab? Oder dass ich dich davor bewahrt habe, einen großen Fehler zu begehen?“
„Was gehen dich MEINE Fehler an?“ Cora wurde lauter, und Jay wartete schon förmlich auf den Moment, wo über ihnen die ersten Fenster geöffnet würden – entweder, um sie anzuranzen, mit dem Streit woanders weiterzumachen oder einfach um zuzuhören. „Was geh ICH dich an? Ich kann mich verabreden, mit wem ich WILL. CLARO? Und wenn ich mit deinem Bruder essen gehen will, dann GEH ich mit ihm essen! Und wenn ich mit deinem Bruder ins BETT gehen will, dann GEH ich mit ihm ins Bett! Was interessiert es mich, was DU denkst, he? Ausgerechnet DU, der du dich in meiner Gegenwart noch keine zwei Minuten lang NETT aufgeführt hast! – Hach, was rechtfertige ich mich hier eigentlich? Geh mir aus dem WEG!“
Sie ging auf Jay los wie ein Stier auf den Torero und wollte ihn einfach beiseite schieben. Jay hatte aber gar nicht vor, sich beiseite schieben zu lassen. Er hatte auch nicht vor, sie jetzt einfach so gehen zu lassen. Er wusste natürlich, dass sie mit allem Recht hatte, was sie ihm an den Kopf geknallt hatte – dass es ihn nichts anging, was sie tat und dass er sich ihr gegenüber unmöglich verhalten hatte. Aber das war ihm gerade alles egal. Seit heute Morgen, nein, schon seit gestern spukte sie in seinem Kopf herum, hatte sich dort eingenistet, wie es seit drei langen Jahren keine einzige Frau mehr getan hatte, und darum war er jetzt nicht bereit, einen Rückzug zu machen. Und schon gar nicht, um seinem Bruder Platz zu machen!
Er griff nun doch wieder nach Coras Arm, erwischte allerdings nur den Ärmel ihres Parkas. Das reichte jedoch aus, um sie am Weggehen zu hindern.
„Nein, das werde ich ganz sicher NICHT!“
Er zog sie an sich und ignorierte einfach ihren Protest. Und dann tat er das, was er vorhin schon hatte tun wollen. Was er gestern schon hatte tun wollen, als sie völlig verängstigt auf seinem Sofa gehockt und vor sich hin gezittert hatte – er küsste sie. Nicht wild und hemmungslos, aber auch nicht so zaghaft, dass sie ihm wieder hätte entwischen können. Fest hatten sich seine Arme um ihren schmalen Körper gelegt und ebenso fest lagen seine Lippen auf ihren, während er ihren Mund mit einer Bestimmtheit eroberte, die klar machte, dass er wusste, was er wollte – sie!
Und erst, als die Starre des ersten Schrecks von ihr abgefallen war, sie weich und anschmiegsam in seinem Arm geworden war und seinen Kuss schon lange erwidert hatte, löste er sich atemlos wieder von ihr und murmelte so dicht an ihren Lippen, dass er sie mit seinen streifte: „Du bist mir einmal durch die Finger geschlüpft, das passiert mir kein zweites Mal!“
Und während er das sagte, funkelte es in seinen Augen entschlossen auf. Dann lächelte er auf das herab, was er da in seinem Arm hielt und das ihn mit überraschtem und überraschend sehnsüchtigem Blick ansah. Ob sie jetzt das gleiche fühlte wie er? Ob ihr Herz genauso verrückt in ihrer Brust schlug, wie es seine eigene zu sprengen drohte? Er hatte nicht gewusst, wie sie reagieren würde, als er sich diesen Kuss geklaut hatte. Aber jetzt, wo sie ihn erwidert hatte - zärtlich und innig erwidert hatte – hatte er das Gefühl, Bäume ausreißen zu können!

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:16 
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Irrlicht
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Mein Herz setzte einen Schlag lang aus, als Jay mich plötzlich zu sich heranzog und mich dann küsste!
Er küsste mich! Er küsste mich???
Meine Wut wollte erneut aufflammen, ich wollte ihn von mir wegdrücken, ihn schlagen, nach ihm treten ... doch stattdessen dauerte es nicht einmal zwei, drei Sekunden, und ich erwiderte seinen Kuss. Mit einer Sehnsucht, die mich überraschte, hatte ich ihn doch bis gerade hauptsächlich schrecklich und unverschämt gefunden!
Kein Gedanke mehr an Nat, von dem ich mir bis soeben noch gewünscht hatte, er möge uns hinterher kommen, um seinen „Anspruch“ auf mich doch noch irgendwie geltend zu machen. Nicht, dass ich ihm wirklich einen zugestanden hätte, aber es hätte mich einfach in meiner Weiblichkeit gebauchpinselt und nebenbei auch meiner Meinung von ihm gut getan, wenn er sich noch einmal blicken gelassen und nicht einfach so kapituliert hätte.
Nat tauchte jedoch nicht wieder auf, und wie gesagt, als ich Jays Lippen auf meinen fühlte, so fordernd und doch zärtlich, so entschlossen, so ... männlich, da hatte sein Bruder sich auch bereits aus meinem Kopf verabschiedet. Meine Knie wurden weich und hinter meinen Augen tanzten Lichter.
Wann war ich das letzte Mal SO geküsst worden?
War ich überhaupt schon einmal so geküsst worden?
Ich wusste es nicht mehr, dachte aber auch keinen Moment länger über die Antwort auf diese Frage nach. Alles, was ich wollte, war, dass Jay damit nicht mehr aufhörte. Nicht so schnell jedenfalls. Dass er mich weiter küsste, das von mir aus die ganze Nacht lang mit mir tat ... weshalb die Enttäuschung beinahe schon körperlich weh tat, als er sich letztlich doch wieder von mir löste und meinen Höhenflug damit beendete.
„Ich habe nicht vor, dir wieder durch die Finger zu schlüpfen“, flüsterte ich dicht an seinem Mund, und dann war ich es, die ihn küsste und nicht umgekehrt. Der Gedanke streifte mich dabei, dass ich es wohl doch ziemlich nötig haben musste, da ich eben noch drauf und dran gewesen war, etwas mit dem Bruder des Mannes anzufangen, den ich jetzt so sehnsüchtig küsste. Doch tief in meinem Inneren wusste ich um den Eindruck, den Jay vom ersten – nun gut, vom zweiten Moment bei mir hinterlassen hatte und dass er mich nicht wirklich so kalt ließ, wie ich es mir lieber eingeredet hätte. Dass ich ihn sogar weitaus attraktiver und interessanter fand als Nat, eben weil er schwieriger war, darüberhinaus aber auch entschlossener, kämpferischer. Ich wagte also den Sprung ins Bodenlose und ließ mich auf ihn ein. Und hoffte, dass wir beide unseren Flirt - oder was auch immer daraus werden sollte - überlebten, ohne uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.

Wir küssten uns noch ziemlich lange, mitten auf dem Gehweg, idyllisch unter einer Laterne, bis Jay mich irgendwann mit einem knappen ‚Komm!‘ wieder freigab und mich zurück zum Restaurant zog. Ich folgte ihm, willig erst, dann verwirrt, als ich erkannte, dass wir uns auf dem Rückweg zum ‚Caliente‘ befanden. Plötzlich war mir nämlich überhaupt nicht mehr danach, Nat noch einmal zu begegnen. Das Thema Nat Bellamy hatte sich für mich in dem Moment erledigt, in dem Jays Mund mir klar gemacht hatte, dass es eben doch noch einen richtigen Mann in dieser Familie gab, und ich fühlte kein Verlangen danach, nun noch Zeugin einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Brüdern zu werden. Geschweige denn, mich selbst vor Nat rechtfertigen zu müssen.
Meine Befürchtungen erwiesen sich allerdings als grundlos, denn Jay wollte gar nicht ins Restaurant zurück, sondern lediglich zu seinem Jeep, den er davor geparkt hatte. Ich atmete auf und fand es, nachdem er mir die Tür geöffnet hatte, plötzlich nur normal, dass ich auf den Beifahrersitz kletterte. Und selbst als der Jeep wenig später die Hauptstraße hinab brauste und dann die Stadt verließ, meldeten sich bei mir weder Bedenken noch der Wunsch, wieder nach Provincetown zurückzukehren. Es fühlte sich seltsam richtig an, was hier geschah. Und so ließ ich es weiterhin mit klopfendem Herzen zu.

Gute zwanzig Minuten später kamen wir in Highland Light an, und Jay parkte den Jeep längsseits des Wohnhauses. Es wurde zappenduster, als er die Wagenlichter abschaltete, und ich fühlte mehr als dass ich sah, wie er sich zu mir umdrehte und mich im Dunkeln ansah.
„Hast du Angst?“, fragte er leise – offenbar erinnerte er sich gerade an meine Panik vom Vortag und wollte sich vielleicht vor einem weiteren hysterischen Anfall meinerseits wappnen. Aber von Panik war ich seltsamerweise weit entfernt, obwohl die Dunkelheit allein normalerweise schon Grund genug für mich gewesen wäre, die Fassung zu verlieren.
Ich schüttelte den Kopf und flüsterte zurück: „Nein, hab ich nicht.“
„Das musst du auch nicht, Cora. Bei mir bist du in Sicherheit. Ich möchte, dass du das nie vergisst!“
Ich nickte und dachte nicht daran, dass er das wohl nicht sehen konnte. Aber vielleicht hatte er es gespürt, oder vielleicht waren seine Augen doch besser als meine. Auf alle Fälle fühlte ich, wie er meine Hand ergriff und sie an seine Lippen zog, dann raunte er leise: „Dann ist gut. … Komm!“ – und verließ den Wagen dann. Ich folgte ihm mit Herzklopfen.
Als wir den Schatten des Wohnhauses verließen, wurde es mit der Sicht wieder besser. Allerdings nur so lange, bis wir das Haus selbst betraten, in dem es genauso finster war wie im Jeep zuvor. Aber auch jetzt blieb meine Angst aus.
Jay schloss die Haustür hinter mir, dann zog er mich erneut in seinen Arm. Und jetzt, wo wir uns ein drittes Mal küssten, spürte ich, das mehr in seinem Kuss lag als die Demonstration seiner Entschlossenheit und das Bedürfnis, mich von seinem Bruder abzubringen. Er wollte mich – genau das war die Botschaft, die mir sein Mund jetzt übermittelte. Und wie um das zu unterstreichen, lösten seine Hände sich von meiner Taille und begannen, meinen Parka zu öffnen, zielstrebig und geschickt und mit einer Spur von Eile, die von nicht mehr sehr viel länger zu unterdrückender Leidenschaft sprach. Ich ließ ihn nicht nur gewähren, ich half ihm sogar dabei, das lästige Kleidungsstück loszuwerden – kein Denken mehr und Bedenken schon gar nicht. Ungeduldig zupfte ich an Jays Fleece-Shirt herum, das noch viel zu viel von ihm verhüllte. Meine Lippen presste ich dabei hungrig auf seine, und unsere Zungen verfingen sich in einem wilden Spiel. Nur kurz lösten wir uns voneinander, als er sich das Fleece-Shirt samt Strickpullover, den er darunter getragen hatte, über den Kopf zog und achtlos auf den dunklen Flurboden fallen ließ. Dann zog er mich in seine Arme zurück und unsere Münder verschmolzen ein weiteres Mal hungrig miteinander. Ich seufzte sehnsüchtig in seinen Kuss hinein, als meine Hände nackte, warme Haut zu fühlen bekamen und von ganz allein damit begannen, seinen festen, entblößten Oberkörper zu streicheln. In Jay weckte es wohl ebenfalls die Sehnsucht und offenbar auch noch einiges mehr, denn er drückte mich plötzlich gegen die geschlossene Haustür, biss mir verlangend in die Lippen und zog mir dabei hastig den Pulli aus der Hose. Dann fuhren seine Hände darunter, auf meinen Rücken, streichelten ihn fordernd und glitten daraufhin um mich herum und in die Höhe, wo sie sich besitzergreifend um meine noch von meinem schwarzen Sport-BH verhüllten Brüste legten und sie zu kneten begannen. Ich keuchte leise auf und genoss unglaublich die direkte, leicht raue Art, in der er mir sein Verlangen zeigte. Seine Finger fuhren unter den dünnen Stoff und fanden und rieben meine verhärteten Brustwarzen, dazu schob er ein Bein zwischen meine Schenkel und fixierte mich auf diese Art an der Tür. Ich fühlte mich hilflos, überrannt, und es brachte mich zum Brennen. Noch während er mir kurzentschlossen Pullover und BH zusammen in die Höhe schob, machte ich mich ungeduldig daran, seine Hose zu öffnen. Und als er seine heißen Lippen verlangend auf das weiche Fleisch meiner Brüste presste, glitten meine Finger in seine Shorts hinein und umschlossen dort sehnsüchtig den harten Beweis seiner Erregung. Er stöhnte auf an meiner Brust, dann biss er verlangend in meine Spitze und saugte sie daraufhin fest in seinen Mund. Ich drückte flach atmend meinen Kopf gegen die Tür, verstärkte im selben Moment meinen Griff um seinen heißen, harten Schaft und begann ihn zu reiben. Wie eine rollige Katze rieb ich mich auch an seinem Bein. Jay brauchte keine weitere Aufforderung, um mir im Eiltempo die Hose zu öffnen und sie mitsamt meinem Slip in die Tiefe zu ziehen. Für diesen Augenblick entzog er sich mir völlig, und die Kühle, die meinen heißen, zitternden Leib stattdessen umfing, war beinahe unerträglich. Ich wollte ihn zurück. Wollte seine warme, nackte Brust an meiner spüren, seine Hände überall auf meiner Haut, seine Lippen auf meinem Mund …
Was ich aber dann zu spüren bekam, nahm mir schlichtweg den Atem!
Er war gar nicht mehr wieder hochgekommen, nachdem er mir die Hose von den Beinen gezogen hatte, sondern vor mir hocken geblieben und hatte meine Hüften mit seinen Händen umfasst. Und jetzt presste er seinen Mund auf meine Scham, drang ohne Vorwarnung mit seiner Zunge in mich ein und durchfuhr meine Spalte der Länge nach.
Ich japste nach Luft und krallte meine Hände in seine Schultern, denn meine Beine drohten mir nachzugeben. Als ob er es auch gespürt hätte und es nun verhindern wollte, nahm er einen meiner Schenkel und legte ihn sich über die Schulter, dann spreizte er meine feuchten Lippen mit seinen Fingern und verschlang mein Allerheiligstes im wahrsten Sinne des Wortes.
Noch nie hatte ich einen chico so ausgehungert erlebt, noch nie so direkt und umstandslos in seiner Art, mich zu nehmen!
‘Und du hast gedacht, DU hättest es nötig!?‘
Dios mio!“, schnappte ich und fühlte die Woge der Ekstase bereits kommen. Ein leises Lachen eine Etage tiefer machte mir klar, dass Jay meinen Wonnelaut gehört haben musste und sich nun darüber amüsierte – es war mir egal, ehrlich! Sollte er lachen, wie er wollte, Hauptsache, er hörte nicht auf damit, mir diese unglaubliche Lust zu verschaffen!
Aber als ob er wieder einmal meine Gedanken gelesen hätte, ließ er in genau diesem Augenblick ab von mir. Ich versuchte, ihn mit einem „Nein, mach weiter!“ dazu zu bringen, es sich doch noch einmal anders zu überlegen, aber es war nichts zu wollen, er kam wieder hoch und machte mein Verlangen nach ihm damit nur noch um so schlimmer.
„Hungrige, kleine Katze“, raunte er fast liebevoll an meinem Ohr, fuhr dabei mit seinen Händen fordernd über meinen inzwischen glühenden Leib und näherte sich auch wieder meiner in Flammen stehenden Weiblichkeit. Seine Zunge wanderte mein Ohr entlang und seine Zähne begannen an meinem Ohrläppchen zu knabbern, und noch während sie das taten, glitten seine Finger tief in mich hinein und begannen mich langsam zu stoßen. Sie gaben mir damit ein Versprechen, von dem ich inständig hoffte, dass er es auch noch anders einzulösen gedachte. Und dass er sich nicht mehr allzu viel Zeit damit lassen würde, denn ich verging immer mehr unter seinem Tun. Bereits jetzt stöhnte ich laut unter den Lustschauern, die heiß durch meinen Körper liefen und wusste nicht mehr, wie ich es noch ertragen sollte. Doch anstatt Mitleid mit mir zu haben und mir endlich zu geben, was ich so sehr brauchte, begann Jay noch zusätzlich mit meinem kleinen Juwel zu spielen, das sowieso schon längst vor Hunger nach Erlösung pochte.
Es war zu viel für mich! Keuchend verkrampfte ich mich, meine Arme feste um Jays Nacken geschlungen, und dann kam es mir, und zwar mit solch einer Gewalt, dass ich meinen Kopf ruckartig in den Nacken riss und ihn mir dabei ordentlich an der Tür stieß – der Schmerz wurde von der lustvollen Explosion geschluckt, und auch, dass ich in die Höhe gehoben wurde, bekam ich nur noch Rande mit. Als Jay jedoch mit einem Ruck tief in mich eindrang und mir damit die gesamte beachtliche Länge seiner Härte zu spüren gab, wäre ich fast ein zweites Mal gekommen. Und nur der Umstand, dass er nach erfolgreicher Enterung meines Körpers erst einmal einen Moment lang schwer atmend inne hielt – wohl, um sich selbst auch wieder ein wenig in den Griff zu bekommen – verhinderte es.
Er biss mir in die Lippen, ins Kinn, dann in den Hals und in die Schulter, aber er bewegte sich erst einmal nicht mehr. Ich war ihm dankbar dafür, denn es war unglaublich, ihn so nah und so tief in mir zu fühlen, und ich wollte dieses Gefühl einfach noch ein wenig auskosten, ehe wir damit weiter machten, uns gegenseitig um den Verstand zu bringen.
„Wo ist dein Bett?“, wisperte ich heiser, als er sich wieder meinen Mund nehmen wollte – wir standen nämlich immer noch im stockdunklen Flur, gegen die geschlossene Haustür gedrückt, und so sehr ich ihn ja auch wollte, aber wenn wir schon gerade pausierten, konnten wir die Zeit auch nutzen und uns an einen gemütlicheren Ort zurückziehen. Dachte ich zumindest, doch ich hatte die Rechnung ohne meinen Liebhaber gemacht.
„Keine Zeit mehr!“, keuchte er atemlos zurück. Dann holte er aus und rammte mir seinen Schaft mit Anlauf in den Leib. Ich stöhnte laut auf, er ebenso, daraufhin drückte er mich noch ein Stück höher ... und dann nahm er mich mit einer Kraft und einer Entschlossenheit, die ich bis dato selten erlebt hatte!
Jeden seiner heftigen Stöße quittierte ich mit einem leisen Schrei und jeder dieser Stöße ließ mich erbeben und brachte mich meinem zweiten Höhepunkt ein Stück näher. Jay wurde schneller, wurde noch kraftvoller, und ich spornte ihn noch an, indem ich seinen Mund verschlang und ihn zwischen den heißen Küssen, die wir uns schenkten, immer wieder heiser anfeuerte. Und dann geschah es – fast zeitgleich diesmal – dass wir beide kamen. Ich bäumte mich auf in seinem Griff, angespannt wie eine Bogensehne, und er spießte mich ein letztes Mal auf und jagte mir dann mit einem lauten Stöhnen seine gesamte Ladung glühende Lava in den Leib – tief und hart, heiß pulsierend, bis sein Schaft nur noch zuckte in mir und er mit dem hechelnden Atem eines Marathonläufers gegen mich sank und sein heißes Gesicht an meiner Schulter vergrub. Das war der Augenblick, in dem auch ich ein letztes Mal erschauerte.

