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 Betreff des Beitrags: Wild At Heart
Verfasst: Di 3. Apr 2007, 00:16 
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Stacheliger Kaktus
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Wohnort: Eine kleine Farm in Mexiko, südlich der texanischen Grenze
Die Sonne brannte heiß auf die gelbe, trockene Erde herab und brachte die Luft zum Flimmern. Kein braunes Grashälmchen regte sich, und das war vermutlich auch gut so, denn jeglicher Wind würde Backofentemperatur haben, und darauf war ich wirklich nicht scharf.
Müde trottete Guapa vor sich hin und ließ den Kopf hängen. Ich machte auch keinen sehr viel lebendigeren Eindruck, nach ganzen acht Stunden, die mir der Feuerball am Himmel nun schon auf den Kopf brannte. Der Schweiß rann mir in Strömen durch’s Gesicht, den Hals und den Rücken hinab und gab mir das Gefühl, dass mein rotes, wollenes Hemd zu einer zweiten, nassen Haut geworden war.
Widerwärtig!
Genauso widerwärtig wie der Grund, der mich in diese gottverlassene Gegend gebracht hatte – der mich genauer gesagt schon seit drei Monaten kreuz und quer durch Mexiko und den Süden der Vereinigten Staaten reiten ließ, mit einer Wut im Bauch, die nicht weichen wollte und sogar noch größer wurde, je länger der Erfolg meiner Suche ausblieb.
Wen ich suchte?
Wem reitet eine Frau in den Mittzwanzigern mit einem Loch in ihrem Geldbeutel schon hinterher ..? Der großen Liebe ihres Lebens? Das traf auf Rico Fernandez ganz sicher nicht zu.

Wie hatte ich bloß so dumm sein können?
Seit meine Eltern vor sieben Jahren bei einem Brand ums Leben gekommen waren, hatte ich die kleine Schaffarm, die sie mir hinterlassen hatten, alleine geführt. Sieben Jahre, die entbehrungsreich und hart gewesen waren als alleinstehende Frau in der Welt der Männer. Oft genug hatte ich die Zähne zusammen beißen müssen, hatte mich von alten Karotten aus meinem staubigen Garten ernähren müssen, weil ich jeden Peso in meine Schafe gesteckt hatte, die ich nach der Kündigung der Arbeiter alleine hatte versorgen müssen. Alle Tiere zu halten, war mir nicht mehr möglich gewesen. Ich hatte über die Hälfte der Schafe verkaufen müssen, weil kein Mann für eine Frau hatte arbeiten wollen und ich selbst mich nur um eine begrenzte Anzahl hatte kümmern können. Der Verkauf selbst war schon eine Herausforderung gewesen und mir nur mit der Fälschung der Unterschrift meines Vaters gelungen. Um nicht aufzufliegen, war ich dafür weit gereist – allein, mit über zweihundert Schafen und nur mit zwei Hunden als Begleitung. Es hatte sich lohnen sollen, ich hatte ein gutes Geschäft abschließen können und den Erlös in die Renovierung der Farm und ein paar neue Zuchthammel gesteckt.
Es hätte wirklich was werden können. Klein, aber fein, wie man so schön sagt.
Aber es hatte alles ganz anders kommen sollen.

Der Kauf eines Zuchthammels hatte mich vor einigen Monaten nach Piedras Negras geführt. Eine lange Strecke von meinem kleinen Heim, aber meinen besten Hammel hatten mir die Schakale gerissen, also war die Reise notwendig gewesen. Der Kauf eines Tieres hatte sich als nicht halb so schwierig herausstellen sollen wie der Verkauf es zu Beginn meines Lebens als Schafzüchterin gewesen war, und da ich Ahnung hatte und mich nicht übers Ohr hauen ließ, hatte ich einen guten Preis heraushandeln können. Ich war in Feierlaune gewesen, als ich das Geschäft letztlich abgeschlossen hatte. Nachdem ich mein Pferd und den Hammel in einem Stall untergebracht hatte, hatte ich entschieden, in den nächsten Saloon zu gehen und darauf einen Tequila zu trinken.
Sie wundern sich darüber? Eine Frau, allein in einem solchen Etablissement, wo es vor angetrunkenen Männern nur so wimmelt? Die nichts im Sinn haben als zu saufen, zu raufen und Poker zu spielen?
Sie kennen mich nicht. Schon mit zehn Jahren hatte ich gelernt, mit einem Messer umzugehen. Und meine Rechte war auch nicht übel, zahlreiche ausgeschlagene Zähne und verbeulte Kiefer hatten es mit der Zeit bewiesen. Abgesehen davon machte ich mit meinem resoluten Auftreten nicht gerade den Eindruck eines verschreckten, kleinen Mäuschens. Und so gelang es mir in der Regel nicht nur, die Kerle, von denen ich nichts wollte, auf Abstand zu halten, ich brachte sie sogar dazu, nach meiner Pfeife zu tanzen. Was nicht nur die erfolgreichen Zuchtverkäufe bewiesen, die dem ersten, ergaunerten gefolgt waren, sondern auch die Bereitwilligkeit, mit der mich die typos im Saloon von Piedras Negras an ihrer Pokerrunde teilnehmen ließen - nachdem ich meinen gefüllten Geldbeutel energisch auf ihren Tisch geworfen hatte. Der Klang der Münzen sowie die Aussicht darauf, die Nacht eventuell mit einer hübschen, vollbusigen, temperamentvollen chica zu verbringen, hatte eine unwiderstehliche Wirkung auf die ungewaschenen, stoppelbärtigen Tunichtgute gehabt, so dass sie mir gerne einen Platz in ihrer Mitte freigemacht hatten.
Eine gute Stunde später hatte ich den Tisch dann wieder verlassen. Mit einem Beutel, der dreimal so schwer gewesen war wie zuvor und einer euphorischen Stimmung, die ich noch nie verspürt hatte.
Ich nehme an, es hatte an eben jener Stimmung gelegen, dass ich anfällig gewesen war für Rico Fernandezs rauen Charme. Vielleicht auch der eine oder andere Tequila, den ich im Anschluss ans Kartenspielen an der Theke getrunken hatte. Er musste mich beobachtet haben – das reimte ich mir später zusammen. Und entschieden haben, dass die betuchte chica eine Eroberung wert war. Er hatte ihn geschickt eingefädelt, unseren ersten Kontakt, das muss ich ihm lassen. Einer der typos, die ich zuvor beim Pokern ausgenommen hatte, war plötzlich der Meinung gewesen, er hätte für den entgangenen Gewinn eine kleine Entschädigung verdient, die er bei mir in Naturalien einzufordern gedachte. Erst hatte er geschleimt, dann hatte er gegrabscht. Doch ehe ich meine Rechte auspacken konnte, hatte Rico den cabrón bereits mit einem saftigen Fausthieb über die Theke befördert. Eine heftige Schlägerei, bei der der halbe Saloon zu Bruch gegangen war, war gefolgt – und eine heiße Nacht in einem der oberen Zimmer.

Auf diese heiße Nacht hatten viele folgen sollen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, er hatte etwas an sich gehabt, das mich süchtig nach ihm gemacht hatte. Groß, mit dunklen, ausdrucksvollen Augen, die sehr finster, aber auch sehr zärtlich dreinblicken konnten, schulterlanges, braunes Haar, hohe Wangenknochen, eine gerade Nase und ein sinnlicher Mund .. dazu ein Körper, um den ihn Adonis selbst wohl beneidet hätte. Es hatte nur drei Tage gedauert, und ich hatte ihm das Jawort gegeben.
Verrückt, nicht wahr?
Nie im Leben hätte ich gedacht, dass mir einmal so etwas passieren könnte. Nie!
Ich meine, ich war nie ein Kind von Traurigkeit gewesen. Auch wenn ich bis dato mit niemandem fest zusammengelebt hatte, hatte ich doch keine Langeweile gehabt, was die Männer betraf. Mein Aussehen hatte es mir stets leicht gemacht. Ich war nicht hässlich, besaß noch alle Zähne – was man von den wenigsten chicas in meinem Alter behaupten konnte – und hatte aufgrund der harten Arbeit einen gesunden, durchtrainierten Körper. Zwar war meine Haut wegen der vielen Aufenthalte im Freien dunkler als die anderer Frauen, aber so etwas störte damals in Mexico niemanden, und heute ist es auch nicht anders.
Doch Rico war nicht wie die anderen Männer gewesen. Oder besser gesagt, ich hatte gedacht, er wäre nicht so gewesen - in Wahrheit aber war er noch schlimmer, ich sollte es nur zu spät erkennen. Er war wild gewesen, leidenschaftlich, doch auch gewitzt und intelligent. Und auf eine erstaunliche Art gebildet. Er hatte mich auf Anhieb fasziniert – nein, er hatte mich in seinen Bann geschlagen. Wie gesagt, drei Tage später waren wir verheiratet gewesen. Zwei Monate später hingegen hatte er mich bereits wieder verlassen. Sich vom Acker gemacht, mit all meinem Bargeld. Sogar meine Schafherde und meine beiden Hunde waren weggewesen, als ich nach einer weiteren, gar nicht mal so langen Geschäftsreise heim gekommen war. Und als ich mich daraufhin in meiner Verzweiflung in San Christobál, dem nächstgelegenen Ort, an meine Bank gewandt hatte, sollte ich zu allem Unglück noch erfahren, dass er darüberhinaus meine Konten leer geräumt und meine Besitzurkunde über mein Land mitgenommen hatte. Nichts hatte er mir übrig gelassen, gar nichts außer meiner Wut und meinen Hass auf ihn, aber mehr noch meine Wut und meinen Hass auf mich selbst, die ich mich so hatte ausnehmen lassen!
Meinen darauffolgenden Besuch im Sheriffbüro hätte ich mir sparen können. Außer einem müden Blick und einem „Selbst schuld!“ hatte Dickens, der Ordnungshüter von San Christobál, nichts für mich übrig gehabt. Das war alles gewesen, keine Verfolgung, keinen Ratschlag, an wen ich mich mit meinem Dilemma wenden könnte, nicht einmal eine Anzeige wurde aufgenommen. Und ich möchte behaupten, dass ich sogar einen gewissen Funken der Genugtuung in seinen wasserblauen, leicht gelbstichigen Augen gesehen hatte. Was möglicherweise etwas damit zu tun gehabt hatte, dass ich mir mit ihm niemals meine einsamen Abende versüßt hatte.

Wie dem auch sei, seitdem ritt ich durch die Lande, auf der Suche nach dem großen, verteufelt gut aussehenden, charismatischen Mistkerl, der mir mit einem Schlag das gesamte Leben zerstört hatte – nicht, um von ihm zurückzufordern, was mir gehörte. Auch nicht, um mich von ihm scheiden zu lassen. Nein, um ihn abzuknallen. Ganz einfach!
Wenn das Gesetz mir nicht zu meinem Recht verhelfen konnte, musste ich das eben selbst tun. Und ich gedachte auch, es selbst zu tun. Ich hatte den Colt meines Vaters eingesteckt, den ich immer mitnahm, wenn ich unterwegs war – eigentlich nur, um nicht wehrlos auszusehen, denn in der Regel traf ich nicht einmal ein Scheunentor, wenn ich direkt davor stand. Aber bei Rico würde ich treffen. Ich würde eben so lange schießen, bis eine der Kugeln ihr Ziel fänd. Oder ihm alternativ die Knarre direkt an den Kopf halten, ihm ins Gesicht spucken und dann einfach abdrücken. Und wenn es einen Gott gab, dann würde mich im Anschluss daran niemand für diese Tat belangen. Denn war es nicht eine Erlösung für die gesamte Menschheit, wenn dieser cabrón endlich von der Erdoberfläche verschwand?

Mit genau diesen Absichten ritt ich nun auf mein nächstes Ziel zu – Crescent City, einem kleinen Nest ungefährt hundert Meilen südlich von San Antonio gelegen. Der Barmann des letzten Kaffs hatte mir diesen Tipp gegeben, nachdem ich ihm meine letzten Dollarnoten über den Tresen geschoben hatte. Wieder ein Tipp, wie so viele zuvor. Aber diesmal hoffte ich wirklich, einer heißen Spur zu folgen. Ich hatte Rico so gut wie möglich beschrieben, was ich jedoch nicht erwähnt hatte, war der finstere Blick, den mein ‚geliebter Ehemann’ oft zur Schau trug. Doch genau an diesen konnte der chico hinter dem Tresen sich bestens erinnern – ohne dass ich es hätte erwähnen müssen.
Ich war also guter Dinge, in absehbarer Zeit endlich einen Schlussstrich unter diese unliebsame Episode meines Lebens ziehen zu können. Es galt nur noch, den Scheißkerl in Crescent City aufzuspüren und kalt zu machen.

