Skriptorium
Aktuelle Zeit: So 19. Jan 2020, 19:14

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 318 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 ... 27  Nächste
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Mi 4. Jul 2007, 13:29 
Benutzeravatar
Cracksüchtiger Maulwurf
Cracksüchtiger Maulwurf
Offline

Registriert: So 1. Jul 2007, 14:55
Beiträge: 186
Wohnort: Kamaria II
Ich hielt mit der Eingabe der Daten inne, als Razor mir erklärte, dass wir Besuch bekämen. Dawn, Freeze und noch einer .. warum zum Geier begann ich mich prompt unwohl zu fühlen?

Mein Blick bohrte sich dunkel in den Screen, auf dem nichts als Zahlen und Symbole zu sehen waren, wirr für einen Außenstehenden, völlig verständlich für mich selbst. Aber in diesem Moment sah ich sie nicht. Ich hatte damit zu tun, mich selbst zur Ordnung zu rufen und mir vor Augen zu halten, dass ich eben nicht das Verräterschwein war, als das ich mir gerade vorkam. Ich hatte nur meinen Job gemacht, und darüberhinaus hatte ich die Widerständler beschützt, indem ich sie eben nicht verraten hatte, womit ich mich selbst in eine schwierige Lage gebracht hatte. Aber das schien von denen ja noch keiner kapiert zu haben .. oder es war ihnen egal. Ein Cop, ein Schwein, so dachten sie wahrscheinlich. Und weil sie so eindimensional gestrickt waren und die größere Zusammenhänge eben nicht sehen konnten, sollte es mir auch scheißegal sein, was sie von mir hielten!

Ich atmete gereizt durch und fuhr mit der Eingabe der Daten fort, ohne noch einmal aufzusehen. Das blieb auch erst mal so, als ich hörte, wie der angekündigte Besuch Razors Wohnung betrat. Selbst, als mein Kollege von der Hackerzunft mich mit Essen und Kaffee versorgte, tat ich weiter gleichgültig und machte meinen Job. Erst, als ich aus der darauf folgenden Unterhaltung schloss, dass die dritte Person offenbar der arme Kerl war, dem Freeze gestern die Nase gebrochen hatte, hielt ich mit dem Tippen wieder inne und sah auf - in der Tat, der Junge im Smoking, welcher jetzt allerdings alles andere als salonfähig war. Was im übrigen auch auf seinen Träger zutraf, dessen Nase dick und geschwollen war und in allen möglichen Regenbogenfarben funkelte. Wo immer er auch gestern unterwegs gewesen war, er hatte sicher nicht damit gerechnet, dass seine feine Abendunterhaltung hier enden würde!
Er tat mir leid, aber das ließ ich mir nicht anmerken. Ich musterte ihn scheinbar unbeteiligt und ignorierte Freezes finsteren Blick, den ich nur zu deutlich auf mir ruhen spürte und der mir - verdammt noch mal - doch schon wieder ein schlechtes Gewissen machen wollte.
'Es ist alles okay, Sam! Du hast deinen Job gemacht, und du hast ihn aus Überzeugung gemacht! Dass es die falsche Überzeugung gewesen ist, konntest du ja nicht wissen. Du hast dir NICHTS vorzuwerfen!'
Ich sah Freeze nicht an, Dawn auch nicht, sondern blickte weiterhin zu dem armen Würstchen hinüber, das gefesselt auf einem Stuhl saß und darauf wartete, was wohl jetzt kommen würde.
Das interessierte mich auch, denn ich hatte zwar mitbekommen, dass Freeze und Dawn am Vorabend mit ihm gesprochen hatten, aber ich hatte nicht verstanden, was sie von ihm gewollt hatten. Zum einen war ich nicht nah genug gewesen, zum anderen hatte der Diostesinentzug mir gerade zu diesem Zeitpunkt ordentlich zu schaffen gemacht.
Aber ich musste gar nicht lange warten, bis der Smoking-Fall sich aufklärte. Man hatte den Jungen entführt, um seinen Vater zu erpressen und den Widerstand so mit Nahrung und Medikamenten zu versorgen. Nur leider hatte der reiche Papa keine Lust gehabt, für seinen Sohnemann den Geldbeutel zu öffnen und ließ ihn stattdessen lieber in der Scheiße sitzen - toller Vater! Das arme Würstchen tat mir immer mehr leid.
Ich wollte mich gerade fragen, was sie denn jetzt mit ihm zu tun gedachten, als Razor den Spruch mit dem Erschießen brachte. Sofort versteifte ich mich und funkelte sein Profil finster an. Er bekam es nicht mit, weil seine Aufmerksamkeit auf den Smoking gerichtet war, aber er würde es mitbekommen, wenn er sich anschicken würde, seine Worte jetzt in die Tat umzusetzen. Dann würde ich nämlich auf der Stelle alles löschen, was ich bisher in seinen Rechner eingegeben hatte, und dann würde er zusehen können, wie er an den Algorithmus käme. Auf keinen Fall würde ich es zulassen, dass ein unschuldiger Kerl sein Leben verlor, nur weil sein Vater ein geiziges Arschloch war und die Typen hier raffgierige Drecksäcke! Ich hatte mich auf ihre Seite geschlagen, ja. Aber ich war immer noch ein Cop!

