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Verfasst: Sa 15. Okt 2005, 20:40 
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Ehemals Sohn, jetzt sauer
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City of Angels

Silbrigbunt leuchteten die Lichter der Stadt unter dem Bauch des Gleiters auf – ein glitzerndes Feuerwerk in einem Ozean der Dunkelheit, das die Nacht erhellte, ihr einen edlen Glanz verlieh und sich in den weit aufgerissenen Augen des Mädchens neben mir widerspiegelte, welches in atemlosem Staunen vom Copilotensitz des Gleiters aus auf das phantastische Bild tief unter sich hinab starrt.
„Einfach traumhaft, Josh!“ murmelte es, beide Hände flach an der Scheibe und das Gesicht dem bruchsicheren Napex-Glas sehr nah, um besser sehen zu können.
Ich antwortete ihr mit einem jungenhaften Grinsen und bewegte das Steuerhorn eine Vierteldrehung nach rechts, so dass der Gleiter einen weiten Bogen über der Stadt beschrieb und meine hübsche Begleitung die Aussicht noch etwas länger genießen konnte.
„Ich .. so hab ich es mir nicht vorgestellt, weißt du?“ hauchte die Kleine fasziniert, ohne in der Lage zu sein, das Gesicht vom nächtlichen Anblick der City of Angels zu wenden.
„So ist das immer beim ersten Mal, Jennifer“, kommentierte ich ihre Aussage mit noch breiterem Grinsen und hatte nicht nur meinen Spaß an ihrem Enthusiasmus. Jennifer entging die Zweideutigkeit meiner Worte, denn ihre Aufmerksamkeit war ausschließlich auf das Lichtermeer in der Tiefe gerichtet. Das wiederum entging mir nicht. Nachdenklich biss ich mir auf die Lippen. Doch dann legte sich ein Lächeln auf meine Züge, und ich drückt das Steuerhorn nach vorn.
„Zeit, sich die Sache mal aus der Nähe zu anzusehen, meinst du nicht?
Ich hatte den Satz noch nicht ganz beendet, als der Gleiter auch schon die Nase senkte und sich mit rasanter Geschwindigkeit der Stadt näherte.
„Josh!! ... NICHT!!
Jennifers Kopf flog herum, und sie starrte mich mit aufgerissenen Augen an. Vergessen war offenbar die traumhafte Aussicht und das Prickeln des ersten Fluges ebenfalls – krampfartig krallten sich ihre Hände in die Armlehnen des Copilotenstuhls, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht hätte nicht entsetzter sein können, hätte sie jetzt festgestellt, dass ihr draufgängerischer, gutaussehender Pilot ein Serienkiller wäre.

Zeit, sich den draufgängerischen, gutaussehenden Piloten einmal aus der Nähe zu betrachten:
Mein Name ist Josh Clifford und ich war damals sechsundzwanzig Jahre jung. Ich war der Sohn des Großindustriellen Joseph Clifford und seiner Frau Jessica, keine Geschwister, wohnhaft City of Angels, Kamaria II.
Hobbies: Fliegen, Surfen, Sky-Diving, Schwimmen, Mädchen – und das Geld seiner Eltern ausgeben.
Beruf: siehe Hobbies

Mein Steckbrief ist recht kurz, ich gebe es zu. Was nicht unbedingt an meinem damaligen Alter liegt, sondern daran, dass es zu jener Zeit einfach noch nicht viel mehr über mich zu sagen gab. Ich war das, was man typischerweise „von Beruf Sohn“ nennt. Leichtfertig, gedankenlos, vergnügungssüchtig. Kein übler Bursche, im Gegenteil. Die meisten Leute mochten mich auf Anhieb. Meinen jungenhaften Charme, meine unkomplizierte Art und meinen hartnäckigen Optimismus, der mich selbst in den ausweglosesten Situationen nicht verließ – nicht, dass ich davon bis dato viele erlebt hätte. Nahezu unmöglich also, mir etwas krumm zu nehmen oder auf Dauer böse zu sein. Worum ich natürlich wusste und es deshalb mehr als weidlich ausnutzte.