Ein leises Schnauben meiner schweißbedeckten, erschöpften Stute holte mich aus meinen grimmigen Erinnerungen zurück und ließ mich aufblicken.
Ich blinzelte mir den Schweiß aus den Augen und versuchte, meinen Blick durch das Flimmern der Ebene scharf zu stellen. – Häuserumrisse! Crescent City!
Der Anblick des hoffentlich letzten Ziels auf meiner langen Reise gab mir einen Rest Kraft zurück, ebenso Guapa. Ich schnalzte mit der Zunge und trieb sie noch einmal in einen trägen, schwerfälligen Galopp. Bald würden wir beide Ruhe haben. Wenn Rico endlich für seine Schweinerei bezahlt hatte.

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Verfasst: Di 3. Apr 2007, 11:15 
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Je näher ich Crescent City kam, um so hoffnungsfroher wurde ich, denn der Ort schien klein und schäbig zu sein - sollte sich Rico hier aufhalten, würde es nicht schwierig werden, ihn zu finden.
Niedrige, eilig zusammengezimmert aussehende Holzhäuser säumten links und rechts die Hauptstraße – unter anderem bemerkte ich ein Postamt, einen Drugstore, das Sheriffbüro und die Praxis eines Doc – und nur zwei Häuserfassaden ragten in der Mitte des Örtchens, die ich schnell erreichte, höher in den blauen Himmel als die übrigen: ein Hotel und der unvermeidliche Saloon.
Ich lenkte Guapa auf letzteren zu, wissend, dass ich Rico entweder dort persönlich antreffen oder zumindest einen Hinweis auf seinen Verbleib erhalten würde. Dabei ignorierte ich die mir nur allzu vertrauten interessierten Blicke der auf den Veranden herumlungernden Cowboys – so war es immer, wenn ich mich unter Männern bewegte, daran hatte ich mich seit langem gewöhnt. Und solange es bei Blicken blieb und nichts handgreifliches folgte, war es mir auch herzlich egal.
Ich erreichte den Saloon, hielt Guapa an und glitt mit einem Seufzer der Erleichterung aus dem Sattel. Die Stunden um Stunden auf dem Rücken meines Pferdes hatten mich steif gemacht, und mein Hintern schmerzte, obwohl er ans Reiten gewöhnt war. Ich fasste mir in den Rücken und drückte mit leicht verzogenem Gesicht meine Schultern nach hinten, dann atmete ich tief durch und band meine Stute mit ihrem Zügel an der dafür vorgesehenen Holzstange fest. Ein letztes Tätscheln, und ich wandte mich von meiner treuen Freundin ab. Vorerst. Ich würde sie später in einen Stall bringen und versorgen – sobald ich eine Idee hatte, wie ich meinen leeren Geldbeutel wieder auffüllen konnte. Ich schritt die hölzernen, staubigen Stufen des Saloons in die Höhe, um dort wieder einmal meine übliche Frage zu stellen, und auch hier übersah ich die Blicke der an dem Verandapfosten und der Saloonwand lehnenden typos. Ich drückte die hölzerne Schwingtür auf und betrat das nach dem grellen Sonnenlicht düster wirkende Innere des Saloons. Eine Mischung aus Zigarren-, Schweiß- und Whiskydunst schlug mir entgegen, auch das nichts neues für meine Nase, die schon Schlimmeres gerochen hatte. Ein paar Pfiffe begleiteten meinen Weg zum Tresen, aber ich sah weder nach links noch nach rechts, ich hielt meinen Blick auf den kleinen, dicken, kahlköpfigen Barmann gerichtet, der gerade ein Glas polierte und mich abschätzend musterte.
Hola“, sprach ich ihn auf spanisch an, obwohl ich mich in Texas befand und damit in den Vereinigten Staaten. Aber die mexikanische Grenze war nah, und Spanisch wurde hier überall verstanden. Außerdem war ich der englischen Sprache nicht mächtig.
„Ich suche einen Mann namens Rico Fernandez,“ wie immer kam ich unumwunden zur Sache. Lange um den heißen Brei herumreden hatte mir noch nie gelegen.
„Er ist Mexikaner und groß. Sehr groß. Er hat dunkelbraunes, schulterlanges Haar, dunkle Augen und sieht gut aus. Außerdem hat er eine tiefe Stimme. Und falls er die Kleidung nicht gewechselt haben sollte, trägt er eine schwarze, kurze Jacke, ein weißes Hemd und eine schwarze Hose, an deren Naht kleine Messingglöckchen in Form von Totenschädeln genäht sind“, spulte ich mein Sprüchlein hinunter und fügte das Wichtigste zum Schluss hinzu: „Abgesehen davon hat er eine Narbe an seiner linken Hand. Von einem Durchschuss. Haben Sie solch einen Mann vielleicht gesehen?“
Der Barmann hatte während meiner gesamten Rede nicht aufgehört, mich zu mustern. Das tat er auch noch, als ich zu sprechen aufgehört hatte und ihn abwartend ansah. Dazu kaute er auf einem Pfriemen Kautabak herum, spuckte den aber, ehe er mir antwortete, in einem widerlichen, braunen Strahl in einen vor meinen Augen verborgenen Spucknapf.
„Was glauben Sie, was ich hier betreibe, Mam? Ne Auskunftei? Das is’n Saloon, kein Informationsschalter. Trinken Sie was, und ich denk drüber nach, ob ich den Burschen gesehen hab.“
Ich hatte schon befürchtet, dass seine Antwort so oder ähnlich ausfallen würde. Und damit traf er einen wunden Punkt bei mir, denn ich hatte kein Geld mehr.
„Ich kann Ihren Whisky nicht bezahlen, Señor“, erwiderte ich wahrheitsgemäß und sah dem schwitzenden Kerl geradewegs in die Augen.
„Tja dann ..“, der typo zuckte mit den Schultern, warf sich sein Abtrockentuch über die Schulter und drehte mir den speckigen Rücken zu. Ich biss die Zähne zusammen und schluckte eine scharfe Erwiderung herunter, die mir auf der Zunge lag. Es hatte keinen Sinn, sich hier bereits mit dem Erstbesten zu streiten. Gerade mit dem Barmann nicht, denn wenn jemand wusste, was in dieser Stadt vor sich ging, dann ganz sicher er.
Ich wandte mich also ab und ließ meinen Blick über die anwesenden Kerle schweifen, die diesen Blick allesamt erwiderten. Ob ich mich bei denen durchfragen sollte?
Es sollte mir wohl nichts anderes übrig bleiben.
Ich seufzte innerlich auf und löste mich von der Theke, aber ich hatte noch keine drei Schritte getan, als die vom Whisky raue Stimme des Barmanns mich aufhielt: „Mam!“
Ich drehte mich um und sah ihn fragend an.
„Wie wär’s mit ’nem Job?“
„Ein Job?“
Mir schwante, was jetzt kommen würde, und ich war mir nicht sicher, wie ich darauf reagieren sollte. Ich brauchte ja nun wirklich Geld – von irgendwas musste ich schließlich leben, und Guapa wollte auch versorgt sein. Aber gab es keine anderen Möglichkeiten für eine Frau, in diesem Ort Geld zu verdienen? – Wohl eher nicht.
„Sie ham ein hübsches Gesicht, Mam. Und ’ne tolle Figur.“
Meine Augenbraue wanderte bei diesem zweifelhaften Kompliment kühl in die Höhe.
„Ich könnte hier jemanden wie Sie gebrauchen. Könn’ Sie singen? – Ach egal, die Kerle hier ham sowieso keine Ahnung von Musik, die wolln was zum Gucken ham. Ich sag Ihnen was, ich zahl Ihnen zwei Dollar die Woche, wenn Sie die Jungs hier bedienen unn da oben auf der Bühne ein, zwei Liedchen am Abend trällern. Was meinen Sie?“
Die Tatsache, dass der schmierige Kerl mir auf den Busen starrte statt in die Augen, ließ das ‚No!’ auf meiner Zunge dringend werden. Doch der Gedanke an Rico relativierte alles sehr schnell wieder, so dass ich die Augen zusammenkniff und erwiderte: „Sollte sich Rico Fernandez nicht in diesem Ort aufhalten, werde ich weiterreiten. – Ich bleibe nur, wenn er auch hier ist.“
Mein Blick wurde lauernd. Was würde er jetzt sagen? Würde er mit der Information herausrücken, die ich von ihm haben wollte? Oder würde er sich weiter weigern?
Der Barmann schabte sich am unrasierten Kinn und sah mir nun doch ins Gesicht.
„Er wohnt im Hotel.“ Ein Kopfnicken in Richtung Saloontür folgte. „Ist vor zwei, drei Wochen plötzlich hier aufgetaucht und hat mit Geld nur so um sich geworfen. Lokalrunden gegeben, zwei, drei Mädels gleichzeitig mit nach oben genommen, gezockt ohne Ende. Macht er seitdem jeden Abend.“
Meine Kiefer begannen zu mahlen. Mit Geld um sich geworfen .. mit meinem Geld!!
„Wartet hier wohl auf jemanden, wie mir Sally erzählt hat. Auf ’nen Kumpel wohl. Denke, solange wie der nicht hier auftaucht, wird Fernandez auch nicht die Stadt verlassen.“
Das war eine sehr wertvolle Information für mich. Rico würde mir hier so schnell nicht weglaufen, wenn er auf jemanden wartete – wahrscheinlich auf eine ähnlich miese Schweinebacke wie er selbst eine war. Ich nahm mir vor, als nächstes im Hotel mein Glück zu versuchen. Vielleicht würde ich ihn dort ja antreffen, und wenn dem so wäre, wäre mein Aufenthalt in diesem Kaff schnell wieder beendet. Und ich nicht mehr arm wie eine Kirchenmaus, denn es stand nicht zu erwarten, dass Rico bereits mein gesamtes Kapital für Tequila und Weiber auf den Kopf gehauen hatte. Zumindest hoffte ich, dass es so war. Mit dem, was ich bei ihm finden würde, würde ich vielleicht noch nach Hause kommen.
Gracias“, gab ich dem Barmann zur Antwort und wandte mich zum Gehen.
„Hey, Mam! Was is’n mit dem Job?“, ranzte der fette typo mir hinterher.
„Ich überleg’s mir“, gab ich über die Schulter zurück, ohne mich noch einmal umzusehen. Aber ich hatte nicht vor, es mir zu überlegen. Ich hatte vor, Rico zu finden, zu erledigen und mit dem, was er noch von meinem Geld übrig gelassen hatten, wieder nach Hause zu reiten. Das letzte, wonach mir im Moment der Sinn stand, war, in diesem herabgekommenen Laden in bunten, freizügigen Kleidchen Lieder zu trällern und die Männer scharf zu machen. Wo ich doch gerade von letzteren die Nase gestrichen voll hatte.
Ich verließ den Saloon wieder und beachtete die anzüglichen Bemerkungen nicht, mit denen die Cowboys mein Gehen begleiteten. Ich zog meinen Hut tiefer in die Stirn, als ich wieder in das grelle Sonnenlicht hinaustrat, bedachte Guapa mit einem kurzen, prüfenden Blick, dann überquerte ich die breite, staubige Straße und machte mich daran, das Hotel aufzusuchen, in dem Rico wohnen sollte. Hoffentlich mein letzter Gang in dieser Hinsicht, denn das Fragen und Beschreiben und die bisherige Erfolglosigkeit meiner Suche war ich in der Zwischenzeit doch sehr leid geworden.