Die Anspannung hielt nur wenige Sekunden, dann wurde klar, dass Razor einen Witz gemacht hatte - 'Har Har!' - und ich atmete erleichtert durch. Allerdings ließ ich die Tastatur weiterhin unangerührt. Ich würde erst mit der Eingabe fortfahren, wenn ich mir sicher sein konnte, dass man an dem Jungen kein Verbrechen begehen würde! Stattdessen griff ich nach meiner Kaffeetasse, um einen großen Schluck von dem heißen Zeugs zu nehmen und das Geschehen weiter aufmerksam zu verfolgen. Die Nudeln ignorierte ich ebenfalls - obwohl ich Hunger bis unter die Arme hatte, war die Situation gerade einfach zu haarig, als dass ich jetzt was Festes hätte hinunterbringen können.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Mi 4. Jul 2007, 13:41 
Benutzeravatar
Ehemals Sohn, jetzt sauer
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:04
Beiträge: 31
Ich hatte nicht so recht gewusst, was mich hier erwarten würde - außer natürlich, dass es nichts Gutes sein würde. Und echt, als der Kerl vor mir meinte, tja dann würde ich jetzt wohl erschossen, ging mir für einen Moment der Arsch auf Grundeis.
Ach, aber nein, das war auch nur so ein Spaßvogel wie mein Panzerknackerfreund! Die Jungs hier hatten alle den gleichen Humor - und davon jede Menge - und darum lachte ich pflichtschuldigst und antwortete dann mit schiefem Blick: "Hey Mister, glauben Sie etwa, mein alter Herr hätte mich mit seiner Kontonummer versorgt, wenn er noch nicht mal auf meine Entführung reagiert? Sie sollten vielleicht mal nachdenken, ehe Sie den Mund aufmachen ..!"
ZACK, die nächste Kopfnuss und der nächste unfreiwillige Nicker meinerseits.
"... ich meine, das wäre nicht sonderlich logisch, oder?", formulierte ich meine Aussage von eben um - ich bin ja flexibel - und fügte etwas vorsichtiger hinzu, weil mir langsam, aber sicher die Rübe zu platzen begann: "Ich kann Ihnen die Bank nennen, wo er seine Konten hat. Das ist aber auch alles. - Hat jemand was gegen Kopfschmerzen dabei?"

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Mi 4. Jul 2007, 15:08 
Benutzeravatar
Irrlicht
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:29
Beiträge: 13
Ich war bereits um 5:00 Ortszeit am Flughafen von CoA gelandet und hatte mich von dort mit einem Shuttle-Gleiter zum Hotel Five Seasons bringen lassen. Wie ein Geschäftsmann hatte ich das erste Hotel am Platz daraufhin betreten, hatte mich dort am Rezeptionscomputer eintragen lassen und daraufhin meinen Code erhalten, mit dem ich wenig später meine geräumige Suite in einem der oberen Bereiche des zweihunderfünfzig Stockwerke umfassenden Gebäudes betrat – gerade zur rechten Zeit, um über der Skyline von CoA die Sonne aufgehen zu sehen.
Dieser Anblick interessierte mich jedoch nicht im geringsten. Ich durchschritt das riesige, in einen rotgoldenen Schein getauchte Wohnzimmer, ohne dem Androiden, der mir meine Tasche hinterher trug, auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken und begab mich auf direktem Weg zur Com-Station, die in einer so kostspieligen Wohneinheit wie der, die ich auf unabsehbare Zeit gemietet hatte, natürlich inbegriffen war. Gut sichtbar hatte man sie in einer Ecke des Wohnzimmers platziert, die nicht in unmittelbarer Nähe der Fensterfront lag – und diese Com-Station aktivierte ich jetzt, da der Androide leise surrend mein Appartement verließ und mit einem hörbaren Klacken die Tür hinter sich zuzog.
„Sir?“
Es dauerte einen kleinen Moment, aber dann zeigte mir die Com-Station grünes Licht an, und ich hörte die vertraute Stimme der Ordonanz.
“Sprechen Sie, Conners!“
„Ich habe Stellung im Five Seasons bezogen und werde mich nun auf meine Rolle als Flüchtling vorbereiten. Ich werde in ..“, ein kurzer Blick auf meinen sich am Handgelenk befindlichen Chronometer, „.. in dreißig Minuten diesen Ort verlassen und dann abtauchen.“
Mit anderen Worten, ab da würde ich für die Ordonanz nicht mehr erreichbar sein.
“WIR haben verstanden. Und wünschen Ihnen viel Glück bei Ihrem Auftrag. Vergessen Sie nicht, Conners, dass Ihnen nur noch sechsundvierzig Stunden und achtundzwanzig Minuten zur Verfügung stehen. Finden Sie die Zelle der Widerständler und sorgen Sie dafür, dass diese eliminiert wird. Sollte Ihnen dies nicht innerhalb der gesetzten Frist gelingen, werden WIR unseren neuen Abwehrmechanismus aktivieren.“
Ich nickte, obwohl mein Gesprächspartner das nicht sehen konnte – eine unnütze, humanoide Angewohnheit – und erwiderte sachlich: „Ich habe verstanden, Sir! Sie können sich auf mich verlassen. Conners Ende!“
Und damit aktivierte ich die Com-Einheit wieder, doch anstatt nun jede Minute, nein, jede Sekunde zu nutzen, die die Ordonanz mir für die Realisierung meines Planes zur Verfügung gestellt hatte, verharrte ich noch einen Moment .. und nun blickte ich doch zur aufgehenden Sonne hinaus, deren Strahlen gerade in diesem Augenblick an den Dächern der niedriger gelegenen Gebäude vorbei schossen, durch meine Iris hindurch in mein Gehirn blitzten und ungewollt ihr Gesicht vor meinem inneren Auge heraufbeschworen. - Ob sie überhaupt noch lebte?

