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Verfasst: Mi 10. Okt 2007, 12:21 
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Diebische Elster
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Meine Vorfreude auf Weihnachten verflog. Noch einmal operiert? Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass wir uns jetzt vielleicht jeden Tag würden sehen können. So wie heute. Bei mir, vielleicht auch mal bei ihm. Aber wenn er jetzt noch einmal ins Krankenhaus musste, wäre er für längere Zeit weg. Ich würde ihn nicht sehen können. Wer wusste schon, wie lange nicht!
Auf einmal war mir dieser Gedanke unerträglich, obwohl es doch eine verhältnismäßig geringe Zeitspanne sein würde, gemessen an der, die hinter mir lag. Ohne ihn hinter mir lag. Aber jetzt, wo er mir gesagt hatte, dass er mich liebte, wollte ich ihn keinen einzigen Tag lang mehr missen.
Mein Entschluss war schnell gefasst.
"Ich werde dich jeden Tag besuchen, mi corazón", das Wort schlüpfte mir unbemerkt über die Lippen. "Jeden Tag! Ich werde morgens zum Frühstück kommen und erst abends wieder fahren. Wir werden uns trotzdem weiter sehen."
Aufmunternd lächelte ich ihn an. Ich wollte diesen dunklen Blick in seinen Augen nicht länger sehen. Sie sollte wieder so funkeln und strahlen wie eben noch. Ich liebte es, wenn sie das taten.