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Verfasst: Di 3. Apr 2007, 14:32 
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’Einen Eisbeutel und ein paar geschickte Frauenhände zum Massieren!’ – Das waren meine ersten Gedanken, als ich am späten Nachmittag in meinem Hotelzimmer leise stöhnend aufwachte und mit zusammengekniffenen Augen an die von der Sonne rotgolden angestrahlte Decke sah.
’Diablo, sind es gestern abend wirklich so viele Tequila gewesen oder hat der cabrón das Zeug gepantscht?’, waren meine zweiten.
In meinem Kopf wummerte es, als ob dort oben eine ganze Rinderherde durchgehen würde, und der pelzige Geschmack auf meiner Zunge war ekelerregend. Ich richtete mich mühsam auf und fuhr mit meinen Händen durch mein wirres Haar. Es war brütend heiß im Zimmer, und das machte meinen Zustand nicht gerade besser. Offenbar hatte ich am Vorabend im Suff vergessen, das Fenster zu öffnen. Und nachdem die Sonne nun einen halben Tag lang ungehindert hineingeschienen hatte, hatte die Wärme im Inneren inzwischen Backofentemperatur erreicht. Ich drückte mich von dem alten, quietschenden Bett in die Höhe und holte das Versäumte nach. Die Luft, die mir entgegen strömte, kaum dass ich das Fenster mit einem entschlossenen Ruck in die Höhe geschoben hatte, roch nach Pferden und Staub, aber sie war kühler als die meines Zimmers, und das war eine wahre Wohltat.
Ich atmete tief durch.
Dann begann ich zu überlegen, wie es gekommen war, dass ich hier aufgewacht war - im Hotel, allein dazu, wo ich doch noch genau wusste, dass ich mit zwei der Barmädchen spät am Abend auf eines der Saloonzimmer gegangen war. Ein diffuser Erinnerungsfetzen an eine Schlägerei schob sich in mein tequilagetränktes Gehirn, und die Tatsache, dass ich mir diese nur noch schemenhaft ins Gedächtnis zurückrufen konnte, machte mir klar, dass die Handgreiflichkeiten nach dem kleinen, amüsanten Dreier im Obergeschoss des Saloons passiert sein mussten. Was erklärte, warum ich dort nicht mit den beiden chicas im Arm aufgewacht war, sondern hier alleine.
Aber vermutlich war das jetzt auch besser so. Ich bezweifelte nämlich sehr, mit diesem Mordskater in der Lage zu sein, die Bedürfnisse zweier junger, lebenslustiger Frauen zu befriedigen. Mir stand noch nicht einmal der Sinn danach, und das wollte etwas heißen. Der Eisbeutel, den ich mir beim Aufwachen gewünscht hatte, schob sich wieder in mein Gedächtnis zurück, und so wandte ich mich vom Fenster ab, ging zur Waschschüssel und steckte meinen Kopf hinein.
Es hatte nicht den gleichen Effekt. Das Wasser war warm wie Pferdepisse, und die Erfrischung ließ auf sich warten. Erst, als ich den Kopf mit einem Schwung, den ich gleich darauf bereuen sollte, zurück zog und in den Nacken warf, vermochte die Nässe ein wenig zu kühlen. Ich schloss die Augen und wartete, bis der schlimmste Schwindelanfall und gröbste Kopfschmerz abgeklungen war, dann nahm ich meinen Kopf langsam wieder vor, strich mir das nasse Haar aus dem Gesicht und riskierte einen Blick in den kleinen, an der Wand hängenden, ovalen Spiegel.
iSánta María!
Blutunterlaufene Augen, ein Dreitagebart und die Brauen so finster zusammengezogen, dass sie über der Nasenwurzel zusammenstießen. Dazu ein Veilchen – ein Andenken an die Saloonschlägerei wohl – und die Lippe hatte auch was abbekommen. Ich biss prüfend darauf, ließ es aber gleich wieder sein, weil die Wunde zu stechen begann und die Kruste, die sich darauf gebildet hatte, sich verabschiedete. Ich wandte mich von meinem Spiegelbild ab und griff nach meinem Pistolengurt, neben meinen Stiefeln das einzige Kleidungsstück, das ich am Vorabend offenbar noch auszuziehen im Stande gewesen war. Mit geübten Handgriffen zurrte ich den Gürtel fest und schloss die Schnalle, dann schlüpfte ich in meine Stiefel und zog daraufhin die Schublade der Nachtkonsole auf, in der ich immer etwas Geld verwahrte. Nicht alles, was ich besaß, natürlich nicht, ich war kein Idiot. Den Rest meines neuerworbenen, kleinen Vermögens, das mir meine liebende Frau Sara so fürsorglich überlassen hatte, schlummerte wohlverborgen an einem nur mir bekannten Ort, inklusive der Besitzurkunden für ihr Land, die ich noch nicht veräußert hatte, da ich bislang noch keinen Fuß in eine größere Stadt gesetzt hatte. Doch der Moment würde kommen. Sobald Bredford endlich hier eingetroffen war, würden wir gemeinsam nach San Antonio oder eine der anderen, größeren Städte gehen und dort alles, was nicht Barschaft war – die Urkunden in meinem Fall und wahrscheinlich ähnliches plus Schmuck in Joes Fall - zu Geld machen. So wie wir es immer gehandhabt hatten, seit dem Tag, an dem wir beschlossen hatten, aus unserem Aussehen und unserer Wirkung auf Frauen Kapital zu schlagen. Besser als zu arbeiten. Weitaus angenehmer. Vor allen Dingen dann, wenn es sich ergab, dass wir besagtes Angenehme mit dem Nützlichen verbinden konnten – mit anderen Worten, wenn es hübsche chicas waren, die wir ausnehmen konnten.
Noch während ich meinen Geldbeutel in meiner Hosentasche verschwinden ließ, wanderten meine Gedanken zu meiner letzten ‚Ehefrau’ - eigentlich Rico Fernandez' Ehefrau - und ich schmunzelte. Ein schönes Weib mit Feuer im Blut. Aber auch ein schwieriges. Eines, dem ich kein zweites Mal mehr über den Weg laufen wollte, jetzt, wo ich es um alles erleichtert hatte, was es besessen hatte. Erneut über die Vorstellung schmunzelnd, was wohl passieren würde, sollte ich Sara Sandovals Weg eines Tages doch wieder kreuzen, verließ ich mein Zimmer, zog die Tür hinter mir zu und ging über den mit einem fadenscheinigen Teppich ausgelegten Flur auf die Treppe zu, die mich ins Foyer des Hotels bringen würde.
Heute denke ich, dass der Teppich es gewesen war, der mich damals rettete, denn er dämpfte meine Schritte als auch das Klirren meiner Sporen. Ich hatte die oberste Stufe fast erreicht, als eine wohlvertraute Stimme zu mir in die Höhe klang, scharf, gebieterisch, ja sogar drohend. Und dies machte mir klar, wie schnell Vorstellungen sich doch unter Umständen bewahrheiten konnten! Hatte ich eben noch an meine kleine, hitzige Ehefrau gedacht und mich gefragt, wie es wohl wäre, ihr wiederzubegegnen, sah ich sie jetzt auf einmal an der Rezeption stehen, ihren Revolver auf den Hotelier gerichtet und ihre freie Hand energisch in die Hüfte gestemmt!
Das heißt, ich sah sie nicht ganz. Ich sah nur ihre schlanken, ein wenig kurz geratenen Beine, die in Wildlederstiefeln steckten, ihre lederbesetzte Hose und einen Teil ihres Oberkörpers, den ein rotes Hemd verdeckte. Und natürlich besagten Revolver, mit dem sie den Mann an der Rezeption bedrohte – doch es gab keinen Zweifel darüber, dass sie es war. Selbst wenn ich sie nicht zur Hälfte erblickt hätte, ihre lieblichen Stimme, mit der sie den Hotelier gerade anfauchte, hätte mich nicht im Zweifel über ihre Identität gelassen.
„Ich zähle jetzt bis drei, und wenn Sie mir bei drei nicht die Nummer dieses Mistkerls genannt haben, schieße ich Ihnen ein Loch in ihren hässlichen Schädel! ¿Claro?
Kein Zweifel, es war Sara, die dort unten stand und offenbar ganz scharf auf meine Zimmernummer war – jemand anderes war mit ‚Mistkerl’ wohl kaum gemeint. Eilig ging ich hinter dem Treppenpfosten in Deckung, lauschte aber weiter, denn ich musste schon wissen, ob der Hotelier ihr die Nummer verraten und sie heraufkommen oder ob sie unverrichteter Dinge wieder abziehen würde.
Señora“, kam es bittend, gleichzeitig klang es ziemlich lahm, und ich wusste bereits in diesem Moment, dass der Kerl mich verraten würde, „ich kann Ihnen die Nummer nicht geben. Wirklich nicht! Die Privatsphäre unserer Gäste ist uns hei ..“
„Drei!“, unterbrach Sara den wimmernden Burschen einfach, im gleichen Moment klickte ein Hahn.
Ich wartete nicht ab, bis dem Hotelier ebenfalls eine Zahl über die Lippen kam, ich machte so schnell und leise wie nur möglich, dass ich zurück in mein Zimmer kam, welches ich hinter mir sofort verschloss. Dann dachte ich eilig nach.
Sie war mir nachgereist, um ihr Geld zurückzuholen, daran bestand kein Zweifel. Irgendwie war es ihr gelungen, meiner Spur zu folgen, obwohl ich mir Mühe gegeben hatte, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Doch umsonst, denn da war sie nun, hatte ihre Pistole dabei und würde sie vielleicht sogar zum Einsatz bringen, nur um ihre verdammten Kröten zurückzubekommen. Das alles war mir überhaupt nicht recht. Bredford war noch nicht in Crescent City eingetroffen, und es war unklar, wann der Junge überhaupt kommen würde. Ein ‚Wir sehen uns in einem Vierteljahr da und da’ ist eben keine zuverlässige Verabredung. Und wenn die reiche chica, die er in Louisiana aufs Korn genommen hatte, nicht so leicht übers Ohr zu hauen gewesen war wie Sara, dann konnte es durchaus sein, dass ich gezwungen war, noch längere Zeit auf meinen besten Freund zu warten. Ohne ihn abreisen war nicht drin. Joe war derjenige mit den Kontakten, er wusste, wo man Sachen wie Grundstücksurkunden am gewinnträchtigsten verscherbelte, ich war also darauf angewiesen, hier zu bleiben und darauf zu warten, dass er auftauchte. Nicht einmal nach San Antonio konnte ich mich vorzeitig absetzen, denn ich konnte mir nicht sicher sein, dass Joe mit seiner Beute auch wirklich dorthin wollte. Vielleicht hatte er auch Pleasanton, Crystal City oder Carrizo Springs im Auge. Es gab im Süden von Texas nicht viele Orte, in denen der chico nicht irgendeinen Hehler kannte. San Antonio hatten wir lediglich lose in Erwägung gezogen, doch sicher war es nicht, dass Bredford mir dorthin folgen würde, sollte er mich hier nicht antreffen. Ich musste also wohl oder übel bleiben – und bis dahin zusehen, dass ich dieser waffentragenden Wildkatze irgendwie aus dem Weg ging.
Das beste erschien es mir für’s Erste, das Zimmer durch den Notausgang wieder zu verlassen und woanders unterzutauchen. Ich nahm also eilig meine Jacke vom Stuhl und warf sie mir trotz der Hitze über, zog meine Tasche unter dem Bett hervor und kletterte daraufhin durch das Fenster ins Freie. Ein schmaler Holzsims bot meinen Füßen Halt, und auf diesem drehte ich mich der Hotelfassade wieder zu, sah in die Höhe, warf meine Tasche auf das Flachdach und kletterte mit ein wenig Mühe hinterher. Ich lag noch nicht ganz oben, als ich es schon unter mir Poltern hörte – Señora beliebte offensichtlich mit dem Knauf ihres Colts an meiner Tür anzuklopfen. Und dann drang ihre süße Stimme wieder an mein Ohr.
„MACH AUF, CANALLA! – Ich WEISS, dass du DA BIST!!“ - Die Koseworte, mit denen sie mich früher bedacht hatte, waren weitaus liebevoller gewesen.
Natürlich rührte ich mich nicht, sondern wartete ab, was weiter geschah. Ich hörte ein dumpfes Poltern, gleich zweimal hintereinander, dann meinte ich, ein schwaches ‚AU!’ zu vernehmen, und ich fragte mich, ob Sara allen Ernstes versucht hatte, die Tür mit ihrer Schulter einzurennen. Die Frage wurde gegenstandslos, als plötzlich Schüsse die Stille zerrissen – anscheinend hatte sie es letzten Endes doch vorgezogen, das Schloss zu zerschießen - und daraufhin die Tür krachend gegen die Wand schlug.
„WO STECKST DU??“
Ich hörte sie unter mir umhergehen, dann hörte ich ein leises Fluchen, das vom offenen Fenster zu mir in die Höhe drang. Schließlich hörte ich gar nichts mehr.
War sie gegangen?
Oder sah sie jetzt nachdenklich in die Höhe und überlegte, ob der canalla, der Scheißkerl, der ihr Mann war, sich nach oben aufs Dach verdrückt hatte?
Ich beschloss, es nicht darauf ankommen zu lassen und schob mich, so schnell und lautlos es mir mit meiner Tasche möglich war, rückwärts zur hinteren Seite des Hotels. Sie war bewaffnet, das war ich auch. Aber ich war kein Mörder, nur ein Heiratsschwindler, und ich hatte nicht die Absicht, die wütende chica mit meinen Kugeln zu durchlöchern. Bei ihr jedoch wollte ich eine entsprechende Wette nicht eingehen.
Ich erreichte den Sims, sah noch einmal zu der Stelle, an der ich vorhin aufs Dach geklettert war, dann blickte ich in die Tiefe – und lächelte, als ich erkannte, dass unter mir eine Brüstung lag und von dort eine Leiter hinabführte. Ich ließ mich auf besagte Brüstung fallen, dann stieg ich eilig die Leiter hinunter und erreichte den Erdboden eher, als wenn ich den regulären Weg durch das Hotel genommen hätte. Ein letzter Blick nach oben, ein leises Lachen und ein Luftkuss, den ich zum Dach hinauf warf, dann huschte ich an der Hotelwand entlang und verschwand in einer neben dem Hotel verlaufenden Gasse, die in einem Stall mündete.
In Sicherheit – vorerst.