Exakt dreißig Minuten später verließ ich das Five Seasons durch eine Hintertür, und das Erscheinungsbild, das ich mir nun zugelegt hatte, erinnerte in keiner Weise mehr an den smarten, elegant gekleideten Leiter des NBTD, der noch vor etwas mehr als einer halben Stunde in diesem noblen Hotel eingecheckt hatte.
Meine Kleidung zerrissen und stinkend, meine Haut schmutzstarrend und die Fingernägel abgebrochen und rissig, das dunkelbraune Haar dazu fettig in meine Stirn hängend machte ich den Eindruck eines verlotterten Kerls, der schon seit Äonen kein Stück Seife mehr gesehen hatte. Und um mein neues Ich noch glaubwürdiger zu gestalten, hatte ich mir noch im Badezimmer meiner Suite eine Dosis Artiflonak in die Venen gejagt, das auf der Stelle mit einem rigorosen Fettabbau begann. Nicht, dass ich auch nur ein Gramm zuviel an meinem gepflegten, durchtrainierten Körper gehabt hätte. Doch auch bei mir fand dieses Mittel seinen Angriffspunkt, verringerte Muskelmasse, ließ meine Haut schlottern und verwandelte mich so mit jeder weiteren Minute, die es in meinem Körper arbeitete, in einen ausgehungert aussehenden, bemitleidenswerten Flüchtling. Genau das Bild, das ich abgeben musste, wenn ich auch nur den Hauch einer Chance haben wollte, innerhalb der nächsten sechsundvierzig Stunden mit einer Zelle des Widerstandes in Kontakt zu kommen.
Ob es weh tat?
Natürlich tat es weh. Mein Körper bäumte sich auf unter der groben Misshandlung der Droge, und irgendwo tief in ihm schrie auch eine Seele auf, in tiefer Pein. Doch ich störte mich an all dem nicht. Ich empfand weder den körperlichen noch den seelischen Schmerz in dem Maße, in dem Menschen ihn normalerweise empfanden. Ich überging ihn einfach und eilte im Laufschritt die Straße entlang, um wenig später in den Schatten der Nacht zu verschwinden. Ich hatte einen Auftrag zu erledigen, und es blieb mir nicht mehr viel Zeit. Ich konnte nicht länger Rücksicht auf diesen Körper nehmen, wenn ich noch beweisen wollte, dass auf mich nach wie vor Verlass war.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Mi 4. Jul 2007, 20:49 
Benutzeravatar
Cracksüchtiger Maulwurf
Cracksüchtiger Maulwurf
Offline

Registriert: So 1. Jul 2007, 14:55
Beiträge: 186
Wohnort: Kamaria II
Ich hatte ja keine Ahnung gehabt, wie schnell einem der Appetit vergehen konnte!
Freezes und Razors kleine Diskussion über die Herkunft und Qualität des Fleisches hatten in meinem Kopf Bilder auf den Plan gerufen, die trotz Horrorentzug leider immer noch allzu lebendig in mir waren, so dass ich mich nicht mehr in der Lage sah, auch nur einen Bissen von den Goulaschnudeln zu mir zu nehmen.
Trocken schluckend griff ich nach dem Teller, stand auf und trug ihn in den Küchenbereich zurück. Wer immer noch Hunger hatte, konnte sich ihn ja wiederholen - ich für meinen Teil war für heute bedient.

Als ich zurückkehrte, schweifte mein Blick zu dem armen Kerl, dessen Vater ihn so gemein verraten und verkauft hatte, und ich sah, wie er blass geworden war unter seiner blaugrün funkelnden Nase. Kein Wunder, er sah sich schließlich das Gleiche an, was ich auch bereits gesehen hatte - auf dem Screen und live und in Farbe. Wieder empfand ich Mitleid mit ihm, auch wenn ich es nicht zeigte. Ich bedachte die anderen mit keinem Blick und setzt mich wieder vor den Rechner, fuhr aber auch jetzt nicht mit meiner Arbeit fort. Es fehlte noch ein kleiner, aber wichtiger Teil des Algorithmus, und ohne den würde die ganze Sache nicht laufen. Ich behielt es mir offen, das Programm zu komplettieren, bis ich wusste, was mit dem Söhnchen geschehen würde. Bis dahin war das einzige, was ich tat, auf dem Stuhl herumzulümmeln und Kaffee zu trinken. Dabei gingen mir noch ein paar andere Dinge durch den Kopf, die ich anzusprechen gedachte, sobald die Smoking-Angelegenheit geklärt wäre. Sie waren mir wichtig, und sie waren für meine Kooperation erforderlich. Aber alles der Reihe nach, erst einmal wollte ich sehen, wie das hier weiter ging.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Mi 4. Jul 2007, 20:58 
Benutzeravatar
Ehemals Sohn, jetzt sauer
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:04
Beiträge: 31
Scheiße!!
Was war DAS denn für ein abgefahrenes Programm??
Ich hatte ja in meinem jungen Leben schon einige Horrorfilme gesehen, aber DAS hier toppte sie alle. Locker!

Ich holte scharf Luft, während mein Blick fassungslos am Bildschirm klebte, aber irgendwann ging es einfach nicht mehr, und ich musste die Augen schließen.
"Oh Mann, tu bloß den Scheiß weg!", würgte ich, ließ mich nach hinten gegen die Stuhllehne sinken und behielt die Augen zu. Das blanke Grauen hatte ich gesehen, und das hatte mich fertig gemacht. Um so mehr, als dass ich ahnte, dass das, was da gerade über den Screen geflimmert war, alles andere als ein bloßer Spielfilm gewesen war. Die Frage, die der Computertyp mir dabei gestellt hatte, war vollkommen an mir vorbei gegangen.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Mi 4. Jul 2007, 21:15 
Benutzeravatar
Ehemals Sohn, jetzt sauer
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:04
Beiträge: 31
Ich hatte meinen Mageninhalt am Zäpfchen hängen, obwohl man ja eigentlich meinen sollte, dass man ein Abendessen innerhalb einer Nacht verdaut haben müsste. Aber offenbar war dem nicht so.
Dankbar nahm ich den Kaffee entgegen und trank einen großen Schluck. Dann sah ich das Mädel vor mir mit düsterem Blick an.
"Was wollt ihr von mir? Außer der Kohle meines Dads?"
Ich war, obwohl ich oft einen anderen ersten Eindruck hinterließ, eigentlich nicht unbedingt ein sprunghafter Typ. In diesem Moment aber war ich zu allem bereit, echt - und das nicht, weil ich meine eigene Haut retten wollte, sondern weil ich was tun wollte, das den armen Säcken irgendwo dort draußen in dieser Horrorfabrik die Haut rettete.
'Großer Gott, und Dad hängt da mit drin!'