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Drei Jahre war es jetzt her, drei lange Jahre, dass er eine Frau das letzte Mal geliebt hatte. Überhaupt eine Frau so begehrt hatte, dass er nicht einmal im Stande gewesen war, es mit ihr bis in sein Schlafzimmer zu schaffen. Er kannte sich selbst nicht mehr wieder. Aber das war ihm egal. Er hatte es bis in die letzte Faser seines entwöhnten Körpers genossen, sie zu nehmen und tat es immer noch, so dicht an sie gepresst, dass seine heiße, verschwitzte Haut an ihrer kleben blieb und er ihren heftigen Atem an seinem Ohr hörte. Was alles jedoch nichts im Vergleich zu dem Gefühl war, noch immer in ihr versenkt zu sein und ihre nasse, heiße Enge zuckend um sein erschlafftes Glied zu spüren.
Er könnte ewig so mit ihr stehen bleiben, und es schien auch nicht, als hätte sie das Bedürfnis, ihre jetzige Position zu ändern.
Cora Fuentez …
Seine Gedanken, die langsam wieder in Gang kamen, streichelten ihren Namen und wiederholten ihn immer wieder.
Cora Fuentez, Cora Fuentez, Cora Fuentez …
Die Worte fanden ein Echo in seinem Herzen, aber das überraschte ihn nicht. Wäre es nicht so, wäre das hier nie passiert. Vom ersten Moment an hatte sie ihn berührt. Nicht nur mit ihrer Schönheit und ihrer Natürlichkeit, sondern auch mit ihrer offenen Art, mit ihrem Temperament und ihrer strikten Weigerung, sich von ihm schlecht behandeln zu lassen. Genau das hatte er nämlich getan, sie schlecht behandelt. Er hatte sie abgekanzelt, sie beleidigt. Doch nun, da er ihr näher war als er geglaubt hatte, ihr je zu kommen, wusste er auch, warum – er hatte es sofort gespürt, was für eine Wirkung sie auf ihn hatte, und darum hatte er sich von seiner unzugänglichsten Seite gezeigt. Hatte geglaubt, er könnte es so verhindern, dass sie einander näher kämen.
Mit unglaublich viel Erfolg, wie die jetzige Situation bewies!
Aber Jay bereute es nicht, was zwischen ihm und Cora geschehen war. Keinen einzigen Moment der Lust, die sie eben miteinander geteilt hatten. Im Gegenteil, er wollte mehr, so viel mehr von ihr! Es hatte gerade erst begonnen, und er würde dafür sorgen, dass es so schnell nicht wieder endete.

Sie regte sich vor ihm. Atmete tief durch und legte ihre Hände auf seinen Rücken, streichelte diesen mit kaum merklichen Berührungen. Jay erschauerte unter so viel Zärtlichkeit und küsste Cora auf ihr Ohr. Sie drehte ihm das Gesicht zu, und ihre Lippen fanden sich erneut zu einem langen, jetzt fast schon liebevollen Kuss. Als dieser irgendwann ein Ende fand, zog Jay ihr den hochgeschobenen Pullover und den BH vollends über den Kopf, dann murmelte er an ihren weichen Lippen: „Jetzt zeig ich dir, wo mein Bett ist!“ – Daraufhin legte er seine Hände unter ihre nackten Pohälften, entledigte sich mit kleinen Tritten ebenfalls seiner Schuhe und seiner Hose, und dann drehte er sich mit ihr und trug sie, vereint, wie sie immer noch waren, den Hausflur entlang und die Treppe hinauf, vorbei an dem unter der Garderobe liegenden Rufus, der ihnen mit einem funkelndem Blick folgte.
Im oberen Flur angekommen, drückte Jay die angelehnte Tür zu seinem Schlafzimmer mit dem Fuß auf, betrat den Raum und steuerte mit seiner süßen Last auf direktem Weg sein Bett an. Cora hatte ihre Arme eng um seinen Nacken geschlungen und ihre Beine hinter seinem Rücken verkreuzt, so dass sie nicht von ihm herunter glitt. Diese Umklammerung, die der eines kleinen Äffchens nicht unähnlich war, verstärkte sich prompt und wurde von einem kehligen Stöhnen begleitet, als Jay sich mit ihr auf die Matratze fallen ließ und sein Gewicht nur zu einem Teil mit seinen vorschnellenden Händen abfangen konnte. Der Rest begrub die betörende kleine Person unter sich, deren nackter, naher Körper ihn immer noch reizte und von der er noch lange nicht genug hatte.
Der unvermutete Stoß, mit dem er soeben wieder tiefer in sie eingedrungen war, hatte seine Lust aufs Neue entfacht, und obwohl er sie doch eben noch besessen hatte und in dem hitzigen Liebesakt an der Tür eine Befriedigung wie schon lange nicht mehr gefunden hatte, war er in ihr bereits wieder angewachsen, als hätten sie sich noch gar nicht geliebt. Entschlossen, diese aufflackernde Lust weiter zu schüren und noch einmal zu einem alles vernichtenden Waldbrand werden zu lassen, fuhr Jay fort, sich in Cora zu bewegen, sein Gewicht jetzt von seinen Händen abgefangen, die er neben ihrem Kopf abgestützt hatte. Und dabei beobachtete er sie aus vor Verlangen dunklen Augen, betrachtete ihr sinnliches Gesicht, dessen lustverzerrte Züge vom einfallenden Mondlicht nun hinreichend beleuchtet wurden, betrachtete auch ihren unter sich windenden Körper, und es verschlug ihm den Atem, als er erkannte, wie makellos schön und unglaublich verführerisch dieser war. Volle, feste Brüste reckten sich ihm entgegen, von kleinen, dunklen Spitzen gekrönt und einer süßen, samtigen Gänsehaut überzogen. Darunter vibrierte ein flacher, niedlicher Bauch, und was noch tiefer lag, konnte Jay zwar jetzt nicht erkennen, doch wusste er instinktiv, dass es auch nicht anders als schön und perfekt sein konnte. Wie der Rest dieser unglaublichen Frau – ihr blauschwarzes, langes Haar, das in weich schimmernden Wellen jetzt das Kopfkissen bedeckte und ihr einzigartiges Gesicht einrahmte, ihre dunklen, ausdrucksvollen Augen, in denen sich ihr gesamtes Gefühlsleben widerspiegelte, ihre kleine Nase, die sich kräuselte, sobald sie wütend wurde, ihre vollen, sinnlichen Lippen, die Jay immerzu küssen könnte und die auch jetzt wieder seinen Blick einfingen, feucht und leicht offen stehend, da ihnen ein Keuchen nach dem anderen entwich.
Er war nicht in der Lage, ihnen länger zu widerstehen, und so verschloss Jay sie mit einem fordernden Kuss und bewegte sich dazu wieder schneller in ihr. Coras Keuchen wurde zu einem Stöhnen. Sie löste ihre Beine von seinem Rücken und stellte sie neben ihm auf, im gleichen Moment glitten ihre Hände über seinen Rücken, kneteten verlangend seine Muskeln und arbeiteten sich so bis zu seiner Kehrseite hinab, die sie mit festem Griff umschlossen. Dann kam sie ihm entgegen, und Jay verging Hören und Sehen vor Lust, als er auf diese Weise tiefer in sie eindrang als zuvor. Er füllte sie inzwischen wieder vollkommen aus und durchpflügte ihre heiße Spalte jetzt kraftvoller, energischer. Sein Verlangen jagte dabei sprungartig in die Höhe, und er wusste, der Höhepunkt würde auch jetzt nicht lange auf sich warten lassen. Doch er wollte nicht ohne sie kommen. Er wollte sie stöhnen hören, sich unter ihm winden und zucken sehen, er wollte es fühlen, wie es in ihrer nassen Grotte explodierte, und erst dann wollte er sich selbst gehen lassen. Darum zog er sich jetzt mit einem Ruck ganz aus ihr zurück und ignorierte Coras überrascht-enttäuschten Protest. Mit einem atemlosen Lächeln packte er sie bei den Hüften und drehte sie energisch um, hörte, wie sie leise auflachte und kam wieder zwischen ihre Beine. Dann drang er mit einem Ruck von hinten in sie ein, stieß tief in ihren Leib, verharrte daraufhin aber einen Moment völlig bewegungslos, damit es nicht schon vorzeitig passierte. Mit beiden Händen hielt er ihre Hüften fest und presste sie sich entgegen, lachte dabei ebenfalls leise, als er spürte, wie sie sich seinem Griff entziehen und wieder Eigeninitiative ergreifen wollte und warnte sie amüsiert: „Nicht so schnell, wenn du es nicht bereuen willst!“
Auf der Stelle hielt Cora inne und sah ihn über die Schulter fragend an. Und in diesem Moment war er sich sicher, dass er nie etwas Süßeres, nie etwas Heißeres gesehen hatte als dieses kleine Weib im Vierfüßlerstand vor ihm, das lange Haar in einem wirren Wust um ihr schönes, von Verlangen gezeichnetes Gesicht und nackt, wie Gott sie erschaffen hatte. Jay fuhr mit seinen Händen ihren schweißfeuchten Rücken entlang und streichelte ihn druckvoll. Dann tat er das Gleiche mit ihren Seiten, und als seine Hände ihre festen, herabhängenden Brüste erreichten, umschloss er sie mit einem leisen Keuchen und zog Cora auf diese Weise zu sich in die Höhe. Sie drückte sich mit ihrem Rücken an seine Brust, rieb sich daran und massierte dabei seine tief in ihrem Leib steckende Härte. Es war unbeschreiblich, sie so zu fühlen! Es erregte ihn über die Maßen und machte es ihm verdammt schwer, sich weiterhin zurückzuhalten und ihr Necken nicht mit einem verlangenden Stoßen seinerseits zu beantworten. Fieberhaft glitten seine Hände über die Vorderseite ihres nackten Körpers, kneteten ihre göttlichen Brüste, zupften an ihren kleinen, harten Spitzen, und dabei biss er ihr schwer atmend in ihr Ohr. So lange, bis sie ihm endlich ihr Gesicht zudrehte und er sich ihren Mund nehmen konnte. Den verschlang er regelrecht, im gleichen Moment schob er seine Finger zwischen ihre gespreizten Schenkel und begann, sie dort erneut zu reizen. Sie stöhnte mit einem kleinen Schnaufen in seinen Mund hinein, griff mit einer Hand in sein Haar, dann bewegte sie sich wieder vor ihm. Und drückte ihn plötzlich mit ihrem süßen Hintern so energisch zurück, dass er auf seinen Fersen zu sitzen kam und sie rittlings auf seinem Schoß. Dann begann sie ihn zu reiten, und diesmal ließ Jay es zu, dass sie die Initiative übernahm. Er erwiderte ihre auffordernden Rückwärtsstöße mit heftigen Vorwärtsstößen, die sie bis in ihre Grundfesten erschütterten, dabei hörte er nicht auf, sie zwischen ihren Beinen zu stimulieren und spürte es an allem, ihren Bewegungen, ihrem keuchenden Atem, ihrem immer lauter werdenden Stöhnen, wie ihr Körper sich auf die nächste Explosion vorbereitete.
„Lass dich gehen“, keuchte er heiser an ihrem Ohr, knetete hungrig ihre linke Brust, traktierte ihre süße kleine Brustwarze mit herausfordernden Kniffen und rieb weiter an ihrem kleinen, schlüpfrigen Kitzler. Sie tat ihm den Gefallen und kam mit einem inbrünstigen Schrei, drückte ihren Kopf gegen seine Schulter und hing zuckend in seinem Griff. Genauso wollte er sie haben, genauso wollte er sie sehen und fühlen. Er nahm sich einen Moment Zeit, in dem er sie küssend und streichelnd durch ihren Höhepunkt brachte, aber dann war sein eigenes Verlangen nicht länger zu zügeln – mit einem energischen Schubs drückte er Cora wieder vor, bis sie abermals auf allen Vieren vor ihm auf dem Bett kniete, packte sie an ihren Hüften, dann holte er aus und spießte sie regelrecht auf. Daraufhin nahm er sie sich mit ausholenden, kraftvollen Stößen und trieb sie durch sein Bett. Und als sie ihm dabei erneut willig entgegen kam, sich nicht nur passiv von ihm stoßen ließ, sondern ihn wieder temperamentvoll forderte, das Eindringen in sie so noch intensiver machte und seinen kurz vor dem Bersten stehenden Schaft dann auch noch mit ihren Scheidenmuskeln zu massieren begann, geschah es – und zwar mit einer Urgewalt! Jay stieß einen lauten Lustschrei aus, als es ihn förmlich zerriss. Fest presste er sein Becken gegen Coras Leib und entlud sich ein zweites Mal zuckend in ihr. Dabei verkrampfte er jeden einzelnen Muskel seines Körpers so heftig, dass es schmerzte, und erst, als die Erlösung der Eruption folgte und seinen zitternden Körper mit süßer Mattheit zu fluten begann, brach er keuchend über dem vor ihm knienden Frauenleib zusammen. Und driftete beinahe übergangslos weg, ausgeknockt von seiner eigenen Leidenschaft.