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Stacheliger Kaktus
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Fast hätte ich ihn erwischt. Fast!
Aber der cabrón musste Blut gerochen haben, denn kaum hatte ich mir gewaltsam Zutritt zu seinem Zimmer verschafft, war er auch schon ausgeflogen. Durch das Fenster, dessen war ich mir sicher, denn es stand weit offen, und die Tür war von innen verschlossen gewesen. Ich beeilte mich, einen Blick auf die Straße hinab zu werfen, aber ich konnte niemanden sehen. Und bezweifelte auch, dass Rico so mutig gewesen wäre, aus dem Obergeschoss hinunter zu springen, denn die dünnen Sparren, die das unter mir liegende Dach der Veranda bildeten, sahen nicht so aus, als würden sie einen Mann von seinem Gewicht im Sprung aushalten. Die einzige Option, die blieb, war also eine Flucht übers Dach, und um diese zu verhindern, kletterte ich ebenfalls behende aus dem Fenster, stellte mich auf den schmalen Sims darunter und wandte mich haltsuchend der Hotelfassade zu. Doch als ich in die Höhe blickte, erkannte ich, dass ich Rico nicht würde folgen können, selbst wenn ich ganz sicher gewusst hätte, dass er diesen Weg genommen hatte. Die Dachkante lag so hoch, dass ich sie eben noch mit den Fingerspitzen erreichen konnte. Mich daran aber hochzuziehen, mit nichts, auf das ich meine Füße stützen konnte, war unmöglich. Ich war zu klein, um ihn weiter zu verfolgen – und diese Erkenntnis vervielfältigte meine Wut so sehr, dass ich kochend wieder ins Zimmer kletterte, mir dort das erstbeste packte, was mir in die Finger kam - die Öllampe, die auf dem Nachttisch stand – und es mit einem unartikulierten Schrei gegen die Wand knallte. Ein Tritt gegen das Metallbett folgte, dann stampfte ich zur zerschossenen Tür hinaus, stieß den Hotelier, der im Gang stand und hilflos meinem Toben zusah, rüde beiseite und lief die Treppe hinunter.
Vielleicht würde ich Rico ja noch irgendwie erwischen. Es musste Zeit kosten, an diesem Gebäude wieder in die Tiefe zu klettern, also konnte es gut sein, dass ich eher an Ort und Stelle war als er. Ich beschloss, es auszutesten. Ich lief um das Hotel herum, zog dabei wieder meine Pistole, die ich bei der Kletteraktion kurzfristig weggesteckt hatte, und stürmte atemlos in den hinter dem Hotel liegenden Hof.
Zu spät! Der Vogel war ausgeflogen. Und ein Blick in die Höhe verriet mir auch, warum: Eine lange Metallleiter, die vom Dach bis zum Erdgeschoss reichte, hatte Ricos Flucht beschleunigt, so dass er inzwischen über alle Berge war und ich wieder einmal das Nachsehen hatte.
Ich schloss die Augen, strich mir den Schweiß aus dem Gesicht, dann schob ich meinen Hut nach hinten und sah mit dunklem Blick auf das andere Ende des Hotelgebäudes – dorthin, wohin Rico aller Wahrscheinlichkeit nach entflohen war. Es war sinnlos, jetzt noch darauf zu hoffen, ihn irgendwie schnappen zu können. Er hatte die längeren Beine, ich würde ihn niemals einholen können.
Ein unflätiger, gotteslästerlicher Fluch entfuhr mir. Dann überlegte ich.
Er wusste, ich hatte ihn gefunden. Er würde nicht bleiben und darauf warten, dass ich den Sheriff holte, er würde sich wieder absetzen. Die Frage war nur, wie?
Hatte er ein Pferd so wie ich? Oder würde er den Zug nehmen oder die Postkutsche?
Das musste abgeklärt werden. Und zu diesem Zweck kehrte ich in das Hotel zurück, die Pistole immer noch drohend in der Hand, ging schnurstracks auf den wieder hinter der Rezeption sitzenden Hotelier zu und richtete meine Waffe auf ihn.
„Besitzt Señor Alvarez ein Pferd?“
Ich hatte natürlich in der Zwischenzeit begriffen, dass Rico sich nicht unter seinem wahren Namen hier eingetragen hatte. Und ich begann langsam in Erwägung zu ziehen, dass er auch nie auf Rico Ferndandez getauft worden war. Weshalb es ein wirklicher Glücksfall war, dass eine Veränderung seines markanten Äußeren – speziell seiner Narbe an der Hand – nicht so leicht zu bewerkstelligen war wie eine neue Namensgebung.
Der Hotelier, der bei meinem Erscheinen abermals die Gesichtsfarbe gewechselt hatte, schluckte, dann räusperte er sich, schließlich brachte er hervor: „Nein, Mam. Ich .. ich glaube, er war mit dem Zug angereist.“
Mehr musste ich nicht wissen. Ich steckte meinen Colt wieder ein und verließ das Hotel grußlos, und wenige Minuten später saß ich auf dem Rücken meiner erschöpften Guapa, die immer noch weder Wasser noch Heu gesehen hatte und ritt zum Bahnhof von Crescent City, der am Ortseingang lag und den ich passiert hatte, als ich vor noch nicht allzu langer Zeit zum ersten Mal in diese Stadt eingeritten war. Würde Rico versuchen, sich mit dem Zug abzusetzen, würde ich das sehen und ihn mir holen. Ein zweites Mal würde er mir nicht durch die Lappen gehen, dafür würde ich schon sorgen!

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Verfasst: Di 3. Apr 2007, 19:07 
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Stacheliger Kaktus
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Ich hatte Guapa neben dem Bahnhof angebunden und mich daraufhin an den Schalter begeben, um Ricos Beschreibung wieder einmal aufzusagen und den Fahrkartenverkäufer zu fragen, ob so ein Mann sich vor wenigen Minuten ein Ticket gekauft hätte.
Er hatte nicht.
Aber das wollte nichts heißen. Es konnte genauso gut sein, dass Rico sich diese Fahrkarte schon vorher besorgt hatte, ich konnte mich also nicht darauf verlassen, dass er nicht doch in den nächsten Zug einstieg und sich so aus dem Staub machte. Ich entschied, nachdem der Mann am Schalter mir gesagt hatte, dass der Zug aus San Antonio in einer Dreiviertelstunde käme, mich an den Bahnsteig zu stellen und auf sein Erscheinen zu warten. Und damit Rico nicht sofort wusste, dass ich da war, um ihm sein ‚letztes Geleit’ zu geben, drückte ich mich dazu zwischen zwei Stapel von Kisten, auf denen eine Menge geschrieben stand, was ich nicht begriff. Das Wort ‚Whisky’ allerdings war mir vertraut.

So verhältnismäßig unsichtbar harrte ich aus, bis ich endlich – nach einer scheinbaren Ewigkeit – das Pfeifen des Zuges hörte. Ich spannte mich an und zog meine Pistole. Ob meine Ahnung sich erfüllen und er wirklich hier auftauchen würde? Oder ob er noch eine Nacht warten und morgen die Postkutsche nehmen würde?
Kurz kam mir der Gedanke, dass er sich durchaus auch ein Pferd gekauft haben könnte. Geld genug hatte er schließlich ja. Was, wenn er schon längst auf dem Weg in eine andere Stadt war, mit einem gesunden, gut gebauten Vierbeiner unter seinem Hintern, während ich mir hier die Beine in den Bauch stand und darauf wartete, dass er erschien?
Diese Überlegung machte mich nervös und wollte mich dazu bringen, auf dem Absatz kehrt zu machen, in die Stadt zurückzureiten und dort am Stall nachzufragen, ob genau das der Fall gewesen war. Doch ich ermahnte mich zur Geduld. Eines nach dem anderen. Sollte er wirklich diese Fluchtmöglichkeit ergriffen haben, war es jetzt sowieso zu spät, ihn noch zu erwischen. Ob ich nun hier bleiben oder gehen würde. Wenn ich meinen Beobachtungsposten jetzt aber verließ, und er doch mit der Bahn verschwinden wollte, würde ich mich selbst der Gelegenheit berauben, ihn in die Hölle zu schicken. Es gab für mich also keine andere Option, als erst einmal auf die Ankunft des Zuges zu warten.

Meine Geduld sollte auf keine lange Probe mehr gestellt werden. Der Zug kam dank des offenen Geländes schnell in Sicht, und ebenso schnell fuhr er in den Bahnhof ein und hielt unter lautem Schnaufen und Stampfen an der Bahnsteigkante an. Ich versteifte mich und beobachtete haarscharf, wer aus- und einstieg.
Würde er wirklich erscheinen?
Würde ich ihn gleich wiedersehen?
Auf einmal stellte ich fest, dass ich mir genau das wünschte. Und dieser Wunsch hatte verdammt wenig mit meiner Wut auf ihn und meinem Rachedurst zu tun. Auch nichts damit, dass ich die berechtigte Hoffnung hegte, bald wieder im Besitz meiner finanziellen Mittel zu sein.
Nein, ich wollte ihn sehen! Und diese Erkenntnis erschreckte mich. Machte mich erneut wütend. Was musste mir dieser cabrón noch alles antun, bis er seine Wirkung auf mich verlor?

Ich biss mir auf die Lippe, um mich mit dem Schmerz von diesem verrückten, irrationalen Wunsch abzulenken. Dabei hielt ich den Bahnsteig weiter im Blick. Doch niemand stieg ein. Weder Rico, noch sonst irgendjemand. Nur drei Personen – eine ältere, dicke Matrone mit einer jungen Frau an der Seite sowie ein geschniegelter Städter – verließen den Zug und schickten sich an, das Bahnhofsgebäude zu betreten. Mehr Bewegung war auf dem Bahnsteig nicht auszumachen. Und als diese drei Personen aus meinem Blickfeld entschwunden und der Zug wieder abgefahren war, verließ ich seufzend mein Versteck.
Es war alles umsonst gewesen. Für welchen Fluchtweg Rico sich auch immer entschieden hatte, den Zug hatte er offenbar nicht in Betracht gezogen.
Ich kehrte demotiviert zu Guapa zurück, um sie endlich in den Stall zu bringen. Dort würde ich nachfragen, ob jemand ein Pferd gekauft hätte. Und sollte dem so sein, wusste ich jetzt schon, dass ich einen Wutanfall bekommen würde, der sich gewaschen hätte.