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Mi 4. Jul 2007, 21:42 
Benutzeravatar
Ehemals Sohn, jetzt sauer
Offline

Registriert: Sa 8. Okt 2005, 09:04
Beiträge: 31
Komische Sache .. ich hab ja gesagt, ich bin nicht der sprunghafte Typ. Aber in dem Moment, wo der Computerkerl zu sprechen aufgehört hatte, wusste ich genau, was ich wollte - diesen armen Schweinen da helfen, die in dieser Scheißfabrik zu Hundefutter verarbeitet wurden. Und wenn das bedeutete, dass ich dafür den Typen hier helfen musste, dann würde ich das tun.
'Vielleicht das erste Mal in deinem Leben, dass du überhaupt was Sinnvolles tust, Mann!'
Ich atmete tief durch und sah alle der Reihe nach an - Mister Computer, die hübsche Süße, meinen Freund mit den großen Schaufeln statt Händen .. und erst jetzt bemerkte ich auch die kleine Cracksüchtige, die ich gestern mit meinem bulligen Freund hatte zusammenhocken sehen. Ich hatte sie bisher überhaupt nicht wahrgenommen, was aber vielleicht auch verständlich war, denn ich war ja hier in einer Tour überfahren worden. Ich musterte die Maus genauso, wie ich die anderen gemustert hatte, aber anders als die anderen, die allesamt mich ansahen, sah die kleine Crackmaus zu Mister Computer, und zwar ziemlich nachdenklich, so als wäre die Ansage nicht nur für mich neu gewesen, sondern auch für sie.
Ich sah auch wieder zu dem Kerl, ziemlich ernst für meine Verhältnisse. Und dann nickte ich.
"Ich bin dabei, Mann. Verdammt, solche Typen gehören atomisiert!!"
Meine Kiefer mahlten, weil die Fassungslosigkeit, die das Video in mir ausgelöst hatte, sich langsam, aber sicher in Wut verwandelte. "Los, ich will was hören über die Arschgesichter! Wer sind die und wo kriegen wir die? Wie kann man denen am besten die Lampe auspusten? Und wo ist diese Scheißfabrik, Mann? Die armen Schweine muss man doch da rausholen, verdammt!"

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Mi 4. Jul 2007, 23:21 
Benutzeravatar
Cracksüchtiger Maulwurf
Cracksüchtiger Maulwurf
Offline

Registriert: So 1. Jul 2007, 14:55
Beiträge: 186
Wohnort: Kamaria II
Ich war der ganzen Sache kommentarlos gefolgt und hatte dabei an meinem Kaffee getrunken. Unbeachtet von den anderen, aber das war ich gewohnt. Von dem Moment an, wo ich mich in ein kleines, dünnes, drogenabhängiges Etwas verwandelt hatte, hatte ich im Widerstand immer nur unter 'Ferner liefen' existiert - ein Eindruck, den ich mit zurückhaltendem Verhalten und Schweigen natürlich noch vertieft hatte, denn das war der Trick eines UCA, nicht aufzufallen und doch alles mitzubekommen.

Auch hier und jetzt war das der Fall. Man schenkte mir keine Beachtung, und das gab mir die Gelegenheit, alles, was besprochen wurde, in mich aufzunehmen, mir darüber meine Gedanken zu machen und zudem die Anwesenden genau zu mustern, um sie besser einschätzen zu können. Günstigerweise brachte dieser Josh die Frage auf den Tisch, die ich mir selbst bereits zurecht gelegt hatte. Auch ich wollte natürlich wissen, wer genau denn nun verantwortlich war für die Gräueltaten, derer ich gestern Zeuge geworden war. Ob es wirklich Aliens waren, wie Razor am Vortag erwähnt hatte und wenn ja, ob man die Spezies kannte, ob die Föderation über die Zustände hier informiert war, wer noch alles auf unserer Seite kämpfte. Vor allen Dingen natürlich - aber ich wusste, diese Frage konnte mir hier niemand beantworten - wollte ich wissen, wer beim NBTD von diesen Zuständen wusste oder ob sie dort alle so verladen worden waren wie ich. Ob Craig davon wusste ..
Diese Dinge brannten mir auf der Seele, und ich wollte sie so schnell wie möglich geklärt wissen. Doch als Razor sich anschickte, Joshs Frage zu beantworten, vergaß ich sie - mit jedem Wort mehr, das meinem Hackerkollegen über die Lippen kam.