Mein Charisma und nicht zuletzt mein gutes Aussehen waren auch in jenem Jennifer-Fall dafür verantwortlich, dass ich nicht allein unterwegs war, sondern den unerlaubten Flug im „entliehenen“ Gleiter meines Vaters in Gesellschaft besagter hübschen, blonden Jennifer genoss. Das Genießen war in jenem Moment allerdings recht einseitig, denn die zweiundzwanzigjährige junge Dame an meiner Seite, die ich am Nachmittag am Strand kennengelernt hatte, machte nicht länger den Eindruck, als ob sie von der Vorführung meiner Flugkünste begeistert wäre.
Aber nun war es zu spät. Einmal in Fahrt, war ich kaum mehr zu bremsen, und so ignorierte ich das entsetzte Kreischen meiner neuen Bekanntschaft und tauchte mit irrwitziger Geschwindigkeit in die gleißend hellen Häuserschluchten der Stadt ein, jagt an hunderte von Metern hohen Wolkenkratzern, Kuppeln und Türmen vorbei, unter Brücken hindurch, so dicht über dem Wasser des River Bold, dass die Gischt den Gleiter einhüllte wie in einen dichten, von dicken Wassertropfen durchsetzten Nebel und wieder hinauf in die schwarze, sternenbesprenkelte Endlosigkeit der Nacht, die Augen funkensprühend vor Lebenslust und ein begeistertes Lachen auf meinem Gesicht.
JOSH!!!!“ Das Kreischen neben mir wurde lauter, und als ob ich es erst jetzt bemerkte, brach mein Lachen abrupt ab, und ich sah das Mädchen ehrlich verwundert an. „Was ist los? Hast du etwa Angst?“
Angst???
Jennifers Stimme überschlug sich fast, als sie ungeahnte Höhen annahm.
„Ich will sofort raus hier!!“
Mein Blick haftete immer noch erstaunt auf ihr, und beinahe hätte ich darüber den riesigen Sendeturm übersehen, der plötzlich wie von Zauberhand vor uns aus dem Boden wuchs und dem wir uns im rasanten Tempo nähern.
AUFPASSEN!!!!
Jennifers Schrei kostete mich fast das Trommelfell, aber er bewirkte auch, dass ich gerade noch rechtzeitig nach vorne sah, das Steuer herumriss und wir um Haaresbreite an dem mächtigen, mattsilbernen Rumpf des Turms vorbei schossen, ohne ihn jedoch zu berühren.
Jetzt schlug auch mein Herz im Hals, und ich atmete heftig ein und aus. Ich drosselte das Tempo und zog den Gleiter wieder in sichere Höhen. Doch dann entfuhr mir ein heiseres „WOW!“, und ich funkelte Jennifer strahlend an. „Das war irre!“
Du bist irre, Josh Clifford!!!! Lass mich sofort raus hier!“
Jennifers Züge waren wutverzerrt, was mich nicht wenig erstaunte. Fragend musterte ich sie, dann zog ich halb entschuldigend, halb abwehrend die Schultern hoch.
„Ich weiß nicht, was du willst, Jen. Es ist doch alles gut gegangen.“
Das falsche Argument. Denn Jennifers Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und sie fauchte zurück: „Ja, diesmal ist alles gut gegangen. Und beim nächsten Mal atomisierst du uns vielleicht. Du bist total durchgeknallt, Clifford! Bring mich runter, und zwar jetzt gleich!!!“
Ich erwiderte ihren zornigen Blick einen Moment lang verständnislos, dann zog ich erneut die Schultern hoch, schicksalsergeben diesmal und wendete den Gleiter, um ihn in gemäßigtem Tempo zurück zum Hangar zu steuern, in dem er gewohnheitsgemäß parkte.
„Wie du willst.“
Ich konnte es zwar nicht ganz nachvollziehen, aber eines wusste ich gewiss: Das Abenteuer Jennifer hatte soeben ein Ende gefunden, und ich würde den Rest der Nacht allein verbringen müssen.
Es sei denn ...

Eine Viertelstunde später hatten sich meine Wege und die von Jennifer vom Strand getrennt, mit höchster Wahrscheinlichkeit für immer. Aber noch eine weitere Viertelstunde später war es mir reichlich egal, als mir nämlich Angie, die Freundin meiner Ex um den Hals flog und mich mit heftigen, weinseligen Küssen eindeckte, während um uns herum der Mob tobte.

Peter Casanovs allsamstagnächtliche Feten waren eben doch die besten!


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Verfasst: Sa 15. Okt 2005, 21:03 
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Irrlicht
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New Sydney - Gebäude des NBTD