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Verfasst: Di 3. Apr 2007, 20:41 
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Die Theorie mit dem gekauften Pferd sollte sich als falsch erweisen, und das ließ mich wieder neuen Mut schöpfen. Rico musste sich noch hier in der Stadt befinden, irgendwo versteckt, denn es stand kaum zu erwarten, dass er zu Fuß in die nächste Stadt flüchten würde. Ich hatte also noch eine reelle Chance, ihn zu finden. Und diese würde ich nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Als erstes jedoch sorgte ich dafür, dass Guapa zu trinken und zu fressen bekam und abgerieben wurde. Natürlich konnte ich dafür nicht zahlen, doch ich versprach dem Stallburschen, ihm das Geld morgen zu geben – als Pfand hatte er ja meine Stute. Der chico ging auf meinen Vorschlag ein, jedoch erst, nachdem ihm meine Pistole klar gemacht hatte, dass ein zusätzlicher Obulus in Form eines Kusses nicht im Preis inbegriffen war. Nachdem ich die Dinge auf diese Weise klargestellt hatte, verließ ich den Stall wieder und machte mich daran, durch die Gassen der Stadt zu streifen, in jede Ecke zu sehen, jeden Laden, jedes Amt, jedes Büro zu betreten und Crescent City auf diese Weise systematisch nach meinem tollen ‚Ehemann’ umzukrempeln. Natürlich erfolglos, ich hatte es beinahe nicht anders erwartet. Doch ich musste einfach sichergehen, dass er nicht hinter irgendeiner Fensterscheibe stand und sich ins Fäustchen lachte, während er sein Eheweib beim Suchen beobachtete. Sogar ins Hotel kehrte ich noch einmal zurück, und ich betrat ebenfalls noch einmal Ricos Zimmer. Doch er war und blieb verschwunden, so als hätte es ihn nie gegeben.
Frustriert wurde mir klar, dass es an der Zeit war, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Jetzt, da er vorgewarnt war, verstand er es aufs Beste, sich mir zu entziehen. Und darüber hinaus hatte ich – zumindest für heute – keine andere Wahl, als das Angebot des Barmannes anzunehmen und im Saloon zu arbeiten. Das Futter und Wasser für Guapa mussten bezahlt werden, und Geld aus den Rippen schneiden konnte ich mir noch nicht. Seufzend biss ich also in den sauren Apfel und machte mich eine gute Stunde nach meinem Fiasko am Bahnhof auf den Weg zum größten Haus des Ortes, dessen Schwingtür ich nun weitaus weniger enthusiastisch aufdrückte. Diesmal war der Laden voller als noch am Nachmittag, doch auch hier nirgends eine Spur von Rico, wie ich nach einem scharfen Blick rundum zu meinem Leidwesen feststellen musste. Es war wie verhext – nun war ich ihm so nah, und dennoch bekam ich ihn nicht zu fassen. Und musste zu meinem Unglück auch noch den Abend damit verplempern, idiotischen Kuhhirten die Zeit zu versüßen, anstatt meine Suche nach dem größten Schwein diesseits des Rio Grande fortzusetzen.

„Ich wusste, dass du es dir überlegen würdest!“, begrüßte mich der Barmann mit einem süffisanten Grinsen, als ich wieder an den Tresen trat und mir den Hut, unter dem ich wie verrückt schwitzte, vom Kopf zog. Ich bedachte den fetten chico mit einem abweisenden Blick, denn mir gefiel seine plötzliche Vertraulichkeit nicht, in der er mich einfach duzte. Sah er mich schon in seinem Bett liegen?
„Ich nehme den Job an“, erklärte ich kühl. „Allerdings weiß ich nicht, wie lange ich bleiben kann, darum wirst du mich täglich bezahlen und nicht wöchentlich.“
Wie er mir, so ich ihm. Was sollte ich weiter das höfliche ‚Sie’ auspacken, wenn er mit mir sprach wie mit einem seiner billigen Weiber?
„Und ich verlange 50 Cent pro Tag, nicht zwei Dollar die Woche. Und die Bezahlung des heutigen Abends im Voraus. Plus ein Zimmer mit einem sauberen Bett, Essen und täglich frischem Wasser und Seife zum Waschen. - Und ..“, fügte ich noch hinzu, obwohl das Gesicht des Dicken sich schon längst verfinstert hatte, „.. ich werde nur singen und bedienen. ¿Claro? – Kein Antatschen deinerseits, und auch deinen Gästen steh ich für sowas nicht zur Verfügung. Haben wir uns verstanden?“
Die kleinen Schweinsäuglein des Barmannes verengten sich und blieben eine Zeitlang auf meinem Gesicht haften, ehe sie erneut zu meinem Busen hinabrutschten und schließlich daran kleben blieben. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass ich nicht wissen wollte, was gerade im Kopf dieses Mannes vor sich ging. In seinem eigenen Interesse.
„Okaaay ..“, kam es schließlich gedehnt von meinem Gegenüber. Mein Busen wurde wieder freigegeben, dafür deutete mein neuer Arbeitgeber mit einer knappen Kopfbewegung in Richtung weit ausladende Treppe, die neben der Theke in den oberen Saloonbereich führte.
„Geh rauf und frag nach Sally. Sie wird dir dein Zimmer zeigen und dir was Ordentliches zum Anziehen geben. Wasch dich, zieh dich um und leg dir um Gottes Willen Make-up und Lippenstift auf’s Gesicht – die Männer stehen nicht auf braune Weiber. Inner halben Stunde bist du wieder hier unten.“
Damit war ich entlassen. Mein neuer Chef ließ mich stehen und schenkte einem neuen Gast aus einer unbeschrifteten Flasche einen Whisky aus. Ich sah zweifelnd zur Treppe, schließlich aber gab ich mir einen Ruck und ging darauf zu. Und dabei war es ausnahmsweise mal nicht Rico, der mein Denken beherrschte, sondern die Frage, was der Barmann wohl unter ‚was Ordentliches zum Anziehen’ verstand.

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Verfasst: Di 3. Apr 2007, 21:52 
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Zehn Minuten später wusste ich es. In Anbetracht meiner geringen Körpergröße war das Angebot an getragenen, sowohl nach Parfum als auch nach ranzigem Schweiß riechenden Kleidern für mich nicht allzu umfangreich, und ich hatte letzten Endes nur noch die Wahl zwischen einem rosa Korsett mit Pelzträgerchen und ohne jedweden Rock und einem gelben Kleid, dessen Korsett für mich zu eng war, das aber wenigstens etwas Stoff unterhalb der Taille hatte, so dass meine Rückansicht bis zu den Waden bedeckt war, meine Front allerdings nur noch bis zur Mitte der Oberschenkel.
Doch immerhin, besser so als nur noch in Unterwäsche bekleidet an der Premiere zu meiner ersten Gesangsvorführung teilzunehmen. Und so ließ ich mir von Sally, einer Mittvierzigerin mit karottenrot gefärbten Haaren und einem Kilo Schminke im Gesicht, in besagtes ‚Kleid’ helfen, nachdem ich meinen Körper zuvor mit Wasser und Seife vom Staub und Schweiß der Reise befreit und mein langes Haar mit hundert Bürstenstrichen auf Hochglanz gebracht hatte. Und machte bei dieser Gelegenheit Bekanntschaft mit dem gemeinsten Folterinstrument, das sich Modeschöpfer je ausgedacht haben und das angeblich die Schönheit einer Frau erhöht: dem Korsett.

Keuchend entwich mir die Luft aus den Lungen, als Sally ihr Knie in meinen Rücken stemmte und an den Schnüren zog, während ich mich krampfhaft am Bettpfosten festhielt.
iCielos! – Himmel!“, entfuhr es mir atemlos, dann drehte ich meinen Kopf zur Seite und fuhr Sally über die Schulter hinweg an: „Bist du verrückt? Ich krieg ja keine Luft mehr!“
Das heißt, ich wollte sie anfahren. In Wahrheit aber war meine Meckerei nichts weiter als ein luftloses Säuseln. Wie um alles in der Welt sollte ich mit so einem Mörderapparat um meinen Brustkorb gleich singen?
Sally zeigte sich gnädig und löste die Schnüre wieder etwas. Ein wenig befreiter atmete ich durch und schloss die Augen. Dabei schalt ich mich eine dumme Kuh, die sich offenbar für nichts zu schade war in dem Bestreben, ihren miesen ‚Ehemann’ zur Strecke zu bringen. Ich addierte diese Tortur, die ich gerade durchmachte, zu Ricos langer Liste an Vergehen hinzu und tröstete mich mit dem Gedanken, dass dies hier bestimmt einmalig wäre und ich ihn morgen ganz gewiss erwischen würde.
Nachdem ich das Kleid endlich mehr schlecht als recht an hatte, machte ich mich daran, mein fast hüftlanges, schwarzes Haar zu einem seitlichen Zopf zu flechten, da ich fürs Hochstecken kein Talent besaß und es offen zu lassen bei meiner wilden Mähne keine Option war. Sally schickte sich währenddessen an, mich zu schminken, doch ich giftete sie fuchtig an, als sie mir mit dem hellen Schmier zu Leibe rückte – mich für diese cabrónes dort draußen auch noch in eine Weiße verwandeln? Von wegen!
Das einzige, was ich akzeptierte, war, dass meine neue 'Freundin' mir roten Lippenstift autrug – zu einem weiteren Kompromiss jedoch war ich nicht mehr bereit. Zu guter Letzt behängte sie mich noch mit Ohrringen, Ketten und Armbändern, und auch das obligatorische Strumpfband vergaß sie nicht, das ich mir wohl oder übel über den mit einem Netzstrumpf bedeckten Oberschenkel streifte. Allerdings beließ ich es nicht dabei, sondern steckte nach kurzem Überlegen noch eines meiner Wurfmesser hinein – die dummen Kuhhirten dort unten sollten von Anfang an begreifen, dass sie die Pfoten von mir zu lassen hatten.

Schließlich und endlich war ich dann soweit.
Ich betrachtete mich in dem großen, ovalen Standspiegel und verzog das Gesicht bei dem, was ich erblickte: Ein billig zurecht gemachtes, nur notdürftig bekleidets Weibsbild, dem der Busen dank des Korsetts knapp unterm Kinn klebte und deren knappes Röckchen dazu einlud, es anzulüpfen und sich auch noch den Rest des skandalösen Frauenzimmers anzusehen – einfach widerlich!
Gereizt durchatmend wandte ich mich von mir selbst ab und machte Anstalten, mein Zimmer zu verlassen .. gerade noch rechtzeitig, denn aus den Augenwinkeln sah ich Sally mit einem dieser aufklebbaren Schönheitspflästerchen und einer weißen Puderquaste auf mich zukommen. Ich ergriff die Flucht.

Laut klackerten meine viel zu hohen Schuhe auf der Treppe, als ich zu meinem heutigen Arbeitsplatz hinunter schritt – hinunter wackelte wäre noch treffender, denn noch nie zuvor hatte ich mich auf solchen Schuhen bewegt. Mit größter Vorsicht achtete ich darauf, wo ich hintrat und konnte es doch nicht vermeiden, das eine oder andere Mal umzuknicken. Es war ein Wunder, dass ich es ohne gebrochene Knochen bis hinunter zur Theke schaffte. Wie gelang es anderen Frauen nur, auf solchen Dingern täglich zu gehen?
Ich sollte nicht viel Zeit erhalten, mich von der schwierigen Aufgabe graziöser Fortbewegung zu erholen. Mein Anblick – der eines neuen, frischen Gesichtes – wurde mit lautem Gegröhle der Männer begrüßt, und ehe ich mich versah, fand ich mich auf dem Schoß eines bärtigen, rotgesichtigen Mittsechzigers wieder, dem fast alle Zähne fehlten, der dieses Manko aber mit einem unglaublichen Odeur an Schweiß, Zwiebeln und Mundgeruch wieder wettzumachen versuchte. Ich unterdrückte meinen Brechreiz und entwand mich eilig seinem Griff. Und ehe er noch einmal seine schmutzstarrenden Hände nach mir ausstrecken konnte, wackelte ich auf meinen hohen Absätzen auf die Theke zu und bedachte meinen Boss mit einem bösen Blick.
„Ich dachte, wir hätten eine Abmachung?“, zischte ich ihn an.
Aber der Dicke zuckte nur mit den Schultern – offenbar dachte er, dass es nicht seine Sache war, was seine Gäste mit mir taten. Ich hätte mir alle meine Wurfmesser als Kette um den Hals hängen sollen!
Gleichgültig schob er mir ein leeres Tablett zu und deutete mit dem Kopf in Richtung sabbernde Männermeute. Mein schiefer Blick glitt hilfesuchend zur kleinen Holzbühne, denn es war mir inzwischen klar geworden, dass ich lieber singen als bedienen wollte. Doch da stand noch eine andere chica, ebenso bunt und freizügig zurecht gemacht wie ich und unterhielt einen Teil der näher sitzenden Männer mit ihrem Geträller. Ich musste also warten, bis ich an der Reihe war. Und währenddessen den anderen Teil meines Jobs erfüllen, nämlich den, Bestellungen aufzunehmen und zu servieren. Ich überlegte wirklich, dafür mein Messer zu zücken, so raubtierhaft erschienen mir die Blicke der ‚dummen Kuhhirten’ auf einmal. Wie sicher ich mich doch sonst in meiner gewohnten Männerkleidung fühlte! Und wie verletzlich in diesem nuttigen Stück Stoff!