Hatte ich je einen Mann so leidenschaftlich sprechen hören? Hatte ich je so viel ehrlich empfundene Überzeugung gespürt, die fast greifbar auf alle hier in diesem Raum übersprang und jeden elektrisierte? Mich genauso wie die anderen .. - Wie gebannt haftete mein Blick auf seinem attraktiven Profil, glitt aber sehr schnell in die Höhe und blieb an seinen funkelnden Augen hängen. Noch keinen einzigen Moment, seit ich ihm gestern das erste Mal begegnet war, hatte ich sie so leuchten sehen. Es war, als wären sie bis zu diesem Moment tot gewesen und begännen erst jetzt zu leben. Wie intensiv er Josh damit ansah, wie eindringlich er dazu sprach! Sogar seine Stimme war anders als sonst. Ein raues Timbre schwang in ihr mit, das einen aufhorchen ließ - er musste nicht lauter sprechen, um die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu gewinnen. Er musste nur SO sprechen - nicht überzeugend, sondern überzeugt - und man empfand den Wunsch, sofort seine Sachen zusammenzusuchen, um so schnell wie möglich aufbrechen und seine Worte in die Tat umsetzen zu können.
Ein unglaublich charismatischer Mann, dessen Wirkung auch ich mich nicht entziehen konnte. Weshalb ich auch nicht aufhörte, ihn anzustarren, selbst als er mit seiner Rede längst fertig war und sich wieder dem Rechner zuwandte. Unbewusst fuhr ich mir dabei mit meinen Händen über meine nackten Unterarme - meine Härchen hatten sich in einer Gänsehaut aufgestellt, als säße ich neben einem Stromgenerator, der sich plötzlich aktiviert und mich unvermutet mit seiner Energie geflutet hätte. Mein Starren brachte mir schließlich seine Aufmerksamkeit ein, und die war mir auf einmal peinlich. Erwischt sah ich wieder auf den Computerbildschirm, auf dem der Cursor immer noch an derselben Stelle blinkte, an dem ich ihn einige Zeit zuvor geparkt hatte und fuhr mit meiner Eingabe fort. Allerdings bei weitem nicht so flott wie zuvor, denn ich hatte plötzlich Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Und so dauerte es noch eine kleine Weile, bis ich schließlich zum letzten Mal die Entertaste drückte. Doch zu dem Zeitpunkt hatte ich mich wieder im Griff. Ich atmete erleichtert durch - denn auch wenn ich den ganzen Krempel in meinem Gedächtis gehabt hatte, es hatte mich doch einiges an Anstrengung gekostet, ihn auch richtig abzurufen - und erklärte dem immer noch neben mir sitzenden Razor dann betont sachlich: "Okay, das war's. Ich hoffe jetzt nur, dass mir kein Fehler unterlaufen ist."
Ich war kein Computer, ich war ein Mensch, und ich war eben nicht nur ordentlich abgelenkt worden, sondern hatte auch in den letzten Wochen - und ganz speziell gestern - eine Menge Scheiß durchgemacht. Es hätte mich darum nicht gewundert, wenn ich Mist gebaut hätte. Aber das würden wir ja gleich sehen.
"Und jetzt möchte ich noch eines klarstellen", hielt ich die Zeit für gekommen, besagte Dinge anzusprechen, die mir wichtig waren. Und dabei sah ich Razor unnachgiebig in die Augen. "Ich habe gesagt, ich bin auf eurer Seite, und ich hoffe, dass ich das jetzt hiermit bewiesen habe. Aber ..", ich machte eine kleine Kunstpause und ignorierte dabei den Umstand, dass keiner mehr ein Wort sagte und sie alle offenbar ihre Lauscher aufgesperrt hatten, ".. ich will eine Kanone. Mindestens eine. Und ich will genauso wie Josh wissen, wer diese Aliens sein sollen ..", die Frage hatte nämlich noch keiner der verehrten Anwesenden beantwortet, ".. woher sie kommen, wie sie es schaffen, die Menschen so zu manipulieren und wie man sie killen kann. Außerdem will ich wissen, ob wir Verbündete haben oder ob wir allein kämpfen. Wie viele es von uns gibt, ob genug Waffen vorhanden sind, ob die Menschen auch in der Lage sind, diese zu benutzen oder ob sie sich damit nur Löcher in die eigenen Füße brennen."
Alles Fragen, deren Antworten für einen UCA wahnsinnig wichtig und in den falschen Händen wahnsinnig fatal wären, das war mir klar. Aber entweder sie vertrauten mir und schenkten mir reinen Wein ein oder ich würde dem ganzen Haufen den Rücken kehren und mein eigenes Ding drehen. Und beim NBTD würde ich ansetzen.
"Ach .. und was hat es eigentlich mit dem Gerücht über diesen ominösen Führer auf sich? Ist da was dran?"
Schweigen ...

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Do 5. Jul 2007, 11:28 
Benutzeravatar
Cracksüchtiger Maulwurf
Cracksüchtiger Maulwurf
Offline

Registriert: So 1. Jul 2007, 14:55
Beiträge: 186
Wohnort: Kamaria II
Man bequemte sich nicht sogleich, mir zu antworten. Razor klimperte weiter an seinem Computer herum, und Dawn und Freeze zogen es vor, ihm schweigend dabei zuzusehen oder alternativ Löcher in die Luft zu starren, und ich begann mich zu fragen, was das sollte. Meine Geduld wurde auf die Probe gestellt, gleichzeitig erkannte ich am Verhalten meiner alten, neuen ‚Freunde’, dass ich eines bislang wohl nicht begriffen hatte – Razor war unser Gruppenleiter und nicht Dawn. Darum wartete jetzt alles, was er sagen und inwieweit er mich einweihen würde.
Wie beim Büro .. bloß nicht die Grenzen deiner Legitimation überschreiten, wenn du keins aufs Maul haben willst!
Razor ließ sich dann irgendwann auch mal dazu herab, endlich mit der Aufklärung zu beginnen, und eingangs hörte ich ihm auch noch sehr aufmerksam zu. Als er aber seine Vermutung aussprach – nein, eigentlich war es eine Gewissheit – dass Craig wohl Kontakt zu den Aliens haben müsste, zog er mir mit einem Ruck den Boden unter den Füßen weg!
Ich starrte ihn an und hatte Mühe, meine Fassungslosigkeit zu verbergen.
Craig sollte von all dem wissen? Von dieser Alienmacht, die unseren gesamten Planeten besetzt und alle wichtige Positionen infiltriert hatte? Von dem, was diese Ungeheuer den Menschen antaten? Von den Fleischfabriken, dem Leiden und Sterben dort?
Mir wurde schwindelig.
Razor redete weiter, und ich war dankbar für den Screen vor ihm, auf den ich meinen Blick richten konnte – aus irgendeinem Grund wollte ich nicht, dass die Widerständler erfuhren, wie ich zu Craig stand, aber vielleicht hätte Razor es ja in meinen Augen gelesen, wenn ich ihn weiterhin angesehen hätte. Zwar kam es mir zugute, dass eine Bestürzung meinerseits nicht unbedingt auffiel, ja wohl sogar erwartet wurde bei all den Ungeheuerlichkeiten, die ich gerade erfuhr, doch wollte ich die Sensibilität und Menschenkenntnis unseres Gruppenführers nicht unbedingt austesten. Es reichte schon vollkommen, dass ich mich mit der Angst auseinandersetzen musste, mein Verlobter könnte ein Kollaborateur oder sogar einer von den Besessenen sein. Das waren wahrlich Probleme genug, ich brauchte nicht noch neue.