„Sir, gerade kommt eine Meldung herein – es ist schon wieder ein Transport überfallen worden. Heute morgen, elf Uhr.“
Das Gesicht Susan Gallaghers auf dem kleinen, flachen Screen trug den Ausdruck mitfühlenden Bedauerns, den Angestellte immer dann zur Schau stellen, wenn sie ihren Vorgesetzten Dinge sagen müssen, die diese nicht gerne hören – das ist von jeher so gewesen, nur dass man in früheren Zeitaltern die Überbringer schlechter Botschaften einfach eliminiert hatte, während die Chefs von heute dazu tendieren, ihren Frust anderweitig abzureagieren. Zum Beispiel etwa, indem sie ihren Schreibtisch treten oder Bürogegenstände durch die Gegend schleudern. Oder ihre Untergebenen anbrüllen.
Alles Maßnahmen, die meiner ruhigen, beherrschten Art nicht entsprachen.
Ich ärgerte mich im Stillen. Was allerdings deutlich an der steilen Falte zwischen meinen Augenbrauen und dem harten Zug um meinen Mund zu sehen war. Da hört es aber auch schon auf. Kein bosstypisches Ausrasten, kein unkontrollierter Wutausbruch. Und damit kein vorzeitiger Herzinfarkt – zum Glück!e
„Lassen Sie mich raten, Sue“, entgegnete ich sachlich, „was kann es diesmal gewesen sein? Ich tippe auf Nahrung ..“
Nahrung – medizinische Versorgungsgüter – Waffen. Größer war die Auswahl an Möglichkeiten nicht. Doch reichten sie mir vollkommen.
„Korrekt, Sir!"
Und wieder dieses beflissene Mitgefühl in Susan Gallaghers Blick, meine rechte Hand und ihres Zeichens Psychoanalytikerin beim National Bureau of Terroristical Defence, kurz NBTD genannt. Eigentlich war Susan mir nicht unsympathisch, und ich vertraut ihr absolut. Aber ihr demonstratives Mitleiden nervte mich gehörig. Wohl eine Eigenart, die ihr Beruf mit sich brachte. Obwohl sie es gerade deshalb hätte besser wissen müssen.
„Eine Wagenladung Konserven“, fuhr sie fort und senkte dabei den Blick, wohl, um die genaueren Daten von einem Padd abzulesen. „Hauptsächlich Fleisch, aber auch Gemüse, Obst, Suppen und dergleichen. Inhaber ist die Firma Morrison’s Finest Food, City of Angels. Man hat acht Personen zum Schutz des Transports abgestellt, aber es hat ihnen nichts genützt. Sechs davon wurden durch einen Sprengsatz getötet, den die Terroristen während der Flucht gezündet haben, die zwei übrigen erlitten leichtere Verletzungen. Von den Tätern keine Spur.“
In meinem wuchtigen, schwarzen Ledersessel zurückgelehnt und den Blick nachdenklich auf die regenverhangene Häuserfront gerichtet, die ich durch seine riesige Panoramascheibe ausmachen konnte, antwortete ich nicht sogleich. Mein Verstand arbeitete, mühte sich durch den immensen Berg an Fakten und Informationen, die ich in den letzten zwei Jahren über diese Terroristen gesammelt hatte und die ich – so erstaunlich es auch klingen mag – so gut wie komplett in meinem Kopf gespeichert hatte. Und fand doch kein Weiterkommen.
Es war immer dasselbe. Die Überfälle geschahen zu unplanmäßigen Tageszeiten, völlig willkürlich, wie mir scheinen wollte. Und blitzartig. Wobei der Ort des Geschehens keine tragende Rolle zu spielen schien, denn die Terroristen schlugen überall zu. Und geraubt wurden in der Regel Hilfsgüter oder Waffen. Das, was einem als Terrorist das Leben im Untergrund eben so erleichterte.
Lediglich eine einzige Gemeinsamkeit war bei all den Aktionen festzustellen: Alle Überfälle geschahen innerhalb der Grenzen der Stadt City of Angels, gute fünfhundert Kilometer von New Sydney und dem NBTD-Gebäude entfernt. Das war aber auch schon alles, was ich mit Sicherheit über die Vorgehensweise der Untergrundorganisation sagen konnte. In New Sydney selbst hatte es derartige Übergriffe bislang noch nicht gegeben, und ich kann nicht behaupten, dass mich dieser Umstand traurig stimmte.
„Wo ist es passiert?"
Ich wandte den Blick von der regnerischen Aussicht ab und heftete ihn wieder auf Susan – äußerlich ruhig, innerlich angespannt und verärgert. Dieser neue Vorfall bedeutete, dass ich meine nächste Zeit damit verbringen konnte, in der City of Angels nach Zeugen, Beweismaterial und – natürlich – dem Unterschlupf der Bande zu suchen. Der irgendwo in der Kanalisation liegen musste, so viel hatte unser Maulwurf mir noch verraten können, ehe die Verbindung abrupt abgebrochen war. Das letzte Mal, dass er sich gemeldet hatte - ob er überhaupt noch lebte? Oder ob seine Tarnung inzwischen aufgeflogen und er von seinen verbrecherischen „Brüdern und Schwestern“ eiskalt alle gemacht worden war?
Irgendwo in der Kanalisation ... das umfasste ein ziemlich weites Gebiet bei einer Stadt von ungefähr zwei Millionen Einwohnern. Wenn diese Ratten sich wenigstens auf ein bestimmtes Stadtviertel konzentrieren würden. Aber diesen Gefallen taten sie mir nicht. Und so blieb mir nichts anderes übrig, als das gesamte Gebiet in Betracht zu ziehen, mit meinem Stab weiterhin Pläne der „Unterwelt“ zu studieren und mich – sollte unser Undercover Agent sich wirklich nicht mehr melden – selbst vor Ort zu begeben, um persönliche Nachforschungen anzustellen.
„In der Nähe des Regierungsgebäudes“, beantwortete Susan meine Frage nach dem Tatort.
Die bessere Gegend der City of Angels also. Was es nicht gerade einfacher machte, denn erfahrungsgemäß fand das NBTD dort noch weniger Unterstützung und Hilfe als in den ärmeren Vierteln. Zu selten geschahen dort Dinge wie diese. Und wenn die doch passierten, kümmerten sich die meisten der Haute Volée erst dann darum, wenn sie selbst betroffen ware. Keine gute Voraussetzung für erfolgreiche Nachforschungen.
Grüberlisch drehte ich meinen Sessel langsam hin und her.
"Und wirklich noch nichts neues von Agent Zero-Nine?"
Susans Gesicht verzog sich - wenn das überhaupt möglich war - zu einer noch tragischeren Mine, als sie den Kopf schüttelte.
Ich nickte.
"Okay - wir geben ihm noch einen weiteren Tag. Wenn er sich bis dahin nicht gemeldet hat, werde ich mich persönlich darum kümmern. Reservieren Sie mir bitte schon einen Flug nach CoA für übermorgen früh, für den Fall, dass wir einen weiteren UCA verloren haben."
Wie so oft galt auch hier wohl die Devise, dass man etwas selbst machen musste, um sicher sein zu können, dass es richtig gemacht wurde.
Susan Gallagher nickte, als hätte sie nichts anderes erwartet. „Wird gemacht, Sir! Gute Reise und viel Erfolg!“
Sie hatte unseren Agent offenbar schon abgeschrieben - ich im Grunde auch, denn die letzte Rückmeldung lag eine Woche zurück, und das konnte eigentlich nur eines bedeuten.
„Danke“. Ich murmelte es mehr zu mir selbst als zu Miss Gallagher und beendete die Verbindung. Dann sah ich wieder auf die regennassen Häuserfronten hinaus und verlor mich in meinen Gedanken - der fünfte UCA insgesamt, den wir verloren hätten. Ob ich bald die Nummer sechs wäre?

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Verfasst: Sa 15. Okt 2005, 21:15 
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Ehemals Sohn, jetzt sauer
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City of Angels – Cochrane Center

„Was tu ich bloß hier?“, murmelte ich wenig begeistert, als ich aus der langen, schwarzen Limousine ausstieg, die mich zum Cochrane Centre gebracht hatte. Mein Blick richtete sich skeptisch auf das im Dunkel des späten Abends wie ein Juwel erstrahlende Gebäude, und unentschlossen blähte ich die Backen auf.
Soll ich da wirklich rein?
Im Smoking??
Ich kam mir vor wie ein Pinguin. Das letzte Mal, als ich so ein Ding getragen hatte, hatte ich mit meinen Eltern der Einweihung der neuen Hawking University beigewohnt. Im Alter von vierzehn Jahren!
Hätte ich in Erinnerung gehabt, wie unbequem so ein steifer Frack ist, wäre ich nicht auf Sebastians Bitte eingegangen, ihn bei der heutigen Gala anlässlich des fünfundsechszigsten Geburstags John Rubins, Bürgermeister und reichster Einwohner der Stadt und enger Freund Luigi Garfalos, zu vertreten. Welcher wiederum Sebastians Vater war.