Der Moment, in dem sich plötzlich eine raue Männerhand auf meinen Po legte, war gleichzeitig auch der, in dem die Bühne frei wurde. Ein Glück für den cabrón wie wohl auch für mich, denn anstatt dem Kerl das Tablett über den Schädel zu ziehen, drehte ich mich um und wackelte und stolperte eilig in Richtung Bühne davon. Dort oben wäre ich wenigstens vor zupackenden Griffeln sicher. Auch wenn ich nicht wusste, was ich singen und wie ich es ertragen sollte, in dieser abscheulichen Umgebung im Rampenlicht zu stehen. Aber es konnte nur besser sein als das, was mich hier unten erwartete. Und so zögerte ich nicht, das hölzerne Podest zu erklimmen, auf dem ich meine Sangeskunst feilbieten sollte.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich überhaupt nicht singen kann?

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Verfasst: Mi 4. Apr 2007, 08:38 
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Ich atmete auf, als ich endlich auf der Bühne stand – ich würde die nächsten zehn Minuten herumstehen können, würde nicht bedienen müssen und auch nicht Gefahr laufen, mir die Knöchel zu brechen. Die Welt sah plötzlich wieder viel fröhlicher aus.

Die Männer grölten. Und sie grölten auf englisch, weshalb ich nicht die Bohne verstand. Ich war eigentlich ganz froh darüber, denn es konnten schießlich nur Anzüglichkeiten sein, die sie da von sich gaben. Aber die prallten einfach von mir ab. Ich drehte mich zu dem Mann am Klavier um, der mit ein paar lauten Akkorden meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte und mich nun fragend ansah – offenbar wartete er darauf, dass ich ihm sagte, was er spielen sollte. Erst da wurde mir bewusst, dass ich mir noch gar keine Gedanken über meine Darbietung an sich gemacht hatte. Ich überlegte fieberhaft, während die Rufe der Männer lauter wurden. Allzu lange sollte ich sie nicht zappeln lassen, denn wer wusste schon, zu was solch eine primitive Meute in der Lage war, wenn sie nicht bekam, was sie wollte?
Noch ein lauter Akkord, ein weiterer fragender Blick, und ich warf dem Klavierspieler das Erstbeste an den Kopf, das mir einfiel.
„Amor de mis amores ..!“
Die Augenbrauen des chicos flogen in die Höhe, und ich fragte mich bereits, ob das daran lag, dass er das Lied gar nicht kannte. Aber dann zuckte er mit den Schultern und schlug seine Tasten an. Und schon erklangen die Anfänge des getragenen Liebesliedes durch den Raum, und das Gejohle und Gegröle hörte auf. Aber so gründlich, dass es mich gleich wieder verunsicherte. Wieso waren sie bei mir jetzt alle so still, wo bei der chica von eben doch höchstens fünf, sechs Männer zugehört hatten? Die erwartungsvolle Ruhe im Raum machte mich nervös. Ich schluckte, wünschte mir mit einemmal sehr viel mehr Licht auf meiner kleinen Bühne, damit ich die Gesichter meiner Zuschauer nicht mehr sehen musste, doch der Kronleuchter, der über mir hing, war leider nicht so gnädig. Er beleuchtete eher die umstehenden Tische als meine Wenigkeit, und so hatte ich zu meinem Leidwesen einen ganz ausgezeichneten Blick auf mein Publikum.
Ein lauter Akkord machte mich darauf aufmerksam, dass ich bereits ein paarmal meinen Einsatz verpasst hatte. Ich sah mich noch einmal nach dem Klavierchico um, dann räusperte ich mich, holte so tief Luft, wie das enge Korsett es zuließ … und dann sang ich.

„Amor de mis amores
si dejaste de quererme
no hay cuidado que la gente
de eso no se enterara
que gano con decir
que un hombre cambio mi suerte
se burlaran de mi
que nadie sepa mi sufrir“


Leise zuerst, mit wachsendem Zutrauen aber immer lauter werdend, trug ich das Liebeslied vor, das ich eigentlich immer recht gern gemocht hatte und als recht passend für meinen ersten Auftritt empfand. Ich verlor meine Nervosität, vergaß mein Publikum und ging ganz in dem auf, was ich tat. Ich tat es mit Hingabe, so wie ich alles mit Hingabe tue, egal, um was es geht – halbe Sachen waren noch nie mein Ding gewesen. Aber leider tat ich es wohl nicht so gut, wie man es von mir erwartet hatte, denn ich traf nicht einen richtigen Ton, und das nahm man mir anscheinend übel. Mir persönlich machte das nichts. Ich war es ja nicht anders gewohnt. Die anwesenden Männer jedoch, die sich anscheinend besseres erhofft hatten, begannen erst zu lachen, dann zu murren, schließlich buhten sie mich aus.
Sie buhten mich aus!
Abrupt hörte ich mit dem Singen auf und stemmte meine Hände in die Hüften.
„Was habt ihr denn erwartet, he? Eine Opernsängerin?“, keifte ich die blöden Mannsbilder mit funkelnden Augen an und hatte gut Lust, mit irgend etwas nach ihnen zu werfen.
Ich erhielt ein paar Zurufe zur Antwort, die ich jedoch nicht verstand, da man sich wieder der englischen Sprache bediente, darum schoss ich ein paar giftige Blicke in die entsprechende Richtung ab und fauchte laut: „¿Que? – Was? .. Sprecht gefälligst vernünftig, wenn ihr wollt, dass man euch versteht!“
Dass es die Landessprache war, die ich gerade verunglimpfte, vergaß ich in diesem Moment. Ich war ausgelacht worden, ich fühlte mich angegriffen, und in solch einem Zustand reagiere ich selten vernünftig.
„Aufhören! Aufhören!“, kam es prompt auf spanisch. Aber damit nicht genug, fielen andere in die Grölerei ein: „Ausziehen! Ausziehen!!!“
Sicher, das wunderte mich jetzt nicht im geringsten bei dem niedrigen Niveau, auf das ich mich hier herabbegeben hatte! Ich gab mir Mühe und versuchte, diesen Blindschleichen mexikanische Kultur nahe zu bringen, und alles, woran diese idiotas denken konnten, waren nackte Möpse!
Ich machte eine obszöne Geste, die praktischerweise gleich alle Gäste des Saloons mit einschloss und schickte mich beleidigt an, die Bühne wieder zu verlassen. Auf keinen Fall wollte ich mich hier weiter von diesen Blödmännern anmachen lassen. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Alkoholpegel gemacht, der bei einigen schon das erträgliche Limit überschritten hatte, denn ich hatte noch keinen Fuß auf die oberste Treppenstufe gesetzt, als plötzlich einer der am nächsten sitzenden Cowboys aufsprang, mit einem Satz auf die Bühne schoss, mich schnappte und mir nicht nur seine Zunge in den Hals zu stecken versuchte, sondern auch noch seinen Whiskyatem um die Ohren schlug.
Ich vergaß meine gute Erziehung und schlug zu.
Feste.
So feste, dass es krachte und der typo mit ungläubigem Blick nach hinten wankte. Dabei näherte er sich bedenklich der Bühnenkante, machte den berühmten einen Schritt zu viel und krachte nach einem Moment hilflosen in der Luft Ruderns auf einen Tisch, an dem andere Cowboys saßen. Im Handumdrehen entbrannte daraufhin eine wilde Schlägerei.
Ich brauchte zwei, drei Augenblicke, um mir darüber klar zu werden, was ich angerichtet hatte. Als ich es dann aber begriff, war ich nicht unfroh über den Verlauf der Dinge – ersparte es mir doch so eine weitere demütigende Darbietung meiner nicht existenten Kunst sowie widerwärtiges Anbaggern durch zahnlose, stinkende, hässliche Kerle. Ich entschied, dass es nicht besser hatte kommen können. Solange die chicos mit sich selbst beschäftigt waren, hatten sie wenigstens kein Interesse an mir. Ich verließ die Bühne also wieder, wackelte auf meinen hohen Schuhen unsicher zwischen den prügelnden Mistkerlen hindurch und steuerte die Theke an, an der es im Moment am ruhigsten war – besser, so viel Testosteron aus dem Weg zu gehen und an einem ruhigen Platz abzuwarten, bis sich die Gemüter wieder etwas beruhigt hatten.
So zumindest dachte ich. – Aber ich sollte die Theke überhaupt nicht erreichen!
Ein derber Stoß, der mich absichtlich oder unabsichtlich im Rücken traf, beförderte mich katapultartig nach vorne, in die zufällig ausgebreiteten Arme eines der Prügelknaben hinein, und der machte daraufhin prompt einen Kussmund und näherte sich bedrohlich meinem Gesicht. Ich fasste es nicht! Alles tobte um uns herum, krachte und klirrte, und dieser Mistkerl hier schickte sich an, sich zu holen, was dem estupido auf der Bühne schon nicht gelungen war! Ich beschloss, dass diesem hier auch nicht mehr Glück beschieden sein sollte – ich riss mein Knie hoch und rammte es ihm kräftig in die Eier. Aufstöhnend knickte er in der Mitte ein. Es interessierte mich nicht, dass er Schmerzen hatte. Wichtiger war mir, dass ich ihn los war. Ich bemerkte aus den Augenwinkeln ein leeres Tablett auf einem noch nicht zusammengekrachten Tisch, schnappte es mir und haute noch einmal drauf. Der chico ging vollends zu Boden, und ermutigt durch meinen durchschlagenden Erfolg wirbelte ich herum und suchte nach meinem nächsten Opfer, das ich auf die Bretter schicken konnte.
Und oh Wunder, einmal in Aktion hatte ich nicht mehr die geringsten Schwierigkeiten, auf meinen hohen Stelzen im Gleichgewicht zu bleiben!

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Verfasst: Mi 4. Apr 2007, 13:26 
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Hitziger Heiratsschwindler
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Ich hatte mir, nachdem ich gezwungen gewesen war, mein gemütliches Hotel so überstürzt zu verlassen, als Deckung den nahe gelegenen Stall ausgesucht und darauf gehofft, dass Sara ihn nicht – ihrem untrüglichen, weiblichen Instinkt folgend – als erstes durchsuchen würde.
Ich sollte Glück haben. Oben im Heu versteckt und alle Sinne geschärft, hatte ich darauf gewartet zu hören, wie sie unten hereingestürmt kam, um jede Box, jeden Strohballen, jede Mistgabel nach mir umzudrehen. Aber nichts dergleichen war geschehen, und so hatte ich mich schließlich aufatmend entspannt, mich ins Heu zurückgelegt und darüber nachgedacht, wie es weitergehen sollte.

Es war mir nach wie vor bewusst, dass ich nicht einfach so würde gehen können. Ebenso bewusst war mir, dass Sara auch nicht gehen würde – nicht ohne ihr Geld, vielleicht sogar nicht einmal ohne mich. Ich fragte mich, welches Ziel sie wirklich verfolgte. Ob sie nur ihr Eigentum wiederhaben wollte oder ob sie mir gefolgt war, weil bei ihr sogar noch so etwas wie Liebe im Spiel war. Ich hatte sie betrogen, aufs Schlimmste hintergangen .. ihr alles genommen, was sie besessen hatte, inklusive ihres Herzens. Aus diesem Grund wollte es mir nicht gelingen mir einzureden, dass sie noch zu romantischen Gefühlen für mich fähig war. – Nein, ganz sicher hatte sich ihre Liebe längst in Hass verwandelt. Und dass sie ihre Suche nach mir mit gezückter Pistole anging, sollte mir eigentlich genug über den Stand ihrer Gefühle aussagen.