Als Razor schließlich seinen kleinen Vortrag beendet hatte, welcher nicht mehr ganz so leidenschaftlich ausgefallen war wie der vorherige, der aber wegen meiner Angst um Craig auch selbst dann wohl bei mir nicht mehr den gleichen Anklang gefunden hätte, war nun ich es, die die anderen auf meine Antwort warten ließ und währenddessen, unverwandt auf das verwaschene Bild des Aliens starrend, meine Tasse in der Hand drehte. Schließlich, als ich mir dessen bewusst wurde, blickte ich Razor wieder an, und ich wusste, in meinen Augen war nichts mehr von dem Seelenschmerz und der Angst um meinen Geliebten zu lesen, die mich gleichwohl noch gefangen hielten.
„Ich will JETZT eine Waffe haben und nicht erst, wenn wir in das neue Versteck umgezogen sind! Plus ausreichend Energiezellen! Außerdem ein Messer für den Fall, dass die Waffe versagt. Und ich will wissen, wohin wir umziehen werden. Und was meine Aufgabe sein wird.“
Mein pragmatisches Denkvermögen gab mir gerade die Hilfestellung, die ich benötigte, um mich für den Moment auf andere Dinge zu konzentrieren und mich nicht wegen Craig verrückt zu machen. Ich musste jetzt Action haben, musste was tun, irgendwas bewirken, damit die Zweifel und Ängste nicht übermächtig wurden. Und dennoch, so energisch ich auch versuchte, mich in meine neue Arbeit zu stürzen, die Gedanken an Craig ließen mich nicht in Ruhe und brodelten gefährlich unter der Oberfläche meiner Selbstbeherrschung – um so mehr, als dass mir plötzlich wieder mein letztes Gespräch mit ihm in den Sinn kam und sein seltsames, verletzendes Verhalten, das durchaus einen Sinn ergab, sollte er jetzt wirklich einer von ihnen sein.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Do 5. Jul 2007, 12:07 
Benutzeravatar
Cracksüchtiger Maulwurf
Cracksüchtiger Maulwurf
Offline

Registriert: So 1. Jul 2007, 14:55
Beiträge: 186
Wohnort: Kamaria II
Razor kündigte an, dass er mit in die Kanalisation gehen wollte, was ich eigentlich gar nicht bemerkenswert fand - wenn er der Anführer der Gruppe war, war das nur normal. Dawn jedoch war auf einmal der Ansicht, dass sie schon ein paar Bemerkungen dazu ablassen sollte, denn offenbar gefiel es ihr überhaupt nicht, was Razor vorhatte. Das und die Art, wie sie widersprach, ließen mich die Stirn runzeln und zwischen ihr und dem Hacker hin- und herblicken.
Hatte ich da was verpasst??
Was stellte Dawn sich denn auf einmal so an? Fast hätte man meinen können, sie hätte Angst um Razor. Aber warum? Stand er ihr nahe? War er ihr Bruder? Ihr Lover? Oder war es einfach, weil er ihr Anführer war und sie ihn aus Schwierigkeiten heraushalten wollte? Aber was sollte das für ein Anführer sein, der es sich in seiner Wohnung hübsch gemütlich machte, während seine Gruppe für ihn den Arsch riskierte?

Ich versuchte immer noch, mir einen Reim darauf zu machen, als Razor mit zwei Phasern aus dem Schlafzimmer kam und mir einen davon reichte. Ich nahm ihn an, überprüfte die darin befindliche Energiezelle mit einem kurzen Blick, dann sah ich auf zu ihm .. und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich etwas vergessen hatte. Oder besser gesagt, versäumt. Etwas, das längst überfällig war!
"Hey, Razor ..", sprach ich ein wenig leiser, so dass die anderen es nicht mitbekamen, und dabei schob ich die Waffe in meinem Rücken unter den Hosenbund, " .. danke für letzte Nacht. Du hast mir geholfen, von dem Scheiß runterzukommen, und das rechne ich dir hoch an. Ich .."
Ich hielt einen Moment inne, währenddessen wir uns gegenseitig ansahen. Schließlich zuckte ich mit den Schulter und wiederholte noch einmal mit einem kleinen, schiefen Lächeln: "Danke."

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Do 5. Jul 2007, 13:13 
Benutzeravatar
Cracksüchtiger Maulwurf
Cracksüchtiger Maulwurf
Offline

Registriert: So 1. Jul 2007, 14:55
Beiträge: 186
Wohnort: Kamaria II
Es hatte wirklich noch etwas gedauert, bis wir wieder zur Kanalisation aufbrachen, da Razor noch diverse Dinge am Computer zu erledigen hatte. Für mich gab es in dieser Zeit nichts mehr zu tun, was mich kribbelig machte, denn natürlich hatten meine Ängste um Craig nur auf so einen Moment der Tatenlosigkeit gewartet, um massiv zurückzukehren und mich verrückt zu machen. Stumm verbrachte ich diese Zeit an einem der großen, schmutzigen Fenster und starrte in den Regen hinaus, der das alte Fabrikgebäude, in dem wir uns befanden, in dichten Schleiern einhüllte - ein Wetter, das hervorragend zu meiner Stimmung passte.

Es regnete immer noch, als wir uns schließlich wieder auf den Rückweg in den Untergrund machten. Man hatte Josh und mir erneut die Augen verbunden, was mich nicht wenig wunderte, denn wir gehörten doch nun dazu und hatten das doch eigentlich auch bereits bewiesen. Aber offenbar traute man uns doch noch nicht restlos. Ebenso offenbar war Razors Unterkunft ein großes Geheimnis - das Versteck des Widerstandes in der Kanalisation war ja zumindest mir bekannt, so dass es sich nur um Razors Wohnung handeln konnte, die vor Josh und mir geheim gehalten werden sollte. Doch als ich mir ins Gedächtnis zurück rief, dass er der meistgesuchte Hacker unserer Zeit war, relativierte sich meine Verwunderung gleich wieder, und ich konnte ihn verstehen. Ich hätte mich an seiner Stelle ganz sicher nicht anders verhalten.