Aber ich schuldete Sebastian noch einen Gefallen. Weil dieser dafür gesorgt hatte, dass sein einflussreicher Vater mich aus einer misslichen Lage herausgeboxt hatte – ein kleiner, pikanter Vorfall mit einer käuflichen, jungen Dame, mit der ich mich hatte in aller Öffentlichkeit inflagranti erwischen lassen. Das hätte damals selbst meinen sonst so toleranten - oder eher gleichgültigen - Vater auf die Palme gebracht und mir einige Unannehmlichkeiten beschert. So aber hatte mein Senior nichts von alledem erfahren. Und die Öffentlichkeit ebenso wenig, weil Mister Garfalo seinen Einfluss geltend gemacht und die Presse zum Schweigen gebracht hatte. Rettung in letzter Sekunde, weshalb dieser langweilige Dinner-Abend das mindeste war, womit ich Sebastians Hilfe vergelten konnte. Und im Grunde zog ich meinen imaginären Hut vor der Idee meines Freundes, mich zu Sebastian Garfalo zu machen. Die hätte glatt von mir selbst stammen können. Denn Sebastian und ich hätten Brüder sein können! Beide im gleichen Alter, groß, schlank und gutaussehend. Und mit den braunen Augen und Haaren unserer Väter und Mütter gesegnet.
Zum Verwechseln, diese Ähnlichkeit. Worauf Sebastian Garfalo natürlich baute. Und was ich mir für einen möglichen umgekehrten Fall mit Sicherheit merken würde!

Ich verharrte immer noch am Fleck, zögernd, obwohl die Möglichkeit, mich einigermaßen bequem von diesem Ort zu entfernen, sich gerade hinter mir mit lautem Brummen davon machte. Ich konnte es schon förmlich vor mir sehen – die steife Sitzordnung, die ellenlangen Ansprachen zwischen den Gängen, die das Essen endlos in die Länge ziehen werden. Und bei meinem aktuellen Glück womöglich auch noch zwei vertrocknete alte Schachteln als Tischnachbarinnen.
'Ach komm schon, Junge .. denk an den Ärger, den Sebastian dir vom Leib gehalten hat. Und dann Augen zu und durch! Der Abend wird schon irgendwie umgehen!'
Ich gab mir einen Ruck und setzte mich in Bewegung, die breite Treppe hinauf, um gemeinsam mit weiteren, festlich gekleideten Gästen das Cochrane Centre zu betreten, die Einladung vorzuzeigen und mir vom Personal den Weg zum Tisch weisen zu lassen.
Schließlich schob ich mich durch eine aufgeregt flüsternde Menge hindurch in den übermäßig geschmückten und durch die zahlreich aufgestellten Kerzenleuchter unglaublich warmen Saal hinein, mit forschem Blick auf der Suche nach einer eventuellen jungen Schönheit, die mir die tristen, nächsten Stunden ein wenig versüßen könnte.
Aber wohin ich auch sah, alle Anwesenden schienen mindestens doppelt so alt zu sein wie ich, und mit enttäuschtem Gesicht steuerte ich meinen Tisch an, um mich dort schief grüßend zwischen zwei älteren Ausgaben der Golden Girls niederzulassen.
'Oh – mein – Gott ... bitte lass den Abend schnell vorüber gehen!'


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Verfasst: Sa 15. Okt 2005, 21:25 
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Ehemals Sohn, jetzt sauer
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City of Angels – Cochrane Center

Die Gala hatte sich als noch langweiliger herausgestellt als ich befürchtet hatte, und ich musste meine gesamte Selbstbeherrschung aufbringen, um auf meinem Stuhl nicht immer tiefer zu sinken.
Nicht ein hübsches Mädchen hier! Stattdessen langatmige Reden und Danksagungen, Ehrengäste, die eigentlich ins Seniorenheim gehörten und eine Musik zum Abgewöhnen.
Zu der dann auch noch getanzt wurde, nach dem Essen – welches, wie ich zugeben musste, wirklich gut gewesen war und damit das einzige Highlight des Abends – und das war der Moment, wo ich mir ernsthaft überlegte, mich irgendwie dadurch zu tun. Denn die teils verstohlenen, teils auffordernden Blicke meiner älteren Tischnachbarinnen begannen mich nervös zu machen. Das fehlte noch, dass ich mit denen über die Tanzfläche schieben musste!

So kam mir der Kellner gerade recht, der sich plötzlich zu mir herabbeugte und mit freundlich distanzierter Stimme zu mir sagte: „Mister Garfalo? Es ist eine dringende Nachricht für Sie eingegangen, im Kommunikationszimmer. Ich bin geschickt worden, Sie umgehend zu benachrichtigen und dorthin zu bringen. Anscheinend ist es sehr wichtig.“
Nach ein, zwei Sekunden der Verwirrtheit, denn ich hatte mich erst einmal überhaupt nicht angesprochen gefühlt, nickt ich und stand auf, um dem Mann aus dem Saal zu folgen. Und blähte, als ich die stickige Wärme und grauenhafte Beschallung endlich hinter mir gelassen hatte, erleichert die Wangen auf. - Dahinein würde ich heute gewiss nicht mehr gehen! Ich fand, dass der Gefallen, den ich Sebastian geschuldet hatte, hiermit mehr als abgegolten war!
Wir erreichten das Kommunikationszimmer, und der Kellner öffnet die Tür und hält sie mir auf. „Bitte sehr, Mister Garfalo! Dort drüben am Tisch steht das Com-Terminal, bitte nehmen Sie ruhig Platz. Sie müssen nur das „Activate“-Feld berühren, dann können Sie die Nachricht abrufen.“
Ich warf dem Mann einen schiefen Blick zu. Glaubte der Kerl, ich hätte noch nie im Leben ein Com-Terminal bedient?
Aber wahrscheinlich war er auf elektronisch weniger versierte Gäste geeicht – kein Wunder, bei den Äonen an Lebensspannen, die sich nebenan im Saal tummelten! Also verkniff ich mir eine entsprechende Antwort und setzt mich einfach vor das schwarze Terminal, um die Nachricht abzurufen.
Von wem sie wohl war?
Von Sebastian, der mir von irgendeiner tollen Fete eine lange Nase drehte und mich fragen wollte, ob ich mich gerade genauso gut amüsierte? Hoffentlich nicht von Garfalo senior, der um sofortige Kontaktaufnahme bat. Dann hätte ich aber ein gewaltiges Problem!
Ich berührt mit meiner Fingerspitze die „Activate“-Taste und starrte gebannt auf den Schirm. Doch der blieb schwarz. Irritiert runzelt ich die Stirn.
„Was zum Geier ..?“
Fragend hob ich den Blick und richtete ihn auf den Kellner. Und erstarrte, als ich in die Mündung einer gezückten Strahlenwaffe sah!
„Bye, bye, Mister Garfalo!“ kam es höhnisch über die Lippen des mit einemmal gar nicht mehr so freundlich und beflissen dreinblickenden Mannes. Dann zischt die Waffe rotglühend auf und traf mich mitten in der Brust.
Ende der Galavorstellung! Und vollkommen anders, als ich es mir hätte träumen lassen.