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Verfasst: Mi 10. Okt 2007, 13:01 
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Diebische Elster
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Ich hatte das Gefühl, noch nie zuvor geküsst zu haben. Weggeschmolzen war ich bei dem, was Johns Mund mit meinem gemacht hatte und noch viel mehr, was er dabei auch mit meinem Herzen gemacht hatte - rettungslos verliebt war ich, und das beste war, ich war glücklich verliebt, denn John empfand offenbar wirklich genauso für mich!
Ich konnte es gar nicht fassen, dass es nach so langer Zeit doch noch ein Happy End für mich geben sollte. Nach fast anderthalb Jahren Abtauchen, nach drei Jahren Jacques Brunauld, nach ...
Meine Gedanken schweiften nicht weiter, sondern kehrten zu Jacques zurück, während ich liebevoll Johns Gesicht streichelte.
Mein Ex-Mann würde es mitbekommen, wenn ich John besuchen käme. John war eine öffentliche Person, und ich wusste nur allzu gut, was das hieß. Sobald ich im Krankenhaus auftauchen würde, würde die Presse sich auf mich stürzen, und man würde John mit großer Freude eine Affäre mit mir andichten - wobei das mit dem Andichten ja noch gar nicht mal notwendig wäre. 'Ehemalige Millionärsgattin neue Liebschaft von John M. Walsh?' - so oder so ähnlich würden die Schlagzeilen lauten, und darunter stünde wahrscheinlich die Frage 'Wo hat sich Jacques Brunaulds Ex-Frau monatelang versteckt?' oder 'Sara Brunauld wieder aufgetaucht'. Meine neue Identität wäre damit zum Teufel, würde vielleicht sogar zur Anzeige gebracht werden. Und mein ruhiges Leben hier in Brooklyn würde ich auch vergessen können. Und Jacques ... si, was würde Jacques tun?
Ich hatte in all der Zeit nicht einmal mehr von ihm gehört. Was nicht schwer gewesen war, denn er hatte nicht gewusst, wo ich jetzt wohnte und wie ich mich nun nannte. Aber ich wusste, welchen Einfluss er hatte und ich vermutete, dass, wenn er es hätte wissen wollen, er es auch herausgefunden hätte. Sollte die Tatsache, dass ich bislang von ihm unbehelligt geblieben war, bedeuten, dass es ihm egal war, was ich jetzt tat und er deshalb nicht nach mir geforscht hatte? Oder deutete es daraufhin, dass er es zwar wusste, aber es bislang nicht für notwendig gehalten hatte zu reagieren, weil ich mich bislang bedeckt hielt?
Was würde er tun, wenn ich aus meinem Versteck wieder auftauchte und meine Beziehung zu John offiziell machte? Was ich wohl noch nicht einmal würde tun müssen, wenn die Presse mich bei John im Krankenhaus entdeckte. Würde Jacques mich weiterhin in Ruhe lassen? Oder würde er sich dann kompromittiert fühlen? Weil seine Ex-Frau nun mit einem Mann zusammen war, der ihn in punkto Finanzen vielleicht nicht unbedingt überragte, allerdings in punkto Aussehen, Jugend und Charme? Und das haushoch? Es würde nach dem aussehen, was es ja auch eigentlich war: dass er mich an einen besseren verloren hätte. Würde Jacques das mit einem Schulterzucken abtun? Ich war im ersten Moment versucht, diese gedankliche Frage mit Ja zu beantworten, fragte mich aber gleich, ob da nicht der Wunsch Vater des Gedanken war. Ich hielt mir vor, wie Jacques und ich auseinander gegangen waren - er hatte eine Seite an sich offenbart, die ich trotz dreier, langer Ehejahre bislang nicht an ihm gekannt hatte. Hatte er noch mehrere solcher Seiten? Wollte ich das denn wirklich wissen?
Ich wusste, was ich wollte - und das war John. Bei ihm sein, an seiner Seite. Si, und es offiziell sein, sofern er das denn überhaupt gestatten würde. Dafür nahm ich Jacques Unmut in Kauf und sagte mir, dass er vielleicht toben, mich deshalb aber sicherlich nicht gleich umbringen würde. Er würde vielleicht aus Rache ein paar miese Artikel in die Zeitung setzen, vielleicht auch Lügen über mich verbreiten, aber das war nichts, womit ich nicht leben konnte. Womit ich hingegen GAR nicht leben konnte, war die Vorstellung, aus lauter Angst und Vorsicht John aufzugeben. Und so schenkte ich ihm ein Lächeln, während ich sein Gesicht weiterhin liebevoll mit meinem Blick streichelte und beendete gleichzeitig mein unnützes Denken. Die Entscheidung war gefallen - für ihn.
"Si, wow!", wiederholte ich seine Worte. Dann küsste ich ihn gleich noch einmal, wobei ich Jacques für den Rest des Tages aus meinem Kopf verbannte. Schließlich aber gab ich John wieder frei, stand auf und holte den Weihnachtsstern aus der letzten Weihnachtsbaumschachtel - das Schmücken würde erst beendet sein, wenn der auf der Spitze des Baumes säße. Ich zog vom Esstisch einen Stuhl heran, streifte mir meine Pumps ab, dann kletterte ich darauf und drückte den Stern auf unser festliches Gemeinschaftswerk. John hätte den Stern im Stehen sicher ohne Stuhl festmachen können, ich konnte das aber leider nicht, und so musste ich diese kleine, artistische Nummer einlegen. Als ich wieder heruntergestiegen war, ging ich zum Verlängerungskabel, an dessen Ende eine Vierfachsteckdose mit Ein- und Ausschalter war. Ich hob meinen bestrumpften Fuß an und hielt ihn darüber in der Schwebe, dabei sah ich lächelnd zu John.
"Trommelwirbel, por favor!"
John lachte und ahmte tatsächlich einen nach. Ich ließ meinen Fuß sinken und knipste damit den Schalter an, und siehe da, der Baum erstrahlte in buntem, festlichem Glanz, und die kleinen Lichter begannen, im wechselnden Takt umherzulaufen und zu blinken.
"Ist das nicht hübsch???"
Wie verzaubert sah ich den Weihnachtsbaum an. Und konnte mit Gewissheit sagen, dass ich noch nie einen schöneren gesehen hatte. Und nie einen bunteren!