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Es war Morgen, als ich erwachte, und nach den Lichtverhältnissen und meinem Zeitgefühl zu urteilen, war der Morgen auch gar nicht mehr so jung. Ich wusste sofort, wo ich war – in Jay Bellamys Schlafzimmer nämlich oder genauer gesagt, in seinem Bett. Noch genauer in seinem Arm, eng an ihn geschmiegt, doch mit meinem Rücken an seine Brust, so dass ich trotz der Nähe zu ihm einen gewissen Abstand wahren konnte, den ich gerade einfach brauchte, um wieder klar im Kopf zu werden. Und das sollte ich verdammt noch mal schnell werden, möglichst noch, ehe er aufwachte, damit ich wusste, was ich wollte, sobald der theoretische Teil unseres Onenight-Stands käme.
„Ich weiß, dass du wach bist“, hörte ich seine Stimme jedoch plötzlich dicht an meinem Ohr raunen – so viel also zum Nachdenken und Klarwerden!
„Ach, weißt du das?“
Ich lächelte und verspürte den Drang, mich zu ihm umzudrehen und ihn mit einem langen Kuss zu begrüßen, und das erwartete er wohl auch. Aber ich blieb vorerst liegen, wie ich lag und ließ meinen Blick durch sein Schlafzimmer gleiten ... vermutlich, um etwas Zeit zu gewinnen, aber auch, um mein Bild von Jay Bellamy zu komplettieren, das ich ja gerade erst begonnen hatte zusammenzulegen.
Eine verblichene Holztäfelung wie im ganzen Haus, ein alter Kleiderschrank, ein kleiner runder Tisch und zwei Stühle vor dem geschlossenen Sprossenfenster – und ebenfalls wie im ganzen Haus keine Tischdecke, keine Gardinen, keine Blumen .. einfach nichts, das einfach nur der Verschönerung gedient hätte. Alles nur funktional.
Bis auf das Gemälde über dem Bett, das ich aus meiner Position verkehrt herum sah und auch nur zum Teil, da ich auf der Seite lag. Neugierig geworden änderte ich das, indem ich mich auf den Bauch drehte, mich aufrichtete und auf meine Fersen setzte. Die Decke sowie Jays Arm glitten dabei von mir ab, aber das beachtete ich jetzt nicht – auch, dass ich mir doch eigentlich über einiges hatte klar werden wollen, war mir entfallen. Mein Blick haftete jetzt mit großem Interesse auf dem zweimastigen Segelschiff, das auf dem Aquarell dargestellt wurde und das ich einfach nur wunderschön fand.
„Was ist das für ein Schiff?“
Jay legte den Kopf in den Nacken und sah kurz in die Höhe, dann aber wieder auf mich, wie ich aus den Augenwinkeln mitbekam. Und dann streckte er eine Hand nach mir aus und streichelte mit seinen Fingerspitzen federleicht meine linke Brust.
„Das ist die ‚Mermaid‘. Eine Gaffelketsch.“
Seine Finger zogen zärtliche Kreise um die Spitze meiner Brust, dann glitten sie hauchzart tiefer, folgten meiner Taille und meiner Hüfte und kamen sanft streichelnd auf meinem Oberschenkel zur Ruhe.
„Gehört sie dir?“
Er nickte.
„Sie ist wunderschön.“
Ergriffen betrachtete ich das Bildnis, das die ‚Mermaid‘ in den türkisblauen Fluten des Ozeans darstellte, mit einem hübschen Küstenstreifen als Hintergrund und ein paar Möwen, die über ihr segelten.
Du bist wunderschön. Das da oben ist bloß ein Schiff. Eine Erinnerung. Aber du .. du bist so real ..“, Jay richtete sich ein Stück auf, aber nur, um seine Position zu verändern und bettete seinen Kopf in meinem Schoß. Seine Arme legte er um meine Hüften und seine Stirn drückte er mit geschlossenen Augen gegen meinen Bauch. Überrascht über diese unerwartet verletzliche Geste sah ich ihn an, dann aber berührte meine Hand wie von selbst sein zerzaustes Haar und streichelte es sanft. Ein flüchtiger Ausdruck von Sehnsucht verzog seine schönen, unrasierten Züge einen Wimpernschlag lang, dann deutete in seinem Gesicht nichts mehr darauf hin, was in seinem Inneren vorging.
„Möchtest du darüber reden?“, fragte ich leise. Er schüttelte den Kopf, die Augen immer noch geschlossen und küsste stattdessen meinen Bauch. Ein wohliger Schauer rieselte durch meinen schlafwarmen Körper und wollte sich lustvoll zwischen meinen Schenkeln manifestieren – die beiden Liebesakte mit ihm waren zweifellos die besten gewesen, die ich je erlebt hatte, und es war wohl nur normal, dass ich noch einmal fühlen wollte, was er in mir hervorzurufen imstande war. Doch jetzt war nicht der rechte Zeitpunkt für so etwas. Und er ja auch ganz offenbar nicht in der Stimmung dazu.
Mein Blick schweifte wieder zur ‚Mermaid‘ in die Höhe, und ich fragte mich, welche Geschichte sie wohl zu erzählen hatte. Es war klar, dass sie etwas mit Jays verstorbener Frau zu tun haben musste, seine Reaktion legte das nahe. Ebenso klar war, dass er sie sehr geliebt haben musste, da ihm ihr Verlust auch jetzt noch, nach drei Jahren, so zusetzte. Gerne hätte ich es ihm leichter gemacht, hätte ihm zugehört, wenn er denn darüber hätte sprechen wollen. Aber er machte keinen Anfang, und es war undenkbar, dass ich als erste davon redete. Ich hatte nicht das Recht, in ihn zu dringen, wenn er es nicht wollte. Er musste schon von sich aus damit kommen.
Die Signatur in der rechten unteren Ecke des Bildes zog meine Aufmerksamkeit auf sich. – ‚S. Bellamy‘ .. war seine Frau die Künstlerin gewesen, die das Bild gemalt hatte? Vielleicht .. aber da Jay nicht einmal wusste, dass Nat mir von seinem Schicksalsschlag erzählt hatte, sprach ich auch diese Frage nicht aus.
Ich blickte wieder auf den Mann hinab, dem ich gestern noch am liebsten die Pest an den Hals gewünscht hätte und dessen Kummer mir jetzt so nahe ging. Zärtlich streichelte ich ihm über seine raue Wange, und als er daraufhin seine Augen öffnete und dunkel zu mir in die Höhe sah, schenkte ich ihm ein kleines Lächeln.
„Du hast gestern von der Kette gesprochen“, lenkte ich das Thema in andere Bahnen und hoffte, ihn so wieder etwas aufzumuntern. „Sollen wir sie uns gleich ansehen gehen? Wir hatten doch sowieso ein Date deshalb.“ Ich schmunzelte leicht, als ich das Wort ‚Date‘ besonders betonte ... ein kleiner Seitenhieb auf das andere Date, das er mir gestern Abend versaut hatte. Zum Glück, wie ich heute Morgen fand. Jays Gesichtsausdruck – immer noch dunkel und so verschlossen, wie ich ihn gestern und vorgestern hauptsächlich erlebt hatte – veränderte sich nicht, aber er nickte.
„Also gut, dann los.“
Ich lächelte erneut und wollte mich von ihm lösen, aber er verstärkte seinen Griff um meine Hüften und widersprach mir rau: „Nein. Bleib, Cora!“
Irritiert hielt ich inne und sah ihn forschend an. Was kam jetzt?
Nur eine Sekunde später waren alle Unklarheiten beseitigt, denn wieder presste er seine Lippen auf meinen Bauch. Und dann begann er, meinen nackten Oberkörper mit vielen kleinen, saugenden Küssen einzudecken und mich dabei langsam nach hinten auf die Matratze zu drücken. Ich ließ ihn gewähren, denn ich wollte ihn ja auch. Er war so unglaublich talentiert, wenn es darum ging, die Lust in mir zu schüren. Gleichzeitig aber stach es irgendwo tief in mir drin bei dem Gedanken, dass er mich jetzt nur nahm, um seinen Schmerz zu vergessen. Er benutzte meinen Körper, um das Bild seiner toten Frau aus seinem Kopf zu verdrängen, und dieses Wissen ließ mich unsere nächste körperliche Vereinigung nicht im gleichen Maße genießen wie die beiden anderen Male, bei denen es – so nahm ich es wenigstens an – für ihn nur mich gegeben hatte. Sicher, auch diesmal war die Befriedigung vollkommen, und als ich schließlich schwer atmend und verschwitzt in seinen Armen lag, konnte ich mich eigentlich nicht beschweren. Aber dennoch war es anders gewesen als vorher, und es hatte in mir einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Warum eigentlich? Wo ich doch nichts für ihn empfand und das hier sowieso nur eine Urlaubsaffäre war?

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:27 
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Irrlicht
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Bei meinem zweiten Besuch im Whydah-Museum war ich noch aufgeregter als beim ersten. Handelte es sich bei der dort ausgestellten Kette wirklich um die, die Finley in seinem Tagebuch erwähnt hatte? Sparrows Erster Maat hatte eine unbeholfene Zeichnung von ihr angefertigt, aber auch diese war vom Meerwasser verwischt, wie große Teile des Textes. - Gebannt ist sie in die Kette aus Muscheln und Perlen. Gebannt ist nun auch das Herz der Dutchman, schlagend und doch tot, bis der Meeresschaum sie wieder vereint. – Wieder gingen mir die Worte durch den Kopf, die mir schon Rätsel aufgaben, seit ich vor Monaten das erste Mal Finleys Tagebuch aufgeschlagen hatte .. kurz nach dem Tod meiner Mutter, die es bis dahin verwahrt und es mir gegenüber nicht einmal mit einem Wort erwähnt hatte. Wahrscheinlich, weil sie mich gut gekannt und gewusst hatte, dass ich mich in diese Sache mit all meiner Energie hineinknien würde, und weil sie mir die Enttäuschung hatte ersparen wollen, die sie als absolut rational denkender und handelnder Mensch wahrscheinlich schon hatte kommen sehen. Warum auch immer, letzten Endes war das Tagebuch doch in meinen Händen gelandet, und ich hatte es in der Zwischenzeit so oft gelesen, dass ich den Inhalt auswendig kannte. Dennoch fehlten mir die Zusammenhänge – zum einen wegen der großen Lücken, die das Meerwasser und die Zeit in das Tagebuch gewaschen hatte, zum anderen, weil mir andere Quellen fehlten. Nach wie vor nahm ich an zu wissen, wer ‚sie‘ war, aber mir fehlte der Beweis, dass es sich wirklich um Camila handelte. Zum anderen gab es einen Fakt, eine unumstößliche Tatsache, die meine Theorie nicht gerade untermauerte – nämlich der Umstand, dass Captain William Turners große Liebe eigentlich seine Frau Elizabeth gewesen war. Konnte ein Mann sich noch einmal so verlieben?
Das war es, was mich verwirrt hatte und warum ich keinen Dreh an diese Sache bekam. In all den Geschichten, die ich über ihn gelesen hatte, hatte es immer nur diese eine Frau für ihn gegeben. Allerdings datierte Finleys Tagebuch gut hundert Jahre später als die ersten Abenteuer um Will, Elizabeth und Jack, und Elizabeth war zu jenem Zeitpunkt, in dem Finleys Geschichte spielte, zweifellos längst tot. Hatte Turner wirklich noch einmal geliebt? Diese schöne Comtess vielleicht, die zufällig aus Spanien kam und von der ich darum hoffte, dass sie in irgendeiner Form etwas mit mir zu tun hatte? Hatte ich vielleicht eine Adelige in meiner Ahnenreihe, von der ich noch nichts wusste? Hatte das Tagebuch darum seinen Weg in meine Familie gefunden? – Ich kannte die Antworten auf all die Fragen noch nicht, war aber fest entschlossen, sie zu finden. Und ich würde sie hier finden, auf Cape Cod, das fühlte ich irgendwie. Es mag vielleicht dumm und kindisch anmuten, dass ich so dachte und sogar einen Teil meines Jahresurlaubs investierte, um einem Gefühl hinterher zu jagen, aber ich war von jeher ein Mensch gewesen, der seinen Gefühlen gefolgt war und der damit meist richtig gelegen hatte. Hier würde es hoffentlich zum gleichen Ergebnis führen. Außerdem musste ich ja niemandem als mir selbst gegenüber Rechenschaft ablegen, warum ich ausgerechnet im November nach Cape Cod geflogen war.

„Da ist das Prachtstück“, riss Jay mich aus meinen Gedanken und wies auf eine von innen beleuchtete Vitrine, in der neben einigen anderen, vom Salzwasser in Mitleidenschaft gezogenen Schmuckstücken auch eine einreihige Kette ausgestellt war, auf die man Muscheln, Perlen und gewundene Seeschneckengehäuse aufgezogen hatte. Sogar zwei kleinere Seesterne, wie ich bei näherem Hinsehen sah. Eine hübsche Kette, wie ich fand. Eine, die ich mir wahrscheinlich zu Karneval um den Hals hängen würde, wenn ich als Meerjungfrau gehen würde. Was aber am bemerkenswertesten war, war der erstaunlich gute Zustand, in dem sie sich befand. Sie war ganz, sie sah nicht so aus, als ob ein Stück fehlte, und darüber hinaus sahen alle Anhängsel aus wie neu. Misstrauisch wandte ich mich Jay zu.
„Bist du sicher, dass sie echt ist? Sie macht nicht gerade den Eindruck, als ob sie wer weiß wie lange auf dem Meeresgrund gelegen hätte. Sagtest du nicht, sie wäre älter als die Whydah?“
Er nickte und deutete auf das kleine Schild vor dem Schaukasten, in dem Ort und Datum des Fundes verzeichnet waren sowie das Ergebnis der C14-Untersuchung – einer Untersuchung an einem bestimmten Kohlenstoffisotop , dem vierzehnten nämlich, zur Altersbestimmung.
‚Mindestens 600 Jahre, vermutlich älter‘ stand da unglaublich präzise. Mein Stirnrunzeln vertiefte sich.
„Sieht die etwa aus wie eine Kette, die 600 Jahre im Salzwasser gelegen hat?“, wandte ich ein und deutete anklagend auf die Kette. „Die ist doch nachgemacht!“
„Vielleicht aber auch nur restauriert.“
Ich schnaubte. „Beim Restaurieren kannst du keine Salzschäden rückgängig machen. Die Muscheln .. sieh sie dir doch an! Sie sind allesamt kantig und scharf. Du kannst jede Rille sehen! Gleiches gilt für die Schneckengehäuse! Die Farben sind auch viel zu intensiv! Und dann die Kordel, auf die man das ganze Zeug gezogen hat. Die dürfte doch nach über 600 Jahren überhaupt nicht mehr existieren!“
Jay wiegte nachdenklich den Kopf hin und her.
„Die Kordel eigentlich nicht, da hast du recht. Vielleicht hat man die ja auch wirklich ersetzt. Um dem Betrachter einen richtigen Eindruck von der Kette vermitteln zu können.“
„Aber dann müsste es doch vermerkt sein, dass die Kordel nicht mehr authentisch ist!“
Jays Brauen zogen sich zusammen, allerdings nicht vor Unwillen über meine Meckerei, sondern weil er die Kette jetzt genauer betrachtete – das erste Mal in seinem Leben vermutlich.
„Du hast Recht, die Muscheln und Schnecken sehen ziemlich neu aus. Auch die Seesterne. Als ob man sie gerade erst lebendig aufgereiht hätte.“
Ich schüttelte mich bei der Vorstellung, dass die Seesterne noch gelebt hatten, als man sie zu Schmuckstücken gemacht hatte. Und als ob mein Verstand nur auf die Gelegenheit gewartet hätte, mir einen Streich zu spielen, glaubte ich plötzlich zu sehen, wie sich die Beine der Seetiere zu bewegen begannen. Ich blinzelte irritiert und kniff mir verstohlen in die Hand – nein, alles beim Alten, keine lebendige Kette, die mein Weltbild erschütterte.
„Lass uns gehen, ja?“, bat ich Jay unvermittelt, weil mir plötzlich kalt wurde. Je länger ich auf die Kette sah, umso unheimlicher wurde sie mir. Ich wollte weg aus ihrer Gegenwart, so irrational dieser Wunsch auch war. Und rechtfertigte diesen Wunsch mit der Begründung: „Ich denke, ich hab genug gesehen.“
Jay erwiderte nichts darauf, sondern nahm einfach meine Hand in seine und verließ mit mir das gut geheizte Museum. Draußen vor der gläsernen Eingangstür hingegen pfiff es wieder einmal böig, so dass ich mich von ihm löste und eilig in meinen Parka schlüpfte, der diesen dämlichen Wind nicht durchlassen würde. Wie warm und angenehm es doch jetzt in Sevilla war …!
„Frühstück?“, kam es fragend von der Seite, und ich sah Jay forschend an, während ich den Reißverschluss des Parkas in die Höhe zog. Wie würde es jetzt mit uns weitergehen? Würde es überhaupt zwischen uns weitergehen? Ich hatte mich vorher gedanklich nicht damit beschäftigt – und hatte ja auch nicht sonderlich viel Zeit dazu gehabt – jetzt aber schien mir die Frage auf einmal wichtig. Wir hatten die Nacht miteinander verbracht, er hatte mir eine Kette gezeigt, die die fragliche Kette sein konnte, aber nicht sein musste, und eigentlich konnten sich unsere Wege jetzt trennen. Im Grunde konnte ich sogar nach Hause fliegen, denn da Clifford nicht hier war und es auch nichts weiter Sehenswertes auf Cape Cod gab, das in irgendeinem Zusammenhang mit dem Tagebuch stand, waren meine Nachforschungen wohl in einer Sackgasse zum Stillstand gekommen. Was also wollte ich noch hier?
„Ja, gerne“, hörte ich mich zu meiner Überraschung sagen und runzelte über meine Reaktion gedanklich die Stirn. Was tat ich denn hier? Das war gerade der beste Zeitpunkt gewesen, um einen Strich zu ziehen und sich zu verabschieden. Ich hatte keine Affäre beginnen wollen, hatte es letztlich aber doch getan, weil Jay mich weitaus piratenhafter gekapert hatte als Nat es trotz seines verführerischen Piratenaussehens je gekonnt hätte. Aber wo es mit Nat nicht gehalten hätte, weil er ein offenbarer Filou war, würde es mit Jay nicht halten, weil sein Herz einer anderen Frau gehörte und ich bestenfalls nur ein Trostpflaster war. Und dafür war ich mir doch eigentlich zu schade.
Trotzdem ging ich nicht. Sagte ihm noch ein Frühstück zu und redete mir erfolgreich ein, dass ich danach ja immer noch verschwinden könnte. Ich war schon immer gut darin gewesen, mich selbst zu belügen.
„Okay, mir nach!“