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Verfasst: Sa 15. Okt 2005, 22:03 
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Ehemals Sohn, jetzt sauer
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City of Angels – Im Versteck des Widerstandes

Eine ganze Zeitlang war ich der festen Überzeugung gewesen, ich wäre einem von Sebastians miesen Tricks aufgesessen. Einem der heftigeren Sorte zwar, aber bei Sebastian war nichts unmöglich.
Und so hat ich mich, als ich wieder zu mir gekommen war, erst einmal vollkommen ruhig verhalten und gelauscht, um herauszufinden, was vor sich ging. Gesehen hatte ich nichts – Augen verbunden. Aber man hat ja noch andere Sinne ...
Dass ich getragen wurde, war mir ziemlich schnell klargeworden. Eine kantige Schulter bohrte sich mir Übelkeit erregend in den Magen, und eine offenbar ziemlich kräftige Hand hatte sich mit festem Griff um meinen Oberschenkel geschlossen, um mich einem Kartoffelsack gleich durch die Gegend zu schleppen.
Ich lauschte auf bekannte Stimmen, aber niemand sagte einen Ton. Was ärgerlich war, denn so hatte ich keine Möglichkeit herauszufinden, ob ich den- oder diejenigen kannte, die bei Sebastians unglaublich witzigem Gag mitmachten. Überhaupt wurde ich langsam, aber sicher sauer. Nicht genug, dass ich mir den Abend mit dieser Rentnerfete hatte um die Ohren schlagen müssen, jetzt auch noch das hier!
Garfalo, jetzt reicht’s langsam! Deine Ideen waren auch mal origineller!
Ich gab meine scheinbare Bewusstlosigkeit auf und begann mich zu regen. Zu zappeln trifft es eher, denn ich hatte auf einmal große Lust, meinem Packesel den Job ein wenig zu erschweren. Leider jedoch schien das diesen nicht großartig zu beeindrucken. Er verstärkte lediglich den Griff seiner Hand um meine Oberschenkel und schritt energischer aus, das war’s dann aber auch schon. Und zu mehr Action war ich nicht in der Lage, geschnürt wie eine Roulade.
Tief durch die Nase einatmend – denn mein Mund war ja freundlicherweise mit einem Knebel verschlossen worden – gab ich es also auf, mich gegen den Kerl zu stemmen und wartete ab, bis man mich heruntergelassen und von meinen Fesseln befreit hatte. Und verfluchte dabei Sebastian Garfalo von Augenblick zu Augenblick mehr.
Plätschern und Rauschen drangen auf einmal an mein Ohr, irgendwie hohl, als liefen wir durch einen riesigen, metallenen Tank oder ein Rohr. Ich stutzte und lauschte angestrengt – und wurde mir bewusst, dass ich diese Geräusche schon länger hörte, sie aber bis jetzt nicht bewusst wahrgenommen hatte, weil mein Ärger über Sebastian mich zu sehr beschäftigt hatte.
Aber jetzt, wo ich konzentriert die Ohren spitzte, fielen sie mir mehr als deutlich auf, und gleichzeitig begann ich mich zu fragen, ob meine unangenehme Situation wirklich auf den schwarzen Humor meines Freundes zurückzuführen war, oder ...
Über das „Oder“ wollte ich gerade gar nicht weiter nachdenken, denn ein „Oder“ würde eine ganze Menge mehr Schwierigkeiten bedeuten als ich Lust hatte, mir jetzt vorzustellen. Mein naturgegebener Pragmatismus – die Fähigkeit, mich mit Situationen zu arrangieren und mich auf sie einzustellen – gewann die Oberhand, und so wartete ich ab, bis die Angelegenheit sich von alleine klärte.