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Verfasst: Mi 10. Okt 2007, 15:30 
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Diebische Elster
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Wir hatten nach dem Baumschmücken noch eine ganze Weile auf dem Sofa gesessen, miteinander geredet und – so gut es ging –gekuschelt. Ich war nur hin und wieder aufgestanden, um die CD zu wechseln und andere Weihnachtsmusik aufzulegen, ansonsten hatten wir die von warmem Kerzenschein vergoldete, ruhige Atmosphäre meines Wohnzimmers genossen und uns gegenseitig erzählt, was wir im vergangenen Jahr alles verpasst hatten.
Als es schließlich Zeit wurde, den Auflauf in den Ofen zu schieben, besann mich auch darauf, dass Zazou jetzt mal wirklich dringend Gassi gegen musste. Ich kümmerte mich erst um das Essen, dann machte ich Anstalten, mich anzuziehen. Das war der Moment, wo John mir erklärte, er wollte unbedingt mitgehen. Ich denke, ich musste ihn ziemlich blöd angestarrt haben, weil er diese Bemerkung noch einmal bestätigend wiederholte. Da erst kam Leben in mich – und wie sich wohl jeder vernünftige Mensch denken kann, lehnte ich kategorisch ab.
Das führte zum ersten – und sicher nicht letzten – Streit in unserer Beziehung, wenngleich das Wort ‚Streit‘ in diesem Zusammenhang etwas übertrieben ist. Aber ich weigerte mich einfach, ihn mitzunehmen. In seinem Zustand, mit den Problemen, die ihm die Treppenstufen vor unserem Eingang bereiteten! Dazu noch ohne Mantel oder Jacke, nur mit einem Pullover bekleidet! Ich versicherte ihm, ich wäre schnell wieder da, weil Zazou nie lange brauchen würde und das quasi im Laufen erledigte. Aber John wich nicht von seinem Vorhaben ab und ich genauso wenig von meiner Weigerung. Einen Moment lang blickten wir uns beide mit grimmigem Blick an, beide die Arme vor der Brust verschränkt … dann mussten wir über unser kindisches Benehmen einfach lachen. Ich ging nach nebenan und bat Jessie, das Nachbarmädchen, mein Hündchen eine Viertelstunde auszuführen, und Jessie, die Zazou gut kannte, weil sie schon mal Babysitter bei ihm spielte und ihn auch schon mal zu längeren Spaziergängen abholte, um sich ihr Taschengeld aufzubessern, war froh, damit ihrer täglichen Flötenübung für einen Moment entfliehen zu können und sagte eilig zu.
So einfach war das.
Aber nein, John und ich hatte uns ja erst einmal deshalb in die Haare kriegen müssen! Na ja, ich vermute jetzt, im Nachhinein, dass uns das nur passiert war, weil wir beide genau gewusst hatten, dass der Versöhnungskuss danach unglaublich gut schmecken würde. So war es dann auch. Wir knutschten anschließend so lange auf dem Sofa herum, bis mir ein überdeutlicher Auberginen-Zucchini-Käseduft sagte, dass sich das Abendessen gleich erledigt hätte, wenn ich nicht schnellstens was unternahm. Eilig sprang ich auf, nahm den Auflauf aus dem Ofen und stellte die Bratäpfel hinein. Und während John sich vom Sofa in seinen Chopper hievte, um sich am kleinen Esstisch am Fenster aus selbigem wieder heraus- und auf den Stuhl zu drücken, füllte ich unsere beiden Teller mit appetitlich duftendem, wenn auch etwas sehr gebräuntem Essen und trug es auf.
„Ich hoffe, du magst Auberginen. Und Zucchini. Und Bechamel-Sauce. Und Käse“, bemerkte ich schmunzelnd, als ich John gegenüber am Fenster Platz nahm und nach den Streichhölzern griff, um auch hier eine Kerze anzuzünden – die siebenundzwanzigste wahrscheinlich, die inzwischen in meiner Wohnung brannte. „Daraus besteht dieser Auflauf nämlich.“
Es gab Safran-Reis als Beilage sowie kühlen Chablis dazu, den ich nun aus der bereits geöffneten Flasche in unsere Gläser einschenkte.
„Wenn nicht … “, fügte ich hinzu und grinste, „ … bekommt Zazou deine Portion, und du musst dich an den gefüllten Bratäpfeln satt essen, die jetzt im Ofen brutzeln.“
Vielsagend ließ ich meine Augenbrauen in die Höhe schnellen und hoffte doch sehr darauf, dass ihm die Aussicht auf den Nachtisch noch zusätzlich Appetit machen würde.
„Wenn du die allerdings auch nicht magst“, fuhr ich schulterzuckend fort und bemühte mich, ernst zu bleiben, „ … dann hab ich da noch Brot und Wurst im Kühl …“, mitten im Satz stockte ich, weil mein Blick durch das Fenster ins Freie geschweift war, zu den funkelnden Weihnachtslichtern in den Bäumen dicht unter uns, die die inzwischen nächtlich dunkle Straße festlich erleuchteten.
„ES SCHNEIT!!!“
Tatsächlich! Feine, weiße Flocken segelten im Zeitlupentempo vom Himmel herab, wurden von einem leichten Wind dabei von links nach rechts getrieben und setzten sich schließlich auf alles, das sich im Freien aufhielt – und das wohl schon seit einer ganzen Weile, denn inzwischen war die Straße von einer hauchdünnen, weißen Schneeschicht bedeckt, die parkenden Autos und die kahlen Zweige der Bäume ebenso, und alles glitzerte frostig.