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:28 
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Irrlicht
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Jay schien in einen Topf mit guter Laune gefallen zu sein, über den er irgendwo beim Verlassen des Museums gestolpert sein musste und war seinem Bruder gerade noch ähnlicher als sonst schon. In seinen hübschen Augen funkelte es unternehmungslustig auf, und die Grübchen kamen wieder zum Vorschein, als er mich anlächelte und wieder nach meiner Hand griff. Ich überließ sie ihm schmunzelnd und schob mir mein Haar aus dem Gesicht, mit dem der Wind, offen wie es war, gerade leichtes Spiel hatte. Dann folgte ich ihm, doch nicht zurück zum Jeep, den wir vor dem Museum geparkt hatten, sondern die Straße hinab. Er führte mich zu einem Diner, das direkt an der Hauptstraße lag und in dem bereits ein paar Gestalten saßen und ihren Morgenkaffee tranken. In einem von ihnen erkannte ich Nat wieder – er saß mit der Seite zum Eingang an der Theke und flirtete mit der Bedienung – und wäre am liebsten auf der Stelle wieder gegangen. Aber Jays Griff um meine Hand wurde auf einmal unnachgiebig, so als wüsste er genau, dass ich mich mit Fluchtgedanken trug, und als Nat uns schließlich entdeckte, war sowieso kein Denken mehr an Umdrehen und Abhauen. Das hätte nun wirklich zu blöd ausgesehen.
Ich biss also die Zähne zusammen und setzte ein Lächeln auf, das ich ihm schenkte, während Jay mich zu einem freien Tisch zog. Nat erwiderte es und nickte dazu. Aber es war kein sonderlich fröhliches Lächeln, und als sein Blick auf meine Hand fiel, die in der seines Bruders lag, verschwand es dann auch vollkommen. Er sah wieder weg – die Fronten waren geklärt und Jay als Sieger aus diesem Duell hervorgegangen – und auch ich wandte mich ab, mit einem schlechten Gewissen, für das es eigentlich keinen Grund gab, denn Nat hatte ja schließlich keine Option auf mich gehabt und ich musste mich nicht dafür rechtfertigen, dass ich die Nacht mit seinem Bruder verbracht hatte. Trotzdem, das miese Gefühl blieb und wollte auch nicht weichen, nachdem ich mich mit dem Rücken zu ihm auf die rote Kunstlederbank gesetzt und mich aus meinem Parka gepellt hatte. Und auch Jay kam mir längst nicht mehr so fröhlich vor wie eben noch.
Er zog die Plastikspeisekarten aus dem Tischständer und reichte mir eine, dann versenkte er seinen Blick in das Angebot, obwohl ich mir eigentlich ziemlich sicher war, dass er genau wusste, was es hier alles gab. Aber offenbar wollte er gerade meinem Blick nicht begegnen. Oder Nats. Wie auch immer, ich akzeptierte sein Verhalten und las mir die Speisen ebenfalls durch. Währenddessen wuchs neben uns die Bedienung aus dem Boden, eine dampfende Kaffeekanne in der Rechten und zwei Henkeltassen in der Linken. Und diese füllte sie uns jetzt ungefragt – eine nette Sitte in den Vereinigten Staaten, wie ich übrigens finde, dass man in einem amerikanischen Diner immer sofort mit Kaffee bedient wird, nur die erste Tasse zahlen muss und es danach so viel kostenlosen Nachschub gibt, wie man will.
„Hast du dich schon entschieden?“
Ich blickte von der Bedienung zu Jay und fragte mich, was dieser ausdruckslose Blick jetzt wieder zu bedeuten hatte. Galt er mir? Oder seinem Bruder? Oder war Jay Bellamy einfach nur ein launischer Mann - im einen Moment jungenhaft übermütig, im nächsten unnahbar kalt? Leidenschaftlich wild wie ein feuriger Latino und dann wieder so verletzlich wie ein Kind?
„Ich nehme die Rühreier mit Speck und einen Obstsalat dazu.“
„Das Gleiche für mich.“
Die Bedienung entfernte sich wieder, und Jay und ich steckten die Karten zurück in den Ständer. Dann breitete sich Schweigen zwischen uns aus, was unseren Diner-Aufenthalt nicht gerade gemütlicher machte, aber nun war ich zu stur, um das durch belanglose Plauderei oder einen Themenwechsel zu ändern. Heute Morgen im Bett war es anders gewesen. Da hatte ich seinen Schmerz gefühlt und sein Vergraben in meinem Schoß wie eine Art von Hilferuf empfunden. Hilfe, die ich ihm gerne geleistet hatte. Jetzt hingegen empfingen meine sensiblen Antennen nichts dergleichen. Nur Ablehnung und Verschlossenheit. Also gut, das würde ich jetzt aussitzen!
Ich lehnte mich zurück, strich mir dabei das Haar aus dem Gesicht und sah mich um. Das Diner war überladen mit Fotos und Autogrammkarten an den Wänden, mit bunten Leuchtzeichen, aufgehängten Gitarren, Nummernschildern aus diversen US-Bundesstaaten und anderem Kram, von dem man annehmen konnte, dass er allein der Touristen wegen hier angebracht worden war. Im Sommer, so vermutete ich wieder einmal, wurde dieser Laden hier wohl regelmäßig von Urlaubern überflutet. Jetzt hingegen waren es wohl nur Einheimische, die hier ihren Tag begannen und sich zu dem Zweck hauptsächlich um die Theke herum gruppiert hatten. Unweit von unserem Tisch stand in unserer Ecke eine auf alt gemachte Jukebox, an der man die Titel wählen konnte, die danach über supermoderne, in die Decke eingelassene Lautsprecher wiedergegeben wurden. Einer Eingebung folgend – und weil mir Jays Schweigen langsam wirklich auf den Wecker ging – stand ich auf, ignorierte seinen fragenden Blick und ging zur Musikbox. Dort ließ ich meinen Blick über die Liste der Titel schweifen und war mir wohl bewusst, dass zumindest zwei andere Blicke gerade jetzt auf mir ruhten. Ich ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen und konzentrierte mich stattdessen auf das Musikangebot, das eine seltsame Mischung aus Country, Rock, Rap und Oldies war. Ich entschied mich für einen Titel von Brian Adams – ‚Everything I do, I do it for you‘ – zog einen Dollar aus meiner Hosentasche und warf ihn in den Automaten. Dann drückte ich den Titel und kehrte daraufhin zu meinem Platz zurück. Ohne Nat dabei einen Blick zuzuwerfen, aber auch, ohne Jay anzusehen. Und ehe ich mich setzte, zog ich eine Zeitung aus einem neben meiner Sitzbank stehenden Zeitungsständer. Wenn Jay die Stille bei Tisch vorzog, sollte er. Würde ich mir bis zu unserem Essen eben ein paar unsinnige Berichte über die neuesten Eskapaden der Hollywoodstars durchlesen.
Ich setzte mich also wieder und schlug die Illustrierte auf. Aber ich hatte noch nicht einmal einen Blick in die Inhaltsangabe geworfen, als Jay plötzlich murmelte: „Sie hat den Song auch immer gedrückt, wenn wir hier waren.“
Ich wusste natürlich sofort, von wem er sprach und sah von der Zeitung auf.
„Deine Frau?“
Er nickte und schien nicht überrascht, dass ich Bescheid wusste. Sein Blick wanderte kurz zur Theke hinüber – zu Nat, wie ich vermutete – dann heftete er sich wieder auf mich.
„Susan, ja. Wir sind früher oft hierher gekommen. Sie hat das Diner immer geliebt, genauso wie das kleine Fischrestaurant am Hafen. Jedesmal, wenn wir hier waren, hat sie als erstes der Jukebox einen Besuch abgestattet und Adams gedrückt. So wie du gerade ..“
Die Zeitung war vergessen. Ich sah Jay an, überrascht über die unvermutete Bereitschaft, mit der er gerade unaufgefordert von seiner toten Frau sprach und bewegt dazu, weil er mich an die gleichen Orte geführt hatte – oder im Fall des kleinen Fischrestaurants führen wollte – die er früher mit Susan bevorzugt besucht hatte. Hatte er sich bewusst mit der Vergangenheit konfrontieren wollen, um endlich darüber reden zu können? Wusste er, dass er bei mir ein offenes Ohr und Verständnis finden würde? Hilfsbereitschaft? Oder war es vielmehr, dass ich eine Fremde war, dass es ihm mir gegenüber leichter fiel, von diesen Dingen zu reden?
Ich überlegte noch, was ich ihm antworten sollte, als er schon weitersprach.
„Wir kannten uns von klein auf, sind zusammen aufgewachsen, sie, Nat und ich. Sie war unsere ‚Kleine Sue‘, die wir beschützten, mit der wir aber auch eine Menge Unsinn anstellten – und natürlich waren immer wir es, die Jungs, die dafür die Löffel lang gezogen bekamen.“
Er lächelte, und ich tat es ebenfalls. Wie anders er jetzt wieder wirkte, wie viel jünger, zugänglicher, wie viel verletzlicher. Er fuhr fort zu erzählen, und sein funkelnder Blick richtete sich dabei nach innen, auf Jahre die längst vergangen waren, die ihm aber alles bedeuteten.
„Als wir älter wurden und unser Interesse aneinander sich änderte, machte sie sich einen Spaß daraus, Nat und mich zappeln zu lassen. Sie ging mal mit dem einen aus, mal mit dem anderen. Aber wirklich an sich heran ließ sie keinen von uns, denn sie hatte nicht vor, hier auf Cape Cod zu bleiben. Sie träumte immer davon, nach New York zu ziehen und dort auf eine Schauspielschule zu gehen. Genau das tat sie dann auch, und für ein paar Jahre war sie aus Nats und meinem Leben verschwunden. Erst in dieser Zeit wurde mir klar, was sie mir wirklich bedeutet hatte … ich merkte irgendwann, dass ich nicht ohne sie leben konnte. Also warf ich die Brocken hier hin und reiste ihr nach. Und fand sie dann auch, in einem abgewrackten Apartment in Greenwich, das sie zusammen mit ein paar anderen Schauspiel-Mitschülern bewohnte – zumindest dachte ich da noch, dass es Mitschüler waren. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sie die Schule bereits zwei Jahre zuvor geschmissen hatte und sich seitdem mit ‚Modeln‘ über Wasser hielt.“
Die Art, wie Jay das Wort ‚Modeln‘ betonte, ließ mich aufhorchen. Aber ehe ich dazu kam nachzufragen, kam die Bedienung mit dem Essen, und das Gespräch erfuhr erst einmal eine Unterbrechung. Erst, als die chica wieder gegangen war und wir beide mit dem Essen begonnen hatten, fuhr Jay fort.
„Um es kurz zu machen, sie war dazu übergegangen, ihr Geld mit Nacktfotos zu verdienen, und außerdem war sie tablettensüchtig - ich erkannte sie fast nicht wieder, so sehr war sie abgemagert. Ich holte sie dort heraus und brachte sie nach Provincetown zurück, wo ich ihr half, von den Tabletten herunterzukommen und wieder clean zu werden. Sie blühte auf, begann wieder zu malen, wie sie es früher oft getan hatte, und die Erinnerung an New York und ihren fehlgeschlagenen Versuch, Schauspielerin zu werden, verblasste. Wir kamen einander in dieser Zeit näher – anders als früher, versteht sich – und schließlich machte ich ihr einen Heiratsantrag. Sie nahm an ..“
Jay machte eine kleine Pause und griff nach seiner Kaffeetasse. Ich fühlte, dass er in seiner Geschichte an einem Punkt angelangt war, der ihn emotional sehr ergriff. Darum die kleine Pause und darum auch das Vergraben seines Gesichts in der Tasse .. wenn auch nur für wenige Sekunden.
„Wir heirateten in kleinem Kreis, und Nat war mein Trauzeuge. Ich .. hab’s damals nicht kapiert, dass Nat sie auch immer noch gewollt hat. Normalerweise konnte er nichts vor mir verheimlichen .. Zwillinge, du weißt schon. Aber in dem Fall ..“
Lustlos stocherte Jay in seinen Rühreiern herum, dann warf er kopfschüttelnd die Gabel auf den Teller und lehnte sich zurück.
„Na ja, ich will dich nicht langweilen. In den ganzen vier Jahren, die Sue und ich verheiratet waren, hatte ich nicht einmal gedacht, dass etwas nicht in Ordnung wäre zwischen uns. Ich war glücklich. Und als sie mir schließlich sagte, dass sie ein Kind von mir erwartete, war ich im siebten Himmel. – Dann kam Thanksgiving, und wie jedes Jahr kam Nat zum Essen. Für gewöhnlich endeten diese Abende immer damit, dass wir uns gegenseitig an alte Streiche erinnerten, die wir drei als Kinder anderen gespielt hatten. Mit anderen Worten mit Gelächter. Aber nicht dieser Abend ... - Nat verlangte auf einmal mitten im Abendessen, dass sie mir sagte, was los war. Ich wusste nicht, was er meinte, ahnte aber, dass es mir nicht gefallen würde, was ich zu hören bekommen sollte. Oh Mann, nicht gefallen?“
Jay schnaubte bitter und warf Nat einen kurzen Blick zu. Dann heftete er ihn wieder auf mich.
„Die beiden hatten ein Verhältnis miteinander. Fast von dem Tag an, an dem ich sie wieder nach Cape Cod zurückgebracht hatte. Ich hatte nichts davon mitbekommen, blöd, wie ich war. Und vielleicht wäre es auch nie herausgekommen, denn Nat schien ja offenbar damit zufrieden gewesen zu sein, sie ab und zu vögeln zu können. Aber dann kam das Baby. Und da hörte die Genügsamkeit meines Bruders plötzlich auf. Auf einmal wollte er klare Verhältnisse. Und außerdem wissen, wer denn nun der Vater des Babys wäre. Ich fiel aus allen Wolken. Und dann wurde ich sauer. Ich flippte aus und rückte die Möbel gerade. Schrie Susan an, schrie Nat an. Nat brüllte zurück, Susan fing an zu weinen. Ich nahm das in dem Moment gar nicht wahr, verlangte wütend von ihr, dass sie sich zwischen uns entschied. Sie rief verzweifelt, dass sie uns beide liebte und sich nicht entscheiden könnte. Dass sie sich noch nie zwischen uns hätte entscheiden können, dass sie nichts für ihre Gefühle könnte ... dann rannte sie raus, und ich ließ sie gehen. Ich war zu verletzt, um ihr nachzulaufen und sie zurückzuholen. Nat wollte es, aber ein Kinnhaken von mir hielt ihn auf. Ich hatte nicht vor, ihn davon abzuhalten, hinter Sue herzusetzen, ich gab einfach nur meiner Wut nach, ehe ich daran kaputt ging. Er ging zu Boden, und ich wartete schon auf die Retourkutsche. Aber er rappelte sich auf und rannte Sue hinterher – zu spät, sie hatte den Wagen genommen und war damit abgehauen. … Das Wetter war damals ähnlich beschissen, wie es vorgestern gewesen war. Ein Sturm fegte übers Land, es war Nacht und es regnete in Strömen. Wir fanden den Wagen am anderen Morgen zerschmettert am Strand von Pilgrim Beach. Sie hatte die 6 A genommen, die dicht an der Ostküste entlang führte, um nach Provincetown zu kommen, anstatt die 6, die weiter im Landesinneren liegt. Eine Sturmbö hatte den Wagen anscheinend gepackt und in die Tiefe geschleudert. Der Doc meinte, dass sie auf der Stelle tot gewesen wäre.“
Jay schwieg, weil er am Ende seiner Geschichte angekommen war, und ich tat es ebenso. Das, was er mir erzählt hatte, hatte mich schockiert. Gleichzeitig aber begann ich nun endlich zu verstehen – die frostige Kälte zwischen den beiden Brüdern, Jays Schmerz und die Abgeschiedenheit, in der er jetzt lebte. Er tat mir leid. Doch Nat genauso, und ebenso Sue, die große Liebe der beiden Männer, die sich zwischen ihnen nicht hatte entscheiden können und diese Unentschlossenheit sie schließlich das Leben gekostet hatte. Ihr eigenes und das ihres Babys.
Ich bedauerte es jetzt, dass wir in einem öffentlichen Lokal saßen, denn ich spürte auf einmal das dringende Bedürfnis, zu Jay zu gehen und ihn in meine Arme zu ziehen. Hier ging das nicht, schon gar nicht in Nats Anwesenheit. Nicht einmal seine Hand ergreifen konnte ich, da er immer noch zurückgelehnt auf seinem Stuhl saß. Und ich vermutete, dass er das jetzt auch gar nicht wollte. So beschränkte ich mich also darauf, ihm zu sagen, was ich empfand – einfach kommentarlos darüber hinweggehen konnte ich beim besten Willen nicht.
„Es tut mir leid, Jay. Mehr als ich sagen kann ..“
Wie hohl dieser Satz klang. Aber ich meinte ihn so, wie ich sagte, und ich hoffte, dass er das auch so aufnahm.
„Ja, mir auch ..“
Wieder schweifte Jays Blick zu Nat. Dann schien er sich daran zu erinnern, dass er noch ein Frühstück vor sich stehen hatte und griff erneut nach seiner Gabel. Das Essen gestaltete sich wieder schweigsam, doch diesmal war es kein unangenehmes Schweigen. Ich wusste nun, was in ihm vorging und bezog es nicht mehr auf mich, dass er war, wie er war. Ich war ihm dankbar, dass er sich mir so geöffnet hatte, auch wenn sein Herz nun ganz bestimmt wieder blutete. Ich würde später dafür sorgen, dass das Bluten aufhörte – das nahm ich mir in diesem Moment fest vor.
Kein Gedanke mehr an Abreise. Nicht jetzt.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:29 
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„Möchtest du sie sehen? Die ‚Mermaid‘?“
Ich atmete tief durch und war froh, dass wir aus dem Diner heraus waren. Nicht wegen Nat, der hatte schon vor uns das Lokal verlassen – wohl eher wegen der dramageschwängerten Luft im Inneren des Imbisses und weil ich immer mehr das Bedürfnis verspürt hatte, Jay wieder näher zu sein. Und mich der Tisch im Diner sowie die anwesenden Gäste ganz eindeutig daran gehindert hatten.
„Dein Schiff? Ja, gerne!“
Lächelnd blies ich mir mein aufwehendes Haar aus dem Gesicht, und dann war ich diejenige, die nach Jays Hand griff. Er erwiderte mein Lächeln – und täuschte ich mich oder wirkte er wirklich ein wenig erleichterter? Ich drückte seine Finger leicht und wollte mich schon mit ihm in Richtung Jeep in Bewegung setzen, der ja noch nach wie vor vor dem Museum stand. Aber ich hatte kaum einen Schritt getan, da fühlte ich mich zurückgezogen und fand mich gleich darauf in Jays Armen wieder.
„Cora, warte ..!“
Mein Herz klopfte heftiger, als er die Distanz zwischen uns auf diese bestimmte Art auf Null reduzierte und ich ihn wieder so nah fühlte. War ich dabei, mich in ihn zu verlieben? Oder begehrte ich ihn nur?
Fragend sah ich zu ihm in die Höhe – er war einen guten halben Kopf größer als ich, etwas, das mir sehr gefiel, denn ich stand auf große Männer.
„Ich muss mich bei dir entschuldigen“, fuhr er fort. Dann schmunzelte er plötzlich schief und sah dabei zum Anbeißen aus. „Wieder einmal. – Ich hätte dir nicht den ganzen seelischen Müll zumuten dürfen, den ich mit mir herumschleppe. Du hast Urlaub, du forschst in deiner Vergangenheit … du solltest die Zeit hier genießen, auch wenn es nicht die schönste hier auf Cape Cod ist. Und ich hab nichts Besseres zu tun als dich erst anzugreifen und dir das Leben schwer zu machen und mich dann auch noch bei dir auszuheulen. Was musst du von mir denken ..“
Ich schenkte Jay ein beruhigendes Lächeln und streichelte seine stoppelbärtige Wange – ‚Ein Bart würde ihm absolut gut stehen!‘
„Red keinen Unsinn. Ich bin froh, dass du mir das alles erzählt hast. Ich habe nicht gewusst, warum du manchmal so ... verschlossen bist. Jetzt weiß ich es.“ Mein Lächeln vertiefte sich. Dann geriet es verschmitzt und ich neckte ihn gurrend: „Und für den Rest hast du mich doch schon längst entschädigt, chico.“ Ich biss ihm grinsend in sein piksendes Kinn. Jay revanchierte sich dafür, indem er seine Hände tiefer gleiten ließ und sie auf meinem Jeans-Po parkte.
„Hab ich das? Schade ... dann besteht wohl kein Grund mehr, es noch einmal zu tun, oder?“
„Oooh doch! Da fallen mir eine Menge Gründe ein!“, protestierte ich sofort und knuffte den amüsiert dreinblickenden Lümmel vor mir in die Rippen. Er antwortete mir, indem er mich südwärts mit einem Ruck an sich zog und sich dann lächelnd zu meinen Lippen hinunter beugte. Er berührte sie jedoch nicht, sondern raunte prickelnd nah daran: „Was hältst du davon, wenn wir vor der Besichtigung der ‚Mermaid‘ noch einen kleinen Zwischenstopp einlegen?“
„In deinem Bett zum Beispiel?“
„In meinem Bett zum Beispiel!“
Ich kehrte die Gelangweilte heraus und sah Jay träge an. „Ach neeein .. das kenn ich doch schon, das ist ja öde.“
Prompt wurde ich in den Allerwertesten gekniffen und machte einen kleinen Satz – in Jays Richtung natürlich, was ihm offenbar ziemlich gut gefiel.
„Ja, du kennst das in meinem Schlafzimmer ..“
Er sagte es so, dass es klang, als ob er noch jede Menge anderer Betten hätte ... eine Vorstellung, die mir nur bedingt gefiel.
„Hast du denn noch mehr?“
Jays elegante Augenbrauen fuhren bezeichnend in die Höhe, und in seinen dunklen Augen glitzerte es amüsiert. Wieder einmal wurde mir bewusst, was für ein unglaublich schöner Mann er doch war. Ich genoss seinen Anblick einen Moment lang einfach nur, doch dann konnte ich nicht anders und musste ihn einfach küssen. Er erwiderte meinen Kuss mit der ihm eigenen Entschlossenheit, die mich um so schwacher machte, je länger ich ihr ausgesetzt war und fuhr dabei mit seinen Händen unter meinen Parka und – praktischerweise – auch gleich unter meinen Pulli, den ich nach dem Aufstehen aus Faulheit nicht in die Hose gestopft hatte. Ich erschauerte, als seine warmen Fingerspitzen neckend auf meiner Wirbelsäule Klavier zu spielen begannen und fand es gerade mehr als schade, dass wir noch mitten auf der Straße standen und uns nicht bereits in Reichweite besagten Bettes befanden.
„Mach mich nicht verrückt, chico“, flüsterte ich warnend und erschauerte unter seinen gut getarnten Zärtlichkeiten.
„Und wenn doch?“
Ich wusste nicht, ob er die Bemerkung ernst meinte, die er da an meinen Lippen raunte. Fest steht jedoch, dass er in diesem Moment nicht lächelte und dass auch sein Blick sich verändert hatte. Irritiert sah ich ihn an, schwankend zwischen einer überraschenden Sehnsucht und aufkeimender Angst vor einer anstehenden Entscheidung ... und beschloss letzten Endes, es einfach mit Humor zu nehmen. Das war auf alle Fälle unverfänglicher. Außerdem hielt ich mir damit alles offen.
„Dann hoffe ich, dass du mit den Konsequenzen leben kannst, mi corazón!“
Seine Finger hielten in ihrem zärtlichen Tun inne und Jays Blick forschte intensiv in meinem. Schließlich streifte er meine Lippen lächelnd und murmelte zu meiner Überraschung auf Spanisch: „Wir werden sehen, Kleines.“
Und dann sagte er gar nichts mehr, weil er mich daraufhin leidenschaftlich küsste.