Es dauerte lange, aber irgendwann hallte es vertraut um uns herum, und man nahm man uns die Augenbinden wieder ab. Im Licht zweier Leuchtstäbe konnte ich sehen, dass meine bereits länger gehegte Vermutung bezüglich meines 'Blindenhundes' zutreffend gewesen war, denn es war Razors Gesicht, in das ich blickte. Er war es gewesen, der mich die ganze Zeit über geführt hatte. Um Josh hatte sich, wie ein kurzer Schulterblick mir bestätigte, Freeze gekümmert.
Ich strich mir meinen feuchten Pony aus den Augen und sah wieder zu unserem Anführer. Der hakte sich gerade seinen Leuchtstab in seinem Gürtel ein, dann drehte er uns kommetarlos den Rücken zu und ging los. Ich folgte ihm automatisch, unter den kleinen Wassertröpfchen erschauernd, die sich immer wieder aus meinem nassen Haar lösten und mir den Nacken entlang liefen, um unter dem Kragen meiner Jacke zu verschwinden. Ich hatte sie doch mitgenommen und nicht in Razors Bad zurückgelassen. In Anbetracht des Wetters hatte ich das für besser gehalten, außerdem wäre es eine Verschwendung gewesen, ein wärmendes Kleidungsstück zurückzulassen. Und abgesehen davon stand zu befürchten, dass ich in zwei Tagen sowieso nicht mehr viel anderes riechen würde wie die Jacke jetzt und es spätestens dann egal wäre, wie sehr mich der Odeur, der ihr anhaftete, in der Nase zwickte.

Wir marschierten noch eine gefühlte Viertelstunde durch die mir inzwischen wieder vertraut gewordenen Abwasserkanäle, bis wir das Versteck der Gruppe schließlich erreichten. Erst, als ich mich wieder unter die Leute mischte, erinnerte ich mich daran, wie ich die Widerständler verlassen hatte und erwartete feindselige oder doch zumindest misstraurische Blicke. Aber nichts dergleichen. Man nahm mich so, wie ich kam und schien weder einen Verräter in mir zu sehen noch sich darüber zu wundern, dass ich wieder frei herumlief, wo ich doch am Vortag noch gefesselt von hier fortgeschafft worden war. Das zeigte mir einmal mehr, wie tief getroffen und fertig diese Leute hier waren, wie egal ihnen vieles geworden war und wie dringend sie der Hilfe bedurften.

Razor hielt Wort, was Joshs und meine Versorgung mit dem Notwendigsten betraf. Ich hatte mich noch nicht ganz aus meiner tropfnassen Jacke gepellt, als Freeze auf einmal eben mir auftauchte und mir einen weiteren Phaser, einige Energiezellen und einen in einer Scheide steckenden scharfzackigen Dolch hinhielt. Ich nahm die Sachen mit einem knappen Nicken entgegen, dabei sah ich dem großen Kerl forschend ins Gesicht, um zu ergründen, wie wir beide nun zueinander standen. Eine ganze Zeitlang war er mir näher gewesen als sonst jemand aus dieser Gruppe, dann hatte er mir das Gesicht demoliert - und hätte zweifellos noch einiges andere in Mitleidenschaft gezogen, hätte Razor ihn nicht ausgebremst. Seine Wut über meinen Verrat war eine tiefe gewesen, die Hand in Hand mit der Enttäuschung über einen anderen Verrat einherging, das wusste ich. Hatte ich mich nur in sein Vertrauen geschlichen, um besser und schneller an Informationen zu bekommen? Hatte ich überhaupt irgendetwas von dem, was ich je zu ihm gesagt hatte, ehrlich gemeint? Hatte ich ihm Freundschaft vorgespielt, um ihn um den Finger zu wickeln und es mir hier unten leicht zu machen? All das musste er sich nach meiner Enttarnung gefragt haben, und auf alles hatte es für ihn wahrscheinlich nur eine Antwort gegeben.
Doch so war es nicht gewesen. Ich hatte nichts geplant, als ich hier vor drei Monaten aufgeschlagen war. Ich war schon immer ein Improvisationstalent gewesen und spontan sehr viel besser als unter dem Zwang eines im Voraus festgelegten Vorgehens. Es hatte sich einfach entwickelt, unser Verhältnis, aber natürlich war ich seinerzeit froh darum gewesen. Und nicht nur, weil ich dadurch hier einige Annehmlichkeiten gehabt hatte, die anderen versagt gewesen waren.
Was auch immer meine jetzige Kooperation in ihm bewirkt haben mochte, Freeze zeigte es mir gegenüber nicht. Nachdem wir einander einen Moment lang dunkel in die Augen geblickt hatten, hatte er sich wieder abgewandt und sich um andere Dinge gekümmert. Und ich hatte mit wenig begeisterter Miene meine Sachen in den Tasche meiner Jacke verstaut und mir dann endlich etwas zu essen organisiert, denn mittlerweile hing mir der Magen bis an den Knien, so dass ich Gefahr lief, darüber zu stolpern.