Ich musste sie loswerden – zu diesem Ergebnis kam ich nach reiflicher Überlegung. Nur wie, das wollte sich mir noch nicht erschließen. Wie gesagt, ich bin Heiratsschwindler und kein Mörder. Es kam also nicht in Frage, sie um die Ecke zu bringen. Und mal abgesehen von der Tatsache, dass diese chica für mich eigentlich nur Mittel zum Zweck gewesen war, mochte ich sie. Und konnte nicht leugnen, dass sie mir die kurze Dauer unserer ‚Ehe’ mit ihrer Leidenschaft aufs Äußerste versüßt hatte. Ganz zweifellos war ich vor ihr schon schlimmere Scheinehen eingegangen. Sicherlich auch lukrativere, aber die Schönheit und das Temperament der kleinen Schafzüchterin hatten in meinen Augen den diesmal nur geringen Umfang der Beute wieder wettgemacht. Ich hatte mich in ihrem Fall mit weniger zufrieden begeben, was das Geld betraf, dafür mehr bekommen, was die Frau betraf. Manchmal muss man eben Prioritäten setzen. Und man kann von mir nicht behaupten, dass ich nicht flexibel wäre.
Doch dieses Mehr an Frau machte mir jetzt zuschaffen. Ich hätte es wissen müssen, dass sie mich nicht einfach so würde ziehen lassen. Ich hatte sie in den wenigen Wochen, die wir miteinander gelebt hatten, relativ gut kennengelernt und um ihre Hartnäckigkeit und Sturheit gewusst. Wie hatte ich auch nur annehmen können, dass sie nicht alle Hebel in Bewegung setzen würde, um mich ausfindig zu machen?
Meine diesbezügliche Fehleinschätzung stellte sich nun als Pferdefuß heraus. Irgendwie hatte sie es bis hierher geschafft, und wenn ich nicht wollte, dass sie mir bis ans Ende meines Lebens folgte – etwas, das ich ihr bei ihrer Verbissenheit durchaus zutraute – musste ich dafür sorgen, dass sie hier meine Spur verlor. Und zwar bevor Joe hier eintraf und sie zur einen Fährte auch noch die Witterung einer zweiten aufnehmen konnte.
Meine diesbezüglichen Überlegungen, die ich auf dem Dachboden des Stalls angestellte, gipfelten in dem Entschluss, dass ich sie bei der ersten sich mir bietenden Gelegenheit packen, bewusstlos schlagen, fesseln und knebeln und in den nächstbesten Zug werfen würde. Und zwar in einen Zug, der sie zurück in den Süden bringen würde, nach Mexiko, wo sie hingehörte. Gerade als ich mir ausmalte, wie sie in einem der Viehtransporter wieder zur Besinnung kam und über den Misserfolg ihres Rachefeldzugs einen erneuten Wutanfall bekam, hörte ich ihre liebliche Stimme unter mir und ruckte aus meinen Gedanken auf.

Stirnrunzelnd schob ich mich an den Rand der Dachbodenluke und sah hinunter.
Dort unten stand sie, ihren Gaul am Halfter und ihre freie Hand in die Hüfte gestützt und verhandelte mit dem Stallburschen um die Unterbringung ihres Pferdes.
Ich schmunzelte unwillkürklich bei dem bestimmten Tonfall, den sie dem Kerl gegenüber anschlug und nahm mir die Zeit, sie dabei zu betrachten. Erinnerungen wollten in mir aufsteigen – angenehme Erinnerungen, nicht nur an leidenschaftliche Stunden in ihrem Bett, sondern an amüsante, in denen wir viel miteinander gelacht hatten und uns, ich gestehe es, gut gefühlt hatten.
’Vielleicht ..’, ging es mir durch den Kopf, während ich sie so anschaute, „.. hätte es gereicht, um wirklich für immer zusammen zu bleiben.“
Sie war in jeder Hinsicht ein Gewinn. Aber der nächste Gedanke, der mit dieser Überlegung einher ging – nämlich der an eine armselige Farm mit zweihundert Schafen, an allmorgendliches frühes Aufstehen und sechzehn Stunden harter, körperlicher Arbeit, an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr – ließ die Attraktivität dieser Vorstellung schnell wieder verblassen, so dass ich mich einen idiota schimpfte, der für einen Moment gefühlsduselig geworden war.
Ich schob die angenehmen Erinnerungen an unser Beisammensein in die Schublade zurück, in die sie gehörten, schloss ab und warf den Schlüssel weg.
Allerdings offenbar nicht weit genug, denn die Anbaggerei des Stallburschens, der in plumper Manier versuchte, meiner ‚Ehefrau’ einen Kuss abzunötigen, reichte aus, um die Schublade ein weiteres Mal zu öffnen, meine Gefühle wieder herauszulassen und mich oben, im Dunkel des Heubodens, vor Verärgerung zu versteifen.
Der Kerl wurde richtig zudringlich, und ich war schon drauf und dran, hinunter zu springen und ihm zu zeigen, was passierte, wenn man sich an dieser chica vergriff, als die Kleine die Sache selbst in die Hand nahm und den Burschen mit drohend erhobener Pistole zur Besinnung brachte.
Ich lächelte unwillkürlich, gleichzeitig erinnerte mich der Anblick der Waffe aber auch daran, dass eigentlich ich es war, den sie damit anzuvisieren hoffte, und so war ich froh, dass ich meiner spontanen, emotionalen Anwandlung nicht nachgegeben und meinen Aufenthaltsort verraten hatte.
Sara verließ den Stall daraufhin, und ich zog mich ins Heu zurück, um noch einmal über mein Problem und die Lösung desselben nachzudenken. Und einmal mehr sagte ich mir, dass es keinen anderen Ausweg gab als den, sie aus dem Weg zu schaffen.

Ich musste über meine Grübeleien schließlich eingeschlafen sein. Die Nachwirkungen der durchzechten Nacht, meine Flucht, die Wärme im Stall, das monotone Kauen der Pferde .. all das hatte wohl eine einschläfernde Wirkung auf mich gehabt, so dass mir die Augen zugefallen waren, ohne dass ich es bemerkt hatte. Kitzelnde Fliegenbeine an meiner Nase weckten mich schließlich wieder. Ich runzelte die Stirn und warf einen Blick auf meine Taschenuhr .. es war schon fast Abend, und das sagten mir nicht nur die Zeiger auf meinem Zeitanzeiger, sondern auch das Knurren meines Magens, der energisch dagegen protestierte, so lange vernachlässigt worden zu sein. Ich setzte mich auf und überlegte, was ich als nächstes tun sollte. Ich konnte kaum hier oben im Heu sitzen bleiben, bis Joe irgendwann in Crescent City aufschlug – von irgendwas musste ich mich ernähren. Außerdem empfand ich es langsam als etwas entwürdigend und unmännlich, mich vor einer Frau zu verstecken. So schießwütig sie auch sein mochte.
Ich beschloss also, den Stall wieder zu verlassen und einen Blick in den Saloon zu werfen, in der Hoffnung, dass Sara sich ein Zimmer im Hotel genommen hatte, wo sie vielleicht auf meine Rückkehr warten würde. Ich ließ meine Tasche oben im Heu und stieg die in der Bodenluke lehnende Leiter hinunter, dann durchquerte ich den Stall und trat wenig später in die warme Abendluft hinaus. Tief atmete ich diese ein und wischte ich mir das Heu von Jacke und Hose. Daraufhin machte ich mich auf den Weg zum Saloon, jedoch ließ ich dabei Vorsicht walten, denn ich war nicht scharf darauf, plötzlich von einer mexikanischen Kugel erschossen zu werden.

Ich hatte die Hauptstraße noch nicht ganz erreicht, da hörte ich schon den Lärm einer Schlägerei, die offenbar gerade im Saloon stattfand – nichts unübliches in Crescent City.
Eigentlich war ich ganz froh darüber, dass in dem Laden mal wieder die Post abging, denn es stand nicht anzunehmen, dass Sara sich in die Nähe wilder, besoffener, prügelnder Cowboys begeben würde. Von sowas würde sie sich als Frau vermutlich lieber fernhalten. Ein Grund mehr für mich, den Saloon aufzusuchen.
Ich stieg die drei hölzernen Stufen in die Höhe, die zum Eingang desselben führte und warf erst mal einen Blick ins Innere des Ladens, ehe ich ihn betrat und dabei vielleicht riskierte, direkt wieder ins Freie befördert zu werden. – Und beglückwünschte mich sogleich zu meinen gutem Instinkt, der mir in diesem Fall vermutlich das Leben gerettet hatte, denn auf einmal blickte ich in das wütende Gesicht meiner ‚Ehefrau’!!!
Sie würde sich nicht in die Nähe prügelnder, besoffener Cowboys mischen?
Von wegen!
Offenbar hatten die wenigen Wochen, in denen ich an ihrer Seite gelebt hatte, nicht ausgereicht, um sie wirklich kennenzulernen, denn sie hatte sich nicht nur in die Nähe dieser typos begeben, sie mischte bei dieser Keilerei sogar noch aktiv mit – das drohend emporgehobene Tablett, das sie in der Hand hielt, sprach da eine ganz eindeutige Sprache!
Es dauerte einen Moment, bis ich wirklich begriff, was ich da sah, und offenbar erging es ihr nicht anders. Aber in dem Augenblick, in dem Bewegung in sie kam, geschah selbiges auch bei mir! Ich tauchte vom Eingang weg, gera de noch rechtzeitig, wie eine Kugel bewies, die gleich darauf in den Türpfosten einschlug, und dann lief ich quer über die Straße auf die Gasse zu, aus der ich eben noch gekommen war. Dass das ziemlich feige aussehen musste, war mir in diesem Moment egal. Ich nahm das gerne in Kauf dafür, noch etwas länger leben zu können – denn dass es Sara gewesen war, die eben auf mich geschossen hatte, daran zweifelte ich keinen einzige Moment.
Ich jagte die Gasse entlang und hechtete zurück in den Stall. Aber offenbar war ich nicht schnell genug gewesen, oder meine kleine chica war ausnahmsweise schneller als sonst – Gefühle sollen einen ja schon mal beflügeln, und wer sagt, dass sich das nur auf romantische Gefühle bezieht? – auf alle Fälle hörte ich erneut Schüsse und das Geräusch splitternden Holzes, und es wurde mir klar, dass ich besser daran tat, jetzt erst einmal in Deckung zu gehen und zu versuchen, sie hier im Inneren des Stalls in die Finger zu bekommen. Die Dunkelheit spielte mir in die Hand, es galt also nur noch, abzuwarten und im geeigneten Moment zuzupacken.

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Stacheliger Kaktus
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Es war nicht das erste Mal, dass ich an einer Saloonschlägerei teilnahm. Auch nicht, dass sich jemand etwas von mir nehmen wollte, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen. Die chicos waren überall gleich. Und als Frau, die nun schon einige Jahre ohne Schützenhilfe ihren Mann stehen musste, konnte ich mich ganz hervorragend zur Wehr setzen und hatte auch keinerlei Skrupel, dies, wenn es erforderlich war, auch unter Beweis zu stellen.
Hier war es nicht anders.
Ich lädierte jede Menge Köpfe und Gesichter mit meinem Tablett und verschaffte mir so den Freiraum, auf den ich normalerweise bestand. Nur einen der Schädel traf ich nicht, weil sein Träger entweder über einen guten Instinkt verfügte oder noch zu wenig Alkohol im Blut hatte, und ehe ich mich versah, fühlte ich mich wieder gepackt und hochgehoben.
Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass es nichts gab, was mich mehr auf die Palme brachte als körperliche Kontaktaufnahmen, denen keine Erlaubnis meinerseits vorausgegangen war. Ich flippte aus, als dieser Männerarm sich um meine Taille schlang und mich herumwirbelte wie eine Schlenkerpuppe. Wie ein Maultier trat ich aus, versuchte gleichzeitig, mit meinem Tablett die Rübe dieses Scheißkerls hinter mir zu treffen, aber er hielt mich zu hoch, so dass meine blinden Schläge nach hinten ins Leere gingen. Dass ich während dieser Aktion einige andere cabrónes traf, war mir in diesem Fall keine Genugtuung, denn ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als den Nebeneffekt meiner Tritte wirklich mitzubekommen.
Plötzlich jedoch spürte ich wieder festen Boden unter den Füßen! Sofort wirbelte ich herum, das Tablett immer noch zum Schlag über meinen Kopf erhoben und kurz davor, es diesem Haufen Kuhdung über die Birne zu dreschen. Dass ich es dann aber doch nicht tat, lag an zwei Faktoren, mit denen ich nicht gerechnet hatte: Zum einen daran, dass dieser Mensch mich mit der Höflichkeitsfloskel, dass es ihm ein Vergnügen gewesen wäre, aus dem Tritt brachte, zum anderen – ich muss es gestehen, ich bin schließlich auch nur eine Frau – weil ich in das Gesicht des mit Abstand attraktivsten Mannes sah, den ich ihn meinen fünfundzwanzig Jahren je erblickt hatte!

Sauber und glatt rasiert bis auf ein kleines Kinnbärtchen – das allein war schon ungewöhnlich in der Welt, in der ich lebte – mit funkelnden Augen von der Farbe tiefgoldenen, alten Tequilas, dazu ein halb spöttisch, halb charmantes Lächeln, bei dem die Zähne weiß – weiß! – aufblitzten, und, soweit ich das in meiner Verblüffung noch mitbekam, in frisch gewaschenen Sachen steckend, die weder Risse noch Flicken aufwiesen oder irgendwelche Ausdünstungen verströmten … - ich fragte mich wirklich, ob ich nicht inzwischen auch was an den Kopf bekommen hatte und mir den Kerl einfach nur zusammenträumte.