Wir legten vor unserem Aufbruch zur ‚Mermaid‘ doch keinen Zwischenstopp mehr ein, wir fuhren allerdings auch nicht mit dem Jeep zu seinem Schiff, weil es in der Marina von Provincetown lag und diese nach Jays Aussagen verhältnismäßig nah war. Er bevorzugte es, zu Fuß zu gehen, und ich hatte nichts dagegen, weil das Wetter gerade mitspielte und es trocken war. So schlenderten wir also Hand in Hand ein Stück die mit Geschäften und Lokalen gesäumte Hauptstraße entlang und bogen dann in eine Querstraße ein, die zum Wasser hinunterführte. Ein weiterer Leuchtturm kam in Sicht, der Race Point Leuchtturm, und direkt daneben gab es ein großes Hafenbecken, in dem einige Yachten und Segler vor sich hin dümpelten, die hier wohl allesamt ihren Heimathafen hatten. Die Anzahl der festgemachten Schiffe war übersichtlich, was natürlich an der Jahreszeit lag.
Jay steuerte mit mir einen der Holzstege an, der bedenklich zu knarzen begann, als wir ihn betraten. Ich gab einen kleinen, erschrockenen Laut von mir und kassierte dafür prompt ein amüsiertes Grinsen.
„Kannst du eigentlich schwimmen?“
„Warum? – Hast du vor, mich ins Wasser zu werfen?“
Misstrauisch linste ich zu ihm in die Höhe und schmunzelte, als ich sah, dass er lachte. Ich sah ihn gerne lachen. Er besaß genau wie sein Bruder zwei Reihen perfekter Zähne, die jetzt weiß in seinem wettergegerbten Gesicht aufblitzten und ihm gemeinsam mit seinem Dreitagebart und seinem wirren Haar ein ziemlich verwegenes Aussehen verliehen.
„Nein, vielen Dank. Dann müsste ich dir hinterher springen und dich wieder rausziehen, weil dich die Kälte wahrscheinlich bewegungslos machen würde. Und danach steht mir der Sinn gerade nicht.“
Ich schmunzelte und sah auf die Schiffe, an denen wir vorbeigingen. Allesamt waren sie mit Leinen am Steg und an im Wasser stehenden Dalben festgemacht und erweckten einen winterfesten Eindruck. Die Segel waren eingeholt und verpackt, die Niedergänge dicht gemacht und an manch kleinerem Boot sogar das Ruderblatt aus dem Wasser gezogen worden. Ich genoss es, an ihnen entlang zu spazieren, die Möwen über uns kreischen zu hören und dabei dem Plätschern des Wassers gegen die Bootsrümpfe zu lauschen sowie dem Knarren der Takelage der älteren Segler, bei denen noch Handarbeit gefragt war und die dementsprechend noch über mehr Leinen und Brassen verfügten.
Vor einem dieser älteren Segler hielt Jay an, und ich wusste, wir waren da. Nur am Steg vertäut, weil es längsseits von diesem lag, schwankte vor uns die ‚Mermaid‘ im ruhigen Hafenwasser, die Segel gleichfalls eingepackt, das Deck ordentlich aufgeräumt, der Niedergang verschlossen. Ich betrachtete sie einen Moment lang versonnen, ehe ich mich stirnrunzelnd an Jay wandte.
„Hattest du vorgestern nicht gesagt, du hättest dein Boot in den Schuppen gebracht? Kurz bevor der Sturm losging?“
Jays Augenbrauen hoben sich amüsiert an, und er zupfte mir verspielt an einer langen Haarsträhne.
„Das hier ist ein Schiff, kein Boot, Kleines. Und was sollte so ein Schiff in einem Schuppen? – Ich sprach von meinem Motorboot.“
„Oh …“, ich kam mir reichlich blöd vor. Natürlich hatte er von einem anderen Boot gesprochen.
„Du hast also ein Motorboot und dieses Schiff hier. Gaffel …?“
„Gaffelketsch.“
„Ja, Gaffelketsch. Und du hast ein Auto, ein großes Haus und einen Leuchtturm. Du bist wohl eine gute Partie, hm?“
Jay lachte leise auf, machte einen großen Schritt und stand schon an Bord der Ketsch. Der Holzsteg ragte einen guten Meter aus dem Wasser heraus und das Schiff hatte ein niedriges Deck, so dass kein großer Höhenunterschied zu überwinden war, um es zu betreten. Auch die Distanz hielt sich in Grenzen, so dass ich mit meinen kurzen Beinen keine Probleme hatte, dem immer noch vor sich hin grinsenden Skipper zu folgen.
„Kleine Decksführung, ehe ich dich hinunter in meine Koje schaffe?“
„Du meinst sicher Kajüte …“
„Aye, Kajüte. Hab ich doch gesagt, oder nicht?“
Ich sparte mir die Antwort und schob Jay stattdessen mit einem kleinen Knuff in die Rippen aus dem Weg. Dann umrundete ich die Ketsch entlang der Reling, wofür ich natürlich nicht sehr lange benötigte, denn obwohl sie beeindruckend und wirklich, wirklich hübsch war mit all dem polierten, rötlichen Holz und dem vielen nicht minder polierten Messing, war sie allerhöchstens zwölf, fünfzehn Meter lang und mein Rundgang schnell wieder beendet.
„Nett“, untertrieb ich meinen Eindruck bewusst, als ich schließlich wieder beim Skipper ankam.
Jay kniff ein Auge zusammen und sah mich tadelnd an.
„Nett? Ein Ausflug ins Grüne ist nett. Ein Paar selbst gestrickte Socken zum Geburtstag ist nett. Das hier aber ist unglaublich! Sensationell! Atemberaubend schön!“
„Ein Paar selbst gestrickte Socken? Du hast ein Paar selbst gestrickte Socken zum Geburtstag bekommen? Du armer Kerl!“
Demonstrativ die Augen verdrehend zog Jay einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss den Niedergang auf.
„Vielleicht sollte ich dich doch besser in die Bilge packen anstatt in meine Koje … würde meine Nerven beträchtlich schonen!“
Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich ihm mit meinen Bemerkungen auf den Wecker ging. Eher, dass er es unterhaltsam fand, mit mir herum zu flachsen. Es sogar genoss. Wie lange es wohl her war, seit er das das letzte Mal getan hatte?
„Pass auf, wenn du hinunter steigst – die Stufen sind ziemlich glatt“, hinderte Jay mich daran, mir länger Gedanken zu machen. Er wurde immer kleiner vor mir, mit jedem Schritt, den er die Treppe hinunter stieg, und ich beeilte mich, ihm zu folgen. Wobei ich seine Warnung ernst nahm und Acht gab, wohin ich trat. Ich hatte nämlich ein bedauerliches Talent, zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten auszurutschen, zu stolpern oder sonstwie hinzufallen und verspürte wenig Lust, heute noch Bekanntschaft mit einem der hiesigen Krankenhäuser zu machen.
Schließlich stand ich im spärlich erleuchteten Bauch des Schiffes. Die Lichtverhältnisse änderten sich aber sofort, als Jay den Strom einschaltete und mehrere Lampen gleichzeitig aufflammten.
„Oh, ist das schön hier!“
Mit offenem Mund sah ich mich um.
Auch hier unten war es das rötliche Holz und das Messing, das dominierte und dem erstaunlich großen, breiten Raum eine Menge Gemütlichkeit verlieh. Darüberhinaus jedoch gab es noch dunkelgrüne Gardinchen an den kleinen Außenbordfenstern sowie eine Sitzecke mit dicken, ebenfalls dunkelgrünen Polstern, und grün-weiß karierten waren die Kissen sowie das Tischtuch, das man diagonal auf den glattpolierten Tisch gelegt hatte. Über der Sitzecke verlief ein Regal, in dem eine Menge Bücher standen, der Sitzecke gegenüber gab es einen kleinen Kochbereich inklusive Kühlschrank und Spüle, und daneben führte eine Tür in einen abgetrennten Raum – die Toilette, wie ich annahm.
Es gab noch zwei weitere Türen, eine uns genau gegenüber liegend, welche einen Raum abtrennte, der offenbar bis in die Bugspitze ging und die andere hinter uns, seitlich vom Niedergang. Diese trennte den Achterbereich ab, in dem es wahrscheinlich – ebenso wie im Bugbereich – Schlafmöglichkeiten gab. Das vermutete ich zumindest, ich fragte Jay jedoch nicht, denn ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass es mir bei ihm nur um das Eine ging. Das tat es nicht, auch wenn besagtes Eine mit ihm einfach unglaublich war und ich mich seit unserem letzten Mal heute Morgen in seinem Bett oft dabei erwischt hatte, wie ich seinen Körper mit verstohlenem Blick verlangend gemustert hatte. Es zog mich mehr zu ihm als bloßer Sex, ich hatte nicht lange gebraucht, um mir darüber klar zu werden. Wie viel mehr das war und wohin das führen sollte, wusste ich allerdings noch nicht. Ich wollte mich damit jetzt noch nicht auseinandersetzen. Zumal ich ja auch keine Ahnung hatte, wie Jay die Sache sah.
„Es ist wunderschön hier“, wiederholte ich noch einmal, weil ich wirklich beeindruckt war von diesem Schiff. Ich wurde es nicht satt, mich umzusehen und jedes Detail dieses Ortes in mich aufzusaugen – die zur Hälfte abgebrannten Kerzen, welche in leeren, von Wachs vollgetropften Rumflaschen steckten, die getrockneten Seesterne an den Wänden und die hübschen Muscheln in einer Schale voller Sand … all das war so stimmig und idyllisch, so unglaublich romantisch, dass ich große Lust bekam, Jay zu fragen, ob wir nicht einfach aufs offene Meer hinaus segeln sollten. Ich tat es natürlich nicht, denn wir hatten November, und das Wetter war, wie die Tage zuvor, nicht gerade einladend. Aber ich stellte es mir vor, und in meiner Phantasie legten wir ab und kehrten nicht mehr hierher zurück. Und tief in mir fühlte ich einen wohltuenden Frieden bei dieser Vorstellung. So, als hätte ich endlich das gesehen, was mir bestimmt war – ein Leben auf dem Meer, an der Seite des Mannes, zu dem ich gehörte.
„Du hast ja noch gar nicht alles gesehen.“
Jays lächelnde Stimme holte mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Was war nur los mit mir, dass ich hier ständig in irgendwelchen Tagträumen versank? So war ich doch sonst nicht!
Er nahm mich bei der Hand und zog mich auf die Tür zu, durch die wir in den Bugbereich gelangen würden. Wenig später betraten wir diesen, und wie ich vermutet hatte, standen wir in einem kleinen, spitz zulaufenden Raum, in dem es linker Hand ein schmales Doppelbett gab und rechts von uns eine kleine Waschgelegenheit und einen daneben eingebauten Schrank. Über dem Waschbecken ließ ein weiteres kleines Fenster spärliches Tageslicht ein, auf der anderen Seite, direkt über dem Bett, ebenfalls, und außerdem gab es noch ein Skylight in der Decke über uns, durch dessen Klappe gleichfalls Licht einfiel. Es war hier bedeutend heller als im übrigen Bereich des Schiffsbauches, dennoch ließ Jay das elektrische Licht an, damit ich mir alles genau ansehen konnte.
„Das ist jetzt wohl die Kajüte des Captains, hm?“, fragte ich lächelnd, öffnete dabei den Wandschrank und sah hinein. Außer ein paar verwaisten Kleiderbügeln gab es darin allerdings nicht viel zu entdecken.
„Aye.“
Die Antwort kam zögernd, weshalb ich Jay über meine Schulter hinweg forschend ansah.
Und dann dämmerte es mir.
Nicht dieser Raum war die Kajüte des Captains, sondern der Raum achtern. So, wie es eigentlich auf jedem Schiff war … zumindest in den Piratenfilmen, die ich bisher gesehen hatte. Aber zu diesem Ort hatte Jay mich nicht geführt, und das würde er auch nicht. Denn dort hatte er seine Zeit mit ihr verbracht, Susan. Dort hatte er sie geliebt. Und es käme einer Entweihung gleich, dort jetzt eine andere Frau einzulassen. – Aber warum er mich dann in sein Bett eingelassen hatte? Den Ort, der doch auch mit extremen Erinnerungen an seine Frau behaftet sein musste? Ich gab mir selbst die Antwort darauf, als ich mir ins Gedächtnis zurück rief, wie funktional und schmucklos sein Haus war und wie wohnlich und schön dieses Schiff. Er hatte mit Susan nie in diesem Haus gewohnt. Das hier war ihr Zuhause gewesen, hier hatten sie gelebt. In das Haus am Leuchtturm war er erst gezogen, nachdem sie gestorben war. Es war so offensichtlich … warum hatte ich das nicht gleich erkannt?
Es begann weh zu tun. Das erste Mal wirklich weh zu tun, seit wir zusammen waren. Auf einmal wurde mir von Jay - wenn auch wahrscheinlich unwillentlich - vor Augen geführt, dass das, was zwischen uns war, eben doch nur eine Episode für ihn war und nicht mehr sein konnte. Eine Affäre, nichts weiter. Wir hatten ein paarmal miteinander geschlafen, wir mochten uns, und anscheinend gelang es mir darüberhinaus, ihn für eine gewisse Zeit seinen Schmerz vergessen zu lassen.
Aber damit hörte es dann auf.
Und ich? Ich, die ich mich ja zuerst auf nichts hatte einlassen wollen und dann gedacht hatte, allerhöchstens für eine Affäre zu haben zu sein, ich stellte plötzlich fest, dass ich mich schließlich doch verliebt hatte. In einen chico, der vor drei Jahren die Liebe seines Lebens verloren hatte. Schwanger verloren hatte! – Wie dumm musste man für so was sein?
Die Erkenntnis traf mich hart, und ich war froh, dass ich Jay gerade den Rücken zudrehte. Es dauerte einen Moment, bis ich meine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle hatte und in dieser Zeit tat ich so, als inspizierte ich den Schrank aufs Gründlichste. Schließlich aber drehte ich mich wieder um und schenkte Jay ein, wie ich hoffte, unverfängliches Lächeln.
„Gefällt mir. Wie das ganze Schiff. Aber jetzt sollten wir wieder nach oben gehen, ich brauche frische Luft. – Hab ich dir schon erzählt, dass ich an Klaustrophobie leide?“
Ich grinste so breit zu meinen letzten Worten, dass deutlich wurde, dass ich einen Witz gemacht hatte.
Jay lachte aber nicht, und er machte auch keine Anstalten, die Kajüte zu verlassen. Stattdessen sah er mich mit ernstem, intensiv funkelndem Blick an. Und dann zog er mich in seinen Arm und küsste mich. Ein wenig überrannt von dieser unerwarteten Reaktion sträubte ich mich einen kleinen Moment dagegen. Ich sollte das wirklich nicht mehr tun, wenn ich es mir nicht noch schwerer machen wollte. Es musste aufhören, ehe ich mich daran aufrieb! Außerdem war dies hier nicht der richtige Ort für so etwas, und das hatte nichts mit Bug oder Achtern zu tun. Das ganze Schiff atmete die Erinnerung an eine andere Frau. Seine Frau, die hier überall präsent war. Ich war ein Eindringling, darum war es nicht richtig, dass wir das hier taten. Und es wäre noch viel weniger richtig, wenn noch mehr passieren würde.
Ich löste mich also wieder von Jay, nachdem ich seinen Kuss kurz erwidert hatte und schüttelte meinen Kopf.
„Nicht hier. Por favor …“
Jay sah mich forschend an, aber dann nickte er und nahm meine Hand in seine. Wortlos verließen wir die Bugkajüte und stiegen kurz darauf wieder an Deck. Sein Schlüssel klimperte, als er den Niedergang abschloss, und das Geräusch hatte für mich etwas Endgültiges – es war wie ein Symbol für meinen bitteren Entschluss, den ich gerade gefasst hatte und von dem ich wusste, dass er gut und richtig war. Und trotzdem bildete sich allein schon bei dem Gedanken daran ein Kloß in meinem Hals, an dem ich ordentlich zu schlucken hatte.
„Tja ...“, kam es mir zögernd über die Lippen, als Jay sich wieder zu mir umdrehte und mich ansah.
„In fünf Tagen fliege ich zurück nach Spanien.“
Jays Reaktion fiel gewohnt undeutbar aus. Abermals nickte er stumm, dann drehte er seinen Kopf ein Stück und sah auf das blaugrüne Meer hinaus, das hinter der Mole deutlich bewegter war als hier im geschützten Hafenbecken. Ich fragte mich, warum er das tat. Fast sah es so aus, als lauschte er auf etwas. Auf eine Stimme, die ihm sagte, wie er mich jetzt am schnellsten los würde? Denn das war doch der eigentliche Grund gewesen, warum er mich zu seinem Schiff gebracht hatte, oder nicht? Damit ich begriff, dass ich gegen Susan keine Chance hatte. Oder hatte er sich selbst daran erinnern wollen, dass sein Herz nicht mehr zu haben war?