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Verfasst: Do 11. Okt 2007, 11:15 
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Diebische Elster
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Ich hatte ja wirklich mit vielem gerechnet. Sicher auch auf vieles gehofft. Aber diese Frage - die Frage aller Fragen - brachte mich dann doch aus dem Konzept!

Sprachlos starrte ich John an und fragte mich, ob ich gerade richtig gehört hatte. Hatte er mich wirklich gefragt, ob ich seine Frau werden wollte? Seine Frau???
Ehe ich antworten konnte, klingelte es an der Tür - Jessie war mit Zazou vom Spazieren zurück.
"I-ich ... bin gleich wieder da", stammelte ich, stand auf und flüchtete mich geradezu zur Tür, dankbar für diese Unterbrechung, weil sie mir die Gelegenheit gab, wenigstens ein, zwei Minuten über Johns Frage nachzudenken, ehe ich ihm antworten musste.
"Wir sind etwas länger geblieben", erklärte mir eine rotnasige, rotwangige Jessie strahlend. "Es schneit draußen! Mann, ist das toll!!"
Das war nicht zu übersehen. Auf ihrer Strickmütze, ihren braunen Locken, ihren Schultern und ihren Stiefelspitzen lag eine dünne, glitzernde Schneeschicht, die nun langsam zu tauen begann. Auf Zazous Köpfchen ebenfalls und auch auf dem rotgrün-karierten Rücken seines Wintermäntelchens.
"Nicht schlimm", antwortete ich dem Mädchen, holte mein Portemonnaie hervor und drückte ihr fünf Dollar in die Hand. Dann nahm ich Zazou in Empfang, wünschte Jessie noch einen schönen Abend und schloss die Tür.

"Ich muss Zazou eben trocken reiben. Er erkältet sich sonst."
Diese erklärenden Worte galten John, der noch immer am Tisch saß und mein Treiben mit seinem Blick verfolgte. Er schenkte mir ein verständnisvolles Lächeln, ich lächelte zurück, dann kniete ich mich vor meinen kleinen Vierbeiner hin und löste die Leine von seinem Halsband. Ich zog ihm das Mäntelchen aus und trug es ins Badezimmer, damit es dort trocknen konnte. Von dort kam ich mit einem Handtuch zurück und rubbelte meinen kleinen Liebling trocken. Ich ließ mir Zeit dabei, denn immer noch wusste ich nicht, was ich John antworten sollte.
Ich freute mich, dass er mich gefragt hatte. Natürlich freute ich mich. Wie bescheuert sogar, denn es bewies mir, dass er es wirklich ernst mit mir meinte. Aber ich hatte auch Angst. Um ihn. Weil ich mich des Gefühls nicht erwehren konnte, dass er sich mit einer Ehe mit mir gewaltige Probleme einhandeln würde.
Das Handtuch war irgendwann nass und Zazou trocken. Ich gab ihm noch ein Leckerchen, einen kleinen Kauknochen, mit dem er sich zufrieden in sein Körbchen verzog, dann kehrte ich zu John zurück. Doch anstatt mich wieder auf meinen Platz zu setzen, setzte ich mich auf den Stuhl neben ihn und nahm seine Hand in meine.
"John .. ", begann ich zaghaft, " .. ich kann dir gar nicht sagen, was es mir bedeutet, dass du mich das gefragt hast. Ich .. ", ich holte tief Luft, dann sagte ich es endlich, was er mir bedeutete, " .. ich liebe dich, John. Schon so lange. Obwohl ich mich dir entzogen hatte und nicht damit gerechnet hatte, dich je wiederzusehen. Aber ich weiß nicht, ob es so eine gute Idee ist, wenn du mich heiratest .."