Diese Frage wurde verhältnismäßig schnell gegenstandslos, als ein bekanntes Gesicht hinter Señor Impecable, Mister Tadellos auftauchte und meine Aufmerksamkeit ablenkte!
Rico!!!
Mit aufgerissenen Augen starrte ich über die Schulter meines attraktiven Gegenübers zur Schwingtür, hinter der mein Göttergatte stand und mit abschätzendem Blick dem chaotischen Treiben im Saloon folgte, und für ein, zwei Sekunden war ich keiner Regung fähig.
Als sich aber unsere Blicke trafen, war es wie eine Initialzündung! Ich fauchte wütend auf, warf das Tablett zur Seite und riss, meiner übermächtigen Mordlust folgend, die Pistole des unbekannten Schönlings aus dem Holster, dann schaffte ich mir den Kerl mit einem rüden Rempler aus dem Weg, legte auf Rico an und feuerte.
Ob es nun daran gelegen hatte, dass er gesehen hatte, was auf ihn zukam oder ob es meine Wut oder der Rempler oder einfach nur meine Unfähigkeit gewesen war, selbst das größte, naheste Ziel zu treffen, ich kann es im Nachhinein nicht mehr sagen – auf alle Fälle ging die Kugel fehl, schlug irgendwo ein, nur nicht dort, wo sie sollte, und im selben Moment hatte Ricos verhasstes Gesicht sich für mich in Luft aufgelöst.
Ich verlor keine Zeit und rannte los. Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, dass Señor Impecable wieder nach mir oder wohl eher nach seiner Waffe greifen wollte, doch aus irgendeinem Grund erwischte er mich nicht – vielleicht, weil der Mob noch um uns herum tobte, er wieder involviert wurde und so keine Gelegenheit bekam, mich aufzuhalten. Warum auch immer, ich machte mir keine Gedanken mehr um ihn. In meinem Kopf gab es nur noch Rico.
Rico, der Lügner. Rico, der Betrüger. Rico, der hundsgemeine Dieb und Heiratsschwindler.
Rico, die Leiche!
Mit Volldampf flog ich durch die Schwingtür und sah mich gehetzt auf der Straße um. Es war inzwischen dunkel geworden, was ihm einen gewissen Vorteil verschaffte, denn wie in den meisten Käffern dieser Art kannte man keine Straßenbeleuchtung, und nur das Licht des Saloons und das des Hotels erleuchteten die Hauptstraße in spärlicher Weise. Trotzdem entging mir die Bewegung an der schmalen Gasse zwischen Hotel und Drugstore nicht. Auffliegende, lange Haare und das verräterische Klingeln seiner mit Schellen verzierten Hose verschafften mir Gewissheit, dass es mein grandioser ‚Ehemann’ war, der dort eilig in Deckung zu gehen versuchte – aber diesmal würde er mir nicht entkommen, diesmal würde ich an ihm kleben bleiben wie Spucke im Gesicht, bis ich ihn in die Ewigen Jagdgründe geschickt und so endlich meine Rache bekommen hätte!

Meine hohen Hacken flogen polternd zur Seite, nachdem ich sie mir eilig ausgezogen hatte, dann rannte ich barfuß die Treppenstufen hinab und auf die staubige Straße hinaus, um die Verfolgung aufzunehmen. Die spitzen Steine, die sich dabei hin und wieder in meine empfindlichen Fußsohlen bohrten, spürte ich in meiner Wut ebenso wenig wie ich es mitbekam, dass hinter mir eine Scheibe zu Bruch ging, als einer der cabrónes durch diese hindurch den Abflug nach draußen machte. Ich jagte auf die kleine Gasse zu, von der ich wusste, dass sie letztlich zum Stall führen würde, in sie hinein und durch sie hindurch und sah am Ende derselben im Schein einer an besagtem Stall hängenden Lampe soeben noch, wie Rico das Tor aufriss, um in dem großen, roh zusammengezimmerten Gebäude Deckung zu suchen. Ich nahm mir nicht die Zeit, stehenzubleiben und auf ihn zu zielen – ganz zweifellos hätte ich das besser – ich riss noch im Laufen den Revolver in die Höhe und ballerte, was das Zeug hielt. Der Effekt war der gleiche wie zuvor. Ich traf sicherlich irgendetwas, aber nicht diesen verdammten cabrón, denn er brach nicht im Stalleingang zusammen, sondern tauchte im düsteren Inneren ab und zwang mich erneut, ihm zu folgen.
Doch diesmal saß er in der Falle! Ein weiteres Mal würde ich ihn nicht entkommen lassen!
Ich trat entschlossen in den Eingang des dunklen Stalls, kniff meine Augen zusammen und versuchte, sie so an die vor mir liegende Finsternis zu gewöhnen. Und dabei zischte ich laut und herausfordernd: „Komm RAUS, du Hurensohn! Ich WEISS, dass du hier drinnen bist! – ZEIG dich, du verdammter Feigling, damit ich dir deinen HÄSSLICHEN SCHÄDEL wegblasen kann!“
Erst, als die Worte herauswaren und ich auf einen Laut von Rico lauschte, bekam ich das Geräusch sich im Lauf nähernder Schritte in meinem Rücken mit. Ich wirbelte alarmiert herum, riss die Pistole in die Höhe und drückte ab. Doch statt dass es laut knallte, machte es nur noch müde ‚Klick!’ – man sollte wirklich mitzählen, wenn man dabei war, sein Magazin leerzufeuern.
Dass mir das aber auch immer wieder passieren musste!

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Verfasst: Mi 4. Apr 2007, 18:00 
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Stacheliger Kaktus
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Beinahe wäre mir ein dummer Fehler unterlaufen und ich hätte den Schönling aus dem Saloon erschossen. Das hätte mir dann doch leid getan, denn trotz seiner angedrohten Schläge drückte er sich höflich und zivilisiert aus, zudem in lupenreinem Spanisch, so dass ich ihm das mit meinem Hintern verzieh. Außerdem war er mir offenbar hinterher geeilt, um mir zu helfen - es gab eben doch noch Kavaliere auf dieser Welt.

Wem ich aber nicht verzieh, war dieser cabrón in meinem Rücken, dieser Drecksack, dieser Heiratsschwindler, welcher sich, wenn ich mich nicht ganz schnell beeilte, durch eine lose Latte oder eine Hintertür dadurch tun würde, so dass ich mit meiner Suche wieder ganz von vorne anfangen könnte.
Aber nicht mit mir!
Nicht nach all dem, was ich für diesen Mistkerl auf mich genommen hatte!

Ich drückte die leergeschossene Kanone, die mir jetzt ohnehin nicht mehr nützlich sein würde, dem Schönling mit einem ungeduldigen „Hier!“ in die Hand, dann griff ich in die Tiefe und zog mit einem Ruck mein Wurfmesser aus dem Strumpfband. Damit konnte ich ohnehin besser umgehen. Aber noch ehe ich dazu kam, mich mit mordlustigem Blick wieder zum Stall umzudrehen, legte sich plötzlich von hinten ein Arm um meine Kehle, im gleichen Moment packte eine vertraute Hand nach meinem Handgelenk und drückte zu – und zwar so kräftig, dass ich das Messer mit einem leisen „Au!“ fallen ließ.
Rico!

iHola, mi esposa!”, raunte er mir ins Ohr, und ich konnte es seiner Stimme anhören, dass er lächelte. Ja, jetzt hatte er gut lächeln! Jetzt ging ihm von mir ja auch keine Gefahr mehr aus. Und alles nur wegen dieses hübschen Burschen, der mir mit einemmal gar nicht mehr so attraktiv, sondern nur noch lästig erschien – immerhin hatte er mir hier die Tour versaut.
„Ich bin nicht deine Ehefrau, du Drecksack! – Lass mich LOS!“, fauchte ich los, um so wütender, als dass ich jetzt in der Klemme saß, während ich eben noch Oberwasser gehabt hatte. Dass der Schönling vor mir nun doch nicht half, sondern einfach nur zusah und keine Anstalten machte, eine – zumindest inzwischen – wehrlose Frau aus den Händen eines Mistkerls zu befreien, verbesserte meine Laune auch nicht gerade.
„Wollen Sie nur dumm rumstehen und zusehen, wie ich belästigt werde?“, nahm ich den Kerl dann auch direkt aufs Korn, weil ich wusste, dass es überhaupt keinen Sinn haben würde, an Rico zu appellieren.
„So TUN Sie doch was, Himmelherrgott!!“, keifte ich weiter und versuchte, Ricos Schienbein mit meinen tretenden Füßen zu treffen. Da diese aber nackt waren, zeigte das leider nicht die geringste Wirkung.
„Darf ich vorstellen?“, ertönte es daraufhin von hinten, während der idiota vor mir immer noch nicht reagierte – sah ich vielleicht so aus, als hätte ich eine ansteckende Krankheit?
„Das ist Sara Sandoval, meine Frau. Und das, mein Schatz“, wieder dieses hörbare Lächeln, für das ich den Mistkerl am liebsten umgebracht hätte, „ .. das ist mein bester Freund … äh, sagen wir, Clint. – Clint, Sara.“
Sein bester Freund?
Mir klappte die Kinnlade herunter.

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Verfasst: Mi 4. Apr 2007, 18:49 
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Hitziger Heiratsschwindler
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Ich grinste breit und unverschämt bei Joes wahren Worten - er kannte mich eben besser als meine eigene Mutter und wusste, dass es gerade die kleinen Wildkatzen waren, auf die ich stand.
Aus dem Grinsen wurde ein amüsiertes Lachen, als Sara sich auf einmal an meinem um ihrer Kehle liegenden Arm festhielt, sich gegen mich stemmte, ihre Beine hochriss und mit voller Wucht und einem wütenden Fauchen nach Joe trat. Dass sie ihn bei dieser Aktion nicht empfindlich in seiner Familienplanung traf, lag wohl nur daran, dass er über ziemlich gute Reflexe verfügte und sich eilig mit einem "Wow, wow!" in Sicherheit brachte. Sara flippte aus, strampelte weiter und versuchte, mir in den Unterarm zu beißen. Ich hielt es für besser, sie in den Stall zu bringen und mit irgendwas zu verschnüren, ehe sie sich noch selbst verletzte - oder uns.
"Die kleine Wildkatze leidet bedauerlicherweise gerade an Tollwut", bemerkte ich lachend, legte meinen freien Arm um Saras strampelnde Beine und hob sie kurzerhand hoch. Ihren Kopf und Rücken hielt ich dabei weiterhin gegen meine Brust gedrückt und trug sie auf diese Art wie ein Paket ins Innere des Stalles hinein.
"Sag mal, wie läufst du eigentlich herum?", zog ich sie dabei weiter auf, weil ich es gerade sehr genoss, sie ausrasten zu sehen, ohne dass sie mir gefährlich werden konnte. "Trägt man das jetzt neuerdings in San Christobál? Oder hast du deinen Job gewechselt und die Schafe gegen Kerle eingetauscht? - Nicht, dass das bei manchen einen Unterschied machen würde."
"AAAAAAAAAAH!", kam es unartikuliert von ihr - ich war mir sicher, würde ich ihr jetzt ins Gesicht sehen können, würde ich mehrere Adern schwellen sehen. "DU SCHWEIN!!! ICH BRING DICH UM!!!"
"Das sagtest du bereits, mein Schatz!", erwiderte ich schmunzelnd, dabei sah ich mich über die Schulter nach Joe um. "Da vorne am Pfosten hängte eine Lampe."
Mehr musste ich nicht sagen. Mein Kumpel nickte - das konnte ich im Gegenlicht der offenstehenden Stalltür sehen - dann nahm er die besagte Lampe vom Haken und zündete sie an. Einen Moment später leuchtete diese auf und tauchte uns und den lauschigen Platz in ein warmes Licht.
"Dann wollen wir mal."
Kaum konnte ich sehen, trug ich Sara zur Sattelkammer, wo ich mit Sicherheit ein paar Stricke zum Binden finden würde. Es wurde höchste Zeit, denn ich bemerkte sehr wohl, dass sie das Toben eingestellt hatte und mit ihren freien, herunterhängenden Händen verbissen versuchte, an meinen Pistolengurt zu kommen. Ein Glück, dass dieser tief hing und sie kurze Arme hatte. Die Tür der Sattelkammer öffnete ich praktischerweise mit einem Fußtritt, und nachdem Joe samt Lampe eingetreten war, um mir den Raum zu erleuchten, folgte ich ihm, sah mich um und wies auf ein paar aufgerollte Lassos an der Wand.
"Schnapp dir die und bind ihr um Gottes Willen die Beine zusammen!"
Als Sara das hörte, begann sie wieder auszukeilen, und ich war ziemlich froh, in ihrem Rücken zu stehen und es meinem Freund zu überlassen, den Tritten dieses kleinen Maultieres auszuweichen.

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