Wie schnell die Stimmung zwischen zwei Menschen doch kippen kann!
Eben noch, als wir hierher gekommen waren, waren wir beide guter Dinge gewesen, beinahe ausgelassen. Wir hatten herumgealbert, hatten uns gut gefühlt, und ich hätte darauf schwören können, dass dieses Herumgealbere wirklich in Jays Koje enden würde – ganz so, wie er es grinsend angedeutet hatte.
Und jetzt standen wir uns gegenüber, fühlten uns auf einmal fremd und befangen und waren im Begriff, auseinanderzugehen. Nicht nur mal eben so, für heute – nein, für immer. Wie war es möglich, dass Dinge von solcher Tragweite sich so rasend schnell entwickeln konnten?

„Ich bringe dich ins Hotel zurück.“
Jetzt war es an mir zu nicken. Dabei nahm ich den Blick von Jay, dann wandte ich mich ganz von ihm ab und verließ die ‚Mermaid‘ mit einem großen Schritt. Es war offenbar alles gesagt zwischen uns, denn er hatte keinen Einspruch gegen meinen angekündigten Abflug erhoben – etwas, worauf ich im Stillen doch noch irgendwo gehofft hatte - und das machte es deutlicher als alles andere, dass Jay nichts für mich empfand. Dass er mich zwar mochte, aber nicht liebte. Und dass er es wohl eben selbst eingesehen hatte, dass es gescheiter war, wenn wir uns jetzt trennten … ich machte jetzt besser, dass ich auch körperlich auf Abstand zu ihm kam, wenn ich nicht gleich das jämmerliche Bild einer heulenden chica abgeben wollte.
Der übliche Regen setzte wieder ein, und ich war dankbar dafür, denn so konnte ich meine Kapuze hochschlagen und mein Gesicht vor Jays Blick verbergen. Ich verbarg auch meine Hände vor ihm, indem ich sie in die Parka-Taschen schob, damit er nicht doch noch auf den Gedanken kam, wieder nach ihnen zu greifen und sie womöglich auch noch tröstend zu drücken. So gingen wir zum ‚Sailor’s Rest‘ zurück, gemeinsam, und doch jeder für sich. Und wo mir der Hinweg noch erfrischend kurz erschienen war, zog der Rückweg sich jetzt ewig in die Länge.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:30 
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Es war ein Fehler gewesen, sie mit auf die ‚Mermaid‘ zu nehmen, und Jay wusste im Nachhinein nicht mehr, was ihn geritten hatte, dass er sich überhaupt dazu entschlossen hatte. Vorher war es gut zwischen ihnen gelaufen. Wirklich gut. Er hatte nicht damit gerechnet, wie gut er sich mit Cora verstehen würde, als er gestern Abend spontan im ‚Caliente‘ aufgetaucht war, um zu verhindern, dass sein Bruder bei ihr zum Zug kam. Normalerweise interessierte es ihn nicht mehr, was Nat tat und mit wem er zusammen war. Es wäre ihm auch kaum möglich, die ganzen Flirts und Dates und One-Night Stands nachzuvollziehen, die bei Nat ständig Programm waren. Aber die Vorstellung, die kleine Spanierin wäre ebenfalls im Bett seines Bruders gelandet, war Jay gewaltig gegen den Strich gegangen. Nicht sie. Jede andere, aber nicht sie!

Letzten Endes war es dann sein eigenes Bett gewesen, in dem sie heute Morgen aufgewacht war. Und bis jetzt hatte Jay geglaubt, dass das gut und genau richtig gewesen wäre. Für ihn, weil es ihn hatte vergessen lassen, endlich vergessen lassen, aber auch für sie, denn er war nicht wie Nat, und wenn er mit einer Frau schlief, dann nicht, weil es ihm bloß um körperliche Befriedigung ging. Es musste schon mehr sein. Weil das so war, hatte es seit Susan keine Frau mehr für ihn gegeben. Bis jetzt.
Aber nun sah es doch so aus, als ob es eben nicht richtig gewesen wäre, Cora so nah zu kommen. Und Jay wusste auch, warum. Es lag nicht an ihr, es lag an ihm. Er hatte geglaubt, er wäre in der Lage, Susan beiseite zu schieben, um sich ganz auf Cora zu konzentrieren. Aber das war er nicht, der Moment auf der ‚Mermaid‘ hatte es ihm verdeutlicht. Cora hatte es ebenfalls bemerkt, und sie hatte sich von ihm zurückgezogen. Er konnte es ihr nicht verdenken.
Es war wohl besser, es hier zu beenden. Jay empfand Bedauern bei dem Gedanken. Nein, eigentlich empfand er sogar sehr viel mehr als das, aber er musste an Cora denken und nicht nur an sich. Sie tat ihm gut, gar kein Zweifel. Und vielleicht, wenn nur genug Zeit wäre ..
Aber bis dahin würde sie den Preis bezahlen und nicht er, und das konnte er nicht zulassen.

Als sie schließlich nach einer scheinbar ewigen Zeit wieder am „Sailor’s Rest‘ ankamen, hatte er seine Entscheidung gefällt. Cora blieb vor der Eingangstür stehen und drehte sich zu ihm um, und erst jetzt sah er ihr Gesicht wieder, das bis dahin von ihrer Kapuze verborgen war.
Wie unglaublich schön sie war. Diese Augen, so groß und dunkel, so voller Tiefe, voller Leben ... wie sie funkeln konnten, wenn sie lachte, und wie sie blitzten, wenn die Leidenschaft sie überkam …
Jay spürte, wie er im Begriff war, sich in diesen Augen zu verlieren. Konnte er sie wirklich gehen lassen?
„Tja .. also in fünf Tagen fliegst du zurück?“
Sie nickte und streifte sich die Kapuze vom Kopf – hier auf der Veranda des Hotels wurden sie nicht nass – und Jays Blick heftete sich automatisch auf ihr langes, blau-schwarzes Haar, an dessen warmen, süßen Duft er sich gerade jetzt sehr gut erinnern konnte. Was für ein unglaubliches Wohlgefühl es heute morgen gewesen war, mit dem Gesicht darin aufzuwachen. Ganz tief hatte er eingeatmet und seine Augen dabei geschlossen.
„Und weißt du schon, was du bis dahin noch tun wirst?“
Warum fragte er das jetzt? Er wäre sowieso nichts, was sie mit ihm tun würde, denn sie hatten sich doch bereits stillschweigend getrennt, das war deutlich spürbar.
Cora zuckte mit den Schultern und sah blicklos auf Jays feuchtes Fleece-Shirt.
„Ich hab keine Ahnung. Das mit dem Tagebuch war ja nichts. Und ich weiß nicht, wo und wie ich Clifford erreichen soll. Ich .. ich denke, ich werde meinen Urlaub abkürzen und früher nach Hause fliegen. Ich ..“, sie zuckte wieder mit den Schultern und wich Jays Blick weiterhin aus, „ … na ja, ich spar mir die freien Tage wohl lieber für meine nächste verrückte Aktion auf.“
Jetzt blickte sie auf zu ihm und lächelte schief. Sie sah in diesem Augenblick zum Anbeißen aus, aber das wusste sie nicht. Jay schob seine Hände in die Hosentaschen, um sich von Unbedachtheiten abzuhalten – gerade weil sie davon gesprochen hatte, vielleicht schon früher nach Spanien zurückzufliegen.
„Gibst du mir deine Telefon-Nummer?“
Das Lächeln verschwand langsam auf Coras Gesicht und machte einem bedrückten Ausdruck Platz. Sie sah wieder auf Jays Shirt, dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist. Das Ganze ist wohl keine besonders gute Idee gewesen.“
Jay wollte protestieren, denn ihre Bemerkung wertete das, was zwischen ihnen gewesen war, ab, und das wollte er nicht. Für ihn war es etwas Besonderes gewesen. Aber vielleicht nicht für sie. Vielleicht war es normal für sie, in ihrem Urlaub Affären zu beginnen und diese dann, sobald es heim ging, schnell wieder zu beenden.
‚Nein‘, widersprach Jay sich sofort gedanklich, so ist sie nicht. Es hat ihr auch etwas bedeutet, und sie hat sich von dir zurückgezogen, weil sie auf dem Schiff gemerkt hat, was wirklich mit dir los ist. Sie ist feinfühlig und rücksichtsvoll. Sie ist eine wunderbare Frau. Du bist derjenige, der es versaut hat.‘
„Es tut mir leid, Cora. Nicht, was zwischen uns gewesen ist, versteh mich nicht falsch. Das war wunderschön. Ich meine die Sache auf dem Schiff …“
Eindringlich sah Jay Cora an – bis er bemerkte, dass es in ihren Augen zu schimmern begann, und das machte ihn bestürzt. Ging es ihr so nah, dass sie sich trennten? Aber wie konnte es das, wo sie doch noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden zusammen gewesen waren?
‘Ach ja? Und was ist mit dir? Steckst du es denn einfach so weg?‘
„Ich verstehe schon, wie du das meinst, Jay. Mir tut es auch leid“, antwortete sie leise, und Jay sah deutlich, wie sie dabei schluckte. Sie blickte ihm nicht mehr in die Augen, wahrscheinlich, weil sie sich vor ihm keine Blöße geben wollte, und aus dem gleichen Grund verabschiedete sie sich jetzt wohl auch recht zügig.
„Danke, Jay. Für alles. Und für die Zukunft wünsche ich dir viel Glück. Ich ..“, sie holte tief Luft, und ihre schwarzen Augenbrauen stießen über ihrer kleinen Nase fast zusammen, so, als strengte sie sich gehörig an, ihre Fassung zu wahren. War es so? - „Ich werde dich nicht vergessen“.
Nein, das würde er auch nicht. Nicht den Moment, wo sie vor Angst zitternd in seinem Wohnzimmer gesessen und sein verhärtetes Herz mit der gleichen Leichtigkeit zum Schmelzen gebracht hatte, wie die Sonne Schokolade schmolz. Auch nicht den, wo sie ihn für seine Unverschämtheiten angefaucht hatte. Und ganz gewiss nicht die Momente, in denen sie sich geliebt hatten, zweimal hungrig, einmal zärtlich. Und er aufgewacht war in dieser warmen, duftenden Flut von Haaren.
„Ich werde dich auch nicht vergessen, Cora.“
Sie lächelte schwach. Dann wandte sie sich von ihm ab, öffnete die Hoteltür und verschwand im ‚Sailor’s Rest‘. Und Jay fühlte eine Leere wie schon lange nicht mehr.
Es war besser so, redete er sich ein. Wegen ihr war es besser so. Er war diese Leere gewohnt, bis vorgestern Nachmittag hatte er ja nichts anderes mehr gekannt. Und egal, was sie auch gerade zu ihm gesagt hatte, sie würde ihn vergessen.
Jetzt war alles in Ordnung, er konnte gehen. Und das tat er dann auch.

Er drehte dem Hotel den Rücken zu und ging die Straße hinab. Der Jeep parkte noch vor dem Museum, er hatte also noch einen kleinen Fußmarsch vor sich, ehe er zurück nach Highland Light fahren und damit wieder in sein normales Leben zurückkehren konnte.
Ob Donald Goodalls Kutter noch lief oder ob der Motor inzwischen wieder gestreikt hatte? Jay hatte Goodall ans Herz gelegt, endlich ein wenig Geld in einen neuen Motor zu investieren. Es war absehbar, dass der alte über kurz oder lang endgültig den Geist aufgeben würde …
Mit solchen Gedanken versuchte Jay sich von anderen Gedanken abzuhalten. Es funktionierte auch. Für ganze zwei Minuten. Dann blieb er auf dem Gehweg stehen und sah zum Hotel zurück. Ob sie jetzt aus dem Fenster blickte und ihm nachsah? Oder ob sie schon ihre Koffer packte, um abzureisen? Heute noch? Etwas sagte Jay, dass genau das passieren würde. Cora hatte davon gesprochen, eventuell früher abzureisen, und er wusste plötzlich, dass ‚früher‘ bei ihr ‚sofort‘ hieß.
Er machte kehrt und ging zurück. Drei, vier Schritte, dann begann er zu laufen. Einen Moment später schoss er in Petes Schankraum hinein, inzwischen reichlich nass vom immer noch niedergehenden Regen und herrschte ihn an: „Ihre Zimmernummer!!“
Petes Blick hätte perplexer nicht sein können.
„Was ist? Ihre Zimmernummer!“, wiederholte Jay mit funkelndem Blick und warf dabei schon einen Blick auf den Teil der Wand, an dem die Zimmerschlüssel hingen. Alle bis auf einen, denn der mit der Nummer zwei fehlte. Ehe Pete den Mund auch nur aufmachen konnte, war Jay bereits wieder fort und lief, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe zur ersten Etage hinauf. Wenig später stand er tief durchatmend vor der fraglichen Zimmertür und strich sich das nasse Haar aus der Stirn. Dann klopfte er an.
Si?
Unwillkürlich lächelte er, als er ihre Stimme hörte – er hatte schon geglaubt, sie nie wieder zu hören.
„Ich bin’s, Cora! Mach bitte auf, ich hab etwas vergessen.“
Es folgte eine Stille, die ein paar Sekunden anhielt und Jay verdammt nervös machte. Aber dann öffnete sich die Tür vor ihm und gab den Blick auf das süße Ding frei, das er nicht aufgeben konnte. Auf das süße, verheulte Ding!
„Du hast was vergessen?“
Ihr verletzlicher Anblick rührte ihn an, und die Art, wie sie fragte – zaghaft, gleichzeitig hoffnungsvoll – nicht weniger.
„Ja, hab ich.“
Jay machte den einen Schritt auf sie zu, der ihn noch von ihr trennte, dann zog er Cora in seine Arme und küsste sie mit wilder Zärtlichkeit. Und dabei drückte er mit dem Fuß die Tür hinter sich zu.
Jetzt war seine Entscheidung gefallen. Und diese murmelte er in ihren weichen Mund hinein, während er Cora hochhob und sie zielstrebig zum Bett trug: „Ich werde dich nicht gehen lassen, Kleines, denn du gehörst zu mir. Zu mir, Cora! … Weil ich dich liebe!“