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Verfasst: Do 11. Okt 2007, 11:36 
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Diebische Elster
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Es tat mir in der Seele weh, meine Vernunft vor mein Gefühl zu schieben, denn am liebsten hätte ich "SI!!" geschrien und wäre John um den Hals gefallen. Aber das durfte ich nicht. Gerade weil ich ihn liebte.
"John, por favor .. ", bat ich ihn leise um Verständnis, " .. es hat einen Grund, warum ich mich all die Zeit versteckt habe. Warum ich mir eine neue Identität zugelegt habe. - Jacques, er .. er wird es nicht einfach so hinnehmen, dass ich deine Frau werde. Er .. ich habe ihn nicht wiedererkannt, damals, als ich ihm den Seitensprung gebeichtet hab. Er .. ist ausgerastet, hat mich geschlagen, hat mir gedroht, mich von jetzt an zu kontrollieren. Was er auch getan hätte, wenn ich nicht gegangen wäre. Ich .. ich hab ihn in all der Zeit nicht mehr gesehen, ich weiß nicht einmal, ob er weiß, wo ich jetzt lebe. Aber ich vermute es. Und ich vermute ebenfalls, dass er sich nur deshalb nicht wieder gemeldet hat, weil ich in Deckung geblieben war. Aber .. wenn ich jetzt wieder in die Öffentlichkeit trete, wenn ich dich heirate, dann kann es sein, dass du große Probleme bekommen wirst. Er hat sehr viel Einfluss, mi amor. Und er ist kein Mann, der sich vor den Augen aller demütigen lässt. Ich möchte nicht, dass du wegen mir in Schwierigkeiten gerätst, John."

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Verfasst: Do 11. Okt 2007, 12:05 
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Diebische Elster
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Ich schlug vor Schreck die Hand vor den Mund, als John auf einmal wütend aufsprang. Nicht wegen seiner Wut, mit wütenden Männern hatte ich meine Erfahrung und kam mit ihnen klar. Aber wegen seiner Beine!
Die Quittung erhielt er postwendend. Er sackte wiederzusammen, und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als ich sah, wie er sein Gesicht verzog. Ich atmete tief durch und drückte seine Hand beruhigend, wollte ihm auch antworten, kam aber erst einmal nicht dazu, weil er mir noch einiges zu sagen hatte.
Erst, als er fertig war und mich funkelnd ansah, setzte ich noch einmal an.
"Ich möchte doch nur nicht, dass du es irgendwann bereust, John!"
Eigentlich sprach ich in diesem Moment von seiner Stellung in der Gesellschaft, meinte sein Ansehen, seine Geschäfte. Ich konnte damals ja noch nicht ahnen, dass Jacques sogar noch sehr viel weiter gehen würde, als nur daran zu kratzen.
"Du hast dir das alles doch nicht aufgebaut, um es jetzt wegen einer muchacha aufs Spiel zu setzen."