Zehn Minuten später war die dünne Suppe - mehr gab es gerade nicht - aufgegessen und mein Blechnapf mit einem Stück hartem Weißbrot fein säuberlich ausgewischt. Während des Essens hatte ich meinen Blick über die Widerständler schweifen lassen, wobei der Begriff 'Flüchtlinge' es wohl sehr viel eher traf, denn kaum einer der Anwesenden sah nach Rebellion und Kampfgeist aus, dafür fast alle nach Hunger, Müdigkeit und Resignation. Mir waren vor allen Dingen die Kinder aufgefallen, von denen jedes einzelne auf einmal das Gesicht des Mädchens zu haben schien, dessen grausemem Tod ich gestern hatte beiwohnen müssen, und auf einmal hatte ich einen extremen Handlungsbedarf verspürt, den ich jetzt, wo ich mir den letzten Bissen Brot in den Mund schob, in die Tat umsetzte. Ich wischte mir die Hände an meiner - Razors - Hose ab und stand von der Kiste auf, auf der ich mein Mittagessen eingenommen hatte, dann ging ich zu einer kleinen Gruppe von Mädchen im verschiedensten Alter und sprach sie an.
"Hey! Ich bin Sam. - Habt ihr vielleicht Lust, ein wenig mit mir zu trainieren?"
"Trainieren?", fragte eines der älteren Mädchen und sah mich skeptisch an. Ich konnte es ihr nicht verdenken, ich war mit meinen sechsundzwanzig Jahren nicht viel größer als sie selbst mit ihren zwölf oder vierzehn, zudem sah ich nicht gerade aus wie eine Sportskanone mit meinen dünn gewordenen Armen und Beinen. Schmunzelnd wiederholte ich noch einmal: "Ja, trainieren. Ich bin ein Cop .. war einer. Und könnte euch ein, zwei coole Sachen beibringen. Für den Fall, dass euch mal einer blöd kommt."
Womit ich nicht nur die Welt dort draußen meinte, die die Widerständler erbarmungslos jagte und vernichtete. Auch hier unten in der Kanalisation war es für junge Mädchen und Kinder gefährlich, denn natürlich wurde nicht jeder Flüchtling auf seine Gesinnung überprüft, und so konnte es sehr gut sein, dass der eine oder andere Kerl hier unten ein notgeiler Bock oder ein Pädophiler war. Die Kinder waren das schwächste Glied der ganzen Gruppe und mussten sich mit noch weitaus mehr Gefahren herumschlagen als die Erwachsenen. Ich empfand den starken Drang, sie zu beschützen. Und das konnte ich am besten, indem ich ihnen zeigte, wie sie sich selbst schützen konnten. Ich wollte nie, nie wieder ein Kind so hilflos seinem Verderben ausgeliefert sehen wie das kleine Mädchen es gestern gewesen war.
"Coole Sachen?", piepste ein anderes Mädchen, das allerhöchstens fünf, sechs Jahre sein konnte. Aus einem schmutzstarrenden Gesicht sah es mich mit großen, blauen Augen fragend an.
"Coole Sachen ..", bestätigte ich lächelnd und ging vor der Kleinen in die Hocke, um mit ihr auf gleicher Höhe zu sein. "Sag mal, hast du schon mal jemandem zwischen die Beine getreten?"

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
Verfasst: Do 5. Jul 2007, 17:17 
Benutzeravatar
Cracksüchtiger Maulwurf
Cracksüchtiger Maulwurf
Offline

Registriert: So 1. Jul 2007, 14:55
Beiträge: 186
Wohnort: Kamaria II
Ich hatte für meine Umgebung von dem Moment an keinen Blick mehr gehabt, in dem ich begonnen hatte, mich mit den Kindern zu beschäftigen. Diese dünnen, kleinen, schmutzigen Dinger, die mir am Anfang so gar nicht hatten vertrauen wollen - was auch ganz richtig so war - die aber auftauten, als sie merkten, dass ich nicht bloß irgendeine Erwachsene war, die ihnen Dinge verbieten wollte oder ihnen Befehle gab.
"Was tut ihr, wenn euch ein großer, gemeiner Kerl antatscht, hm?", war meine erste Frage gewesen, die ich den kleinen Dingern gestellt hatte.
"Ich trete ihn in die Eier?", war es daraufhin prompt von einem der Kinder gekommen - in Anbetracht meiner vorherigen Bemerkung, mit der ich mich bei den Kindern vorgestellt hatte, eine völlig verständliche.
"Falsch!", hatte ich mit eindringlichem Blick geantwortet. "Ihr lauft weg! Klar? Und brüllt, so laut ihr könnt! - Könnt ihr laut brüllen?"
"JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!", hatte die vielstimmige Antwort gelautet, und ich hatte übertrieben erschrocken die Augen aufgerissen, sie dann ganz schnell zugekniffen und mir die Ohren zugehalten - die Kleinen hatten meine theatralische Reaktion mit Gelächter quittiert, und das Eis war gebrochen gewesen.

Ich hatte ihnen daraufhin ein paar wirklich wichtige Tipps gegeben. Wo ein Mensch am empfindlichsten war, dass Schnelligkeit und Entschlossenheit das Wichtigste war - egal, ob beim Weglaufen oder beim Zuschlagen - und dann hatte ich ihnen auch ein paar einfache Tricks gezeigt. Darüber wurde ich unterbrochen, denn plötzlich hatte eines der Kinder Razor entdeckt, der uns, wie ich erst jetzt bemerkte, abseits stehend beobachtete. Und von da an war die Aufmerksamkeit der Kinder zum Teufel.
Ich war deshalb nicht sauer. Warum auch, wir konnten jederzeit fortfahren, denn wenn wir hier unten eines hatten, dann Zeit. Ich schob meine Hände in die Hosentasche und sah dem Mädchen zu, wie es mit Razor sprach. Dann beobachtete ich, wie er der Kleinen Schokoladenriegel gab und sie ihm dafür einen Kuss, und für einen winzigen, wehmütigen Moment erinnerte mich diese Szene an Freeze und mich selbst. Mein Blick schweifte zu dem großen Kerl, doch der war gerade in einiger Entfernung damit beschäftigt, irgendwelche Sachen in eine verschlissene Tasche zu werfen und beachtete mich nicht. Ich sah wieder zu Razor, der immer noch in der Nähe stand und die fröhlichen Kinder versonnen beobachtete, dann schlenderte ich auf ihn zu.
"Du sicherst dir die Aufmerksamkeit der Frauen aber früh", scherzte ich mit einem kaum merklichen Lächeln und sah auch zu den Kleinen hinüber, die gerade enthusiastisch die Schokolade auszupacken begannen. Wie schnell Kinder doch vergessen konnten.

_________________
Bild


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 318 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 ... 27  Nächste

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Gehe zu:  


Monstersmilies


cron
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de