Ich musste nicht lange warten. Keine fünf Minuten später fühlte ich mich ruppig auf die Beine gestellt, und zwar derart ruppig, dass ich mich instinktiv dagegen zur Wehr zu setzen versuchte .. unglaublich erfolgreich, verpackt wie ich war! Und dann wurde mir endlich die Augenbinde abgenommen!
Irgendwie war ich darauf gefasst gewesen, die Augen zusammenkneifen zu müssen. Aber nichts da, die Umgebung, in der ich mich befand, war dunkel, nur von vereinzelten künstlichen, trüben Lichtern unzureichend erhellt. Und sie war feucht, die Umgebung - in der Tat! Nass glänzende, mit Flechten bewachsene Wände, nicht besonders hoch, eine Decke darüber und ein Gestank ..
Meine Augen huschten umher und nahmen alle Einzelheiten auf. Und dabei wurde mir mit einem ziemlich unguten Gefühl in der Magengrube klar, dass ich mich offensichtlich in der Kanalisation befand.
'Oh Scheiße ..!'
Dann richtete sich mein Blick auf die Anwesenden, mehrere finster aussehende Typen und eine verärgerte Frau mit schmutzigem Gesicht, deren Züge ich nicht besonders deutlich erkennen konnte. Die Wut in ihre hellen Augen dafür aber um so besser.
„Ihr gottverdammten Idioten, das ist nicht Garfalo! Verdammter Mist!“
Meine Augen weiteten sich einen Moment lang, als mir die Bedeutung ihrer Worte klar wurde. Kanalisation .. Typen, die mit den Ratten zu schlafen schienen .. ich war nicht Garfalo ..
'Na suuuper!! Klarer Fall von misslungenem Kidnapping. Garfalo, die Gefallen, die ich dir hier gerade alle tu, kannst du im Leben nicht mehr gut machen!'
„Wer zum Teufel ist das?“, fauchte die wütende Frau einen neben ihr stehenden Kerl an. Ich folgte ihrem Blick und wünschte mir einen Augenblick später, ich hätte darauf verzichtet. Denn der Kerl, der offensichtlich mein Packesel gewesen war, war nicht nur groß und muskulös, sondern trug auch noch eine Miene brutaler Grobschlächtigkeit zur Schau, dass es mir einen Moment lang ganz anders wurde.
'Wow, hallo, Mister Panzerschrank! Hoffentlich hast du mich gerade zum letzten Mal angefasst!'
Mister Panzerschrank machte allerdings gerade keine Anstalten, sich weiter mit mir beschäftigen zu wollen. Er schüttelte den bulligen Kopf und gab brummend zur Antwort: „Witherspoon hat ihn als Garfalo identifiziert und uns gebracht, mehr weiß ich nicht. Aber wenn das nicht Garfalo ist, haben wir ein Problem.“
'Ach, IHR habt ein Problem, ja?'
Die schmutzige Frau neben ihm funkelte den Esel an und richtete ihren ungehaltenen Blick dann auf mich. „Wer zum Teufel sind Sie, und warum haben Sie sich als Sebastian Garfalo ausgegeben?“
Ich war mir langsam bewusst, in welch dämlicher Lage ich mich befand – um es gelinde auszudrücken. Aber irgendwie war ich auch immer noch sauer. So hatte ich mir meinen Samstagabend gewiss nicht vorgestellt, Gag hin, Kidnapping her. Und es ärgert mich verdammt noch mal, dass ich jetzt auch noch irrtümlich entführt worden war. Noch nicht mal derjenige war, den sie haben wollten. Wie unglaublich schmeichelhaft!
„Wer ich bin?“, fragt ich ironisch zurück. „Der Avon-Berater, Miss! Und ich bin der Meinung, ein dickes Stück Seife könnte Ihnen nicht schaden!“


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Ehemals Sohn, jetzt sauer
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Ich hätte kotzen können!
Das Richten meiner gebrochenen Nase hatte scheißeweh getan und mir vor Schmerz den Magen umgedreht, aber hier wurde nicht viel Rücksicht auf leidende Geiseln genommen, sondern gleich weiter auf sie eingedroschen - wenn auch diesmal nur verbal.
"Josh Clifford", krächzte ich und versuchte dabei, die schwarzen Flecken zu ignorieren, die mir plötzlich vor den Augen herumtanzten. "Ich .. ich bin heute abend bloß für Sebastian eingesprungen, okay? Hab ihn bloß bei 'ner megalangweiligen Veranstaltung vertreten, weil ich ihm 'nen Gefallen schuldig war. Klar? Angekommen? - Dann wär's echt nett, wenn ich jetzt nach Hause könnte. Hab mir gerade wohl irgendwie die Nase gestoßen und bräuchte dringend ein Eis-Akku und ein paar Einheiten Schmerzmittel!"
Wieso hatte ich nur das miese Gefühl im Bauch, dass ich gerade vor eine Wand redete?

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Cracksüchtiger Maulwurf
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Eine ganze Zeitlang hatte ich mich jetzt schon meiner Aufgabe gewidmet, Dosen zu öffnen und den Inhalt derselben in verbeulte, angelaufene Blechnäpfe zu geben. Immer nur zwei gehäufte Löffel voll, auf keinen Fall mehr. Trotz des letzten gelungenen Überfalls auf den Nahrungsmitteltransporter waren die Vorräte knapp und mussten rationiert werden. Und Freezes Anordnungen waren eindeutig gewesen .. ‚Auf keinen Fall mehr als zwei volle Löffel, Sam. Klar? Wenn du einem mehr gibst und ich seh das, hau ich dir den Arsch!’ – Freeze konnte verdammt hart sein, wenn es um die Rationierung von Lebensmitteln ging.
Er konnte auch verdammt hart sein, wenn es um die Rationierung von Diostesin ging. So hart, dass meine Hände nun schon seit geraumer Zeit zitterten und mir vor Entzug der Schweiß am ganzen Körper ausbrach. Wenn ich mit der Arbeit fertig wäre, hatte er gesagt. Dann würde ich einen Schuss bekommen, eher nicht. Ich hätte ihm dafür ins Gesicht springen können – den letzten Schuss hatte ich mir am Morgen gesetzt, und das war verdammt lange her! Aber ich hatte ihm nichts entgegenzusetzen, er hätte mich entweder ausgelacht und mich am ausgestreckten Arm in der Luft verhungern lassen oder mir eine geknallt. Den Stoff hätte ich damit aber ganz sicher nicht bekommen.