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Verfasst: Do 11. Okt 2007, 12:28 
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Diebische Elster
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Es war schon seltsam ... er fuhr alle möglichen Argumente auf, warum eine Heirat mit ihm doch gut und richtig wäre, obwohl mein Herz es ja ganz genauso sah. Es war nur mein Verstand, der mir dazwischen funkte. Doch auch der gab den Widerstand langsam auf.
John hatte Recht. Wie sollte es sonst weitergehen mit uns? Ich hatte doch ohnehin schon vor, ihn kommende Woche im Krankenhaus zu besuchen und würde der Welt damit zeigen, wie ich zu ihm stand. Jacques würde davon Wind bekommen, so viel war sicher. Und wenn er darauf aus wäre, Schwierigkeiten zu machen, würde ihm auch besagter Besuch schon reichen.
Aber reichte der Besuch mir? Reichte es mir, John nur ab und zu sehen zu können, nachdem er mir angeboten hatte, sein Leben mit mir zu teilen? - Ich kannte die Antwort darauf, ehe ich die Frage in meinem Kopf zu Ende formuliert hatte.
"Bueno ..", murmelte ich leise und mit furchtbar aufgeregt klopfendem Herzen. "Also wann? - Was sagt dein Terminkalender?"
Ein kleines, zaghaftes Lächeln umspielte bei meinen letzten Worten, mit denen ich ihn nur necken wollte, meine Lippen.
"Das war übrigens ein 'Ja'."
Jetzt lachte ich leise auf - und fühlte mich schwindelig vor Glück.

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Verfasst: Di 20. Nov 2007, 10:29 
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Diebische Elster
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'Großartig' traf es nicht einmal annähernd! Mein Herz trommelte wild vor Aufregung, und ich hatte gerade das Gefühl, noch nie in meinem Leben etwas so mutiges getan zu haben wie jetzt gerade, wo ich Johns Heiratsantrag angenommen hatte. Vielleicht war das auch wirklich so.
"Ich ...", weiter kam ich nicht, denn plötzlich wurde der Bratapfelduft eine Spur zu intensiv, was mir klar machte, dass sie dringend aus dem Ofen befreit werden mussten, wenn ich keine Briketts haben wollte, "... hol dann mal den Nachtisch."
Nicht unbedingt der passendste Spruch in diesem romantischen Augenblick, aber ich gestehe, dass ich irgendwo froh war, von den Pflichten einer Hausfrau abgelenkt zu werden. Denn ich hätte sowieso nicht gewusst, wie ich weiter hätte reagieren sollen - ich hatte nicht gerade viel Übung im Heiratsanträge-Annehmen.
Ehe John Einspruch erheben konnte, erhob ich mich und marschierte eilig auf den Herd zu, aus dem mehr Dampf entwich als gut war. Mit zwei großen, dicken Backhandschuhen bewaffnet öffnete ich die Klappe, wedelte den Dampf beiseite und sah kritisch auf mein süßes Machwerk. Es war sehr dunkel geworden, aber es sah noch essbar aus. Ich holte es mitsamt der feuerfesten Form heraus und stellte letztere auf der Herdplatte ab.
"Das war Rettung im allerletzten Moment!"
Schmunzelnd blickte ich zu John - ich hatte mich wieder im Griff, und das war gut so - dann zog ich die Handschuhe aus, nahm eine Gabel zur Hand und beförderte beide Äpfel auf die bereit gestellten Dessertteller, welche ich daraufhin zum Tisch zurück trug.
"Bitte sehr! Und Vorsicht, sie sind sehr heiß!"
Im Gegensatz zum Auflauf, der über Johns Heiratsantrag kalt geworden war. Ich räumte die Teller in die Küche zurück und deckte sie dort mit Frischhaltefolie ab. Wir hatten das Essen noch nicht angerührt und könnten es später immer noch warm machen. Zum Wegwerfen war es zu schade. Vielleicht hätte John ja nach dem Bratapfel noch Hunger? Oder irgendwann später am Abend?
'Oder Morgen?'
Ich stellte fest, dass ich mir wünschte, dass er über Nacht blieb. Gleichzeitig stellte ich ebenfalls fest, dass ich mich nicht traute, ihn danach zu fragen. Es wurde mir bewusst, wie sehr ich mich doch in den vergangenen anderthalb Jahren verändert hatte, dass ich meinen Biss verloren hatte. Früher hätte mich nichts so schnell umhauen können, früher hätte ich auch gefragt, wenn ich etwas hätte wissen wollen und mir keine Gedanken darum gemacht, wie diese Frage wohl ankommen würde. Heute war alles anders. Heute hatte ich Angst, Fehler zu machen. Zu forsch zu sein. Ich hatte keinerlei Erfahrungen in Liebesangelegenheiten und wollte John nicht unter Druck setzen. Ich schluckte besagte Frage also hinunter und stellte die Teller in den Kühlschrank. Dann kehrte ich zu John zurück und nahm ihm gegenüber wieder Platz.
"Lass es dir schmecken, mi amor."