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:31 
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Sanft streichelten meine Finger Jays, als ich meine Hand gegen seine legte und beide versonnen betrachtete. Seine war größer als meine, was kein Kunststück war. Aber sie war kaum heller, denn er war ein Mensch, der sich bei Wind und Wetter draußen aufhielt, was ihm eine gesunde Hautfarbe verlieh.
„Wie harmlos sie jetzt aussieht“, murmelte mein chico dicht an meinem Ohr lächelnd, und ich wusste, seine Aufmerksamkeit galt ebenfalls meiner Hand. „Und wie nachdrücklich sie eben noch meinen Rücken traktiert hat.“
Ich lachte leise auf, dann biss ich mir auf die Lippe und sah Jay verlegen an. Schließlich drückte ich ihn mit sanfter Gewalt auf den Bauch und begutachtete seinen schönen, muskulösen Rücken.
„Ach, das sind doch bloß ein paar Kratzer“, spielte ich die roten Striemen auf seinem Rücken schmunzelnd hinunter, beugte mich dann aber über ihn und küsste ihn zärtlich auf jede wunde Stelle, die das Ergebnis einer ziemlich leidenschaftlichen Wiedervereinigung waren. Und noch während meine Lippen sanft über seine warme Haut streiften, spürte ich wieder die Woge des Glücks, die mich mitgerissen hatte, als Jay zu mir zurückgekehrt war.
„Ich werde dich nicht gehen lassen, Kleines, denn du gehörst zu mir. Zu mir, Cora! … Weil ich dich liebe!“
Ich konnte es noch immer nicht fassen, dass er das zu mir gesagt hatte. Dass er so für mich empfand, trotz seiner Trauer um Susan. So schnell, so endgültig … aber ich glaubte ihm, denn ich liebte ihn ja auch. Ich wusste nicht, wie so etwas möglich war nach nur einem einzigen Tag, den wir erst zusammen waren. Ich hatte davon gehört, aber ich hatte es nie geglaubt, dass es so etwas gab … Liebe auf den ersten Blick. Nun gut, auf den zweiten, aber den hatten wir beide anscheinend nur allzu schnell riskiert.
‘Wie in einem Dreigroschenroman‘, ging es mir durch den Kopf, und ich lächelte bei dem Gedanken. Es war mir egal, wie kitschig es sein mochte, sich bereits in so kurzer Zeit seine Liebe zu gestehen … es hatte mich überglücklich gemacht, dass Jay es getan hatte, umso mehr natürlich, weil es das letzte war, womit ich gerechnet hatte. Und nun hatte ich ihm auch sagen können, was ich für ihn empfand. Seitdem schwebte ich auf einer rosa Wolke – was für ein Unterschied zu dem Zustand, in dem ich mich vor Jays Rückkehr befunden hatte. Und in dem ich Rotz und Wasser geheult hatte!
„Ein paar Kratzer?“, brummte mein malträtierter Liebhaber in sein Kissen hinein und tastete mit einer Hand nach mir. Erfolgreich, denn gleich darauf wurde ich in meinen nackten Oberschenkel gekniffen. „Dreh mich mal um, damit ich dir ein paar Kratzer verpassen kann!“
Ich grinste breit und setzte mich einfach auf seinen Hintern, damit er nicht noch auf dumme Gedanken kam.
„Ich glaube nicht, dass ich das tun sollte. Ich finde nämlich, dass die Flecken vollkommen reichen, die jetzt überall auf meinem Körper funkeln!“
Jay drehte den Kopf zur Seite, und ich sah auf sein schmunzelndes Profil.
„Das waren alles bloß Küsse.“
„Es sind Knutschflecken!“
„Kleine Rötungen.“
Ich kniff ihn tadelnd in die Rippen, woraufhin Jay zusammenzuckte und lachte.
„Du bist kitzelig? Ooh, das trifft sich ja gut!! Dann bekomm ich doch noch meine Rache!“
Deine Rache?“
Ich kniff noch einmal, und wieder zuckte es unter mir. Es gefiel mir außerordentlich, dass ich so viel Gewalt über meinen chico hatte. Weshalb ich es gleich noch ein drittes Mal tat.
„HEY!! Hörst du wohl auf??“
Ehe ich mich versah, wirbelte Jay herum und warf mich dabei ab wie ein bockendes Pferd. Ich landete lachend auf meinem Rücken, aber ehe ich mich wieder aufrichten konnte, drückte er mich bereits mit seinem gesamten Gewicht in die Federn.
„Vorsicht, Madame … vergesst nicht, dass Ihr Euch in die Hände eines berühmten Freibeuters begeben habt!“
Jay grinste gefährlich – und biss mir in die Nase. Ich lachte und quiekte gleichzeitig, womit ich ein ziemlich seltsames Geräusch zuwege brachte. Jay fand das wohl auch, denn er lachte amüsiert auf und biss mich gleich noch einmal.
„Aufhören!“, schimpfte ich. „Sowas tut kein Pirat! Piraten beißen nicht, sie spießen einen mit ihren Schwertern auf!“
„Oh, ich glaube, das kann ich noch einmal einrichten, wenn’s gewünscht wird“, kam es prompt von dem dreisten Kerl auf mir, und schon spürte ich, wie er sich mir südlich deutlich entgegen drückte.
Ich spielte die Empörte und kniff die Beine zusammen.
„Du bist unersättlich, chico. Wofür steht Jay, he? Für ‚Jamas contente – Niemals zufrieden‘?“
Grinsend schüttelte Jay den Kopf.
„Ganz kalt! Rate nochmal!“
Ein wenig verwundert zog ich eine Augenbraue in die Höhe – Jay war wirklich die Abkürzung für etwas? Ich hatte eben nur einen Witz machen wollen und eigentlich angenommen, dass Jay an sich schon ein Name war. Offenbar hatte ich mich getäuscht.
„Hm ..“, nachdenklich zog ich meine Stirn kraus und musterte ihn forschend. „Jay wie Johnny Walker?“
Er lachte leise auf.
„Nein, eher Jay wie Jack Daniels.“
Jetzt war ich aber wirklich überrascht.
„Jack? Du heißt eigentlich Jack?“
„Jack Samuel“, korrigierte Jay mich lächelnd, beugte sich zu mir herab und begann, an meinem Kinn zu knabbern. Ich kicherte leise, weil es kitzelte, was er machte und fragte zurück: „Und warum nennst du dich dann Jay? Jack klingt doch prima.“ Was ich von Samuel hielt, sagte ich lieber nicht.
Jay hob seinen Kopf wieder an und sah mir schmunzelnd in die Augen. Dann zuckte er mit den Schultern.
„Meine Mom hatte es ziemlich mit den Piraten und war fasziniert von der Tatsache, dass mein Dad ein Nachfahre von ‚Black Sam‘ war. Ich glaube, sie besaß jedes Buch, dass je über Piraten geschrieben wurde – bis auf Finleys Tagebuch natürlich - und ihr größter Favorit war dein Jack Sparrow. Da ich der Erstgeborene war, hatte ich das Pech, nach ihm benannt zu werden. Und weil Mom der Meinung war, dass das noch nicht genug war, packte sie direkt noch ‚Black Sams‘ Namen oben drauf. Als ich ein Kind war, fand ich das alles noch ziemlich cool. Aber irgendwann begann es mir auf den Wecker zu gehen. Spätestens, als ich alt genug war, in den Blickfang der weiblichen Touristen zu geraten. Da hielt ich es für besser, mich doch ein wenig von dem ganzen Piratenkram abzugrenzen.“
„Im Gegensatz zu Nat“, setzte ich, nun aber auch fasziniert, hinzu, bedauerte es aber im gleichen Atemzug, Jays Bruder ins Spiel gebracht zu haben, da es von Nat zu Susan nur ein winziger Gedankenschritt war und ich doch lieber alles vermeiden wollte, was mit Jays Exfrau zu tun hatte. Jay jedoch schien es jetzt nicht zu stören. Er schmunzelte und nickte bestätigend.
„Oh ja, das kann man wohl sagen. Nat hat es schon immer bedauert, dass er nicht zuerst aus Mom herausgekrochen ist. Er geht voll auf in der Rolle des Piraten. Na ja, bei den Frauen wirkt‘s wohl auch.
„Bei mir nicht“, korrigierte ich ihn. Jetzt war es aber an Jay, eine Augenbraue in die Höhe zu ziehen.
„Bei dir nicht? Wenn ich nicht gestern Abend dazwischen gegangen wäre, dann wärst du in seiner Koje gelandet anstatt in meiner, gib es ruhig zu!“
Ich zuckte mit den Schultern und gab mich ein wenig unschlüssig. Und neckte ihn betont ernst: „Vielleicht …“
„Vielleicht?? Ganz sicher! Ich hab doch genau gesehen, wie du ihn angeschmachtet hast, als ich aufgekreuzt bin!“
„Nun ja, er ist ein schöner Mann.“
„Er sieht so aus wie ich!“
„DU bist ja auch ein schöner Mann! Und ein Pirat!“
„Ich bin kein Pirat, Cora.“
Lächelnd fuhr ich mit meinen Händen in sein Haar und zerzauste es noch etwas mehr.
„Und doch hast du mich gestern Abend entführt und gekapert. War das etwa kein Akt der Piraterie?“
Jay näherte sich meinen Lippen und zupfte mit seinen daran.
„Na ja, vielleicht ab und zu Pirat. Aber nur dann, wenn der Schatz es wert ist.“
„Und? Ist er es?“
Das Lächeln in Jays Gesicht veränderte sich, wurde ernster, so paradox es klingen mag, und sein Blick funkelte intensiver.
„Mehr als das, Cora.“
„Das weißt du, obwohl du mich nicht kennst?“
„Ich kenne dich. Ich kenne dein Herz. Und du kennst meines. Stimmt es nicht?“
Es war seltsam, aber in diesem Moment hatte ich das starke Gefühl eines Déjà Vus, obwohl ich wusste, dass er so etwas noch nie zu mir gesagt hatte. Ich erbebte leicht.
„Ja, ich kenne dein Herz, mi amor“, flüsterte ich leise zurück. Dann küsste ich ihn. Und erbebte gleich noch einmal unter der Nachdrücklichkeit, mit der er meinen Kuss erwiderte. Lange Zeit sprachen wir nicht mehr, jedenfalls nicht mehr mit Worten. Dafür aber mit unseren Händen und verliebten Blicken, mit denen wir uns gegenseitig streichelten und mit unseren Lippen, mit denen wir uns liebkosten. Ganz nah waren wir uns dabei, eng umschlungen, bis uns beiden langsam die Augen schwer wurden und wir dabei waren, aneinander gekuschelt einzuschlafen. Und ehe ich wegdriftete, flüsterte ich leise: „Cora ist auch eine Abkürzung, mi amor. Mein Name ist Corazón.“
Ich spürte es an den piksenden Bartstoppeln an meiner empfindsamen Brust, wie Jay leicht lächelte.
„Ich liebe dich, mein Herzchen.“
„Ich liebe dich auch, mein Pirat.“
Dann schlief ich lächelnd ein, in der Gewissheit, noch nie glücklicher gewesen zu sein.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:32 
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Es war bereits Abend, als ich wieder wach wurde. Draußen war es dunkel geworden, dunkel war es in meinem Hotelzimmer aber nicht, denn die Nachttischlampe auf der anderen Seite des Bettes brannte und tauchte den Raum in einen unaufdringlichen, gelben Schein. Ich blinzelte verschlafen durch mein wirres Haar hindurch. Jay saß im Schneidersitz neben mir und las in Finleys Tagebuch.
Ich lächelte, während ich ihn einfach nur ansah. Und verging dabei fast vor Liebe und Glück.
Er war zu mir zurückgekommen! Er hatte mich nicht gehen lassen können, hatte Sehnsucht nach mir gehabt, weil er mich ebenfalls liebte! Ich konnte es mir nicht oft genug vorsagen, und wirklich, es gab nichts, was ich mir in diesem Moment noch vom Leben wünschte. Sogar das Tagebuch und dessen Bedeutung waren mir egal geworden. Plötzlich kam es mir so vor, als wäre ich nur wegen Jay hierher gekommen. Als wäre ihn zu finden das einzige Ziel gewesen, dass ich gehabt hätte.
„Ich weiß, dass du wach bist“, bemerkte mein chico lächelnd, ohne von seiner Lektüre aufzusehen.
„Ach, weißt du das?“
Ich lächelte ebenfalls, als wir unseren kleinen Dialog vom Morgen wiederholten, dabei streichelte ich Jays schönes Profil mit einem verliebten Blick und ließ auch seine im Gegenlicht schimmernden Schultern, seinen Rücken und seine Arme nicht aus. Meine Hand verirrte sich dabei unter der Decke in seine Richtung und glitt zärtlich über sein Bein.
Jay sah mich nun doch an, und sein Lächeln vertiefte sich. Er klappte das Buch zu, ließ jedoch seinen Zeigefinger zwischen den Seiten, dann beugte er sich zu mir herab und küsste mich zärtlich.
„Gut geschlafen?“
Seine Stimme war ein warmes Raunen, welches mich wohlig erschauern ließ. Ich nickte, umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und streichelte ihm sanft mit meinen Daumen über seine immer stoppeliger werdenden Wangen. Dabei erlaubte ich es mir einen Moment lang, in seinen wunderschönen, dunkelbraunen Augen zu versinken. Dann küsste ich ihn ein zweites Mal und hoffte darauf, dass Jay das Buch einfach weglegen und sich stattdessen mit mir beschäftigen würde. Aber ich kannte noch nicht die Bellamysche Entschlossenheit, mit der er ein Ziel verfolgte, das er sich einmal gesetzt hatte. Oder eher, ich hatte bereits ein paar Eindrücke davon sammeln können – immerhin hatte er mich ja generalstabsmäßig erobert – unterschätzte sie aber nach wie vor. Er setzte sich jedenfalls wieder auf und öffnete das Buch erneut, um mit dem Lesen fortzufahren. Ich empfand das schon fast als Affront, dass er Finley den Vorzug vor mir gab, darum kroch ich zu ihm, rieb wie eine Katze, die ein Schälchen Milch haben wollte, meinen Kopf an seinem Arm und schnurrte: „Ist das jetzt wirklich so interessant?“
Wie um ihm zu zeigen, dass mir gerade interessantere Dinge durch den Kopf gingen, begann ich, an seinem Arm zu knabbern und liebkoste mich so zu seiner Brust vor, wobei ich mich natürlich vor das Tagebuch schob und es mit meinem Körper verdeckte.
Jay lachte leise auf und hielt das Buch einfach mit einer Hand höher, die andere jedoch legte er auf meinen Rücken und kraulte mich zärtlich.
„Es ist so interessant! Das müsstest du doch eigentlich wissen, wenn du es bereits auswendig kannst.“
„Man muss Prioritäten setzen“, belehrte ich meinen studierfreudigen Liebhaber schmunzelnd und saugte mich dabei sanft an seiner Kehle fest. Mit spürbarem Erfolg, denn er bekam eine Gänsehaut. Das Buch legte er allerdings dennoch nicht weg.
„Ich denke, du hast Recht gehabt mit deiner Vermutung, dass die Kette wichtig ist“, fuhr er unbeirrbar fort. „Finley erwähnt sie auch vorher schon einmal, zumindest indirekt – wo er von Calypsos mächtigem Kleinod spricht. Hier, hör mal: ‚Es lag Verdammnis in diesem Ding, und die Comtess bekam diese zu spüren. Zum Entsetzen aller machte es ein Wesen des Ozeans aus ihr - eine verfluchte Meernixe, die die Männer das Fürchten lehrte …‘.“
„Ich weiß. Das ist die Stelle, wo Camila in eine Meerjungfrau verwandelt wird. Aber was hat das mit der Kette zu tun?“
„Ich denke, dass Finley mit dem ‚Ding, in dem Verdammnis lag‘, die Kette meint. Du hast selbst gesagt, du vermutest, dass die Kette Calypso gehörte.“
Mit wiedererwachtem Interesse linste ich zum Buch. Ich konnte mich gut an die Stelle erinnern, in der Finley davon sprach, wie aus der Comtess eine Meerjungfrau wurde. Allerdings hatte ich das nie mit der Kette in Verbindung gebracht, die Finley am Ende seines Machwerks so orakelhaft wichtig gemacht hatte. Ich fand es erstaunlich, dass Jay diesen Schluss so schnell gezogen hatte. Auf der anderen Seite steckt er noch nicht so in der Materie drin wie ich und hatte vielleicht einen objektiveren Blickwinkel. Manchmal war ein wenig Abstand einfach besser, um Zusammenhänge zu erkennen.
„Könnte sein, ja. Das würde die Kette noch wichtiger machen. Trotzdem ergibt sich daraus kein Hinweis darauf, dass es sich bei dem Exemplar im Whydah-Museum um die gleiche Kette handelt. Und selbst wenn es so wäre, würde es uns nicht viel nützen, oder? Ich meine, wir lesen hier ja im Grunde ein Märchen für Erwachsene. Meerjungfrauen, Göttinnen .. so toll ich das auch finde, aber sowas gibt’s nicht in Wirklichkeit. Seemannsgarn eben. Und es erklärt auch nicht, was das alles mit meiner Familie zu tun hat.“
Jay sah mich überrascht an. „Auf einmal so rational eingestellt? Ich wette, du hast anders gedacht, als du dich vor ein paar Tagen nach Cape Cod aufgemacht hast. Sicher ist das hier Seemannsgarn und zum größten Teil erfunden oder übertrieben. Aber in Geschichten wie dieser steckt für gewöhnlich ein Körnchen Wahrheit, und das willst du doch finden, oder nicht?“
Ich nickte ein wenig kleinlaut. Er hatte Recht. Wieso lehnte ich Finleys Geschichte auf einmal so ab? Vielleicht nur, um auf Jay nicht den Eindruck einer Verrückten zu machen, die Märchen und Kindergeschichten Glauben schenkte? Wie es aussah, fand er das gar nicht lächerlich, sondern beschäftigte sich ernsthaft damit.
„Na also. Dann werden wir mal alles zusammentragen, was du darüberhinaus noch bei deinen Internetrecherchen herausgefunden hast und sehen zu, dass wir ein Gesamtbild bekommen. Hast du was Schriftliches dabei?“
„Was Schriftliches?“
Ich war mir nicht ganz sicher, was er meinte.
„Na ob du dir die Ergebnisse deiner Nachforschungen irgendwo abgespeichert hast. Auf CD zum Beispiel. Oder auf einem Datenstick.“
Ich schüttelte verlegen den Kopf. „Nein, hab ich nicht. Ich hab’s mir einfach nur gemerkt, was ich gelesen hab.“
„Da bist du aber ein schlaues Mädchen.“ Schmunzelnd küsste er mich auf die Nasenspitze. „Okay, dann erzählst du mir jetzt einfach, was du herausgefunden hast, ja? Meinst du, das kriegst du hin?“
Ich sah ihn gespielt tadelnd an. „Natürlich krieg ich das hin. Wie du gesagt hast, ich bin ein schlaues Mädchen.“
Ich setzte mich auf, griff nach meinem Kopfkissen und stopfte es in meinen Rücken, um mich bequem anlehnen zu können. Dann begann ich.
„Also …“

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:33 
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Die Art, wie sie erzählte, war wunderbar. Lebendig, witzig und völlig selbstvergessen … Jay musste sich energisch zur Ordnung rufen, damit er ihr konzentriert zuhörte und sie nicht einfach in seinen Arm zog und ihre süßen Lippen küsste.
Irgendwann jedoch verlagerte sich sein Interesse wieder mehr auf die Geschichte der Condesa Camila de la Runo, auf die Cora bei ihren Nachforschungen verständlicherweise ihr Hauptaugenmerk gerichtet hatte. Sie hatte herausgefunden, dass

Camila de la Runos Geschichte einfügen!

So viel wusste sie nun über diese spanische Adelige. Und sie zog in Betracht, dass Camila vielleicht eine Vorfahrin von ihr gewesen war, ebenso wie sie annahm, dass es eine Beziehung zwischen ihr und Turner gegeben haben konnte. Beides lag aufgrund von fehlenden Beweisen jedoch völlig im Bereich der Spekulationen.
Jay nahm sich für den nächsten Tag vor, sich zumindest an der Klärung der ersten Frage zu versuchen. Ein Jugendfreund von ihm war Professor für Geschichte in Yale und würde ihnen vielleicht behilflich sein können. Danach würde er sich selbst in die Tiefen des Internets stürzen, um nach Captain William Turner zu googeln. Turner spielte auf alle Fälle eine Schlüsselrolle in dieser bruchstückhaften Geschichte, das machte Finleys Schlusssatz deutlich. Und da Turner nicht bloß eine fiktive Gestalt war, die irgendwelche abergläubischen Seemänner erfunden hatten, sondern wirklich existiert hatte, war Jay sich sicher, auch etwas über ihn herausfinden zu können. Wenn alle Stricke rissen, konnte er sich immer noch den Büchern seiner Mutter zuwenden, in denen Turner an Sparrows Seite oft genug erwähnt wurde. Aber das war für Jay eigentlich das letzte Mittel der Wahl, denn es war einfacher und ging bedeutend schneller, wenn er im Netz nach Stichwortangabe suchen konnte. Die Bücher seiner Mutter hinzu zu ziehen, würde bedeuten, viele Stunden mit Lesen zu verbringen. Aber auch das würde er tun, wenn es Cora denn half.
„Ich werde morgen Greg Marlow anrufen, einen Freund von mir, der in Yale Geschichte unterrichtet. Vielleicht findet er noch etwas über Camila heraus – er hat da als Geschichtsprofessor ein paar Möglichkeiten, die wir nicht haben. Aber unabhängig davon werden wir beide auch weiter forschen, okay? Du wirst hier morgen auschecken und mit mir nach Highland Light kommen. Und da werden wir uns mal ausgiebig mit der Sache beschäftigen. Wir können ins Internet gehen, außerdem hab ich noch eine ganze Kiste voll Bücher zuhause, in denen von Sparrow und Turner die Rede ist. Wie gesagt, meine Mom war ziemlich verrückt nach dem ganzen Zeug … genau wie Nat.“
Die Erwähnung seines Bruders ließ Jays Laune wie üblich um ein paar Grad in den Keller sinken. Dazu wollte sich erneut die Erinnerung an Susan in den Vordergrund schieben, doch jetzt ließ er es nicht zu. Es war ihm einmal passiert, dass er Cora damit weh getan hatte. Ein zweites Mal würde ihm das nicht passieren.
Sein Herzchen lächelte und kam dann auch auf ihn zugekrabbelt. Er legte das Tagebuch auf den Nachttisch und zog Cora in seinen Arm. Und lächelte auf sie hinab, als sie es sich an seiner Brust gemütlich machte und die Augen schloss.
„Ich freu mich schon drauf. Ich finde dein Haus wunderschön. Es ist so ruhig dort. So romantisch.“
„Komisch, gestern morgen hätte ich noch wetten können, dass es dir alles andere als gefällt. Bei dem Tempo, in dem du es verlassen hast.“
Cora öffnete ein Auge und blinzelte betont missbilligend zu Jay in die Höhe.
„Dein Haus gefiel mir auch gestern schon gut. DU mir aber nicht!“
Jay lachte leise auf.
„Ja, sagtest du ja bereits. Wie gut, dass du eine launische Frau bist und es dir noch einmal anders überlegt hast!“
Coras Augenbrauen wölbten sich hochmütig.
„Launisch? Ich bin nicht launisch, ich weiß ganz genau, was ich will. Und überleg es mir höchst selten anders.“
„Du weißt ganz genau, was du willst?“, raunte Jay lächelnd und zog sein hübsches Betthäschen enger in seinen Arm. „Und was willst du?“
„Dich.“
Sie flüsterte es ihm mit zärtlichem Blick zu, und Jay konnte nicht anders als sie dafür mit einem langen, innigen Kuss zu belohnen. Nein, er durfte dieser Frau nicht weh tun. Er hatte sie gerade erst gefunden und wollte sie nicht mehr verlieren. Er hatte nicht geglaubt, nach Susan noch einmal so empfinden zu können, und jetzt tat er es nicht nur, seine Gefühle wurden sogar erwidert. Und als wäre das noch nicht genug, hatte sich die ganze Geschichte so stürmisch schnell entwickelt, dass Jay es immer noch nicht so ganz glauben konnte, jetzt und hier wirklich mit ihr zusammen zu sein.
Sachte strich er ihr eine lange Haarsträhne aus dem schönen Gesicht und küsste sie gleich noch einmal.
„Hast du Hunger? Möchtest du etwas essen?“
Cora nickte und strich mit ihren Fingerspitzen über sein Kinn. Das machte ihm bewusst, dass er sich bereits seit drei Tagen nicht mehr rasiert hatte. Er musste wie ein Landstreicher aussehen.
„Okay, ich zieh mir was über und hol uns was hoch, ja? Und du bleibst genau hier, wo du bist und rührst dich nicht vom Fleck!“
Er unterstrich seine Anordnung mit einem todernsten Blick. Cora prustete leise.
„,Si claro, Capitan!
Dabei salutierte sie auch noch verschmitzt, und Jay entdeckte aufs Neue, warum er sich in sie verliebt hatte. Verspielt zog er ihr am Haar, dann zwang er sich förmlich dazu, seine Worte in die Tat umzusetzen und stand auf. Kurz darauf lief er, Jeans und Pullover notdürftig übergeworfen, gut gelaunt pfeifend die Treppe hinunter, mit der Absicht, Pete in seiner Küche noch einmal trotz vorgerückter Stunde auf Trab zu bringen. So ein Tag mit Cora im Bett forderte schließlich seinen Tribut, wie Jay schmunzelnd fand. Und er war ja noch lange nicht vorüber.