Ich holte tief Luft, als ein heftigeres Beben meinen Körper durchlief und wischte mir mit meiner schmutzigen Hand die Schweißtropfen von der Stirn.
„Eh, nu mach ma hin, Mädchen!“, blaffte mich der Kerl, dem ich gerade den Napf füllte, prompt an. Ich warf ihm einen verschleiert-düsteren Blick zu und klatschte ihm den zweiten und letzten Löffel Bohnen in sein ‚Essgeschirr’, woraufhin der Typ sich verzog und dem nächsten Platz machte. Ehe ich diesem aber seine ihm zustehende Ration geben konnte, kam plötzlich Leben in den sonst nur mit gedämpftem Stimmengemurmel gefüllten, trocken gelegten Kanal, den der Widerstand sich als Stützpunkt ausgesucht hatte. Freeze kehrte von einem seiner für uns kleine Lichter geheimen Streifzüge zurück und brachte einen Gefangenen mit, was sowohl die anstehenden, hungrigen Mäuler als auch mich aufblicken und die Bohnen für einen Moment vergessen ließ – wann passierte hier unten auch schon mal was Interessantes?
Die offene Dose in der einen Hand und den bereits vollen Löffel in der anderen starrte ich zu der kleinen Gruppe um den Gefangenen hinüber, zu der sich nun auch Dawn, unsere Anführerin, gesellt hatte. Dann wurden dem armen Kerl, der sich anscheinend aus irgendeinem Grund den Zorn des Widerstandes zugezogen hatte, die Augenbinde und der Knebel abgenommen, und trotz meines durch die Entzugserscheinungen unscharfen Blickes konnte ich erkennen, dass es ein junger Mann war, vielleicht Anfang zwanzig oder so, der jetzt von Dawn verhört wurde.
Es war nicht schwer, dem Gespräch zu folgen, denn die Worte hallten hier unten im Kanal laut wider. Und so erfuhr ich, dass Freeze offenbar ausgezogen war, um einen Typen namens Sebastian Garfalo zu entführen, aber wohl versehentlich den Falschen angeschleppt hatte, was ihn und Dawn in echt miese Stimmung versetzte. Mir begann der Kerl leid zu tun, denn wenn man eines wirklich besser tunlichst vermeiden sollte, dann, ausgerechnet diese beiden gegen sich aufzubringen.
Leider wusste das unsere falsche Geisel nicht, denn die brachte auf einmal einen Spruch, der alle Anwesenden scharf die Luft einziehen ließ!
Avon-Berater?
Wie blöd musste man sein, um in SO einer Situation SO eine Bemerkung abzulassen???
Die Reaktion folgte auf den Fuß. Oder besser, auf die Nase, denn kaum waren dem Verrückten die Worte über die Lippen gekommen, da drosch Freeze ihm auch schon mit Wucht seine bullige Faust ins Gesicht – das Knacken einer brechenden Nase war selbst für meine Ohren, die ein Stück entfernt waren, deutlich zu hören.
Der verrückte Typ fiel wie ein gefällter Baum um. Klar, was auch sonst?
Dawn, der offenbar nicht an weiteren Auseinandersetzungen gelegen war, schickte Freeze daraufhin mit einer Anweisung weg, die so durchsichtig war wie klares Glas – sicher, sie wollte vermeiden, dass unser sanftmütiges Herzchen dem Idioten am Boden den Rest gab. Wie so oft zollte ich unserer Anführerin Respekt für ihr bedachtes Handeln. Es war gut, dass sie den vernünftigen Gegenpol zu dem unberechenbaren und gefährlichen Freeze bildete. Wer wusste schon, was hier sonst abgehen würde?
Dawn ließ den Idioten zum Doc bringen, und dazu musste er an mir und der Schlange Hungriger vorbei. Ich betrachtete ihn genauer und revidierte meinen Eindruck von vorhin – Mitte zwanzig traf es sicherlich sehr viel eher. Hübsche Gesichtszüge, glatt rasierte Wangen, das Haar korrekt geschnitten, Smoking. Keine Frage, der Kerl gehörte zu den Oberen Zehntausend, und es war ziemlich wahrscheinlich, dass er entführt worden war, um von seinen stinkreichen Eltern Kohle zu erpressen. Oder besser gesagt, dass er entführt werden sollte, um von den Eltern dieses Garfalo Geld zu erpressen. Aber offenbar hatte Freeze sich nicht den Richtigen geholt, und nun gab es vielleicht keine zusätzliche Kohle. Schade - ein bisschen mehr Essen hätte uns allen gut getan!

Mein letzter Gedanke erinnerte mich an die Aufgabe, die ich hier zu erledigen hatte. Ich klatschte den Löffel Bohnen endlich in den Napf, den der zahnlose Alte in den abgerissenen Klamotten mir immer noch geistesabwesend vor die Nase hielt, noch einen weiteren dazu, und dabei bemerkte ich, dass das Zittern meiner Hände noch stärker geworden war.
„Beweg dich!“, zischte ich den Alten an, als er weiterhin starr zu Dawn und dem Neuankömmling hinüberblickte.
Sobald ich meinen Job hier erledigt und alle mit Essen versorgt hätten, würde Freeze mich wieder mit Diostesin versorgen. Er hatte es versprochen, und ich wusste, er würde sein Wort halten. An was anderes konnte ich zur Zeit nicht denken.

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Verfasst: So 1. Jul 2007, 20:44 
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Ehemals Sohn, jetzt sauer
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Ich atmete ein paarmal tief durch und versuchte, den verdammten Schmerz zu ignorieren, der meinen Schädel zum explodieren bringen wollte. Hölle nochmal, hatte der Typ einen Schlag! Ich nahm mir vor, ab jetzt ein wenig vorsichtiger zu sein mit dem, was ich sagte und tat. Ich hatte nämlich durchaus vor, dieses Rattenloch hier nochmal lebend zu verlassen.
"Mein Vater ist Joseph Clifford", rückte ich nun freiwillig heraus - was sollte es schon, die Freaks hier wollten Geld, mein Vater hatte es, ich wollte hier raus .. alles gute Gründe, um jetzt doch etwas gesprächiger zu werden. "Ihm gehört Clifford Industries. Wenn Sie sich mit dem in Kontakt setzen, wird er ganz sicher was springen lassen."
Hoffte ich jedenfalls. Eigentlich tat ich gerade sehr viel selbstsicherer als ich war. Mein alter Herr war nicht gerade das, was man einen liebevollen Vater nennen konnte, und ehrlich, ich war mir nicht sicher, was er mehr liebte - sein Geld oder mich. Na ja, würde ich ja bald sehen.