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Verfasst: Di 20. Nov 2007, 10:59 
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Diebische Elster
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Meine Gefühle fuhren mit mir Achterbahn.
Er mochte den Apfel nicht und hatte nur aus Höflichkeit davon gegessen - Enttäuschung!
Er wollte bis morgen bleiben - Freude!
'Ehemann in spe' - unendliches Glücksgefühl!

Die Freude überwog. Ich strahlte ihn an, und dabei deutete ich mit der Gabel auf ihn. "Du kannst von Glück sagen, dass ich noch eine Decke im Schrank hab. Sonst würde es dir auf dem Sofa diese Nacht ganz schön kalt werden!"
Ich hatte natürlich nicht vor, John auf dem Sofa schlafen zu lassen. Er würde in meinem Bett schlafen und ich in seinem Arm. Da würde ihm schon ganz bestimmt nicht kalt werden. Aber vor Freude wurde ich übermütig und konnte es einfach nicht lassen, ihn zu necken. Fast war ich so keck wie früher. Nur dass mir die Schärfe und Bissigkeit, die damals typisch für mich gewesen war, nun fehlten.

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Verfasst: Di 20. Nov 2007, 11:11 
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Diebische Elster
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Meine Freude wich Sorge, als ich sah, dass John Tabletten einnahm - seine Schmerzen mussten sehr stark sein. Als er sie dann aber mit Wein hinunter spülte, wurde ich sauer. Seine Bemerkung übers Heiraten verpuffte darum ungehört.
"Sag mal, spinnst du? Du kannst doch keine Medikamente mit Alkohol einnehmen!!!"
Sofort nahm ich ihm das Weinglas weg, ging mit verärgerter Miene in die Küche und goss den restlichen Inhalt in die Spüle. Zurück kehrte ich mit einem Glas Mineralwasser.
"Hier! Das trinkst du jetzt ganz aus, claro? Und dass ich sowas nicht noch mal sehe, sonst kannst du mich kennenlernen!!"
Vergessen war meine Zurückhaltung, vergessen auch die Befürchtung, ich könnte John in irgendeiner Form unter Druck setzen. Jetzt drohte ich ihm sogar. Aber es geschah nur aus Sorge um seine Gesundheit heraus.

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Verfasst: Di 20. Nov 2007, 11:20 
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Diebische Elster
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Erst, als John mir antwortete, wurde mir klar, dass ich gerade wohl etwas zu ruppig vorgegangen war. Mein Temperament, meine Gene ... sie waren wieder einmal mit mir durchgegangen, und jetzt tat es mir schon wieder leid, dass ich so heftig reagiert hatte. Hatte ich mich nicht zurückhalten wollen? Bereute John es jetzt schon, mir den Antrag gemacht zu haben? Immerhin kannten wir beide uns ja so gut wie gar nicht, hatten uns nur drei-, viermal gesehen und einmal miteinander geschlafen, und während der anderthalb Jahre, die darauf gefolgt waren, hatten wir uns nicht mehr gesehen, stattdessen aber hatten wir uns ein Bild vom anderen gemacht, in das wir uns verliebt hatten.
Ob John jetzt feststellte, dass ich seinem Bild nun doch nicht entsprach?
Kleinlaut setzte ich mich wieder hin und murmelte achselzuckend: "Wann und wie du es für richtig hältst."

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Verfasst: Mo 26. Nov 2007, 20:57 
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Diebische Elster
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Mein Messer hielt mitten im Säbeln inne, als John sich auf einmal so nachgiebig für alles mögliche entschuldigte und ich sah ihn forschend an.
"Wie bin ich denn?"
Er schien nicht gerade begeistert von meinem Verhalten zu sein. Von meinem hitzigen Verhalten von vorhin? Wahrscheinlich. Jacques hatte es auch nie gemocht, wenn ich aufgefahren war und mich dann stets in seiner vornehm-zurückhaltenden Art getadelt.

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