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Verfasst: So 26. Aug 2007, 02:36 
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Ich befand mich seit dem Vorabend auf einem Höhenflug. Wie ein verliebter Teenager strahlte ich ununterbrochen, summte selbstvergessen vor mich hin und sah immer wieder mit leuchtenden Augen zu Jay, welcher meine häufigen Blicke entweder mit einem Lächeln quittierte oder mit einem Kuss.
Er selbst war ebenfalls wie ausgewechselt.
Nicht nur, dass ich keine Spur von Melancholie mehr an ihm entdeckte – was mich unendlich erleichterte – er hatte sich auch äußerlich verändert, und daran war ich nicht ganz unschuldig.
Nachdem wir am späten Morgen aufgewacht waren und unserer körperlichen Sehnsucht nacheinander wieder einmal nachgegeben und uns geliebt hatten, hatten wir geduscht, und Jay hatte daraufhin Anstalten gemacht, sich zu rasieren. Seiner Ansicht nach war es inzwischen wirklich notwendig geworden, denn mittlerweile bedeckte ein kurzer Bart seine hübschen Züge. Ich hatte meine eigene Vorstellung von dem, was wirklich notwendig war und ihn darum gebeten, das Rasieren für ihn erledigen zu dürfen. Dass ich ihn dabei zum Wannenrand bugsiert und mich - mit aufgeschäumtem Rasierpinsel in der einen Hand und dem Einwegrasierer, den das Hotel seinen Gästen zur Verfügung stellte, in der anderen – nackt vor ihn hingestellt hatte, war natürlich aus reiner Berechnung geschehen, denn mein weiblicher Instinkt hatte mir gesagt, dass er bei diesen Aussichten wohl nicht allzu schwierig zu überreden sein würde.
Mein Instinkt hatte Recht behalten sollen, denn Jay hatte keine Einwände mehr erhoben, mir dafür aber seine Hände zärtlich auf die Hüften gelegt, und ich hatte daraufhin meinen Barbierversuch gestartet. Mit Erfolg, wie ich wieder einmal fand, als ich ihm im Auto das Gesicht zudrehte und ihn verliebt musterte – denn nun trug er einen Oberlippenbart und einen ganz kleinen Bart am Kinn, und an seinen Wangen hatte ich ebenfalls einen schmalen Streifen stehen gelassen, der sich von seinen Koteletten aus in Richtung Kinn zog. Ein wenig Acid Jazz, ein wenig Pirat … ich fand, er sah klasse aus mit seinem neuen, sorgfältig ausrasierten Gesichtsschmuck. Viel besser noch als Nat, und das wollte schon was heißen.
Ob Jay das genauso sah wie ich, wusste ich nicht genau. Er hatte nichts gesagt, als er nach der Rasur in den Spiegel geblickt hatte, aber er hatte geschmunzelt, war sich mit einer Hand prüfend darüber gefahren, dann hatte er mich lächelnd in seine Arme gezogen und geküsst. Und es – was am wichtigsten war – im Anschluss daran auch nicht mehr geändert, was wohl bedeutete, dass es ihm gefiel. Jay Bellamy war nicht der Mann, der Dinge zuließ, hinter denen er nicht stand. Ganz sicher auch nicht mir zuliebe.

Und so kam es, dass ich wirklich fast den Eindruck hatte, von einem Piraten gekapert und zu seiner Insel geschafft zu werden, als wir zügig die Straße nach Highland Light entlang fuhren. Es war mir nur recht. Nein, das war untertrieben, es war mir natürlich nicht nur recht, ich war selig, dass er mich gebeten hatte, aus dem Hotel auszuchecken und zu ihm zu ziehen. Natürlich wusste ich nicht, welche Zeitdauer er bei seiner Bitte im Kopf gehabt hatte. Ich wusste ja selbst nicht, wie es mit uns beiden weitergehen würde und was ich bereit wäre zu tun oder aufzugeben, um weiter bei ihm sein zu können. Doch der Moment der Entscheidung war noch nicht gekommen. Mein Flieger zurück nach Sevilla ging erst in vier Tagen, es blieb also noch ein wenig Zeit, um mir über meine Gefühle und Absichten im Klaren zu werden.
Der heutige Tag stand ganz im Zeichen unserer Nachforschungen. Gleich, wenn wir in seinem Haus ankämen, würde Jay erst einmal seinen Freund anrufen. Von unterwegs war es ihm nicht möglich, da er kein Handy besaß – was ich mit Verwunderung zur Kenntnis genommen hatte, denn ich kannte sonst keinen Menschen auf dieser Welt, der nicht über so ein kleines, mobiles Telefon verfügte. Jay hatte auch nicht vor, sich eines anzuschaffen. Er hatte schulterzuckend gemeint, dass diejenige, die was von ihm wollten, ja zu ihm hinausfahren konnten oder ihn übers Festnetz erreichen oder in der Stadt eine Nachricht hinterlassen konnten. Und was den umgekehrten Fall betraf, so meinte er, gäbe es sowieso nicht genug Leute, die ihn interessierten, als dass sich die Anschaffung eines Handys lohnen würde. Ich hatte bei seiner Einstellung leise in mich hinein gelacht, weil ich sie unglaublich typisch für ihn fand. Er hatte schon seinen eigenen Kopf, mein Pirat.
Wenn er den Anruf nach Yale denn dann erledigt hätte, würden wir uns erst einmal gemeinsam ins Internet stürzen.
‘Vorausgesetzt, wir stürzen nicht noch erst woanders hinein‘, dachte ich amüsiert – es war schon unglaublich, wie sehr ich ihn begehrte, und bei ihm schien es sich nicht viel anders zu verhalten. Ich hatte schon immer ein ausgesprochen offenes Verhältnis zum Sex gehabt und meine bisherigen Männer hatten sich bestimmt nicht über eine Lustlosigkeit meinerseits beschweren können. Aber so etwas wie mit Jay war mir auch noch nicht passiert. Fast kam es mir so vor, dass Momente wie dieser, wo wir nebeneinander im Auto saßen oder jene am Morgen, wo wir uns geduscht und ich ihn rasiert hatte, nur Pausen waren zwischen den anderen, viel wichtigeren Momenten, in denen wir uns liebten. Und dass diese Pausen uns beiden manchmal nicht kurz genug sein konnten. Aber eigentlich war das auch kein Wunder, dass zumindest ich so empfand – für ihn konnte ich ja nicht sprechen – denn was er in mir auslöste, was ich fühlte, wenn er mich zu seinem Eigentum machte, war unbeschreiblich. Noch nie hatte ich eine körperliche Vereinigung so intensiv empfunden, so richtig, so … komplettierend. Ich weiß, dass sich das seltsam anhört, aber es war wirklich so, dass ich den Eindruck hatte, erst dann wirklich vollständig zu sein, wenn er mir so nah war, wie er mir näher nicht sein konnte.

„Woran denkst du?“
Die Frage traf mich etwas unvorbereitet, und ich fühlte, wie meine Wangen warm wurden, als ich Jay ansah. Dabei schmunzelte ich erwischt.
„Aha. Hab ich’s mir doch gedacht! Ich kenne diesen Blick inzwischen!“
„Es ist nicht so, wie du denkst“, versuchte ich mich lahm zu verteidigen, schmunzelte dabei aber mehr, was mich nicht gerade glaubwürdiger machte. „Ich hab nur gerade gedacht, dass wir es ziemlich häufig miteinander tun, das ist alles.“
„Soll das eine Beschwerde werden?“
Ich lachte und schüttelte eilig den Kopf. „Nein, Quatsch! Ganz bestimmt nicht. Ich hab nämlich auch gedacht, dass ich es bislang noch mit keinem chico so oft und gerne getan hab wie mit dir.“ Die Wärme auf meinen Wangen hielt an, obwohl – oder vielleicht gerade weil – ich ehrlich mit ihm war.
Jay grinste.
„Das wundert mich jetzt nicht. Ich bin eben ein toller Hecht.“
„Du bist ein selbstverliebter cabrón, und ich hätte besser die Klappe gehalten oder dich gerade angelogen, als dir so den Bauch zu pinseln!“, widersprach ich energisch und knuffte ihn gegen seinen Arm – in meinen Mundwinkeln zuckte es allerdings noch. „Und überhaupt, SO toll bist du nun auch wieder nicht. Wahrscheinlich ist das alles nur so toll, weil es neu ist. DU bist neu für mich. In einer Woche wird es bestimmt schon gar nicht mehr so berauschend sein, und wenn du in einem Monat anfängst, aus dem Ganzen eine Pflichtübung zu machen und dir lieber von mir dein Bier oder die Zeitung bringen lässt, anstatt mit mir durch die Federn zu turnen, ist wahrscheinlich der Moment gekommen, wo ich mir meine allabendliche Migräne zulege und froh bin, wenn du auch die Pflichtübung vergisst.“
Ich erwartete irgendeine Art von Protest – entweder einen frechen Spruch oder einen Knuff oder Kniff oder dass er anhielt, um mich davon zu überzeugen, dass er von Pflicht noch weit entfernt war. Möglicherweise hatte ich auf letzteres sogar gehofft. Und in der Tat, er drosselte wirklich das Tempo und hielt am Straßenrand, aber anstatt mich lachend zu überfallen, sah er mich ernst an und fragte: „Wirst du bleiben, Cora? – Du hast gerade davon gesprochen, was in einem Monat sein wird, aber dein Flug geht am Samstag. Wirst du nach Sevilla zurückkehren? Oder wirst du bleiben?“
Ich meinte, fast so etwas wie eine Bitte in seinen schönen Augen zu lesen – die Bitte, dass ich blieb?
Mein Herz klopfte schneller bei der Vorstellung, gleichzeitig aber fühlte ich, wie etwas in mir sich gegen eine Antwort sträuben wollte. Ich wollte jetzt noch nicht darüber nachdenken. Ich hatte genau dieses Thema ja eben schon im Kopf gehabt und erst einmal erfolgreich hintenan stellen können. Aber nun kam Jay mit der gleichen Frage und wartete auf eine Entscheidung.
Nur wie konnte ich mich entscheiden, nach so kurzer Zeit?
Ja, ich liebte ihn, und ja, er liebte mich auch. Zumindest dachten wir beide das gerade. Aber war da nicht auch noch die Sache mit Susan? Was, wenn er doch versuchte, sich mit mir über sie hinwegzutrösten, so, wie er es ganz offensichtlich gestern Morgen in seinem Bett getan hatte und sich nur einredete, dass er mich liebte? Dann würde es nicht funktionieren … und was dann? Ich war mir ziemlich sicher, dass Jay nicht mit mir nach Spanien gehen würde. Das hier war seine Welt – sein Schiff und das Meer. Sevilla lag nicht am Meer, und Sevilla wartete tagtäglich mit dem auf, was Jay so sehr hasste … mit Menschenmassen, mit einer Flut von Touristen, die die Stadt zu allen möglichen Zeiten heimsuchte, nicht bloß im Hochsommer. Er würde in Sevilla eingehen.
Aber würde ich das hier nicht auch?
Hier war es einsam. Nein, hier war es absolut einsam. Hier würde es außer Jay nichts und niemanden geben, keine Frauen im gleichen Alter, mit denen ich mich anfreunden und mich treffen könnte, keine Unternehmungen, weil es hier einfach nichts gab, das man unternehmen konnte … dafür aber gäbe ich eine Menge Freunde auf, die ich ihn Sevilla hatte. Meinen gutbezahlten Job als Kolumnistin bei der Sevillanischen Tageszeitung ebenfalls. Außerdem müsste ich die US-amerikanische Staatsbürgerschaft beantragen, die ich wohl nur käme, wenn ich nachweisen könnte, dass ich hier einen Job hätte. Aber was sollte ich hier auf Cape Cod tun? Touristen-Flyer erstellen?
Jay wartete schweigend auf meine Antwort, und immer noch sah er mich an. Ich aber hatte meinen Blick von ihm genommen und sah hinaus zum Leuchtturm, den man von hier aus sehen bereits sehen konnte – einfach, weil ich wusste, dass es mir unmöglich sein würde, weiter rational zu bleiben, wenn ich ihm in seine schönen, ausdrucksvollen Augen sah.
„Ich weiß es nicht, Jay. Ich habe mich das auch schon gefragt, aber es sprechen so viele Dinge dagegen – mein Beruf, meine Freunde, meine Heimat. Und auch die Einwanderungsbestimmungen deines Landes. Und dann weiß ich ja nicht einmal, ob du das überhaupt willst …“
„Ich will es, Cora. Ich will, dass du bei mir bleibst.“
Seine ernsten und so fest und sicher hervorgebrachten Worte entzündeten ein kleines Feuer in meinem Bauch.
„Aber du kennst mich doch noch gar nicht wirklich. Und ich dich nicht. Wir sind uns vor drei Tagen das erste Mal begegnet, Jay …“, gab ich dennoch zu bedenken, musste mich zu diesen Worten aber förmlich zwingen, denn mein Herz sagte etwas ganz anderes.
„Ich hab dir gestern schon gesagt, ich kenne dein Herz, Cora. Es gibt für mich keinen Zweifel daran, dass ich dich liebe. Aber ich will dich auch zu nichts drängen …“
Wenn das überhaupt möglich war, dann liebte ich ihn für diese Rücksichtnahme noch umso mehr. Ich sah ihn jetzt doch an, und alles in mir strebte danach, mich an ihn zu schmiegen und mich an ihm fest zu halten. Ganz fest zu halten.
„Ich liebe dich auch, Jay. Gott allein weiß, wie das in der kurzen Zeit möglich ist. Trotzdem will ich keine leichtfertige Entscheidung treffen. Ich würde alles aufgeben …“
Er nickte leicht und sah nun auch nach vorne, und für eine Weile schwiegen wir beide. Schließlich fragte er unvermittelt in die Stille hinein: „Möchtest du, dass ich mit dir komme? Nach Spanien?“
Ich riss meine Augen auf.
„Würdest du das tun?“
Er sah mich an, und sein Blick wurde weich – wahrscheinlich, weil ich in diesem Augenblick ein unglaublich intelligentes Gesicht machte.
„Ja.“
Schlicht und ergreifend.
Ich schluckte. Und dann drängten mir die Tränen in die Augen.
„Das würdest du tun? Wirklich?“
„Cora, du scheinst nicht zu begreifen, was ich dir gesagt habe. Was ich für dich empfinde. Glaubst du, ich will dich verlieren? Dass ich einfach sage, ‚Okay, das war’s‘, wenn du nicht hierbleiben kannst? Ja, in diesem Fall werde ich mit dir nach Spanien gehen. Ich lasse nicht so viel zurück wie du. – Aber nur, wenn du es willst.“
Die Tränen schossen mir in kleinen Sturzbächen die Wangen hinab, als ich mich über die Gangschaltung des Jeeps zu ihm beugte, meine Arme um ihn schlang und heiser flüsterte: „Natürlich will ich es. Ich liebe dich doch!“
Wir küssten uns lange und liebevoll, und ich verspürte eine immense Erleichterung dabei. Aber als ob ich nicht in der Lage wäre, einen wundervollen Moment ohne Wenn und Aber zu genießen, begannen sich nun Gewissensbisse in mir breit zu machen. Mit welcher Bereitwilligkeit und Selbstverständlichkeit Jay alles für mich aufgeben wollte und wie wenig ich selbst dazu in der Lage gewesen war! Offenbar liebte ich mich selbst noch mehr als ihn, und diese Vorstellung war keine angenehme. Ich versuchte, die Gedanken daran zu verdrängen und sagte mir, dass jetzt alles gut wäre und wir uns doch nicht trennen müssten. Aber ein bitterer Nachgeschmack blieb auf meiner Zunge, denn es lag nur an Jay, dass unsere junge Beziehung überhaupt eine Zukunft hatte. Ich selbst hatte dazu nichts beigetragen.

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