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Cracksüchtiger Maulwurf
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Ich sah auf und heftete meinen trüben Blick auf Freeze. Dann nickte ich stumm. Das Ausbleiben der Droge setzte mir immer mehr zu, so dass ich mir schon nicht mehr sicher war, ob ich überhaupt noch in der Lage wäre, einen vernünftigen Satz herauszubekommen.
Durch einen Schleier hindurch sah ich, dass Freeze auch nickte und dann wieder aus meinem Blickfeld verschwand. Ich fuhr fort, Dosen zu öffnen und verbeulte, unsaubere Blechnäpfe zu füllen, bis schließlich auch der letzte mit seiner kargen Mahlzeit abzockelte und sich irgendwo einen Platz suchte, um dort in Ruhe die geschmacklosen, dafür aber sättigenden Bohnen in sich hineinzuschaufeln.
Ich wischte den Löffel sauber und legte ihn beiseite. Dann erhob ich mich schwankend und sah mich mit unstetem Blick um. Freeze schien mich im Auge behalten zu haben, denn er wuchs plötzlich vor mir aus dem Boden und zupfte mir am Ärmel meiner speckigen, olivgrünen Jacke. Daraufhin drehte er sich um und ging. Ich folgte ihm, kein Gedanke mehr an den Neuankömmling und das, was mit ihm passieren könnte - es war mir scheißegal. Ehrlich gesagt wusste ich schon gar nicht mehr, dass er existierte. Alles, woran ich noch denken konnte, war der nächste Schuss, den ich bald bekommen würde, alles, was ich wahrnahm, war Freezes breiter Rücken, dem ich benommen hinterher taumelte. Endlich kamen wir in seiner Ecke an, wo ich mich keuchend auf den Boden sinken ließ und mein Kopf erschöpft gegen die Wand lehnte. Der Schweiß floss mir inzwischen in Strömen durch's Gesicht, und das Zitter war unkontrollierbar geworden. Scheiße, wie sollte ich mir in diesem Zustand überhaupt die nächste Dosis geben?

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Ehemals Sohn, jetzt sauer
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Jetzt fing man auch noch an, Ansprüche zu stellen! Reichte wohl nicht, dass mein Dad einen der größten Konzerne Kamarias sein eigen nannte.
"Computertechnik", antwortete ich mit trockenem Blick. "Keine Medikamente, keine Nahrungsmittel - und auch keine Waffen."
'Glaube ich jedenfalls', setzte ich gedanklich hinzu, denn beim letzteren war ich mir nicht so sicher. Ich hatte so meinen Verdacht. Aber natürlich würde mein alter Herr den nie bestätigen, weshalb ich mir entsprechende Fragen bislang einfach gespart hatte. Außerdem, was man nicht weiß, macht einen nicht heiß .. bekanntermaßen.

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Verfasst: So 1. Jul 2007, 21:08 
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Cracksüchtiger Maulwurf
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Schwer atmend ließ ich es geschehen, dass Freeze sich um den Schuss kümmerte und behielt meine Augen dabei geschlossen. Erst, als ich das leichte Brennen am Arm spürte, das vom Eindringen des Serums in meine Blutbahn kündete, öffnete ich sie mühsam wieder und rang mir ein bitteres Lächeln ab. Davon würde ich lange genug was haben .. was für eine Ironie! So froh wär ich, so froh, wenn ich es gar nicht erst nötig hätte. Aber das war jetzt kein Thema mehr. Ich war völlig abhängig von dem Stoff und lebte nur noch von einem Schuss zum nächsten.
Was davon haben ..
"Danke, Mann", keuchte ich leise und schloss noch einmal meine Augen, um meine Kräfte zu sammeln, von denen ich im Moment echt nicht mehr viele hatte. Dann drückte ich mich schwerfällig in die Höhe, hielt an der Wand gelehnt inne und bemühte mich darum, so etwas wie ein Gleichgewicht wiederzufinden. Und als ich schließlich glaubte, dass es gehen könnte, drückte ich mich ab und wankte von Freezes' Platz weg auf meinen zu, der ein ganzes Stück abseits lag. Dort würde ich warten, bis das Zeug zu wirken beginnen und ich mich endlich wieder wie ein Mensch würde fühlen können. Endlich wieder ..

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Verfasst: So 1. Jul 2007, 21:19 
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Ehemals Sohn, jetzt sauer
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"Ja ja, schon kapiert. Ich seh dummer aus als ich in Wirklichkeit bin. Ist 'ne Erbsache."
Langsam hatte ich es wirklich begriffen - es sah so aus, als ob ich meinen diesjährigen Urlaub hier unten im Abwasserkanal verbringen würde. Klasse Aussicht, echt!
Aber allein schon die Vorstellung, dass dieser Bulle von Kerl hinter mir her hechten und noch ein paarmal seine schaufelgroßen Hände sprechen lassen könnte, machte mir einen Fluchtgedanken wirklich nicht attraktiv.
Mein Blick schweifte unwillkürlich zu Mr. Freeze hinüber - was für ein passender Name - der einer ziemlich fertigen Kleinen offenbar gerade irgendeine Droge verpasste.
'Kein Wunder, Mädel. DEN könnte ich auch nur unter Strom ertragen!'
Ich versuchte, meine Fassungslosigkeit über die hiesigen Zustände mit schwarzem Humor zu überdecken, aber so richtig funktionierte es nicht.
Oh Mann, waren die hier alle fertig!

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